Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller

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Heute
Genauso plötzlich, wie es dunkel geworden war, wurde es wieder hell. Die Helligkeit blendete sie nicht, obwohl sie mehrere Minuten in der Dunkelheit verbracht hatte. Sie blinzelte nur, wie gerade erwacht, und sie taumelte ein wenig hin und her. Ein flaues Gefühl hatte sie im Magen, als hätte sie etwas gegessen, das ihr nicht bekommen war. Immerhin konnte sie sich ein wenig festhalten, denn Timo war wieder an ihrer Hand.
Was war mit ihr geschehen? Das, was sie gerade erlebt hatte, entsprach genau dem, was sie in dem Buch gelesen hatte. Wie konnte das sein?
Lange konnte sie nicht abwesend gewesen sein, vielleicht eine Sekunde. Die Mutter mit dem Kinderwagen hatte nur wenige Schritte zurückgelegt und auch die anderen Passanten hatten sich kaum von der Stelle bewegt.
Das flaue Gefühl nahm zu, sie musste sich dringend setzen. Sie taumelte auf das Café an der Ecke gegenüber des Lappans zu und zog Timo mit sich.
»Wo wollen wir denn hin? Ich will jetzt ein Eis.« Ruckartig zog er an ihrem Arm. Er hatte wahrscheinlich nicht mal bemerkt, dass sie für einen Moment geistig nicht anwesend war.
»Dort in dem Café gibt es bestimmt Eis.«
Jetzt kam er bereitwillig mit.
Sie überlegte, ob sie sich reinsetzen sollte. Aber dieser Septembertag war verhältnismäßig warm, sodass sie am ersten freien Tisch, an den sie kam, Platz nahm, damit sie nicht mehr Schritte als notwendig tun musste.
Sitzend ging es ihrem Magen schon etwas besser. Sie sollte einen Tee trinken, während Timo sein Eis aß. Ein Kellner kam und sie bestellte eine Kugel Schokoladeneis und grünen Tee. Timo blätterte in der Eiskarte und sah sich die Bilder der Eiskreationen an.
Noch immer versuchte sie zu verstehen, was gerade mit ihr geschehen war. Ein Traum war das nicht. Sie würde kaum stehend und im wachen Zustand einen Tagtraum erleben und eine Sekunde später an derselben Stelle wieder zu sich kommen. Wahrscheinlich war es eine Art Vision. Nur, dass sie in dieser Vision das gesehen hatte, was sie zuvor in einem Buch gelesen hatte. Und zwar so, als wäre sie im Körper des Erzählers gewesen. Das ging sogar so weit, dass sie die Gefühle und Gedanken des Erzählers erlebt hatte. Sie wusste nun, dass er über eine Situation nachgedacht hatte, in der er kurz vorher gewesen war. Und sie konnte sich nicht daran erinnern, von diesen Gedanken in dem Buch gelesen zu haben.
Das Eis und der Tee wurden gebracht. Timo klatschte erfreut in die Hände. Der Tee war so heiß, dass sie nur schlürfend davon trinken konnte. Die Frau vom Nachbartisch sah missbilligend zu ihr herüber. Editha kümmerte sich nicht darum. Sie dachte weiter über die Vision nach. Wie aus einem dichten Nebel kam eine Erinnerung hervor. Ihr wurde vage bewusst, dass das nicht ihre erste Vision gewesen war. Als kleines Mädchen hatte sie so etwas schon mal erlebt. Das war lange her, und sie hatte nicht mehr daran gedacht. Doch jetzt fiel es ihr wieder ein. Zwei oder drei Mal hatte sie solche Erlebnisse, aber sie hatte diese Erinnerungen als Tagträume abgetan und irgendwann ganz vergessen. In einem dieser Träume, oder auch Visionen, war es, als wäre sie ein alter Mann, der auf einen Stock gestützt über einen Platz humpelte. Aber mehr wusste sie nicht und an die anderen Visionen hatte sie nicht die geringste Erinnerung. Und schon gar nicht daran, ob sie über deren Inhalt zuvor gelesen oder davon gehört hatte.
