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Absoluten Vorrang hat die Verhinderung fataler Konsequenzen (Tod) und damit Sensitivität vor Spezifität. Sensitivität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass möglichst alle lebensbedrohlichen Situationen erkannt werden, auch wenn das bedeutet, dass viele Situationen fälschlicherweise als lebensbedrohlich eingeschätzt werden (Verlust von Spezifität). Deswegen sind die Geschwindigkeit der Beurteilung und ihre Eindeutigkeit als Grundlage für eine Handlung entscheidend. Die Weiterentwicklung des Verstandes steht im Dienst dieser klassischen evolutionären Ausrichtung. Keine Rede also davon, dass die Vernunft dazu da ist, die Phänomene der Welt möglichst genau und richtig zu erkennen, sie durchschauen und erklären zu können. Vielmehr gilt das erwähnte zentrale Prinzip, dass sich in der Evolution seit Jahrmillionen bewährt hat: besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig. Um schnell und/oder eindeutig zu entscheiden und zu handeln, sind die Reduktion von Komplexität, Generalisierung und Automatisierung sehr nützliche Mechanismen. Wir haben genau diese Elemente in Form psychologischer Urteilsfehler kennengelernt.
So wird uns der Mechanismus der Automatisierung zum Beispiel beim Priming deutlich vor Augen geführt. Beim Priming speist unser intuitives System zuvor unbewusst aufgenommene Informationen – ungefragt – in unsere bewussten Beurteilungsprozesse ein oder lässt sie direkt ohne Umwege ins Verhalten einfließen.
Aus Sicht der Evolution kann man sich einen Reim darauf machen, warum diese Automatisierung einmal sinnvoll gewesen sein könnte. Beim Priming wird eine Information aus der Außenwelt (z. B. in den vorangehend dargestellten Experimenten irgendeine Zahl, das Thema »Geld«, das Thema »Altwerden«) in einen zeitlich darauffolgenden Entscheidungsprozess eingebunden. Ähnlich wie beim Halo-Effekt findet auch hier ein Prozess der Angleichung statt. Unser Wahrnehmungssystem geht davon aus, dass zeitlich eng aufeinanderfolgende Dinge etwas miteinander zu tun haben, statt völlig unabhängig voneinander zu sein. In der Tat dürfte es bei einem eher homogenen Lebensraum, zum Beispiel beim Leben in der Savanne oder in einem Wald, eher so sein, dass Dinge, die in naher zeitlicher Abfolge stattfinden, etwas miteinander zu tun haben bzw. in die gleiche Richtung weisen. Dass nicht alle Details im Bewusstsein registriert und aufgenommen werden, ist eine Frage der Ökonomie. Die meisten Wahrnehmungen werden ständig weggefiltert, um die Möglichkeiten unserer Informationsverarbeitung nicht zu überfordern.
Nun dürfte es aus Sicht der Evolution eine Frage gewesen sein, ob die unterhalb der Bewusstseinsschwelle registrierten Informationen komplett verloren gehen oder auf einem subtilen Weg nicht doch – stereotyp, automatisiert und auf gut Glück – wieder in Beurteilungsprozesse und Verhaltensweisen einfließen sollen. Man kann sich gute Gründe dafür vorstellen, warum die Evolution das so eingerichtet hat – und zwar vor allem dann, wenn die Information in enger zeitlicher Nähe zu einer Beurteilung oder einem Verhalten steht. Auch hier wird es durch diesen Mechanismus oft zu verzerrten oder falschen Beurteilungen und unsinnigen Verhaltensweisen kommen. Aber darauf kommt es gar nicht an. Denn es geht nur darum, in einigen wenigen Fällen fatale Konsequenzen zu verhindern, weil eine entscheidende Information verpasst wurde.
Die Mechanismen der Reduktion von Komplexität und der Generalisierung lassen sich in nahezu allen psychologischen Urteilsfehlern nachweisen. So führt zum Beispiel der Halo-Effekt gleichermaßen zur Generalisierung (einer Beurteilung) und zur Reduzierung von Komplexität (Vermeidung von Heterogenität). Der Rückschaufehler entspricht der Reduzierung von Komplexität.
