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Ende der 60er-Jahre wurde bei Patienten mit einer bestimmten Form von Epilepsie durch operative Eingriffe die Verbindung zwischen den beiden Hemisphären des Gehirns unterbrochen. Aufgrund dieser Operation war es bei den (ansonsten psychisch gesunden) Patienten möglich, die linke oder die rechte Hirnhälfte durch bestimmte Versuchsanordnungen gezielt anzusprechen, weil sie nicht mehr in einem ständigen Austausch miteinander standen.
In der Folge wurden verschiedene Untersuchungen an diesen sogenannten Split-Brain-Patienten durchgeführt. [15; 16; 17]
»Erstaunt nahm man zur Kenntnis, dass jede Hemisphäre über ein gewisses Eigenleben verfügte. Rechte und linke Hirnhälfte unterschieden sich in ihren Wahrnehmungen, Konzepten und Handlungsimpulsen […]. Beide Hemisphären haben unterschiedliche Stärken. So konnten beispielsweise Gegenstände, die in der rechten Gesichtsfeldhälfte gezeigt wurden, benannt werden und durch die rechte Hand aus einer Reihe anderer Gegenstände herausgefunden werden. Worte konnten gelesen oder notiert und mit der rechten Hand der zugehörige Gegenstand identifiziert werden. Rechte Hand und rechte Gesichtsfeldhälfte entsprechen dabei einer Verarbeitung in der linken Hirnhälfte, da die Verbindungswege auf ihrem Weg vom Gehirn zur Peripherie die Seite wechseln.
Gegenstände, die der rechten Hirnhälfte präsentiert wurden, konnten weder mündlich noch schriftlich wiedergegeben werden. Allerdings war es möglich, mit der Hand die entsprechenden Gegenstände herauszufinden, ohne daß sie sprachlich bezeichnet werden konnten. Worte konnten nicht gelesen werden.
Daraus ergaben sich folgende Schlußfolgerungen:
1.›Bezüglich Sprache und Bewußtsein ist die isolierte linke Hemisphäre weder aus der subjektiven Sicht des Patienten noch nach dem objektiv beobachtbaren Verhalten von den Leistungen des Gesamthirns zu unterscheiden. Die linke Hemisphäre kontrolliert beim Rechtshänder das Sprechen und das Schreiben.
2.Die isolierte rechte Hemisphäre kann sich weder schriftlich noch mündlich sprachlich äußern. Ihre integrativen sensomotorischen Prozesse werden dem Patienten nicht bewußt. Sie können nur vermittels der linken Hirnhälfte zum Bewußtsein gelangen. Sie erscheinen passiv der linken Hirnhälfte untergeordnet.
3.Weiterhin haben die Versuche gezeigt, daß nur die linke Hemisphäre rechnerische Operationen ausführen kann, die über das Addieren und Subtrahieren von einstelligen Zahlen hinausgehen. Sie ist zuständig für das Erfassen von Einzelheiten und für analytische Denkaufgaben, die offensichtlich an die sprachliche Kommunikation gebunden sind.‹ [18, S. 167–168]
Dennoch ist die rechte Hemisphäre durchaus zu eigener Erfassung und Wahrnehmung in der Lage. Ein Experiment mit den oben erwähnten sogenannten Split-Brain-Patienten verdeutlicht dies: Wurde der rechten Hemisphäre das Bild eines nackten jungen Mädchens dargeboten, so erklärten die Patienten, daß sie ein weißes Licht gesehen hatten, aber nichts erkannten. Das war eine typische Reaktion für Bilder, die der rechten Hemisphäre angeboten wurden, da sie nicht logisch zusammengesetzt werden konnten. Aber es ließ sich etwas anderes beobachten. Die Patienten lächelten, erröteten, kicherten oder veränderten den Tonfall ihrer Stimme. Befragte man die Patienten, so sagten sie zum Beispiel, daß sie über den Diaprojektor oder das Licht lachten. Die ›sprechende‹, linke Hemisphäre hatte keine Vorstellung, worum es sich handelte. Dennoch hatte die rechte Hirnhemisphäre, die sich nicht sprachlich artikulieren kann, eine deutliche Vorstellung von dem Bild entwickelt.« [15; 19, S. 235–236]
5.2.3Funktionen der Subjektivierung