Editha beschloss, sich das Buch noch mal vorzunehmen, wenn sie wieder zu Hause war. Sie wollte nachsehen, ob die Gedanken des Erzählers wirklich nicht beschrieben waren. Und außerdem wollte sie wissen, was weiter in dem Buch geschildert war. Wahrscheinlich hatte das unmittelbar mit dem gerade Erlebten zu tun.
Sie hatte einige Minuten vor sich hingestarrt, während sie nachdachte und ihren Tee austrank, und Timo nicht beachtet. Als sie sich ihm jetzt wieder zuwandte, musste sie feststellen, dass er seine neue Jacke vollständig mit Schokoladeneis eingekleckert hatte.
»Oje, Timo, was machst du denn?«
Ihr Sohn, dessen halbes Gesicht ebenfalls braun verschmiert war, sah fast gelangweilt auf seine Jacke hinunter.
Sie hatte nur eine Serviette am Tisch, mit der sie versuchte, den größten Schlamassel zu beseitigen. Der Rest musste auf der Toilette erledigt werden. Sie fasste Timo an seiner klebrigen Hand und zog ihn mit sich.
Zum Glück war das flaue Gefühl im Magen wieder verschwunden.
Editha schaltete die Schreibtischlampe ein, um das Entziffern der Schrift zu vereinfachen. Doch nach weiteren fünf Minuten pustete sie die Luft mit dicken Backen aus und ließ sich in die Lehne des Stuhls zurückfallen. Frustriert klappte sie das Buch zu, sodass es knallte.
Der braune Einband glänzte im Licht. Die beiden Buchstaben darauf waren eindeutig die, wofür sie sie hielt: J. R. Zur Vergewisserung hatte sie sich aus dem Internet eine Entsprechungstafel für altdeutsche Druckschrift heruntergeladen und die Buchstaben verglichen. Es bestand kein Zweifel. Doch die altdeutsche Schreibschrift im Inneren machte ihr zu schaffen. Zwar hatte sie auch dafür etwas im Internet gefunden, allerdings keine Entsprechungstafel, sondern verschiedene Schriftbeispiele, in denen die Buchstaben leicht variierten. Und ihr schien es, als ob die Handschrift im Buch eine weitere Möglichkeit zur Ausführung der Schriftzeichen darstellte. Deshalb war sie sich bei vielen Buchstaben nicht sicher, ob sie sie richtig deutete. Hinzu kam, dass manche Seiten derart verblasst waren, dass sie mehr raten als lesen musste.
Sie nahm das Buch auf. Vielleicht sollte sie erst einmal herausfinden, was die mutmaßlichen Initialen bedeuteten. Könnte sein, dass das bereits mit einem Anruf bei ihrem Vater erledigt war.
Dass es möglich war, den Text im Innern zu entziffern, bewies das lose Blatt. Dafür würde sie aber möglicherweise einen Experten hinzuziehen müssen.
Sie hatte sich die Schilderung noch einmal durchgelesen. Darin wurden zwar auch Gefühle und Gedanken des Erzählers beschrieben. Doch von denen, die sie empfangen hatte, worin es um eine Situation in einem Gasthaus ging, war kein Wort zu finden.
Okay, genug für heute. Sie wollte noch einmal nach Timo sehen und dann ins Bett gehen. Der morgige Sonntag war ein guter Tag, um ihren Vater anzurufen.
Am nächsten Morgen holte Timo sie früh aus dem Schlaf. Nach dem Frühstück war für ihn mal wieder ein Bad fällig. Während er in der Badewanne planschte, kümmerte sich Editha um die Wäsche. Auf diese Weise war ein großer Teil des Vormittags verstrichen, als sie Timo zu seinen Spielfiguren auf den Boden setzte und aus dem Augenwinkel sah, dass die rote LED ihres Telefons blinkte.
