Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen

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»Funken . . .« wiederholte er, die Augen zukneifend. »Sobald Sie getrunken haben, müssen Sie sich gleich an die Sakuska machen.«
»Hören Sie mal«, sagt der Präsident, seine Augen zu dem Sekretär erhebend, »sprechen Sie etwas leiser! Ich verderbe Ihretwegen schon den zweiten Bogen.«
»Ach, entschuldigen Sie, Pjotr Nikolaitsch! Ich werde leiser . . .« sagte der Sekretär und fuhr im Flüsterton fort: »Nun, und die Sakuska, mein verehrtester Grigori Ssawwitsch, muß man sich auch mit Verständnis auswählen. Man muß wissen, was sich dazu eignet. Die beste Sakuska ist, wenn Sie es wissen wollen, der Hering. Haben Sie davon ein Stückchen mit Zwiebeln und Senfsauce gegessen, mein Bester, so nehmen Sie gleich, solange Sie noch die Funken im Magen spüren, etwas Kaviar – allein für sich oder, wenn Sie wollen, mit Citrone – dann gewöhnlichen Rettig mit Salz, dann wieder Hering. Am besten aber, mein Liebster, sind diese rötlichen Pilze, die Brätlinge, gesalzen, ganz fein wie Kaviar geschnitten und mit Zwiebeln und Provenceröl angemacht . . . da kann man sich krank dran essen! Und nun gar Aalquappenleber – das ist schon das reine Epos!«
»Hm, ja . . .« stimmte der Ehrenfriedensrichter, die Augen zukneifend, bei. »Als Sakuska sind auch . . . hm . . . gedünstete Steinpilze gut.«
»Ja, ja, ja – mit Zwiebeln, wissen Sie, mit Lorbeer und verschiedenem Gewürz. Man öffnet die Kasserolle und aus ihr steigt so ein Dampf, so ein Pilzaroma, daß einem zuweilen sogar Thränen in die Augen kommen! Nun also, sobald aus der Küche die Pastete kommt, gleich, ohne Zeit zu verlieren, den zweiten hinter die Binde.«
»Iwan Jurjitsch!« sagte mit weinerlicher Stimme der Präsident. »Ihretwegen verderbe ich jetzt den dritten Bogen!«
»Hol's der Teufel, er denkt nur ans Essen!« brummte der Philosoph Milkin mit einer verächtlichen Grimasse. »Giebt es im Leben denn wirklich keine anderen Interessen als Pilze und Pasteten?«
»Nun, also vor der Pastete muß man eins trinken«, fuhr der Sekretär mit halber Stimme fort. Er war schon so in den Zug gekommen, daß er, wie eine schlagende Nachtigall, nichts mehr außer seiner eigenen Stimme hörte. »Die Pastete muß appetitlich und schamlos in ihrer rosigen Nacktheit sein, damit sie verführerisch wirkt. Man blinzelt ihr zu, schneidet sich ein Stück ab und macht nur so mit den Fingern vor Überfluß an Gefühl. Wenn man sie ißt, träufelt die Butter wie Thränen herunter . . . Die fette, saftige Füllung mit Ei, Gekröse, Zwiebeln . . .«
Dem Sekretär gingen die Augen über und er verzog den Mund bis an das eine Ohr.
Der Ehrenfriedensrichter räusperte sich und machte eine Geste, aus der man ersehen konnte, wie lebhaft er sich die Pastete vorstellte.
»Das ist ja weiß der Teufel was . . .« brummte der Bezirksfriedensrichter, zu dem anderen Fenster hinübergehend.
