Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller

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»Wie war der Unterricht heute?«, fragte er seinen Sohn, den stummen Teil des Abends beendend.
»Hervorragend!« Herold strahlte über das ganze Gesicht. »Jedenfalls nachdem wir mit dem leidigen Lesen fertig waren und uns der Mathematik zugewandt hatten.«
Ja, dachte Diether, ein Dichter würde sein Sohn wohl nicht werden, dann schon eher ein Wissenschaftler. Aber er musste nichts von beidem. Irgendwann würde er das Vermögen erben, von dem seine Familie seit Generationen lebte. Nichtsdestotrotz war Bildung wichtig, weshalb Diether den besten Privatlehrer beschäftigte, den er finden konnte.
Herold berichtete weiter vom Unterricht und davon, was er am Nachmittag draußen unternommen hatte, was er geschnitzt hatte, dass er in den Stallungen geholfen hatte und was ein Zehnjähriger sonst alles erlebte. Diether hörte ihm wohl zu, aber seine halbe Aufmerksamkeit galt Alheyt. In ihrer Schwangerschaft war sie sogar schöner als ohnehin schon. Er musste sie fortwährend anschauen, doch sie erwiderte seinen Blick nicht ein einziges Mal. Die ganze Zeit waren ihre Lider gesenkt und die Augen auf den Teppich gerichtet, als hätte sie dessen Muster zuvor nie gesehen. So verhielt sie sich nicht erst seit heute, sondern bereits eine geraume Weile. Das tat Diether weh. Sicher, sie wurden sehr früh verheiratet, Alheyt war sechzehn und er zwanzig Jahre alt. Aber er hatte sie damals schon geliebt und er liebte sie immer noch, wenn auch auf eine andere Weise. Heute war die Liebe nicht mehr leidenschaftlich, sie war zur Gewohnheit geworden. Seit vielen Wochen hatten sie nicht das Bett geteilt. Er nahm sich vor, das heute Abend zu ändern. Die Schwangerschaft machte ihm dabei nichts aus.
Kurz vor der Schlafenszeit schlüpfte er zu ihr ins Schlafzimmer. Sie saß an der Frisierkommode und bürstete ihr langes blondes Haar. Überrascht sah sie auf, als sie die Tür hörte, und unterbrach das Bürsten. Sie sah ihn erst verwirrt an, doch schnell dämmerte ihr sein Anliegen.
»Was willst du denn noch hier?«, fragte sie trotzdem.
Diether hatte sich vorher nicht überlegt, wie er vorgehen wollte. Er hatte einfach den Entschluss gefasst, dass er mal wieder mit seiner Frau zusammensein wollte, und wollte diesen jetzt in die Tat umsetzen. Deshalb war er ein wenig verlegen darum, wie er antworten sollte, ohne sofort auf den Punkt zu kommen.
»Was für eine Frage. Man darf doch wohl noch seine Ehefrau besuchen.«
»Ts!«, machte sie und setzte das Bürsten fort.
Na ja, dachte Diether, leicht hatte er es noch nie bei ihr gehabt. Ein wenig sanftes Drängen war schon immer nötig gewesen.
Er ging zu ihr und umfasste von hinten ihre Schultern. Sie hatte bereits ihr Nachthemd an, ein dünner Hauch von Stoff, der sich an ihren Körper schmiegte. Mächtig trat der Bauch darin hervor. Er betrachtete sie in dem zweiten Spiegel mit dem verzierten Holzrahmen, der seitlich von ihr stand. Wie sie dort saß mit ihren offenen Haaren, zum Bürsten seitlich nach vorne geholt, war sie einfach wunderschön. Er begann, ihre Schultern zu streicheln. Ihr zarter Nacken bot sich ihm dar, sodass er nicht widerstehen konnte: Er bückte sich und hauchte einen Kuss auf ihre Haut. Alheyt wich dem nach vorne aus.
»Bitte lass mich meine Haare bürsten«, sagte sie und arbeitete sich weiter mit der Bürste vor.