Der Prozess der Subjektivierung hat wichtige Funktionen. Er reduziert die Komplexität einer unübersehbaren Vielzahl von Informationen und verdichtet sie in Geschichten, Erklärungen und überschaubaren Überzeugungen. Die Subjektivierung vermittelt vor allem aber das Gefühl, die Welt und sich selbst verstehen und dadurch kontrollieren zu können. Das heißt, der Gebrauch der Vernunft führt häufig zum Erleben von Kompetenz. Evolutionär wäre es ein Problem, wenn der Gebrauch der ausgeprägten menschlichen Vernunft zum Gegenteil führen würde. In der Tat gibt es ja die Meinung, dass der exzessive Gebrauch der Vernunft eher zum Unglücklichsein und zu Zweifeln disponiert, nicht zuletzt, weil viele Fragen unbeantwortet bleiben. Man kann viele der aufgezeigten Mechanismen so verstehen, dass sie das Individuum vor dieser Nebenwirkung der Vernunft schützen. Damit kommen wir wieder auf das schon zitierte evolutionäre Credo zurück:
Besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig. Es ist egal, wenn der Mensch einem Irrtum unterliegt, solange er nur selbst daran glaubt, Richtiges erkannt zu haben, und sich dadurch gut fühlt. Das stärkt das eigene Kompetenzerleben, den Selbstwert und ist ein Element der eigenen Identitätsbildung.
Es gibt Menschen, bei denen die Kompetenzüberzeugung in der Weise vorliegt, dass sie subjektiv davon überzeugt sind, in vielen Bereichen über mehr oder genaueres Wissen zu verfügen als andere Menschen. Nun ist diese Überzeugung offensichtlich einer subjektiven Verzerrung geschuldet. Denn es ist immer so, dass man nur in einigen wenigen Themen überdurchschnittliches Wissen haben kann, verglichen mit unendlich vielen Bereichen, in denen man nur grobe Kenntnisse hat oder überhaupt nichts weiß.
5.3Generalisieren
Die Generalisierung wurde bislang unzureichend berücksichtigt, obwohl auch sie weitreichende Konsequenzen hat. Sie findet nicht immer statt. Viele alltägliche Eindrücke, Gedanken, Erkenntnisse und Bewertungen sind flüchtiger Natur, sodass sie deswegen im Hintergrund bleiben und sich nicht für eine Generalisierung eignen. Aber mit den vorangehend zusammengefassten Mechanismen ist eine generelle Tendenz verbunden, Erkenntnisse zu generalisieren. So steckt die Generalisierungstendenz bereits in vielen Mechanismen der Subjektivierung. Sie wird schon durch die Tendenz zur Polarisierung (schwarz/weiß, entweder/oder etc.) nahegelegt. Denn etwas, das schwarz oder weiß ist, ist zu hundert Prozent schwarz oder zu hundert Prozent weiß. Auch der Halo-Effekt ist nichts anderes als die unkritische Generalisierung der Bewertung einer einzelnen Information auf viele weitere Aspekte, die mit der ursprünglichen Information gar nichts zu tun haben. Zahlreiche andere Mechanismen (z. B. Selektion von Informationen, Vermeidung widersprüchlicher Informationen, Ausrichtung der Informationen an einem eigenen, inneren Skript, das nicht infrage gestellt wird) sind ebenfalls sehr gut geeignet, Ideen oder Theorien auszuweiten, aufzupumpen und letztlich zu generalisieren.
Es kommt hinzu, dass die Generalisierung dem Pol der menschlichen Natur entspricht, der als egoistische Selbstbehauptung bzw. Wille zur Macht bezeichnet wurde. Die egoistische Selbstbehauptung als Wille zur Macht hat, wie bereits erwähnt, etwas Fortschreitendes und Grenzenloses. Sie ist mit einer Überbewertung der eigenen Perspektive und des eigenen unbedingten Wertes verbunden. Sie lebt vom Prinzip, die Umwelt und insbesondere andere Menschen zu kontrollieren, zu unterwerfen und zu beherrschen. Die mit der Generalisierung verbundene Ausweitung und Allgemeingültigkeit eigener Sichtweisen kommt all diesen Aspekten entgegen.
