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Unter der Leitung von Richter Christopher Weeramantry (Right Livelihood Award 2007 und World Future Councillor) identifizieren wir fortschrittliche Urteile und Hindernisse für deren Umsetzung.
6. Umwidmung von Militärausgaben für Frieden und Entwaffnung
Die Kommission des Weltzukunftsrats für Frieden und Entwaffnung hat ein Handbuch über nukleare Abtrüstungsstrategien für die Interparlamentarische Union (IPU) herausgegeben sowie eine breite Sicherheitsdebatte gestartet, indem sie die Verbindungen von Klimawandel und Nuklearbedrohung aufzeigt. Sie hat außerdem das in Argentinien beschlossene Programm zur Rückgabe und Vernichtung von Schusswaffen nach Bosnien und Serbien gebracht.
Die Waffen wurden zerlegt, um für Windkraftwerke und andere Infrastrukturprojekte Ersatzteile bereitzustellen. Argentiniens nationales Programm für die freiwillige Abgabe von Schusswaffen wurde 2013 mit dem Future Policy Award des WFC ausgezeichnet.
7. Schaffung von Anreizen für die Produktion von 100 % erneuerbarer Energie
Bei der Verbreitung der besten politischen Maßnahmen, vor allem der Einspeisevergütung, hat der Weltzukunftsrat eine herausragende Rolle gespielt. Dazu gehörten mehr als 100 Beratungen und Anhörungen mit Parlamentariern aus über 50 Ländern. Hermann Scheer (Right Livelihood Award 1999 und WFC-Gründungsmitglied) hat dieses Projekt inspiriert.
8. Regenerative Städte
Unser Programm wurde im Oktober 2016 bei Habitat III vorgestellt. Es wird zurzeit daran gearbeitet, eine neue Art der Urbanisierung zu entwickeln, wie beispielsweise China seine Städte erfolgreich in regenerative Städte umwandeln kann und neue Städte geschaffen werden, die eine Verbindung zwischen überlebenswichtigem Schutz der Umwelt und den Bedürfnissen der Bewohner herstellen. Durch die Glaubwürdigkeit, die wir uns in China schon erworben haben, kann unser Büro in Peking hierbei sehr hilfreich sein. Es gibt schon exemplarische chinesische Gesetze, die z. B. sicherstellen, dass die Profite aufgrund der gefallenen Ölpreise von der Regierung einbehalten werden, um damit Umweltschutz- und Erhaltungs-Maßnahmen zu finanzieren.
9. Bewahrung von gesunden Öko-Systemen
Die Übersäuerung der Meere nimmt derzeit zehnmal schneller zu als während der letzten 56 Millionen Jahre. Das Seerecht muss mit Hilfe bereits bestehender exemplarischer Meeres-, Wald- und Biodiversitäts-Gesetze aus Palau, Ruanda und Costa Rica erweitert werden. Diese Gesetze wurden mit dem Future Policy Award ausgezeichnet.
10. Grüne Steuerreform einschließlich einer Verbrauchssteuer auf Kohlenstoff-Emissionen
Wir müssen das besteuern, was schädlich oder knapp ist. Gute Beispiele für politische Maßnahmen können auf unserer gesonderten Website für politische Entscheidungsträger gefunden werden: futurepolicy.org. Darüber hinaus arbeiten wir daran, solche Regeln zu verbreiten, die bewirken, dass unser Finanzsystem die Schaffung wirklichen Wohlstands ermöglicht und nicht länger Spekulation und Schulden begünstigt.
11. Unternehmen und Produkte
Anreize zur Förderung des menschlichen Erfindungsgeists und zur Risikoübernahme müssen geschaffen werden, um dem Gemeinwohl zu dienen. Als Beispiel sind dem Gemeinwohl verpflichtete Firmen, Benefit Corporations, wie in Maryland, USA, zu nennen und das TOP Runner-Programm in Japan, ein Instrument zur Steigerung der Energieeffizienz. Dadurch konnte Japan 16 % seiner Verpflichtung zur Reduktion von Treibhausgasen erfüllen, wie es das Kyoto-Protokoll vorsieht. Ein gutes Beispiel, das verbreitet und übernommen werden sollte, ist auch das Cradle-to-Cradle-Prinzip („von-der-Wiegezur-Wiege“ – ein intelligentes hocheffektives Recyclingsystem). Hier werden die Produkte so konzipiert, dass sie nicht zu Abfall werden, sondern nach Gebrauch zu möglichst 100 % wieder einsetzbar sind.