»Zwei Stück ißt man und das dritte hebt man sich zu der Kohlsuppe auf«, fuhr der Sekretär begeistert fort. »Sobald Sie mit der Pastete fertig sind, lassen Sie gleich, ohne den Appetit einschlafen zu lassen, die Kohlsuppe auftragen . . . Kohlsuppe muß brennend heiß sein . . . Am besten aber, mein Verehrtester, ist ein Borstschok aus Beeten auf kleinrussische Art mit etwas Schinken und Wiener Würsteln. Dazu wird saure Sahne und frische Petersilie mit etwas Dill genommen. Vorzüglich ist auch eine Rassoljnik-Suppe mit Gekröse und jungen Nieren; lieben Sie dagegen Bouillonsuppen, so ist die beste die Julien-Suppe aus Gemüse und Kräutern: Karotten, Blumenkohl und ähnliche Jurisprudenz.«
»Ja, die schmeckt vorzüglich . . .« seufzte der Präsident, den Blick vom Papier losreißend. Aber er kam sogleich wieder zur Besinnung und stöhnte: »Daß Sie sich nicht schämen! Auf diese Weise werde ich mit meiner ›besonderen Meinung‹ vor dem Abend nicht fertig! Den vierten Bogen muß ich wegwerfen!«
»Gut, gut, ich werde nicht mehr . . . Verzeihen Sie!« entschuldigte sich der Sekretär und fuhr fort zu flüstern:
»Sobald Sie den Borstschok oder die Suppe gegessen haben, mein Verehrtester, lassen Sie sofort den Fisch auftragen. Von den Fischen ist der beste – in Sahne gebratene Karausche; nur muß man sie, damit sie fein wird und nicht nach dem Sumpf schmeckt, vorher vierundzwanzig Stunden lebend in Milch halten.«
»Auch ein kleiner Sterlett ist nicht übel«, sagte der Ehrenfriedensrichter, die Augen schließend.
Aber sofort und ganz unerwartet sprang er auf, machte ein wütendes Gesicht und brüllte, nach dem Präsidenten gewandt:
»Pjotr Nikolaitsch, sind Sie bald soweit? Ich kann nicht länger warten! Ich kann nicht!«
»Lassen Sie mich nur zu Ende schreiben!«
»Na, dann fahr ich allein! Hol' Sie der . . .«
Der Dicke machte eine ungeduldige Geste, griff nach dem Hut und lief, ohne sich zu verabschieden, zum Zimmer hinaus.
Der Sekretär seufzte auf, und fuhr, zum Ohr des Prokureursadjunkts gebeugt, mit halber Stimme fort:
»Auch Sandart oder Karpfen mit einer Tunke von Tomaten und Pilzchen ist gut. Aber Fisch macht einen nicht satt, Stepan Franzitsch; das ist kein reelles Essen, und die Hauptsache beim Mittag sind nicht der Fisch, nicht die Saucen, sondern der Braten. Welches Geflügel schätzen Sie am meisten?«
Der Prokureursadjunkt machte ein saures Gesicht und sagte mit einem Seufzer:
»Ich kann Ihre Gefühle leider nicht teilen: ich leide an einem Magenkatarrh.«
»Ach was! Magenkatarrhe haben die Ärzte erfunden! Diese Krankheit kommt mehr vom Freisinn und vom Stolz. Beachten Sie sie garnicht. Sie möchten, wollen wir sagen, nicht essen, oder es ist Ihnen widerwärtig; achten Sie aber nicht darauf und essen Sie ruhig. Wenn zum Beispiel als Braten ein Pärchen Doppelschnepfen aufgetragen wird und dazu ein Rebhühnchen oder ein Pärchen fetter Wachteln, – da vergessen Sie jeden Katarrh, Ehrenwort! Und ein gebratener Truthahn? Weiß, fett, saftig, wissen Sie, wie so 'ne Nymphe . . .«
»Ja, das muß wohl gut schmecken«, sagte mit einem trüben Lächeln der Prokureursadjunkt. »Truthahn würde ich vielleicht auch essen.«
»Mein Gott, und Ente? Wenn Sie eine junge Ente nehmen, so um die ersten Herbstfröste, wenn die Ente vielleicht zum ersten Mal übers Eis gelaufen ist, und sie auf der Pfanne mit Kartoffeln braten und zwar so, daß die Kartoffeln fein zerschnitten sind und schön braun werden und vom Entenfett ordentlich durchzogen sind und . . .«
Der Philosoph Milkin machte ein bestialisches Gesicht und wollte offenbar etwas sagen. Aber plötzlich schmatzte er mit den Lippen, sich wahrscheinlich die gebratene Ente vorstellend, nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut und lief davon, von einer unbekannten Kraft getrieben.
»Ja, vielleicht würde ich auch Ente essen . . .« seufzte der Prokureursadjunkt.
Der Präsident stand auf, ging einmal durch das Zimmer und setzte sich wieder.
»Nach dem Braten beginnt der Mensch ein Gefühl von Sattigkeit zu empfinden und verfällt in einen süßen Dusel«, fuhr der Sekretär fort. »Der Körper fühlt sich dann wohl und das Gemüt schwelgt in Seligkeit. Da werden Sie etwa drei Gläschen im Ofen selbst abgezogenen Likörs nicht ohne innere Befriedigung zu sich nehmen können.«
Der Präsident räusperte sich und durchstrich einen Bogen.