Die Generalisierungstendenz begegnet uns deshalb überall im Alltag. Aus einem punktuell richtigen Gedanken wird eine umfassende Theorie, aus einer Regel eine ausufernde Bürokratie, aus einer bequemen Sichtweise eine Ideologie oder Religion.
5.4Ordnungen
Begriffe, Erklärungen und Urteile sind in der Lage, uns Gefühle von Kompetenz und Sicherheit zu vermitteln. Es ist eine wesentliche Funktion der Subjektivierung, diese Wirkung zu erzielen. Um die positiven Gefühle aufrechtzuerhalten, stellen wir unsere Erkenntnisse nicht gerne infrage. Wir verstehen die Umwelt, wir durchschauen sie und können sie dadurch kontrollieren. So wirkt sie weniger bedrohlich.
Diese Effekte sind bereits mit Begriffen, Erklärungen und Urteilen verbunden. Sie gelten aber in ganz besonderer Weise für Ordnungen, die wir entwickeln oder die wir als gegeben zu erkennen glauben. Ordnungen gibt es in vielerlei Formen. Beispiele für Ordnungen sind Regeln, Konzepte, Theorien oder menschliche Organisationsformen. Sie ordnen die Wirklichkeit und schaffen so ein eigenes Abbild von dieser. Es ist eine Wirklichkeit, die sich uns in Form der genannten Ordnungssysteme präsentiert. Weil diese Abbilder der Wirklichkeit vollumfänglich durch Menschen gestaltet und kontrolliert werden können, sind sie für uns attraktiv. Denn Ordnungen sind besonders gut geeignet, Gefühle der eigenen Kompetenz, der Sicherheit und der Kontrolle zu vermitteln.
Allein deswegen sind Ordnungen in besonderer Weise anfällig für die vorangehend beschriebene Generalisierungstendenz. Sie wird durch die evolutionären Prägungen begünstigt, die mit Ordnungen seit Millionen von Jahren verbunden sind.
Ordnungen und speziell Regeln begegnen uns in der Evolution an allen Ecken und Enden. Schon immer sind sie fester Bestandteil evolutionärer Programmierung. Denken wir an molekulare Mechanismen, an das Wachstum oder die Organisation und Kommunikation von Zellen, dann gibt es einen fließenden Übergang von biologisch-physikalischen Regeln in die Struktur lebender Organismen. Diese Perspektive macht deutlich, dass Regeln (und Ordnungen allgemein) – so wie wir diese zu erkennen in der Lage sind – elementar bereits am Anfang der Evolution und letztlich am Anfang des Universums standen. Regeln und andere Ordnungen sind auch für das Verhalten von Tieren prägend. Fischschwärme, Vogelfamilien, Wolfsrudel, Affengruppen, Bienen- und Termitenstaaten – überall in der Natur begegnen uns ausdifferenzierte Regeln und Ordnungen. Wenn wir diese Regeln und Ordnungen im Verhalten von Tieren sehen, dann bedeutet das, dass deren Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Entscheidungsfunktionen auf diese Regeln und Ordnungen ausgerichtet sind. Das heißt, im Wahrnehmen und Denken der jeweiligen Tiere werden Regeln und Ordnungen priorisiert. Neil Shubin hat in seinem spannenden Buch »Der Fisch in uns« gezeigt, wieviel Fischbiologie als Reste unseres evolutionären Werdegangs noch in uns steckt. [20]
Wenn da noch so viel evolutionärer Fisch in uns steckt, dann wäre es ja haltlos anzunehmen, dass die elementaren Prinzipien von Regeln und Ordnungen, die an allen Ecken und Enden in der Evolution anzutreffen sind, spurlos an uns vorbeigegangen sind. Dem ist selbstverständlich nicht so. Zwar ist mit der Ausweitung der Vernunft beim Menschen die Möglichkeit, Regeln und Ordnungen zu erkennen, zu erfinden und weiterzuentwickeln, noch einmal deutlich gesteigert worden. Die elementaren Prinzipien wurden dadurch aber nicht außer Kraft gesetzt.
