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Familienmitglieder, Quartierbewohner und unzählige Bewohner aller möglichen Städte werden aber dann rasch unter einer anderen Perspektive zu einer homogenen Identität, wenn Inländer gegenüber Ausländern abgegrenzt werden. Hier entsteht eine Identität und Verbundenheit mit den Bewohnern des eigenen Landes gegenüber den Bewohnern aller anderen Länder (Inländer versus Ausländer). Die Konkurrenz, die vielleicht gerade noch bei einem Fußballspiel zwischen zwei Ländern sehr ausgeprägt war, kann in einer neuen Identität – theoretisch – aufgelöst werden, wenn ein Spiel zwischen verschiedenen Kontinenten angesetzt würde. Würden nun die Konkurrenten von eben zum Beispiel in einer Europaauswahl gegen eine Auswahl des amerikanischen Kontinents antreten, würden wir den noch kurz zuvor als feindlich erlebten Konkurrenten ob seiner großen Qualitäten freudig in unserer eigenen kontinentalen Mannschaft begrüßen. Wir könnten uns mit der neu geschaffenen Mannschaft in ähnlicher Weise identifizieren, wie wir es zuvor mit der Ländermannschaft getan haben. Wenn wir dieses Prinzip noch eine Stufe weitertreiben, dann könnte man theoretisch das Szenario eines Kampfes der Menschheit gegen Außerirdische konstruieren. In diesem Fall würden wir uns stark mit der gesamten irdischen Menschheit identifizieren, die zum Kampf gegen die Außerirdischen antritt. Alle Abgrenzungen und Unterschiede, die zuvor in allen möglichen Facetten dazu geführt haben, viele andere Menschen als fremd, anders und sicher nicht zu unserer Gemeinschaft gehörig anzusehen, wären mit einem Schlag verschwunden oder zumindest zeitweise erheblich relativiert.
Wir erkennen an diesen Beispielen, wie flexibel wir sind, die jeweiligen Abgrenzungen und Zugehörigkeiten anzupassen. Zentral bleibt aber immer ein Prinzip: Abgrenzung und das Erleben von Unterschiedlichkeit schaffen Identität. Wer zu einer eigenen Identität bzw. einer eigenen Gruppe gehört und wer nicht, hängt davon ab, unter welchen Kategorien wir die jeweiligen Personen subsumieren. Die Flexibilität besteht darin, dass wir problemlos sehr enge oder aber sehr weit gefasste Kategorien mit einem eigenen Identitätserleben und dem entsprechenden Gefühl von Verbundenheit koppeln können. Diese Fähigkeit ist Teil unseres Kooperationspotenzials, das uns die Evolution als ein Standardprogramm mitgegeben hat.
Ein häufig praktizierter Mechanismus, um sich positiv zu identifizieren, ist es übrigens, die anderen, von denen man sich abgrenzt, zu disqualifizieren. Es ist z. B. weit verbreitet, über andere (Mitglieder einer anderen Abteilung, einer anderen Berufsgruppe, einer anderen Firma, Angehörige einer anderen Rasse, Bewohner einer anderen Stadt, Vertreter einer anderen Überzeugung etc.) schlecht zu reden. Jeder kennt Alltagssituationen, in denen das zu beobachten ist. Gemeinsam über andere Personen schlecht zu reden, ist gut für das eigene Selbstwertgefühl. Weil die anderen Idioten sind, steht man selbst besser da – denn man ist ja anders. Gemeinsam über andere schlecht zu reden, erzeugt ein wohltuendes Gemeinschaftsgefühl. Es ist zudem eine gute Strategie, Konflikte in der eigenen Gruppe, in der eigenen Familie zu verdecken. Sie vermittelt bequeme Erfolgserlebnisse, ohne dass man eine eigene Leistung dafür erbringen muss. Andere Menschen zu diskreditieren, erzeugt in diesem Sinne Sicherheit: Wir sind auf der richtigen, der stärkeren Seite etc.