12. Schutz der Schutzbedürftigen
Während der Übergangszeit, die in nächster Zeit auf uns zukommt und den damit verbundenen Turbulenzen, ist es vorrangig, dass wir Kinder, Frauen und die große und wachsende Anzahl von Menschen mit Behinderungen weltweit schützen. Der Weltzukunftsrat hat exemplarische Maßnahmen für das Recht auf Nahrung (Belo Horizonte), zum Kinderschutz (Zanzibar Act) und zum Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt (Future Policy Award, 2014) sowie zur Abschaffung von Barrieren für Menschen mit Behinderungen (Zero Project) benannt und ausgezeichnet, und arbeitet an deren Verbreitung.
Der Nutzen, diese Herausforderungen, die alle miteinander zusammenhängen, zu bewältigen, liegt auf der Hand. Es ist zum einen Aufgabe des Weltzukunftsrats, die Lücken in der Umsetzung dieser Maßnahmen zu überbrücken, zum anderen muss jedoch der Druck von unten auf politische Entscheidungsträger zunehmen. Sie benötigen Argumente und Hilfestellung, damit sie den Lobbyisten des status quo widerstehen können.
Wir benötigen jetzt die Mittel und die Verbündeten, um ein Durchbruch-Gesetz nach dem anderen mit „Schnellfeuergeschwindigkeit“ (Naomi Klein) durchzubringen. Die moralische Revolution, die z. B. die Sklaverei beendete, gewann nicht nur mit Petitionen, und heute werden General Twitter und Admiral Facebook auch nicht ausreichen. Denn mit Statistiken oder Appellen an die Vernunft allein kann man keine fest etablierte Macht bekämpfen.
Daher müssen wir eine attraktive und machtvolle Vision unserer Zukunft auf dieser Welt entwerfen. Es wird eine Welt sein mit „weniger Autorennen und mehr Tanzwettbewerben“ (Chandaran Nair), eine spannende Welt der Kultur, Bildung, Forschung, des Sports, der spirituellen Erfahrung und menschlicher Interaktion, wo der Sinn des Lebens „nicht hinter den Objekten, sondern hinter den Subjekten gesucht wird“, wie mein Großvater, der Biologe und Gründer der Umweltforschung es ausdrückte.
Die Entscheidung liegt bei jedem von uns. Die Geschichte hat sehr laut an unsere Tür geklopft. Werden wir antworten?
1 https://www.worldfuturecouncil.org/monetary-cost-non-use-renewable-energies/
Brainpool Project
Inzwischen arbeiten neun Institutionen zusammen, um sich für langfristiges Denken und Handeln in der Politik einzusetzen und die Interessen künftiger Generationen zu schützen. Im Rahmen des EU-geförderten Gemeinschafts-Projekts Brainpool zur Einführung von Wohlstandsindikatoren, die den sozialen Fortschritt von Gesellschaften besser abbilden als das traditionell herangezogene Brutto-Inlandsprodukt, hat der Weltzukunftsrat eine zentrale Rolle gespielt. Bei der Abschlusskonferenz in Paris wurden die Ergebnisse und Empfehlungen von einem hochkarätigen Panel diskutiert – darunter Politiker aus Großbritannien, Frankreich, Finnland und Italien, der EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit László Andor sowie Vertreter der OECD.
Förderung erneuerbarer Energien
Mit der Arbeit für Einspeisegesetze zur globalen Förderung erneuerbarer Energien hat der Weltzukunftsrat wesentlich dazu beigetragen, dass mehr als 60 Länder entsprechende Gesetze erlassen haben. In mehr als 30 parlamentarischen Anhörungen und Strategie-Workshops in den USA, den Arabischen Emiraten, afrikanischen und europäischen Ländern hat der WFC Entscheidungsträger intensiv mit den Herausforderungen und Chancen in diesem Bereich konfrontiert. Ziel ist es, Städte, Gemeinden und Regionen in einem internationalen 100 %-Erneuerbare-Energien-Netzwerk zusammenzubringen und Lösungen und Erfolge zu verbreiten.
futurepolicy.org
Die Rolle Europas
Als die EU vor einigen Jahren den Friedens-Nobelpreis bekam, saß ich in einem Live-Interview des Bayerischen Rundfunks und wurde gebeten, auf die eingehenden Anrufe zu reagieren. Ich war schockiert über die vielen negativen und zynischen Reaktionen. Da ich aus einer Familie komme, die in den europäischen Kriegen des letzten Jahrhunderts viel verloren hat, ist mir der Wert der europäischen Friedensunion sehr bewusst und ich konnte mir einen besseren Friedenspreisträger kaum vorstellen. Aber für viele Europäer, besonders im Westen, scheinen diese historisch einmaligen Errungenschaften wenig zu bedeuten und man schimpft lieber über Brüssel. Besonders krass erlebe ich das in dem Land, in dem ich zurzeit lebe – Großbritannien – wo die Hetze gegen die EU groteske Ausmaße erreicht hat.
