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Die KmP wird nachfolgend aber auch aus einem anderen Grund dargestellt. Sie repräsentiert in individuell stark übersteigerter Ausprägung einen der beiden evolutionären Pole der menschlichen Natur: die egoistische Selbstbehauptung bzw. den Willen zur Macht. Die KmP ist durch einen Emotionsmangel auf der einen und gesteigerte Egozentrik, Rücksichtslosigkeit und eine starke Manipulationstendenz auf der anderen Seite charakterisiert. Das »Weniger an Emotion« bedingt ein »Mehr an Ich« und ein »Mehr an Möglichkeiten«, weil Hemmungen fehlen.
Beim Emotionsmangel sind Intensität, Nachhaltigkeit und das Spektrum von Emotionen stark vermindert. Das eingeschränkte Spektrum zeigt sich dadurch, dass Emotionen wie Angst, Freude oder Trauer im Vergleich zu Wutempfinden deutlich unterrepräsentiert sind. »Vor allem werden Emotionen nicht tief, das heißt nicht in hoher Intensität und nicht nachhaltig, erlebt. Es handelt sich daher eher um kurzfristige, reaktive Gefühlsregungen. Aufgrund ihrer Kurzfristigkeit und Gebundenheit an konkrete Auslösesituationen erscheinen Emotionen eher flüchtig. Häufig erwecken sie aufgrund der fehlenden Nachhaltigkeit und der geringen Intensität den Eindruck des Oberflächlichen und Beliebigen.« [11, S. 99]
Der Emotionsmangel zeigt sich in vielen Verhaltensweisen. So ist die Bedeutung anderer Menschen gering und sie erinnern im Leben von Personen mit KmP »eher an austauschbare Statisten als an autonome Persönlichkeiten, zu denen eine bedeutungsvolle Beziehung besteht«. Das verminderte Angstempfinden führt zu riskantem, draufgängerischem Verhalten oder sogar zu Straftaten. Klar, dass solche Personen kaum Empathie empfinden.
Man kann sich den Emotionsmangel so vorstellen, dass die Bereiche, die im Gehirn für Emotionen zuständig sind, stark heruntergeregelt sind. Ein solcher Emotionsmangel ist ein Defizit. Es stellt sich aber die Frage, warum die Evolution eine solche Persönlichkeitsdisposition hervorgebracht hat. »Hier kann man sich viel vorstellen. Angstfreiheit hat Vorteile in Kampfsituationen oder wenn es darum geht, neue Territorien erobern und besetzen zu können.« Evolutionär ist es daher für Gemeinschaften von Tieren oder von Menschen in bestimmten Situationen vorteilhaft gewesen, solche »Individuen in ihren Reihen zu haben. Auch in der jüngeren Geschichte« kann man »manch großem Führer oder Eroberer einen gravierenden Emotionsmangel bescheinigen. Sicher ist, dass das Emotionsdefizit Raum für eine veränderte Balance in der Persönlichkeit eines Menschen schafft. Wer nicht durch Emotionen gebremst und gehemmt wird, dem eröffnet sich ein Raum von Möglichkeiten, der anderen Menschen nicht zur Verfügung steht.« Dieser Raum führt zu einer starken Egozentrik, zum rücksichtslosen Durchsetzen eigener Interessen und zu einer ausgeprägten Manipulationstendenz.
Die starke Egozentrik entspricht dem Prinzip: Ich, ich und nochmal ich. Die eigenen Bedürfnisse werden ohne jede kritische Distanz als legitim und als absoluter Maßstab eigenen Handelns erlebt. Bedürfnisse anderer Menschen sind gleichgültig. Die Tendenz, andere Menschen zu manipulieren, dient dazu, sich Vorteile zu verschaffen. Hemmungsloses Lügen, Instrumentalisierung von Beziehungen, intrigantes Verhalten und eine ausgeprägte Orientierung an eigener Nützlichkeit sind typisch. Das innere Koordinatensystem ist strikt an einem Prinzip orientiert: Nützt mir oder nützt mir nicht. Das eröffnet u. a. die Möglichkeit, hemmungslos zu lügen.