4.6Das Verhältnis Mensch – Tier: Ein Beispiel für die Aktivierung und Deaktivierung des Kooperationspotenzials
Wir haben gesehen, dass unsere Vernunft durch eine Reihe psychologischer Mechanismen verdünnt und zurechtgebogen wird, um aus evolutionärer Sicht nicht mehr zu schaden, als sie nutzt. Ihrem Prinzip »Besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig« kann man noch hinzufügen, dass die Aufrechterhaltung einer stimmigen Identität ebenfalls ein wichtiges Ziel darstellt. Da soll uns weder die Vernunft in die Quere kommen, noch sollen uns alltägliche Handlungen zu sehr erschwert werden. So ist auch die Aktivierung oder die Deaktivierung des Kooperationspotenzials in vertraute und bequeme Erklärungen eingebettet. Sie unterliegen den vielfältigen, vorangehend dargestellten psychologischen Mechanismen. Man kann einige dieser Mechanismen gut am Beispiel des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier demonstrieren.
Die meisten Menschen empfinden sich als tierlieb. Zwar steigt seit einigen Jahren die Zahl derjenigen, die aufgrund dieser Haltung auf Fleischkonsum verzichten. Die Mehrheit isst aber Fleisch, ohne das als einen scharfen Widerspruch zur eigenen Einstellung wahrzunehmen. In einer sehenswerten Fernsehdokumentation des Schweizer Fernsehens wurden einige Personen porträtiert, bei denen dieser Widerspruch besonders deutlich zum Vorschein kommt. [14]
Zu diesen Personen gehörte ein passionierter Jäger, der das Töten von Tieren offensiv als wichtigen Teil seiner Identität vertrat. Gleichzeitig hatte er eine sehr innige Beziehung zu seinem Jagdhund. Dem hatte er einen Namen gegeben und vergötterte ihn fast ein wenig. Ein anderes Beispiel ist, dass sich die meisten Menschen über Länder empören, in denen Hunde und Katzen gegessen werden. Aber worin genau soll der Unterschied zu der Gewohnheit bestehen, Kälber und Lämmer zu verspeisen?
Die Beispiele zeigen, wie flexibel wir darin sind, zu Lebewesen einen persönlichen Bezug zu entwickeln und gleichzeitig einer Vielzahl eben dergleichen Lebewesen jede Daseinsberechtigung abzusprechen. Ein gutes Stück Fleisch auf dem Teller, leckere Hähnchenschenkel im Supermarkt. So nehmen wir im Alltag das Fleisch von Tieren wahr, so kategorisieren wir die Wirklichkeit. Es ist theoretisch nicht schwierig, sich durch den Verstand bewusstzumachen, dass es sich um Leichenteile von Tieren handelt. Vielleicht haben wir auch schon manchmal darüber nachgedacht und den Widerspruch zu unserer ansonsten empfundenen Tierliebe erkannt. Solche Momente sind aber eher selten und haben keine zwingende Konsequenz. Die alltägliche Kategorisierung entspricht einer drastischen Selektion von Information. Sie funktioniert problemlos weiter, obwohl wir vielleicht schon einige Male über den Widerspruch nachgedacht haben. Die Kategorisierung ist bequem. Denn sie ermöglicht ein problemloses Handeln (problemloses Essen), weil sie im Alltag keinen Raum für Ambivalenz lässt.
Manch einer reagiert aggressiv, wenn er auf diesen Widerspruch hingewiesen wird. Man wehrt sich dagegen, sich von anderen ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Es geht mir bei diesem Beispiel nicht darum, eine richtige oder eine falsche Haltung zu vermitteln. Es geht mir um den Umgang mit dem logischen Widerspruch. Das Beispiel verdeutlicht, wie flexibel wir darin sind, durch entsprechende Kategorisierung (implizite Theorien, Ideologien, Betrachtungsweisen, Überzeugungen) homogene Bilder zu produzieren und damit logische Widersprüche wegzudefinieren.