Alle diese Mechanismen haben auf subjektiver Ebene eine Fülle positiver Wirkungen. Sie vermitteln das Gefühl, die Welt zu verstehen und dadurch Kontrolle über die Umwelt zu haben. Es findet damit eine Immunisierung gegenüber den Gefahren statt, die mit der Weiterentwicklung des Verstandes und des Bewusstsein verbunden sind. Der stark weiterentwickelte Verstand soll nicht zu Verunsicherung, Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit führen. Im Gegenteil ist etwas Selbstüberschätzung sogar vorteilhaft. Deswegen macht es aus Sicht der Evolution Sinn, die starke Ausweitung des Verstandes mit einer Vielzahl von Stoßdämpfern zu versehen, um die damit verbundenen Risiken zu reduzieren. Der Preis sind Mechanismen, die zu verzerrten und falschen Beurteilungen und entsprechenden Handlungen führen – all das aber mit einem subjektiv guten Gefühl. Denken wir daran, von welchem der beiden Urmenschen wir abstammen. Nicht von dem Neugierigen, der die Welt differenziert erforschen und erkennen wollte.
Aus einer aufklärerischen Perspektive sind die Mechanismen, die er uns vererbt hat, problematisch. Man kann auch fragen, ob sie im 21. Jahrhundert noch die Berechtigung haben, die sie vielleicht vor 50 000 Jahren hatten. In jedem Fall ist es aber sinnvoll, sich mit diesen Mechanismen und ihren Auswirkungen auseinanderzusetzen. Denn ohnehin sind sie nicht zu eliminieren. Aber sowohl individuell als auch gesellschaftlich kann es gelingen, negative Folgen zu begrenzen. Aus einer aufklärerischen Haltung heraus ist zu sagen: Das muss gelingen. Aber selbstverständlich ist das keineswegs. Gerade in den westlich orientierten Demokratien, die sich eigentlich den Grundgedanken der Aufklärung verbunden fühlen, zeigen sich in Politik, Medien, Ökonomie und Wissenschaft genau gegenteilige Tendenzen. Die evolutionär mit einer anderen Zielsetzung geschaffenen Fehlerquellen werden genutzt, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, um Produkte zu verkaufen oder um Politik zu machen (vgl. Kap. 15).
4.3Kooperation versus egoistische Abgrenzung
Man kann die evolutionäre Ausgangssituation auch noch unter einem anderen Blickwinkel betrachten. Ein großes Potenzial der Vernunft für die menschliche Entwicklung erschließt sich durch Kooperation. Wie schon die Affen ist auch der Mensch stark auf das soziale Miteinander in einer Gruppe orientiert. Die Vernunft erlaubt es dem Menschen, soziale Funktionsräume zu erschaffen, die das Leistungsvermögen und die Fortentwicklungsmöglichkeiten des Einzelnen bei Weitem übertreffen. Diese Möglichkeiten wurden durch die Entwicklung der menschlichen Vernunft in nie zuvor erreichte Dimensionen gesteigert. Aber genau hierin liegt aus evolutionärer Sicht auch eine Ambivalenz.
Sie beginnt mit der Weiterentwicklung des Bewusstseins. Sich seiner selbst bewusst zu sein und sich als Individuum zu verstehen, ist ein Erleben, das durch Abgrenzung von der Umwelt und anderen Lebewesen konstituiert wird. Ein darauf aufbauender Selbstbehauptungstrieb muss sich in der subjektiven Wahrnehmung zunächst auf sich selbst fokussieren. Es kommt hinzu, dass andere Menschen nicht nur potenzielle Kooperationspartner sind. Gerade weil der Mensch keine anderen natürlichen Feinde hat, ist ein anderer Mensch die einzig relevante Gefahrenquelle durch ein anderes Lebewesen. Ein anderer Mensch positioniert sich somit theoretisch im Spannungsfeld zwischen potenziellem Verbündeten und existenzgefährdendem Feind.