Diether umrundete den Stuhl, auf dem sie saß, nahm ihr die Bürste aus der Hand und legte sie auf die Kommode. Er fasste sie unter Beine und Rücken, hob sie hoch, was aufgrund ihres Zusatzgewichts nicht einfach war, und brachte sie zum Bett. Dort legte er sie ab und schmiegte sich sogleich an ihre Seite. Er öffnete die Schleife ihres Nachthemds und küsste sie seitlich auf Hals und Schultern.
Doch dann merkte er, wie sie dalag: stocksteif, mit geöffneten Augen und zusammengepressten Lippen. Ihre Hände hielten die offenen Seiten des Nachthemds, damit sie nicht wegrutschten und ihre Brust entblößten.
»Was ist mit dir?«, fragte er.
Sie raffte das Nachthemd noch weiter zusammen.
»Glaubst du wirklich, dass das eine so gute Idee ist?«
Ihre Stimme klang schneidend.
»Was meinst du?«
»Denkst du wirklich, dass das, was du vorhast, in meinem Zustand ratsam ist?«
»Aber warum denn nicht? Wir haben es schon so lange nicht mehr gemacht. Und ich werde wirklich vorsichtig sein.« Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Weißt du, ich liebe dich doch, und wir waren uns in letzter Zeit nicht besonders nahe.«
»Das liegt vielleicht daran, dass ich dein Kind austragen muss«, sagte sie kalt.
Er stützte sich auf seinen Ellenbogen, um ihr ins Gesicht sehen zu können, doch sie drehte den Kopf zur anderen Seite.
»Aber was sagst du denn da? Mein Kind? Es ist doch unser Kind.« Darauf gab sie keine Erwiderung. »Unser Kind, das aus Liebe entstanden ist. Wir haben es doch gezeugt, weil wir uns lieben.«
»Du hast es gezeugt. Ich war nur dabei.«
Diether bekam einen Kloß im Hals. Er konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wartete einen Moment, denn er wusste, dass seine Stimme brechen würde, wenn er jetzt sprechen würde. Doch als er dachte, es ging wieder, tat sie es trotzdem.
»Liebst du mich denn gar nicht mehr?«
Er wartete ein paar Minuten vergeblich auf eine Antwort. Sie lag weiterhin steif und mit abgewandtem Gesicht da und schwieg.
Inzwischen rannen Diether die Tränen über das Gesicht. Er löste sich von ihr und verließ leise ihr Schlafzimmer. Auf dem Korridor lehnte er sich an ihre Tür und wischte sich mit den Fingern die Wangen trocken. Er dachte an frühere Zeiten, in denen sie sich noch geliebt hatten. Sie waren jung gewesen, äußerst jung. Sie waren leidenschaftlich. Ja, damals hatte er sie sehr geliebt. Aber hatte sie ihn auch geliebt? Oder war sie nur jung und schüchtern und ihm deshalb ergeben?
Er wusste es nicht.
In Diethers Schlafzimmer war es einsam. Und langweilig. Er ging deshalb bald zu Bett, doch er konnte nicht einschlafen. Immer wieder musste er darüber nachdenken, was denn in seiner Ehe fehlgelaufen war. Er fragte sich, was er falsch gemacht haben könnte, dass es so gekommen war, und wälzte sich von einer Seite auf die andere.
Irgendwann hatte er davon genug: Er stand wieder auf. Vielleicht ließ sich in der Küche noch etwas von dem Braten ergattern. Danach war es mit dem Schlafen bestimmt einfacher. Mit bloßen Füßen stieg er die Treppe hinunter. Er versuchte, möglichst wenig Geräusche zu machen, da der Rest der Hausbewohner vermutlich schlief. Auf dem Weg zur Küche ging er an den Räumen der Bediensteten vorbei. Die Türen waren alle verschlossen, und es war kein Lichtschein mehr in den Spalten zu sehen. Doch dann kam er bei dem letzten Raum vor der Küche an, Durettas Zimmer. Diese Tür stand ein Stück offen und drinnen brannte Licht. Diether trat heran und öffnete die Tür weiter. Auf einem Schemel sah er Durettas Arbeitskleidung liegen, aber sie selbst war nicht anwesend.
