Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller

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Sie dachte über den Titel des Dokuments nach. Zum einen fiel natürlich das »von« im Namen auf. Sie holte die Kopie aus dem Kirchenbuch hervor. Tatsächlich, das hatte sie vorher übersehen: Auch hier stand »Diether von Riekhen«. Sein Sohn Herold hieß aber nur Riekhen, ohne »von«. Ungeheuerlich, welche Wandlung der Name durchgemacht hatte: Aus »von Riekhen« wurde »Riekhen und danach kamen »Riekhmüller« mit »h« und »Riekmüller« ohne »h«. Aber wie es wohl zu dem Wegfall des Adelsprädikats kam?
Doch in dem Zusammenhang fiel noch etwas anderes auf: Zur gleichen Zeit wurde ein Besitz Diether von Riekhens an das Herzogtum Oldenburg übertragen. Dort stand zwar nicht, um welche Art von Besitz es sich dabei handelte, aber wenn es extra eine Urkunde dafür gab, musste es einen gewissen Wert gehabt haben, wie beispielsweise Grundbesitz.
Sie rief die Suchfunktion erneut auf und gab »Herzogtum« ein, doch bereits bei der Eingabe merkte sie, dass sie damit nicht weiterkommen würde. Denn allein »Herzogtum« hatte über 13.000 Treffer, und dann gab es noch weitere Varianten, wie zum Beispiel »Herzogtums«, »Herzogthum« und »Herzogtume«. Deshalb versuchte sie es mit der Kombination aus »Herzogtum« und »Übertragungskontrakt«. Dafür gab es 12 Treffer. Danach probierte sie die anderen Varianten und kam auf insgesamt 33 Treffer, von denen 27 zeitlich nach dem Kontrakt Diether von Riekhens ausgestellt wurden. Von allen druckte sie sich die Detailseiten aus.
Sie sah auf die Uhr. Es war Zeit, Timo aus dem Bett zu holen, sonst würde er am Abend nicht müde werden.
Die Handwerker waren schon lange ins Wochenende gegangen und Editha musste langsam das Abendbrot fertig machen. Sie hatte sich von Timo dazu breitschlagen lassen, ihm Pfannkuchen zu backen. Also suchte sie die Zutaten dafür zusammen.
Das Telefon klingelte in einem ungünstigen Moment. Sie hatte Teig an den Fingern und auch von der Rührmaschine tropfte er in großen Flatschen herunter. Hastig wischte sie sich die Hände am Küchenhandtuch ab und griff zum Telefon.
»Gruning hier«, meldete sich die andere Seite.
»Oh, hallo Herr Gruning.«
Sie stellte fest, dass doch noch Teig an ihren Fingern war und sie damit das Telefon eingeschmiert hatte. Verdammter Klehkram!
»So, mein Mädchen. Die ersten 30 Seiten sind fertig und können abgeholt werden«, meinte Gruning fröhlich.
Editha riss mit der freien Hand ein Küchenkrepp ab und versuchte, den Teig vom Telefon zu wischen und gleichzeitig zu telefonieren, was sich als schwer machbar herausstellte.
»Oh, das ist schön.« Fast fiel ihr der Apparat herunter. »Äh ... was? Wir hatten doch gesagt, dass Sie erst mal nur 10 Seiten übertragen.«
Vor Schreck vergaß sie die Schmiererei und hielt sich das Telefon direkt ans Ohr.
»Ja, ja, keine Sorge. Ich werde nur 10 Seiten in Rechnung stellen. Es war einfach so interessant, dass ich nicht aufhören konnte. Ich musste zumindest die Ereignisse des aktuellen Datums komplett übertragen.«
Zum Glück, dachte Editha. Sie hatte ein klebriges Gefühl am Ohr. Mit dem Krepp von vorher wischte sie einmal zwischen Telefon und Ohr entlang.
»Weißt du«, fuhr Gruning fort, »ich liebe diese Berichte aus früheren Zeiten. Daran kann ich mich gar nicht sattlesen. Wann möchtest du denn herkommen?«
Editha ging im Geiste schnell den weiteren Tagesablauf durch. Das war zwar alles ein wenig knapp, aber er hatte sie neugierig gemacht und sie brannte darauf, den Text zu lesen.