Diese Grundproblematik hat die Natur auch schon vor der Existenz des Menschen bei vielen Spezies gelöst. Wir kennen das Prinzip des Rudels, der Herde, des Schwarms, der Paarbeziehung oder der Gruppe (zum Beispiel bei Affen). Das Prinzip ist immer das gleiche. Es gibt eine soziale Ordnung innerhalb der Gruppe. Das heißt, es gibt Regeln, nach denen sich das Verhalten des Einzelnen ausrichtet. Diese Regeln gewährleisten die Funktionsfähigkeit der gesamten Gruppe. Wie erwähnt lässt sich die menschliche Entwicklung so charakterisieren, dass sie sich weg von stereotypen Instinkthandlungen hin zu mehr Variabilität und mehr Entscheidungsspielraum des Einzelnen bewegt hat. Die meisten von uns kennen das Gefühl, anderen Menschen durch partnerschaftliche, freundschaftliche, familiäre Bande oder auch nur durch Sympathie verbunden zu sein. Das sind Ausdrucksformen unseres Potenzials, uns in Gemeinschaft mit anderen Menschen wohl zu fühlen und Teil eines sozialen Gebildes zu werden, das auf Kooperation ausgerichtet ist. Diese Fähigkeit zu kooperativem Empfinden steht allerdings in einem Spannungsverhältnis zum egozentrisch auf die eigene Selbstbehauptung ausgerichteten Selbstbewusstsein. Das lässt sich an zahlreichen Beispielen demonstrieren. Selbst tiefe Liebesbeziehungen oder starke familiäre Bande verhindern nicht, dass es immer wieder Phasen individuellen Unbehagens oder wüster Konfrontationen gibt. Die Spitze des Eisbergs dieses Phänomens ist der Umstand, dass es sich bei vielen Tötungsdelikten um Beziehungsdelikte handelt.
Nietzsche nennt diese menschliche Bestrebung den Willen zur Macht, der auf dem biologischen Prinzip der Selbstbehauptung aufgebaut ist (vgl. Kap. 9.4). »Selbstbehauptung« klingt nach einer einsamen Sache, bei der sich der Einzelne gegen alle Widrigkeiten und konkurrierende Mitmenschen durchs Leben schlägt. Aber der Wille zur Macht bzw. die Ausübung von Macht kommt oft gerade nicht alleine, sondern durch die Führung oder die Beeinflussung einer Gruppe zum Ausdruck. Sie hat dann die Form einer sozialen Interaktion, denn die Beziehungen zu anderen Menschen müssen keineswegs zwangsläufig Ausdruck unseres Kooperationspotenzials sein. Das Kooperationspotenzial ist immer dadurch gekennzeichnet, eigene Bedürfnisse und Ansprüche zumindest teilweise gegenüber legitimen Bedürfnissen und Ansprüchen anderer Menschen/Lebewesen zu relativieren. Häufig gibt es dafür emotionale Korrelate, indem wir ein positives Gefühl der Bindung zu anderen Menschen oder einer Gruppe empfinden (z. B. Liebe, Freundschaft, Sympathie). Auch die Vernunft kann ein tragfähiger Boden für Kooperation sein. Dies, indem ein Individuum erkennt, dass Kooperation für alle Beteiligten nützlich ist und das eigene Verhalten deshalb kooperativ ausrichtet. Aus dem Gesagten wird deutlich, dass die Instrumentalisierung von Beziehungen, Manipulation oder ein vor allem auf Kontrolle anderer Personen oder Gruppen ausgerichtetes Handeln, keine Verhaltensweisen sind, die unserem Kooperationspotenzial entsprechen. Es handelt sich vielmehr um Formen von Machtausübung im Kontakt mit anderen Menschen. Deren Quelle ist nicht das menschliche Kooperationspotenzial, sondern der entgegengesetzte Pol: die egoistische Selbstbehauptung.
