Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller

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Der linke Wachmann, dessen Antlitz eine enorm große Hakennase zierte, sah Herold geringschätzig an.
»Habt ihr einen Termin vereinbart?«, fragte er.
»Nein.«
Der Wachmann sah kurz seinen Kollegen an, der ziemlich stark schielte, sie lachten, wurden dann aber sofort wieder ernst.
»Ohne Termin werdet ihr nicht vorgelassen, oder glaubst du, jeder Dahergelaufene könne so einfach hier reinspazieren«, fuhr er Herold an. »Scher dich hier weg und nimm diesen Hänfling gleich mit.«
Jacob setzte zu einer frechen Erwiderung an, ein warnender Seitenblick seines Bruders hielt ihn jedoch davon ab. Herold war einen Kopf größer als die beiden Dummköpfe und wesentlich breiter gebaut. Doch dank seiner besonnenen Art, die ihnen in dieser Angelegenheit wahrscheinlich nützlicher war als Jacobs Temperament, antwortete er ruhig und gelassen.
»Wie ich schon sagte, ist es wichtig«, wandte sich Herold an die Hakennase. »Das Eigentum des Herzogtums Oldenburg ist zerstört worden.«
Nun wurden die Wachmänner hellhörig.
»Was meinst du damit?«
»Ich meine die Nordmühle. Jemand hat sie zerstört und wir sind hier, um über das Ausmaß des Schadens zu berichten.«
Hakennase fasste sich ans Kinn.
»Hm, ohne Termin kann ich euch auf keinen Fall vorlassen. Aber etwas so Schwerwiegendes muss natürlich berichtet werden. Ich werde einen Rathausdiener losschicken. Der soll zusehen, dass irgendein Amtsmann euch anhört. Wartet hier.«
Er drehte sich um, lehnte sich gegen die solide Tür bis diese aufschwang und betrat das Rathaus.
Ratsherr von Zölder saß an seinem Schreibtisch und ging die Liste der städtischen Einnahmen vom letzten Monat durch. Er verglich sie mit den Listen der Vormonate. Vielleicht ließ sich an der einen oder anderen Stelle zukünftig noch mehr herausschlagen. Seite um Seite blätterte er um, fuhr mit dem Zeigefinger an den aufgelisteten Fällen entlang und schaute sich die dazugehörigen Beträge an. Aber ihm fiel einfach keine Möglichkeit ein, seine persönlichen Einnahmen, die neben einigen Privilegien 45 Reichstaler jährlich betrugen, noch weiter zu erhöhen. Die Stirn voller Konzentrationsfalten flog der Blick fortwährend von einem Blatt zum anderen.
Als er nach etwa zehn Minuten das Ende einer Seite erreichte, hielt er inne. Er raufte sich die restlichen grauen Haare, die sich links und rechts von seiner Glatze befanden. Warum eigentlich musste er sich über solche Dinge noch Gedanken machen? Wollte er nicht schon längst so weit sein, dass er sich in einen Sessel zurücklehnen und bedienen lassen konnte? So weit, dass er das Sagen hatte und alle auf ihn hören mussten? Dass er nicht ganz nach oben kommen konnte, war ihm klar. Schließlich konnte er ja nicht Herzog werden. Doch zumindest zum Bürgermeister hätte es für ihn, Barthel von Zölder, ja wohl schon reichen können. Aber so lange er es noch nicht war, musste er nach Wegen suchen, dorthin zu kommen, und dafür konnte es nicht schaden, so viel Geld anzuhäufen, wie es nur ging. Nicht zuletzt weil die Zuwendung von Barschaften an die richtigen Stellen seinem bisherigen Karriereweg nicht geschadet hatte.
Gerade wollte er mit dem verdrießlichen Schaffen fortfahren, als es an der Tür klopfte. Zum Glück, jede Ablenkung war ihm jetzt recht. Er klappte die Mappe mit den Listen zu, setzte sich aufrecht hin und machte ein Gesicht wie jemand, der ungern gestört wurde.
»Ja, bitte«, rief er in einem ebensolchen Tonfall.