Jeder Mensch kann lügen. Normalerweise muss aber eine gewisse Schwelle überwunden werden, nicht die Wahrheit zu sagen. Denn innerlich gibt es ein Koordinatensystem, das zwischen Wahrheit (so wie sie subjektiv wahrgenommen wird) und Lüge unterscheidet. Bei Personen mit KmP existiert dieses an der Realität orientierte Koordinatensystem nicht. Es ist ersetzt durch ein Koordinatensystem, das ausschließlich an Nützlichkeit orientiert ist. In diesem Sinne fühlt sich etwas als »wahr« an, wenn es nützlich ist – mit der gleichen subjektiv erlebten emotionalen Evidenz. »Das macht hemmungslose Lügner erfolgreich. Denn normale Menschen rechnen nicht damit, dass ein Mensch so hemmungslos lügen kann. Der hemmungslose Lügner profitiert von der weit verbreiteten Annahme, dass die Wahrheit doch wohl in der Mitte liegen müsse. Die Mitte ist für den hemmungslosen Lügner aber immer ein großer Gewinn zu seinen eigenen Gunsten.« [11, S. 102]
Man sollte nicht übersehen, dass die beschriebenen Verhaltensweisen in der Geschichte der Menschheit seit jeher kulturell fest verankert sind. Hier eine vorwiegend »biologische Fehlfunktion« oder gar »eine Erkrankung« erkennen zu wollen, greift zu kurz. Nicht nur am Beispiel Machiavellis wird deutlich, dass diese Verhaltensweisen »lange Zeit in der Gesellschaft zum Beispiel im Sinne ›der Zweck heiligt die Mittel‹ als Ideal galten«. [11, S. 99]
Man darf durchaus folgende Frage stellen: Sind weniger Emotionen, mehr Eigeninteresse, mehr Manipulation nicht Verhaltensideale, die neben der Sonntagsrhetorik in vielen Bereichen von Politik und Wirtschaft anzutreffen sind? [Zusammenfassung nach 11, S. 96–103]
3.2Instabiler Realitätsbezug
Die Definition des Instabilen Realitätsbezugs lautet: »Grundlage des Instabilen Realitätsbezugs ist die Entkopplung von subjektiven Wirklichkeitswahrnehmungen, realitätsbezogenen Kognitionen und realitätsbezogenen Emotionen. Das zentrale Merkmal des Instabilen Realitätsbezugs ist somit die fehlende Verbindung eigener Wirklichkeitskonstruktionen zu realitätsbezogenen Parametern. Frei erfundene Geschichten können so beliebig anstelle realer Geschehnisse oder ergänzend zur Realität eingesetzt werden, wenn dies einem inneren Bedürfnis entspricht (wahr ist, was sich gut anfühlt). Aufgrund der Entkopplung entsteht kein störender kognitiver oder emotionaler Widerspruch im eigenen Erleben. Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen sind daher frei kombinierbar.« [11, S. 258–259]
Weiter wird zu dieser Risikoeigenschaft Folgendes ausgeführt: »Jeder Mensch hat eine eigene Sicht der ›Wirklichkeit‹. Normalerweise gibt es aber eine Verbindung zwischen der subjektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit, Gedanken, die sich auf reale Umstände oder Beobachtungen beziehen, und damit verbundenen Gefühlen. Nehmen wir an, jemand sieht einen Hasen auf einer Wiese. Er wird diesen Hasen zwar in einer subjektiven Weise wahrnehmen. Aber meist wird sich diese Wahrnehmung in einem gewissen Spektrum bewegen, wie Hasen von den meisten Menschen wahrgenommen werden können. Zu dieser Wahrnehmung wird es realitätsbezogene Gedanken geben, die mit dem Hasen zu tun haben. Vielleicht erinnert sich die Person an andere Hasen aus der Vergangenheit, sie erkennt Details oder Verhaltensweisen des Hasen, zu denen sie sich Gedanken macht. Die Gedanken beziehen sich in einer gewissen Weise auf die wahrgenommene Realität. Schließlich stellen sich auch noch Emotionen ein, die ebenfalls in einem Realitätsbezug zu den Wahrnehmungen und auch zu den Gedanken stehen. Vielleicht ist die Person berührt oder sie fühlt Sympathie für den Hasen. In jedem Fall werden sich die Wahrnehmungen und die Gedanken ›stimmig anfühlen‹. Das heißt, Wahrnehmungen und Gedanken werden durch ein Gefühl emotionaler Stimmigkeit bzw. Evidenz begleitet.
