Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen

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»Es ist traurig, traurig,« sagte er, während ihm die Tränen die Wangen herunterliefen. »Sie ist lustig und lacht und hofft, und doch ist ihre Lage hoffnungslos, mein Bester. Ihr Rettich haßt mich und will mir immer zu verstehen geben, daß ich schlecht gegen sie gehandelt habe. Er hat von seinem Standpunkt aus recht, aber ich habe auch meinen eigenen Standpunkt und bedauere in keiner Weise das, was geschehen ist. Wir alle müssen lieben, nicht wahr? Ohne Liebe gibt es kein Leben. Wer die Liebe fürchtet und flieht, der ist nicht frei.«
Allmählich kam er auf andere Themen zu sprechen und redete von der Wissenschaft und von seiner Dissertation, die in Petersburg gut gefallen habe; er sprach mit Begeisterung und dachte gar nicht mehr an meine Schwester, an seinen Kummer und an mich. Das Leben riß ihn mit. Sie hat ihr Amerika und den Ring mit der Inschrift, dachte ich mir, und er – seinen Doktortitel und die wissenschaftliche Karriere; nur ich und meine Schwester sind beim alten geblieben.
Nachdem ich mich von ihm verabschiedet, ging ich an die Laterne und las den Brief noch einmal durch. Es fiel mir so lebhaft ein, wie sie im Frühjahr eines Morgens zu mir auf die Mühle gekommen war und sich mit einem Schafpelz zugedeckt hatte – sie wollte einer einfachen Bäuerin gleichen. Ein anderes Mal, auch das war am frühen Morgen, als wir die Netze aus dem Wasser zogen, fielen auf uns von den Uferweiden große Regentropfen, und wir lachten so herzlich ....
In unserem Hause auf der Großen Adelsstraße war es dunkel. Ich kletterte über den Zaun, wie ich es in früheren Zeiten zu tun pflegte, und ging in die Küche, um mir mein Lämpchen zu holen. In der Küche war niemand; am Ofen summte der Samowar, der auf meinen Vater wartete. Wer mag ihm wohl jetzt den Tee einschenken? fragte ich mich. Ich nahm das Lämpchen, ging in die Hütte, machte mir aus den alten Zeitungen ein Lager zurecht und legte mich hin. Die Haken an den Wänden blickten ernst drein, und ihre Schatten bewegten sich. Es war kalt. Mir war es, als ob gleich meine Schwester kommen und mir das Abendbrot bringen würde, aber ich erinnerte mich, daß sie krank im Hause Rettichs lag, und es kam mir plötzlich sonderbar vor, daß ich über den Zaun geklettert war und hier in der ungeheizten Hütte lag. Mein Bewußtsein war getrübt, und allerlei Unsinn schwebte mir vor den Augen.
Nun klingelt es. Die Geräusche sind mir von Kindheit bekannt: zuerst raschelt der Draht an der Wand, dann ertönt in der Küche ein kurzes, klagendes Lauten. Der Vater ist aus dem Klub heimgekehrt. Ich stand auf und ging in die Küche. Als die Köchin Aksinja mich erblickte, schlug sie die Hände zusammen und fing zu weinen an.
»Liebes Kind!« sagte sie leise. »Mein Teurer! Ach Gott!«
In ihrer Aufregung begann sie an ihrer Schürze zu zerren. Auf der Fensterbank standen große Flaschen mit Beeren und Branntwein. Ich schenkte mir eine Teetasse voll ein und trank sie gierig aus, weil ich sehr durstig war. Aksinja hatte erst eben den Tisch und die Bänke gescheuert, und in der Küche roch es so, wie es in hellen, gemütlichen Küchen bei reinlichen Köchinnen zu riechen pflegt. Dieser Geruch und das Zirpen des Heimchens lockten uns in unseren Kindertagen nach der Küche und weckten in uns den Wunsch, Märchen zu hören und harmlose Kartenspiele zu spielen …
»Und wo ist Kleopatra?« fragte Aksinja leise, in großer Hast, den Atem zurückhaltend. »Und wo ist deine Mütze, Väterchen? Und deine Frau ist, wie man sagt, nach Petersburg verreist?«
Sie war schon bei meiner Mutter im Dienst gewesen und pflegte einst uns, mich und Kleopatra in einem Holztrog zu baden; auch jetzt noch betrachtete sie uns als Kinder, die sie zu erziehen hatte. In einer Viertelstunde hatte sie mir alle Erwägungen ausgekramt, die sie, seit wir uns nicht gesehen, in der Stille der Küche mit der Umsicht einer alten Magd aufgespeichert hatte. Sie sagte, daß man den Doktor zwingen könne, Kleopatra zu heiraten, – man müsse ihm nur ordentlich Angst machen und eine Bittschrift an den Bischof aufsetzen, damit er seine erste Ehe auflöse; dann wäre es gut, Dubetschnja hinter dem Rücken meiner Frau zu verkaufen und das Geld auf meinen Namen in die Bank zu tun; und wenn meine Schwester und ich unseren Vater kniefällig bitten wollten, so würde er uns vielleicht verzeihen; wir sollten auch eine Messe der Himmelskönigin lesen lassen ....