Einer der Rathausdiener trat ein. Wie hieß er noch: Hans, Hannes, Johannes? Sei’s drum, warum sollte er sich die Namen dieser Leute merken? Wichtig war, dass sie den seinen wussten.
»Bitte verzeihen Sie die Störung, Herr von Zölder«, sagte er kleinlaut.
»Ja, ich hoffe für dich, dass du einen gewichtigen Grund dafür hast.«
Dem Rathausdiener war anzusehen, dass ihm nicht wohl war in seiner Haut. Von Zölder musste innerlich grinsen. Es war ja so einfach, diese Leute einzuschüchtern.
»Der liegt vor, denke ich.« Der Rathausdiener klang, als hätte er einen Kloß im Hals. »Draußen stehen zwei Männer, die einen Amtsmann sprechen möchten.«
»Wenn sie keinen Termin haben, bring sie zu irgendeinem Schreiber. Das ist doch wohl kein Grund, mich bei der Arbeit zu stören.«
»Das wollte ich ja. Aber die Schreiber sind nicht zugegen.«
»Nicht zugegen? Ja, und was soll ich dann daran ändern?«
Der Rathausdiener betrachtete ausgiebig die Spitzen seiner Schuhe.
»Nun ja, ich dachte, dass Sie vielleicht ...«
»Was erlaubst du dir? Ich habe viel zu tun und kann nicht einfach irgendwelche Trottel empfangen, die keinen Termin haben.«
»Das hat der Wachmann ihnen auch schon erklärt«, beeilte sich der Rathausdiener zu erwidern. »Aber dann erzählten sie von einer Zerstörung der Nordmühle und, dass sie von dem Schaden berichten wollen.«
»Die Details interessieren mich nicht«, schnauzte von Zölder. »Scher dich aus meiner Amtsstube hinaus.«
»Jawohl, Herr von Zölder. Ich bitte um Entschuldigung für die Störung.«
Der Rathausdiener drehte sich um und bewegte sich in Richtung der Tür.
Die Nordmühle. Irgendetwas assoziierte von Zölder mit der Nordmühle. Was war noch damit? Ach, stimmt ja!
»Die Nordmühle sagst du?«, rief er dem Rathausdiener hinterher, der gerade die Tür schließen wollte. Er öffnete sie wieder und kam zurück in die Amtsstube.
»Ganz recht.«
»Wird die nicht von der Familie Riekhen bewirtschaftet? Und die wurde zerstört?« Ein Grinsen legte sich auf von Zölders Gesicht. »Nun, die Zerstörung vom Eigentum des Herzogtums ist natürlich eine wichtige Angelegenheit. Schicke sie zu mir rein.«
Der Rathausdiener guckte irritiert, wandte sich aber der Tür zu, um den Befehl auszuführen, als von Zölder etwas ergänzte. »Aber lass sie erst eine Stunde warten.«
Noch eine ganze Weile nachdem der Rathausdiener gegangen war, grinste von Zölder vor sich hin. Weiterhin grinsend legte er dann die Mappe mit den Listen der Einnahmen in die oberste Schublade des Schreibtisches und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
Von Zölder schreckte vom Klopfen an der Tür hoch. Er musste kurz eingedöst sein. Mit weit aufgerissenen Augen schüttelte er den Kopf. Jetzt wäre kaltes Wasser nicht schlecht, um munter zu werden. Es klopfte ein zweites Mal.
»Ja doch, herein bitte«, rief von Zölder ungehalten.
Bevor die Tür aufschwang, ergriff er hastig den Federkiel und legte vor sich auf den Schreibtisch ein Blatt Papier mit Notizen. Keine Sekunde zu früh, denn im nächsten Moment trat ein hakennasiger Wachmann ein, gefolgt von zwei jungen Männern und einem weiteren Wachmann, der so stark schielte, dass einem vom Anblick schwindelig werden konnte.