Zusammenfassend sind damit die Wirklichkeitswahrnehmung, realitätsbezogene Kognitionen und Emotionen miteinander verbunden. Man kann sich das so vorstellen: Drei Bälle sind mit Gummibändern untereinander verbunden. Das lässt einen – subjektiven – Spielraum dafür offen, wie die drei Bälle im Raum angeordnet werden. Der Spielraum ist aber nicht unendlich, weil doch eine gewisse, wenn auch flexible, Verbindung besteht. Beim Instabilen Realitätsbezug fehlt diese basale Verbindung. Es gibt eine vollständige Entkopplung.
Der instabile Bezug zur Realität hat verschiedene Konsequenzen. Er führt zunächst dazu, dass die Grenze zwischen Realität und subjektiver Realitätskonstruktion nicht durch eine stabile, evident erlebte Emotion gesichert ist. Vielmehr erscheinen unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen damit beliebig und austauschbar. Sie fühlen sich alle gleichermaßen stimmig an. Das eröffnet die Möglichkeit, in beliebig vielen Situationen die Realität anzupassen, indem unzutreffende Behauptungen aufgestellt oder Geschichten erfunden werden.
Betroffene mit Instabilem Realitätsbezug können darum Geschichten und Begebenheiten beliebig einsetzen und umformen, ohne dass sie durch einen festen Bezug zur Realität hieran innerlich gehindert wären.« [11, S. 259]
3.3Basale Wahrnehmungsmuster
Basale Wahrnehmungsmuster sind eine eigene Gruppe von Risikoeigenschaften. Es handelt sich um stereotype und tief in die Persönlichkeit integrierte »Grundmuster der Wahrnehmung«, die wie folgt beschrieben werden: »Sie betreffen die Art oder die ›Färbung‹, in der Ereignisse, Begebenheiten, andere Menschen, also die gesamte Welt und ihre Erscheinungen wahrgenommen werden. Es geht also darum, wie eine Person die Außenwelt wahrnimmt und wie sie diese Außenwelt interpretiert.
Da es sich um grundlegende Muster der Wahrnehmung handelt, ist mit dem Wahrnehmungsmuster auch eine vorherrschende Grundbefindlichkeit verbunden. Das heißt, das Basale Wahrnehmungsmuster prägt auch die Art, wie ein Mensch die Außenwelt erlebt, und damit auch, in welcher Grundbefindlichkeit er sich in dieser Welt bewegt. Es liegt auf der Hand, dass die Basalen Wahrnehmungsmuster damit einen großen Einfluss auf das Verhalten einer Person haben. Besonders groß ist der Einfluss dabei auf die Art, wie eine Person sich in sozialen Kontexten verhält und Beziehungen gestaltet.
Mit Außenwelt ist die Welt gemeint, so wie sie durch eine Person wahrgenommen und erlebt wird, also all ihre Erscheinungsformen. Es geht also nicht darum, wie sich eine Person selber erlebt, wie sie innere Prozesse, Gedanken oder Befindlichkeiten wahrnimmt. Gemeint ist das vorrangige Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster, mit dem Informationen aus der Außenwelt gesehen, gedacht, gefühlt und in diesem Sinne wahrgenommen, bewertet und erlebt werden.« [11, S. 330]
FOTRES kennt achtzehn Basale Wahrnehmungsmuster, von denen nachfolgend zwei beispielhaft dargestellt werden (»versagend« und »provozierend«).