»Nun, geh doch, Väterchen, sprich mit ihm,« sagte sie, als man meinen Vater husten hörte. »Geh hin, sprich mit ihm und verbeuge dich vor ihm, der Kopf wird dir davon nicht abfallen.«
Ich ging. Der Vater saß schon am Tisch und zeichnete den Plan zu einer Villa mit gotischen Fenstern und einem dicken Turm, der wie ein Feuerwehrturm aussah, – es war furchtbar talentlos und trocken. Als ich in sein Zimmer trat, blieb ich so stehen, daß ich den Plan sehen konnte. Ich wußte nicht, weshalb ich zum Vater gekommen war, aber ich erinnere mich, daß ich beim Anblick seines mageren Gesichts, seines roten Halses und seines Schattens an der Wand ihm um den Hals fallen und mich vor ihm, wie mir Aksinja geraten, bis zum Boden verneigen wollte. Aber der Plan mit den gotischen Fenstern und dem dicken Turm hielt mich davon ab.
»Guten Abend,« sagte ich.
Er blickte mich an und senkte die Augen sofort wieder auf die Zeichnung.
»Was willst du?« fragte er nach einer Weile.
»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß meine Schwester schwer krank ist. Sie wird bald sterben,« fügte ich mit dumpfer Stimme hinzu.
»Was soll ich dazu sagen?« seufzte ter Vater. Dann nahm er die Brille ab und legte sie auf den Tisch. »Was man sät, das erntet man. Was man sät,« wiederholte er, vom Tische aufstehend, »das erntet man. Ich bitte dich, erinnere dich nur, wie du vor zwei Jahren zu mir kamst und wie ich dich hier auf dieser selben Stelle gebeten habe, deine Verirrungen zu bereuen, und zu dir von deiner Schuldigkeit, von der Ehre und von den Pflichten gegen deine Ahnen gesprochen habe, deren Traditionen wir heilig halten müssen. Hast du auf mich gehört? Du hast meine Ratschläge verachtet und hast an deinen falschen Anschauungen hartnäckig festgehalten; und noch mehr als das: du hast auch deine Schwester in deine Verirrungen hineingezogen und sie gezwungen, Moral und Scham aufzugeben. Nun geht es euch beiden schlecht. Was soll ich dazu sagen? Was man sät, das erntet man!«
Als er das sagte, ging er in seinem Zimmer auf und ab. Wahrscheinlich glaubte er, ich sei zu ihm gekommen, um meine Schuld zu bekennen; wahrscheinlich erwartete er, ich würde für mich und für meine Schwester bitten. Mich fröstelte, ich zitterte wie im Fieber, und ich sagte heiser mit großer Mühe:
»Auch ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, daß ich Sie an dieser selben Stelle angefleht habe, mich zu verstehen, sich in mich einzufühlen und zusammen mit mir die Frage zu untersuchen, wie und wofür wir leben sollen; als Antwort brachten Sie aber die Rede auf die Ahnen und auf den Großvater, der Verse geschrieben hat. Jetzt erzählt ich Ihnen, daß Ihre einzige Tochter sterben muß, und Sie reden wieder von Ahnen und Traditionen. Wie leichtsinnig ist das doch in Ihrem Alter, wo der Tod nicht mehr fern ist, wo Sie nur noch fünf, höchstens zehn Jahre zu leben haben!«
»Wozu bist du hergekommen?« fragte mein Vater streng. Er fühlte sich offenbar dadurch verletzt, daß ich ihm Leichtsinn vorgeworfen hatte.