Das Kooperationspotenzial der menschlichen Natur basiert vor allem auf der Bindungsfähigkeit gegenüber anderen Menschen. Die bereits erwähnten emotionalen Korrelate der Bindung sind zum Beispiel als Liebe, Freundschaft, Verbundenheit, Zuneigung oder Sympathie spürbar. Genau genommen ist Bindungsfähigkeit eine universelle menschliche Disposition und keineswegs nur auf andere Menschen begrenzt. Sie kann mit den gleichen emotionalen Korrelaten gegenüber anderen Lebewesen (Tieren oder Pflanzen) oder auch unbelebten Dingen zum Ausdruck kommen. Dass das Ziel der Bindungsfähigkeit variabel ist, zeigt sich an der Beziehung, die manche Menschen zum Beispiel zu ihrem Auto oder zu virtuellen Figuren entwickeln können. Die beginnende Verbreitung von menschlich wirkenden Puppen als Ersatz für menschliche Partner zeigt, dass Bindungsfähigkeit eine menschliche Grunddisposition ist, die sich sehr flexibel auf verschiedene Objekte ausrichten kann. Die Bindungsfähigkeit ist im Übrigen wieder ein Element, das sich in der Natur bereits bei vielen Lebewesen zeigte. Wer je einen anhänglichen Hund hatte, hat einen eigenen Eindruck von der Bindungsfähigkeit von Tieren. Allerdings sind die Flexibilität und das Differenzierungsspektrum menschlicher Bindungsfähigkeit Grundlage einer sozialen Interaktionsfähigkeit, die weit über die Möglichkeiten hinausgeht, die durch die Evolution vor der Entwicklung des Menschen geschaffen wurden.
Ein zweites emotionales Korrelat unseres Kooperationspotenzials ist die Fähigkeit, Gefühle und Perspektiven anderer Lebewesen zu erkennen und nachzufühlen. Diese Fähigkeit wird gemeinhin als Empathie bezeichnet. Wenngleich dieser Begriff einige Unschärfen enthält, trifft das allgemeine Verständnis doch ganz gut den Kern, um den es geht. Es ist uns möglich, eine – auch emotional angereicherte – Vorstellung davon zu entwickeln, wie sich ein anderes Lebewesen fühlt und/oder wie die Welt aus dessen Perspektive aussieht. Es gibt Menschen, denen das besser gelingt als anderen. Aber auch bei den Menschen, die grundsätzlich fähig sind, Empathie zu empfinden, ist es von der jeweiligen Situation abhängig, ob diese Fähigkeit aktiviert wird oder nicht. Wie bei der Bindungsfähigkeit haben Menschen eine hohe Flexibilität dahingehend, in welchen Situationen Empathie aktiviert wird und in welchen nicht (siehe auch Verhältnis Mensch – Tier, Kap. 4.6). Generell ist die Wahrscheinlichkeit, Empathie zu empfinden, dann erhöht, wenn gleichzeitig eine Bindung zur anderen Person/zum anderen Lebewesen besteht.
Es ist das Wesensmerkmal einer Bindung, dass sich die Grenzen der eigenen Identität – zumindest ein wenig oder kurzzeitig – lockern. Wenn man sich einer anderen Person nah fühlt, dann nimmt man sich selbst – auch – als Teil einer Gemeinsamkeit wahr, die in einem Gefühl der Verbundenheit spürbar wird. Man kann dieses Phänomen sehr gut beobachten, wenn Menschen sich einer Gruppe gegenüber verbunden fühlen und dann in dieser Gruppe aufgehen. Das kann sehr schnell passieren. Manchmal reicht es, Zuhörer einer emotionalen Massenveranstaltung zu sein, um sich als Teil einer gefühlten Gruppenidentität wahrzunehmen (vgl. Kap. 15.6). Manchmal reicht es, nach einigen Gläsern Bier mit Bekannten durch die Straßen zu ziehen.
Das Prinzip der egoistischen Selbstbehauptung ist das dem Kooperationspotenzial entgegengesetzte Prinzip. Egoistische Selbstbehauptung ist vor allem durch die starke Fokussierung auf die eigenen Interessen gekennzeichnet. Evolutionär sind Überleben und Fortpflanzung die entscheidenden Interessen. Es liegt im Wesen der puren egoistischen Selbstbehauptung, dass andere Menschen in diesem Modus als potenzielle Konkurrenten, als Feinde oder als nützliche Ressource wahrgenommen werden, die eigene Macht zu festigen oder zu erweitern. Darum sind Beziehungen zu anderen Menschen in diesem Modus eher auf Kontrolle und Beherrschen ausgerichtet.