Die innige Beziehung zum eigenen Haustier, das einen Namen trägt, zeigt, dass wir ein genauso homogenes Bild als Grundlage unseres Verhaltens in umgekehrter Richtung produzieren können. Wir kennen den Mechanismus bereits. Es handelt sich um die variable Grenze zwischen »eigene Gruppe/eigene Familie« und »fremde Gruppe/fremde Familie«. Der Hund, der einen Namen trägt, erhält dadurch ein Gesicht und eine Identität. Das ist eine gute Basis, das ganze Spektrum des evolutionär angelegten Kooperationspotenzials abzurufen, das auf eigene Familienmitglieder angewendet wird. Dass damit ein Heer namenloser anderer, gleichartiger Lebewesen ausgeschlossen wird, ist subjektiv kein Widerspruch. Im Gegenteil ist das sogar das Kennzeichen dieses Prinzips. Es gibt einige Individuen im eigenen Kreis und viele außerhalb dieses Kreises.
So dürfte es auch am Beginn der Menschheitsgeschichte gewesen sein. Die mit der Bindung einhergehenden Gefühle (Sympathie, Freundschaft, Verbundenheit, Liebe etc.) sind evolutionär der Leim, der die sozialen Beziehungen zur eigenen Gruppe tragfähig und damit zumindest potenziell dauerhaft werden lässt. In diese Werkzeugkiste hat die Evolution gegriffen, um dem Menschen eine besonders gute Grundlage für die Gruppenkooperation zu geben. Eine wichtige Komponente dieses Leims ist eine in aller Regel stark ausgeprägte Tötungshemmung, die mit der Bindung und ihren typischen emotionalen Korrelaten einhergeht.
Das Gegengewicht gegen diesen starken Leim ist die Flexibilität in seiner Anwendung. Ob der Leim wirksam wird oder nicht, hängt von der Kategorie ab, in der das Lebewesen subjektiv erfasst wird. Wir haben diesen Mechanismus bereits anhand identitätsbildender Konflikte zwischen Fans des eigenen Fußballvereins und Fans eines anderen Fußballvereins oder den Einwohnern der eigenen und den Einwohnern einer Nachbarstadt kennengelernt. In andere Dimensionen gesteigert wirkt derselbe Mechanismus bei Kriegen und bei fundamentalistischen Ideologien. Die »Anderen« sind hier oft eine Kategorie, deren Individuen nicht mehr als Menschen betrachtet werden. Es ist der namenlose Feind, es sind die Ungläubigen, die den Tod verdienen, Angehörige einer Rasse, die keine Lebensberechtigung haben, etc.
Konnten KZ-Aufseher treusorgende Familienväter sein? Ja, selbstverständlich. Denn das, was uns von außen als logischer Widerspruch erscheint, muss subjektiv keiner sein. Die Arbeit im KZ oder bei Erschießungskommandos im Feindesland wurde vielleicht sogar gerade aufgrund ihrer abstoßenden Qualität subjektiv als besonderer Dienst für das eigene Land kategorisiert. Sicher fehlen in der vorherrschenden Kategorisierung der Opfer aber die Aspekte, die das Kooperationsprogramm auslösen können (Bindung). Durch die Kategorisierung findet eine Entmenschlichung statt. Dadurch wird die mit dem Kooperationsprogramm einhergehende Tötungshemmung hinfällig. Das alles hat dann aber in der eigenen Wahrnehmung selbstverständlich nichts mit der eigenen Familie oder gar den eigenen Kindern zu tun. So wie das Stück Fleisch auf dem Teller nicht als ein verhaltensrelevanter Widerspruch zur eigenen Tierliebe empfunden wird oder der eigene Jagdhund vergöttert werden kann, ohne dass ein subjektiver Widerspruch zum Abschlachten vieler anderer Tiere in einem anderen Kontext entsteht.