Siedendheiß fiel ihr ein, dass sie die Anzeige zur Mietersuche vergessen hatte. Durch die Ereignisse vom Vortag war sie völlig darüber hinweg gekommen. Mit Zettel und Stift bewaffnet hörte sie den Anrufbeantworter ab und notierte sich die Namen und Telefonnummern der Wohnungssuchenden. Insgesamt waren es vier, alles Männer. Anschließend rief sie die Interessenten an, führte kurze Gespräche über Miethöhe und andere Konditionen und vereinbarte für die kommenden Tage Besichtigungstermine.
Dann war es höchste Zeit für das Mittagessen und als sie Timo für seinen Mittagsschlaf im Bett hatte, kam der nächste Schock: Sie musste sich für den folgenden Tag noch überlegen, was sie mit der Karategruppe machen wollte und für den Artikel, den sie für die Zeitung schrieb, musste sie zumindest noch recherchieren. Das wollte sie eigentlich alles am Samstag erledigt haben.
So kam es, dass für das Telefonat mit ihrem Vater keine Zeit mehr blieb.
Am Donnerstag waren die letzten beiden Besichtigungstermine der Einliegerwohnung relativ kurz hintereinander. Als sie den einen Mietinteressenten gerade an der Haustür verabschiedete - ein älterer Herr, der sich nach 49 Ehejahren von seiner Frau getrennt hatte und nun eine neue Unterkunft brauchte - bückte sich schon der nächste zu der niedrigen Vorgartentür.
Die beiden Männer begegneten sich auf halber Strecke. Während der ältere Herr den anderen höflich grüßte, sah dieser sich nur geistesabwesend im Vorgarten um und schob dabei seine Brille die Nase hoch. Der Mann sah ein wenig kauzig aus: Er mochte wohl Anfang 40 sein, soweit man das erkennen konnte. Denn sein Gesicht war größtenteils durch langes, wirres Haar und einem ebenfalls langen, ungepflegten Bart verdeckt, beides leicht ergraut. Weit in die Stirn hatte er eine verblichene grüne Stoffmütze gezogen, auf der in gelben Buchstaben »Nix darunter!« stand.
»Wäre die Nutzung des Vorgartens mit inbegriffen?«, fragte er, als er bei Editha angekommen war, ohne sie anzusehen. Dabei zog er ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche seiner zerbeulten Cordhose und schnäuzte hinein. Er steckte das Taschentuch wieder weg und wischte sich die Hände an der beige-farbenen Regenjacke ab.
»Darüber könnte man sich sicherlich einigen«, antwortete Editha. Sie bot ihm die Hand zum Gruß und nahm sich vor, diese nachher gründlich zu waschen. Glücklicherweise schien der Mann von normalen Gebräuchen der Höflichkeit nichts zu halten. Ihre Hand ignorierend sah er sich weiterhin um und nickte dabei, als fühlte er sich in etwas bestätigt.
Editha räusperte sich verunsichert.
»Äh ... mein Name ist Editha Riekmüller. Ich bin die Vermieterin der Wohnung.«
Nun sah er sie flüchtig an und fuhr dann gleich mit der Betrachtung des Hauses fort.
»Schön, schön. Kann ich mir die Wohnung jetzt mal ansehen?«
»Äh ... ja, folgen Sie mir bitte.«
Sie führte den komischen Kauz durch den Hausflur und die Treppe hinauf in den großen Raum, dessen Zustand nicht verändert war, seit sie hier aufgeräumt hatte. Die Möbel warteten immer noch darauf, in die Mitte gerückt zu werden, damit das Zimmer renoviert werden konnte. Dafür brauchte sie Hilfe, die sie bisher nicht hatte. Mit der Renovierung wollte sie ohnehin erst beginnen, wenn sie einen Mieter hatte: Je später sie das Geld investierte, desto besser.
Der Kauz lief durch den Raum, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, betrachtete die Wand, sah aus dem Fenster und nickte fortwährend vor sich hin.
»Das soll das Wohnzimmer werden«, begann Editha. »Das wird selbstverständlich noch reno...«
»Wo ist das Bad?«, unterbrach er sie.
Vielleicht sollte sie einfach gar nichts mehr sagen, dachte Editha.