Das waren also Riekhens Söhne. Der Ältere hatte eine wahrlich hünenhafte Gestalt. Bestimmt zwei Meter groß, breit wie ein Schrank, Arme wie Baumstämme mit bratpfannengroßen Händen, doch der Gesichtsausdruck war sanft und besonnen. Er sah seinem Vater ganz und gar nicht ähnlich. Anders der jüngere Sohn, der ein Abbild seines alten Herrn war: klein, eher schmächtig und mit einem wilden, temperamentvollen Blick. Sogar die Haare ragten ihm lang und lockig ins Gesicht, ebenso wie es die seines Vaters früher taten.
Na, dachte von Zölder, dann kann der Spaß ja beginnen.
Er bemühte sich, so streng zu gucken, wie es ihm nur möglich war.
Eine und eine halbe Stunde hatten Jacob und Herold gewartet. Davon hatten sie eine Stunde in einer muffigen, kleinen Kammer ohne Fenster gestanden, bis Hakennase sie schließlich wieder abholte. Jacobs Kehle war ausgedörrt und seine Geduld längst aufgebraucht. Langes Warten war nichts für ihn.
Als sie ihnen durch die Flure folgten, konnte er das Gespräch der Wachmänner hören, obwohl sie nur flüsterten.
»Dieses Mal gehst du zuerst zu diesem Ekelpaket in die Amtsstube«, raunte Hakennase.
»Das könnte dir wohl gefallen«, erwiderte der Schielende ebenso leise. »Aber das kannst du gleich wieder vergessen.«
»Warum soll ich immer derjenige sein, der sich von ihm zusammenscheißen lassen muss?«
»Von ‚immer‘ kann gar nicht die Rede sein. Als wir die Nachricht über den Fund der dritten Leiche überbringen sollten, war ich es, der sich von ihm ausschimpfen lassen musste, weil er angeblich erst so spät davon erfuhr. Nein, nein, du hast in dieser Angelegenheit angefangen und du führst es auch zu Ende.«
Hakennase schimpfte leise vor sich hin.
»Was ist eigentlich mit dieser Leiche? Weiß man darüber schon etwas Neues?«, fragte Schielauge.
Hakennase unterbrach sein Schimpfen.
»Woher soll ich das wissen?«, gab er muffelig zurück.
»Dein Schwager ist doch bei den Polizei-Dragonern. Hat der noch nichts davon mitbekommen?«
»Ja, doch. Er sagt, dass man völlig im Dunkeln tappt. Genau wie bei den ersten beiden Leichen. Man weiß nur, dass es keine Unfälle waren.«
»Woher?«
»Das kann man wohl feststellen. Die ersten beiden wurden erschlagen und der letzte erwürgt, bevor sie in den Graben geworfen wurden. Das soll der Bader jedenfalls gesagt haben.«
Interessant, dachte Jacob. Wie man das wohl feststellen konnte? Wahrscheinlich hinterließ das Erwürgen Verletzungen am Hals. Wenn das so war, dann mussten sie kaum sichtbar sein, denn Jacob konnte sich nicht an irgendetwas Auffälliges am Hals des Toten erinnern.
Die Wachmänner blieben vor einer Tür stehen. Hakennase atmete einmal tief durch und klopfte an. Als nach einer Weile immer noch keine Antwort kam, klopfte er erneut an, woraufhin eine unwirsche Stimme von drinnen die Erlaubnis zum Eintreten erteilte.
Als sie die Amtsstube betraten, war der Ratsherr dabei, etwas zu schreiben. Er hob den Blick und musterte sie. Gewiss arbeitete er bereits seit Stunden, so müde und verquollen wie seine Augen aussahen. Trotzdem wirkte sein Blick herrisch, als er zuerst auf Herold und dann auf Jacob ruhte. Jacob wandte den seinen nicht ab. Der Ratsherr sollte nicht glauben, dass er sich ihm unterlegen fühlte, nur weil er ein einfacher Müllergehilfe war.
Hakennase stellte sich an die rechte Seite und starrte die gegenüberliegende Wand an, der andere Wachmann blieb hinter ihnen stehen.