Wir gehen Ambivalenzen nach Möglichkeit aus dem Weg und sind bestrebt, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Besonders große Hemmungen, bequeme und vertraute Sichtweisen infrage zu stellen, bestehen, wenn sie eng mit dem eigenen Selbstbild verknüpft sind. Da leisten die dargestellten Mechanismen im Alltag gute Dienste. Sie ermöglichen eine Kontinuität in der Lebensführung, eine Stabilität des eigenen Selbstbildes und schaffen dadurch eine klare Handlungsgrundlage. Logische Widersprüche, die wir mit der Vernunft erkennen können, führen nicht auf direktem Weg zu Einstellungs- oder gar Verhaltensänderungen. Im Gegenteil. Denn das Credo lautet: besser falsch, dafür schnell und/oder eindeutig. Das heißt auch: Die gefühlte, bequeme Wahrheit schlägt oft die unbequeme, kognitive Wahrheit.
5Das RSG-Modell
Wir haben verschiedene Mechanismen betrachtet, die dem Menschen im Wege stehen können, wenn es darum geht, die Wirklichkeit differenziert zu erfassen und darauf aufbauend vernünftig und human zu handeln. Basale erkenntnistheoretische Limitationen betreffen in gewisser Weise das Betriebssystem unserer Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit. Diese grundlegenden erkenntnistheoretischen Begrenzungen können in einer übergeordneten Perspektive als existenzielle metaphysische Aspekte eines im Universum existierenden Lebewesens aufgefasst werden. Auch auf dieser grundlegenden Ebene spielt bereits die Projektion von Strukturen und Mechanismen unseres Erkenntnisapparates in die Außenwelt eine Rolle. Damit ist die Gefahr verbunden, Ordnungsprinzipien, die wir in die für uns wahrnehmbaren Erscheinungen hineinprojizieren, als objektive Eigenschaften der Dinge zu interpretieren. Diese Dinge sind für uns aber nur durch ihre »Erscheinungen« wahrnehmbar, also durch die Art, in der sie uns »erscheinen«. Subjektiv determinierte Wahrnehmungs- und Erkenntnisstrukturen in die Außenwelt hineinzuprojizieren, ohne sie als fehleranfällige Projektion zu erkennen, ist auch auf den beiden nachfolgenden Ebenen ein zentrales Phänomen.
So findet sich auf der nächsten Ebene eine Vielzahl psychologischer Mechanismen, die als gravierende Schwachstellen unserer Erkenntnisfähigkeit anzusehen sind. Jedenfalls muss man es so sehen, wenn man das Ziel verfolgt, die Wirklichkeit differenziert zu erfassen und darauf aufbauend in humanistischer Tradition vernünftig zu handeln. Ist es nicht irritierend, dass unsere Vernunft so viele psychologische Konstruktionsmängel hat? Sind wir ein Montagsauto der Evolution, das man umtauschen sollte, wenn man es nur könnte? Nun haben wir aber bereits gesehen, dass es einen einfachen Grund für die scheinbaren Konstruktionsmängel gibt: Aus Sicht der Evolution geschah die Weiterentwicklung der Vernunft gar nicht mit dem Ziel, die Wirklichkeit differenziert abzubilden. Das Ziel der Evolution war beim Menschen wie auch bei allen anderen Organismen, Überlebens- und Reproduktionsvorteile für die gesamte Art zu schaffen. Vorangehend wurden viele Mechanismen im Detail dargestellt, die man unter dem Motto »Besser falsch, dafür schnell und/oder eindeutig« zusammenfassen kann. Dabei steht manchmal die Geschwindigkeit, manchmal die Eindeutigkeit und manchmal beides als Zielgröße im Vordergrund.
Auf der dritten Ebene ist schließlich auf Persönlichkeitsprofile zu verweisen, die über das übliche Maß hinaus in besonderer Weise zu problematischen Wahrnehmungs-, Erkenntnis-, aber auch Handlungsmustern disponieren. Denn Menschen sind nicht gleich, sondern unterscheiden sich in ihren Charaktermerkmalen. In einer erheblichen Spannbreite finden sich akzentuierte Persönlichkeiten, die in bestimmten Eigenschaften weit von der Mitte der menschlichen Population entfernt sind. Bei solchen Personen treten neben problematischen Verhaltensweisen meist auch die allgemeinen psychologischen Fehlerquellen in verschärfter Form auf.