»Würde es heute noch gehen?«
Sie vereinbarten einen Abholtermin für den Abend und beendeten das Gespräch.
Das Telefon war immer noch voller Pfannkuchenteig. Sie nahm ein neues Küchenkrepp und wischte zuerst ihre Finger und dann das Telefon sauber. Ihr Ohr fühlte sich auch noch klebrig an. Sie ging mit frischem Krepp bewaffnet auf den Hausflur, doch als sie dort ihre Haare im Spiegel sah, merkte sie, dass hier nur eine Dusche half.
Die 30 Blätter Papier, ausgedruckt mit einem Tintenstrahldrucker, der einen Patronenwechsel nötig hatte, und mit einem hellblauen Heftstreifen zusammengeheftet, lag am Samstagmorgen zuerst auf dem Küchentisch, falls Editha beim Frühstück nebenbei einen Blick hätte hineinwerfen wollen. Zwei oder drei Male hätte sie auch die Gelegenheit dazu gehabt. Doch bevor sie dazu kam, wollte Timo wieder irgendetwas.
Dann lag der Papierstapel eine ganze Weile auf ihrem Schreibtisch. Immer wieder sah sie ihn sekundenlang an, war im Begriff, darin zu lesen, aber stets fielen ihr andere Dinge ein, die sie zuerst machen wollte.
Zur Mittagszeit lag er wieder auf dem Küchentisch und nachmittags erneut auf dem Schreibtisch und das Spiel vom Vormittag wiederholte sich.
Am Abend saß Editha auf ihrem Sofa. Timo war schon eine Weile im Bett. Die Blätter mit der in lateinische Buchstaben übertragenen Version der ersten 30 Buchseiten befand sich vor ihr auf dem Couchtisch. Jetzt hatte sie Zeit, in Ruhe darin zu lesen. Sie atmete tief durch und genoss die Ungestörtheit. Gleich würde sie anfangen, nur einen Moment die Augen schließen.
Nach diesem Moment sah sie das Heftchen wieder an und sie begriff, warum sie den ganzen Tag noch kein Wort davon gelesen hatte. Nicht etwa, weil sie keine Zeit oder keine Ruhe dazu hatte. Nein, da hatte sie schon weitaus stressigere Tage hinter sich. Der eigentliche Grund war, dass sie Angst hatte.
Was wäre, wenn es so wie letztes Mal sein würde? Wenn sich der Ablauf der Dinge wiederholte? Wenn sie von einem Geschehnis läse, und sie hinterher abermals eine Vision davon hätte? Beim ersten Mal fand sie es erschreckend. Und anschließend wäre ihr womöglich wieder so schlecht. Der Gedanke daran machte ihr eine Gänsehaut.
Aber andererseits wollte sie genau das. Sie wollte nochmal durch die Augen dieses Mannes aus längst vergangener Zeit sehen, wollte seine Gefühle fühlen, wollte das erleben, was er erlebte. Diese Möglichkeit übte eine gewaltige Anziehungskraft auf sie aus, als wäre sie einer Sucht bereits nach dem ersten Anfixen verfallen.
Sie starrte die Blätter an. Das war doch Unsinn. Wer sagte, dass es wieder so kommen würde? Wahrscheinlich war das sowieso ein einmaliges Erlebnis.
Mit einem Ruck beugte sie sich nach vorn und griff sich die Blätter. Sie lehnte sich ins Sofa zurück und begann, auf der ersten Seite zu lesen.