»Was höre ich da?«, sagte der Ratsherr, sich wieder an Herold wendend. »Ihr habt die Nordmühle zerstört, die euch vom Herzogtum und insbesondere der Stadt Oldenburg zur Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt wurde?«
Jacobs Puls beschleunigte sich sofort. Welche Anschuldigung! Sie sollten sie zerstört haben? Was hatte dieser Esel von Rathausdiener dem Ratsherrn denn erzählt? Er hatte schon den Mund geöffnet, um ihm klar zu machen, welchen Unsinn er da von sich gab, als ihn ein neuer kurzer Seitenblick von Herold wieder davon abhielt.
»Guten Tag, Herr von Zölder«, sagte Herold. Woher kannte er den Namen des Ratsherren? Vielleicht stand der draußen an der Tür und Jacob hatte ihn nur nicht bemerkt. »Sie sind, was die Mühle betrifft, womöglich falsch informiert worden. Nicht wir haben sie zerstört. Das wäre auch nicht in unserem Interesse gewesen, weil sie uns schließlich ernährt. Nein, es waren andere Männer«, erklärte Herold ruhig.
»So, so! Und woher soll ich wissen, ob du mir auch die Wahrheit sagst?« Darüber hätte Jacob wohl lachen können: Herold sollte lügen? Nie und nimmer. Der war stets absolut ehrlich, sogar wenn es zu seinem eigenen Nachteil gereichte. Da war Jacob eher jemand, der es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nahm. »Vielleicht habt ihr die Mühle ja durch ein Missgeschick zerstört«, fuhr von Zölder fort, während er um seinen Schreibtisch herum auf sie zukam, »und wollt euch jetzt mit diesen Lügen aus der Verantwortung herauswinden.«
Das war nun wirklich zu viel. Jacob machte zwei Schritte auf den Ratsherren zu, sodass die beiden sich unmittelbar gegenüber standen.
»Wie reden Sie eigentlich mit meinem Bruder?«, schimpfte er. »Wissen Sie nicht, dass ...?«
Weiter kam er nicht. Der Ratsherr hatte Hakennase ein Zeichen gegeben und im nächsten Moment war dieser bei ihm, drehte seine Arme auf den Rücken und hielt ihn fest. Jacob spürte eine Bewegung seines Bruders, doch im gleichen Augenblick hörte er am metallischen Klang, dass der andere Wachmann seinen Degen aus der Scheide zog, was Herold sofort innehalten ließ. Auch Jacob unterließ seine Befreiungsversuche.
Auf dem Gesicht des Ratsherren bildete sich ein hämisches Lächeln. Mit den Händen hinter dem Rücken stolzierte er auf Jacob zu und blieb dicht vor ihm stehen.
»Wie ich mit deinem Bruder rede?«, sagte er. »Ich rede mit ihm so, wie es mir beliebt.« Er sah Jacob in die Augen. »Ts, ts, ganz der Vater. Immer gleich so aufbrausend.«
Ganz der Vater? Der Ratsherr kannte seinen Vater? Jacob selbst hatte ihn nie kennengelernt, weil seine richtigen Eltern beide kurz nach seiner Geburt bei einem Unfall gestorben waren.
»Auch ansonsten siehst du Diether Riekhen sehr ähnlich. Er war vor 20 Jahren ein genauso kleines, mageres Bürschchen«, fügte von Zölder hinzu.
Er meinte also tatsächlich seinen Vater. Jacob war so überrascht, dass er sogar die Schmerzen in seinen Armen nicht mehr spürte, die der Wachmann ihm zufügte. Er hatte noch nie jemanden getroffen, der seinen Vater kannte.
»Zu dumm, dass es so ein Ende mit ihm genommen hat«, raunte er Jacob zu und hatte dabei ein hässliches Grinsen im Gesicht.
»Uns ist aber kein Missgeschick passiert«, versuchte es Herold weiterhin mit Vernunft. Jacob sah ihm an, dass selbst er sich dazu enorm zusammenreißen musste. »Es waren andere Männer, die letzte Nacht in die unbewachte Mühle einbrachen und sie zu einem großen Teil zerstörten.«
Von Zölder wandte sich wieder Herold zu.
»Und welche anderen Männer sollen das gewesen sein?«
Herold sah zu Boden.