»Ich verderbe den sechsten Bogen«, sagte er ärgerlich. »Das ist doch . . .«
»Schreiben Sie, schreiben Sie nur, Verehrtester«. flüsterte der Sekretär. »Ich werde nicht mehr . . . Ich mach's leise. – Ich muß Ihnen aufrichtig sagen, Stepan Franzitsch«, fuhr er in kaum hörbarem Flüsterton fort, »ein selbst abgezogenes Likörchen ist besser als jeder Champagner. Gleich nach dem ersten Gläschen geht Ihre Seele in Verzückung auf . . . so 'ne Fata Morgana . . . und es kommt Ihnen vor, als säßen Sie nicht bei sich zu Hause im Lehnstuhl, sondern irgendwo in Australien auf einem weichen, sich sanft wiegenden Straußenrücken . . .«
»Ach, fahren wir doch, Pjotr Nikolaitsch!« sagte der Prokureursadjunkt, ungeduldig mit dem Bein zuckend.
»Jawohl«, fuhr der Sekretär fort. »Während des Likörs ist es gut, eine Zigarre zu rauchen und Ringe in die Luft zu blasen. Da kommen einem so phantastische Gedanken in den Kopf . . . als wären Sie Generalfeldmarschall, oder als hätten Sie die erste Schönheit der Welt zur Frau . . . Und diese schöne Frau schwimmt den ganzen Tag über vor Ihren Fenstern in so einem Bassin mit Goldfischen herum. Sie schwimmt so umher, und Sie sagen zu ihr nur: ›Komm, Schätzchen, küß mich! ‹«
»Pjotr Nikolaitsch!« stöhnte der Prokureursadjunkt auf.
»Ja . . .« fuhr der Sekretär fort. »Wenn Sie ausgeraucht haben, nehmen Sie die Schöße Ihres Schlafrockes auf und – ›nur auf ein Viertelstündchen‹! Sie legen sich so auf den Rücken, mit dem Bauch nach oben und nehmen eine Zeitung in die Hand. Wenn die Augen einem zukleben und der ganze Körper sich schläfrig dehnt, ist es ganz angenehm, über Politik zu lesen: hier hat Österreich irgend etwas schlecht gemacht, dort ärgert sich jemand über Frankreich, oder der Pabst kommt jemandem in die Quere – man liest das alles und es wird einem ordentlich wohl dabei . . .«
Der Präsident sprang auf, warf die Feder beiseite und griff mit beiden Händen nach dem Hut.
Der Prokureursgehilfe, der seinen Katarrh vergessen hatte und vor Ungeduld verging, sprang ebenfalls auf.
»Fahren wir!« rief er.
»Pjotr Nikolaitsch! Und Ihre ›besondere Meinung‹ rief der Sekretär erschrocken. »Wann werden Sie die denn aufsetzen? Sie müssen doch um sechs Uhr zur Stadt!«
Der Präsident machte eine abwehrende Geste, und stürzte nach der Thür.
Der Prokureursadjunkt machte ebenfalls eine abwehrende Geste, nahm sein Portefeuille und verschwand mit dem Präsidenten.
Der Sekretär seufzte auf, blickte ihnen vorwurfsvoll nach und begann die Akten zusammenzulegen.
Der Dicke und der Dünne
Auf dem Bahnhof der Nikolaibahn trafen sich zwei Freunde, ein dicker und ein dünner.
Der Dicke hatte soeben auf dem Bahnhofe zu Mittag gespeist und seine fettigen Lippen glänzten wie reife Kirschen. Er roch nach Cherry und Fleur d'orange.
Der Dünne dagegen war eben erst aus dem Waggon gestiegen und mit Koffern, Bündeln und Schachteln beladen. Er roch nach Schinken und Kaffee. Hinter seinem Rücken sah man eine hagere Frau mit langem Kinn – seine Gattin, und einen langen Gymnasiasten mit einem zugekniffenen Auge – seinen Sohn.
»Porfiri!« rief der Dicke, als er den Dünnen erblickte. »Bist Du es, mein Bester? Wie viele Jahre ist's her!«
»Mischa!« staunte der Dünne. »Freund meiner Jugend! Wo kommst Du her?«
Die Freunde küßten sich dreimal nach russischer Sitte und blickten sich mit thränenerfüllten Augen an. Beide waren angenehm überrascht.
