Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller

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Dann wurde die Musik langsamer.
»Wie heißt du?«, fragte er sie.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie sich fortwährend in die Augen gesehen hatten. Ihre waren genauso blau wie seine eigenen, nur unendlich viel schöner.
»Rosa.« Ihre Stimme war so zart wie ihre Haut. »Und du?«
»Jacob.«
Sie lächelten sich an und tanzten weiterhin in die Runde. Jacob nahm sie nun fester in den Arm und wie aus Versehen rutschte seine Hand auf ihrem Rücken immer tiefer, bis er den Beginn der Rundung ihres Gesäßes spüren konnte. Es fühlte sich fest und aufregend an. Sie sahen sich noch immer in die Augen, und die ihren verengten sich leicht, als wollte sie ihn einen Schelm nennen. Er konnte nur bübisch grinsen.
Nach einigen Minuten des Tanzens zog er sie wieder an der Hand mit sich.
»Lass uns ein Bier trinken«, sagte er, ohne auf den Weg zu achten, den er nahm, denn er konnte nicht den Blick von ihr wenden.
Trotzdem kamen sie ohne einen Zusammenstoß mit den anderen Tänzern beim Gastwirt an. Sogleich ließ er vier Schwaren auf das Fass kullern und verlangte nach zwei Bieren. Der Wirt sah ihn zwar wieder böse an, doch Jacob erhielt ohne Murren seine Bestellung. Er und Rosa prosteten sich lächelnd zu und nahmen jeder einen ordentlichen Zug.
»Ahh«, machte Jacob und wischte sich den Schaum vom Mund. »Das ist mal was anderes als das Dünnbier, das man sonst bekommt.«
Während sie tranken, sah er sich ein wenig um und bemerkte jenseits der tanzenden Leute zwei Männer, die ständig zu ihnen herüberstarrten. Sie waren beide groß und breitschultrig und machten finstere Gesichter, während sie miteinander sprachen. Jacob tat so, als merkte er es nicht. Bösen Hunden soll man nicht in die Augen sehen.
Er unterhielt sich lieber weiter mit Rosa. Sie behauptete, dass sie bereits 24 Jahre alt wäre, was er ihr nicht eine Sekunde glaubte. Dass sie in einer feineren Straße innerhalb der Stadtmauern Oldenburgs wohnte, glaubte er ihr allerdings sofort.
Zwischendurch sah er immer wieder unauffällig zu den Männern. Er hatte das Gefühl, je länger er sich mit Rosa unterhielt, desto wütender wurden sie. Der größere der beiden ballte unentwegt die Fäuste und trat von einem Bein auf das andere.
»Hast du eine Ahnung, was das da drüben für Kerle sind?« Er wies mit seinem Bierkrug zu den Männern. »Die starren uns schon die ganze Zeit an.«
Rosa trank gerade von ihrem Bier und schielte währenddessen in die angezeigte Richtung. Im nächsten Moment prustete sie den Inhalt ihres Mundes auf Jacobs Rock. Sie sah aus, als hätte sie ein Gespenst gesehen.
»Igitt!« Jacob wich vor Schreck einen Schritt zurück. »Was ist denn in dich gefahren?«
»Der kleinere der beiden ist mein Bruder und der andere ist sein Freund, der schon länger ein Auge auf mich geworfen hat.« Sie sah ängstlich zu ihnen hin. Jegliche Keckheit war aus ihrem Blick gewichen. »Mein Bruder wird mich bestimmt bei meinen Eltern verraten. Du musst wissen, dass ich eigentlich nicht hier sein darf.«
Jacob konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während er versuchte, mit seinem Ärmel den Rock zu trocknen.
»Aber du bist doch schon 24 Jahre alt. Dann kannst du doch tun und lassen, was du willst.«
Rosa senkte den Blick.
»Ja, aber ...«, setzte sie an.
