Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller

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Das war also die viel genannte Haltestelle Lappan. Sie gingen ein paar Schritte, bis sie in der Mitte des Platzes ankamen. Hier standen sie direkt vor der Fußgängerzone der Innenstadt in einer Ecke einer großen Straßenkreuzung. Auf der anderen Straßenseite konnte sie das Gebäude einer Versicherung und weitere Geschäftsgebäude erkennen. Von einem Komplex die Straße weiter runter wusste sie, dass es ein Museum war. Sie drehte sich um und sah vor sich eine schmale Gasse, die schon zur Fußgängerzone gehörte, wie sie am Schild erkannte. Rechts der Gasse stand ein altes, weißes Haus, in dem sich eine Gaststätte befand.
»Krieg ich ein Eis?«
Timo zog an ihrem Arm.
»Wenn wir an einem Eisladen vorbei kommen, kannst du eine Kugel kriegen, okay?« Sein Gesicht strahlte und er zerrte stärker, damit sie sich beeilte. »Aber vorher musst du Mama in Ruhe gucken lassen.«
Schon wieder die kleine Runzelstirn. Kaum zu glauben, dass man mit drei Jahren so viele Falten aufbringen konnte.
»Was willst du hier denn gucken?«
»Ich will mir nur diesen Platz und diese Gasse ansehen. Das dauert ein paar Minuten.«
Er gab Ruhe und folgte ihr, als sie in die Gasse ging. Sie war nicht lang, schnell hatten sie das Ende erreicht. Das musste der Ort sein, der in dem Buch geschildert wurde. Sie sah nach rechts und nach oben, wo der alte Turm stand, der Namensgeber für die Haltestelle war, der Lappan. Was für ein eigenartiger Name für einen Glockenturm, fand Editha.
Auf der linken Seite der Gasse ragte die Hauswand ein wenig weiter vor. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es hier vor ein paar hundert Jahren ausgesehen haben mochte. Der Halunke aus der Erzählung, ob es nun Tagebuch oder Fiktion war, musste sich an dieser Stelle versteckt und darauf gelauert haben, dass der Mann, aus dessen Perspektive alles geschildert wurde, aus der größeren Straße von links kam. Das war die Lange Straße, was sie dem Schild an dem Haus gegenüber entnehmen konnte. Sie hoffte, dass Timo nicht den Burger King sah, der dort untergebracht war, denn obwohl sie nur sehr selten in Fast-Food-Läden aßen, hatte er schon eine Vorliebe für dieses Essen entwickelt. Wenn er es sah, war die nächste Quengelei so gut wie sicher.
Sie drehte sich mit ihrem Sohn zur anderen Seite und ging Schritt für Schritt in die Lange Straße hinein, in die Richtung, aus der der Mann in der Erzählung gekommen sein musste. Denn er kam von der Innenstadt und lief auf den Lappan zu. Sie malte sich aus, wie die alten Häuser damals ausgesehen haben mochten, welcher Geruch hier geherrscht haben musste - wahrscheinlich kein guter, wegen der Verschmutzungen in den Straßen.
Sie gingen wieder ein paar Schritte und näherten sich gleichzeitig der Straßenmitte. Dort blieben sie kurz stehen, um eine junge Mutter vorbei zu lassen, die einen Kinderwagen in beinahe gefährlichem Tempo vor sich herschob, und bummelten dann weiter.
Welche Geräusche man wohl damals gehört hatte? Da es keine Autos gab, war es vermutlich völlig still, vor allem, da es ja Abend war. Genau: Es war natürlich dunkel, als der Erzähler das Erlebnis hier hatte.
Und dann wurde es schlagartig dunkel.
1788
Ein lautes Knurren seines Magens holte Jacob in die reale Welt zurück. In seiner Leibesmitte rumpelte es so sehr, dass er es nicht länger ignorieren konnte. Er blinzelte, richtete sich auf und spürte einen Schmerz zwischen den Schulterblättern. Sein Körper verlangte Genugtuung für das lange vornübergebeugte Sitzen. Er kreiste mit den Schultern und ließ die Feder aus seiner linken Hand auf den Tisch gleiten. In den Fingern, mit denen er sie gehalten hatte, hinterließ sie tiefe Einkerbungen. Wie er wusste, waren diese erst nach mehreren Stunden ganz wieder verschwunden.