»Mein Lieber!« begann der Dünne nach der Begrüßung. »Das hätte ich nicht geglaubt! Ist das eine Überraschung! Na, sieh mich mal ordentlich an! Ebensolch ein schwer Kerl, wie er war! Ebensolch ein Herzensbrecher und Stutzer! Ach, mein Gott! Nun, wie geht es Dir denn? Reich? Verheiratet? Ich bin schon verheiratet, wie Du siehst . . . Das hier ist meine Frau Luise, geborene Wanzenbach . . . Protestantin . . . Und das ist mein Sohn Nafanail, Tertianer. – Das ist der Freund meiner Jugend, Nafanja! Waren zusammen im Gymnasium!«
Nafanail dachte ein wenig nach und zog die Mütze.
»Waren zusammen im Gymnasium!« fuhr der Dünne fort. »Erinnerst Du Dich noch, wie Dein Spitzname war? Du hießt Herostrat, weil Du in ein Zensurbuch mit der Zigarette ein Loch gebrannt hattest, und ich hieß Ephialtes, weil ich zu klatschen liebte. Ho–ho . . . Wir waren Kinder! Fürchte Dich nicht, Nafanja! Komm zu ihm näher heran . . . Das ist meine Frau, geborene Wanzenbach . . . protestantisch.«
Nafanail dachte ein wenig nach und versteckte sich hinter dem Rücken des Vaters.
»Nun, was machst denn Du, Freund?« fragte der Dicke, den Freund voll Entzücken anblickend. »Bist Du im Staatsdienst? Hast's weit gebracht?«
»Jawohl, ich diene, mein Lieber! Bin schon das zweite Jahr Kollegienassessor und habe den Stanislaus. Das Gehalt ist zwar schlecht . . . aber was ist da zu machen! Meine Frau giebt Musikunterricht und ich fertige privatim Cigarrenetuis aus Holz an. Vorzügliche Etuis! Zum Rubel das Stück verkaufe ich sie. Wenn jemand zehn Stück und mehr nimmt, bekommt er natürlich Rabatt. Man schlägt sich also irgendwie durch. Zuerst war ich im Departement selbst angestellt und jetzt bin ich hierher in dasselbe Ressort als Tischvorsteher versetzt . . . Werde jetzt also hier bleiben. Nun, und Du? Bist wohl schon Staatsrat? He?«
»Nein, mein Lieber, kannst noch was zugeben«, sagte der Dicke. »Ich bin schon beim Geheimrat angelangt . . . Habe zwei Orden erster Klasse.«
Der Dünne wurde plötzlich ganz blaß und wie versteinert. Aber bald verzog sich sein ganzes Gesicht zu einem breiten Lächeln; es schien, als sprühten sein Gesicht und seine Augen Funken. Er selbst zog sich ein, knickte zusammen, machte sich klein . . . Seine Koffer, Bündel und Schachteln wurden klein und schrumpften zusammen . . . Das lange Kinn seiner Frau wurde noch länger . . . Nafanail stand stramm und knöpfte alle Knöpfe seiner Uniform zu . . .
»Ich, Ew. Excellenz . . . Sehr angenehm! Ich darf wohl sagen, ein Freund meiner Jugend gewesen und jetzt solch ein Würdenträger geworden! Hi–hi.«
»Na, laß doch!« sagte der Dicke mit einer Grimasse. »Wozu dieser Ton? Wir sind Jugendfreunde – wozu also dieses Untergebenen-Markieren!«
»Ich bitte Sie . . . Gestatten Sie . . .« lächelte der Dünne, noch kleiner werdend. »Die hohe Gunst Ew. Excellenz . . . ist wie der Tau, der . . . Das hier, Ew. Excellenz, ist mein Sohn Nafanail . . . meine Frau Luise, Protestantin gewissermaßen . . .«
Der Dicke wollte irgend etwas entgegnen, aber auf dem Gesicht des Dünnen malte sich soviel Ehrfurcht, Süßigkeit und ehrerbietiges Entzücken, daß es dem Geheimrat übel wurde. Er kehrte sich von dem Dünnen ab und reichte ihm zum Abschied die Hand.