»Ach, sei’s drum.« Gerne hätte er sich noch ein wenig in ihrer Verlegenheit gebadet, aber ebenso sehr wollte er ihre Laune nicht verderben. »Von denen lassen wir uns doch nicht die Stimmung kaputtmachen.«
Er grinste die beiden Männer demonstrativ an und hob zum Gruß seinen Bierkrug. Fast glaubte er, sehen zu können, wie ihnen vor Wut Dampfwolken aus den Ohren stoben. Dann drehte er ihnen den Rücken zu und beschloss, ihnen keine weitere Beachtung zu schenken.
»Komm, lass uns wieder tanzen.«
Er kippte den Rest seines Biers in einem Zug herunter. Rosa sah nicht glücklich aus und schielte weiterhin zu den Männern. Doch dann setzte sie eine trotzige Miene auf und tat es ihm mit dem Bier gleich. Was ganz beachtlich war, denn ihr Krug war noch halb voll.
Einen Moment später drehten sie sich wieder wild in die Runde. Sogar mehr als vorher schmiegte sie sich immer wieder an ihn und gewiss mehr, als es sich geziemte. Die Wirkung des Biers sorgte dafür, dass Jacob mutiger wurde. Die eine Hand hatte längst ihre alte Position oberhalb des Gesäßes eingenommen, vielleicht ein wenig tiefer als vorher, und die andere Hand wanderte langsam die Hüfte hoch, bis sie sich seitlich kurz unterhalb ihres Busens befand. Er konnte die Fülle spüren, das Auf und Ab, verursacht durch die Tanzbewegungen. Auch meinte er zu spüren, dass sich ihre Atmung weiter beschleunigte. Ihr Blütenduft vermischte sich mit dem Geruch ihres Schweißes. Jacob fühlte sich wie benommen. Alles um Rosa und ihn schien zu verschwimmen. Es gab nur sie und ihn, wie in einem Rausch.
Doch plötzlich wurden sie in die Wirklichkeit zurückgerissen. Die beiden Männer, Rosas Bruder und sein Freund, standen auf einmal mitten unter den Tanzenden und Jacob wäre fast mit ihnen zusammengeprallt. Er reagierte impulsiv, ohne darüber nachzudenken, vor allem über die körperliche Überlegenheit der beiden viel größeren Männer.
»Was fällt euch ein, euch hier einfach in den Weg zu stellen?«, schnauzte er sie an. »Seht zu, dass ihr euch davon macht.«
Er zog Rosa zu sich, bis sie dicht an seiner Seite war, und legte den Arm um ihre Taille. Dabei merkte er, dass sie etwas unsicher auf den Beinen stand, sei es wegen der Drehungen beim Tanz oder wegen des zu schnellen Genusses von zu viel Bier.
Der Größere der beiden, der vorher schon wütend aussah, verengte seine Augen noch mehr.
»Nimm deine unegalen Arbeiterfinger von ihr. Rosa ist mein Mädchen«, zischte er Jacob an.
Wenn Jacob etwas hasste, dann war es, wenn man ihn seine gesellschaftliche Stellung spüren ließ. Er musterte sein Gegenüber. War er Soldat in Zivil oder Beamter? Gerade wollte er zu einer passenden Entgegnung ansetzen, als Rosa ihm zuvorkam.
»Ich bin niemandess Mädjen«, fuhr sie den Mann an.
Aha, da war wohl doch das Bier für ihre Gleichgewichtsstörungen verantwortlich. Fast musste er wieder lachen wegen ihrer lallenden Aussprache.
»Halt du dich da raus«, entgegnete der Kerl, ohne sie anzusehen, aber in einem milden Tonfall.
»Warum tanzt sie dann mit mir und nicht mit dir, wenn sie doch angeblich dein Mädchen ist?«, fragte Jacob.
»Das tut nichts zur Sache. Ich werbe schon länger um sie.«
Jacob schnaubte verächtlich durch die Nase.
»Seit wann spielt es eine Rolle, wie lange jemand um ein Mädchen wirbt? Ist sie dir versprochen?«
Der Kerl zögerte. Sein Blick senkte sich, er wurde merklich unsicher.