Aber, wenn man Europa verlässt, wird einem schnell bewusst, wie neidisch viele Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner auf Europa schauen. Es gibt dort verschiedene Unions-Projekte, aber sie kommen, wenn überhaupt, nur sehr langsam voran. Aber die Afrikanische Union hat eine Parlamentarische Versammlung und es gibt auch ein lateinamerikanisches Parlament, wo bisher nur die Mitglieder aus Venezuela und Bolivien direkt gewählt sind.
Vor etwas über 10 Jahren war ich auf einer Konferenz in Venezuela eingeladen. Als Auftakt hielt Präsident Chavez eine mehrstündige Rede, und, als die europäischen Teilnehmer am letzten Tag in den Präsidentenpalast eingeladen wurden, erwarteten wir etwas Ähnliches. Aber der Präsident erschien mit einem Notizblock und bat uns, über unsere Arbeit zu erzählen, denn er wolle von Europa lernen ...
Als Abgeordnete des Europäischen Parlaments merkten meine Kollegen und ich, dass diese Berufsbezeichnung mehr Eindruck machte, je weiter wir uns von Europa entfernten. So gelang es einem Kollegen, in Thailand die Begnadigung eines zu Tode verurteilten zu erreichen. Als ich im Pazifik-Staat Palau zu einer kontroversen und gewalttätigen Volksabstimmung als Wahlbeobachter entsandt wurde, merkte ich, dass sich meine US-Kollegen nicht aus ihren Hotels wagten, während mir bedeutet wurde, dass ich als Europäer nichts zu befürchten hatte.
Das friedliche Europa von heute, das viele für so selbstverständlich halten, war nie selbstverständlich und ist es auch heute nicht. Viele Jahre lang hatten wir zwar ein vereinigtes West-Europa, aber auch die tägliche Gefahr einer gewollten oder versehentlichen nuklearen Katastrophe. Völker an den Rändern unseres Kontinents, die sich noch nie bekämpft hatten, waren nun bedroht und konnten innerhalb von Minuten ausgelöscht werden in einem Konflikt, auf den sie keinen Einfluss hatten. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde vielen klar, wie viel Glück Europa damals gehabt hatte.
Erinnern wir uns: Bis zum Zusammenbruch der UdSSR waren demokratisch gewählte Politiker in Europa quer durch das politische Spektrum der Überzeugung, dass der Westen auf einen konventionellen Angriff des Warschauer Paktes mit einem atomaren Gegenangriff antworten solle, d.h. unseren Kontinent für Jahrtausende (oder länger) unbewohnbar zu machen!
Dass es nicht dazu kam, verdanken wir nicht ihnen, sondern der Vernunft der nicht-gewählten russischen Politiker angeführt von Präsident Gorbatschow. Aber wie wurde Russland hierfür gedankt? Gab es ernsthafte Versuche auf seinen friedlichen Verzicht auf seine Großmacht-Rolle mit einer Eingliederung in eine neue europäische Friedensordnung zu antworten?
Im Gegenteil: Von NATO- aber auch von EU-Vertretern wurde Anfang der 90er Jahre immer wieder verkündet, der Westen habe den Kalten Krieg gewonnen. Statt vertrauensbildende Maßnahmen umzusetzen, wurden Absprachen ignoriert, und der Westen drängte triumphierend immer weiter nach Osten. Auch aus den verheerenden Folgen der versprochenen NATO-Mitgliedschaft für Georgien vor einigen Jahren wurde nichts gelernt, sondern man wiederholte in der Ukraine denselben Fehler und steht jetzt blamiert da. Die Periode russischer Schwäche ist vorbei – solche Perioden waren historisch immer kurz – und wir Europäer merken, dass die von vielen vergessenen auf uns gerichteten Atomraketen noch immer da sind, noch immer mit „launch on warning“, d. h. sie können innerhalb von Minuten absichtlich oder versehentlich abgefeuert werden. Wie können wir Europäer zulassen, dass einige wenige Atommächte so mit uns umgehen, ohne dass es einen Aufschrei gibt gegen ihre Weigerung, ihre vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen und atomar abzurüsten? Wer bedroht Europa am meisten? Die theoretischen iranischen Atomwaffen – oder die tatsächlichen auf Europa gerichteten?