Nietzsche hat dem biologischen Prinzip der unbedingten Selbstbehauptung zu Recht eine Qualität des immerwährenden Fortschreitens, des Immer-weiter und Immer-besser zugeordnet. Egoistische Selbstbehauptung als Wille zur Macht ist eine Kraft, die keine Ruhe kennt. Sie ist – auch im positiven Sinne – durch ein Element der Unersättlichkeit gekennzeichnet. Die Dynamik des grenzenlosen Fortschreitens kann positiv wirken, wenn sie in einer zivilisierten Ausdrucksform wertvolle Leistungen ermöglicht. Zu denken ist z. B. an die Triebkraft, die Entdeckungen, Erfindungen, Kunstwerke oder ein geniales Handwerksstück hervorzubringen vermag. Aber mit dem Prinzip der egoistischen Selbstbehauptung ist auch großes Potenzial für Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung verbunden. Denn rücksichtsloser Egoismus und Unersättlichkeit sind Kernmerkmale dieses Prinzips. Im Fiktionalen verkörpern die Gegenspieler von James Bond Personen mit einem ungebremsten Willen zur Macht. Stets verfolgen sie das Ziel, zum Herrscher der Welt zu werden. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Zu Ende gedacht, liegt das in der Logik des – nicht durch die Realität begrenzten – Prinzips egoistischer Selbstbehauptung. Aber es braucht keine Kunstfigur, um diese Prinzip zu veranschaulichen. Geschichte und Gegenwart sind voll von Personen, deren rücksichtsloser Egoismus und deren Unersättlichkeit zu unermesslichem Leid geführt haben.
Man kann also zusammenfassend sagen, dass unsere Wahrnehmungsund Erkenntnisfähigkeiten zwischen zwei zentralen evolutionären Prinzipien der menschlichen Natur positioniert sind. Diese sind das emotional durch Bindungsfähigkeit und die Fähigkeit zum Nachfühlen vermittelte Kooperationspotenzial auf der einen und das – potenziell grenzenlos fortschreitende – Prinzip egoistischer Selbstbehauptung auf der anderen Seite.
4.4Individuelle Zuspitzungen der basalen Evolutionsprinzipien der menschlichen Natur
Generell sind in jedem Menschen beide Prinzipien angelegt. Aber individuell gibt es große Unterschiede. So verkörpert das oben beschriebene Persönlichkeitsprofil der Kaltblütig manipulativen Persönlichkeit (KmP) eine individuell extreme Ausprägung beider Prinzipien: eine sehr geringe Ausprägung des Kooperationspotenzials auf der einen und eine extrem starke Ausprägung der egoistischen Selbstbehauptung auf der anderen Seite. Es ist klar, dass die individuelle Akzentuierung der egoistischen Selbstbehauptung häufig mit negativen Folgen für andere Menschen verbunden ist.
Es gibt auch das genaue Gegenteil. Das sind Menschen, die in übertriebener Weise an das Gute aller anderen Menschen glauben. Dadurch verkennen sie Risiken und neigen auf unkritische Weise zu einer naiven Gutmütigkeit. Besonders deutlich wird eine individuelle Übersteigerung des Kooperationspotenzials der menschlichen Natur auf Kosten der egoistischen Selbstbehauptung bei Personen mit einer Dependenzproblematik. Sie haben die Tendenz, ganz und gar in der sozialen Beziehung aufzugehen und die eigene Identität übertrieben stark zu relativieren. Darum besteht bei ihnen die Gefahr, dass sie anderen Menschen zu viel Macht über die eigene Person geben.