»Nein, das nicht.« Er sah wieder auf. »Aber dir auch nicht.«
»Das stimmt. Ich kann also gleichwohl nicht verlangen, dass sie mit mir tanzt.« Jacob beobachtete, wie sein Gegenüber Zuversicht schöpfte. »Jedoch kann ich sie genauso gut wie du fragen, ob sie lieber mit mir tanzen möchte.« Der Kerl machte ein belämmertes Gesicht und Jacob wurde klar, dass er bei der Intelligenz kein Beamter sein konnte. An Rosa gewandt fragte er: »Mit wem willst du tanzen und den weiteren Abend verbringen?«
Rosa zögerte nicht eine Sekunde.
»Middir nnnatürlich«, lallte sie.
»Da siehst du es. Und nun lass uns gefälligst in Ruhe.«
Er ließ die beiden Männer stehen und bewegte sich mit Rosa tanzenderweise auf die andere Seite der Gasse. Doch auch dieses Mal wurde der Spaß nach kurzer Zeit unterbrochen.
»Die Polizei kommt!«, rief jemand, der Schmiere gestanden haben musste, um die Feiernden rechtzeitig warnen zu können.
Die Wirkung dieser Worte war enorm. Die Musik verstummte sofort und die Musiker verstauten ihre Instrumente hastig in Säcken. Die Leute strömten eilig davon. Jacob hörte einige entsetzte Schreie aus der Menge. Diejenigen, die einen Bierkrug in der Hand hielten, stellten ihn auf den Boden und rannten los. Unzählige umgekippte Krüge lagen bereits herum.
Eigentlich gar nicht so übel, dachte Jacob. Jetzt brauchte er sich keinen Vorwand auszudenken, weshalb Rosa mit ihm alleine die Feier verlassen sollte, damit er sich an sie ranmachen konnte.
Soweit er wusste, führten Anzeigen wegen des Lärms und die Vermutung der Behörden, dass die Tanzveranstaltungen Ursache der vielen unehelichen Kinder waren, im vergangenen Jahr zu dem Verbot. Er hatte noch niemanden gesprochen, der erwischt wurde, aber man erzählte sich, dass man zuerst verhaftet wurde und dann eine empfindliche Geldstrafe zahlen musste. Na, das wollte natürlich niemand, er auch nicht.
Er ergriff Rosas Hand und zog sie mit sich. Sie rannten los, umrundeten den Gastwirt, der sein Bierfass auf einer Sackkarre vor sich herschob, und folgten zunächst der wegströmenden Menge. Nach einigen Straßenecken nahm Jacob dann andere Wege, immer Rosa im Schlepptau, der die Flucht offenbar ziemlich zu schaffen machte. Und endlich erreichten sie eine einsame Straße, mit der er zufrieden war. Hier waren sie ungestört.
Rosa sah reichlich mitgenommen aus. Sie musste sich wohl erst von der Flucht erholen. Er lehnte sie an eine Hauswand und betrachtete sie. Selbst jetzt, wo sie so erschöpft wirkte, war sie wunderschön. Ihr Atem verlangsamte sich. Gerade als Jacob sie küssen wollte, atmete sie wieder zunehmend schneller. Sie drehte sich von ihm weg und erbrach sich vor die Hauswand.
Na prima, dachte Jacob. So hatte er sich den Ausgang des Abends nun wirklich nicht vorgestellt.
Jacob öffnete die Eingangstür zur Schenke und ein muffiger, abgestandener Geruch schlug ihm entgegen. Dabei waren gerade mal eine Handvoll Männer anwesend. Wie würde es hier erst in ein paar Stunden riechen, wenn literweise Bier geflossen war und die Trinkenden ihre Ausdünstungen verbreitet hatten?
Er sah sich kurz um, entdeckte seinen Bruder nirgendwo und setzte sich auf einen der Hocker an der Theke. Der Wirt nickte ihm grüßend zu und kam einen Moment später herbei. Jacob bestellte ein Bier. Schon wieder ein Starkbier, dachte er. Das letzte hatte er vor nur einer Woche, auf dieser missglückten Tanzveranstaltung. Kurz überlegte er, wie es um den Inhalt seines Geldbeutels stand. Musste er aufpassen, dass er nicht über seine Verhältnisse lebte? Nein, er hatte vor zwei Wochen erst seinen Lohn von Herold erhalten und seitdem nicht viel davon ausgegeben. Vielleicht sollte er für Herold auch ein Bier bestellen. Dann konnten sie sofort anstoßen, wenn er gleich eintraf. Doch wer wusste schon, wann sein Bruder kam? Sie waren zwar in dieser Minute verabredet, aber er war so in die Arbeit in und an der Mühle vernarrt, dass er mitunter dabei die Zeit vergaß. Es konnte also sein, dass Jacob länger warten musste, und dann wäre es zu schade, wenn das Gebräu schal würde.