Sie drehte sich um und schritt Richtung Badezimmer voran, der Kauz kam hinterher. Dort angekommen wiederholte sich die Prozedur von vorher, ebenso im Schlafzimmer und in dem Raum, der die Küche werden sollte. Editha verzichtete auf irgendwelche Erklärungen und hoffte, dass das bald vorbei war. Diesen komischen Typen wollte sie als Untermieter eigentlich gar nicht haben.
»Wie hoch soll die Miete sein?«, fragte er schließlich.
Editha nannte ihm einen Betrag, der weit über das hinausging, was sie den anderen Interessenten gesagt hatte. Er nickte wieder, dieses Mal mit geschlossenen Augen. Eine ganze Weile.
»In Ordnung, ich nehme sie.«
Editha war verdutzt. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet.
»Äh ... ja, aber«, stotterte sie. »Ich ... äh ... muss mir in Ruhe überlegen, für welchen Interessenten ich mich entscheide.«
Der Kauz kehrte ihr den Rücken zu und ging die Treppe hinunter.
»Ich melde mich Anfang nächster Woche bei Ihnen«, sagte er. »Bis dahin werden Sie sich ja wohl entschieden haben.«
Er verließ das Haus. Die Haustür ließ er offenstehen.
»Von diesen Bedingungen, von denen ich gehört habe, haben Sie mir vorher aber nichts gesagt! Das ist eine Ungeheuerlichkeit, ja, eine Unverschämtheit.«
Im nächsten Moment hörte Editha den Freiton. Verwundert sah sie das Telefon an, als hätte dieses sich merkwürdig benommen und nicht der Mietinteressent, den sie gerade angerufen hatte. Was war denn in den gefahren? Was meinte der mit »Bedingungen«? Und wo hatte er davon gehört?
Na ja, jedenfalls konnte sie diese Reaktion getrost als Absage interpretieren. Und damit hatten, bis auf den komischen Kauz, alle Interessenten abgesagt. So wütend war dabei allerdings nur der letzte gewesen. Die anderen hatten einigermaßen plausible Begründungen parat: Die Lage gefiel nicht, die Zimmeraufteilung erschien ungünstig oder die Wohnung sagte allgemein nicht zu. Als wahren Grund vermutete Editha, dass sie mit dem Preis vielleicht zu hoch rangegangen war.
Die Zeit lief ihr davon. Sie würde halt den Kauz als Mieter annehmen. Schließlich sollte er ja nicht mit ihr in den gleichen Räumen leben. Die Miete, die er bereit war zu zahlen, würde sie für manches entschädigen. Sie hoffte, dass er sich allmählich meldete, damit alles unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Dann musste sie die Renovierung wohl doch bald starten.
1788
Den ganzen Vormittag über hatte Jacob bei der Arbeit in der Mühle die Zähne zusammengebissen. Die Schmerzen durch die Blessuren vom Vorabend machten ihm ziemlich zu schaffen, aber er wollte sich nicht vorwerfen lassen, dass er nicht ordentlich arbeitete. Besonders der Rücken tat ihm höllisch weh, dort wo er in der Schenke gegen den Pfeiler geprallt war. Zum Glück war heute Friedhelm da, um sich seinen Tagelohn zu verdienen. Dann fiel es wahrscheinlich nicht auf, wenn er sich zwischendurch eine Pause gönnte.
Die Mittagspause verbrachten sie draußen. Es war ein warmer Märztag, der die Hoffnung auf den Frühling stärkte. Sie setzten sich auf größere Steine am See und aßen ihre Brote.
Jacob bemerkte irgendwann, dass Herold ihn betrachtete, und sah ihn deshalb fragend an.
»Du hast Schmerzen durch diesen Vorfall gestern Abend?«, fragte Herold.
Er hatte es also doch mitbekommen. Jacob erwog, ihm von dem Überfall beim Lappan zu erzählen, es fiel ihm dafür aber kein Grund ein.
»Viel mehr Kopfschmerzen bereitet mir eigentlich immer noch das, was dieser Kerl gesagt hat. Was sollte das bedeuten?«
Herold wandte den Blick ab und kaute weiter sein Brot.