Viele Lebewesen verwenden Regeln als Leitlinie für ihr Verhalten, zum Beispiel im Dienst der Orientierung. Der Stand der Sonne, Anordnungen von Bäumen, Wasserstellen und unzählige weitere Merkmale, die in der Natur anzutreffen sind, können dazu verwendet werden, die Umgebung zu strukturieren, sie damit zu ordnen, um sich so orientieren zu können. Regeln, die das Verhalten prägen, gibt es u. a. als soziale Ordnungen, indem zum Beispiel Reviere abgegrenzt werden, oder in Form von Rangordnungen. Funktions- und Rangordnungen finden sich bei allen Lebewesen, die in Paaren oder Gruppen leben.
Wenn man die Ordnungen in der Natur betrachtet, dann erkennt man leicht, dass es nicht um Flexibilität, um irgendwelche Rechte des Einzelnen oder um größtmögliche Partizipation an der Gemeinschaft geht. Im Gegenteil sind soziale Regeln meist außerordentlich rigide und strikt funktional auf das Überleben der Gruppe oder der Nachkommenschaft ausgerichtet. Oft werden sie durch Rangkämpfe festgelegt. Ein neu inthronisiertes Löwenmännchen beißt häufig die Jungen seines Vorgängers tot – quasi als erste Amtshandlung. Aus evolutionärer Sicht ist das ein sinnvolles Vorgehen, weil damit die Reproduktion der eigenen genetischen Substanz sichergestellt wird. Aus humanistischer Perspektive ist das Verhalten aber nicht sympathisch. Es findet sich hier ein Motiv, das uns schon mehrfach begegnet ist. Eine Regel ist dann eine gute Regel, wenn sie eindeutig ist und damit eine klare Handlungsgrundlage schafft. Sei es, dass man sich im Gelände gut orientieren kann, sei es, dass ein Individuum einen festgelegten Platz in einer sozialen Ordnung einnimmt oder dass die eigene Reproduktionsmöglichkeit verbessert wird. Die in der Natur erkennbaren Ordnungen und Regeln zeichnen sich nicht durch die differenzierte Erfassung der Umwelt, soziale Implikationen oder Flexibilität aus. Typische Kennzeichen sind Rigidität, Automatismen und die möglichst ausnahmelose Anwendung. Das aber sind Elemente, die einen fließenden Übergang zu ungehemmter Generalisierung schaffen. Immer oder nie, entweder/oder und alles oder nichts kennzeichnen den Charakter solcher Ordnungen und Regeln.
Differenzierungen und auf den Einzelfall bezogene Beurteilungen sind unter dem Gesichtspunkt evolutionärer Zielsetzungen (Überleben und Reproduktion) nicht gefragt. Dieser Geist prägt auch unser Verhältnis zu Regeln und begünstigt Fehlentwicklungen.
Fatal sind Rigidität und Automatisierung, weil alle menschlichen Ordnungsversuche in besonderer Weise die Tendenz haben, ausgeweitet und generalisiert zu werden. Eine spezielle Ausdrucksform der menschlichen Ordnungsdynamik kann man bei Sammlern beobachten. Viele Menschen sammeln irgendetwas. Bei einigen ist das Sammeln auf eine bestimmte Lebensphase beschränkt. Nicht wenige pflegen ihre Sammelleidenschaft aber ein Leben lang. Die menschliche Sammelleidenschaft kann sich an jedes Thema und jeden Gegenstand heften. Das geht weit über Briefmarken oder Bierdeckel hinaus. Manche Menschen sammeln Unmengen von Fotos und kategorisieren sie. In vielen alltäglichen Beschäftigungen ist die gleiche Sammeldynamik am Werk, die einen Briefmarkensammler antreibt, auch wenn das subjektiv nicht so eingeordnet wird. Da die Tendenz zum Sammeln so weit verbreitet ist, liegt es nahe, sie als ein Element der evolutionären Grundausstattung der menschlichen Natur zu betrachten. Da fällt einem zunächst das ein, was bereits generell zu den wohltuenden Funktionen aller menschlichen Ordnungen gesagt wurde. Denn auch das Sammeln führt subjektiv dazu, sich eine eigene Welt zu erschaffen. Es ist eine geordnete und klar strukturierte Welt. Einige Phänomene der Welt in eine eigene Ordnung zu bringen, bedeutet, sie berechenbarer zu machen und ihnen einen subjektiven Sinn zu verleihen. Sie können damit im Rahmen der eigenen Ordnung kontrolliert werden, wodurch ein Gefühl der Sicherheit entsteht.
