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»Ja, ich bin auch vergesslich, das passiert mir oft. Aber wenn es dir wieder einfällt, kannst du mich anrufen«, erwidert Sanaa und öffnet ihm damit eindeutig eine Tür. Wenn Tarek sein Herz sprechen ließe, würde er sagen: »Du bist die schönste Frau, die jemals auf dieser Welt gelebt hat. Ich bin so sehr in dich verliebt, und wenn es keinen Gott gäbe, würde ich dich anbeten«, aber das sagt man nicht. Tarek zieht sein Handy aus der Tasche und reicht es ihr. Sie tippt blitzschnell ihre Nummer ein und gibt es ihm zurück. Dabei streifen ihre Finger scheinbar unabsichtlich seine Hand, während sie sich in die Augen blicken. Tarek ist wie elektrisiert, er kann es kaum glauben, er hat Sanaa berührt.
»So, jetzt muss ich gehen. Meine Freundinnen warten draußen«, lächelt sie ihm zu, dreht sich um und geht. Tarek bleibt unbeweglich stehen und schaut ihr nach. Er blickt auf sein Handy und speichert die Nummer unter »Traumfrau«.
Dann läuft er schnell hinaus zu der Bank vor dem Fakultätsgebäude für Literatur, bei der er sich immer mit seinen Freunden trifft. In dem großen Garten gibt es mehrere Bänke, eine davon ist »ihre«, und ohne sich etwas auszumachen, finden sie sich immer dort. Tareks Freunde teilen seine kritische Haltung gegenüber dem Regime, und wenn sie unbeobachtet sind, drehen sich ihre Gespräche immer um Politik. Als er die Bank erreicht, sitzen dort schon Mohanad und Hibba, mit denen er seit Studienbeginn befreundet ist. Mohanad ist ein zuvorkommender blonder Syrer mit blauen Augen, der wie ein Skandinavier aussieht, dessen Familie aber schon seit Generationen in Damaskus lebt. Aber wer sich mit der Geschichte der Stadt auskennt, wundert sich nicht über das unterschiedliche Aussehen ihrer Menschen. Wenn Mohanad mit seinem breiten Damaszener Dialekt spricht, wirkt es wie ein synchronisierter Film, weil sein Aussehen nicht zu seiner Sprache passt. Hibba kommt aus Hama und lebt seit drei Jahren mit ihrem Bruder in einer der wilden Siedlungen am Rand von Damaskus, in denen ohne Planung drauflosgebaut wird und wo jeder sich selbst darum kümmern muss, sein Haus mit Strom und Wasser zu versorgen. Wegen der unzähligen Kabel für Strom und Telefon, die einander völlig willkürlich überschneiden, sieht man den Himmel kaum. Hibba ist wortgewandt und politisch sehr interessiert. Sie ist eine entschiedene Gegnerin der herrschenden Baath-Partei, denn ein Großteil der Familie ihres Vaters wurde 1982 in dem Massaker von Hama ermordet.
Tarek nähert sich der Bank mit Tanzschritten und einem Lied auf den Lippen. »Was ist los? Einen so glücklichen Tarek haben wir noch nie gesehen«, wundert sich Mohanad. »Sie hat mir ihre Nummer gegeben, sie hat mir ihre Nummer gegeben!« Hibba und Mohanad schauen ihn mit großen Augen an. »Sanaa?«, fragt Hibba.
»Ja, und ich habe sogar ihre Hand berührt«, sagt Tarek und tanzt weiter.
»Gratuliere! Aber du bist doch kein Höhlenbewohner, der noch nie eine Frau berührt hat«, wundert sich Mohanad.
»Das war keine Berührung, das war ein göttlicher Augenblick. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt!«, erklärt Tarek und betont seine Worte mit breiter Gestik.