Dazu habe ich an anderer Stelle ausgeführt: »Von anderen Menschen abhängig zu sein und sich ihnen unterzuordnen, kann ein angemessenes Verhalten sein. So ist Abhängigkeit in der kindlichen Entwicklung normal. Neben einer bestimmten Lebensphase kommen Abhängigkeiten und Unterordnung auch kontextbezogen vor. Im Militär, als Patient im Krankenhaus oder als Mitglied eines Arbeitsteams können mehr oder weniger stark ausgeprägte Aspekte von Abhängigkeit und Unterordnung ein adäquates Verhalten sein. Demgegenüber gibt es aber Situationen, in denen die Unterordnung eigener Interessen und Bedürfnisse unter diejenigen einer anderen Person […] ein auffälliges Verhalten sein kann. Die Unangemessenheit eines unterordnenden und abhängigen Verhaltens stellt somit ein wichtiges Kriterium der Dependenzproblematik dar.«
Für die Diagnose einer dependenten Persönlichkeitsstörung gibt es folgende Kriterien:
1.»Bei den meisten Lebensentscheidungen wird an die Hilfe anderer appelliert oder die Entscheidung wird anderen überlassen.
2.Unterordnung eigener Bedürfnisse unter die anderer Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht, und unverhältnismäßige Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen anderer.
3.Mangelnde Bereitschaft zur Äußerung angemessener Ansprüche gegenüber Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht.
4.Unbehagliches Gefühl beim Alleinsein aus übertriebener Angst, nicht für sich allein sorgen zu können.
5.Häufige Angst, von einer Person verlassen zu werden, zu der eine enge Beziehung besteht, und auf sich selbst angewiesen zu sein.
6.Eingeschränkte Fähigkeit, Alltagsentscheidungen zu treffen ohne ein hohes Maß an Ratschlägen und Bestätigungen von anderen.
7.Zusätzlich können sich die Betreffenden selbst hilflos, inkompetent und nicht leistungsfähig fühlen (Weltgesundheitsorganisation 1999).« [13] zitiert nach [11, S. 236–237]
Die Zuspitzungen der beiden zentralen evolutionären Prinzipien der menschlichen Natur in Form individuell problematischer Persönlichkeitsprofile verdeutlichen, welches die positiven Aspekte des jeweils entgegengesetzten Pols sind. Durch eine individuell überdurchschnittliche Ausprägung der egoistischen Selbstbehauptung werden die Umwelt und vor allem andere Menschen geschädigt. Durch eine individuell überdurchschnittliche Ausprägung des Kooperationspotenzials erfährt vor allem die betroffene Person selbst Nachteile.
4.5Abgrenzung schafft Identität
Es wurde darauf hingewiesen, dass die Aktivierung des menschlichen Kooperationspotenzials häufig mit emotionalen Korrelaten einhergeht und dass dieser Prozess sehr rasch ausgelöst werden kann. Viele kennen das aus eigener Erfahrung. Wer schon einmal in einer Gruppe von Fußballfans marschiert ist, im Karneval oder bei Konzerten in emotional gelockerter Stimmung wildfremde Menschen umarmt hat, der bekommt ein Gefühl dafür, wie schnell sich dieser Schalter bei uns umlegen lässt. Ein anderes Beispiel sind politische Massenveranstaltungen – sei es bei den Nationalsozialisten oder aktuell in der Türkei, wenn dem »Messias« gehuldigt wird. Menschen haben in diesen Situationen die Tendenz, in der Masse aufzugehen und die Grenzen der eigenen Individualität zu lockern. Das kann in vielen unterschiedlichen Situationen geschehen und ist von einem Moment auf den anderen sogar mit wildfremden Menschen möglich. Dies und dass das Aufgehen in einer Gruppe von einem starken positiven Gefühl getragen wird, sind deutliche Indizien dafür, dass wir es hier mit einem Programm zu tun haben, das die Evolution in der menschlichen Natur angelegt und tief verankert hat.
Wenn Menschen eine Gruppenidentität annehmen und dabei ihre individuelle Identität relativieren, geschieht das durch eine starke Aktivierung des Kooperationspotenzials. Diese Aktivierung bleibt aber auf die jeweilige Gruppe beschränkt. So leben zum Beispiel politische oder religiöse Gruppen, Hooligans und andere Gangs davon, Gruppenidentitäten dadurch zu festigen, dass sie sich scharf von anderen Gruppen abgrenzen. Abgrenzung ist ein Element, das eng mit dem Identitätserleben am Pol egoistischer Selbstbehauptung verbunden ist: Hier bin ich und behaupte mich gegen den Rest der Welt!