Etwas verstehen, ordnen und kontrollieren zu können, sind die potentesten Fähigkeiten, um uns in einem existenziell unsicheren und vergänglichen Leben Gefühle der Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Wir erinnern uns. Das war ein wichtiger Stoßdämpfer der Evolution gegen die Gefahren, die von einer gewachsenen Vernunft ausgehen können. Die gesteigerte Vernunft könnte Unsicherheit, Zweifel und Handlungsunfähigkeit hervorrufen. Dagegen sind starke subjektive Überzeugungen und vor allem das Gefühl, verstehen, ordnen und kontrollieren zu können, wichtige Gegengifte. Aber wir wissen auch, dass die Evolution nicht zimperlich ist. Sie zieht alle Register, um dieses Gefühl zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Um Wahrheit, Differenzierung und Verhältnismäßigkeit geht es nicht. So ist auch die Sammelleidenschaft in der Gefahr, bis in einen Bereich des Absurden gesteigert und ausgeweitet zu werden. In der Regel sind Sammelleidenschaften aber harmlos, weil sie anderen Menschen nicht schaden. Das ist bei den meisten Ordnungen in Form von Regeln, Theorien, Konzepten und menschlichen Organisationsformen anders. Denn von ihren absurden Ausweitungen und Generalisierungen sind Umwelt oder andere Menschen oft elementar betroffen (vgl. Kap. 12).
5.5Die menschliche Natur zeigt sich in allen Bereichen, die mit Menschen zu tun haben
Wir haben uns mit Mechanismen der menschlichen Wahrnehmung, der Erkenntnisfähigkeit und Urteilsbildung sowie mit damit zusammenhängenden Verhaltensdispositionen beschäftigt. Zudem haben wir die menschliche Natur zwischen zwei Polen verortet: der egoistischen Selbstbehauptung bzw. dem Willen zur Macht auf der einen und dem vor allem durch Vernunft erheblich angereicherten Kooperationspotenzial auf der anderen Seite. Dabei gibt es eine große individuelle Spannbreite, in welchem Mischungsverhältnis diese beiden Triebkräfte bei einem bestimmten Menschen vorliegen.
Beurteilungen und Handlungsweisen sind stark durch unsere Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten geprägt. Wir haben verschiedene Konstruktionsschwächen identifiziert, sofern man die klassischen aufklärerischen Ziele zugrunde legt. Unsere Vernunft stellt – zusammen mit intuitiven und emotionalen Verarbeitungsprozessen – zwar ein großes Potenzial bereit, die Wirklichkeit und die eigene Person differenziert zu erkennen und nach humanistischen Prinzipien zu handeln. Die Konstruktionsschwächen repräsentieren für diese Zielsetzung aber erhebliche Hindernisse und Fehlerquellen. Aus Sicht der Evolution handelt es sich aber nicht einmal um Konstruktionsschwächen. Denn die Evolution verfolgt keine aufklärerischen Ziele. In der Evolution geht es vorrangig um die Erhaltung und Steigerung der Reproduktionsmöglichkeiten einer Art, weshalb für den Erkenntnisapparat der Grundsatz gilt: besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig.
Die hier noch einmal kurz zusammengefassten Überlegungen sind nicht nur auf Erkenntnisfähigkeiten und Handlungstendenzen einzelner Menschen anwendbar. Vielmehr finden sich diese Mechanismen in allen Bereichen, die in irgendeiner Weise mit menschlichem Handeln zu tun haben. Das heißt, die gleichen Mechanismen und die damit verbundenen Gefahren lassen sich in Konzepten, in Projekten, in Organisationen, ja in ganzen Gesellschaften, in der Wissenschaft oder in der Geschichte finden.