»Was meinst du?«, brachte er endlich zwischen zwei Bissen hervor.
»Du weißt doch genau, was ich meine.« Das Thema regte Jacob auf. Er musste aufstehen. »Er sagte, uns wäre irgendwas geblieben, das er uns auch wegnehmen will. Was sollte das heißen?«
Herold kaute wieder eine Weile, bevor er antwortete, den Blick auf einen Punkt auf dem See gerichtet.
»Gar nichts.«
Jacob fehlten die Worte. Hier stimmte etwas nicht. Herold sah ihn sonst immer an, wenn er mit ihm sprach und nun sah er geradezu angestrengt weg. Jacob wusste nicht, warum ihn dieses Thema so aufregte. Vielleicht, weil Herold für gewöhnlich so ehrlich war und man ihm an der Nasenspitze ansah, dass er gerade etwas verschwieg.
»Gar nichts? Und wieso bist du dann so merkwürdig?« Jacobs Stimme wurde lauter.
Jetzt sah Herold ihn grimmig an.
»Dieser Kerl hat Unsinn geredet. Er wurde von mir gedemütigt, und er wollte es mir heimzahlen, mehr nicht.«
Jacob musterte ihn. Stimmte das? Oder wich Herold ihm nur aus?
Friedhelm begriff mit seinem begrenzten Verstand nicht, was los war. Einen großen Bissen Brot in der Backe sah er staunend vom einen zum anderen.
»Mit deinen Schmerzen musst du heute nicht weiter in der Mühle arbeiten«, sagte Herold. »Wir brauchen noch einige Lebensmittel. Heute ist Markttag. Geh‘ du hin und mache unsere Besorgungen.«
Friedhelm fing an zu grinsen.
»Oh ja, darf ich mit?«
»Dich brauche ich hier.«
Herold steckte den letzten Bissen in den Mund, stand auf und ging wieder zur Mühle rüber. Friedhelm machte ein muffeliges Gesicht und folgte ihm. Jacob blieb noch kurz sitzen und sah ihnen nach.
Wahrscheinlich hatte Herold recht: Rosas Bruder war einfach nur in seinem Stolz verletzt gewesen und hatte irgendeinen Unfug dahergeredet.
Als Jacob mit dem Sack voller Lebensmittel vom Markt kam, ging er nicht in die kürzere Achternstraße, um direkt nach Hause zurückzukehren, sondern in die Langestraße, und bog hinter dem Rathaus gleich wieder ab. Er wollte noch zur Nikolai-Kirche, um Pastor Gabriel zu besuchen. In seiner Hasenfelltasche befand sich neben den Schreibutensilien die Arbeit der letzten Tage. Dazu wollte er gerne die Meinung des Pastors hören.
Wenn man es genau nahm, war der Pastor sein einziger Freund. Friedhelm war zwar auch so etwas wie ein Freund, aber ihn konnte er nicht richtig zählen, denn er war geistig zurückgeblieben. Der Pastor jedoch war ein Mann mit Verstand. Und vor allem jemand, dessen Meinung für sein Schreiben sehr wertvoll war, denn er war schließlich Mitglied der Literarischen Gesellschaft Oldenburgs. Zu diesem erlauchten Kreis würde Jacob wohl nie gehören.
Er trat durch die stets geöffnete hölzerne Tür in die Kirche ein und ging in der Mitte durch die Reihen der Bänke hindurch. Er musste kurz an Rosa denken, weil er sie hier das erste Mal gesehen hatte. Bei der Tür zur Schreibkammer klopfte er an und betrat nach der Aufforderung das kleine Zimmer.
»Ach, du bist es«, sagte der Pastor, der an seinem Schreibtisch saß. »Ich bin gleich für dich da.«
Er wandte sich seinen Papieren zu und schrieb etwas auf.
Jacob setzte sich auf einen Stuhl und holte seine eigenen Papiere hervor. Er hatte sie mit einem Bindfaden fein säuberlich zusammengebunden. Diesen kleinen Stapel legte er auf eine freie Stelle des Schreibtischs.