»Das wissen wir nicht. Wir haben zwar eine Vermutung, aber beweisen können wir es nicht.«
»Unterlasse es ja, aufgrund von Vermutungen, irgendwelche Männer zu beschuldigen. Das würde euch ohnehin nichts nützen. Selbst, wenn ich euch eure Geschichte glauben würde, was ich nicht tue, hättet ihr es versäumt, die Mühle ausreichend gegen einen Einbruch zu sichern und zu bewachen. So oder so, ich laste euch die Zerstörung der Mühle an.« Von Zölder schritt hinter seinen Schreibtisch zurück. »Deshalb bestimme ich hiermit, dass ihr die Mühle wieder zum Funktionieren bringen müsst. Wie, ist mir egal. Lasst euch etwas einfallen. Alles geht auf eure Kosten und den Pachtzins müsst ihr trotzdem weiter bezahlen. Und nun seht zu, dass ihr hier rauskommt.«
Nach diesen Worten schubste Hakennase Jacob in Richtung Tür und ließ ihn dabei los. Jacob rieb sich die schmerzenden Arme.
»Aber wie sollen wir das denn bezahlen?« Herold klang verzweifelt. »Nicht nur, dass wir mit der Mühle keine Einnahmen erzielen können, wir müssen auch noch Material für den Wiederaufbau kaufen und die Gebühren aufbringen.«
»Das ist ganz allein euer Problem. Nehmt halt eine weitere Arbeit an, damit ihr das finanzieren könnt. Mir ist nur daran gelegen, dass das Herzogtum und die Stadt durch eure Schuld keinen Nachteil erfahren.«
Von Zölder sah die Wachmänner an und machte eine nickende Kopfbewegung zur Tür. Hakennase fasste nun ebenfalls seinen Degen am Griff, ohne ihn herauszuziehen, und drängte sie zusammen mit dem anderen Wachmann zum Ausgang.
So kann man sich täuschen, dachte Jacob. Vor einer Stunde war er noch in dem Glauben, dass die Wachmänner ihre Waffen bei ihnen nicht brauchen würden. Nun hatten beide ihre Degen angefasst. Und von Prunk hatte er gar nichts gesehen in den Gängen, die zu der Amtsstube führten.
Heute
Der Zeitungsartikel für die Sonderausgabe war fast fertig, der Mietvertrag unterschrieben, die Handwerker bestellt. Timo war satt und machte seinen Mittagsschlaf. Sie hatte sich einen Tee bereitet und saß mal wieder am Schreibtisch.
In den letzten Tagen fiel ihr immer wieder ein, dass sie ihren Vater wegen des Buches noch nicht angerufen hatte. Sie hatte sogar schon überlegt, ob sie dieses Telefonat aus einem bestimmten Grund unbewusst ständig verschob, weil sie es vielleicht nicht führen wollte. Aber der einzige Grund, der ihr einfiel, war, dass sie womöglich ihre Mutter am Apparat haben könnte, mit der sie ganz und gar nicht sprechen wollte. Und das ließ sich leicht umgehen, indem sie ihren Vater auf seinem Handy anrief.
Also nahm sie das Telefon und wählte seine Mobil-Nummer. So wie sie ihn kannte, drückte er sich gerade vor der Gartenarbeit, indem er vorgab, noch etwas für das Büro tun zu müssen, und saß ebenfalls an seinem Schreibtisch.
»Hallo, meine Kleine«, vernahm sie nach zwei Klingeltönen seine warme Stimme. »Wir haben uns schon gefragt, wann du mal anrufst.«
Typisch: Ihre Eltern erwarteten immer, dass sie sich bei ihnen meldete. Umgekehrt kam es nicht in Frage.
»Hallo Papa. Ich hatte viel zu tun. Aber du hast ja auch meine Nummer für den Fall, das etwas anlag.«
»Okay, okay, ich habe schon verstanden. Erzähl schon, wie geht es euch alleine im großen Haus.«
Eine Weile brachten sie sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Dann kam Editha zum eigentlichen Grund ihres Anrufs und sie berichtete dafür zunächst vom Fund des Buches. Sie beschrieb es ihm, so ausführlich wie möglich.