Diether setzte seinen Weg zur Küche fort und hörte bald scheppernde und klappernde Geräusche. Nanu, war sie noch am Arbeiten? Und tatsächlich: Er betrat leise die Küche und sah Duretta, wie sie Töpfe und andere Kochgegenstände wegräumte. Ihre Haare hatte sie offen. Sie war barfuß, wie er, und trug nur ein leichtes Nachthemd. Das war nicht so hübsch und fein wie das seiner Frau, aber der ansehnliche Körper, der darin steckte, machte diesen Nachteil mehr als wett. Durch den dünnen Stoff konnte er sehen, wie die Brüste bei ihren Bewegungen hin und her schaukelten.
»Du räumst noch auf?«
Duretta hatte ihn nicht reinkommen gehört, und als er sie nun ansprach, erschrak sie dermaßen, dass sie am ganzen Körper zusammenzuckte. Sie fasste sich ans Herz, wodurch die Rundung unter dem Nachthemd noch entzückender aussah. Ihr Haar war durch die plötzliche Bewegung so stark durcheinandergeraten, dass es ihr halb ins Gesicht hing. Was für ein hinreißend süßer Anblick das war! Diether musste schmunzeln.
»Haben Sie mich erschreckt«, keuchte sie. Der Schreck hatte ihr den Atem genommen. »Ja, mir fiel noch ein, dass ich vergessen habe, das hier wegzuräumen. Bitte entschuldigen Sie, aber ich dachte, dass alle schon schlafen würden.«
Diether ging ein paar Schritte auf sie zu. Ihre Hände presste sie immer noch unter ihren Busen, und er musste sich bemühen, nicht dorthin zu starren.
»Ja, das wollte ich auch, aber ich konnte nicht. Und dann fiel mir der Braten ein ...«
»Soll ich Ihnen noch etwas davon holen?«
Sie nahm ihre Arme nach vorne und deutete auf die Speisekammer. Wie schade, dass das Nachthemd nun nicht mehr über ihrer Brust gestrafft war.
»Nein, nein, das ist nicht nötig.« Er ging weiter auf sie zu. »Ich habe jetzt doch keinen Hunger mehr.«
Je näher er ihr kam, desto größer wurde seine Erregung. Als er nun direkt vor ihr stand, konnte er sich nicht länger beherrschen. Doch immerhin noch so weit, dass er nur ihre Wange streichelte.
»Aber, Herr«, flüsterte sie und lächelte dennoch.
Er fasste sie ans Kinn und küsste sie auf den Mund. Sie erwiderte den Kuss. Ihre vollen Lippen fühlten sich fest und weich zugleich an. Sein ganzer Körper war inzwischen am Kribbeln und insbesondere in der Körpermitte war seine Erregung nicht mehr zu verheimlichen. Doch gerade jetzt musste er an Alheyt denken. Er löste seinen Mund von Durettas und drehte den Kopf zum Kücheneingang.
»Keine Sorge«, sagte Duretta, seine Bewegung missdeutend. »Die schlafen alle tief und fest.«
Sie zog sich das Nachthemd über den Kopf und ließ es zu Boden gleiten. Ihre Arme schlang sie um seinen Nacken, und sie setzte sich auf seine Hüfte, indem sie die Beine hinter seinem Rücken verschränkte. Er konnte nicht anders, als sie mit den Händen unter ihrem nackten Gesäß zu halten. So küssten sie sich erneut, bis sie ihm zu schwer wurde und er sie auf der Tischkante absetzte. Nun hatte sie die Arme frei, mit denen sie begann, an seinem Nachtgewand herumzunesteln, bis er davon befreit war. Anschließend umschloss sie ihn sofort wieder mit einer Kraft und Hingabe, als hätte sie diesen Augenblick schon lange erwartet und als wollte sie ihn, Diether, nun nicht wieder hergeben.