Abgrenzung ist generell ein Mechanismus, um Identitäten zu schaffen oder Identitäten zu schärfen. Es ist nicht der einzige Mechanismus, aus dem sich Identitätserleben speist, aber es ist ein sehr mächtiger, archaischer, allgegenwärtiger und oft auch gefährlicher Mechanismus. Um die zentrale Bedeutung dieses Mechanismus zu verdeutlichen, könnten wir eine Ursprungsgeschichte erzählen, in der die Schaffung von Identität durch Abgrenzung zum zentralen Prinzip erklärt wird:
Nur durch Abgrenzung wird Identität geschaffen. Bereits der Beginn des Universums verdeutlicht dieses Prinzip. Denn am Anfang war das Nichts. Im Nichts gibt es keine Materie, kein Lebewesen, keinen Planeten, kein Atom, keine Zeit, keinen Raum … nichts, ganz und gar nichts. Vergegenwärtigt man sich diesen Zustand, dann ist die erste Materie, die das Nichts zerstört, nichts anderes als eine Abgrenzung vom Nichts. Die erste Materie ist eine Nicht-Nichts-Insel in einem Meer des Nichts. Die gesamte Weiterentwicklung kann man nun als eine Fortsetzung des Abgrenzungsprinzips verstehen. So ist das erste Atom eine Abgrenzung von diffuser Materie: eine Insel atomarer Materie in einer diffusen Materiesuppe. Der erste Planet ist eine Abgrenzung von atomaren Gaswolken (eine erste Planeteninsel im unendlichen Gasnebel). Das erste Sonnensystem ist eine Abgrenzung von einzelgängerischen Planeten (eine erste Sonnensysteminsel im Chaos umherfliegender Planeten) usw.
Machen wir einen großen Sprung hin zur Entstehung des Lebens. Wieder begegnet uns Abgrenzung als zentrales Prinzip. Der Beginn des Lebens besteht darin, dass sich DNA-Bruchstücke von einer molekularen Ursuppe abgrenzen. Nach diesem Startschuss geht ein nicht enden wollender Kampf los: jeder gegen jeden. Bakterien, Viren, Fische, Schlangen, Ameisen, Löwen, Tiger, Affen … Nein, es geht nicht um Kooperation, nicht um friedliche Koexistenz. Die Devise ist vielmehr: Abgrenzung, fressen und gefressen werden.
Auch in unserer eigenen Entwicklung ist dieses Prinzip feststellbar. Der Säugling erlebt sich noch zunächst als von seiner Umgebung unabgegrenzt. Seine Identitätsentwicklung besteht darin, dass er die Fähigkeit entwickelt, zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden.
Generell wissen wir aus der Wahrnehmungstheorie, dass Identität erst durch Verschiedenheit und durch Abgrenzung erkennbar wird. Eine weiße Schrift ist in einer weißen Umgebung nicht wahrnehmbar. Umso klarer sehen wir die weiße Schrift aber vor einem schwarzen Hintergrund. Abgrenzung begegnet uns überall und schafft permanent und flexibel auf unterschiedlichsten Ebenen Identität. Das persönliche Identitätserleben besteht darin, sich selbst als gegenüber allen anderen Menschen anders und abgegrenzt zu erleben (ich versus alle anderen Menschen).
Dekliniert man dieses Prinzip weiter, dann entsteht eine Familienidentität dadurch, dass sich Familienmitglieder als gegenüber Nicht-Familienmitgliedern abgegrenzt erleben (Familie versus Nicht-Familienmitglieder). Manchmal erleben sich die Bewohner eines Stadtviertels (Quartiers) als eine Gemeinschaft. Hier grenzen sich die Bewohner des eigenen Viertels gegenüber den Bewohnern anderer Viertel ab (Quartierbewohner versus Nicht-Quartierbewohner). Ein gängiges Phänomen ist es, dass sich vor allem Nachbarstädte gegeneinander abgrenzen. Diese Abgrenzung besteht häufig in einer zugespitzten Rivalität und wird auf verschiedenen Ebenen geradezu zelebriert (eigene Stadt versus fremde Stadt).