»Ich weiß es nicht. Ich liebe Sie, es tut mir unaussprechlich leid, daß wir uns so fremd sind, – darum bin ich gekommen. Ich liebe Sie noch, aber meine Schwester hat sich von Ihnen endgültig losgerissen. Sie verzeiht nicht und wird es Ihnen nie verzeihen. Schon Ihr Namen allein weckt in ihr einen Ekel vor der Vergangenheit, vor dem Leben.«
»Und wer ist schuld?« schrie der Vater. »Du bist selbst schuld, du Taugenichts!«
»Gut, nehmen wir an, daß ich schuld bin,« sagte ich. »Ich bekenne es, ich bin an vielem schuld; warum ist aber Ihr Leben, das Sie auch uns aufdrängen wollen, so furchtbar langweilig, so geschmacklos, warum gibt es in allen den Häusern, die Sie in den dreißig Jahren erbaut haben, keinen Menschen, von dem ich lernen könnte, wie man leben soll, ohne Schuld auf sich zu laden? In der ganzen Stadt gibt es keinen einzigen ehrlichen Menschen! Alle Ihre Häuser sind verfluchte Nester, in denen die Mutter und die Töchter langsam hingemordet und die Kinder gequält werden … Meine arme Mutter!« fuhr ich verzweifelt fort. »Meine arme Schwester! Man muß sich ja mit Schnaps, Kartenspiel und Klatschereien betäuben, man muß heucheln und lügen oder jahrzehntelang Pläne zeichnen, um das Grauen nicht zu sehen, das in diesen Häusern wohnt. Unsere Stadt existiert schon seit Jahrhunderten und hat bisher dem Vaterlande noch keinen nützlichen Menschen geliefert, – keinen einzigen! Sie haben alles Lebensfähige, alles Originelle im Keime erstickt! Es ist eine Stadt der Krämer, der Schenker, der Kanzlisten, der Heuchler, eine unnütze, zwecklose Stadt, die keine Seele bedauern würde, wenn sie plötzlich in die Erde versänke.«
»Ich will dir nicht weiter zuhören, du Taugenichts!« sagte mein Vater und nahm ein Lineal vom Tisch. »Du bist betrunken. Unterstehe dich nicht, in solchem Zustande vor deinen Vater zu treten! Ich sage es dir zum letztenmal, und das sollst du auch deiner sittenlosen Schwester mitteilen, daß ihr von mir nichts bekommen werdet. Die widerspenstigen Kinde habe ich mir aus dem Herzen gerissen, und wenn sie unter ihrer Widerspenstigkeit leiden, so tun sie mir nicht leid. Du kannst gehen, woher du gekommen bist. Gott wollte mich durch euch strafen, und ich trage diese Prüfung in Demut und finde gleich Hiob Trost in meinen Leiden und in der Arbeit. Du darfst nicht über meine Schwelle treten, ehe du dich gebessert hast. Ich bin gerecht, alles, was ich sage, ist nützlich, und wenn du dir selbst Gutes willst, so mußt du dein Leben lang daran denken, was ich dir gesagt habe und jetzt sage.«
Ich winkte mit der Hand und ging hinaus. Was ich in der Nacht und am anderen Tage getrieben habe, weiß ich nicht mehr.
Man sagt, ich sei ohne Mütze, taumelnd und laut singend, durch die Straßen gelaufen, von Jungen verfolgt, die mir nachgeschrien hätten:
»Kleiner Nutzen! Kleiner Nutzen!«
XX
Wenn ich Lust hätte, mir einen Ring zu bestellen, so würde ich mir die Inschrift wählen: »Nichts vergeht«. Ich glaube, daß nichts spurlos vergeht und daß jeder kleinste Schritt eine Bedeutung für das gegenwärtige und für das zukünftige Leben hat.