Jacob streckte sich und sah durch das kleine Fenster, dass es draußen dunkel wurde. Wie sehr oft hatte er beim Schreiben die Zeit vergessen, war so tief in seine Geschichte eingetaucht, dass die Wirklichkeit um ihn herum in den Hintergrund getreten war. Er steckte den Holzstopfen ins Tintenfässchen und erhob sich, um sich etwas Essbares zu suchen.
In der Küche fand er einen Kanten Brot und ein Stück Schinken. Herold, der wahrscheinlich noch in der Mühle arbeitete, hatte ihm wie immer etwas übrig gelassen. Mit dem zwar scharfen aber viel zu kleinen Messer schnitt er umständlich ein paar Scheiben von dem Fleisch ab. Dabei fiel ihm ein, dass es heute, trotz des Verbots, eine Tanzveranstaltung in der Stadt geben sollte. Vermutlich war die bereits in vollem Gange.
Er schlang das Brot und den Schinken herunter, holte seinen guten Rock und eilte aus dem Haus. Hoffentlich hatte er nicht schon zu viel verpasst.
Im Halbdunkel rannte er durch die Wiesen, den Weg konnte er noch gut erkennen. Am Himmel erschienen die ersten Sterne. Es war klar und musste fast Vollmond sein. Für den Rückweg konnte er auf eine helle Nacht hoffen. Schon lief er an den nördlichsten Häusern vom Bürgerfelde vorbei. Er musste sich beeilen: Wenn es beim Eintreffen ganz dunkel sein sollte, würde er für den Durchgang durch das Stadttor bezahlen müssen.
Kurze Zeit später kam das Heiligengeisttor in Sicht. Zum Glück waren die Gitter noch geöffnet. Doch bevor er die letzten Schritte hindurch machen konnte, fiel Jacob eine Menschenansammlung in Richtung Haarentor unmittelbar vor dem Knick des Stadtgrabens auf. Er blieb stehen und versuchte zu erkennen, was da vor sich ging. Mindestens zwanzig Menschen standen dort zusammen, viele von ihnen hielten eine Laterne hoch. Ein Mann schritt an ihm vorbei, auf die Menge zu.
»Was ist denn da los?«, rief Jacob ihm nach.
Der Mann drehte sich im Gehen kurz um.
»Schon wieder eine Leiche im Graben«, antwortete er knapp und eilte weiter.
Jacob wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Schon wieder! Das musste der Dritte innerhalb weniger Wochen sein, der auf diese Weise um sein Leben kam. Ein Schauer prickelte seinen Rücken entlang.
Unschlüssig schaute er zum Stadttor. Jeden Moment würden die Wachen es schließen, ungewöhnlich, dass sie es noch nicht getan hatten. Das war die letzte Gelegenheit, ohne Bezahlung in die Stadt zu gelangen. Doch die Möglichkeit einen Toten zu sehen, übte eine gruselige Anziehungskraft auf ihn aus. Man erzählte sich, dass die anderen Leichen grauenhaft und widerlich ausgesehen hatten, dass sie seit mehreren Tagen im Stadtgraben gelegen haben mussten. Einigen sollte von ihrem Anblick übel geworden sein, und es sollte sich sogar jemand übergeben haben.
Aber ihm würde schon nicht schlecht werden. Dazu gehörte ganz sicher mehr als eine Wasserleiche. Und wer wusste, wann er solch ein Erlebnis noch mal würde haben können. Als echter Schriftsteller musste er so viele Erfahrungen sammeln, wie er konnte. Er straffte seinen Körper und marschierte auf die Menschenmenge zu.
Bei ihr angekommen, drängelte er sich mithilfe der Ellenbogen durch die überwiegend größeren Männer nach vorne. Einige Beschimpfungen handelte er sich damit ein, aber so etwas konnte er gut ignorieren.