Man ist nicht voreingenommen, wenn man die historische Einmaligkeit Europas sieht. Kriege und Kolonialismus sind Teile dieser Geschichte, aber auch der Aufbau von Demokratie, Mitbestimmung und Rechtsstaatlichkeit durch politisches Engagement der Bürger, d. h. nicht als Gabe eines Herrschers.
Die Vereinigung streitender Kleinstaaten gelang den Briten in Indien, und die Indische Union – die größte Demokratie der Welt – besteht noch heute. Aber in Afrika und Lateinamerika bestehen fast alle von Europäern gezogenen Kleinstaaten-Grenzen fort. Der Respekt vor anderen Kulturen führt manchmal dazu, dass das Ausmaß des europäischen Einflusses übersehen wird. Zum Beispiel hören wir viel vom kommenden asiatischen Zeitalter und dem globalen Einfluss Chinas – aber selten, dass die derzeitig herrschende chinesische Ordnung nicht etwa auf Konfuzius und Laotse baut, sondern auf zwei europäische Denker namens Marx und Lenin! Nachdem Europa der Welt durch Nazismus und Faschismus gezeigt hatte, wie leicht verwundbar und umkehrbar auch unsere hochgelobte Zivilisation war, und wie schnell unvorstellbare Barbareien sich ausbreiten können, fühlten sich europäische Politiker nach 1945 besonders verpflichtet, Demokratie und Menschen-rechte zu sichern, und der Welt ein positives Beispiel zu geben. Auf keinem anderen Kontinent gibt es heute ein entsprechend ausgebautes und ausgewogenes System von Institutionen und Rechten zum Schutz des Individuums. Aber jetzt muss Europa eine noch wichtigere Vorreiterrolle wahrnehmen. Denn ohne eine gesunde natürliche Umwelt nützen uns Menschenrechte wenig. Es kann kein Recht auf etwas geben, was nicht möglich ist, und der europäische Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen z. B. ist weltweit nicht möglich. Weil das so ist, ist diese Lebensweise auch in Europa nicht mehr zu rechtfertigen.
Bisher konnten wir Fragen der gerechten weltweiten Verteilung von Wohlergehen und Lebensqualität immer mit dem Hinweis auf Wachstum und den technischen Fortschritt beantworten, der uns Europäer in den letzten 100 bis 200 Jahren so viel reicher gemacht hat. Aber offensichtlich haben wir von der globalen Substanz gelebt. Die Globalisierung hat die Grenzen des Wachstums hinausgeschoben, da wir in den ökologischen und ökonomischen Raum anderer Länder hineinwachsen konnten. Da das, was wir konsumieren zunehmend billig (und schmutzig) in Asien hergestellt wurde, konnten wir lange behaupten, der Club of Rome sei mit seinen Warnungen zu pessimistisch gewesen.
In Wirklichkeit sind viele Grenzen des Wachstums weltweit schon überschritten, was auch in Europa in den nächsten Jahren – spätestens Jahrzehnten – sehr klar werden wird, obwohl wir noch – wie in den Monaten vor den beiden Weltkriegen – glauben, es wird im Großen und Ganzen weitergehen wie bisher. Man merkt in der öffentlich-politischen Debatte in Europa noch wenig von den enormen Herausforderungen und Veränderungen, die auf uns und unsere Kinder zukommen.
