Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen

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Grischa
Grischa, ein kleiner dicker, zwei Jahre und acht Monate alter Junge, spaziert mit seiner Wärterin auf der Promenade. Er hat einen langen wattierten Mantel und warme Galoschen an, um seinen Hals ist ein großes Cachenez gebunden und auf dem Kopf sitzt eine große Mütze mit einer zottigen Troddel. Ihm ist so wie so schon heiß, und nun scheint ihm noch die freundliche Aprilsonne gerade in die Augen und kitzelt ihm die Lider.
Seine ganze, unsicher und schüchtern einherschreitende, plumpe Figur drückt äußerste Ratlosigkeit aus.
Bis jetzt hat Grischa nur eine einzige, viereckige Welt gekannt, in deren einer Ecke sein Bett, in der anderen die Lade der Wärterin, in der dritten ein Stuhl steht und in der vierten das Lämpchen vor dem Heiligenbilde glüht. Wirft man einen Blick unter das Bett, so findet man dort eine Puppe mit abgebrochenem Arm und eine Trommel, während hinter der Lade der Wärterin eine ganze Menge verschiedenartiger Dinge liegen: Zwirnrollen. Papierschnitzel, eine Schachtel ohne Deckel und ein invalider Hampelmann. In dieser Welt kann man, außer der Wärterin und Grischa, auch sehr häufig Mama und die Katze sehen. Mama sieht wie eine Puppe aus, und die Katze wie Papas Pelz, nur daß der Pelz keine Augen und keinen Schwanz hat. Aus der Welt, die die Kinderstube genannt wird, führt eine Thür in einen Raum, wo zu Mittag gegessen und Thee getrunken wird. Dort steht der hochbeinige Stuhl Grischas und hängt eine Uhr, die nur dazu da ist, um mit dem Pendel zu schlenkern und zu klingeln. Aus dem Speisezimmer kann man in ein anderes Zimmer treten, in welchem rote Sessel stehen. Dort auf dem Teppich sieht man einen dunklen Fleck, der noch immer die Veranlassung dazu giebt, daß man Grischa mit dem Finger droht. Hinter diesem Zimmer liegt noch ein anderes, in welches Grischa nicht hineingelassen wird und wo ab und zu Papa sich zu schaffen macht. Dieser Papa ist eine außerordentlich rätselhafte Persönlichkeit! Die Wärterin und Mama sind verständlich: sie kleiden Grischa an, füttern ihn und legen ihn zu Bett, aber wozu Papa existiert – das ist unklar. Es giebt noch eine andere rätselhafte Persönlichkeit – die Tante, die Grischa die Trommel geschenkt hat. Bald taucht sie auf, bald verschwindet sie wieder. Wohin verschwindet sie? Grischa hat mehr als einmal unter sein Bett geguckt, hinter die Lade und unter den Diwan, aber dort war sie nicht . . .
In dieser neuen Welt dagegen, wo die Sonne in die Augen sticht, giebt es so viel Papas, Mamas und Tanten, daß man gar nicht weiß, zu wem man heranlaufen soll. Das Komischste aber und Albernste, das sind – die Pferde. Grischa sieht zu, wie sie ihre Beine bewegen, und kann nichts begreifen. Er sieht die Wärterin an, damit diese ihm das Rätsel löse, aber die Wärterin schweigt.
Plötzlich hört er ein furchtbares Getrampel . . . Auf der Promenade bewegt sich gerade auf ihn zu in gleichmäßigem Schritt eine Truppe aus dem Schwitzbade zurückkehrender Soldaten mit roten Gesichtern und Birkenquasten unterm Arm. Grischa läuft es vor Schreck kalt über den Rücken und er sieht die Wärterin fragend an: ist das schrecklich? Aber die Wärterin läuft nicht weg und weint nicht, es ist also nicht schrecklich. Grischa begleitet die Soldaten mit den Augen und beginnt selbst im Takt zu schreiten.
Über die Promenade laufen zwei große Katzen mit langen Schnauzen, ausgestreckten Zungen und aufrecht stehenden Schwänzen. Grischa glaubt, daß auch er laufen müsse und läuft den Katzen nach.
»Halt!« schreit ihm die Wärterin zu, ihn rüde an der Schulter fassend. »Wohin? Wirst Du wohl artig sein!«
Dort sitzt eine Wärterin und hält einen kleinen Trog mit Apfelsinen. Grischa geht an ihr vorbei und nimmt sich, ohne ein Wort zu sagen, eine Apfelsine.
