Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen

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Psekow, bleich wie die Leinwand, stand auf und schwankte.
»Mir ist so schwül!« sagte er. »Gut . . . meinetwegen . . . Aber ich will hinaus . . . bitte.«
Psekow wurde hinausgeführt.
»Endlich hat er gestanden!« sagte Tschubikow, sich süß streckend. »Hat sich verraten! Habe ich's nicht geschickt angefangen? Einfach konfus gemacht . . .«
»Und auch die Frau in Schwarz leugnet er nicht«, lachte Djukowski. »Aber . . . mich quält übrigens furchtbar das schwedische Zündholz! Ich kann es nicht länger aushalten. Adieu! Ich fahre.«
Djukowski setzte sich die Mütze auf und fuhr weg.
Tschubikow begann die Akuljka zu vernehmen.
Akuljka erklärte, daß sie überhaupt von nichts wisse . . .
»Ich habe nur mit Ihnen gelebt und sonst mit niemand!« sagte sie, mit ihren buttrigen Augen schelmisch lachend.
Gegen sechs Uhr abends kehrte Djukowski zurück. Er war aufgeregt, wie noch nie. Seine Hände zitterten so stark, daß er nicht im stande war, seinen Paletot aufzuknöpfen. Seine Wangen glühten. Man sah, daß er nicht ohne eine Neuigkeit zurückgekehrt war.
» Veni, vidi, vici!« sagte er, in Tschubikows Zimmer stürzend und ließ sich in einen Sessel fallen. »Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß ich anfange, an meine Genialität zu glauben! Hören Sie zu, daß Sie der Teufel hole! Hören Sie zu und staunen Sie, alter Herr! Komisch und traurig! In Ihren Händen befinden sich schon drei . . . nicht wahr? Ich habe den vierten gefunden oder richtiger die vierte, denn es ist eine Frau! Und was für eine Frau! Zehn Jahre meines Lebens würde ich hingeben, um nur ihre Schultern berühren zu können! Aber . . . Hören Sie! Ich fuhr nach Kljausowka und begann um das Gut eine Spirale zu beschreiben! Unterwegs besuchte ich alle Kramläden und Dorfschänken und fragte überall noch schwedischen Zündhölzchen. Nirgends gab es welche. Ich fuhr und fuhr. Zwanzigmal verlor ich die Hoffnung und ebenso oft gewann ich sie wieder. Den ganzen Tag trieb ich mich herum und erst vor einer Stunde fand ich das Gesuchte. Drei Werst von hier. Man reicht mir ein Päckchen von zehn Schachteln. Die zehnte Schachtel aber fehlt und ist nicht zu finden . . . Ich frage gleich: ›Wer hat diese Schachtel gekauft?‹ Die und die . . . ›Sie gefielen ihr . . . das Zischen‹. Mein Herzchen! Nikolai Jermolaitsch! Was zuweilen ein Mensch, der aus dem Seminar gejagt worden ist und sich mit Kriminallitteratur vollgesogen hat, machen kann, ist kaum zu fassen! Von heute an beginne ich mich zu achten! . . . Ufff . . . Nun, fahren wir!«
»Wohin denn das?«
»Zu ihr, zu der vierten . . . Wir müssen eilen, sonst . . . sonst vergehe ich vor Ungeduld! Wissen Sie, wer es ist? Die junge Frau unseres Amtshauptmanns, des alten Jewgraf Kusjmitsch, Olga Petrowna ist es! Sie hat die Schachtel gekauft!«
»Sie . . . Du . . . Sie . . . verrückt?«
»Sehr einfach! Erstens raucht sie. Zweitens ist sie bis über die Ohren in Kljausow verliebt. Er hat ihre Liebe wegen irgend einer Akuljka zurückgewiesen. Rache! Jetzt erinnere ich mich, wie ich sie einmal beide in der Küche hinter der Scheidewand angetroffen habe. Sie überschüttete ihn mit Schwüren, während er rauchte und ihr den Rauch ins Gesicht paffte. Aber . . . fahren wir schnell, sonst wird es dunkel . . . Fahren wir!«
»Ich bin noch nicht so verrückt, um irgend einem grünen Jungen zu Liebe in der Nacht eine anständige Dame aus der Gesellschaft zu beunruhigen!«
»Anständig, Dame . . . Ein Lappen sind Sie also und kein Untersuchungsrichter! Noch nie habe ich mich unterstanden, Sie zu beleidigen, aber jetzt zwingen Sie mich dazu! Lappen, Schlafmütze! Nun, mein Herzchen! Nikolai Jermolaitsch! Ich bitte Sie!«
Der Untersuchungsrichter machte mit der Hand eine Geste und spuckte aus.
