Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller

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Neben dem Sessel stand ein Tischchen, auf dem ein dickes Buch abgelegt war. Den Titel konnte Jacob nicht erkennen. Als gehörte der Wälzer zu einem Gedeck, waren drum herum eine leere Teetasse, eine Teekanne sowie ein kleiner Teller mit Krümeln darauf angeordnet.
»Räume bitte das Geschirr ab«, wies von Elmendorff seine Haushälterin an, als hätte er Jacobs Gedanken gelesen und falsch gedeutet. Sein Tonfall war bestimmend, aber trotzdem freundlich und gar nicht gebieterisch. »Und bring uns bitte Kaffee.«
Kaffee, dachte Jacob. Wann bekam er den schon mal zu trinken? Vielleicht in Zukunft öfter, falls sie mit der neuen Mühlentechnik wohlhabender werden sollten, doch bisher war der für sie zu teuer.
Die Haushälterin sammelte das Geschirr vom Tisch und verließ das Zimmer. Jacob konnte seine Aufmerksamkeit nicht mehr länger von den Büchern fernhalten. Ein ganzer Raum voller Bücher ging eigentlich über sein Fassungsvermögen.
»Die Bücher scheinen dich zu interessieren. Das ist schon mal ein sympathischer Wesenszug«, meinte von Elmendorff.
Jacob machte einen Schritt auf die rechte Regalwand zu.
»Haben Sie die alle gelesen?«
Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mensch in seinem Leben so viele Bücher lesen konnte.
»Die meisten.«
Etliche der Titel, die er beim Näherkommen entziffern konnte, interessierten Jacob nicht, denn es gab beispielsweise reihenweise Gedichtbände und Reiseberichte. Seine Vorliebe galt den Geschichten. So wurde er eher aufmerksam, als er die »Geschichte des Agathon« von Christoph Martin Wieland entdeckte. Dann sah er ein Buch, von dem er schon gehört hatte und das er gerne einmal lesen würde: »Gullivers Reisen« von Jonathan Swift. Ohne nachzudenken, griff er zu und zog es aus dem Regal.
»Halt, halt, bitte nicht!«, sagte von Elmendorff und bewegte seine Leibesfülle erstaunlich schnell zu ihm herüber. »Lass mich das bitte machen.«
Doch Jacob blätterte bereits in dem Buch und erfreute sich an einigen Formulierungen, die er beim Überfliegen aufschnappte.
»Du magst Abenteuer, ja? Wie wäre es dann hiermit?« Von Elmendorff zog ein Buch heraus, das ein paar Plätze neben der Lücke stand, die »Gulliver« hinterlassen hatte. »Miguel de Cervantes Saavedras amüsante Geschichte eines Möchtegernritters.«
Jacob las »Don Kichote de la Mantzscha« auf dem Buchdeckel. Das berühmte Werk, das es bereits so lange gab. Doch von Elmendorff stellte es schon wieder zurück.
»Oder das hier?« Jetzt zog er ganz vorsichtig ein kunstvoll verziertes Buch heraus, und als er es aufschlug, sah Jacob detaillierte Kupferdrucke zwischen dem Text. »‚Robinson Crusoe‘ von Daniel Defoe, eines meiner Lieblingswerke. Aber wir wollen unsere deutschen Meister nicht vergessen.« Er stellte »Defoe« ins Regal zurück und ging zu der Stelle, wo Jacob den ersten Titel gelesen hatte. »Unser Friedrich Schiller hat uns schließlich ‚Kabale und Liebe‘ geschenkt. Das hier ist die Erstausgabe von 1784.« Stolz schwang in seiner Stimme mit. Doch das Buch stellte er schon wieder zurück und entnahm ein weiteres. »Aber allem voran natürlich ‚Die Leiden des jungen Werther‘«
»Goethe«, rief Jacob. Sein Vorbild! Er steckte schnell »Gulliver« an seinen Platz und eilte zu von Elmendorff, der ihm schmunzelnd das Meisterwerk überließ.
Herold, dessen Anwesenheit gar nicht mehr zu bemerken gewesen war, räusperte sich.
»Herr von Elmendorff, darf ich zu dem Anlass unseres Besuches kommen?«, fragte er.