Alles, was ich erlebt hatte, ging an mir nicht umsonst vorüber. Meine großen Leiden und meine Geduld haben die Herzen der Bürger gerührt und heute nennt mich niemand mehr »Kleiner Nutzen«, niemand lacht über mich, und, wenn ich durch den Markt gehe, begießt man mich nicht mehr mit Wasser. Alle haben sich schon daran gewöhnt, daß ich Arbeiter geworden bin und sehen nichts Merkwürdiges darin, daß ich, ein geborener Edelmann, Eimer mit Farbe herumschleppe und Scheiben einsetze; im Gegenteil, man gibt mir gerne Aufträge und hält mich für einen guten Meister und für den besten Unternehmer neben Rettich, der zwar gesund geworden ist und nach wie vor die Kirchenkuppeln ohne Gerüst anstreicht, aber nicht mehr die Kraft hat, mit seinen Gehilfen fertig zu werden; an seiner Stelle laufe ich jetzt auf der Suche nach Aufträgen herum, nehme Gesellen auf und entlasse sie wieder und leihe mir Geld gegen hohe Zinsen. Jetzt, wo ich selbst Unternehmer bin, kann ich es sehr gut begreifen, wie man wegen eines kleinen Auftrages drei Tage lang in der Stadt herumläuft, um Dachdecker zu suchen. Man behandelt mich höflich, sagt »Sie« zu mir und traktiert mich in den Häusern, wo ich arbeite, mit Tee oder läßt mich fragen, ob ich nicht zu Mittag mitessen möchte. Die Kinder und die jungen Mädchen kommen oft zu mir herein und schauen neugierig zu, wie ich arbeite.
Einmal arbeitete ich im Garten des Gouverneurs: ich mußte eine Laube anstreichen und marmorieren. Der Gouverneur kam auf seinem Spaziergange in die Laube und sprach mich aus Langweile an. Ich erinnerte ihn daran, wie er mich einst vorgeladen hatte. Er starrte mich eine Weile an, machte dann einen runden Mund und sagte:
»Ich erinnere mich nicht mehr!«
Ich bin alt geworden, bin schweigsam, ernst, streng, lache selten, und man sagt, daß ich Rettich ähnlich sähe und ebenso wie er meine Arbeiter mit nutzlosen Belehrungen langweile.
Maria Viktorowna, meine gewesene Frau, lebt im Auslande, und ihr Vater, der Ingenieur, baut irgendwo im Osten eine Eisenbahn und kauft dort Güter. Doktor Blagowo ist auch im Auslande. Dubetschnja gehört jetzt der Frau Tscheprakowa, die es vom Ingenieur mit zwanzig Prozent Nachlaß gekauft hat. Moïssej trägt bereits einen steifen Hut; er kommt oft in die Stadt in einem Rennwagen gefahren und hat irgendwelche Geschäfte auf der Bank. Man sagt, er hätte sich schon ein eigenes Gut gekauft und ziehe auf der Bank Erkundigungen wegen Dubetschnja ein, das er sich gleichfalls kaufen möchte. Der arme Iwan Tscheprakow trieb sich lange arbeitslos und versoffen in der Stadt herum. Ich versuchte, aus ihm einen Handwerker zu machen; eine Zeitlang strich er mit uns Dächer an, setzte Scheiben ein und stahl wie ein richtiger Maler Firnis, bettelte um Trinkgeld und soff. Die Arbeit machte ihm aber bald keinen Spaß mehr, und er kehrte nach Dubetschnja zurück; meine Arbeiter gestanden mir später, er hätte sie zu überreden versucht, nachts mit ihm zusammen den Moissej umzubringen unb die Generalin zu berauben.
Mein Vater ist sehr alt geworden. Er geht gebückt und spaziert abends in der Nähe seines Hauses. Ich besuchte ihn nicht.
Prokofy hat in der Cholerazeit die Kaufleute mit Pfefferschnaps und Teer behandelt und sich dafür bezahlen lassen. Ich erfuhr aus der Zeitung, daß er mit Rutenhieben bestraft wurde, weil er sich in seinem Fleischladen abfällig über die Aerzte geäußert hatte. Sein Nikolka ist an der Cholera gestorben. Karpowna ist noch am Leben und liebt und fürchtet ihren Prokofy nach wie vor. Sooft sie mich sieht, schüttelt sie traurig den Kopf und seufzt:
»Verloren ist dein Kopf!«
An Wochentagen bin ich vom Morgen bis zum Abend beschäftigt. An Feiertagen nehme ich aber bei schönem Wetter meine kleine Nichte (meine Schwester hatte einen Jungen erwartet, aber ein Mädchen bekommen) auf den Arm und gehe auf den Friedhof. Dort stehe oder sitze ich und blicke lange auf das mir teure Grab und sage der Kleinen, daß hier ihre Mama liegt.