Der Dünne drückte ihm drei Finger, verbeugte sich mit dem ganzen Körper und lachte wie ein Chinese: »Hi–hi–hi.«
Seine Frau lächelte.
Nafanail machte einen Kratzfuß und ließ dabei die Mütze fallen.
Alle drei waren angenehm überrascht.
Der böse Knabe
Iwan Iwanitsch Lapkin, ein junger Mann von angenehmem Äußeren und Anna Ssemjonowna Samblizkaja, ein junges Mädchen mit einem Stumpfnäschen, gingen das steile Ufer hinab und ließen sich auf einer Bank nieder. Die Bank stand hart am Wasser zwischen dichtem Weidengebüsch. Ein prächtiges Plätzchen! Man sitzt hier verborgen vor aller Welt, und nur die Fische und die Wasserspinnen, die wie Blitze hin und her schießen, sehen einen. Die jungen Leute waren mit Angelruten, einem Handnetz, Behältern für Würmer und allen möglichen anderen Angelgerätschaften ausgestattet. Kaum hatten sie sich gesetzt, als sie sich auch gleich an die Arbeit machten.
»Ich bin froh, daß wir endlich allein sind«, begann Lapkin, nachdem er sich umgeschaut hatte. »Ich habe Ihnen sehr vieles zu sagen, Anna Ssemjonowna . . . Sehr vieles . . . Als ich Sie das erste Mal gesehen . . . Bei Ihnen beißt einer an!.. Da begriff ich erst, wozu ich lebe, da sah ich erst, wer die Göttin ist, der ich mein ehrliches Arbeitsleben weihen muß . . . Es scheint ein großer anzubeißen! . . Als ich Sie sah, lernte ich zum ersten Mal lieben, leidenschaftlich lieben! Ziehen Sie noch nicht . . . lassen Sie ihn ordentlich anbeißen . . . Sagen Sie mir, mein Alles, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir – nicht ob ich auf Gegenseitigkeit, nein! dessen bin ich nicht wert und darf daran nicht einmal denken – sagen Sie mir, ob ich darauf rechnen kann, daß . . . Ziehen Sie!«
Anna Ssemjonowna zog die Hand mit der Angelrute mit einem Ruck in die Höhe und schrie auf. Ein silbergrüner Barsch zappelte und flimmerte in der Luft.
»Ach Gott, ein Barsch! Ai, ach . . . Schnell! Er macht sich los!«
Der Barsch riß sich vom Haken los, begann auf dem Grase umher zu springen und fiel endlich mit einem Platsch in sein heimatliches Element zurück.
Während der Jagd nach dem Fische hatte Lapkin ganz in Versehen, statt des Fisches, Anna Ssemjonownas Hand ergriffen und sie unversehens an die Lippen geführt . . . Das junge Mädchen zog die Hand zwar zurück, aber es war schon zu spät: die Lippen hatten sich in Versehen zu einem Kusse vereinigt. Alles war so ganz unversehens gekommen. Auf den ersten Kuß folgte ein zweiter, dann kamen Schwüre, Beteuerungen . . . Glückliche Augenblicke!
Übrigens ein absolutes Glück giebt es hier auf der Erde nicht. Jedes Glück trägt entweder den Giftkeim in sich selbst, oder wird durch irgend etwas von außen Kommendes vergiftet. So war es auch hier. Während die jungen Leute sich noch küßten, erscholl plötzlich ein Gelächter. Sie sahen nach dem Fluß und erstarrten: dort stand bis zu den Hüften im Wasser ein nackter Knabe. Es war der Gymnasiast Kostja, Anna Ssemjonownas Bruder. Er stand im Wasser, blickte die jungen Leute an und lächelte diabolisch.
»A–a–a . . . Ihr küßt Euch?« sagte er. »Gut! Ich werde es Mama sagen.«
»Ich hoffe, daß Sie als anständiger Mensch . . .« begann Lapkin zu stammeln. »Das Spionieren ist gemein und das Klatschen ist niedrig, niederträchtig . . . Ich hoffe, daß Sie als ein anständiger Mensch, als ein Mann von Ehre . . .«
»Geben Sie mir einen Rubel, dann werde ich es nicht sagen!« antwortete der Mann von Ehre. »Sonst sag' ich's!«
Lapkin holte aus der Tasche einen Rubel und reichte ihn Kolja. Dieser knillte den Rubel in der nassen Faust zusammen, pfiff und schwamm weg. Und dieses Mal küßten die jungen Leute sich nicht mehr.