Seine Gedanken versanken in die Geschichte, die er gerade schrieb. Die Umgebung nahm er kaum noch wahr, während er sich den Fortgang der Handlung überlegte, verschiedene Wendungen erwog und darüber nachdachte, wohin sie führen würden. Ab und zu nippte er an dem Bier, das er aber kaum schmeckte.
Nach einer Weile ließ ein Gast die Eingangstür zuknallen, was Jacob aus seine Gedanken wieder herausriss. Er hob den Krug zum Mund, doch der war mittlerweile leer getrunken. Auf dem Hocker drehte er sich zum Gastraum und stellte fest, dass der sich inzwischen gefüllt hatte. Er sollte einen Tisch für sich und Herold besetzen, bevor es zu spät dafür war. In der hintersten Ecke war noch einer frei.
Gerade als er aufstehen und sich dorthin begeben wollte, merkte er, dass die zwei Männer vom Nebentisch direkt zu ihm herüberstarrten. Jacob musste kurz überlegen, dann fiel ihm ein, woher er sie kannte: Es waren die beiden Kerle, die auf dieser Tanzveranstaltung so wütend auf ihn waren, Rosas Bruder und dessen Freund. Heute sahen sie genauso wütend aus, wie vor einer Woche. Was musste das für ein bemitleidenswertes Leben sein, in dem sie ständig schlecht gelaunt waren.
Jacob grinste sie an und nickte zum Gruß mit dem Kopf. Das schien ihre Launen nicht zu verbessern, denn sie wirkten noch wütender. Sie sahen sich kurz an, erhoben sich und kamen mit finsteren Mienen zu Jacob an die Theke.
Was wollen die denn nun schon wieder von mir, dachte er, grinste ihnen aber weiterhin entgegen.
Sie bauten sich vor ihm auf, doch obwohl Jacob oftmals allen Grund dazu hatte, war er niemand, der sich leicht einschüchtern ließ.
»Seid gegrüßt«, sagte er fröhlich. »Wie ich sehe, habt ihr heute wieder die beste Laune. Wie schmeckt euch das Bier?«
Sie sahen sich erneut kurz an.
»Lass Rosa in Ruhe«, knurrte dann ihr Bruder.
Der tat ja gerade so, als würde Jacob jeden Abend unter ihrem Fenster stehen und ihr ein Ständchen bringen. Dabei hatte er sie seit der Tanzveranstaltung nicht wieder gesehen.
»Ja, lass die Finger von ihr«, stimmte der Freund des Bruders ein.
Jacob hatte zwar nicht mehr an sie gedacht, seit er die betrunkene Schönheit an jenem Abend sicher vor ihrem Haus zurückgelassen hatte. Trotzdem ließ er sich nicht gerne etwas vorschreiben, egal von wem. Er schob sein Kinn vor.
»Und wenn ich es nicht tue?«
Rosas Bruder kam so nahe an Jacob heran, dass sich ihre Nasen fast berührten.
»Dann brechen wir dir jeden Knochen, den du im Leibe hast«, zischte er durch zusammengebissene Zähne.
Ganz weit hinten in Jacobs Kopf flüsterte eine Stimme, dass er klein beigeben sollte. Sie sprach ihm zu, dass diese Angelegenheit keine besondere Bedeutung für ihn hatte, und er einfach sagen könnte, dass er Rosa fortan in Ruhe lassen würde. Die beiden großen und viel stärkeren Männer würden dann von ihm lassen und die Sache wäre erledigt. Jacob war geneigt auf diese Stimme zu hören. Aber da war noch eine andere Stimme. Diese schrie, dass er sich das nicht bieten lassen konnte, dass die Männer ihm gar nichts zu sagen hatten.