„Die Natur spielt verrückt“, sagte mir kürzlich jemand, der in Norddeutschland auf dem Lande lebt. Auch dort ist das zunehmende Klima-Chaos schon für diejenigen spürbar, die sich in der Natur auskennen. Aber die größte Bedrohung für unsere gemeinsame Zukunft findet in Afrika statt. Während man sich in Europa über steigende Zahlen politischer Flüchtlinge aufregt, wird von dort in den nächsten Jahrzehnten etwas auf uns zukommen, was unsere Vorstellungskraft weit übersteigt. Nicht ein Öko-Fundamentalist sondern der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds, Michel Camdessus, warnte kürzlich nach einer Afrika-Reise, dort würden immer größere Gebiete durch den Klimawandel so schnell unbewohnbar, dass in den nächsten Jahrzehnten damit zu rechnen sei, dass 200 Millionen – ich wiederhole: 200 Millionen – Afrikaner versuchen werden, nach Europa zu kommen, weil sie zu Hause nicht mehr überleben können. Auch wenn ein Teil davon unterwegs umkommt – was zu befürchten ist – wird auch der ankommende Rest zunehmend nicht nur afrikanische sondern auch europäische Staaten unregierbar machen. Demokratie, Menschenrechte, Frieden, Lebensqualität und Sicherheit in Europa sind bedroht, weil wir auf den globalen Klimawandel nicht ernsthaft reagiert haben. Das Ziel, diesen auf durchschnittlich +2 °C zu begrenzen, ist nicht mehr machbar, wenn wir jetzt nicht radikal umsteuern, statt unsere Hoffnung in technische Phantasien zu setzen. Bei +4 °C, auf die wir zurzeit zusteuern, ist keine Anpassung mehr möglich, warnt u. a. der führende deutsche Klimaexperte Prof. Schellnhuber.
Es geht jetzt um Entscheidungen von uns, die über Tausende von Generationen nachwirken werden. Während Pessimisten wie Prof. Giddens, Autor von „The Politics of Climate Change“, befürchten, unsere Erde könne unbewohnbar werden wie der Planet Venus, sehen auch Optimisten unsere Zivilisation, Errungenschaften und Hoffnungen bedroht.
Eine häufige Antwort darauf lautet, wir Europäer täten ja schon viel, aber es würde alles nichts nützen, wenn die Chinesen nicht radikal umsteuern, was nicht zu erwarten ist, denn auch sie wollen einen europäischen Lebensstandard.
Aber europäische Lebensstandards sind weltweit unmöglich – das weiß auch die chinesische Regierung. Und viele CO2-Emissionen dort entstehen auf Grund der Produktion für europäische Verbraucher.
Wir reden in Europa viel über Rechte, aber es gibt keine Rechte ohne entsprechende Pflichten und Verantwortlichkeiten. Dies ist eine sehr unbequeme Wahrheit. 1998 berief der damalige UNESCO-Direktor Federico Mayor eine internationale Kommission, die eine Deklaration über menschliche Pflichten und Verantwortlichkeiten – analog zur UN-Menschenrechtsdeklaration – erarbeitete. Mayor plante, die Erklärung erst der UNESCO und dann der UNO zur Diskussion und Verabschiedung vorzulegen. Aber sie wurde schon im UNESCO Executive Committee blockiert, denn die Mehrheit – angeführt von den USA – wollten von Pflichten und Verantwortlichkeiten nichts wissen.
Daher lassen wir es zu, dass der Klimawandel und andere ökologische Bedrohungen seit 40 Jahren zunehmen, obwohl uns die Folgen bekannt sind. Werden wir auch in Europa erst aufwachen, wenn ein Umsteuern nicht mehr hilft? Was werden unsere Kinder und Enkel dann über uns sagen? Wie wertvoll ist uns Europa wirklich, wenn wir zu bequem sind, unseren Kontinent vor Chaos und Zerstörung zu schützen?
Bei einem Treffen in Moskau im Mai 1989, an dem ich als Europa-Abgeordneter teilnahm, versicherte der Vertreter der Bundesregierung seinen DDR-Kollegen, niemand im Westen plane, den Status von Berlin zu verändern. Die Mauer fiel bekanntlich sechs Monate später.
Veränderungen können also sehr schnell kommen und wir sollten vorbereitet sein. Heute gibt es viele Konferenzen über das, was alles geändert werden müsste und welche Ziele wir anstreben wollen. Aber das „Wie?“ wird selten diskutiert. Die Subventionen auf fossile Brennstoffe müssen abgeschafft werden, heißt es, aber wie geht das in der Praxis? Der WFC hat die Initiative ergriffen, mit unserem Globalen-Politik-Aktionsplan zu zeigen, welche Veränderungen unbedingt nötig sind. Er ist der erste Versuch, vernetzte, zusammenhängende Lösungen anzubieten, anstatt jede Herausforderung isoliert zu sehen.