Am Grabe treffe ich manchmal Anjuta Blagowo. Wir begrüßen uns und stehen stumm da, oder sprechen von Kleopatra, von ihrem Mädchen, und wie traurig dieses Leben sei. Wenn wir dann den Friedhof verlassen, verlangsamt sie absichtlich die Schritte, um möglichst lange mit mir zusammengehen zu können. Die Kleine ist vergnügt und glücklich, sie kneift die Aeuglein vor dem grellen Sonnenlichte zusammen und streckt lachend ihre Händchen nach ihr aus, und wir bleiben stehen und liebkosen das liebe Kind.
Wenn wir aber in die Stadt kommen, wird Anjuta aufgeregt und rot; sie verabschiedet sich von mir und setzt solid und streng ihren Weg allein fort … Und keiner von den Vorübergehenden wird ihr ansehen, daß sie soeben neben mir gegangen ist und sogar das Kind liebkost hat.
Das Ende des Komödianten
Übersetzt von Korfiz Holm
Der Heldenvater und Bonvivant Tschipzow, ein hochgewachsener, vierschrötiger Mann, der nicht nur wegen seines Bühnentalents, sondern auch seiner ungewöhnlichen physischen Kraft wegen berühmt war, hatte sich während der Vorstellung mit dem Direktor gezankt und mitten in der hitzigsten Schimpferei auf einmal gespürt, wie ihm in der Brust etwas zerrissen war. Gewöhnlich fing der Direktor am Schlusse jeder solchen erregten Auseinandersetzung hysterisch zu lachen an und fiel dann in Ohnmacht, heute aber hatte Tschipzow dieses Ende der Diskussion nicht abgewartet, sondern hatte gemacht, daß er heimkam. Der Zank und das Gefühl dieses Risses in der Brust hatten ihn so aufgeregt, daß er vergessen hatte, sich vor dem Verlassen des Theaters abzuschminken. Nur den Bart hatte er sich abgerissen.
In seinem Hotelzimmer ging Tschipzow lange auf und ab, aus einer Ecke in die andere, dann setzte er sich auf das Bett, stützte den Kopf in die Fäuste und verfiel in Gedanken. So saß er, ohne sich zu rühren oder einen Laut auszustoßen, bis zum folgenden Tag um zwei Uhr, wo der Komiker Sigajew zu ihm hereinkam.
»Du, Hanswurst Iwanowitsch, warum warst du nicht auf der Probe?« stürzte der Komiker auf ihn los, er atmete asthmatisch und verbreitete einen scharfen Branntweindunst im Zimmer. »Wo hast du gesteckt?«
Tschipzow antwortete nicht, sondern starrte den Komiker nur mit trüben, umschminkten Augen an.
»Wenn er sich nur die Fresse gewaschen hätte!« fuhr Sigajew fort: »Schäm dich! Vollgesoffen hat er sich, oder … bist du krank, was? Ja, warum sagst du denn nichts? Ich frag dich, ob du krank bist?«
Tschipzow schwieg. So verschmiert sein Gesicht auch war, als der Komiker näher zusah, konnte er nicht umhin, seine erschreckende Blässe, den kalten Schweiß und das Zittern seiner Lippen zu bemerken. Seine Arme und Beine zitterten ebenfalls, und der ganze kolossale Körper des riesigen Bonvivants schien gewissermaßen verknüllt, flach gedrückt. Der Komiker sah sich schnell im Zimmer um, aber er erblickte weder Gläser noch Flaschen, noch sonst welche verdächtigen Gefäße.
»Also, Mischutka, du bist krank!« sagte er aufgeregt. »Straf mich Gott, du bist krank! Du hast ja gar kein richtiges Gesicht!«
Tschipzow schwieg und sah niedergeschlagen zu Boden.
»Du mußt dich erkältet haben!« fuhr Sigajew fort und faßte seine Hand, »was für heiße Hände du hast! Was tut dir denn weh?«
»I–ich will nach Hau–Hause,« murmelte Tschipzow.
»Ja, bist du denn vielleicht nicht zu Hause?«
»Nein … Nach Wjasma …«
»O je, was du dir ausdenkst! Nach Wjasma kommst du in drei Jahren nicht … Was, zu Papa und Mama will er? Du lieber Gott, die sind dir längst verfault, nicht mal ihre Gräber wirst du finden können …«
»Es ist meine Hei–Heimat …«
»Na, na, werd' nur nicht so melancholisch. Das sind so psychopathische Gefühle, alter Freund, laß das … Werd' gesund, morgen mußt du im ›Knjas Serebjannyj‹ den Mitjka spielen. Es ist ja kein anderer da. Trink was Heißes und nimm Rizinusöl. Hast du Geld zu Rizinusöl? Oder wart' mal, ich laufe und hol' dir welches.«
Der Komiker suchte in seinen Taschen, fand fünfzehn Kopeken und lief in die Apotheke. Nach einer Viertelstunde kam er wieder.