3.3.1Basales Wahrnehmungsmuster: Versagend
Das Basale Wahrnehmungsmuster »versagend« wird wie folgt definiert: »Basale Wahrnehmung der Welt als ein Ort, an dem Betroffene nicht das bekommen, was ihnen eigentlich zusteht. Betroffene fühlen sich benachteiligt. Frustration, Neid und Ärger sind oft typische Gefühle.«
Weiter wird zu dieser Eigenschaft Folgendes ausgeführt: »Betroffene nehmen die Welt als einen Ort wahr, der ihnen etwas vorenthält. Ihr Grundgefühl entspricht folgender Überzeugung: ›Ich bekomme nicht das, was mir zusteht, nicht das, was ich eigentlich verdienen würde.‹ Man kann auch vom Syndrom der ›zu kurz Gekommenen‹ sprechen. Überall entdecken sie eigene Benachteiligung und umgekehrt ungerechtfertigte Bevorzugung anderer Personen. Aus dieser subjektiv empfundenen, sich in vielen Situationen fortsetzenden Ungerechtigkeit sehen sie sich oft in einer moralisch legitimen Position, sich mit allen Mitteln für ihr Recht einzusetzen, das man ihnen vorenthält. Nach dem Motto, der gute Zweck heiligt die Mittel, gehen sie dabei selber rücksichts-, hemmungslos und penetrant vor.
Der versagende Aspekt kommt dadurch zum Ausdruck, dass häufig eigene Leistungen oder Verdienste angenommen werden, die nicht die ihnen vermeintlich zustehende Anerkennung erfahren. Die versagende Qualität bezieht sich daher oft auf besondere Leistungen in Schule, Beruf oder in der Familie oder auf besondere Eigenschaften wie eigene Schönheit, Intelligenz, Kreativität, Geradlinigkeit etc., die von der Umwelt nicht gesehen und fälschlicherweise nicht gewürdigt werden. Häufig finden sich hierfür generelle Erklärungen wie z. B. Mobbing, rassistische Vorurteile, Benachteiligung wegen geringer Körpergröße, Geschlechterdiskriminierung, Neid auf die eigenen überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Qualitäten. Frustration, Neid und Ärger sind bei den Betroffenen typische Gefühle.« [11, S. 335]
3.3.2Basales Wahrnehmungsmuster: Provozierend
Das Basale Wahrnehmungsmuster »provozierend« wird wie folgt definiert: »Basale Wahrnehmung der Welt als provozierender Ort, an dem man stets mit Provokationen, Zumutungen, Unverschämtheiten rechnen muss. Eine permanente wut- und/oder ärgergeprägte Reaktionsbereitschaft ist häufig.« [11, S. 354]
Weiter wird zu dieser Eigenschaft Folgendes ausgeführt: »Bei Betroffenen liegt eine ausgeprägte Disposition dafür vor, das Verhalten anderer Menschen subjektiv als Provokation, Unverschämtheit oder Zumutung wahrzunehmen.
In der subjektiven Sicht ist die Welt damit ein Ort, an dem man ständig mit Provokationen, Unverschämtheiten und Zumutungen rechnen muss. Betroffene sehen den Grund dafür nicht in einer eigenen, besonderen Empfindlichkeit, die einer verzerrten Wahrnehmung entspricht. Vielmehr verorten sie die Ursache des Problems ausschließlich in der Umwelt. Dort wimmelt es von Menschen, die selbstverständlich auf der Hand liegende Regeln missachten, einen für dumm verkaufen, über den Tisch ziehen wollen oder die sich anderweitig unverschämt und provozierend verhalten. Dieses grundlegende Wahrnehmungsmuster führt oft dazu, dass Betroffene heftige Gefühle aus dem Spektrum Wut, Ärger und Empörung verspüren. Einige Betroffene engagieren sich in sozialen Medien, als Leserbriefschreiber, Online-Kommentatoren oder auf eigenen Plattformen, um ihrer Wut und Empörung über die allerorts gegenwärtigen Missstände und Skandale Ausdruck zu verleihen.