»Genau«, sagte da der andere Mann. »Wir werden dir deinen Verstand aus deinem hübschen Köpfchen herausprügeln, du dämlicher Müllerjunge.«
Dieser Hornochse nannte ihn Müllerjunge? Die laute Stimme in Jacobs Kopf gewann.
»Oh, nein«, entgegnete er in übertriebenem Tonfall. »Dann werde ich ja ein so hässlicher Strohkopf wie du.«
Dem Mann war förmlich anzusehen, wie die Wut ihn übermannte. Sein ohnehin nicht freundliches Gesicht verwandelte sich in eine Hassfratze. Er packte Jacob am Kragen, hob ihn wie einen Jungen vom Hocker und schleuderte ihn gegen einen Pfeiler, der sich wenige Schritte von der Theke befand. Der Schmerz explodierte in Jacobs Rücken und er bekam für einen Moment keine Luft. Rosas Bruder setzte sogleich hinterher, dicht gefolgt von seinem Freund, und packte Jacob erneut am Kragen. Jacob wollte um Hilfe rufen, doch gerade als er dachte, er hätte wieder den Atem dafür, rammte ihm der andere die Faust in den Magen. Wiederum blieb Jacob so sehr die Luft weg, dass er dachte, er müsste sterben.
Nun drängte sich der Freund nach vorne. Offenbar wollte auch er seinen Anteil beitragen. Jacob sah noch, dass er weit ausholte, während Rosas Bruder ihn festhielt, dann schloss er die Augen und wartete auf sein Ende.
Doch es kam anders. Er hörte ein Ächzen und als er die Augen wieder öffnete, kniete der Freund von Rosas Bruder vor seinem Bruder. Herold hielt die Faust, mit der der andere gerade noch ausgeholt hatte, in seiner Hand und quetschte sie dermaßen zusammen, dass dem anderen Tränen über das schmerzverzerrte Gesicht liefen. Dann schlug Herold mit seiner freien Faust zu, woraufhin der Mann sofort in sich zusammensackte.
Rosas Bruder hielt Jacob immer noch am Kragen, aber jetzt kam Herold auf ihn zu. Er ließ Jacob los, richtete sich auf und nun war ersichtlich, dass Herold ihn um Haupteslänge überragte. Er ging auf Jacobs Peiniger zu und gab ihm eine schallende Ohrfeige.
»Scher dich weg«, fuhr er ihn an.
Er machte rückwärts einige Schritte zum Ausgang, drehte sich dann um und rannte los. Aber kurz vor der Tür blieb er stehen und wandte sich zu Jacob und Herold.
»Das werdet ihr noch bereuen«, schrie er. »Das wenige, was euch geblieben ist, werden wir euch auch noch nehmen.«
Dann machte er kehrt und floh aus der Tür.
Herold rieb sich die Faust und sah ihm hinterher. Jacob rappelte sich hoch. Sein Rücken fühlte sich an, als wäre er gebrochen, und sein Magen, als hätten sie ihm alle Eingeweide zerquetscht.
Herold drehte sich zu ihm um und packte ihn am Kragen, so wie es der Andere gerade gemacht hatte.
»Was hatte das zu bedeuten?«, fuhr er ihn an. »Das hatte doch bestimmt wieder mit Weibern und deiner vorlauten Klappe zu tun.«
Jacob ging nicht darauf ein, denn die Worte des Geflohenen kamen ihm eigenartig vor.
»Wie hat er das gerade gemeint? Was ist uns wovon geblieben?«
Herold sah eben noch wütend aus, doch jetzt änderte sich sein Gesichtsausdruck unvermittelt. Es schien Jacob, als wäre er verlegen. Und dann wurde er wieder ärgerlich, schüttelte den Kopf und machte eine abweisende Handbewegung.
»Ach, woher soll ich wissen, wie dieser Dummkopf das gemeint hat?«
Er dreht sich um und verließ die Schenke, wobei er einen Mann, der nicht schnell genug ausweichen konnte, unsanft zur Seite stieß.