Wie sie bereits in der Originalfassung anhand der Jahreszahlen festgestellt hatte, hatte J. R. etwa drei Jahre vor diesem Überfall am Lappan damit begonnen, das Buch zu schreiben. Im Gegensatz zu der Szene, die sie schon kannte und die in einer Art Romanstil verfasst war, wurden die ersten Seiten im typischen Tagebuchstil geschrieben. Dabei waren die Einträge eher sporadisch, alle paar Wochen oder Monate wurden nur besondere Erlebnisse ergänzt. Die Beschreibungen waren sehr kurz und knapp gehalten, sodass die ersten 30 Seiten bereits mehr als zwei Jahre überspannten. Neben der Schilderung der Erlebnisse hatte J. R. das beschrieben, was sie Visionen nannte. Er nannte sie »Gesichte«. Diese hatte er seit frühester Kindheit. Er lebte im 18. Jahrhundert und schrieb von Dingen, die er eigentlich noch nicht kennen konnte, wie Autos und Smartphones. Die Begriffe kannte er natürlich nicht, sodass er die Dinge umschrieb. So bezeichnete er Autos als pferdelose Kutschen.
Die Geschehnisse, die er schilderte, hatte er durch die Augen einer Frau gesehen, wie man an den Formulierungen merkte, aber ihr kamen sie gänzlich unbekannt vor. Vielleicht hatte er diesen Austausch mit verschiedenen Frauen in ihrer Zeit.
Andererseits kamen ihr die Gefühle und Sinneswahrnehmungen seltsam vertraut vor, so als würde er von ihr sprechen. War es möglich, dass diese Ereignisse ihr noch bevorstanden, also in ihrer Zukunft lagen?
Aber das würde ja bedeuten, dass dieser Mann regelmäßig in ihrem Körper steckte. Er bekam mit, was sie fühlte, was sie dachte und tat. Jederzeit könnte er erscheinen und sie beobachten.
Editha lief ein Schauder über den Rücken. Wenn ein Fremder Kameras in ihrer Wohnung installiert hätte und sie ständig beobachten würde, hätte sie sich nicht anders gefühlt.
Unheimlich berührt warf sie die Blätter zurück auf den Tisch, als wären sie mit ekligem Schleim bedeckt.
Plötzlich war sie völlig erschöpft. Sie beschloss, heute sehr früh ins Bett zu gehen.
Zu ärgerlich: Editha knurrte jetzt schon der Magen, weil sie heute früh in der Eile noch nicht zum Essen gekommen war und sich nur etwas eingepackt hatte mit dem Hintergedanken, es während der Recherche zu essen. Doch auf der Glastür, durch die sie in den großen Hauptraum des Staatsarchivs gehen wollte, prangte ein Schild, das sogar die Mitnahme ihres Rucksackes untersagte. Eigentlich hätte sie sich das aber auch denken können, dass man hier die Dokumente vor schmierigen Fingern und Kaffeeflecken bewahren wollte. Da sie jetzt keine wertvolle Zeit verlieren wollte, musste sie wohl eine Weile Kohldampf schieben.
Zu ihrer Linken sah sie einen Bereich mit Schließfächern für die Dinge, die im Rechercheraum unerwünscht waren oder von den Besuchern aus eigenem Interesse nicht mitgenommen werden sollten. Sie ging zum ersten Schrank, fütterte ihn mit einem Euro, schloss ihre Sachen ein und war dann bereit den Hauptraum zu betreten.
Die Dokumente, die sie für die Einsichtnahme angemeldet hatte, lagen schon für sie parat. Ein recht freundlicher Mann mittleren Alters gab ihr dazu noch ein paar Hinweise und bat sie dann an einem der Tische für ihre Recherche Platz zu nehmen.
Editha breitete die Unterlagen, so gut es ging, auf der vorhandenen Fläche aus. Sie hatte nun alle 28 Übertragungskontrakte, die sie vorab online entdeckt hatte, vor sich liegen: den einen zwischen Diether von Riekhen und dem Herzogtum Oldenburg und die 27 zwischen dem Herzogtum Oldenburg und verschiedenen anderen Personen.
Zuerst nahm sie sich Diether von Riekhens Kontrakt vor und las ihn sorgfältig durch. Er war zwar auch in altdeutscher Schrift verfasst, aber es handelte sich um Druckschrift, die sie einigermaßen entziffern konnte. In dem Dokument stand, dass das gesamte Grundeigentum inklusive aller Gewerke an das Herzogtum Oldenburg übergegangen war, und zwar ohne Gegenleistung. Unter Zuhilfenahme natürlicher Begrenzungen wie Bäche und Erhebungen war angegeben, wo sich die Ländereien befanden.