»Ich könnte dir auch ein Foto senden.« Sie hatte ihr Handy schon in der Hand und rückte das Buch auf dem Schreibtisch zurecht. Im nächsten Moment war das Foto unterwegs.
»Kannst du machen, aber ich glaube, dass ich dieses Buch noch nie gesehen habe,« meinte ihr Vater. »Ah, da ist das Bild ja. Nein, nie gesehen. Und auch die Initialen sagen mir nichts. Das ‚R‘ könnte natürlich für unseren Nachnamen stehen, aber ich kenne keinen aus unserer Familie, dessen Vorname mit ‚J‘ begann.«
Editha seufzte enttäuscht.
»So ein Mist. Ich hatte so gehofft, dass du darüber etwas weißt.«
»Na ja, ein wenig weiß ich schon. Die Truhe, die du gerade beschrieben hast, die kenne ich. Die hat dein Opa gehütet, wie seinen Augapfel, wir Kinder durften dort nie ran. Sie ist ein altes Familienerbstück und ich weiß, dass er darin andere Erbstücke aufbewahrte.«
»Das Buch ist also von einem unserer Vorfahren?«
»Darauf deutet alles hin.«
»Hm, hast du nicht irgendwelche Unterlagen? In Familienbüchern, oder so?«
»Nein, so weit reicht das nicht zurück. Ich kann dir Unterlagen über Oma und Opa schicken, aber von deinen Urgroßeltern habe ich schon nichts mehr. Die Namen weiß ich natürlich, die sende ich dir am besten mit. Die weitere Recherche müsste für dich als Journalistin ja ein Leichtes sein.«
Sie verabredeten, dass er die Unterlagen scannen und per Mail senden würde, und verabschiedeten sich.
Als ob er nichts anderes zu tun gehabt hätte, fand Editha eine halbe Stunde später seine Nachricht im Postfach ihres Mailprogrammes. Sie umfasste sämtliche Familienbucheinträge bis hin zu ihren Großeltern.
In der Zwischenzeit hatte sie mit einer Suchmaschine im Internet herausgefunden, wie sie ihre Urgroßeltern ermitteln konnte. Es gab einige Seiten über Ahnenforschung, die darüber umfassend informierten. Sie musste sich dazu an das Standesamt wenden, weil dort seit Ende des 19. Jahrhunderts alle Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle registriert wurden. Bevor Timo wieder aufwachte, schaffte sie es noch gerade, einen Brief an das Standesamt zu schreiben, in dem sie um die Daten ihrer Urgroßeltern bat. Dafür konnte sie sich von einer Internetseite ein Musterschreiben herunterladen. Zur Identifizierung gab sie die Namen an, die ihr Vater ihr gesendet hatte, und die Daten ihrer Großeltern aus dem Familienbuch. Zur Sicherheit sendete sie noch einige der gescannten Seiten mit.
Zwei Tage später erhielt sie eine Mail vom Standesamt, in der um die Überweisung der Gebühr gebeten wurde. Das erledigte sie umgehend. Ein paar weitere Tage danach kam dann die Post mit den gewünschten Auszügen aus den Akten. Sie enthielten die Daten ihrer Urgroßeltern und den Hinweis, dass die Aufzeichnungen nur bis in das Jahr 1876 zurückreichten und man ihr deshalb über frühere Vorfahren keine Auskunft geben könnte. Dafür riet man ihr, sich an die zuständige Kirchengemeinde zu wenden. Ihr fiel ein, dass sie auf den Internetseiten, die von der Ahnenforschung handelten, auch davon gelesen hatte, dass man sich in bestimmten Fällen an die Kirchengemeinde wenden solle.
Doch das musste warten, denn im nächsten Moment klingelte das Telefon.
»Gruning hier, vom Antiquariat Gruning«, meldete sich eine fremde Stimme. »Sie haben auf meinem AB um Rückruf gebeten?«
Editha hatte ebenfalls über das Internet und mit ein paar Telefonaten versucht herauszufinden, wer ihr bei der Übertragung der altdeutschen Schrift aus dem Buch in lateinische Buchstaben helfen könnte. Das Antiquariat Gruning fiel ihr dabei an mehreren Stellen auf. Leider war keiner da, als sie dort anrief, also hatte sie auf den Anrufbeantworter gesprochen.