»Aber natürlich, erzählt mir, wie ich zu der Ehre komme, die erwachsenen Söhne meines alten Freundes kennenzulernen.«
Von Elmendorff ging wieder zu seinem Sessel zurück und ließ sich hineinplumpsen. Mit einer Handbewegung bot er Herold einen Platz auf einem Stuhl an. Herold setzte sich.
Jacob stellte fest, dass der »Werther« drei Mal im Regal stand. Warum kaufte sich jemand das gleiche Buch mehrfach?
»Wir betreiben die Nordmühle«, fing Herold an zu erzählen und von Elmendorff nickte, als wusste er das bereits. »Vor einigen Tagen wurde sie zerstört, ohne unser Verschulden. Wir verdächtigen zwei Männer, mit denen wir einen Streit hatten, können aber nichts beweisen. Die Stadt Oldenburg, der die Mühle gehört, hat uns auferlegt, sie zu reparieren, aber weiterhin müssen wir den Pachtzins zahlen. Deshalb suchen wir einen Geldgeber. Ich erinnerte mich an Sie und dachte, dass Sie vielleicht interessiert wären.«
Ein Klopfen ließ, obwohl es leise war, die Glasscheiben in der Tür erzittern. Von Elmendorff bat einzutreten und die Haushälterin kam mit einem gefüllten Tablett in die Bibliothek.
»Warum glaubst du, dass ich daran interessiert sein könnte?«, fragte von Elmendorff.
»Es wäre ein gutes Geschäft für Sie. Das Geld erhalten Sie mit Zinsen zurück. Und wir können auch noch über eine Gewinnbeteiligung reden«, antwortete Herold.
Die Haushälterin deckte das Tischchen mit einer Kaffeekanne, drei Porzellantassen, Behältern mit Milch und Zucker, kleinen Löffeln sowie einem Teller mit Gebäck.
»Hm, ein gutes Geschäft, sagst du.« Von Elmendorff linste zu dem Gebäckteller. »Aber gute Geschäfte mache ich zu Hunderten und fast alle sind weniger riskant, als dieses wäre. Wie ist denn sichergestellt, dass ich mein Geld überhaupt zurückbekomme, geschweige denn die Zinsen oder eine Gewinnbeteiligung?«
Jacob stellte den »Werther« ins Regal zurück und setzte sich an den Tisch, um sich dem Kaffee zu widmen, den die Haushälterin in die Tassen goss. Anschließend ließ sie die Männer wieder allein.
Herold schilderte von Elmendorff seinen Plan, so wie er ihn schon Jacob geschildert hatte. Nur die Zeichnungen konnte er nicht anfertigen, da er Papier und Tinte nicht zur Verfügung hatte. Aber Jacob hatte den Eindruck, dass von Elmendorff, der sich außerordentlich an dem Gebäck gütlich tat, trotzdem gut verstand, worum es ging. Die Kekse fand Jacob auch sehr köstlich, vom Kaffee war er enttäuscht - er hatte ihn weitaus leckerer in Erinnerung, vielleicht gab es da aber Unterschiede.
Nachdem Herold seine Pläne erläutert hatte, trat ein kurzes Schweigen ein.
»Euer Vorhaben leuchtet mir ein.« Der Herr des Hauses nahm einen Schluck Kaffee und griff zum nächsten Keks, der einseitig mit Schokolade überzogen war. »Das ist ein wirklich guter Plan. Geradezu genial. Ich verstehe ein wenig von diesen technischen Dingen. Und ich teile deine Einschätzung, dass ihr in Zukunft eure Einnahmen mit der Erweiterung der Mühle vergrößern werdet.« Er biss von dem Keks ab und betrachtete ausgiebig die Bissstelle. »Doch es gibt da ein paar Sachen, die ich noch nicht so richtig verstanden habe. Zum einen: Warum müsst ihr den Aufbau einer Mühle finanzieren, die doch nicht euer Eigentum, sondern das der Stadt Oldenburg ist?« Den Rest des Kekses steckte er sich als Ganzes in den Mund.
»Wir waren beim Ratsherrn von Zölder ...«, setzte Herold an.