»Was machst Du denn da?« schreit seine Begleiterin, ihm einen Klaps auf die Hand gebend und die Apfelsine wieder entreißend. »Dummer Jung!«
Jetzt würde Grischa mit Vergnügen ein Glasstückchen aufheben, das ihm unter den Füßen liegt und in der Sonne wie das Lämpchen vor dem Heiligenbilde strahlt. Aber er fürchtet, daß man ihm wieder eins auf die Hand giebt.
»Ich habe die Ehre!« vernimmt Grischa plötzlich über seinem Ohr eine laute, tiefe Stimme und erblickt einen großen Mann mit glänzenden Knöpfen.
Zu seinem größten Vergnügen reicht dieser Mann der Wärterin die Hand, bleibt mit ihr stehen und beginnt ein Gespräch. Das Leuchten der Sonne, der Lärm der Wagen, die Pferde, die glänzenden Knöpfe, alles das ist so außerordentlich neu und so gar nicht schrecklich, daß Grischas Herz sich mit Wonne erfüllt und er zu lachen beginnt.
»Wollme gehn! Wollme gehn!« ruft er dem Mann mit den glänzenden Knöpfen zu und zupft ihn am Rock.
»Wohin denn?« fragt der Mann.
»Wollme gehn!« beharrt Grischa.
Er möchte sagen, daß es nicht schlecht wäre. auch Papa, Mama und die Katze mitzunehmen, aber seine Zunge sagt etwas ganz anderes, als was sie soll.
Nach einiger Zeit biegt die Wärterin von der Promenade ab und führt Grischa in einen großen Hof, wo noch Schnee liegt. Auch der Mann mit den glänzenden Knöpfen folgt ihnen. Sie gehen den Schneehaufen und Pfützen vorsichtig aus dem Wege, steigen dann eine schmutzige, dunkle Treppe hinauf und treten in ein Zimmer. Dort giebt es viel Rauch, es riecht nach Braten und eine Frau steht am Herd und bratet Koteletts. Die Köchin und die Wärterin küssen sich, setzen sich zusammen mit dem Mann auf die Bank und beginnen leise zu sprechen.
Grischa, der warm eingepackt ist, wird es unerträglich heiß und schwül.
»Woher kommt das?« denkt er, sich umsehend.
Er sieht eine dunkle Lage, Küchengerät und den Ofen, der wie eine große schwarze Höhle starrt . . .
»Ma–ma!« beginnt Grischa zu greinen.
»Nu, nu, nu!« schreit die Wärterin. »Kannst schon warten!«
Die Köchin stellt eine Flasche auf den Tisch, drei Gläser und einen Kuchen.
Die beiden Frauen und der Mann mit den glänzenden Knöpfen stoßen an, trinken mehrere mal, und der Mann umarmt bald die Köchin, bald die Wärterin. Dann beginnen sie alle drei leise zu singen.
Grischa streckt die Hände nach dem Kuchen und man giebt ihm ein Stückchen. Er ißt und sieht zu, wie die Wärterin trinkt . . . Er möchte auch trinken.
»Gieb! Gieb!« bittet er die Wärterin.
Die Köchin giebt ihm aus ihrem Glase zu nippen. Die Augen treten ihm heraus, er verzieht das Gesicht, hustet und wehrt sich noch lange mit den Armen, während die Köchin ihn betrachtet und lacht.
Nach Hause zurück gekehrt, beginnt Grischa der Mutter, den Wänden und dem Bett zu erzählen, wo er gewesen sei und was er gesehen habe. Er erzählt nicht so sehr mit der Zunge, als mit dem Gesicht und den Händen. Er zeigt, wie die Sonne leuchtet, wie die Pferde laufen, wie der schreckliche Ofen aussieht und wie die Köchin trinkt . . .
Am Abend kann er nicht einschlafen. Die Soldaten mit den Birkenquasten, die großen Katzen, die Pferde, das Glasstückchen, der Trog mit den Apselsinen, die glänzenden Knöpfe – alles das drängt sich zusammen und lastet ihm auf dem Gehirn. Er wälzt sich von einer Seite auf die andere, schwatzt und kann seiner Erregung nicht Herr werden, bis er endlich zu weinen anfängt.