So haben zum Beispiel Organisationen einen eigenen Charakter, der Ähnlichkeiten zu Eigenschaften aufweist, die auch bei einzelnen Individuen vorkommen können. Vor vielen Jahren habe ich sogenannte Prägnanztypen von Teams beschrieben. Damit sollten Charaktere von Teams dargestellt werden, die sich durch ein bestimmtes akzentuiertes Profil von anderen unterschieden. Demnach ist für ein manisches Team Überaktivität typisch. Es arbeitet diffus und unüberschaubar. Ihm fehlen Zielorientierung und Realitätsbezug. Die Kommunikationskultur ist ausufernd, diffus und ineffektiv. Es zeigt eine Vielzahl von Aktivitäten, denen aber der gemeinsame rote Faden fehlt. Wesentliches und Unwesentliches haben die gleiche Bedeutung und nehmen den gleichen Raum ein. Die Atmosphäre ist unruhig, irritierend und nervös.
Hingegen bewegen sich zwanghafte Teams in einer streng geregelten Struktur von Abläufen, Zeiten und Verantwortlichkeiten. Sie haben Schwierigkeiten, sich auf neue Probleme oder Aufgabenstellungen flexibel einzustellen. Veränderung scheint diesem Team bedrohlich. Auf Patienten oder Kunden wirkt es erzieherisch ein und fördert oberflächliche Anpassung. Werden Regeln infrage gestellt, dann entwickelt das Team Angst. Kritik wird als Angriff empfunden und wütend abgewehrt. Zwanghafte Teams haben das Selbstbild einer »korrekt« arbeitenden Gemeinschaft. Konflikte bleiben unausgesprochen, unterschwellig sind Anspannung und Aggressionen spürbar. [Zusammengefasst in Anlehnung an 19, S. 58]
Spezielle Charakteristiken lassen sich nicht nur Teams, sondern auch größeren Organisationen zuschreiben. Sie bewegen sich im gesamten Spektrum der Eigenschaften, die auch bei einzelnen Individuen anzutreffen sind. In ähnlicher Weise treffen auch die erkenntnistheoretischen und psychologischen Fehlerquellen bei Wahrnehmungen und Urteilen sowie darauf basierenden Handlungen nicht nur auf einzelne Menschen zu, sondern in gleicher Weise für ganze Organisationen. Auch Organisationen sind als System auf Selbsterhaltung und meist auch auf Wachstum ausgerichtet. Die Triebkraft egoistischer Selbsterhaltung ist in vielen Organisationen eine wesentliche oder gar dominierende Grundmotivation des Handelns. Dies jenseits aller Bekundungen, wonach der Kunde König sei, man dem Bürger mit seiner Verwaltungstätigkeit diene oder sich allein dem Wähler verpflichtet fühle. Das mag in manchen Organisationen zwar auch eine Rolle spielen. Es ist aber selten die primäre Handlungsmotivation. In ihren Handlungsstrategien sind Organisationen ebenso wie Einzelpersonen anfällig für alle Mechanismen des RSG-Modells.
Niklas Luhmann würde aus seiner systemorientierten Perspektive davon sprechen, dass eine Organisation ein Teilsystem unter vielen anderen gesellschaftlichen Systemen mit autopoietischen – und somit sich selbsterhaltenden – Regelkreisläufen ist. Dem Menschen als handelndem Subjekt kommt in dieser Sichtweise keine Bedeutung zu. Das System konstituiert sich als eigenständiger Organismus durch Kommunikation. Dabei finden innerhalb des Systems Prozesse der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung statt, indem Handlungen interpretiert (zugerechnet) werden. Zentral ist das uns schon bekannte Phänomen der Abgrenzung (vgl. Kap. 4.5). Das System entsteht und besteht fort, indem es permanent zwischen System und Umwelt (System und Nicht-System) unterscheidet. [21]
So kann man es sehen. Gemäß der in diesem Buch vertretenen Perspektive würde ich aber die Ähnlichkeit all dieser Mechanismen mit den zentralen Mechanismen der menschlichen Natur betonen. Soziale Systeme funktionieren nicht aufgrund abstrakter Prinzipien, in deren Vollzug zufällig – auch – Menschen Träger von Kommunikation und Handlungen sind. Soziale Systeme wie zum Beispiel Organisationen funktionieren aufgrund bestimmter Prinzipien, weil sie von Menschen geschaffen und aufrechterhalten werden. Sie sind daher in allen Fasern von der menschlichen Natur durchdrungen. Daher ist ihr Verhalten an ähnlichen Prinzipien orientiert wie das einzelner Menschen. Konkret finden wir in Organisationen die Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Handlungsdispositionen, die der menschlichen Natur entsprechen: Abgrenzung zur Schaffung von Identität als flexibel anwendbarer Mechanismus, Reduzierung von Komplexität und die Produktion von Begriffen, Erklärungen und Urteilen gemäß dem RSG-Modell. Auch sind Kooperationspotenzial und egoistische Selbstbehauptung in Organisationen von ebenso zentraler Bedeutung wie für einzelne Individuen.