Weil die Welt und die Menschen so sind, ist es für Betroffene auch nicht verwunderlich, dass sie häufig in Konflikte geraten. Einem idealisierten Selbstbild entspricht es oft, für Schwächere einzutreten, die Rolle des ›Fels in der Brandung‹ zu übernehmen oder über ein besonderes Gerechtigkeitsempfinden zu verfügen.« [11, S. 354–355]
4Vernunft und Evolution
Bereits am Anfang dieses Buches wurden die zentralen evolutionären Prägungen skizziert. Ich habe auf den Irrtum hingewiesen, dass der Zweck der Vernunft darin bestehe, die Wirklichkeit zutreffend zu erkennen. Wir haben in den Beispielen typischer psychologischer Verzerrungen eine Reihe konkreter Schwachstellen und Fehlerquellen der menschlichen Vernunft kennengelernt. Verschiedentlich erfolgte der Hinweis auf den evolutionären Sinn dieser Mechanismen (z. B. Halo-Effekt, Kap. 2.3). Aus einer aufklärerischen vernunftorientierten und humanistischen Perspektive sind diese Mechanismen ein Ärgernis und von hoher praktischer Relevanz. Um dieses Ärgernis noch besser zu verstehen, lohnt es sich, nun noch einmal genauer nach seinen Entstehungsbedingungen und seinem Sinn zu fragen. Denn es steht die Frage im Raum: Warum sind wir so und nicht anders konstruiert?
4.1Instinktverhalten: Stereotyp, aber oft effektiv
Vergegenwärtigen wir uns zunächst den Ausgangspunkt unserer Entwicklung. Ein Großteil der im Tierreich vorgenommenen Bewertungen und darauf gründenden Handlungen hat mit Instinktverhalten zu tun. Instinktverhalten bedeutet: Durch einen Schlüsselreiz wird ein weitgehend automatisiertes Verhalten ausgelöst. Schildkröten, die aus dem Ei schlüpfen, laufen umgehend in Richtung Meer. Katzen jagen einer Maus hinterher, wenn sie eine solche sehen. Einem Hund kann man bestimmte Verhaltensweisen durch Belohnung und Bestrafung antrainieren. Auch das vorwiegend durch Instinkte geprägte Verhalten von Tieren lässt eine gewisse Variabilität zu. So spielen zum Beispiel aktuelle Bedürfnisse, Hunger, Durst, die Nähe zu Artverwandten, bestimmte Stimmungen oder viele andere Aspekte eine Rolle dafür, wie ein konkretes Verhalten aussieht. Auch ist nicht jedes Tier gleich, sondern sein Verhalten unterscheidet sich im Vergleich zu Artgenossen aufgrund individueller Charaktereigenschaften. Jeder, der schon einmal mit Hunden oder Pferden zu tun hatte, weiß um diese Individualität eines spezifischen Charakters. Generell lässt sich aber sagen, dass ein wesentlicher Teil des Verhaltens von Tieren den stereotypen Mustern des Instinktverhaltens folgt.
Wenn wir uns im Wald einem Reh nähern, dann wird es in aller Regel davonlaufen. Das Verhalten entspricht einem Instinkt und wird stereotyp ausgelöst. Es müsste ein großer Aufwand betrieben werden, um dieses Instinktverhalten bei bestimmten Individuen – zum Beispiel durch gezieltes Verhaltenstraining – zu überlernen.
Die Ausgangslage ist: Mensch in Sicht, in Hör- oder Riechweite, das heißt: weglaufen. Das Reh prüft nicht, mit welcher Motivation sich der Mensch nähert oder ob er vielleicht sogar etwas Nützliches bewirken kann. Eine differenzierte Erfassung der Situation des sich nähernden Menschen entfällt. Vielleicht verpasst das Reh mit diesem stereotypen Verhalten manchmal auch eine Chance. Vielleicht war es ein Mensch, der Rehe mag, der wiedergekommen wäre und Futter gebracht hätte.