»Ich bitte Sie! Ich bitte Sie nicht um meinetwegen, sondern im Interesse der Rechtsprechung! Ich flehe Sie an! Erweisen Sie mir doch einmal im Leben einen Gefallen!«
Djukowski sank auf die Knie.
»Nikolai Jermolaitsch! Nun, seien Sie so gut! Nennen Sie mich einen Schuft, einen gemeinen Kerl, wenn ich mich in Bezug auf diese Frau irre! Denken Sie doch, was das für eine Sache ist! Was für eine Sache! Der reine Roman! Durch ganz Rußland wird Ihr Ruhm gehen! Man wird Sie zum Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten ernennen! Verstehen Sie es doch, Sie unvernünftiger Alter!«
Der Untersuchungsrichter machte ein finsteres Gesicht und streckte unschlüssig die Hand nach dem Hut aus.
»Na, daß Dich der Teufel!« sagte er. »Fahren wir.«
Es war schon spät, als der Charabancs des Untersuchungsrichters vor der Thür des Amtshauptmanns hielt.
»Was sind wir doch für Schweine!« sagte Tschubikow, die Glocke ziehend. »Beunruhigen nur die Leute!«
»Schad't nichts! schad't nichts . . . Haben Sie nur keine Angst . . . Wir können ja sagen, daß uns eine Sprungfeder am Wagen gebrochen ist.«
Tschubikow und Djukowski wurden auf der Schwelle von einer großen, stattlichen Frau von etwa dreiundzwanzig Jahren, mit pechschwarzen Augenbrauen und fetten roten Lippen empfangen. Es war Olga Petrowna selbst.
»Ah . . . sehr angenehm!« sagte sie über das ganze Gesicht lächelnd. »Sie kommen gerade zum Abendessen. Mein Jewgraf Kusjmitsch ist nicht zu Hause . . . Ist wohl bei dem Popen sitzen geblieben . . . Wir kommen aber auch ohne ihn aus . . . Setzen Sie sich! Sie kommen wohl von einer Dienstreise? . . .«
»Ja . . . Bei uns, wissen Sie, ist eine Feder gesprungen«, begann Tschubikow, in den Salon tretend und sich in einen Lehnstuhl setzend.
»Sie müssen . . . gleich überrumpeln!« flüsterte ihm Djukowski zu. »Überrumpeln Sie sie!«
»Wagenfeder . . . Mm . . . Ja . . . Da fuhren wir denn hier an.«
»Überrumpeln Sie sie, sage ich Ihnen. Wenn Sie viel Sprünge machen, schöpft sie Verdacht.«
»Na, also machen Sie, was Sie wollen, befreien Sie nur mich davon,« flüsterte Tschubikow aufstehend und an das Fenster tretend. »Ich kann es nicht! Sie haben die Suppe eingebrockt, löffeln Sie sie auch aus!«
»Ja, eine Wagenfeder . . .« begann Djukowski, an die Frau Amtshauptmann herantretend und seine lange Nase runzelnd. »Wir sind eigentlich nicht dazu gekommen, um . . . aeh – aeh . . . zu Abend zu essen und auch nicht zu Jewgraf Kusjmitsch. Wir sind gekommen, um Sie, gnädige Frau, zu fragen: wo befindet sich Mark Iwanowitsch, den Sie ermordet haben?«
»Was? Was für ein Mark Iwanowitsch?« stammelte die Frau Amtshauptmann, und ihr Gesicht überzog sich plötzlich mit dunklem Rot. »Ich . . . ich verstehe nicht.«
»Ich frage Sie im Namen des Gesetzes! Wo ist Kljausow? Wir wissen alles!«
»Durch wen?« fragt leise die Frau Amtshauptmann, die Djukowskis Blick nicht länger ertragen konnte.