»Ich freue mich für dich. Aber wie weit, glaubst du, wirst du mit ihr gehen? Du hast sicher nicht vergessen, welcher Konfession sie angehört!«, versucht Hibba, Tarek wieder auf den Boden zurückzuholen. Tarek zuckt die Schultern und antwortet nicht. »Sie ist Alawitin und die Tochter eines Hochrangigen. Wenn du mehr als eine Freundschaft willst, wirst du Unruhe auslösen. Alawiten geben nie einem Sunniten ihre Tochter zur Frau!«, setzt Hibba fort, und ihr Hass auf die Alawiten ist spürbar. »Jetzt zerstör doch nicht die Freude eines Verliebten, er muss sie ja nicht gleich heiraten!«, meint Mohanad. »Außerdem weiß jeder hier auf der Uni, dass der durchgeknallte Saker ständig Sanaas Nähe sucht. Die sind auch Alawiten, und Sanaas Vater wird seine Tochter sicherlich eher dem Sohn eines hohen Geheimdienstlers geben als dir«, wendet Hibba noch ein.
»Da hat Hibba zwar recht, aber jetzt hast du so lange auf diesen Moment gewartet und uns mit deinen Plänen gelöchert. Wir müssen feiern, dass du sie endlich angesprochen hast! Du lädst uns jetzt auf einen Tesqehe bei Buz-Al-Gedi ein!«, schlägt Mohanad vor. Das Restaurant Buz-Al-Gedi liegt in der Shaalan-Straße, nicht weit vom Universitätsgelände, und ist berühmt für traditionelle Damaszener Gerichte.
»Nicht nur Tesqehe, ich kaufe euch das ganze Restaurant!«, ruft Tarek überschwänglich.
»Und die Vorlesung?«, wendet Hibba ein.
»Komm, lass uns gehen. Professor Smail erzählt in der ersten Stunde ohnehin nur von den Problemen mit seiner Frau. Ich kaufe nachher in der Bibliothek eine Zusammenfassung der Vorlesung«, wischt Tarek Hibbas Einwand euphorisch zur Seite und geht bereits los.
Nur vom Denken an das köstliche Frühstück aus Kichererbsen und gebratenen Fladenbrotstücken in einer Soße aus Joghurt, Sesampaste und Zitronensaft läuft den dreien das Wasser im Mund zusammen. Sie verlassen das Gelände über den Weg des Jasmins, einen kurzen Pfad durch den Garten, an dessen beiden Seiten Jasminsträucher zu einem Tunnel zusammengewachsen sind. Es riecht intensiv nach den weißen Blüten, ein Geruch, der in die Seele eindringt und Tote wieder zum Leben erweckt.
Arraqa, August 2015
Abu Khadeifa folgt Abu Faruk, der Sanaa mitgenommen hat, und sie steigen die Treppen hinauf. Die unteren Ebenen sind den Funktionären, hochrangigen Kämpfern und dem Gericht vorbehalten. In den oberen Stockwerken sind die Gefängnisse. Ganz oben sind die bedeutendsten Gefangenen untergebracht. Alle Gegner des IS wurden davon in Kenntnis gesetzt, damit dieses Gebäude vor Luftangriffen geschützt ist. Am Treppenabsatz zum vierten Stock müssen die Männer zurückbleiben. »Du weißt, dass der vierte Stock den Frauen vorbehalten ist«, sagt ein Wärter, der den Eingang zum Frauenbereich bewacht. Abu Khadeifa ist kurzzeitig irritiert. »Mich beschäftigt etwas, ich bin mir über die Identität dieser Frau nicht sicher«, stottert er. Dann fasst er sich und setzt fort: »Ich muss mit Um Baakr über den Vorfall reden und ihr von meinen Zweifeln berichten. Meine Beobachtungen werden ihr bei der Befragung sicher helfen.« Der Soldat schaut ihn zweifelnd an. »Bleibt hier stehen, ich hole sie«, erklärt er und verschwindet hinter der großen Tür. Der Zutritt zum Frauenbereich ist für alle Kämpfer ausnahmslos verboten. Vor dieser strikten Regelung gab es massive Probleme, weil immer wieder Kämpfer um bestimmte Frauen gestritten haben.
Nach einigen Minuten öffnet sich die Tür und eine Frau in Uniform geht auf Abu Khadeifa zu. »Was willst du mir sagen?«, fragt sie mit ihrer tiefen, fast männlich klingenden Stimme und baut sich vor ihm auf. Abu Khadeifa tritt einen Schritt zurück. So wie alle anderen Kämpfer hat er Scheu vor Um Baakr. Sie ist ungefähr vierzig, ihr Gesicht ist durch eine Brandnarbe entstellt, eine Augenbraue fehlt, der Mund ist verzogen. Alle haben Respekt vor ihr, nicht wegen ihrer etwas beängstigenden Erscheinung, sondern weil sie als erste Frau im IS eine wichtige Funktion bekam und Alleinherrscherin über das vierte Stockwerk ist.