Jacob blickte mit gefurchten Brauen die Tür an, die Herold hinter sich zugeschlagen hatte. Erst die eigenartige Bemerkung von Rosas Bruder und dann diese merkwürdige Reaktion seines Bruders. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Als er schließlich den Blick von der Tür abwandte, bemerkte er, dass die eine Hälfte der Gäste ihn anstarrte und die andere den Bewusstlosen.
Vielleicht sollte er sich lieber davon machen, bevor der aufwachte.
Im schwachen Schein der Straßenlaternen musste Jacob aufpassen, dass er nicht in eine der Pfützen oder Schlammansammlungen trat. So gut das löchrige Straßenpflaster es zuließ, umkreiste er die betreffenden Stellen. In den letzten zwei Tagen hatte es häufig geregnet und durch die Außenwälle flutete in solchen Zeiten immer viel Wasser in das Innere der Stadt und brachte Schmutz und Schlamm mit sich.
Mittlerweile war er bei einem der beiden Stadtbrunnen angelangt, bei der Einmündung der Achternstraße in die Langestraße. Das Heiligengeisttor lag nicht mehr weit vor ihm. Er glaubte, schon den Schein der Wachlaternen erkennen zu können. Bei jedem Schritt schmerzte sein Rücken. Die Prügel, die er gerade bezogen hatte, würden ihm noch ein paar Tage zu schaffen machen.
Er dachte an die Situation in der Schenke vorhin. Was hatte das zu bedeuten? Wenn Herold glaubte, dass er ihm einfach so davonlaufen und eine Antwort schuldig bleiben konnte, dann hatte er sich gewaltig getäuscht. Gleich morgen wollte Jacob ihn wieder darauf ansprechen.
Die charakteristische Form des Lappans zeichnete sich vor dem Nachthimmel ab. Jacob machte einen großen Schritt über eine Pfütze und im nächsten Moment spürte er dieses eigenartige Kribbeln auf der Kopfhaut.
»Nein, nicht jetzt«, seufzte er.
Dann wurde es plötzlich hell um ihn herum und die Schmerzen in Rücken und Magen waren verschwunden.
Er war wieder in dieser unglaublichen Welt, von der er nach unzähligen Besuchen seit seiner Kindheit glaubte, dass es die Zukunft war. Irgendwann hatte er herausgefunden, dass er sich dabei immer im Körper einer Frau befand. Aber er war dort nur Beobachter: Auch wenn er alle Sinneseindrücke der Frau wahrnahm, einschließlich ihrem Denken, konnte er selbst nicht aktiv werden. Dieser Zustand dauerte ein paar Minuten an, doch wenn er in seine eigene Welt zurückkehrte, war dort nicht einmal die Zeit eines Wimpernschlags vergangen.
Dieses Mal wimmelte es von Menschen. Generell gab es sehr viele Menschen in dieser Welt, viel mehr als er es aus seiner kannte. Nun waren es aber besonders viele, die um ihn herum, auf ihn zu und von ihm weg liefen. Einige von ihnen trugen diese bunten, glatten Taschen mit sich herum. Die meisten hatten es eilig durch die Straßen zu gelangen, die die gleichen waren, wie zu seiner Zeit, wenngleich sie anders aussahen. Zum Glück war keine der lauten, pferdelosen Kutschen in der Nähe. Zwar hatte er inzwischen keine Angst mehr vor ihnen, ein mulmiges Gefühl befiel ihn aber immer noch, wenn er sie sah. Außerdem war die Luft besser, wenn sie nicht da waren, innerhalb der Stadt sogar besser als zu seiner Zeit.
Er spürte ihr flaues Gefühl im Magen, aber nur ziemlich schwach. Da war er Schlimmeres nach der Rückkehr gewohnt. An ihrer Hand war ihr Sohn und er stellte fest, wie erleichtert sie deswegen war. Auch war sie äußerst verwirrt. Sie fragte sich, was mit ihr geschehen war, wie sie in einen anderen Körper geraten konnte, oder, ob sie nur einen Traum gehabt hatte. Jacob wurde klar, dass es ihr erstes Mal gewesen war. Er versuchte, sich an sein erstes Mal zu erinnern, es lag jedoch zu lange zurück.