Die hier angesprochenen Mechanismen bewegen sich zudem zwischen zwei Polen mit gegensätzlichem Charakter. Sie bestimmen die fundamentale Ausrichtung der menschlichen Natur. An dem einen Pol ist die egoistische Selbstbehauptung im Sinne des Willens zur Macht lokalisiert. An dem anderen Pol befinden sich die mit der Vernunft des Menschen neu geschaffenen und exorbitant gesteigerten Möglichkeiten zur Kooperation, die als das basale Kooperationspotenzial anzusprechen sind.
In Abhängigkeit von den erwähnten individuellen Persönlichkeitsprofilen finden sich bei einzelnen Menschen starke Betonungen des einen oder anderen Pols. Ansonsten schließen sich beide Prinzipien in der Praxis keineswegs aus. Im Gegenteil finden sich bei den meisten Menschen Meinungen und Handlungsweisen, die dem einen, und solche, die dem anderen Pol zuzuordnen sind, manchmal aber auch eine Mischung aus beiden Anteilen darstellen können. Welches der beiden basalen Potenziale jeweils im Vordergrund steht, ist stark von speziellen Eigenschaften einer Person, unterschiedlichen Situationen (zum Beispiel im Privaten oder im Beruf) oder als solchen wahrgenommenen Aufgaben und Problemen abhängig. Meist sind Betonungen des einen oder anderen Pols mit einer starken Emotionalität der jeweils nachdenkenden oder handelnden Person verbunden.
Die vielfältigen psychologischen Mechanismen lassen sich übergeordnet im nachfolgend beschriebenen RSG-Modell zusammenfassen. Es besteht aus drei Elementen:
1.Registrieren
2.Subjektivieren
3.Generalisieren
5.1Registrieren
Unser Wahrnehmungsapparat registriert permanent Informationen. Die meisten dieser Wahrnehmungen erfolgen unbewusst. Ich gehe hier von einem weit gefassten Wahrnehmungsbegriff aus. Er ist nicht auf die sinnliche Wahrnehmung beschränkt. Beim Wahrnehmungsbegriff in diesem Schema geht es weniger um die Quelle der Wahrnehmung, sondern um den Zeitpunkt, in dem eine Information bewusst als solche registriert wird, egal woher sie stammt. Das heißt, es geht um ein bewusstes Wahrnehmen als mögliche Vorstufe weiterer gedanklicher bzw. gedanklich-emotionaler Prozesse, die von dieser initialen Wahrnehmung ausgehen.
Wahrnehmungen betreffen in diesem Sinne Phänomene der Außenwelt, des eigenen Körpers oder der eigenen inneren gedanklichen und emotionalen Prozesse. Solche Wahrnehmungen können sich demnach auf konkrete Dinge (einen Hasen, ein Gewitter, einen Stuhl) oder aber abstrakte Phänomene (eine Erklärung, eine Frage, ein Problem) beziehen. Bei den konkreten Wahrnehmungen stehen zunächst meist die der Sinnesorgane (sehen, hören, riechen, schmecken, tasten) im Vordergrund. Sie werden aber rasch mit assoziativen Regionen des Gehirns abgeglichen. Die Wahrnehmung abstrakter Phänomene spielt sich in der Regel von Anfang an im »Innenbereich« ab, indem diese z. B. als Gedanke, als Ahnung, als Gefühl im Bewusstsein eine erste Gestalt annehmen.
Mit dem Begriff des »Registrierens« ist im RSG-Modell somit der hier beschriebene Vorgang einer initialen bewussten Wahrnehmung als möglicher Vorstufe weiterer psychischer Verarbeitungsprozesse gemeint.