»Ach, bei dem Zölder wart ihr!« Von Elmendorff lehnte sich im Sessel nach vorn, wodurch die Belastungsprobe der Westenknöpfe auf ein Maximum erhöht wurde. Noch hielten sie, aber Jacob konnte sie fast stöhnen hören.
»Ja«, fuhr Herold offenkundig leicht irritiert fort. »Der Ratsherr macht uns für die Zerstörung verantwortlich und sieht uns in der Pflicht die Mühle wieder aufzubauen.«
Herold gab eine kurze Zusammenfassung der Unterredung mit von Zölder. Währenddessen wurde die Miene von Elmendorffs immer grimmiger und er vergaß sogar die Kekse.
»Aber das braucht ihr so nicht stehen zu lassen«, schimpfte er dann. »Wendet euch an Peter Friedrich Ludwig. Das ist ein gerechter Mann. Oder zumindest an den Bürgermeister. Ich würde euch dabei unterstützen.«
Herold zog die Stirn in Falten und sah zu Boden. Seine unverkennbare Grüblergeste. Jacob wusste, was in ihm vorging.
»Wenn Sie uns diesen Vorschlag vor sechs Tagen gemacht hätten, wäre mein Bruder sicherlich sofort darauf eingegangen. Doch jetzt möchte er seinen genialen Einfall in die Tat umsetzen. Die Mühle ist sein Ein und Alles, auch wenn sie ihm nicht gehört.«
Herold sah wieder auf.
»Ja, aber es ist nicht nur deswegen«, sagte er. »Die Mühle wird durch den Umbau schließlich zukünftig einen höheren Ertrag einbringen. Das haben Sie selber gerade gesagt.«
»Hmm, ... in Ordnung, kommen wir damit zu meiner nächsten Frage: Warum glaubst du, dass man dir den Ertrag lassen wird? Dadurch, dass du die Mühle umbaust, gehört sie immer noch nicht dir.«
»Der Ratsherr hat gesagt, wir sollen die Mühle wieder aufbauen, wie es uns beliebt. Es sei ihm egal, wie wir das anstellen. Wir nehmen ihn beim Wort, handeln also nach seinen Anweisungen. Dafür kann er uns doch nicht die Pacht erhöhen.«
»Oh, er kann so einiges. Nehmt euch vor diesem Mann in acht. Er ist so verschlagen, dass er sicherlich einen Weg finden wird, euch das Geld abzunehmen.«
Von Elmendorff nahm sich wieder einen Keks und lehnte sich im Sessel zurück. Anders als vorher biss er immer nur ein kleines Stück ab, mümmelte darauf herum und starrte ins Leere. Das war dann wohl seine Art, über etwas nachzudenken.
Schließlich sah er Jacob und Herold abwechselnd an.
»In Ordnung. An welche Summe habt ihr denn gedacht?«
Herold machte einen verlegenen Eindruck, da er nun den Betrag nennen sollte.
»Nun, ja, wir haben ausgerechnet, dass wir etwa 90 Reichstaler bräuchten, um uns und die Arbeitskräfte zu versorgen und Ersatzteile und Material zu kaufen.«
Jacob beobachtete von Elmendorff mit angehaltener Luft, doch der zuckte mit keiner Wimper, als er den Betrag hörte. Er wirkte, als würde er im Kopf rechnen.
»Also gut«, sagte er nach einem Augenblick. »Ich leihe euch 60 Reichstaler und nicht einen Schwaren mehr. Der Zinssatz soll 10 Prozent aufs Jahr betragen, aber dafür verzichte ich auf eine Gewinnbeteiligung.«
Jacob glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu können. Das waren ja nur zwei Drittel von dem, was sie brauchten.
»Aber wir brauchen doch 90 Reichstaler. Wie sollen wir das denn mit 60 Reichstalern schaffen?«, platzte er heraus.
»Jacob!«, schalt Herold ihn.
Von Elmendorff begann zu lachen, dass sein Bauch wippte und sein Doppelkinn nur so schwabbelte.