»Na, trink!« sagte er und hielt dem Heldenvater das Fläschchen an den Mund: »Gleich aus der Buddel … Mit einem Ruck! So … Und jetzt iß mal eine Gewürznelke, damit dir von dem Dreck nicht übel wird.«
Der Komiker saß noch eine Zeitlang beim Kranken, dann küßte er ihn zärtlich und ging. Gegen Abend sprach der erste Liebhaber, Brahma-Glinskij, bei Tschipzow vor. Dieser talentvolle Künstler hatte Halbschuhe mit Tucheinsätzen an den Füßen, auf der linken Hand trug er einen Handschuh, er rauchte eine Zigarette und hatte sogar einen Heliotropduft an sich, sah aber nichtsdestoweniger sehr einem Reisenden ähnlich, der in ein Land verschlagen ist, wo es weder Badeanstalten, noch Waschfrauen, noch Schneider gibt …
»Du bist krank, hör' ich,« so wandte er sich an Tschipzow und drehte sich auf dem Absatz herum. »Was ist dir? Ja, zum Kuckuck, was ist dir?«
Tschipzow schwieg und rührte sich nicht.
»Warum sagst du nichts? Ist dir schwindlig im Kopf? Was? Na, schweig' meinetwegen, ich sage gar nichts … Schweig …«
Brahma-Glinskij (so heißt er auf dem Theater, in seinem Paß figuriert der Name Gußjkow) ging zum Fenster, steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute auf die Straße hinaus. Vor seinen Augen breitete sich ein großer freier Platz, von einem grauen Zaun umgeben, an dem sich ein ganzer Wald von vorjährigen Klettenstauden entlang zog. Hinter dem freien Platz sah man eine dunkle, verfallene Fabrik mit dicht vernagelten Fenstern. Um den Schornstein zog eine verspätete Dohle ihre Kreise. Ueber dies ganze langweilige, unbelebte Bild legte sich schon langsam die Abenddämmerung.
»Nach Hause will ich!« hörte der jugendliche Liebhaber.
»Wohin? Nach Hause?«
»Nach Wjasma … in meine Heimat… .«
»Bis Wjasma sind's fünfzehnhundert Werst… .« seufzte Brahma-Glinskij und trommelte auf den Scheiben. »Was willst du denn in Wjasma?«
»Dort möchte ich sterben… .«
»Aha, das fehlte grade! Was du dir ausdenkst! Zum erstenmal im Leben ist er krank, und gleich bildet er sich ein, jetzt ist der Tod da… . Nein, Freundchen, so einen Büffel wie dich kriegt keine Cholera klein. Hundert Jahre wirst du mindestens… . Was tut dir denn weh?«
»Weh tut mir nichts, aber ich fühl' es… .«
»Nichts fühlst du. Das ist alles nur überschüssige Gesundheit. Die Kräfte rumoren in dir. Du solltest dich tüchtig bekneipen, so saufen, weißt du, daß deine ganze Natur sich umdreht. Der Suff ist was wunderbar Erfrischendes… . Weißt du noch, wie du dich in Rostow am Don vollgenommen hattest? Herr, du mein Gott, ich denke mit Schrecken zurück! Das Fäßchen mit dem Branntwein konnten Sascha und ich zu zweit mit Mühe hereinschleppen, und du trankst es allein aus, und dann ließt du noch Rum holen… . Du warst so voll, daß du mit einem Sack Teufel fingst und eine Gaslaterne mit der Wurzel ausrissest. Weißt du noch? Und dann gingst du noch, Griechen verprügeln… .«
Unter dem Einfluß so angenehmer Erinnerungen hellte sich Tschipzows Gesicht ein wenig auf, und seine Augen fingen zu blitzen an.