»Belieben Sie, uns zu sagen, wo er ist!«
»Aber woher wissen Sie es? Wer hat es Ihnen erzählt?«
»Wir wissen alles! Ich verlange es im Namen des Gesetzes!«
Der Untersuchungsrichter, durch die Verlegenheit der Frau Amtshauptmann ermuntert, trat an sie heran und sagte:
»Zeigen Sie ihn uns, und wir werden gehen. Sonst aber . . .«
»Wozu brauchen Sie ihn denn?«
»Wozu diese Fragen, meine Gnädige? Wir bitten Sie, ihn uns zu zeigen! Sie zittern, sind verwirrt . . . Ja, er ist ermordet und, wenn Sie es wollen, von Ihnen ermordet! Ihre Genossen haben Sie verraten!«
Die Frau Amtshauptmann erbleichte.
»Gehen wir«, sagte sie leise, die Hände ringend. »Er ist bei mir im Dampfbad versteckt. Aber, um Gottes Willen, sagen Sie es nicht meinem Mann! Ich flehe Sie an! Er würde es nicht überstehen!«
Die Frau Amtshauptmann nahm von der Wand einen großen Schlüssel und führte ihre Gäste durch die Küche und den Flur auf den Hof. Auf dem Hof war es dunkel. Ein feiner Regen sprühte. Die Frau Amtshauptmann ging voraus. Tschubikow und Djukowski schritten hinter ihr durch das hohe Gras einher und atmeten den Geruch wilden Hanfs und des Spülwassers ein, das unter ihren Füßen aufspritzte . . . Der Hof war sehr groß. Bald hörte das Spülwasser auf und die Füße fühlten aufgeackerte Erde. In der Dunkelheit zeigten sich die Silhouetten von Bäumen und zwischen den Bäumen hindurch ein kleines Häuschen mit schiefem Schornstein.
»Das ist das Badehaus«, sagte die Frau Amtshauptmann. »Aber ich flehe Sie an, sagen Sie niemand was davon!«
Als Tschubikow und Djukowski an das Badehaus herangetreten waren, sahen sie an der Thür ein riesiges Vorhängeschloß.
»Nehmen Sie das Lichtende und Zündhölzchen heraus!« flüsterte der Untersuchungsrichter seinem Gehilfen zu.
Die Frau Amtshauptmann öffnete das Badehaus und ließ ihre Gäste ein.
Djukowski zog ein Zündholz auf und erleuchtete den Vorraum. Mitten in dem Raum stand ein Tisch. Auf dem Tisch, neben einem kleinen, dickbäuchigen Ssamowar stand eine Suppenterrine mit kalt gewordener Kohlsuppe und eine Schüssel mit den Resten einer Sauce.
»Weiter!«
Man trat in das nächste Zimmer, in das Dampfbad ein. Dort stand ebenfalls ein Tisch. Auf dem Tisch befanden sich eine große Schüssel mit einem Schinken, eine Flasche Schnaps, Teller, Messer, Gabeln.
»Aber wo ist denn . . . er? Wo ist der Ermordete?« fragte der Untersuchungsrichter.
»Er ist auf der oberen Schwitzpritsche!« flüsterte die Frau Amtshauptmann, immer noch bleich und zitternd.
Djukowski nahm das Lichtende und kletterte zu der oberen Pritsche hinauf. Dort erblickte er einen langen menschlichen Körper, der regungslos auf einem großen Daunenpfühl lag. Der Körper schnarchte leise . . .
»Man hält uns zum besten, hol's der Teufel!« schrie Djukowski. »Das ist ja garnicht er! Hier liegt irgend ein lebendiger Laban. – He, wer sind Sie, daß Sie der Teufel hole?«
Der Körper zog pfeifend die Luft in sich herein und begann sich zu regen.
Djukowski stieß ihn mit dem Ellbogen.
Der Körper streckte die Hände in die Höhe, reckte sich und hob den Kopf.
»Wer kriecht da herum?« fragte ein heiserer, schwerer Baß. »Was willst Du?!«
Djukowski hielt das Lichtende an das Gesicht des Unbekannten und schrie auf. An der dunkelroten Nase, an dem zerwühlten ungekämmten Haar, an dem pechschwarzen Schnurrbart, von dem die eine Seite schneidig aufgedreht war und frech zur Decke emporstarrte, erkannte er den Kornett Kljausow.
»Sie? Mark . . . Iwanowitsch?! Unmöglich!«
Der Untersuchungsrichter sah zur Pritsche auf und erstarrte . . .