Editha runzelte die Stirn. Sehr eigenartig: Warum wurde der gesamte Landbesitz Diether von Riekhens, mit allem, was sich darauf befand, einfach an das Herzogtum übergeben? Das war ja quasi eine Enteignung.
Ob so etwas öfter vorkam? Sie nahm sich die 27 weiteren Kontrakte und ging sie einen nach dem anderen durch. Tatsächlich kam es noch mehrmals vor, dass Grundeigentum in den Besitz des Herzogtums überging. Aber es wurde auch Grundeigentum vom Herzogtum an Bürger übereignet. In einem Fall behandelten zwei zeitlich aufeinander folgende Kontrakte das gleiche Landstück, das zuerst von einem Bürger auf das Herzogtum überging und einige Tage später auf einen anderen Bürger.
Das brachte Editha auf eine Idee: Vielleicht wurde Diether von Riekhens Grundbesitz ja ebenfalls später einem anderen Bürger übereignet. Sie verglich die Daten der Ländereien mit denen der anderen Kontrakte. Beim neunten Dokument wurde sie fündig. Hierbei handelte es sich, bis auf ein kleineres Landstück, das nicht mit aufgeführt war, um die gleichen Ländereien, die früher Diether von Riekhen gehörten. Diese wurden drei Jahre später an einen Barthel von Zölder übertragen für die Gegenleistung von einem Reichstaler.
Editha wusste nicht, wie hoch der Wert eines Reichstalers gewesen war, doch sie war sich ziemlich sicher, dass er als Bezahlung für einen größeren Landbesitz niemals ausreichend gewesen war.
Aber was war damals mit dem kleineren Landstück passiert, das nicht an diesen Barthel von Zölder gegangen war? Sie nahm den Übertragungskontrakt mit den Daten des Landstücks, ging damit an einen der Recherche-Computer und gab die Daten in die Suchmaske ein. Mehrere Dokumente wurden angezeigt: Zum einen natürlich die beiden Übertragungskontrakte und außerdem noch drei Pachtverträge für dieses Landstück. Sie notierte sich die Bezeichnungen der Dokumente und ging zu dem Herrn von vorhin, der die Dokumente – ausnahmsweise, wie er betonte – für sie heraussuchen wollte. Während der damit verbundenen Wartezeit begab sie sich kurz in den Vorraum und holte ihr Essen aus dem Schrank, um sich zu stärken. Danach galt es, schnell zurück an die Arbeit zu gehen.
Die Pachtverträge für das Land lagen schon für sie bereit. Sie nahm sie mit zu ihrem Platz und sah sich den ersten an. Er wurde genau an dem Tag ausgestellt, als auch der Grundbesitz Diether von Riekhens an das Herzogtum übereignet wurde. Der Pächter des Landes war ein Bernhard Stuhrke. In einer Bemerkung war ausgeführt, dass er mit seiner Frau Martha in gleicher Weise wie bisher fortfahren soll, die auf dem Landstück befindliche Mühle zu bewirtschaften. Dann war noch der Pachtzins angegeben, mit dem Hinweis, dass dessen Höhe ebenfalls unverändert war.
Editha nahm sich den zweiten Pachtvertrag vor, der 14 Jahre später abgeschlossen worden war. Sie las den Namen des Pächters und näherte sich mit ihrem Gesicht unwillkürlich dem Papier, weil sie nicht glauben konnte, was dort geschrieben stand: Herold Riekhen. Ihr Mehrfach-Urgroßvater war der spätere Pächter des Landstücks, das seinem Vater einmal gehörte. Warum war ihr das Dokument nicht schon bei ihrer Online-Recherche vom heimischen Computer aus aufgefallen? Ja, richtig, nachdem sie das Übertragungsprotokoll gefunden hatte, hatte sie sich so auf diese Spur fokussiert, dass sie die anderen Treffer gar nicht weiter durchgegangen war.
In dem Pachtvertrag mit Herold Riekhen war, neben der Angabe des Pachtzinses und sonstiger Konditionen, wieder eine Bemerkung vorhanden: Er sollte mit seinem Bruder Jacob in gleicher Weise wie bisher sein Stiefvater fortfahren, die auf dem Landstück befindliche Mühle zu bewirtschaften.