In den darauf folgenden zwei Stunden, in denen sie sich drei Mal liebten, dachte Diether nicht ein einziges Mal an Alheyt. Später sollten ihn deswegen große Gewissensbisse plagen.
Heute
Wie, zum Teufel, sollte sie so ihren neuen Auftrag der Nordwest-Zeitung rechtzeitig fertig bekommen? Dieser Krach machte sie wahnsinnig. Den ganzen Tag ging das schon so. Am Vormittag hatten die Handwerker unzählige Löcher in die Wände gebohrt. Das damit verbundene Dröhnen ging ihr durch Mark und Bein. Und im Moment stemmten sie mit Bohrhammern die Wände für die Wasser-, Strom- und Abflussleitungen der neuen Küche auf. Gegen diesen Lärm war das Löcherbohren ein Flüstern gewesen. Zu allem Überfluss war Timo nun auch noch quengelig. In seinem Mittagsstündchen hatte er wahrscheinlich keine Minute geschlafen, was ihm jetzt natürlich fehlte. Ständig hing er ihr am Rockzipfel und wollte dieses oder jenes. Inzwischen war sie mit ihren Nerven am Ende. Sämtliche Konzentrationsfähigkeit war dahin.
Sie klappte ihr Notebook zu.
»Komm Timo.« Ihr Sohn spielte auf dem Fußboden ihres Arbeitszimmers. Die Fahrgeräusche der Spielzeugautos, die er mit seiner Stimme imitierte, fielen bei dem Lärm in ihrem Haus kaum auf. »Wir gehen an die frische Luft.«
Sie machten eine halbe Runde um die Dobbenwiese und quer darüber hinweg zurück. Die Luft war herrlich. Es war noch ein schöner Sommertag. Der kleine Spaziergang hatte sie spürbar entspannt.
Im Haus war es bei ihrer Rückkehr tatsächlich ruhiger als vorher. Der Bohrhammer hatte Pause. Stattdessen war jemand nur mit einem normalen Hammer zu Gange, was verglichen mit der vorherigen Geräuschkulisse wie ein leises Klacken war.
Sie begaben sich wieder ins Arbeitszimmer, wo Timo sich erneut seinen Autos widmete. Edithas Blick fiel auf das Schreiben vom Standesamt. An Telefonieren war bei der Geräuschkulisse bisher heute nicht zu denken gewesen, aber jetzt konnte sie den Moment nutzen.
Im Internet hatte sie auf der Homepage der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg ein paar Durchwahl-Nummern des Archivs herausgefunden. Davon rief sie aufs Geratewohl eine an. Es meldete sich eine freundliche Dame, mit der sie einen Termin vereinbarte, an dem sie Einsicht in die Mikrofiches nehmen konnte. Wie sie im Internet gelesen hatte, waren in diesen Mikrofiches die Kirchenbücher gespeichert, bis ins Jahr 1640 zurückgehend.
Kaum hatte sie das Gespräch beendet, stand plötzlich einer der Handwerker in der Tür des Arbeitszimmers und klopfte an den Türrahmen. Er sah aus wie ein Bäcker kurz vor Feierabend, überall mit weißem Staub bedeckt.
»Entschuldigen Sie, Frau Riekmüller«, sagte er. »Es gibt da ein Problem. Das sollten Sie sich vielleicht mal ansehen.«
Er führte sie nach oben in die werdende Küche. Editha erschrak: Dort herrschte das reinste Chaos. Überall lag Schutt, in der Wand klaffte ein riesiges Loch.
»Oh, mein Gott«, konnte sie nur sagen, bevor sie sich die Hand vor den Mund hielt.
Der Handwerker räusperte sich.