Dieses konstruierte Beispiel zeigt ein wichtiges Grundprinzip instinktorientierten, stereotypen Verhaltens. Ein Verhalten wird schnell – ohne zu überlegen – und mit einer klaren Richtung (weglaufen) ausgelöst. Das ist der Vorteil. Die Nachteile liegen in der Generalisierung und dem Automatismus. Könnten Situationen differenzierter bewertet werden, dann könnte dies Grundlage für eine Differenzierung im Handeln sein. Manchmal wäre vielleicht genau das gegenteilige Verhalten nützlich, weil mit der Begegnung eine Chance verbunden ist. Oft könnte aber auch einfach nur Energie gespart werden, weil die Situation eigentlich völlig ungefährlich ist.
Es ist klar, warum sich die Evolution hier nicht auf Experimente einlässt, sondern stereotype und automatisierte Beurteilungen und Handlungen bevorzugt. Der Preis für eine Fehlbeurteilung wäre zu hoch. Zudem können stereotype und automatisierte Handlungen gewisse Effizienzvorteile haben. Es wird keine Energie in aufwendige Analysen investiert, für die das Gehirn hart arbeiten müsste: ein entscheidender Punkt, wenn zum Beispiel Wasser oder Nahrung begrenzt sind. Die Begrenztheit von Ressourcen ist ohnehin ein wichtiger Grund für Generalisierung und Automatisierung. Dort, wo Nahrung knapp ist, ist es sinnvoll, sofort loszulaufen und jede Beute zu nehmen, die man kriegen kann – oder ohne Verzögerung wegzulaufen, wenn man selbst eine Beute sein könnte. So ist es auch bei unserem Urzeitmenschen, der in paranoider Stereotypie hinter jedem Rascheln einen Löwen vermutet. Er liegt sehr oft falsch. Aber er hat aus evolutionärer Sicht deutliche Überlebensvorteile.
Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Entscheidungs- und Verhaltensstereotypien aus evolutionärer Sicht ein unglaubliches Erfolgsmodell sind. Das gilt in besonderer Weise, wenn sie in Zusammenhang mit körperlichen Anpassungen stehen, die sich durch die Evolution entwickelt haben. Häufig sind sie von großer Effizienz und stellen eine perfekte Adaption an die vorherrschenden Lebensbedingungen dar. Die in der trockenen Namibwüste lebenden Schwimmfußgeckos laufen Sanddünen hinauf, damit dort an ihrem Körper Tautropfen des Küstennebels anhaften, die sie dann zur Wasseraufnahme z. B. von den Augen ablecken. Unzählige beeindruckende Beispiele perfekter Anpassung könnten hier aufgezählt werden.
Der Nachteil stereotyper Muster zeigt sich aber nicht zuletzt im Aussterben vieler Tierarten, die sich nicht schnell genug an veränderte Lebensbedingungen anpassen konnten. Zugegeben fehlt einem angesichts komplett zerstörter Lebensräume bisweilen die Fantasie, wie eine Anpassung heute überhaupt noch aussehen könnte. Aber diese Seite der Evolution macht klar, dass manchmal eine Differenzierung der Entscheidung und des Verhaltens sehr vorteilhaft sein könnte. Schafe sind für Wölfe eine attraktive Beute. Ihr Instinkt leitet die Wölfe, wenn sie ein Schaf aus einer Schafherde reißen. Genau dieses Verhalten bedroht aber das Überleben des Wolfes selber, wenn er wegen dieses – für ihn völlig natürlichen – Verhaltens gejagt wird.