In diesem Gerichtsgebäude werden alle straffällig gewordenen Frauen und insbesondere die Sabaya festgehalten und auf die nächstmögliche Ehe vorbereitet. Sabaya sind Frauen anderer Religionen, die im Krieg »erbeutet« wurden. Der IS bestimmt sie als Sklavinnen für die Kämpfer. Besonders gilt das für Jesidinnen und Alawitinnen. Christinnen haben die Möglichkeit, Algesia zu zahlen, Tribut, Steuer, um ihren Glauben behalten zu dürfen. Für arme Christinnen beträgt diese Algesia einhundert Euro, das ist viel Geld, reiche hingegen werden mit sechshundert Euro besteuert. Christen werden als »Träger des Heiligen Buches« gesehen, daher ist diese Religion anerkannt. Jesiden, Alawiten wie auch Schiiten gelten als Abtrünnige und haben nur die Wahl, sich zum »richtigen« Islam zu bekennen oder getötet zu werden. Die Frauen aber können versklavt werden und dürfen an Kämpfer für ungefähr 1500 Euro – das entspricht dem Preis einer Kalaschnikow – verkauft werden.
»Es ist wegen dieser Frau«, erklärt Abu Khadeifa fast unterwürfig. »Wir haben ihr Gepäck und ihre Papiere an der Sicherheitskontrolle untersucht. Und nichts deutet darauf hin, dass sie Alawitin ist. Aber die Frau, die im Bus neben ihr saß, hat uns nachdrücklich versichert, dass sie an der Grenzstelle von einem Regime-Söldner erkannt und mit dem Namen ›Sanaa‹ angesprochen wurde. Sie hat den Söldner gebeten, mit ihr kurz den Bus zu verlassen, und ist nach einigen Minuten wieder eingestiegen. Das schien der Frau neben ihr verdächtig und sie hat versucht, auf dem Handy mitzulesen. Dabei hat sie festgestellt, dass diese Sanaa Alawitin ist.«
Um Baakr nickt und stellt fest: »Das ist meine Arbeit. Ich weiß schon, wie ich das mache.« Sie dreht sich um, gibt Abu Faruk den Befehl, mit Sanaa in das letzte Zimmer am Flur zu gehen und danach sofort wieder auf seinen Posten im Erdgeschoss zurückzukehren, und verschwindet wieder hinter der Tür, durch die sie gekommen war.
Arraqa, August 2015
Ich werde durch einen langen Flur mit vielen Türen geführt. Manche sind geschlossen, einige sind offen, in diesen Zellen sitzen Frauen mit angstvollem Gesichtsausdruck, manche sind gefesselt. Uns kommt eine Frau in Uniform entgegen, die zwei aneinandergefesselte Frauen hinter sich herzieht. Beide tragen ein weißes Gewand, das ihren Körper fast vollständig bedeckt, und bewegen sich, ohne eine Miene zu verziehen, wie seelenlose Roboter. Ich blicke in ihre Gesichter und ihre Augen sind leer. »Für wen sind diese Frauen, Schwester?«, fragt Abu Faruk neugierig.
»Es sind abtrünnige Jesidinnen für zwei unserer heldenhaften Brüder an der südlichen Front.« Abu Faruks Augen beginnen bei diesen Worten lüstern zu glänzen.