Wir brauchen ein neues Verständnis für Risiko-Hierarchien. In einer zerstörten natürlichen Umwelt wird es nur noch um den Kampf um immer knappere lebenswichtige Ressourcen gehen, nicht um Demokratie, Märkte, Entwicklung, Menschenrechte, Kultur und Fortschritt sondern ums Überleben.
Der Kampf gegen den Klimawandel ist daher heute auch ein Kampf für Menschenrechte, und besonders für Frauen- und Kinderrechte. Der Klimawandel ist nicht nur eine Umwelt-Bedrohung sondern eine Sicherheits-, Friedens-, Menschenrechts- und Zivilisations-Bedrohung.
Was muss getan werden? Die Externalisierung von Produktionskosten, d. h. ihre Abwälzung auf die Um- und Nachwelt, ist Betrug am Kunden. Aber die Internalisierung aller Kosten würde heute die meisten Unternehmen in den Bankrott treiben. Daher brauchen wir Übergangslösungen zu einer Ordnung, wo ökologisch nachhaltiges Wirtschaften auch ökonomisch sinnvoll und lohnend ist. Dies erfordert neue gesetzliche Unternehmensformen wie die in einigen US-Staaten zugelassenen B-(oder Benefit-)Corporations, die nicht auf Profitmaximierung ausgerichtet sind.
Es erfordert einen Umbau unserer Produktion nach dem „Cradle-to-Cradle“-Prinzip, welches von dem Hamburger Chemiker Michael Braungart und dem US-Architekten William McDonough entwickelt wurde. Produkte müssen von Anfang an so entworfen werden, dass sie sich möglichst leicht wiederverwenden lassen.
Es erfordert einen Übergang zum nachhaltigen Konsum. Der 2. Bericht an den Club of Rome (nach „Grenzen des Wachstums“) hieß „No limits to learning“ – die Zahl der Sprachen, Musikinstrumente und anderer Fähigkeiten, die man lernen kann, ist nicht ökologisch begrenzt.
Es erfordert Erziehungs-Systeme, die ökologisch gebildete Bürger hervorbringen.
Es erfordert neue Fortschrittsindikatoren und eine Vertiefung der politischen Debatte, u. a. durch die Reduzierung des Einflusses privater Geldgeber. In den USA stellte eine Studie der Princeton University letztes Jahr fest, das Land erfülle nicht mehr die Kriterien einer Demokratie, sondern die einer Oligarchie, wo die Politiker mehr ihren Geldgebern als ihren Wählern verpflichtet sind.
Es erfordert die politische Vertretung der Interessen zukünftiger Generationen nach den nationalen Modellen, die z. B. in Ungarn und Wales entwickelt wurden, aber auch auf EU- und UN-Ebene, wo der WFC eine entsprechende Initiative ergriffen hat.
Es erfordert, dass unsere Geldpolitik, Finanzregelungen, Steuerpolitik und Investitions-Richtlinien dem ökologischen Primat unterworfen werden, denn unsere Wirtschaft ist ein Subsystem unserer natürlichen Umwelt – und nicht umgekehrt, wie viele Ökonomen glauben. Geld ist nicht knapp, sondern kann immer von Zentralbanken neu geschaffen werden, ohne inflationäre Auswirkungen, wenn die entsprechenden Produktionskapazitäten verfügbar sind.
Es erfordert die Umsetzung der besten bekannten Gesetze zum Schutz unserer Wälder, Ozeane und Artenvielfalt, sowie zur Sicherstellung der menschlichen Grundrechte auf Nahrung und Wasser. Der WFC hat die besten diesbezüglichen Gesetze ermittelt und mit unserem „Oscar für Innovative Politik“, dem Future Policy Award ausgezeichnet.
Es erfordert die schnellstmögliche Umstellung unserer Energiesysteme auf 100 % erneuerbare Energien. Die Verbrennung von fossilen Rohstoffen gefährdet nicht nur unser Klima, sondern ist eine gigantische tägliche Verschwendung wertvoller Rohstoffe – wie der WFC zum ersten Mal errechnet hat. Denn die potentielle Sonnen- und Wind-Energie von heute ist morgen für immer verloren.
Die größten Gefahren für unsere Sicherheit sind heute nicht militärisch, sondern ökologisch. Die große europäische Frage ist jetzt, welche Rolle Europa bei der Bewältigung der historisch einmaligen Herausforderung spielen wird, die jetzt auf uns zukommt. Jeder von uns muss jetzt entscheiden, ob er Teil des Problems oder Teil der Lösung sein will.
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