»Du fieberst ja!« sagt die Mama, ihm die flache Hand auf die Stirn legend. »Woher kann denn das kommen?«
»Der Ofen!« weint Grischa. »Geh weg von hier. Ofen!«
»Er hat wohl zu viel gegessen . . .« meint die Mama.
Und Grischa, bewältigt von den Eindrücken des neuen Lebens, das er eben kennen gelernt, erhält von der Mama einen Löffel Ricinusöl.
Die Apothekerin
Das Städtchen B., das nur aus zwei bis drei krummen Straßen besteht, liegt in tiefen Schlummer versunken. In der regungslosen Luft vernimmt man kaum einen Laut. Nur irgendwo in der Ferne, wahrscheinlich außerhalb der Stadt, bellt mit einem dünnen, heiseren Tenor ein Hund. Bis zur Morgenröte dauert es nicht mehr lange.
Alles ruht. Nur die junge Frau des Provisors Tschornomordik, des Inhabers der B–schen Apotheke, schläft nicht. Sie hat sich schon dreimal zu Bette gelegt, aber der Schlaf flieht sie eigensinnig – Gott weiß warum. Sie sitzt am offenen Fenster im bloßen Hemde und sieht auf die Straße hinaus. Es ist ihr schwül, langweilig und ärgerlich zu Mute . . . so ärgerlich, daß sie sogar weinen möchte. Warum? Sie weiß es selbst nicht! Es liegt ihr wie ein hartes Stück auf der Brust, das immerfort zur Kehle aufsteigt . . .
Hinten, nur einige Schritte von der Apothekerin, schnarcht süß Tschornomordik selbst. Ein gieriger Floh hat sich bei ihm auf der Stirn zwischen den Augen festgesogen, aber er merkt es nicht und lächelt sogar, da er träumt, daß alle in der Stadt Husten haben und bei ihm immerfort seine Hustentropfen kaufen. Man kann ihn jetzt weder durch Stiche, noch mit Kanonen, noch mit Zärtlichkeiten wecken.
Die Apotheke liegt beinahe an der Grenze der Stadt, so daß die Apothekerin weit hinaus ins Feld blicken kann . . . Sie sieht, wie der östliche Rand des Himmels ganz allmählich erbleicht und wie er dann rot wird, wie von einer großen Feuersbrunst. Ganz unerwartet steigt hinter einem in der Ferne liegenden Gebüsch der große, breitgesichtige Mond langsam auf. Er ist rot, wie denn der Mond überhaupt, wenn er hinter einem Gebüsch hervorsteigt, aus irgend einem Grunde immer furchtbar verlegen ist.
Plötzlich ertönen in der nächtlichen Stille Schritte und Sporengeklirr. Man hört Stimmen.
›Das sind die Offiziere, die vom Polizeiinspektor nach Hause ins Biwak gehen‹, denkt die Apothekerin.
Etwas später zeigen sich zwei Gestalten in weißen Offizier-Sommerröcken; die eine groß und dick, die andere kleiner und dünner . . . Sie schreiten faul eine hinter der anderen längs des Zaunes einher und sprechen laut über irgend etwas. Als sie sich der Apotheke genähert haben, beginnen beide Gestalten immer langsamer zu gehen und sehen nach den Fenstern.