»Das sieht schlimmer aus, als es ist«, meinte er mit einer abwinkenden Handbewegung. »Das Problem ist ein anderes.« Er deutete in das Loch. »Wir wollten die neuen Leitungen ja hier entlang legen.« Er zeigte Editha, wie der Verlauf sein sollte. »Aber jetzt sind wir auf einen alten Kaminschacht gestoßen. Der war vorher nicht zu sehen. Und das Problem ist, dass der undicht ist.«
Der Handwerker erzählte davon, dass es reinregnete und es an dieser Stelle immer wieder feucht werden würde, dass sie den Schacht ganz entfernen und die Stelle neu wieder zumauern müssten, dass sie nach oben hin abdichten müssten, dass dies mit Mehrkosten verbunden wäre, und dass er aber dringend dazu raten würde, weil sie sonst immer wieder Ärger damit bekäme. Schon in der Mitte seiner Rede resignierte Editha. Es würde also noch teurer werden und sie konnte nichts dagegen tun.
»Sollen wir diese Arbeiten durchführen?«, schloss der Handwerker seinen Wortschwall ab.
Editha seufzte.
»Wie hoch wären denn die Mehrkosten?«
»Schwer zu sagen. Man weiß bei einem solch alten Haus nie, was noch dazu kommt, wenn man erst mal anfängt.«
Dann klingelte es an der Haustür.
Sie musste es ja sowieso machen lassen. Ansonsten würde sie wahrscheinlich tatsächlich später Ärger kriegen. Ihr Mieter, Mads Burges, war bereits mehrmals hier, um sich über den Fortschritt der Renovierungsarbeiten zu informieren. Er hatte in manchen Punkten extrem genaue Vorstellungen und stellte immer wieder Forderungen. Irgendwie schien er zu ahnen, dass er der einzige übrig gebliebene Interessent war. Und leider war er sehr kleinlich.
»Na gut«, seufzte sie noch mal. »Führen Sie die Arbeiten durch.«
Sie ging nach unten und öffnete. Wenn man an den Teufel dachte: Es war Mads Burges. Was wollte der denn schon wieder? Na ja, was wohl: Mal wieder nach dem Rechten sehen. Angesichts des Zustands der Küche passte ihr das ganz und gar nicht.
»Guten Tag, Herr Burges. Sie schon wieder?«
»Dürfte ich noch mal einen Blick auf die Wohnung werfen?«
Er drückte bereits die Haustür auf und drängelte sich an ihr vorbei. Abermals musste Editha seufzen. Sie folgte ihm nach oben.
Vor der Küche blieb er stehen. Sie hatte mit einem Aufschrei oder mit irgendeiner anderen erschrockenen Reaktion gerechnet, aber Burges sah sich das Geschehen in aller Ruhe an.
»Da drin sieht es schlimmer aus, als es ist«, wollte Editha den Zustand so erklären, wie er ihr gerade erklärt worden war.
Sein kurzer Seitenblick wirkte überrascht.
»Das ist ja wohl normal, wenn eine Küche in einem Raum eingerichtet wird, der ursprünglich nicht dafür vorgesehen war.«
Was war das für ein komischer Kerl, auch wenn er wahrscheinlich recht hatte.
Er sah sich noch die anderen Räume an, ging dann ohne ein weiteres Wort die Treppe hinunter und verließ ihr Haus. Editha sah ihm kopfschüttelnd hinterher.
Die Handwerker packten ihr Werkzeug zusammen.
»Feierabend«, sagte der Lehrling, und ging grinsend an ihr vorbei.
Zum Glück, dachte Editha, dann hatte sie endlich Ruhe für heute.
Unten im Arbeitszimmer fing Timo an zu schreien.