»Aber weißt du noch, wie ich den Direktor Sawoitin durchgehauen habe?« murmelte er und hob den Kopf. »Aber das ist ja nicht der Rede wert! Dreiunddreißig Theaterdirektoren hab' ich in meinem Leben verhauen, und was so Leute zweiter Güte angeht, da weiß ich selbst nicht mehr, wieviel. Und was für Direktoren hab' ich gehauen! Kerle, wo der Wind Angst hatte, sie anzublasen! Zwei berühmte Schriftsteller hab' ich durchgehauen, und einen Kunstmaler!«
»Warum weinst du denn?«
»In Chersson hab' ich einen Gaul mit der bloßen Faust erschlagen. Und in Taganrog überfielen mich mal in der Nacht Strolche, fünfzehn Stück. Ich nahm ihnen einfach die Mützen weg, und sie liefen hinter mir her und baten: ›Gnädiger Herr, gib uns unsere Mützen wieder.‹ Ja, das haben wir alles mitgemacht.«
»Was weinst du denn, Schaf?«
»Aber jetzt: matsch … Ich fühl's. Nach Wjasma möcht ich!«
Es trat eine Pause ein. Nach einem kurzen Schweigen sprang Tschipzow plötzlich auf und griff nach seiner Mütze. Er sah verwirrt aus.
»Adieu! Ich fahr' nach Wjasma!« sagte er und taumelte.
»Und das Reisegeld?«
»Hm! … Ich geh' zu Fuß!«
»Du bist ja duselig …«
Sie sahen einander an, wahrscheinlich, weil in ihren Köpfen auf einmal derselbe Gedanke auftauchte … Der Gedanke an unübersehbare Felder, unendliche Wälder, Sümpfe.
»Du bist ja übergeschnappt, scheint's!« entschied der jugendliche Liebhaber. »Weißt du was, Freundchen … Jetzt leg dich vor allen Dingen hin, und dann trink Kognak mit Tee, das treibt den Schweiß heraus. Na, und dann Rizinusöl, selbstverständlich. Wart' mal, wo kriegen wir nur Kognak her?«
Brahma-Glinslij überlegte und beschloß, in den Laden der Frau Zitrinnikow zu gehen und bei ihr wegen des Kredits auf den Busch zu klopfen: vielleicht würde das Frauenzimmer Mitleid haben und ihn auf Borg hergeben! Der jugendliche Liebhaber ging und kehrte nach einer halben Stunde mit einer Flasche Kognak und Rizinusöl zurück. Tschipzow saß nach wie vor unbeweglich auf dem Bett, schwieg und starrte auf den Boden. Das Rizinusöl, das sein Kollege ihm anbot, trank er wie ein Automat, ohne daß es ihm zum Bewußtsein gekommen wäre. Wie ein Automat saß er hernach am Tisch und trank Tee mit Kognak. Mechanisch trank er die ganze Flasche leer und ließ sich von seinem Kollegen zu Bett bringen. Der jugendliche Liebhaber deckte ihn mit der Decke und seinem Mantel zu, empfahl ihm, tüchtig zu schwitzen, und ging.
Die Nacht kam. Tschipzow hatte eine ganze Menge Kognak getrunken, schlafen konnte er aber nicht. Er lag unbeweglich unter seinen Hüllen und schaute zur dunklen Decke hinauf. Dann erblickte er den Mond, der ins Fenster schien, und wandte die Augen von der Decke auf den Trabanten der Erde und lag so mit offenen Augen bis zum Morgen. Am Morgen, um neun, stürmte der Direktor Schukow herein.
»Wie, mein Engel, Sie sind nicht wohl?« gackerte er los und machte eine krause Nase. »Oh, oh! Kann man mit so einer Natur überhaupt unwohl sein? Ob, oh, schämen Sie sich! Und ich hab' mich erschreckt, müssen Sie wissen! Am Ende, hab' ich mir gedacht, hat unser Zwist ihn so mitgenommen? Teuerster, ich hoffe, daß ich es nicht war, der Sie krank gemacht hat! Sehen Sie, und Sie haben mir ja auch, gewissermaßen … Und außerdem geht's ohne das unter Kollegen mal überhaupt nicht ab. Sie haben mich ja auch geschimpft und … und sind mit den Fäusten auf mich los, aber ich, ich hab' Sie gern! Bei Gott, ich hab' Sie gern! Ich schätze Sie sehr und hab' Sie gern! Na, sagen Sie doch selbst, warum ich Sie so gern habe? Sie sind mit mir weder verwandt, noch verschwägert oder verheiratet, aber wie ich hörte, Sie wären unwohl, ist es mir durch und durch gegangen, wie ein Messer.«