»Ja, das bin ich . . . Und das sind Sie, Djukowski! Was für einen Satan suchen Sie denn hier? Und was ist denn da unten noch für eine Fratze? Nanu, der Untersuchungsrichter! Wo kommt Ihr denn her?«
Kljausow stieg schnell herab und umarmte Tschubikow.
Olga Petrowna glitt zur Thür hinaus.
»Wo kommt Ihr denn her? Trinken wir eins drauf, hol's der Teufel! Tra-ta-ti-to-tom . . . Trinken wir eins! Wer hat Euch übrigens hergebracht? Woher wußtet Ihr, daß ich hier sei? Übrigens – egal! Trinken wir!«
Kljausow zündete die Lampe an und goß drei Gläser Schnaps ein.
»Das heißt, ich verstehe Dich nicht«, sagte der Untersuchungsrichter mit einer ratlosen Gebärde. »Bist Du es, oder bist Du es nicht?«
»Ist gut, ist gut . . . Willst mir wohl eine Moralpredigt halten? Gieb Dir nicht die Mühe! Jüngling, Djukowski, trink Dein Glas! Gaudeamus igitur . . . Was gafft Ihr? Trinkt!«
»Immerhin kann ich es nicht begreifen«, sagte der Untersuchungsrichter, sein Glas mechanisch austrinkend. »Warum bist Du hier?«
»Warum soll ich denn nicht hier sein, wenn es hier gut ist?«
Kljausow trank aus und nahm ein Stück Schinken als Sakuska.
»Ich lebe bei der Frau Amtshauptmann, wie Du siehst. In der Wildnis und Einöde, wie so ein Geist. Trink! Sie that mir leid, mein Bester! Kriegte Mitleid mit ihr und lebe jetzt hier in dem verlassenen Badehause wie so ein Einsiedler . . . Ernähre mich. In der nächsten Woche will ich mich nach Hause packen . . . Es wird schon langweilig . . .«
»Unbegreiflich!« sagte Djukowski.
»Was ist denn dabei Unbegreifliches?«
»Unbegreiflich! Um Gottes Willen, wie ist denn Ihr Stiefel in den Garten gekommen?«
»Was für ein Stiefel?«
»Wir fanden den einen Stiefel im Schlafzimmer und den andern im Garten.«
»Wozu braucht Ihr denn das zu wissen? Geht Euch nichts an . . . Aber trinkt doch, daß Euch der Teufel hole! Habt Ihr mich aufgeweckt, dann trinkt wenigstens! Eine nette Geschichte, mein Bester, war dies mit diesem Stiefel. Ich wollte nicht zu Olja gehen . . . War nicht aufgelegt, weißt Du, etwas angeduselt . . . Sie kommt zu mir unters Fenster und beginnt zu schimpfen . . . Weißt Du, wie die Weiber . . . überhaupt . . . Ich, knall wie ich war, nehme einen Stiefel und schmeiß ihn nach ihr . . . Haha . . . Schimpf nicht, mein Schätzchen! Sie kletterte zum Fenster herein, zündete die Lampe an und begann mich vollen Kerl zu kneten. Prügelte mich durch, schleppte mich hierher und schloß mich ein. Jetzt ernähre ich mich hier . . . Liebe, Schnaps und Sakuska! Aber wohin wollt Ihr? Tschubikow, wohin?«
Der Untersuchungsrichter spuckte aus und ging zum Badehaus hinaus. Ihm folgte mit gesenktem Haupte Djukowski. Beide bestiegen sie schweigend den Charabancs und fuhren ab. Noch niemals war ihnen der Weg so weit und langweilig erschienen, wie diesmal. Beide schwiegen. Tschubikow zitterte den ganzen Weg vor Wut, Djukowski verbarg sein Gesicht im Kragen, als fürchtete er, daß die Dunkelheit und der Sprühregen auf seinem Gesicht die Beschämung lesen könnten.
Zu Hause angelangt, fand der Untersuchungsrichter bei sich den Doktor Tjutjujew vor. Der Arzt saß am Tisch und blätterte seufzend in der ›Niwa‹.
»Was nicht wieder alles los ist!« sagte er, den Untersuchungsrichter mit einem trüben Lächeln begrüßend. »Wieder Österreich! . . . Und auch Gladstone gewissermaßen . . .«
Tschubikow warf seinen Hut unter den Tisch und erbebte.