Meinen Körper durchzuckt es wie ein Blitz, als ich höre, was für ein Schicksal vermutlich auch mich erwartet. Abu Faruk öffnet wie angewiesen die letzte der Türen, schiebt mich in die Zelle und fordert mich auf, mich auf den Boden neben eine kauernde Frau zu setzen. Sie hat ihren Kopf auf die Knie gelegt und blickt nicht auf. Er stößt mich zu Boden und hockt sich vor mich hin. Er starrt mich an und blickt immer wieder zwischen meinen Augen und meinem Mund hin und her. Er rutscht immer näher an mich heran. »So eine Schönheit hat unser Gebäude noch nie vorher betreten. Wenn du wirklich eine Alawitin bist, wirst du sicher schnell gekauft werden. Leider habe ich für dich kein Geld mehr, ich habe mein ganzes Geld für eine bei weitem hässlichere Frau ausgegeben«, flüstert er und kommt immer näher. Ich spüre schon seinen heißen Atem, und es ekelt mich vor dem Geruch nach Rauch. Ich versuche, meinen Kopf gegen die Wand zu drücken, um möglichst weit von Abu Faruk weg zu sein. Die Frau neben mir bricht in Tränen aus. »Das Militär wird bald kommen. Sie werden uns sicher befreien!«, stößt sie unter Schluchzen hervor, ohne ihren Kopf zu heben. Abu Faruk schlägt sie auf den Kopf, um sie zum Schweigen zu bringen: »Hör auf, du jesidisches Miststück!«
Da öffnet sich die Tür und Um Baakr stürzt herein: »Warum sitzt du so nah bei ihr! Abu Faruk, steh auf und verschwinde!«
Abu Faruk erhebt sich enttäuscht und geht mit langsamen Schritten hinaus. Um Baakr blickt zu uns beiden. Da bemerkt sie Blut auf dem blauen Kleid der Jesidin. »Bist du verletzt oder hast du deine Periode?« Die Frau antwortet nicht. Um Baakr ruft laut nach einer Soldatin. »Marua!« Dann wendet sie sich wieder an die Jesidin: »Du solltest dich auf diese Ehe einlassen! Wenn du so weitermachst, wirst du nicht überleben. Du solltest deinem Ehemann gehorchen.«
Marua steht in der Tür. »Was befehlen Sie?«, fragt sie. An ihrem Dialekt erkenne ich, dass sie aus dem Maghreb kommt, vielleicht ist sie eine jener Tunesierinnen, die sich dem IS angeschlossen haben, weil sie dem Aufruf eines ägyptischen Scheichs gefolgt sind, sich als Sexualpartnerinnen zur Verfügung zu stellen, um den Kämpfern Entspannung während der harten Kämpfe zu bringen und Nachkommen für das Kalifat zu gebären.
»Marua, nimm sie mit und schau nach, warum sie blutet«, befiehlt Um Baakr.
Marua zerrt die Frau grob in die Höhe und stößt sie aus dem Raum. Um Baakr wirft mir einen schneidenden Blick zu und richtet ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich. Sie zieht meinen Ausweis aus der Tasche, die sie vorher von Abu Faruk bekommen hatte.
»Antworte mir schnell auf meine Fragen, ohne lang nachzudenken. Wie heißt du, mit vollem Namen«, fordert Um Baakr mich auf.
»Nadia Mohamed Thabet,« antworte ich, ohne zu zögern.
»Wann bist du geboren?«
»Am 9.4.1990.«
»Wo wurde dein Ausweis ausgestellt?«
» Sarouja, Damaskus Stadt.«
»Wann wurde er ausgestellt?«
Da zögere ich: »Ich kann mich nicht erinnern.«
»Gut«, sagt Um Baakr, »es wäre verdächtig, wenn du das auswendig wüsstest.«
Ich vermeide während dieser Befragung jeden Augenkontakt und schaue zu Boden. Nach einigen Augenblicken des Schweigens verlangt Um Baakr von mir, mich nackt auszuziehen. Sie untersucht meine Kleidung und auch meinen Körper ganz genau. Wonach sie sucht, sagt sie nicht. Anschließend untersucht sie meinen Rucksack akribisch, während ich mich wieder anziehe. In einer Außentasche findet sie mein Handy und steckt es sofort in ihre Hosentasche. »Das schaue ich mir später an.« Dann kramt sie weiter. »Und was ist das?«, fragt Um Baakr und zieht einen Plastikbeutel voller Medikamentenschachteln heraus und schüttelt ihn. »Das sind meine Medikamente«, sage ich mit leiser Stimme. »Was hast du?«, will Um Baakr wissen und zieht eine Augenbraue in die Höhe. Ich zeige mich irritiert und zögere mit der Antwort.