»Es riecht nach einer Apotheke . . .« sagt der Dünne. »Richtig, da ist sie ja auch! Aha, ich erinnere mich . . . In der vorigen Woche war ich hier und kaufte mir Rizinusöl. Hier wohnt ja der Apotheker mit dem sauren Gesicht und der Eselskinnlade. Das ist mal eine Kinnlade! Gerade mit so einer muß Simson die Philister verhauen haben.«
»M–ja . . .« spricht der Dicke im Baß. »Es schläft die Pharmacie! Und auch die Apothekerin schläft. Hier giebt es nämlich, Obtjossow, eine hübsche Apothekerin.«
»Ich habe sie gesehen. Sie gefiel mir sehr . . . Sagen Sie, Doktor, ist sie wirklich im stande, diese Eselskinnlade zu lieben? Unmöglich?«
»Nein, wahrscheinlich liebt sie ihn nicht«, seufzt der Doktor auf, mit einem Ausdruck, als thäte ihm der Apotheker leid. »Sie schläft jetzt hinterm Fenster, das Puppchen! Obtjossow, he? Liegt vor Hitze so hingegossen . . . das Mündchen ist halb geöffnet . . . das Füßchen hängt zum Bett heraus. Der Schafskopf von Apotheker wird von diesen Sachen kaum viel verstehen . . . Weib und Karbolflasche sind für ihn wohl ziemlich dasselbe!«
»Wissen Sie was, Doktor?« sagt der Offizier, indem er stehen bleibt. »Gehen wir mal in die Apotheke hinein und kaufen uns etwas. Vielleicht sehen wir die Apothekerin.«
»Nanu, in der Nacht!«
»Was ist denn dabei? Sie müssen ja auch in der Nacht öffnen. Mein Lieber, gehen wir!«
»Meinetwegen . . .«
Die Apothekerin, die sich hinterm Vorhang versteckt hat, hört die heisere Glocke. Sie sieht sich nach dem Manne um, der ruhig weiter schnarcht und süß lächelt, wirft sich in ein Kleid, zieht sich an die bloßen Füße Pantoffel und läuft in die Apotheke.
Durch die Glasthür hindurch sieht man zwei Schatten . . . Die Apothekerin schraubt die Lampe auf und eilt zur Thür, um zu öffnen. Sie fühlt jetzt keine Langeweile und keinen Ärger mehr und will nicht mehr weinen; nur ihr Herz pocht heftig. Der dicke Doktor und der dünne Obtjossow treten ein. Jetzt kann man sie schon besser sehen. Der dickbäuchige Arzt ist schwarz, bärtig und unbeholfen. Bei der geringsten Bewegung kracht sein Rock und Schweißtropfen treten ihm auf die Stirn. Der Offizier ist rosig, ohne Schnurrbart, etwas weiblich und biegsam wie eine englische Reitgerte.
»Was wünschen Sie?« fragt die Apothekerin, das Kleid über der Brust zusammenhaltend.
»Geben Sie . . . äh . . . äh . . . für fünfzehn Kopeken Pfefferminzplätzchen!«
Die Apothekerin holt ohne Eile vom Regal eine Büchse und beginnt zu wiegen. Die Käufer blicken ihr unverwandt auf den Rücken; der Arzt schließt halb die Augen, wie ein satter Kater, während der Leutnant sehr ernst ist.
»Zum ersten Mal sehe ich in einer Apotheke eine Dame«, sagt der Doktor.
»Dabei ist nichts besonderes . . .« antwortet die Apothekerin, nach dem rosigen Gesicht Obtjossows hinüberschielend. »Mein Mann hat keine Gehilfen, und ich helfe ihm immer.«
»So . . . Sie haben eine ganz nette Apotheke! Wieviel verschiedene . . . Büchsen es hier giebt! Und Sie fürchten sich nicht, so inmitten der Gifte zu leben? Brrrr!«
Die Apothekerin klebt das Packet zu und reicht es dem Doktor. Obtjossow giebt ihr ein Fünfzehnkopekenstück. Es vergeht eine halbe Minute schweigend . . . Die Käufer sehen sich an, machen einen Schritt zur Thür, sehen sich dann wieder an.
»Geben Sie mir, bitte, für zehn Kopeken Soda!« sagt der Doktor.
Die Apothekerin streckt die Hand wieder faul und lässig nach dem Regal aus.
»Hätten Sie nicht hier in der Apotheke so was . . .« murmelt Obtjossow, die Finger bewegend, »so etwas, wissen Sie, allegorisches, irgend ein erquickendes Naß . . . Selterwasser vielleicht? Haben Sie Selterwasser?«
»Jawohl«, antwortet die Apothekerin.
»Bravo! Sie sind kein Weib, sondern eine Fee. Schleifen Sie uns also etwa drei Flaschen heran!«
Die Apothekerin verpackt eilig die Soda und verschwindet im Dunkel der Thür.
»Ein Bissen!« sagt der Doktor augenblinzelnd. »So eine Ananas, Obtjossow, finden Sie selbst auf der Insel Madeira nicht. He? Was meinen Sie? Übrigens . . . hören Sie das Geschnarch? Das ist der Herr Apotheker in höchsteigener Person, der da schlummert.«
Nach einer Minute kehrt die Apothekerin zurück und stellt auf den Ladentisch fünf Flaschen. Sie war eben im Keller und ist daher rot und ein wenig erregt.