»Ja, vielen Dank dafür. Mein Name ist Riekmüller. Ich habe hier ein altes Buch. Das ist in einer Schrift verfasst, die ich nicht lesen kann, vermutlich altdeutsch. Ich habe im Internet gelesen, dass Sie sich damit auskennen. Ist das richtig?«
»Das ist mein Spezialgebiet, ja.«
»Wäre es möglich, dass Sie sich das Buch mal ansehen?«
Sie vereinbarten für den Nachmittag einen Termin und verabschiedeten sich wieder.
Editha sah kurz nach Timo, der auf dem Wohnzimmerfußboden mit seinen Autos spielte, und ging dann ins obere Stockwerk, um sich über den Fortschritt der Renovierungsarbeiten zu informieren. Der Maler und sein Auszubildender waren dabei, die Unebenheiten in den Wänden mit Spachtelmasse auszugleichen. Irgendwie hatte sie den Eindruck, dass die Arbeiten noch ewig dauern würden. Hier konnte sie jedenfalls nichts ausrichten, also begab sie sich wieder in ihr Arbeitszimmer, um den Artikel zu Ende zu schreiben.
Das Antiquariat hatte eine Schaufensterscheibe, hinter der einige alte Bücher ausgestellt waren. Alles sah ein wenig altmodisch aus, als wäre die Zeit hier vor drei Jahrzehnten stehengeblieben. So auch die Eingangstür: Der Holzrahmen sah verblichen aus, die Scheibe war teilweise blind und dort, wo man hindurchsehen konnte, erblickte man dahinter einen Vorhang, der wohl früher einmal weiß gewesen war und jetzt schmuddelig grau aussah.
Als Editha die Tür öffnete, betätigte sie mit ihr eine kleine Ladenglocke, die ihre Ankunft ankündigte.
»Eine Glocke«, sagte Timo, der ihr an ihrer Hand folgte.
Sie traten ein und ihnen schlug ein muffiger Geruch entgegen, so wie sie es in einem Geschäft mit alten Büchern erwartet hatte. Ringsherum waren Regale, in denen von oben bis unten Buchrücken zu sehen waren. Dazwischen standen mehrere Ausstellungstische mit Stapeln von weiteren Exemplaren.
Editha schloss die Tür, wodurch sie die Glocke erneut zum Klingen brachte. Timo sah zu der Quelle des Geräuschs hoch und war sichtlich über den hellen Klang erfreut.
Von dem Läuten angelockt, betrat ein Mann den Verkaufsraum. Editha ging davon aus, dass das Herr Gruning war. Das erste, was ihr an ihm auffiel, war, dass er offenbar ziemlich alt war, bestimmt über siebzig, aber dafür einen sehr fitten Eindruck machte. Mit einem dynamischen Gang kam er auf sie zu und bewegte sich dabei, als wären ihm orthopädische Probleme fremd. Aus seinen kurzen Hemdsärmeln ragten muskulöse Unterarme, wie sie sie von ihren männlichen Karate-Kollegen kannte, und der Rest seines Oberkörpers sah ebenfalls breit und muskelbepackt aus. Sein akkurat gestutzter grauer Vollbart war etwa genauso lang wie die grauen Haare, die allerdings nicht mehr ganz so flächendeckend vorhanden waren. Er hatte eine Halbbrille auf der Nasenspitze sitzen und die Lachfalten seiner Augenpartie, die Editha darüber sehen konnte, machten ihn gleich sympathisch.
»Moin, wie kann ich helfen?«, fragte er.
»Wir hatten telefoniert. Sie wollen sich mein Buch ansehen.«
Sie holte den braunen Einband aus der Tasche und hielt ihn hoch.
»Ach, die altdeutsche Schrift.« Er nahm ihr das Buch aus der Hand und betrachtete die Buchstaben auf dem Deckel. »J. R.? Initialen? Wissen Sie, was die bedeuten?«
»Noch nicht, aber ich bin dabei, es herauszufinden.«