Und wieder starrte Editha überrascht auf das Papier. Jacob? Herolds Bruder? Also Jacob Riekhen? Da waren sie, die Initialen: J. R. stand für Jacob Riekhen. Das Buch war demnach vom Bruder ihres Soundsoviel-Urgroßvaters geschrieben worden.
Merkwürdig nur, dass es in den Kirchenbüchern keinen Eintrag zu Jacob Riekhen gab, als wäre er nie geboren worden und auch nicht gestorben, zumindest nicht in Oldenburg.
Sie warf noch einen Blick auf den dritten Pachtvertrag und wie sie schon vorher vermutete, war dieser mit dem Nachkommen Herold Riekhens abgeschlossen worden, von dem sie ja die Daten in den Kirchenbüchern gefunden hatte.
Nun hatte sie alles, was sie wollte. Sie machte von den für sie interessanten Dokumenten Kopien und sortierte sie wieder an die richtigen Plätze.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es soweit war, nach Hause zu gehen. Sie hatte ein älteres Mädchen aus dem Karatekurs zum Babysitten gewinnen können und die vereinbarte Zeit war bald herum.
1788
»Komme so bald wie möglich wieder zurück«, mahnte Herold. »Eigentlich brauche ich dich auch hier.«
»Ja, ja.«
Jacob war schon fast weg, froh mal fortzukommen. Bei der normalen Mühlenarbeit konnte er zwischendurch wenigstens mit Friedhelm herumulken, aber da der für die Reparaturarbeiten nicht zu gebrauchen war, hatte Herold ihn vorerst nach Hause geschickt.
Jacob sollte wieder eine Besorgung in der Stadt machen. Herold hatte ihm etwas von dem Geld mitgegeben, das sie sich von Herrn von Elmendorff geliehen hatten und ihm aufgetragen, was er kaufen sollte. Also schmiss sich Jacob seine Hasenfelltasche über die Schulter und machte sich auf den Weg.
Doch keine hundert Schritte von der Mühle entfernt kamen ihm ein Mann in den Vierzigern und zwei jüngere Kerle, die diesem sehr ähnlich sahen, entgegen. Was wollten die hier? Sie alle guckten grimmig, und sie sprachen miteinander, als sie ihn erblickten.
Schließlich standen sie sich gegenüber.
»Ist er das?«, fragte der Ältere. Er war nicht viel größer als Jacob, aber sehr kräftig gebaut.
Der Kerl zu seiner Linken nickte. Er und der andere waren wohl ein paar Jahre jünger als Jacob. Sie hatten die typische schmächtige Statur von Heranwachsenden.
»Wer soll ich sein?«, fragte Jacob. Er kannte weder den Älteren noch seine Söhne. Was sollte er mit ihnen zu tun haben?
Anstatt zu antworten, stellte der Ältere ihm eine Frage.
»Kennst du meine Tochter Clara? Ungefähr so groß,« er zeigte eine Höhe mit der flachen Hand, »braunes, langes Haar.«
An Clara konnte Jacob sich allzu gut erinnern. Aber er hatte das Gefühl, dass es besser war, sie erst mal nicht zu kennen.
»Hm, sagt mir nichts. Wieso?«
»Meine Söhne hier sagen aber, dass du es bist, den sie meint. Vor einigen Wochen hast du mit ihr auf dem Markt angebändelt.«
Jacob zuckte mit den Schultern. Er hatte zwar mit Clara ein paar äußerst süße Stunden verbracht, doch das war nicht gerade etwas, das man ihrem Vater und ihren Brüdern anvertraute.
»Tut mir leid, dass ich euch da nicht weiterhelfen kann.«
Er wollte weitergehen und die drei einfach stehenlassen, aber der Alte packte ihn am Ärmel und hielt ihn fest.
»Wir sind noch nicht fertig, Jungchen. Clara ist schwanger.«
Ach, du Scheiße, das fehlte ihm noch.