Als er endlich freien Blick auf das Geschehen hatte, sah er, dass man noch dabei war, die Leiche aus dem Graben herauszuziehen. Die drei Kerle, die sich damit abmühten, kannte Jacob vom Sehen: Sie waren Männer des Vogts. Der Vogt selbst stand einige Meter vor den Schaulustigen am oberen Grabenrand, hochgewachsen und mit vorgestreckter Brust, und beobachtete das Geschehen genauso wortlos wie alle anderen Anwesenden. Direkt neben ihm beugte sich ein weiterer Mann so weit über die Grabenkante, dass Jacob befürchtete, er würde jeden Moment die Böschung herunterkugeln und der Leiche im Wasser Gesellschaft leisten. Er war enorm dick, hatte eine Vollglatze und einen langen Bart, den im unteren Drittel ein Bindfaden zusammenhielt. Jacob wusste, dass das der Bader war. Auf halber Höhe zum Graben stand noch ein Mann, der mit einer Laterne die Bergungsaktion beleuchtete.
Die Kerle im Graben hatten wahrlich keine leichte Aufgabe. Einer von ihnen war klitschnass, die Haare klebten ihm am Kopf. Die Kleidung der anderen beiden war mit Matsch beschmutzt. Immer wieder sanken sie mit ihren Stiefeln in das durchweichte Ufer ein, während sie keuchend und stöhnend versuchten, das dunkle, unförmige Etwas aus dem Wasser zu ziehen. Einen Schritt machten sie hoch und zwei zurück nach unten.
Erst jetzt fielen Jacob zwei weitere Männer auf, die offiziell aussahen. Sie standen neben der Menge, nur ein Schritt trennte sie davon. Dennoch war offensichtlich, dass sie nicht zu ihr gehörten.
»Wer sind die denn?«, fragte Jacob den Mann an seiner Seite, mit dem Kopf zu den beiden weisend.
»Die sind vom Magistrat zur Beobachtung herbeordert. Wenn der Magistrat schon nicht direkt tätig werden darf, so will er wohl wenigstens über alles gut informiert sein«, gab der Mann zur Antwort und lachte dabei glucksend auf.
Der Kerl schien gut Bescheid zu wissen.
»Wieso darf der Magistrat nicht tätig werden? Wie kam es denn zu dieser Entscheidung?«
Der Mann sah Jacob kurz an, als würde er sich bei der Beobachtung des Schauspiels gestört fühlen, ließ sich aber doch zu einer Antwort herab.
»Als die erste Leiche von einem Knaben entdeckt wurde, verständigte dieser zuerst den Vogt. Da der Junge außerhalb der Stadtmauern wohnte, war es für ihn wahrscheinlich auch selbstverständlich. Der Vogt begann also mit seiner Arbeit. Aber dann bekamen die Amtsmänner der Stadt Wind von der Sache. Daraus entwickelte sich ein Streit über die Zuständigkeiten.«
»Hm, aber wenn sich die Leiche nicht innerhalb der Stadtmauern befand, sondern in der Hausvogtei, dann war doch der Vogt dafür zuständig.«
»Dieser Meinung war der Vogt auch. Doch der Magistrat behauptete, dass der Stadtgraben - ob er nun außerhalb oder innerhalb der Stadtmauern liegt - zur Stadt gehöre. Das sei schon am Namen erkennbar, da er ja nicht Hausvogteigraben heiße.«
Der Mann zwinkerte Jacob zu. Jener musste grinsen, dieses Wortspiel gefiel ihm natürlich und nahm ihn fast für die Position des Magistrats ein.
»Schließlich wurde im Schloss entschieden, an höchster Stelle«, fuhr der Mann fort. »Aus praktischen Gründen beließ man die Angelegenheit beim Vogt, da er bereits damit begonnen hatte.«
Der Mann zuckte mit den Schultern und Jacob nickte verstehend.
Unten im Graben war von einem Fortschritt nichts zu erkennen.
»Versucht es weiter dort«, rief der Vogt hinunter und deutete in die Richtung des Stadttors.