5.2Subjektivieren
Subjektivieren bezeichnet den Vorgang, der nach der Registrierung einsetzen kann, um die registrierten Informationen zu verarbeiten. Die Grenze zwischen Registrieren und Subjektivieren ist in der Praxis selbstverständlich nicht so starr, wie sie im theoretischen RSG-Modell erscheint. Denn einerseits können während des Verarbeitungsprozesses permanent weiter Informationen aufgenommen oder verworfen werden. Wir haben auch gesehen, dass dies zum Teil unbewusst erfolgt und dann trotzdem einen maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis des Verarbeitungsprozesses hat. Andererseits ist auch der Prozess der Registrierung, der einer sinnlichen (Außen-) Wahrnehmung oder einer innerlichen Wahrnehmung entspricht, aufs Engste durch Vorstrukturierungen geprägt. Diese Vorstrukturierungen reichen von kausalen Ordnungen über die sprachliche Grammatik oder erkenntnisleitende Interessen (vgl. Kap. 6.5) bis hin zu emotionalen Gestimmtheiten und selektiven Informationsfiltern, die zum Beispiel den Basalen Wahrnehmungsmustern (vgl. Kap. 3.3) entsprechen. Es gibt zudem Rückkopplungseffekte. Sie werden zum Beispiel durch das assoziative Gedächtnis vermittelt und prägen die Wahrnehmung schon im Moment des Registrierens sehr stark.
Gleichwohl ist es so, dass die Verarbeitungsmechanismen, die in der Phase der Subjektivierung ablaufen, viel ausgeprägter und vor allem in wesentlichen Teilen bewusstseinsnäher sind als in der Phase des Registrierens. Auch wenn es sich nur um eine Modellvorstellung handelt, macht es daher Sinn, das initiale Registrieren einer Information von der sich möglicherweise daran anschließenden Phase der Verarbeitung zu unterscheiden.
Der Begriff der Subjektivierung wurde deswegen gewählt, weil es sich immer um einen Prozess handelt, in dem Informationen geformt werden, um sie sich schließlich als kurzzeitigen oder nachhaltigen Bewusstseinsinhalt anzueignen. Die Aneignung geschieht durch einen Gedanken, ein Gefühl oder eine Erkenntnis im engeren Sinne. Dieser Bewusstseinsinhalt ist nicht selten eine Grundlage für eine darauf aufbauende und sie begründende Entscheidung – für oder gegen eine Handlung. Der Prozess der Formung und Aneignung kann auf all die einem Individuum zur Verfügung stehenden kognitiv-emotionalen und erkenntnisbildenden Mechanismen zurückgreifen. Sie sind zwangsläufig von den generellen und zusätzlich den individuell spezifischen Dispositionen durchsetzt. Daher wird der gesamte Formungs- und Aneignungsprozess stark an subjektiven Maßstäben und Gewohnheiten ausgerichtet. Wir sahen, dass es viele dieser subjektiv prägenden Mechanismen gibt, die zu verzerrten Bewertungen und in der Folge zu problematischen Handlungen führen können.
Es greift aber zu kurz, die Phase der Subjektivierung nur als etwas Problematisches zu verstehen. Es handelt sich ja um den individuellen Gebrauch der Vernunft mit all ihren Schwachstellen, aber auch all ihren großen Potenzialen. In der gesamten Menschheitsgeschichte und auch in der Gegenwart gab und gibt es viele Menschen, die durch das damit verbundene Potenzial bahnbrechende Erkenntnisse und großartige Leistungen hervorgebracht haben. Man kann hier an Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik denken, die geniale Kunstwerke geschaffen, große Erkenntnisse gewonnen oder den Lauf der Geschichte positiv geprägt haben. Großartige Dinge müssen aber nicht immer Dinge sein, von denen die Welt Kenntnis erhält. Großartige Dinge ereignen sich auch im Kleinen, in der Familie, der Kindererziehung, dem ehrenamtlichen Engagement, oder in alltäglichen Verhaltensweisen, die auf vernünftigen Erkenntnissen basieren und die Welt ein wenig besser machen. Dass es sich dabei stets auch um einen Vorgang der Subjektivierung von Informationen handelt, muss dem Ergebnis nicht von vornherein abträglich sein.