Am nächsten Tage brachte Lapkin Kolja aus der Stadt einen Malkasten und einen Ball mit, die Schwester aber schenkte ihm alle ihre hübschen Medizinschachteln. Hernach mußte sie ihm auch die Manschettenknöpfe mit den Hundeköpfen schenken.
Dem bösen Knaben gefiel alles das offenbar sehr, und um noch mehr zu erhalten, begann er zu beobachten. Wo Lapkin und Anna Ssemjonowna waren, war auch er. Nicht einen Augenblick ließ er sie aus den Augen.
»Ein Schuft!« knirschte Lapkin mit den Zähnen. »Noch so klein und schon ein so bedeutender Schuft! Was wird aus ihm erst später werden?!«
Den ganzen Juni über ließ Kolja den armen Verliebten keine Ruhe. Er drohte mit Verrat, beobachtete sie und erpreßte von ihnen Geschenke; seine Ansprüche wurden immer unbescheidener und schließlich begann er schon von einer Taschenuhr zu reden. Und was geschah? Die Taschenuhr mußte ihm bewilligt werden.
Einmal während des Mittagessens, als die Waffeln eben serviert waren, fing er plötzlich an zu lachen, blinzelte Lapkin mit dem einen Auge zu und sagte:
»Soll ich's sagen? Ja?«
Lapkin wurde furchtbar rot und begann anstatt der Waffel die Serviette zu kauen. Anna Ssemjonowna sprang vom Tisch auf und lief ins Nebenzimmer.
In dieser Lage befanden sich die jungen Leute bis Ende August, bis zu dem Tage, wo Lapkin endlich Anna Ssemjonowna einen Heiratsantrag machte. O, was war das für ein glücklicher Tag! Nachdem Lapkin mit den Eltern der Braut gesprochen und ihre Einwilligung erhalten hatte, lief er sofort in den Garten und begann Kolja zu suchen. Als er ihn gefunden, schluchzte er vor Entzücken beinahe auf und packte den bösen Knaben am Ohr. Anna Ssemjonowna, die sich ebenfalls auf der Suche nach Kolja befunden hatte, kam herbei und faßte ihn am andern Ohr. Und man hätte es sehen müssen, welches Entzücken sich auf den Gesichtern der Verliebten malte, als Kolja weinte und flehte:
»Liebe! Teurer! Ich werd' nie mehr . . . Ai, ai, ai, verzeiht!«
Und hernach gestanden sie beide, daß während der ganzen Zeit ihres Verliebtseins sie niemals ein solches Glück, eine solche überströmende Seligkeit empfunden hatten, als in den Augenblicken, während sie den bösen Knaben an den Ohren rissen.
Ein bekannter Herr
Die reizende Wanda oder wie sie nach dem Paß hieß, die Bürgerin Nastaßja Kanawkina befand sich bei ihrer Entlassung aus dem Krankenhause in einer Lage, wie sie sich in einer solchen früher noch nie befunden hatte: ohne Unterkunft und ohne einen Kopeken Geld. Was war da zu machen?
Ihr erster Gang war ins Leihhaus, wo sie ihren Türkisring, die einzige »Wertsache«, die sie besaß, versetzte. Für den Ring erhielt sie einen Rubel, aber . . . was kann man sich für einen Rubel kaufen? Für diese Summe bekommt man weder ein modernes kurzes Jackett, noch einen hohen Hut, noch Goldkäferschuhe; ohne diese Sachen aber fühlte sie sich so gut wie nackt. Es schien ihr, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die Pferde und Hunde sie ansahen und sich über die Einfachheit ihres Kostüms lustig machten. Sie dachte nur an ihre Toilette, während die Frage, wie sie essen und wo sie schlafen würde, sie nicht im geringsten beunruhigte.
»Wenn ich doch irgend einen bekannten Herrn treffen würde . . .« dachte sie. »Ich würde dann von ihm etwas Geld erbitten . . . Mir wird es keiner abschlagen, denn . . .«
Aber die bekannten Herren begegneten ihr nicht. Es wäre nicht schwer gewesen, sie am Abend in der »Renaissance« zu treffen, aber in die »Renaissance« würde man sie in diesem einfachen Kleide und ohne Hut nicht hineinlassen. Was sollte sie thun?