»Junge, du bist ja ganz wie dein Vater vor 30 Jahren. Und ihm habt ihr es zu verdanken, dass ich euch das Geld überhaupt leihe, jeden anderen hätte ich zum Teufel gejagt.« Er wurde wieder ernst. »Versteht mich nicht falsch. Ich glaube, dass euer Vorhaben gut ist, und ich besitze genug Menschenkenntnis, um zu wissen, dass ihr das hinbekommt und durchsteht. Die neue Mühle wird funktionieren und ihr werdet letztendlich mehr Einnahmen haben, davon bin ich überzeugt. Wovon ich aber nicht überzeugt bin, ist, ob man euch das Geld lassen wird. Denn ich kenne auch von Zölder. Bisher hat er immer Mittel und Wege gefunden, seinen Willen durchzusetzen. Deshalb bin ich nicht bereit, mehr zu riskieren, und ihr solltet es auch nicht sein. Seht zu, dass ihr es mit 60 Reichstalern schafft.«
Jacob war verwirrt. Was sollte das bedeuten? Dass er ihnen zu ihrem eigenen Besten weniger Geld leihen wollte? Und was hatte es immer mit diesem Gefallen auf sich, den ihr Vater ihm getan hatte?
»Warum reden Sie immer von diesem Gefallen? Was hat er Ihnen denn für einen Gefallen getan?«, brauste er weiter auf.
Erneut musste sich von Elmendorff den Bauch halten vor Lachen, bevor er antwortete, was Jacob noch mehr in Aufruhr versetzte, weil er sich ausgelacht fühlte.
»Die alten Geschichten sollte man nicht wieder aufwärmen. Vielleicht erzähle ich euch irgendwann einmal davon, aber im Moment soll es mal gut sein.« Er wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln. »Es ist nur so, dass ich immer sehr bedauert habe, was damals geschehen ist und welches Ende Diether nahm, und ich freue mich, dass ich jetzt auf diese Weise seinen Söhnen helfen kann. Vorausgesetzt, ihr wollt meine Hilfe annehmen.«
Er sah Herold an.
»Ja, sehr gerne, vielen Dank«, entgegnete dieser auf der Stelle.
»Dann lasse ich bis morgen von meinem Advokaten einen Vertrag aufsetzen und das Geld besorgen. Kommt am besten morgen um die gleiche Zeit wieder her, damit wir den Rest regeln können.«
Anschließend ging alles sehr schnell. Herold gab von Elmendorff die Hand und verabschiedete sich, und als hätte sie auf ein Stichwort gewartet, stand die Haushälterin im Raum, um sie hinauszubegleiten. Dabei hätte Jacob noch so viele Fragen gehabt. Sehnsüchtig warf er einen letzten Blick auf die Bücher, als sie die Bibliothek verließen. Und kurze Zeit später waren sie wieder vor dem Haus auf der Straße.
Herold marschierte strammen Schrittes in Richtung Norden. Jacob hatte Mühe, hinterherzukommen. Wollte sein Bruder ihm etwa ausweichen? Ahnte er vielleicht, dass Jacob nicht nur verwirrt, sondern auch verärgert war? Alle Welt sprach von Dingen, die ihn etwas angingen, aber niemand wollte ihm diese Dinge näher ausführen. Jeder Dahergelaufene schien mehr über Jacobs Familie und deren Vergangenheit zu wissen, als er selbst. Das konnte er nicht länger auf sich beruhen lassen.
»Nun warte doch mal«, keuchte er Herold hinterher, doch der dachte gar nicht daran. »Was meinte von Elmendorff gerade damit? Von welchen Ereignissen hat er gesprochen? Was soll Vater geschehen sein? Und was für einen Gefallen hat Vater ihm getan?«
Herold hob sein Tempo eher noch an, als er von der Ritterstraße in die Achternstraße rechts einbog. Warum musste er immer so stur sein? Diese Halsstarrigkeit brachte Jacob zur Raserei. Und dieses Hinterhergehetze! Davon hatte er jetzt genug. Er blieb stehen.
»Verdammt noch mal, nun erzähle mir endlich, was mit unserer Familie los ist!«, brüllte er Herold hinterher, so laut, dass sich diverse Passanten zu ihm umdrehten.