»Äh - das war ich nicht.« Er merkte selber, wie dumm das klingen musste. »Kann sein, dass ich ihr auf dem Markt begegnet bin, aber wir haben nur kurz miteinander gesprochen.«
»Clara sagt aber, dass du der Einzige bist, mit dem sie je zusammengewesen ist. Du musst dazu stehen, sie heiraten und sie und das Kind versorgen.«
»Nie und nimmer! Ich bin nicht der Vater des Kindes.«
Jacob erinnerte sich, dass er Clara entjungfert hatte. Doch das hieß ja nicht, dass sie nicht hinterher etwas mit anderen Männern gehabt hatte.
»Clara behauptet es aber.«
Verdammt noch mal, wie kam er hier bloß wieder heraus?
»Vielleicht lügt sie ja. Kann doch sein, dass sie sich an mich vom Markt her erinnert und dass sie mit jemanden zusammen war, den sie nicht kennt, oder der nicht von hier ...«
Weiter kam er nicht. Claras Vater packte ihn erneut an der Jacke und schüttelte ihn so, dass seine Tasche herunterfiel und der Inhalt auf dem Boden verteilt wurde.
»Willst du damit sagen, dass meine Tochter eine Hure ist?«, schrie er Jacob an. »Du verdammter Weiberheld. Du bist genau so ein Halunke, wie dein Vater früher war.«
Er holte weit aus und verpasste Jacob eine schallende Ohrfeige, sodass er zu Boden ging. Der Mann packte ihn erneut und zog ihn wieder hoch.
»Was ist hier los?«, hörte Jacob unvermittelt hinter sich Herolds Stimme.
Einmal mehr kam sein Bruder im rechten Moment.
Claras Vater lockerte den Griff und sah zu Herold.
»Was geht dich das an?«, fragte er.
Herold nickte in Jacobs Richtung und kam näher.
»Ich bin sein Bruder, und wenn du ihn angreifst, geht mich das sehr viel an. Lass ihn los.«
Die beiden Jungen wichen ängstlich vor Herolds hünenhafter Gestalt zurück und der Vater ließ Jacob los. Es schien, als wollte er etwas zu Herold sagen, tat es dann aber doch nicht. Offenbar hielt er momentan alle Mühe für vergebens.
»Für heute lass ich es darauf beruhen. Aber so lange du nicht zu deinen Taten stehst, solltest du dich gut umsehen, wenn du alleine unterwegs bist«, sagte er zu Jacob.
Er winkte seinen Söhnen und sie gingen fort.
»Was sollte das bedeuten?«, fragte Herold.
Jacob bückte sich und suchte seine Schreibutensilien zusammen, die auf dem Boden verteilt waren.
»Keine Ahnung, die müssen mich verwechseln.«
Mit der Wahrheit nahm er es ja nie so genau, aber er fühlte sich nicht gerade wohl dabei, seinen Bruder anzulügen. Es war halt eine Notlüge.
Herold sah ihn scharf an.
»Fang nicht mit allen Leuten, die dir begegnen, Streit an. Als Müller haben wir es auch so schon nicht leicht. Da muss man sich nicht noch zusätzliche Feinde machen.« Er dreht sich um und ging zur Mühle zurück.
Jacob legte seine Sachen in seine Tasche und machte sich auf den Weg zur Stadt, in der Hoffnung, den Kerlen nicht nochmal zu begegnen.
Auf dem Markt herrschte ein reges Treiben. Viele Oldenburger Bürger waren unterwegs, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Die meisten sahen gut gelaunt aus, wozu das schöne Wetter sicherlich seinen Teil beitrug. Jacob ging an ein paar Kindern vorbei, die eine tote Maus an einen Faden gebunden hatten und nun versuchten, eine Katze zum Spielen zu bewegen. Die Katze, die offenbar wusste, dass kein Leben mehr in der Maus war, hatte daran nicht das geringste Interesse, sie sah den Anstrengungen der Kinder mit halb geschlossenen Lidern zu.
Am Gemüsestand reihte sich Jacob in die wartenden Kunden ein, meistenteils Frauen. Wie sein Bruder ihm eingebläut hatte, schloss er seine Hand um das gefüllte Geldsäckchen, um nicht im Gedränge bestohlen zu werden.