Das Gesagte gilt aber nicht nur für Organisationen. Vielmehr bilden sich in allen Bereichen, die mit Menschen zu tun haben, die Mechanismen der menschlichen Natur ab. Überall, wo der Mensch drinsteckt, gibt es ihn nur als Gesamtpaket mit all seinen evolutionären Programmen. Der Blick auf diesen naheliegenden Zusammenhang ist durch viele Theoretiker in der Philosophie, der Geschichte, den Gesellschaftswissenschaften, der Ökonomie, aber auch in Politik, Kunst und anderen Wissenschaften verstellt worden. Ein blinder Fleck, der an vielen Stellen weiterwirkt und gepflegt wird.
Es ist erstaunlich, wie viele Wissenschaftler in ihren geschlossenen Theorien den Einfluss der menschlichen Natur oder individueller Persönlichkeiten ignorieren. Oft ist das nichts anderes als der Versuch, eine liebgewonnene, vertraute Theorie in ihrer Reinheit zu bewahren. Sie soll nicht durch so etwas Profanes wie die menschliche Natur mit all ihren Unzulänglichkeiten, Zufälligkeiten und Stereotypen verunreinigt werden.
Ein typisches Beispiel ist die marxistische Idee, der zufolge das Sein das Bewusstsein prägt – und das selbstverständlich umfassend und ausschließlich. Deswegen gäbe es in der klassenlosen Gesellschaft auch keine Ausbeutung mehr, weil mit der Abschaffung des Privateigentums der Grund für die Ausbeutung weggefallen sei. Nur verhielten sich die Menschen leider nicht so, wie es die Theorie vorsah. Die Geschichte ist voll von klassenlosen Gesellschaften oder solchen, die sich auf dem Weg dorthin wähnten, in denen Unterdrückung, Massenmorde, Ausbeutung und alles das, was der Mensch an Schlechtem zu vollbringen weiß, in exzessiver Form zu beobachten sind. Unverkennbar: Es ist der Mensch, der am Ende auch in diesem Theater mit neuer Kulisse das gleiche, altbekannte Schauspiel darbietet.
So ist es auch in der Ökonomie eine erst in jüngerer Zeit berücksichtigte Tatsache, dass der Mensch sich oft nicht in der Weise rational verhält, wie er es gemäß der ökonomischen Theorie eigentlich müsste. Nur selten führen solche Erkenntnisse allerdings dazu, dass die Theorie infrage gestellt wird. Oft zitiert wird das Modell für den Gebrauchtwagenmarkt von George A. Akerlof. Akerlof, der später den Nobelpreis für Ökonomie erhielt, entwickelte das Modell der Informationsasymmetrie in freien Märkten. Informationsasymmetrie führe dazu, dass Märkte nach einiger Zeit zusammenbrechen. Am Beispiel des Gebrauchtwagenmarktes führte Akerlof aus, dass der Käufer schlechte Chancen hat, ein qualitativ höherwertiges Auto von einem schlechten Auto zu unterscheiden. Deswegen wird der Käufer aufgrund des Risikos, ein schlechtes Auto zu erwischen, grundsätzlich geringere Preise zahlen. Davon profitieren die Anbieter von schlechten Autos. Die von qualitativ guten Autos können dagegen keinen fairen Preis erzielen. Folglich verlassen sie den Markt und es reichern sich schlechte Autos an. Der Markt bricht nach einiger Zeit zusammen. [22]