Um Baakr schaut mich noch immer abwartend an. »Ich habe diese Medikamente nur zur Vorsorge mit«, antworte ich mit zitternder, unsicherer Stimme. Um Baakr sieht sich die einzelnen Schachteln genauer an. »Glaubst du, ich bin dumm? Das sind keine normalen Schmerzmittel, das sind Spritzen und Hormonpräparate.« Ich gebe mich wieder irritiert und schweige. Um Baakr wird ärgerlich, packt mich am Kopftuch und drückt mich gegen die Wand. Ihr wütendes Gesicht kommt ganz nah und sie schreit in mein Ohr: »Du bist hier nicht von einer kleinen Bande entführt worden. Wir sind ein Staat, wir haben Ärzte und Krankenhäuser. Rück einfach mit der Wahrheit heraus!«
Da beginne ich mit weinerlicher Stimme zu erzählen: »Ich habe Gebärmutterkrebs und ich habe gehört, dass im Islamischen Staat Menschen mit unheilbarer Erkrankung gnadenhalber getötet werden.« Ich bin gerade selbst überrascht von meiner Fähigkeit zu schauspielern. Dass ich eine so begabte Lügnerin bin, habe ich bisher nicht gewusst. Die Medikamente sind in Wirklichkeit für die Schwester meiner Freundin Samah bestimmt, die in Erbil lebt. Krebsmedikamente sind in Syrien trotz des jahrelangen Krieges immer noch billiger als im Irak. Sie zu meiner Verteidigung zu verwenden, war nicht geplant. Auch die Idee der Euthanasie ist mir erst jetzt gekommen, um überzeugend zu wirken.
»Was für ein Schwachsinn! Wer hat dir so etwas erzählt? Jeder, dem langweilig ist, erzählt irgendwelche Märchen über den IS.« Um Baakr ist verärgert. Wir schweigen beide. Ich setze mich auf das kleine Bett, das als einziger Einrichtungsgegenstand in dem schmalen Zimmer an der Wand steht, und starre auf den Boden. Um Baakr schaut mich nachdenklich an. »Bist du gerade rein, um beten zu können?«, fragt sie. Ich schüttle den Kopf. »Dann komm mit mir auf die Toilette, um den Wudū zu machen.« Als Um Baakr die Türe der Toilette im Nebenraum öffnet, treffen wir dort Marua, die tunesische Soldatin, und die jesidische Frau, die gerade gekrümmt über dem Toilettenloch steht und erbricht.
»Ich kann nicht herausfinden, warum sie blutet, ich glaube nicht, dass es nur ihre Periode ist. Sie spricht nicht mit mir. Sollen wir sie ins Krankenhaus bringen?«, fragt Marua Um Baakr verzweifelt. »Nein. Bring sie ins Erdgeschoss in den Entlassungsraum, ihr irakischer Ehemann soll sie heute wieder abholen«, ordnet sie an. »Er soll sich darum kümmern. Er ist so stur, er hat seine Kalaschnikow verkauft, um den Kaufpreis für sie zusammenzubringen, er wird sich etwas einfallen lassen. Und, Marua, bevor du das machst, bring mir einen Gebetsteppich in das kleine Zimmer«, fügt sie hinzu.
Ich kann gerade kein Mitleid mit dieser Frau empfinden, ich bin ganz im Überlebensmodus und nur auf mich konzentriert. Ich nähere mich dem Waschbecken und beginne unter den scharfen Blicken Um Baakrs mit der rituellen Waschung. Ich wasche Kopf, Arme, Mund, Ohren und Füße dreimal, um beten zu dürfen.
Der Zustand der Toilette steht in krassem Widerspruch zur Idee der Reinigung. Becken und Fußboden sind sehr schmutzig. Ich mache so weit alles richtig, Um Baakr legt keinen Widerspruch ein. Zurück im Zimmer, stelle ich mich gleich auf den Gebetsteppich. »Zähl mir die fünf Säulen des Islam auf«, fordert Um Baakr zu überzeugen.