Inzwischen war der Pastor mit seiner Arbeit soweit fertig, dass er Zeit für Jacob hatte.
»Hast du mir wieder etwas zum Lesen gebracht?«, fragte er.
»Ja, Pastor. Sie werden staunen, wie die Geschichte weitergeht.«
Jacob war stolz auf sein Werk. Aber er hatte auch ein wenig Angst vor dem Urteil des Pastors. Er war immer sehr ehrlich und Jacob hatte so manches Mal heftige Kritik über sich ergehen lassen müssen.
»Ich freue mich schon darauf, sie zu lesen.«
Sie unterhielten sich noch ein wenig über den bisherigen Verlauf der Geschichte und dann über ein paar andere Dinge, bevor es so spät war, dass Jacob sich verabschieden musste. Schließlich wollte er nicht schon wieder die Passage durch das Stadttor bezahlen müssen.
Dieses Mal ging er ohne Umwege direkt nach Hause.
Was ...?
»Hier nimm. Da ist jemand in der Mühle. Komm schnell.«
Schlaftrunken griff er nach dem Knüppel, den Herold ihm hinhielt. Jacob saß bereits im Bett, begriff aber nicht, was los war. Es musste mitten in der Nacht sein. Herold hatte ebenfalls einen Knüppel in der Hand.
»Was ...? In der Mühle? Wer ist ...?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe Lärm gehört. Nun beeil dich.«
Herold zog ihm die Decke weg und war schon auf dem Weg nach draußen. Jetzt dämmerte es allmählich bei Jacob. Er sprang aus dem Bett, stieg in seine Schuhe und stürzte, ansonsten nur mit seinem Nachthemd bekleidet, hinterher.
Herold war nur wenige Schritte vor ihm. Er eilte ihm nach, konnte aber nicht aufschließen, fiel sogar noch weiter zurück. Langsam verlor sich die Silhouette in der Dunkelheit. Jacob geriet aus der Puste und verwünschte innerlich den Müller, der vor langer Zeit sein Haus nicht direkt an der Mühle, deren Bauplatz ja wahrscheinlich windgünstig ausgewählt worden war, sondern am See haben wollte.
Kurz bevor er bei der Mühle ankam, hörte er Rufe. Zuerst Herolds Stimme, dann riefen sich zwei fremde Männerstimmen etwas zu. Anschließend erklangen Schritte in verschiedene Richtungen.
Er erreichte die Mühle, stolperte über einen am Boden liegenden Gegenstand, fing sich wieder und ging vorsichtig hinein. Es war niemand mehr dort.
Stattdessen fiel ihm, neben einem strengen Geruch, sofort auf, dass der Mahlstein nicht dort war, wo er hingehörte, sondern auf dem Boden lag. Er nahm eine Laterne und entzündete sie. Als er nacheinander alles ausleuchtete, erkannte er das ganze Ausmaß der Beschädigungen.
Die Ursache des Geruchs befand sich gleich neben dem Mahlstein auf dem Boden: Der Übeltäter hatte dort seine Notdurft verrichtet. Nach der Größe des Haufens zu urteilen, musste er lange damit zurückgehalten haben.
Neben dem Haufen wiederum lag ein längliches Stück Holz. Jacob brauchte eine Weile, bis er begriff, dass es sich dabei um den Hebel der Bremse handelte. Das Mehlrohr lag dort herum und viele Holzsplitter, die offenbar von den Getrieberädern stammten, denn die lagen ebenfalls auf dem Boden. Die Namen der Räder bekam Jacob ständig durcheinander: Eines war das Stockrad und eines das Stirnrad. Und dann gab es noch das Kammrad. Welche auch immer das waren, sie waren kaputt. Den Namen des riesigen, senkrechten Bauteils kannte Jacob: Das war die Königswelle. Auch dort hatten sich die Rabauken zu schaffen gemacht. Aber mehr als ein paar Macken, die wohl von Äxten stammten, hatten sie der Königswelle nicht beifügen können.