»Tss . . . leiser!« sagt Obtjossow, als sie beim Aufkorken der Flaschen den Korkenzieher fallen läßt. »Lärmen Sie nicht so, sonst wecken Sie Ihren Mann.«
»Nun, und was ist denn dabei, wenn ich ihn wecke?«
»Er schläft so süß . . . träumt von Ihnen . . . Auf Ihr Wohl!«
»Und außerdem«, meint mit seiner Baßstimme der Doktor, nach dem Selterwasser aufstoßend, »außerdem sind die Ehemänner ein so langweiliges Kapitel, daß sie gut thäten, immer zu schlafen. Na, zu diesem Wasserchen etwas Rotspon, das wäre was!«
»Was nicht noch!« lacht die Apothekerin.
»Das wäre prächtig! Schade, daß in den Apotheken keine Spirituosen verkauft werden! Übrigens . . . Sie müssen ja Wein als Medizin verkaufen. Haben Sie gallicum rubrum?«
»Jawohl.«
»Na, also! Geben Sie ihn mal her! Hol's der Teufel, nur her damit!«
»Wieviel wollen Sie?«
» Quantum satis! . . . Zuerst geben Sie uns ins Wasser je eine Unze, und dann wollen wir schon sehen . . . Obtjossow, he? Zuerst mit Wasser und dann nachher per se . . .«
Der Doktor und Obtjossow setzen sich an den Ladentisch, nehmen die Mützen ab und fangen an, Rotwein zu trinken.
»Der Wein ist aber, alles was recht ist, ein miserables Zeugs! Vinum schwachissimum, das muß man sagen! Übrigens, in der Gesellschaft . . . äh . . . schmeckt er wie Nektar. Sie sind entzückend, meine Gnädige! Ich küsse Ihnen in Gedanken die Hand.«
»Ich würde viel dafür geben, um das nicht nur in Gedanken thun zu können!« sagt Obtjossow. »Auf Ehre! Ich würde mein Leben dafür geben!«
»Das lassen Sie nur bleiben . . .« sagt Frau Tschornomordik errötend und macht ein ernstes Gesicht.
»Wie Sie übrigens kokett sind!« lacht leise der Doktor, sie schelmisch von unten herauf ansehend. »Die Äuglein schießen nur so! Piff! paff! Ich gratuliere: Sie haben gesiegt! Wir sind gefangen!«
Die Apothekerin blickt auf ihre frischen Gesichter, lauscht auf ihr munteres Geplauder und wird allmählich selbst lebhafter. O, ihr ist es jetzt schon so heiter zu Mut! Sie beteiligt sich am Gespräch, lacht, kokettiert und trinkt sogar, nach langem Bitten der Käufer, etwa zwei Unzen Rotwein.
»Die Herren Offiziere müßten doch häufiger aus dem Biwak in die Stadt kommen«, sagt sie, »sonst ist's hier so furchtbar langweilig. Ich sterbe fast . . .«
»Natürlich!« meint der Doktor empört. »So eine Ananas . . . ein Wunder der Natur, und in dieser Öde! Übrigens ist's für uns schon Zeit. Sehr angenehm gewesen, Ihre Bekanntschaft zu machen . . . sehr! Was haben wir zu zahlen?«
Die Apothekerin hebt die Augen zur Decke und bewegt lange die Lippen.
»Zwölf Rubel achtundvierzig Kopeken!« sagt sie.
Obtjossow holt seine dicke Brieftasche hervor, sucht lange in einem Päckchen Papiergeld und zahlt.
»Ihr Mann schläft süß und träumt . . .« murmelt er, der Apothekerin zum Abschied die Hand drückend.
»Ich liebe keine Dummheiten . . .«
»Wieso denn Dummheiten? Im Gegenteil . . . es sind gar keine Dummheiten . . . Sogar Shakespeare sagt: ›selig, wer jung in der Jugend!‹«
»Lassen Sie meine Hand los!«
Endlich, nach langen Gesprächen, küssen die Käufer der Apothekerin die Hand und verlassen unschlüssig, als überlegten sie, ob sie nicht irgend was vergessen hätten, die Apotheke.