»Das Glaubensbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammed ist sein Prophet, das Beten: die fünf Gebete am Tag, das Fasten, Al Zakat: soziale Pflichtabgaben, und die Pilgerfahrt nach Mekka«, antworte ich mit leiser Stimme. Wie alle Prediger des IS glaubt Um Baakr, dass Alawiten keine Moslems sind. Sie halten uns für Abtrünnige, für Alkoholtrinker, sie denken, dass wir Frauen ohne Kopftuch auf die Straße gehen dürfen und uns mit dem Islam nicht auskennen. Aber diese Vorurteile sind gerade von Vorteil, denn sie helfen mir, Um Baakrs zu überzeugen.
»In Ordnung, und was für eine Gebetszeit ist jetzt?«, fragt sie streng.
»Nachmittag, oder?«, antworte ich.
»Dann beginne jetzt«, nickt sie.
»Ist der Gebetsteppich in Richtung Mekka gelegt?«, frage ich sie.
»Bete jetzt«, herrscht mich Um Baakr an.
Ich spreche die Vorbereitungssätze, die ähnlich den Rufen des Muezzins vom Minarett sind, und bete nach sunnitischer Art. Als ich die letzten Worte im Knien ausspreche, breche ich in lautes Weinen aus. »Warum macht ihr das mit mir? Ich will nur zu meinem Mann nach Erbil! Lasst mich weiterreisen. Die Frau im Bus ist sicher dement«, stoße ich unter Schluchzen hervor.
»So einfach wirst du nicht wieder gehen dürfen, hör auf zu weinen, ich habe jetzt keine Zeit für dich«, mit diesen Worten ergreift Um Baakr meinen Rucksack und öffnet genervt die Türe.
»Warte kurz, lass mich bitte meine Medikamente nehmen. Kann ich noch ein Glas Wasser haben?«, bitte ich. Um Baakr schaut mich ein paar Sekunden regungslos an, dann nickt sie langsam und verlässt das Zimmer. Ich versuche, das Geschehene zu verarbeiten. Das kann doch nicht real sein? Das muss ein böser Traum sein. Ich denke verzweifelt nach, wie ich meinen Vater und Tarek über diese Ereignisse informieren könnte. Das war die dümmste Idee der Welt, durch das IS-Gebiet zu fahren … Möge Gott Salim Goldhands Hände brechen für diesen Plan! Nach einigen Minuten öffnet sich die Tür, ein Wächter und Marua begleiten Um Baakr, die mir eine kleine Wasserflasche und den Beutel mit den Medikamenten zuwirft.
»Warum sind alle Medikamente neu? Musst du nichts regelmäßig einnehmen?«, fragt sie misstrauisch.
»Doch, aber ich habe meine Handtasche mit den angebrochenen Schachteln im Bus liegen gelassen, als mich die Männer herausholten«, sage ich und bin wieder verwundert, wie schnell ich meine Lügen erfinde.
»Nimm deine Medikamente ein, du wirst jetzt ins Frauengefängnis gebracht. Du wirst dort in einigen Tagen von einem Arzt untersucht werden. Wenn du lügst, dann werde ich dich das Lügen bereuen lassen«, droht Um Baakr unmissverständlich. Als ich zwei willkürlich ausgesuchte Tabletten hinuntergeschluckt habe, packt mich der Wächter am Arm und zieht mich hinaus auf den Flur.
Beim Haupteingang wartet ein Auto auf uns. Bevor wir das Gebäude verlassen, legt Marua mir Handschellen an und stülpt einen dicht gewebten Stoffsack über meinen Kopf. Dann steigt sie mit mir in das Fahrzeug. Die Fahrt dauert ungefähr fünfzehn Minuten. Die zwei Männer, die uns begleiten, müssen beim Eingang zum Frauengefängnis, das von Kämpfern bewacht, aber von Kämpferinnen verwaltet wird, zurückbleiben. Marua übergibt mich an zwei Frauen, die mir den Sack vom Kopf ziehen. Sie nehmen mir das Kopftuch, meinen Gürtel und meine Schuhbänder weg und ohne weiter mit mir zu sprechen, führen sie mich in eine Einzelzelle im Erdgeschoss, die winzig klein ist und auf deren Boden nur zwei Decken liegen. »Du bekommst erst morgen zu essen«, sagt eine der Wächterinnen und wirft krachend die Metalltüre zu. In der Zimmerdecke ist eine schmale Öffnung, durch die als einzige Helligkeit das Licht einer Neonröhre dringt.
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