Die Männer zerrten den Klumpen, der eine Leiche sein sollte, einige Meter in die gewiesene Richtung, wo der Boden noch nicht so zertrampelt, aber zweifellos genauso weich war. Dort zählte der Durchnässte bis drei und sie zogen alle auf einmal. Auf diese Weise gelang es ihnen, das nass-triefende Ding auf die Böschung zu hieven. Jacob machte einen Schritt nach vorne, um besser sehen zu können.
»Warum nehmt ihr nicht ein Seil?«, rief einer aus der Menge.
Der Vogt sah sich zornig zu den Leuten um. Dann zeigte er auf Jacob, der ja ganz vorne stand.
»Du, nimm ihm die Laterne ab und leuchte.« Er deutete auf den Mann, der auf der Böschung stand. Jacob wollte protestieren, aber die anderen Männer, denen er zuvor seine Ellenbogen in die Rippen gestoßen hatte, lachten und schubsten ihn zum Laternenträger. Der hatte sich auf Jacob zubewegt und drückte ihm die Laterne kurzum in die Hand. »Geh und hol ein Seil, schnell«, wies der Vogt den Mann an, der sich sofort umdrehte und losrannte.
Jacob stand mit der Laterne in der Hand unschlüssig herum. Der Vogt wandte sich wieder Jacob zu, und als er ihn nun im Laternenlicht sah, schien es, als würde er Jacob von irgendwoher erkennen. In der nächsten Sekunde widmete er sich aber wieder der Leichenbergung.
»Du musst ihnen leuchten. Geh ein wenig die Uferböschung hinab«, befahl er Jacob. Sein strenger Ton duldete keine Widerrede.
Unter dem Tuscheln und Lachen der Menge - »Geschieht ihm recht«, sagte jemand - tapste Jacob vorsichtig zwei Schritte den schrägen Teil des Ufers hinab. Das hatte er davon, dass er immer so vorwitzig sein musste. Warum hatte er sich auch ganz nach vorne gedrängelt? Hoffentlich beschmutzte er sich nicht seinen guten Rock oder purzelte gar hinunter.
»Noch weiter«, rief der Vogt.
Jacob machte einen weiteren Schritt die Böschung hinab.
Die drei Männer bei der Leiche hatten alles mitbekommen und unternahmen deshalb keine weiteren Bemühungen. Die Hände in die Hüften gestemmt standen sie um den dunklen Haufen herum und sahen auf ihn hinunter. Ihre sich hebenden und senkenden Brustkörbe zeugten von den Anstrengungen, die sie bereits hinter sich hatten. Mit ihnen wollte Jacob schon gar nicht tauschen.
»Er kommt schon zurück«, hörte er eine weibliche Stimme aus der Menge sagen.
Einen Augenblick später traf der Mann mit dem Seil atemlos wieder ein.
»Die Wächter hatten ein Seil im Wächterhaus«, sagte er zum Vogt.
Jacob wähnte sich von seiner Aufgabe erlöst und machte Anstalten, die Böschung hinaufzugehen.
»Du bleibst schön dort, wo du bist«, kommandierte sogleich der Vogt, der seine Absicht wohl erkannte. »Und du wirfst ein Ende des Seils hinunter«, sagte er zu dem Mann, der das Seil geholt hatte. Dann etwas lauter zu den Männern unten am Graben: »Ihr schlingt der Leiche jetzt das Seil unter den Achseln hindurch und über die Brust und macht auf dem Rücken einen festen Knoten.«
»Sie sollen vorsichtig sein, damit der Leiche nichts geschieht. Diese Wasserleichen sind äußerst empfindsam«, ließ sich der Bader vernehmen.
»Hört ihr? Ihr sollt vorsichtig mit der Leiche umgehen«, gab der Vogt weiter.
Seine Männer führten die Anordnungen sofort aus und kurze Zeit später erhielt der Vogt von unten eine Fertigmeldung. Er drehte sich um, musterte kurz die Menge und zeigte nacheinander auf einige Männer.
»Du, du ... und du: herkommen und ans Seil treten.«
Die ausgesuchten Kerle, von denen wahrscheinlich jeder alleine ausgereicht hätte - alle drei recht groß und kräftig - traten mit bedröppelten Mienen hervor und nahmen das obere Seilende in die Hände.