Die Evolution hat dem Umstand durchaus Rechnung getragen, dass rasche Variation und Differenzierung der Entscheidungs- und Verhaltensmuster Vorteile haben kann. So nimmt der stereotype Teil von Instinkthandlungen bei höher entwickelten Tierarten (z. B. Affen) tendenziell gegenüber einem Zuwachs an Variationsmöglichkeiten und Individualität ab. Der menschliche Verstand stellt in dieser Entwicklung zweifellos einen Quantensprung dar. Falsch ist aber die Annahme, dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das denken könne und ein Bewusstsein seiner selbst habe. Diese lange Zeit vorherrschende Einschätzung ist Ausdruck einer Selbstüberschätzung des Homo sapiens, die in den letzten Jahren immer weiter entkräftet wurde. Denn viele Tiere sind zu erstaunlichen Intelligenzleistungen in der Lage. Das Spektrum reicht von Primaten bis hin zu Rabenvögeln und Papageien. Sie lösen eigenständig Probleme, können planen, können soziale Beziehungen einschätzen und erinnern, haben ein Bewusstsein, verwenden Werkzeuge, die sie teilweise sogar über Generationen weiterentwickeln (z. B. neukaledonische Krähe), und haben viele andere Fähigkeiten, die man lange nur dem Menschen zuordnete. Intelligenz ist also keineswegs eine Erfindung der Evolution, die erst mit der Menschheitsentwicklung begann. Die Evolution hat bei sehr vielen Lebensformen ein Mischungsverhältnis zwischen stereotypen Instinkthandlungen und eigenständigem, flexiblem Denken entwickelt. Beim Menschen hat die Evolution zwar den Verstand stark ausgebaut. Aber auch bei ihm bleibt es eine Mischung aus beiden Elementen.
4.2Investition in Vernunft: Ein evolutionäres Projekt mit Chancen und Risiken
Dass die Evolution in einen leistungsfähigeren Verstand und in ein ausgeprägtes Bewusstsein investiert hat, war ein gewagtes Unterfangen mit Risiken. Denn einerseits steigt der Energiebedarf und andererseits erhöhen sich die Fehlermöglichkeiten. Durch die Möglichkeit zur Variation und zur Abweichung von stereotypen Beurteilungen und Handlungsmustern wurden zwar neue Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen. Gleichzeitig entstanden aber auch viele neue Möglichkeiten für fatale Fehlbeurteilungen und falsche Handlungen. Das haben wir bei unseren beiden Urmenschen gesehen. Es kommt hinzu, dass ein ausgeprägtes Bewusstsein und ein differenzierteres Gefühlsspektrum Quelle vieler weiterer evolutionärer Nachteile sein können. Was, wenn der Mensch mit seinem Bewusstsein die Gefahr des Todes stärker empfindet und deswegen zu übertriebener Passivität neigt? Was, wenn der ausgestaltete Verstand zu mehr offenen Fragen, Verunsicherung, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit führt?
Jedenfalls gilt, dass die Investitionen in Vernunft und eine stärkere Variabilität von Urteilen und Handlungen nicht nur mit Chancen – z. B. für Anpassungsfähigkeit, Kooperation, Entwicklung von Werkzeugen etc. – verbunden sind. Sie gehen auch mit Risiken evolutionärer Nachteile einher. Die sind deswegen kritisch, weil der Mensch besonders darauf angewiesen ist, seinen durch das Gehirn gesteigerten Energiebedarf dauerhaft decken zu können. Nun, wir wissen, dass die Geschichte vorderhand gut ausgegangen ist. Bislang ist der Mensch evolutionär sehr erfolgreich. Er hat sich eine Position erarbeitet, durch die er keine natürlichen Feinde in Gestalt anderer Reproduktions- oder Nahrungskonkurrenten mehr hat. Oder sagen wir es anders. Er hat die Mittel, all diese natürlichen Konkurrenten zu vernichten. Es ist übrigens bei dieser Ausgangslage auch klar, dass der einzige existenzgefährdende Konkurrent des Menschen ein anderer Mensch ist. Wir werden auf diesen Punkt später zurückkommen.
An dieser Stelle geht es vor allem darum zu zeigen, dass die Evolution am Anfang der beschriebenen Entwicklung gut beraten war, ihr seit Jahrmillionen verwendetes Erfolgsprinzip nicht gänzlich über Bord zu werfen. Im Gegenteil wurde viel von dem bewährten Prinzip in die neue Konstruktion eingebaut. Wahrnehmungen und Beurteilungen sind kein Selbstzweck. Sie sind die Grundlage für darauf aufbauende Handlungen. Das ist ihre Funktion und deswegen lautet das zentrale Prinzip: besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig.