Das allgegenwärtige Gesprächsthema waren die Morde. Wohin man auch hörte, wurde darüber gesprochen. Und so sprachen die Frauen vor ihm in der Schlange ebenso darüber.
»Drei Tote sind es jetzt schon. Und wer weiß, wie viele noch dazu kommen«, sagte eine dünne Frau mit heruntergezogenen Mundwinkeln wichtigtuerisch.
»Ja, man traut sich abends ja schon gar nicht mehr auf die Straße«, meinte eine andere, die sich fortwährend die Nase in einem Tuch schnäuzte.
»Wahrscheinlich wird man nie herausfinden, wer die Leute umgebracht hat.« Die Dünne nickte bedeutungsvoll.
»Ach, was heißt hier ‚wer‘? Es müsste ‚was‘ heißen. Ein Fluch ist es, was die Leute umbringt, nichts anderes. Es ist genauso wie damals.«
»Ja, genauso wie damals«, echote die Dünne.
Jacob wurde hellhörig. Wie damals? Gab es so etwas denn schon mal in Oldenburg?
»Was heißt hier ‚wie damals‘?«, fragte er.
Die Dünne sah ihn über ihre Schulter hinweg an, als wollte sie ihn mit ihrem Blick für die Einmischung strafen.
»Na, eben wie damals, als schon mal die ganzen Toten im Stadtgraben gefunden wurden.«
Davon hörte Jacob zum ersten Mal.
»Wann war das?«
Die andere Frau schien ihm wohlgesonnener. Sie nahm das Tuch von der Nase und lächelte ihn an.
»Das war vor ungefähr zwanzig Jahren. Es geschah immer auf die gleiche Weise. Das liegt daran, dass ein Fluch auf dieser Stadt lastet. Ein Fluch, der alle zwanzig Jahre wiederkehrt.«
Sie schnäuzte sich weiter und drehte sich zum Gemüsestand um, weil sie an der Reihe war.
Hinter ihm gab es plötzlich lautes Gekreische. Die Kinder wollten die Untätigkeit der Katze wohl nicht so einfach hinnehmen. Sie hatten ihr die tote Maus an den Schwanz gebunden. Das arme Tier rannte wie geistesgestört herum und wälzte sich auf dem Boden, um den Fremdkörper wieder loszuwerden. Die Kinder gaben lautstark ihre Freude darüber zum Ausdruck.
»Du solltest dich doch beeilen«, sagte Herold, als Jacob wieder bei der Mühle eintraf.
»Das habe ich doch.«
Das hatte er wirklich, schon alleine, weil er nicht unbedingt dem Vater und den Brüdern der schwangeren Clara nochmal begegnen wollte.
Herold brummte unwillig zur Antwort. Er nagelte gerade zwei Bretter aufeinander.
»Sag‘ mal, wusstest du, dass es vor zwanzig Jahren schon einmal mehrere Tote gegeben hat?«
»Hmm«, Herold kniff die Augen zusammen. »Ja, stimmt. Damals war ich noch klein. Das muss zu der Zeit gewesen sein, als wir zu Bernhard gekommen sind. Oder vielleicht auch etwas früher.«
»Dann weißt du wahrscheinlich nicht viel darüber, oder?«
»Nein, das ist zu lange her.«
»Und was weißt du darüber, dass unser Vater ein Halunke war?«
Mit dieser Frage wollte er Herold überrumpeln, in der Hoffnung, dass er mit seinem Wissen nicht so wie sonst hinter dem Berg hielt. Seit Claras Vater das heute zu ihm gesagt hatte, ging es ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Die Überrumpelungstaktik funktionierte leider nicht.
»Woher hast du das denn?«
»Claras ... ich meine, der Mann von heute Vormittag hat es gesagt.«
»Ich weiß nicht, was der meint. Für mich war unser Vater kein Halunke.«
Jacob sah seinem Bruder an, dass er ihm irgendetwas verschwieg. Aber er wusste, dass es keinen Zweck hatte: Wenn Herold etwas nicht erzählen wollte, dann war es äußerst schwierig, das aus ihm herauszubekommen.