Die junge Frau läuft schnell in das Schlafzimmer und setzt sich wieder ans Fenster. Sie sieht, wie der Doktor und der Leutnant etwa zwanzig Schritte vor der Apotheke stehen bleiben und über etwas zu flüstern anfangen. Worüber? Ihr Herz klopft, auch in den Schläfen klopft es. warum – weiß sie selbst nicht. Das Herz klopft so stark, als entschieden die Beiden, die dort flüstern, über ihr Schicksal.
Ungefähr nach fünf Minuten verläßt der Doktor Obtjossow und geht weiter, während Obtjossow zurückkommt. Er geht an der Apotheke vorbei, einmal. zweimal . . . Bald bleibt er an der Thür stehen, bald geht er wieder weiter . . . Endlich wird die Glocke behutsam gezogen.
»Was? Wer ist da?« hört die Apothekerin plötzlich die Stimme ihres Mannes. »Dort wird geklingelt, und Du hörst es nicht!« sagt streng der Apotheker. »Was ist das für eine Unordnung!«
Er steht auf, zieht sich den Schlafrock an und geht, mit den Pantoffeln schlurfend und im Halbschlaf schwankend in die Apotheke.
»Was . . . wünschen Sie?« fragt er Obtjossow.
»Geben Sie . . . geben Sie mir für fünfzehn Kopeken Pfefferminzplätzchen.«
Mit endlosem Schnaufen und Gähnen, unterwegs einschlafend und mit den Knieen an den Ladentisch stoßend, klettert der Apotheker zu dem Regal hinauf und holt die Büchse . . .
Zwei Minuten später sieht die Apothekerin, wie Obtjossow aus der Apotheke herauskommt und nachdem er einige Schritte gegangen, die Pfefferminzplätzchen auf die staubige Straße wirft. Hinter der Ecke hervor kommt ihm der Doktor entgegen . . . Sie treffen zusammen und verschwinden dann, mit den Händen gestikulierend, im Morgennebel.
»Wie unglücklich bin ich!« spricht die Apothekerin, ihren Mann, der sich schnell auskleidet, um wieder zu schlafen, voll Wut betrachtend. »O, wie unglücklich ich bin!« wiederholt sie, plötzlich in Thränen ausbrechend. »Und niemand, niemand weiß . . .«
»Ich habe auf dem Ladentisch fünfzehn Kopeken vergessen«, brummt der Apotheker, sich die Decke über den Kopf ziehend. »Thu sie, bitte, in die Kasse . . .«
Und sofort schläft er wieder ein.
Der Orden
Der Lehrer am Militär-Progymnasium, Kollegienregistrator Lew Pustakow, wohnte Thür an Thür neben seinem Freunde, dem Leutnant Ledenzow. Zu ihm lenkte er am Neujahrsmorgen seine Schritt.
»Höre mal, Grischa«, sagte er ihm nach der üblichen Gratulation, »ich würde Dich nicht inkommodieren, wenn es nicht dringend nötig wäre. Leih mir, bitte, für heute Deinen Stanislaus. Ich bin nämlich beim Kaufmann Spitschkin zum Mittag eingeladen, – und Du kennst den Kerl ja, furchtbar erpicht auf Orden . . . hält, glaub' ich, jeden für einen Schuft, der nicht was am Halse oder auf der Brust baumeln hat. Nun, und er hat doch zwei Töchter . . . Du weißt, Nastja und Sina . . . Aber ich wende mich an Dich, als Freund . . . Du verstehst mich doch, mein Lieber . . . thu mir, bitte, den Gefallen.«
Bei dieser Rede errötete Pustakow und blickte ängstlich auf die Thür. Der Lieutenant schimpfte zuerst, gab dann aber nach.
Um zwei Uhr Nachmittags fuhr Pustakow in einer Droschke zu Spitschkins. Er hatte seinen Pelz vorn offen gelassen und auf seiner Brust blitzte in Gold und Emaille der fremde Stanislaus.
»Ist mir doch zu Mute, als wäre ich ein ganz anderer Mensch!« dachte er und räusperte sich mit einem gewissen Selbstbewußtsein. »Ein kleines Ding, kostet vielleicht nicht mehr als fünf Rubel, – und welcher Effekt!«
Vor dem Hause des Herrn Spitschkin schlug er den Pelz zurück und begann langsam den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher seine Achselstücke, Knöpfe und den Stanislaus erblickte, war er, so schien es wenigstens Pustakow, wie versteinert. Pustakow räusperte sich selbstbewußt und trat in das Haus ein. Den Pelz legte er im Vorzimmer ab und warf einen Blick in den Saal, wo gegen fünfzehn Personen an einem langen gedeckten Tisch saßen und schon zu essen begonnen hatten. Man hörte nur Stimmengewirr und Tellergeklapper.