In dem Versuch, eine Erklärung für das Geschehene zu finden, dachte sie ständig an ein Buch, und dass es alles genauso passiert war, wie darin beschrieben war. Was für ein Buch konnte es geben, in dem geschrieben stand, was er erlebte? Doch nur sein Tagebuch.
Während er darüber nachdachte, sagte sie etwas zu ihrem Sohn und ging zu einem Kaffeehaus, das draußen Tische aufgestellt hatte. Er hatte nun Gelegenheit, sich ein wenig in der Zukunft umzusehen.
Wie er es schon kannte, hielten sich einige Menschen diese kleinen Dinger aus schwarzem Glas an ein Ohr und hatten Gesprächspartner, die er nicht sehen konnte. Andere hielten die Dinger vor sich und berührten sie mit ihrem Zeigefinger oder Daumen. Vor allem die Jüngeren sahen kaum von diesen Dingern hoch.
An einem Nebentisch hielt eine Frau einen kleinen weißen Stängel zwischen den Fingern. Jacob hielt ihn für eine Art Zigarre, denn von ihm stieg ein dünner Rauchfaden empor und er roch nach Tabak. Mit der freien Hand zog die Frau ein Kleidungsstück aus einer dieser glatten Taschen, die dabei so ähnlich knisterte wie ein Lagerfeuer. Jacob glaubte zumindest, dass es ein Kleidungsstück sein konnte, weil es aus Stoff war. Für dessen Farbe kannte er nicht mal einen Namen.
Jetzt bemerkte Jacob, dass die Frau, in deren Bewusstsein er sich befand - er wusste, dass sie Editha hieß - nicht nur an ihr neuestes Erlebnis dachte. Sie hatte überdies noch Sorgen. Sie hatte Angst, dass sie nicht genug Geld verdiente, um ihren Sohn zu versorgen. Sie machte sich Gedanken darüber, wie sie Rechnungen bezahlen sollte.
In diesem Moment kam der Wirt des Kaffeehauses. Jacob hörte gerade noch, wie er fragte, was Editha wünschte, als das Licht flackerte und es wieder dunkel wurde.
Er war auf dem Heimweg, von der Schenke kommend, und die plötzlich einsetzenden Schmerzen in Rücken und Magen erinnerten ihn daran, was dort passiert war.
Zusätzlich setzte die Übelkeit ein, die ihn immer nach einer Reise in den anderen Körper überfiel. Er wusste, dass Editha in diesem Moment das erste Mal in ihm drin war und dass auch ihr übel war. Er wollte anhalten und sich irgendwo abstützen, doch dazu kam er nicht mehr.
Aus der Gasse vor dem Lappan kam ein großer Mann herausgestürmt und hielt auf ihn zu. Jacob erkannte an den Bewegungen sofort, dass es sich um Rosas Bruder handelte. Offenbar hatte Herold ihm nicht genug Respekt eingeflößt. Jacob wäre am liebsten weggelaufen, aber er war immer noch zu sehr geschwächt von allem. Er wich zurück, stolperte und plumpste auf seine ohnehin schon geschundene Rückseite. Rosas Bruder fiel über ihn und landete auf der Straße. Diesen Moment musste er ausnutzen. Seine Schmerzen missachtend und unter Aufbringung seiner ganzen Willenskraft rappelte er sich hoch und begann zu laufen. Wenn er es bis zu den Torwachen schaffte, war er in Sicherheit, dort würde Rosas Bruder ihn bestimmt nicht anfassen. So schnell er konnte, rannte er, alles tat ihm dabei weh, aber der Angreifer war ihm auf den Fersen. Dann kam das Tor in Sicht und einen Augenblick später die Wachen. Und wie er es erwartete, ließ Rosas Bruder sich zurückfallen.
»Wer kommt da?«, riefen die Wachen ihn an. »Gib dich zu erkennen.«
Jacob verlangsamte auf normale Gehgeschwindigkeit und nannte den Wachen seinen Namen.
Heute Abend war er gleich zwei Mal einer Tracht Prügel entkommen. Das Glück war halt auf seiner Seite.