»Teufelsskelett! Laß mich in Ruh! Tausendmal habe ich Dir gesagt, daß Du mir nicht mit Deiner Politik kommen sollst! Hab' was anderes im Kopf! – Und Dir«, wandte sich Tschubikow an Djukowski, die Fäuste ballend, »Dir . . . verzeihe ich das nie im Leben!«
»Aber . . . das schwedische Zündholz! Wie konnt ich denn wissen!«
»Daß Du an Deinem Zündholz erstickst! Gehe und ärgere mich nicht, sonst mache ich aus Dir weiß der Teufel was! Daß ich Deinen Fuß hier nicht sehe.«
Djukowski fuhr zusammen, nahm seinen Hut und ging.
»Ich geh und sauf mich voll!« beschloß er, als er zum Thor hinaus war und schlenderte betrübt dem Wirtshaus zu.
Als die Frau Amtshauptmann aus dem Badehause zurückkehrte, fand sie im Salon ihren Mann.
»Wozu war der Untersuchungsrichter hier?« fragte der Mann.
»Er war gekommen, um zu sagen, daß Kljausow gefunden sei. Er war garnicht ermordet. Im Gegenteil, er lebt und ist gesund . . . Stelle Dir vor, man hat ihn bei einer fremden Frau gefunden! . . .«
»Ach, Mark Iwanitsch, Mark Iwanitsch!« seufzte der Amtshauptmann, die Augen zur Decke erhebend. »Habe ich Dir nicht gesagt, daß Liederlichkeit zu nichts Gutem führt! Nein, wolltest auf mich nicht hören!«
Der Löwen- und Sonnenorden
In einer der diesseits des Urals gelegenen Städte hatte sich das Gerücht verbreitet, daß ein persischer Würdenträger namens Rachat-Chelam angekommen sei und im Hôtel »Japan« Wohnung genommen hätte. Dieses Gerücht machte auf die Einwohner keinen besonderen Eindruck, man begnügte sich damit, zu wissen, daß ein Perser da sei. Nur das Stadthaupt, Stepan Iwanowitsch Kuzin, wurde nachdenklich, als er vom Syndikus des Stadtamts von der Ankunft des Orientalen erfuhr, und fragte:
»Wohin reist er denn?«
»Ich glaube nach Paris oder London.«
»Hm! . . . Also ein hohes Tier?«
»Weiß der Kuckuck.«
Als das Stadthaupt aus dem Bureau nach Hause gekommen war und zu Mittag gegessen hatte, verfiel er wieder in Gedanken, und diesmal grübelte und dachte er bis zum Abend. Die Ankunft des persischen Würdenträgers beschäftigte ihn stark. Es schien ihm, daß das Schicksal selbst ihm diesen Rachat-Chelam geschickt hätte, und daß jetzt der richtige Augenblick gekommen sei, seinen sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Wunsch zu verwirklichen. Kuzin besaß nämlich zwei Medaillen, den Stanislausorden 3. Klasse, das Abzeichen des Roten Kreuzes und das Abzeichen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Außerdem hatte er sich noch eine Berlocke anfertigen lassen – eine goldne Flinte gekreuzt mit einer Guitarre –, die er an der Uhrkette zum Knopfloch der Uniform heraushängen ließ; von weitem sah die Berlocke etwas außergewöhnlich aus und konnte recht gut für ein Ehrenzeichen gehalten werden.
Nun ist es ja bekannt, je mehr einer Orden hat, umsomehr möchte er noch welche haben, und so wünschte sich denn das Stadthaupt schon lange, den persischen Löwen- und Sonnenorden zu erhalten. Sein Wunsch war brennend und unbezwingbar. Er wußte, daß man, um diesen Orden zu bekommen, weder zu kämpfen noch eine Wohlthätigkeitsanstalt zu dotieren, noch sich im Gemeindedienste hervorzuthun brauchte, sondern daß dazu nur eine günstige Gelegenheit nötig war. Und jetzt schien es ihm, daß diese Gelegenheit gekommen sei.
Am andern Tage gegen Mittag legte er sich alle seine Ehrenzeichen an, hing sich die Amtskette um den Hals und fuhr nach dem Hôtel »Japan«. Das Schicksal begünstigte ihn. Als er das Zimmer des persischen Würdenträgers betrat, war dieser allein und nicht beschäftigt. Rachat-Chelam, ein riesiger Asiate mit einer langen Bekassinennase und hervorstehenden Augen, saß im Fez auf der Diele und kramte in seinem Koffer.