5.2.1Die große Backstube
Aber wir richten bei der Betrachtung in diesem Buch das Augenmerk primär auf die Risiken und Schwachstellen der entsprechenden Prozesse. Das geschieht mit dem aufklärerischen Ziel, damit die ein oder andere nützliche Erkenntnis vermitteln zu können. In diesem Sinne lässt sich die Subjektivierung wie folgt charakterisieren: Es handelt sich um einen Verarbeitungsprozess von Informationen, die auf der ersten Stufe registriert wurden. Sie werden dann zu einer Gestalt (z. B. Gedanke, Eindruck, Theorie, Erklärung, Lösung) geformt und somit subjektiv angeeignet.
Flüchtlingen, die in einem anderen Land integriert werden sollen, gelingt es im günstigen Fall, sich an der neuen Kultur auszurichten. Mit ähnlicher Zielsetzung durchlaufen auch die registrierten Informationen von Anfang an einen Prozess der Angleichung, der Ausrichtung an subjektiven Maßstäben und Gewohnheiten und der Umformung. Die Subjektivierung ist wie ein Backofen, in dem ständig kleine und große Kuchen, Kekse oder manchmal auch nur Krümel gebacken werden. Dafür wird so lange geschnitten, gemischt und gerührt, bis etwas herauskommt, das schmeckt oder zumindest vertraut ist.
So gilt zum Beispiel:
−In der Phase der Subjektivierung werden gerne kausale Zusammenhänge gesucht, gefunden und nicht selten erfunden.
−Das Produkt soll vertraut sein. Es wird bevorzugt, wenn es sich leicht und bequem in bereits vorhandene Vorstellungen und/oder Stimmungen integrieren lässt.
−Die Ergebnisse des Verarbeitungsprozesses werden mit der eigenen Emotionalität (fühlt sich gut, fühlt sich richtig, fühlt sich passend, fühlt sich vertraut an) und Basalen Wahrnehmungsmustern abgestimmt (wer die Welt prinzipiell als einen feindlichen Ort wahrnimmt, wird häufig feindliche Umstände oder Motive erkennen).
−Es besteht eine starke Tendenz, Komplexität zu reduzieren, indem viele Informationen nicht zur Kenntnis genommen, weggelassen oder selektiv ausgesucht werden.
−Subjektiv Widersprüchliches, Unbequemes, Erkenntnisse, die das eigene Leben auf den ersten Blick erschweren, die Glaubensvorstellungen, Überzeugungen oder gar die eigene Identität infrage stellen, finden nur schwer Eingang in die Verarbeitungsprozesse der Subjektivierung.
−Es besteht eine starke Tendenz zur Polarisierung, zum Beispiel: schwarz/ weiß, entweder/oder, Freund/Feind, alles oder nichts, immer oder nie, eine Erklärung für alles oder zumindest für vieles, Superlative (das Schönste, das Größte, das Spannendste, das Witzigste, mega-mega-mega-giga …)
−Es besteht eine Tendenz, sich auf das zu fokussieren, was man kennt, was man subjektiv glaubt, erklären zu können, aber nicht unbedingt auf das, was von der Sache her eigentlich wichtig wäre.
−Kleine und große Geschichten werden abgerundet und harmonisiert. Kanten und Unverträglichkeiten werden abgeschliffen. Denn wir lieben eindeutige Geschichten und Botschaften.
5.2.2Das Hirn kann alles erklären – auch ohne jedes Wissen
Dass wir die ausgeprägte Tendenz haben, Geschichten zu konstruieren, die sich an einer subjektiven Stimmigkeit und nicht an der Abbildung der äußeren Realität ausrichten, kommt beispielhaft in einem berühmten Experiment zum Ausdruck.