Der Vogt gab noch einige Anweisungen - wie unten die Leiche zu drehen war, damit sie möglichst wenig durch den Matsch gezogen wurde, wie die Männer sie führen sollten, wann die Männer oben wieder ein Stück ziehen sollten - und schließlich lag das Bündel, in dem Jacob nun eher einen Menschen erkannte, am oberen Grabenrand.
»Komm her, Bursche.« Der Vogt winkte Jacob, der mit hoch gegangen war, näherzukommen. »Wir brauchen mehr Licht.«
Jacob stellte sich mit der Laterne so hin, dass möglichst viel von ihrem Schein auf das Bündel fiel. Die Menge bildete im gebührenden Abstand einen Halbkreis um das Geschehen. Zwei der Männer vom Vogt zerrten an der Kleidung der Leiche herum. Im Wasser hatte sich diese wohl um den Kopf gewickelt.
Dann endlich war das Gesicht der Leiche zu sehen und ein Aufstöhnen ging durch die Menge. Jacob, der ja mit seiner Laterne wieder ganz vorne stand, hatte den besten Blick. Der Tote war ein Mann, der vielleicht 40 Jahre alt sein mochte, genau konnte er es nicht schätzen, weil das Gesicht ziemlich aufgeschwemmt war. So schrecklich sah die Leiche aber gar nicht aus. Die Haut wirkte unnatürlich wächsern, doch ansonsten hätte man meinen können, er schliefe. Es war überhaupt nicht verständlich, warum jemandem bei diesem Anblick schlecht werden sollte. Einzig das Wissen, dass es sich um einen Toten handelte, machte Jacob ein mulmiges Gefühl.
Die Männer hatten inzwischen mit Messern den Rock der Leiche entfernt. Dieser hatte sich auch um dessen Hände geschlungen. Sie sahen ebenfalls aufgedunsen und wächsern aus.
Nun drängelte sich der Bader vor, wobei er sich mehrfach bei den Männern in der Menge entschuldigte. Als er ganz vorne stand, betrachtete er die Leiche zunächst genauso, wie alle anderen.
»Zieht ihn gänzlich rauf«, sagte der Vogt.
Ein Bein hing noch über der Böschung.
Als sie den Toten aus dem Wasser gezogen hatten, hatten sie ihn an der Kleidung angefasst. Nun griff einer der Männer, sicherlich ohne darüber nachzudenken, nach dem Unterarm, um daran zu ziehen.
»Halt, nicht ...!«, rief der Bader.
Doch die Warnung kam zu spät. Im nächsten Moment gab es ein knucksendes Geräusch, gefolgt von einem Schmatzen, und der Mann hielt den gesamten Unterarm losgelöst von der Leiche in der Hand. Mit vor Ekel verzerrtem Gesicht warf er ihn sofort von sich. Eine Woge fauliger Luft schlug Jacob entgegen.
Nach einer Schrecksekunde merkte er, dass das nun doch zu viel für ihn war. Ein unaufhaltsamer, säuerlicher Schwall stieg in seinem Hals empor. Er musste hier weg. Die Laterne ließ er fallen, wodurch sie sofort erlosch, und er drängelte sich noch rücksichtsloser als zuvor durch die gaffende Menge. Nachdem er hindurch war, kam er keine drei Meter mehr weit, bevor er sich krampfartig übergeben musste. Während er vornübergebeugt halb verdaute Schinkenstücke im Schein der Laternen erkennen konnte, musste er erneut das Gelächter der Menge über sich ergehen lassen.
Er musste hier weg.
Die ersten Schritte stolperte er fast, im Bemühen nicht in sein Erbrochenes zu treten. Dann lief er ein Stück und nach kurzer Zeit hatte die klare Nachtluft die Übelkeit größtenteils beseitigt. Den Rest des Weges zum Tor ging er so, als wäre nichts geschehen.
Die Gitter waren nun natürlich geschlossen.