Nach langem Zaudern, als sie des Gehens, Sitzens und Nachdenkens schon müde geworden war, entschloß sich Wanda, das letzte Mittel zu ergreifen: irgend einen bekannten Herrn direkt in seiner Wohnung aufzusuchen und ihn um Geld zu bitten.
»Zu wem soll' ich nur gehen?« überlegte sie. »Zu Mischa geht es nicht – verheiratet . . . Der rothaarige Alte ist jetzt im Dienst . . .«
Ihr fiel der Zahnarzt Finkel ein, ein getaufter Jude, der ihr vor drei Monaten ein Armband geschenkt, und dem sie einmal bei einem Souper im »Deutschen Club« ein Glas Wein auf den Kopf gegossen hatte. Als ihr der Gedanke an diesen Finkel gekommen war, freute sich Wanda furchtbar.
»Er wird mir bestimmt geben, wenn ich ihn nur zu Hause treffe . . .« dachte sie auf dem Wege zu dem Zahnarzt. »Giebt er aber nichts, so zerkeile ich ihm alle Lampen . . .«
Als sie sich der Thür des Zahnarztes näherte, war ihr Plan schon fertig: sie wird lachend die Treppe hinauslaufen, in das Kabinett des Arztes stürzen und fünf und zwanzig Rubel verlangen . . . Als sie aber nach der Klingel griff, verflüchtigte sich dieser Plan wie von selbst. Wanda bekam plötzlich Furcht und wurde aufgeregt, was ihr früher niemals passiert war. Dreist und frech war sie nur in bezechter Gesellschaft, jetzt aber, in gewöhnlicher Kleidung, in die Rolle einer gewöhnlichen Bittstellerin versetzt, die einfach nicht empfangen werden konnte, fühlte sie sich schüchtern und gedemütigt. Schande und Furcht befielen sie.
»Vielleicht hat er mich schon vergessen . . .« dachte sie, während sie nicht wagte, an der Klingel zu ziehen. »Und wie soll ich zu ihm in einem solchen Kleide? Wie eine Bettlerin oder irgend eine Kleinbürgerin . . .«
Und zögernd klingelte sie.
Hinter der Thür vernahm man Schritte; es war der Portier.
»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie.
Jetzt wäre es ihr angenehmer gewesen, wenn der Portier ›nein‹ gesagt hätte. Aber anstatt einer Antwort ließ er sie einfach ins Vorhaus treten und nahm ihr den Mantel ab.
Die Treppe erschien ihr luxuriös und großartig, aber von all dem Luxus fiel ihr zuerst ein großer Spiegel auf, in welchem sie ein deklassiertes Ding ohne modernes Jackett, ohne hohen Hut und ohne Goldkäferschuhe erblickte. Und Wanda kam es seltsam vor, daß sie jetzt, wo sie arm gekleidet war und wie eine Nähterin oder Wäscherin aussah, wieder Schande empfand, weder Dreistigkeit noch Frechheit mehr besaß und sich selbst in Gedanken schon nicht mehr Wanda, sondern, wie früher, Nastja Kanawkina nannte . . .
»Bitte«, sagte das Zimmermädchen, sie in das Kabinett geleitend. »Der Herr Doktor kommt gleich . . . Nehmen Sie Platz.«
Wanda sank in einen weichen Lehnstuhl.
»Werd' ihm ganz einfach sagen: leihen Sie mir!« dachte sie. »Das ist ganz anständig, denn er ist ja mit mir bekannt. Wenn nur das Zimmermädchen wegginge. In Gegenwart des Zimmermädchens wäre es peinlich . . . Und wozu steht sie überhaupt hier?«
Nach fünf Minuten etwa öffnete sich die Thür, und Finkel, ein großer, schwarzer Jude mit fetten Wangen und Glotzaugen trat ein. Die Wangen, der Bauch, die dicken Hüften – alles war bei ihm so satt und abstoßend. In der »Renaissance« und im »Deutschen Club« war er gewöhnlich angeheitert, gab dort viel für Frauen aus und ertrug geduldig ihre Späße – als ihm Wanda zum Beispiel ein Glas Wein über den Kopf gegossen, hatte er nur gelächelt und ihr mit dem Finger gedroht. Jetzt aber sah er finster und schläfrig aus, schaute wichtig und kalt wie ein Vorgesetzter drein und kaute irgend etwas.
»Was befehlen Sie?« fragte er, ohne Wanda anzusehen.