Als Jacob den Umfang des Schadens realisierte, wurde sogar ihm klar, dass die Mühle nicht mehr funktionieren konnte. Somit hatten sie jetzt keine Möglichkeit mehr, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Er ging hinaus und fand einen Mühlenflügel auf dem Boden liegend. Darüber war er also gestolpert.
In einiger Entfernung sah er Herold auf einem größeren Stein sitzen, das Gesicht in die Hände gestützt. Ihm wurde klar, dass es für seinen Bruder noch viel schlimmer sein musste als für ihn. Beiden war die Mühle ein Mittel, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Müllerei hatten sie von ihren Eltern gelernt. Etwas anderes konnten sie nicht. Aber für Herold war die Mühle wesentlich mehr: Sie war sein Ein und Alles. Das war eine Sache, die Jacob nie verstanden hatte. Herold hatte immer für die Mühle gelebt. Wenn sie ihre normale Arbeit verrichtet hatten, arbeitete und flickte er noch an der Mühle herum. Und danach dachte er darüber nach, wie er sie weiter verbessern konnte. Er konnte sich beim besten Willen nicht ausmalen, wie sich sein Bruder jetzt fühlen mochte.
»Wer war das?«, fragte Jacob.
Es dauerte einen Moment, bis Herold antwortete, ohne seine Körperhaltung zu verändern.
»Ich weiß es nicht. Sie sind in verschiedene Richtungen geflohen. Ich musste mich für einen entscheiden und der ist mir entkommen. In der Dunkelheit konnte ich ihn nicht erkennen.«
Aber Jacob konnte sich denken, wer es war. Gestern war er zwei Mal Männern entkommen, die ihm nichts Gutes wollten. Und heute Nacht passierte das hier. Er konnte sich nicht vorstellen, dass das ein Zufall sein sollte.
Herold erhob sich ruckartig. Er machte ein grimmiges Gesicht.
»Irgendwann muss ich mir den Schaden ja ansehen«, sagte er.
Mit großen Schritten ging er an Jacob vorbei, nahm ihm dabei die Laterne aus der Hand und betrat die Mühle. Nach kurzem Zögern folgte Jacob ihm.
Jacob schritt neben seinem Bruder daher, über den Marktplatz auf das große, weiße Gebäude zu, und ihm war zugleich freudig und mulmig zumute. Einerseits war es das erste Mal in seinem Leben, dass er das Rathaus betreten würde. Von außen hatte er es ebenso oft gesehen, wie er den Marktplatz überquerte, und deshalb war er gespannt darauf, wie es von innen aussah. Ob es so prunkvoll war, wie er es sich vorstellte? Andererseits war der Anlass für diesen Besuch wenig erfreulich. Schließlich mussten sie melden, dass die Mühle zerstört war.
Herold wollte ihn dabei haben, falls es etwas aufzuschreiben gab. So gut sein Bruder in technischen Dingen auch war, wenn es um den Umgang mit der Feder ging, stellte er sich äußerst unbeholfen an. Also hatte Jacob Papier, Löschpapier, Tintenfass, einen Federkiel und noch einen als Ersatz in die Tasche gepackt, um Herold zu begleiten.
Kurz bevor sie bei den beiden Männern der Rathauswache ankamen, schaute Jacob an der Fassade des Rathauses hoch. Über dem Eingang zierte es auf halber Höhe das Oldenburger Wappen, direkt zwischen den zwei Fensterreihen. Und ganz oben zeichneten sich die drei dreieckigen, verzierten Dachausbauten vor dem mit Schleierwölkchen bedeckten Himmel ab.
Die Wachmänner sahen ihnen grimmig entgegen. Das gehörte bestimmt zu ihrer Aufgabe dazu. Ihre Röcke waren so weit zurückgeschlagen, dass die Griffe ihrer Degen zu sehen waren. Na, die würden sie bei Herold und ihm nicht brauchen.
»Guten Tag«, sprach Herold die beiden an. »Wir müssen in einer dringenden Angelegenheit jemanden sprechen, der entscheidungsbefugt ist. Am besten den Bürgermeister oder einen Ratsherren.«