Normalerweise hätte Jacob sich darüber geärgert, dass er an die Torwachen zwei Schwaren zahlen musste und deshalb ein Bier weniger trinken konnte, aber er war gedanklich viel zu sehr mit dem gerade Erlebten beschäftigt. Während er im kümmerlichen Licht der tranbefeuerten Straßenlaternen die Langestraße entlangmarschierte, schwirrten ihm ständig Bilder der aufgequollenen Leiche durch den Kopf, die ihm im Rückblick weitaus schrecklicher schienen. Ein Schauer überlief ihn bei der Erinnerung an die Geräusche und Gerüche, als der Arm abgetrennt wurde.
Er bog zweimal ab, während er versuchte, diese Gedanken zu verdrängen. Dass er sich jetzt der Tanzveranstaltung näherte, half dabei, denn die lauter werdende Musik weckte die Vorfreude. Und als er dann die fröhlichen Stimmen hörte, war sein Kopf wieder klar.
Nur sein Hals war es nicht: Der säuerliche Geschmack des Erbrochenen steckte ihm noch immer im Rachen. Den wollte er jetzt schnell hinunterspülen. Er bog um die letzte Ecke und kam in eine kleine Seitengasse, wo sich die Leute zum Feiern getroffen hatten. In der Mitte tanzten mehrere Paare und drum herum standen viele weitere Männer und Frauen und unterhielten sich. An der Seite hatte ein geschäftstüchtiger Gastwirt, den Jacob aus einer Wirtschaft in der Nähe des Haarentors kannte, ein großes Fass aufgestellt. Er war eifrig dabei, Bier zu zapfen. Zu ihm ging Jacob als erstes.
»Ein Bier, bitte«, sagte er zu dem Gastwirt, ein dicker Kerl mit fettigem Haar.
Der sah ihn durch die Schlitze seiner zusammengekniffenen Augen an.
»Du bist doch der Müller Riekhen.«
Was sollte das denn nun? Wenn das eine Frage sein sollte, hörte es sich aber nicht so an. Warum gab der ihm nicht einfach das Bier, damit er den schlechten Geschmack loswerden konnte?
»Um genau zu sein, ist mein Bruder Herold der Müller. Ich bin nur sein Gehilfe,« antwortete Jacob. »Was ist nun mit meinem Bier?«
Ein anderer Mann erschien beim Fass und wollte ebenfalls etwas von dessen Inhalt. Der Wirt überließ ihm den gerade gefüllten Krug und nahm sich einen neuen, um weiter zu zapfen.
»Gehilfe, was?« Er sah Jacob so an, wie zuvor. »Das macht es nicht besser. Der Gehilfe vom Gauner ist ein ebensolcher Gauner.«
»Was soll das heißen?«, fuhr Jacob ihn an. »Du nennst meinen Bruder und mich Gauner?«
»Das seid ihr Müller doch alle, wie man hört. Mehlverschlechterer, die sich von den Bauern ihren Wohlstand zusammengaunern.«
Wohlstand! Wenn Jacob nicht so wütend geworden wäre, hätte er darüber lachen können. Das mochte vielleicht für andere Müller gelten, sein Bruder und er spürten von diesem Wohlstand jedenfalls nichts. Ihre Einnahmen reichten gerade so aus, um die Mühlenpacht und ihren Lebensunterhalt davon zu bezahlen. Arm waren sie sicherlich nicht, von Wohlstand konnte jedoch keineswegs die Rede sein. Aber Jacob war an solche Verleumdungen von klein auf gewöhnt. Alle glaubten, dass Müller Betrüger waren, sich von ihrem Lohnanteil am Mahlgut durch Zusätze oder falsche Gewichte mehr ergaunerten, als ihnen zustand, und es gab sogar noch einige, die die Mühlentechnik für Teufelswerk hielten. Schon als Kind konnte er keine Freunde finden, weil er der Müllersohn war und daran hatte sich bis heute nicht viel geändert.
Doch es war eine Sache, hinter vorgehaltener Hand über ihn zu tuscheln, und eine andere, ihn direkt als Gauner zu beschimpfen. Jacob hatte große Lust, dem Wirt in sein feistes Gesicht zu schlagen. Der Gast, der soeben sein Bier bekommen hatte, mischte sich rechtzeitig ein.