Herold hielt ebenfalls an und schaute sich verlegen nach den Passanten um, die anfingen, miteinander zu tuscheln. Er ging die Schritte zurück, die ihn von Jacob trennten, packte ihn am Handgelenk und zog ihn mit sich, nun nicht ganz so eilig wie vorher.
»Musst du hier so rumschreien? Es muss ja nicht jeder unsere Angelegenheiten mitbekommen.« Sein Griff war so stark, dass Jacobs Handgelenk schmerzte. Er riss sich los und blieb wieder stehen.
»Dann erzähl mir endlich, was mit unserer Familie los ist«, giftete er Herold an.
»Ja, in Ordnung, aber komm mit. Die Leute zeigen ja schon auf uns.« Er ging voraus, wesentlich langsamer, und Jacob folgte ihm. »Was diesen Gefallen angeht, weiß ich genauso wenig wie du. Ich habe keine Ahnung, welchen Gefallen Vater ihm getan hat.«
»Und was ist mit den anderen Dingen?«
»Welchen anderen Dingen?«
»Nun stell dich nicht dumm. Diese Häufung von Andeutungen über unsere Familie ist ja wohl äußerst merkwürdig. Zuerst die Bemerkung dieser Raufbolde in der Gastwirtschaft: Der Rest würde uns auch noch genommen werden. Der Rest wovon? Heißt das, uns wurde schon mal etwas genommen?« Herold sagte nichts. Sie überschritten jetzt den Marktplatz, die Silhouette der Gebäude glitt an ihnen vorüber: die Lambertikirche, das Rathaus. Normalerweise genoss Jacob das, doch heute hatte er andere Dinge im Kopf. »Dann von Zölder, ich wäre genauso wie Vater vor 20 Jahren. Kannte er ihn damals?«
Herold räusperte sich.
»Naja, 20 Jahre ist eine lange Zeit ...«, antwortete er ausweichend.
Jacob schüttelte den Kopf. Sein Bruder wollte ihm schon wieder keine Antworten liefern.
»Und jetzt spricht von Elmendorff von irgendwelchen Ereignissen und sagt, dass er bedauere, was damals geschehen ist.« Erneut blieb er stehen und wurde wieder lauter. »Verdammt, nun rücke schon raus mit der Sprache.«
Herold packte ihn abermals am Handgelenk und zog ihn mit.
»Ja, es stimmt«, raunte er. »Es ist damals etwas geschehen, wodurch sich unser Leben verändert hat. Ich war damals jedoch noch ein Kind und habe daher auch nicht alles mitbekommen. Das, was ich weiß, werde ich dir erzählen. Aber nicht jetzt.«
»Warum nicht?«
»Weil wir jetzt da sind, wo wir hinwollen.«
Herold wies auf das Gebäude, vor dem sie standen.
»Was willst du denn hier?«
»Na, was will man schon bei der Post«, sagte Herold und stieg die Stufen zum Eingang hoch. »Einen Brief versenden.«
»Einen Brief? Wem willst du denn einen Brief schicken?«
Herold drehte sich auf der obersten Stufe zu ihm um.
»Nachdem ich diesen Einfall für den Umbau der Mühle hatte, habe ich mich daran erinnert, dass bei uns vor einiger Zeit ein Müller auf der Durchreise übernachtet hatte. Der hatte mir damals von einer Wassermühle in Hamburg erzählt, die wohl die modernste und beste Wassermühle ist, die er kennt. Den Bauherrn dieser Wassermühle will ich einstellen. Deshalb brauche ich seinen Namen und seine Adresse, und um die zu erfragen, sende ich dem Müller von damals diesen Brief.«
Herold drehte sich um und betrat das Postgebäude.
Jacob unten an der Treppe schüttelte lächelnd den Kopf. Sein Bruder! Wahrscheinlich hatte er schon den ganzen Mühlenumbau komplett durchgeplant.
Die nächste Gelegenheit, Herold zu den Ereignissen in ihrer beider Kindheit zu befragen, ergab sich am folgenden Tag in der Frühstückspause. Herold machte gerade ein grüblerisches Gesicht und schaffte es, dabei glückselig zu lächeln. Als Jacob ihn wieder drängte, von den Geschehnissen zu erzählen, verschwand das Lächeln.