»Wer hat da geklingelt?« fragte der Hausherr und erhob sich. »Ah, Lew Nikolajewitsch! Bitte schön! Etwas spät, aber das macht nichts . . . Wir haben uns eben erst gesetzt.«
Pustakow streckte seine Brust vor, warf stolz den Kopf zurück und trat, sich die Hände reibend, in den Saal. Aber da sah er etwas Fürchterliches. Am Tisch, neben Fräulein Sina, saß sein Kollege, der Lehrer der französischen Sprache, Tremblant. Wenn der Franzose den Orden sehen würde, würde er unangenehme Fragen stellen und ihn wahrscheinlich für ewig blamieren . . . Sollte er den Orden abreißen oder wieder weglaufen? . . . Aber der Unglücksorden saß fest am Rock und ein Rückzug war nicht mehr möglich. Er preßte schnell die rechte Hand auf den Orden und machte der Gesellschaft eine tiefe Verbeugung. Darauf setzte er sich schwerfällig, ohne jemand die Hand zu reichen, auf den einzigen Stuhl, der frei war, gerade dem französischen Kollegen gegenüber.
»Wahrscheinlich etwas angeduselt!« dachte Spitschkin, der sich Pustakows sonderbares Benehmen nicht anders erklären konnte.
Es wurde ihm ein Teller Suppe gereicht. Er nahm den Löffel mit der linken Hand auf. Da fiel ihm ein, daß man unter wohlerzogenen Leuten doch nicht mit der linken Hand essen könne. Gar nicht essen? Ja! . . . Schließlich sagte er, daß er bereits gegessen habe. »Ich machte einen Besuch bei meinem Onkel, dem Probst Elejew . . . er bat mich . . . aß da zu Mittag . . .«
Pustakows Seele war von Ingrimm erfüllt und er litt Tantalusqualen: die Suppe war gar zu appetitlich . . . Und was für ein verführerischer Duft ging von dem gedämpften Stör aus. Er dachte daran, seine rechte Hand frei zu machen und den Orden mit seiner Linken zu verdecken, aber er wagte es nicht.
»Man wird es bemerken . . . Und auch, wenn man es nicht merkt: wie lange soll ich denn den Arm über die ganze Brust gestreckt halten, als wenn ich singen wollte? Mein Gott, wird denn dieses Mittagessen ewig dauern? Ich werde nachher schnell in ein Restaurant gehen!«
Nach dem dritten Gange warf er mit dem einen Auge einen verstohlenen Blick auf den Franzosen. Es kam ihm vor, als ob Tremblant aus irgend einem Grunde sehr verlegen war, ihn ängstlich ansah und auch nichts aß. Als sie einander eine Weile angesehen hatten, wurden beide noch verlegener und sahen in ihre leeren Teller. »Er hat es bemerkt, der Kerl!« dachte Pustakow. »Ich sehe es ihm an der Fratze an, daß er es bemerkt hat! Dieser Schuft, diese Klatschbase! Morgen wird der Direktor alles wissen!«
Die Gäste kamen zum vierten Gang und dann auch glücklich zum fünften . . .
Ein langer Herr mit einer gebogenen Nase, großen, haarigen Nüstern und verkniffenen Äuglein stand auf, strich sich mit der flachen Hand über den Kopf und sprach:
»Äh . . . äh . . . äh . . . ich erlaube mir, äh, ein Hoch auf das Wohl der anwesenden Damen. äh, auszubringen!«
Geräuschvoll erhoben sich alle und ergriffen die Gläser. Ein lautes Hurrah dröhnte durch das Zimmer. Die Damen lächelten und bogen sich verbindlich hinüber, um anzustoßen. Pustakow erhob sich nun auch; er hielt sein Glas in der linken Hand. »Lew Nikolajewitsch, haben Sie bitte; die Güte, dieses Glas Nastasja Timofejewna hinüber zu reichen. Sie muß es austrinken!« Mit diesen Worten wandte sich ein Herr an ihn und reichte ihm ein volles Glas.