»Nun gib ihm doch eines, Fritz. Wir wollen hier heute Abend nur gute Laune haben und keinen Streit.«
»Wer sagt mir denn, dass er auch bezahlen kann?«, fragte der Wirt.
Der Gast wandte sich an Jacob.
»Hast du auch Geld?«
Jacob zog zur Antwort seinen Geldbeutel hervor und ließ ihn klimpern. Als der Wirt das sah, gewann sein Geschäftssinn die Oberhand.
»Also gut.« Er stellte Jacob das neu gezapfte Bier auf das Fass. »Das macht dann ... drei Schwaren.«
»Fritz!«, ermahnte der andere Gast. »Du kannst ihm doch nicht mehr abknöpfen als allen anderen.«
Der Wirt wand sich, schien mit sich zu kämpfen.
»Na schön, also zwei Schwaren. Aber im Voraus.«
Jacob legte das geforderte Geld neben das Bier, nahm den Krug an sich und drehte dem Wirt den Rücken zu. Dann trank er mehrere tiefe Züge, nach denen es ihm viel besser ging.
Mit dem Krug in der Hand schlenderte er zu den Tanzenden. Die drei Musikanten, die auf der anderen Seite der Gasse spielten, machten ihre Sache wirklich gut. Mit einem Kribbeln in den Beinen sah Jacob sich nach einer Tanzpartnerin um. Und er wurde schnell fündig: Direkt neben den Musikanten stand mit ihren Freundinnen ein Mädchen, das ihm vor kurzem in der Kirche aufgefallen war. Im Takt der Musik schaukelte sie leicht ihren Rock hin und her. Sie war ein paar Jahre jünger als er, ungefähr siebzehn musste sie wohl sein. Ganz gewiss hatte sie sich aus ihrem Elternhaus gestohlen und würde eine Menge Ärger bekommen, wenn dies auffallen sollte. Ihre Schönheit war umwerfend: Langes, rotblondes Haar umspielte ihr ebenmäßiges Gesicht und fiel ihr anschließend auf den Rücken, ihre Haut war rosig zart und ihre Wimpern waren so lang, wie er es bisher bei keinem anderen Menschen gesehen hatte. Doch am meisten reizte ihn der kecke Ausdruck in ihren Augen: Sie sah sich um, als suchte sie nach Gelegenheiten, so ausgiebig wie möglich gegen möglichst viele Regeln zu verstoßen. Offenbar reichte es ihr nicht, dass sie zu Hause ausgebüxt und auf eine verbotene Tanzveranstaltung gegangen war.
Jacob kippte die zweite Hälfte seines Bieres in einem Zug herunter und wand sich durch die Leute, um zu dem Mädchen zu gelangen. Unterwegs stellte er den Krug auf einer Fensterbank ab. Bei jedem Schritt, den er sich dem Mädchen näherte, nahm das aufregende Gefühl in seinem Bauch zu. Er liebte das. Sie bemerkte seine Annäherung, lächelte und senkte in gespielter Verlegenheit den Blick. Doch allzu gut war sie nicht in dem Spiel, denn Jacob entging nicht der kesse Zug um ihren Mund.
Als er bei ihr ankam, merkten ihre Freundinnen, was vor sich ging, und traten kichernd beiseite. Für ein paar Sekunden stand er grinsend vor ihr und wusste nicht, was er sagen sollte. Der einzige Gedanke in seinem Kopf war die Verwunderung darüber, dass jemandem, der mit Worten sein Geld verdienen wollte, einfach keine einfielen. Dann sah sie auf, wahrscheinlich weil sie langsam ungeduldig wurde.
»Lass uns tanzen«, sagte er, um ihr zuvorzukommen, griff ihre Hand und zog sie mit sich zur Mitte der Gasse, die als Tanzfläche diente.
Dort schmiegte sie sich schon nach zwei, drei Tanzschritten dichter an ihn, als er zu hoffen gewagt hatte. Sie fühlte sich unbeschreiblich gut an und ihr Duft erinnerte ihn an frische Blüten. Eine Weile war er wie in einem Rausch, während sie wild tanzten.