»Na gut«, brummte Herold. »Du gibst sonst ja doch keine Ruhe.«
Er sah zum See, dachte kurz nach und begann dann.
»Ich erinnere mich an unsere Eltern so, wie man sich als dreißigjähriger Mann an Geschehnisse erinnern kann, bei denen man zehn Jahr alt war oder sogar jünger. An Geschehnisse, die 20 Jahre zurückliegen.« Er räusperte sich. »Unsere Mutter habe ich als unnahbar in Erinnerung. Sie war wenig herzlich, eher kühl und abweisend. Ich weiß nicht, ob sie mich überhaupt jemals in den Arm genommen hat. Als weibliche Bezugsperson hatte ich vielmehr unsere Zugehfrau.«
Jacob traute seinen Ohren nicht.
»Wir hatten eine Zugehfrau? Eine Haushälterin?«
»Ja, aber unterbrich mich nicht. Es fällt mir schwer genug, aus dieser Zeit zu erzählen. Unterbrechungen kann ich nicht gebrauchen. Hinterher kannst du mich fragen, was du willst.«
Herold hatte auf seinem Teller noch einen Bissen Brot. Den steckte er sich jetzt in den Mund. Nachdem er ihn hinuntergeschluckt hatte, fuhr er fort.
»Unser Vater war da ganz anders. Es stimmt, dass er ähnlich war, wie du heute bist, nicht nur äußerlich. Er war immer fröhlich, lustig, herzlich. Er war es, der mich in den Arm nahm und mir zeigte, dass er mich liebte. Wir haben viel zusammen gemacht. Als ich zehn wurde, sagte er mir, dass ich langsam ein Mann werde und bald mitkommen könnte zur Jagd. Aber dazu kam es nicht mehr.«
Herold machte eine kurze Pause, in der er wieder auf den See schaute.
»Dann kam der Tag, an dem er schwermütig wurde. Er hatte irgendwelche Sorgen, aber ich wusste nicht, was für welche. Als ich unsere Zugehfrau danach fragte, sie hieß übrigens Duretta, meinte sie, dass das schon vorbeigehen würde und ich mir keine Sorgen machen sollte. Aber so kam es nicht, es wurde sogar schlimmer. Unser Vater lachte kaum noch und hatte tiefe Ringe unter den Augen, als würde er kaum noch schlafen. Dann kam alles ganz schnell hintereinander. Zuerst starb unsere Mutter bei einem Unfall. Unseren Vater habe ich danach nur noch einmal gesehen, wie er das Haus verlassen hatte. Er war so aufgelöst, dass er mich nicht einmal bemerkt hatte, obwohl er mich umgerannt hätte, wenn ich nicht schnell zur Seite gesprungen wäre. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Meine Fragen nach seinem Verbleib wurden mir nicht beantwortet und kurze Zeit später sagte man mir, dass auch er tot sei.«
Herolds Stimme brach bei den letzten Worten. Jacob sah ihn an und bemerkte, dass er Tränen in den Augen hatte. Auch Jacob wurde ganz beklommen und er musste schlucken, um den Kloß im Hals loszuwerden.
Nach einer Weile fuhr Herold fort, die Stimme immer noch brüchig.
»Wie es zum Tod unserer Eltern kam, hat man mir nie erzählt. Es dauerte auch nicht lange und wir mussten unser Haus verlassen. Wir sind zu unseren Stiefeltern gekommen, dem alten Müllerehepaar Bernhard und Martha. Sie zog dich auf und ich musste Bernhard in der Mühle mithelfen. Den Rest kennst du.«
Beide schwiegen eine Weile. Der eine musste sich erholen, so wie es Jacob schien, und er selber musste das Gehörte verarbeiten. Eigentlich hätte er Herold jetzt gerne in Ruhe gelassen, aber ein paar Dinge musste er unbedingt wissen.