»Ich bitte zu entschuldigen, wenn ich es gewagt habe, Sie zu inkommodieren«, begann Kuzin lächelnd. »Ich habe die Ehre, mich vorzustellen: erblicher Ehrenbürger und Ritter hoher Orden, Stepan Iwanowitsch Kuzin, das hiesige Stadthaupt. Ich hielt es für meine Pflicht, in Ihrer werten Person sozusagen dem Vertreter einer befreundeten und nachbarlichen Monarchie meine Ehrerbietung zu bezeugen . . .«
Der Perser wandte sich um und stammelte etwas in sehr schlechtem Französisch, das wie das Klappern auf einem Holzbrette klang.
»Die Grenzen Persiens«, fuhr Kuzin in seiner vorher einstudierten Begrüßungsrede fort, »befinden sich in enger Berührung mit denjenigen unseres weiten Vaterlandes, und daher veranlassen mich die gemeinsamen Sympathien, Ihnen sozusagen unsere Solidarität auszudrücken.«
Der persische Würdenträger erhob sich und stammelte wieder etwas in seiner hölzernen Sprache.
Kuzin, der überhaupt keine fremden Sprachen kannte, schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er nicht verstehe.
»Wie soll ich nur mit ihm sprechen?« dachte er. »Man müßte eigentlich gleich nach einem Dolmetsch schicken, aber die Sache ist etwas peinlich und läßt sich in Zeugengegenwart nicht gut abmachen. Der Dolmetsch würde es dann in der ganzen Stadt herumtragen.«
Und Kuzin suchte sich einige Fremdwörter ins Gedächtnis zu rufen, die er aus den Zeitungen kannte.
»Ich bin das Stadthaupt . . .« stammelte er, »das heißt Lord-Mayor . . . Municipale . . . Oui? Comprenez?«
Er wollte durch Worte oder mimisch seine soziale Stellung bezeichnen, wußte aber nicht, wie er es machen sollte. Ein an der Wand hängender Stich mit der deutlichen Unterschrift »Die Stadt Venedig« half ihm aus seiner Verlegenheit. Er wies mit dem Finger auf die Stadt und dann auf seinen Kopf, woraus sich seiner Meinung nach die Phrase, ergab: »Ich bin das Stadthaupt.«
Der Perser begriff nichts, lächelte aber und sagte: »Gutt, musje . . . Gutt . . .«
Eine halbe Stunde später klopfte das Stadthaupt den Perser bald auf das Knie, bald auf die Schulter und sprach:
» Comprenez? Oui . . .? Als Lord-mayor und Municipale . . . biete ich Ihnen eine kleine Promenade an . . . Comprenez? Promenade . . .«
Kuzin wies mit einem Finger auf Venedig und stellte mit zwei Fingern einherschreitende Beine dar.
Rachat-Chelam, der von den Medaillen des Stadthaupts nicht die Augen wandte und offenbar bereits vermutete, daß er die wichtigste Person der Stadt vor sich hatte, verstand das Wort » Promenade« und entblößte liebenswürdig seine Zähne.
Darauf zogen beide ihre Paletots an und verließen das Zimmer. Unten an der Thür, die zu dem Restaurant »Japan« führte, fiel es Kuzin ein, daß es nicht übel wäre, dem Perser etwas vorzusetzen. Er blieb stehen und sagte, auf die Tische weisend:
»Nach russischer Sitte könnte man jetzt mal . . . Purée . . . Entrecôte . . . Champagne und so weiter . . . Comprenez?«
Der Würdenträger begriff, und nach einer Weile saßen beide in einem der vornehmsten Chambre separées des Restaurants, tranken Champagner und aßen.
»Trinken wir auf das Wohl Persiens!« sprach Kuzin. »Wir Russen lieben die Perser. Wenn wir auch einen verschiedenen Glauben haben, aber die gemeinsamen Interessen, die gegenseitigen Sympathien . . . der Fortschritt . . . die Asiatischen Märkte . . . die friedliche Eroberung, sozusagen . . .