»Du sagst, wir hatten ein Haus?«
»Oh, ja, und was für eines. Ein großes, schönes Haus. Ich hatte ein eigenes Zimmer. Alles war prunkvoll eingerichtet. Und wir hatten Stallungen und Pferde. Soweit ich weiß, hatten wir auch viele Ländereien. Aber das wurde uns alles weggenommen. Ich weiß nicht, warum. Mir als Zehnjährigen hatte man das nicht erzählt und Bernhard wusste es auch nicht. Heute weiß ich nicht mal mehr, wo sich unser Haus befand und ob ich es heute wiedererkennen würde, wenn ich es sähe.« Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Woran ich mich erinnern kann, ist eine weiße Pferdeskulptur, ein aufbäumendes Pferd aus Stein. Darauf hat Vater mich manchmal gesetzt.«
»Und wir hatten eine Zugehfrau?«
»Nicht nur das. Wir hatten noch mehr Personal. Jemanden, der sich um die Stallungen kümmerte, einen Gärtner, ich hatte einen privaten Lehrer. Die habe ich alle später nie wieder gesehen.«
»Das heißt, wir hatten einmal viel Geld?«
»Ja, Geld und Ansehen. Die anderen Menschen begegneten unserem Vater immer mit viel Respekt. ‚Herr von Riekhen dieses‘ und ‚Herr von Riekhen jenes‘ ...«
»Was? Wieso ‚Herr von Riekhen‘?«
»Weil wir früher einen Adelstitel führten. Unser Vater war Freiherr von Riekhen.«
1768
Das Pferd preschte über die Wiesen. Das Wasser aus den Pfützen, die sie durchritten, spritzte auf, selbst Diethers Gesicht war bereits nass. Doch es machte ihm nichts, er genoss es. Sie galoppierten am Rande eines Waldes entlang, setzten über einen liegenden Baumstamm. Er rang schon ebenso nach Luft wie sein Hengst. Am Ende des Waldes zog er die Zügel straff und brachte ihn zum Stehen. Lobend tätschelte er den Hals des stolzen Tieres, während beide wieder zu Atem kamen.
Es würde gleich beginnen, dunkel zu werden. Er sollte sich auf den Heimweg machen. Dafür wollte er eine andere Route einschlagen. Er zog am linken Zügel und wendete sein Pferd, um gemäßigter zurück zu reiten.
Etwa eine Stunde später ritt er in seine Stallungen und übergab den Hengst zum Abzäumen und zur Pflege an Klatti, seinem Stallknecht. Er selbst begab sich ins Haus, um sich frisch zu machen. Bald würde das Abendessen gereicht werden. Sicherlich würde es wieder Braten geben, von dem Fleisch des Hirsches, den er vor einigen Tagen erlegt hatte.
Als er kurze Zeit später den Speiseraum betrat, kam ihm der köstliche Duft der Speisen entgegen. Im Kamin loderte ein schönes Feuer, was bei dem recht fortgeschrittenen Herbst wohl angebracht war. Alheyt und Herold saßen bereits an der langen Tafel und erwarteten schweigend seine Ankunft.
»Ah, ihr wartet schon auf mich«, sagte Diether gut gelaunt zur Begrüßung.
Sein Sohn lächelte ihm zu, aber seine Frau zeigte keine Regung.
Diether ging an der Tafel entlang und strich dabei mit den Fingern über die weiße Tischdecke. In der Mitte standen dampfend große Porzellanplatten mit verschiedenen Gemüsen und Kartoffeln. Als er an Herold vorbeikam, strubbelte er ihm über das Haar. Zu Alheyt bückte er sich zum Kusse und sie hielt ihm ihre blasse Wange entgegen. Sie saß nicht sehr dicht am Tisch, weil ihr dicker Bauch es unmöglich machte. Nicht mehr lange bis Diether das zweite Mal Vater werden würde.
Er schritt an der anderen Seite der Tafel entlang, zurück zu seinem Platz, und kaum hatte er sich niedergelassen, betrat Duretta mit der Bratenplatte den Raum. Sie begrüßte ihn, stellte die Platte ab und begann damit, die Speisen und den Wein zu servieren.
Der Hirschbraten schmeckte vorzüglich. Diether ließ sich zwei Mal nachgeben. Die Nachspeise war eine Kombination aus geschlagener Sahne und Äpfeln. Eine sehr süße Angelegenheit, die er kaum anrührte, dem Rest seiner Familie aber zu schmecken schien. Sollte Herold doch seine Schale bekommen.