Der persische Würdenträger aß und trank mit großem Appetit. Er stach mit der Gabel nach dem geräucherten Stör und sagte, den Kopf schüttelnd, mit Begeisterung:
»Gutt! Bien!«
»Schmeckt's Ihnen?« fragte erfreut das Stadthaupt. » Bien? Na, das ist schon.« Und an den Kellner gewandt, sagte er: »Luka, sorge mal, mein Bester, dafür, daß zu Seiner Excellenz zwei Störe aufs Zimmer gebracht werden, aber von den besseren!«
Darauf fuhren das Stadthaupt und der Perser in eine Menagerie.
Die Einwohner sahen, wie ihr Stepan Iwanowitsch, vom Champagner gerötet, heiter und sehr zufrieden, den Perser in den Hauptstraßen und auf dem Marktplatz herumführte und ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte. Auch auf den Turm des Feuerwehrhauses führte er ihn hinauf.
Unter anderem sahen die Einwohner auch, wie das Stadthaupt vor dem steinernen Thor mit den Löwen stehen blieb und zuerst auf einen der Löwen, dann nach oben auf die Sonne und dann auf seine eigene Brust wies, dann nochmals auf die Sonne und den Löwen, während der Perser wie zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte und lächelnd seine weißen Zähne zeigte.
Am Abend saßen sie im »Hôtel London« und lauschten den Harfenistinnen; wo sie aber in der Nacht waren, blieb unbekannt.
Des morgens am andern Tage war das Stadthaupt im Stadtamt. Die Beamten hatten offenbar schon einiges erfahren und Verdacht geschöpft. Wenigstens trat der Syndikus an ihn heran und sagte mit einem spöttischen Lächeln:
»Bei den Persern giebt es so eine Sitte, wenn zu ihnen ein vornehmer Gast kommt, so müssen sie für ihn eigenhändig einen Hammel schlachten . . . hm, hm!«
Etwas später wurde dem Stadthaupt ein mit der Post gekommenes Paket überreicht. Er öffnete dasselbe und fand eine Karikatur darin. Vor Rachat-Chelam kniete das Stadthaupt in eigener Person und sprach mit erhobenen Händen folgende Worte zu dem Perser:
Um Rußlands Freundschaft mit dem Schach
Zu ehren und zu achten,
Würd' ich am liebsten selbst mich schlachten
Als Hammel . . . Aber ach:
Ich bin ja nur ein Eseltier,
Was kann ich armer Mann dafür!
Das Stadthaupt empfand ein unangenehmes Gefühl, als saugte ihm etwas unter der Herzgrube, aber das dauerte nicht lange. Um Mittag war er schon wieder bei dem persischen Würdenträger und traktierte ihn. Dann zeigte er ihm wieder die Sehenswürdigkeiten der Stadt und führte ihn abermals vor das steinerne Thor, wo er wieder, bald auf den Löwen, bald auf die Sonne, bald auf seine Brust wies. Zu Mittag speisten sie in »Japan«, nach dem Essen bestiegen sie wieder, beide rot und glücklich, mit Zigarren im Munde, den Feuerwehrturm. Hier wollte offenbar das Stadthaupt dem Gast ein seltenes Schauspiel darbieten und schrie von oben hinab zu dem Posten, der unten auf und ab ging:
»Läute Alarm!«
Aber aus dem Alarm wurde nichts, da die Feuerwehrleute gerade im Bade waren.
Zu Abend speisten sie in »London«, nach dem Abendessen aber reiste der Perser ab.
Stepan Iwanowitsch küßte ihn, als er ihm das Geleit gab, nach russischer Sitte drei Mal und war sogar bis zu Thränen gerührt. Als der Zug sich in Bewegung setzte, rief er:
»Grüßen Sie Persien von uns. Sagen Sie Ihrem Vaterland, daß wir es lieben!«
*
Ein Jahr und vier Monate waren vergangen. Draußen war es bitterkalt, gegen 35° und dabei ein durchdringender Wind.
Stepan Iwanowitsch ging auf den Straßen umher in einem auf der Brust zurückgeschlagenen Pelz und ärgerte sich, daß niemand ihm begegnete und den Löwen- und Sonnenorden auf seiner Brust blitzen sah. So ging er bis zum Abend im offenen Pelz umher und fror fürchterlich.
In der Nacht aber warf er sich von der einen Seite auf die andere und konnte nicht einschlafen. Sein Herz war schwer und pochte unruhig, während ihn ein inneres Feuer verzehrte: er wollte jetzt den serbischen Takowa-Orden haben. Sein Wunsch war brennend und unbezwingbar . . .