Das Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche war nicht weit von ihrem Haus entfernt. Deshalb beschloss sie, zu Fuß dorthin zu gehen. Timo durfte sein Gokart benutzen, das er über alles liebte, seit er es von seinen Großeltern geschenkt bekommen hatte. Es war zwar nicht so sonnig wie gestern, aber trotzdem ziemlich warm. Editha spazierte und Timo fuhr durch die ruhigen Straßen des Dobbenviertels. Sie überquerten die Hauptverkehrsstraße, die Ofener Straße, wenn sie sich recht entsann, und kamen nach ein paar Querstraßen, die wieder relativ ruhig waren, bei ihrem Ziel an.
Das Gebäude, zu dem sie mussten, sah sehr schön aus. Es war mit einem hellbraunen Stein geklinkert und helleren, beigen Steinen abgesetzt. Das und der kleine Turmausbau an der Vorderseite gaben ihm ein fast schloss-ähnliches Aussehen. Der Eingang befand sich an der Seite. Timo ließ sein Gefährt vor der Treppe stehen und sie gingen hinein.
Drinnen nannte sie ihren Namen und verwies auf ihren Termin. Ihr wurde ein Platz mit Mikrofiche-Gerät zugewiesen. Hier breitete sie ihre Unterlagen aus, ließ aber ein kleines Plätzchen frei, wo sie Timos Malsachen hinlegte. Er machte sich sofort eifrig ans Werk. Und sie ebenfalls.
Das Kirchenbuch hatte ein Personenregister. Also suchte sie zunächst nach dem Namen »Riekmüller«. Sie fand auch einige, die ihr allerdings schon bekannt waren. Die weiteren Eintragungen hatten eine leicht abgewandelte Schreibweise: »Riekhmüller« mit »h«. Das musste sie sich genauer ansehen. Sie wählte also die im Register genannten Seiten. Dort waren die Daten von Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen vermerkt sowie die Geburts- und Sterbedaten der jeweiligen Personen. Vom Standesamt hatte sie ja bereits die Daten ihrer Urgroßeltern erhalten. Diese verglich sie mit den Daten im Kirchenbuch und fand schließlich ihre Ururgroßeltern, bei denen sich der Nachname also noch anders schrieb. Das »h« ist dann wohl nach dieser Generation unter den Tisch gefallen, warum auch immer. Von den Seiten fertigte sie sich eine Kopie an.
Auf diese Weise ging sie weiter vor, und sie fand die Daten ihrer Vorfahren bis ins Jahr 1835 zu ihren vier Mal Ur-Großeltern. Dort endeten die Einträge im Personenregister, die Kirchenbücher reichten aber noch weiter zurück. Die Suche wurde also mühseliger, denn sie musste alle Seiten durchblättern. Irgendwann entdeckte sie ihre fünf Mal Ur-Großeltern. Und nach langer Suche, als sie fast aufgeben wollte, fand sie zwar nicht den Namen »Riekhmüller«, aber »Riekhen«. Sollte es vorher schon einmal eine Änderung des Namens gegeben haben? Warum nicht? Vielleicht war einer ihrer Vorfahren ein Müller und deshalb wurde aus »Riekhen« irgendwann »Riekhmüller«. Auch von dieser Seite machte sie eine Kopie.
Ihre sechs Mal Ur-Großeltern hießen demnach vermutlich Herold und Cecilie Riekhen. Das war enttäuschend. Denn die Jahreszahlen in dem Buch vom Dachboden lagen zeitlich zwischen den Jahresdaten von Geburt und Tod des Ehepaars Riekhen, das passte also. Die Initialen stimmten aber nicht.
Deshalb forschte sie eine weitere Generation zurück und fand, nach erneuter langer Suche, noch mal den Namen Riekhen. Jedoch passten die Initialen wieder nicht, denn ihre sieben Mal Ur-Großeltern hießen Diether und Alheyt. Außerdem waren die beiden schon viele Jahre, bevor das Buch verfasst wurde, gestorben. Der Sohn, Herold, war noch ein Kind.
Timo wurde langsam maulig. Er hatte keine Lust mehr, zu malen. Ständig fragte er, wann er denn wieder Gokart fahren könnte und ob er es nicht ein wenig auf dem Flur tun könnte.
Sie machte schnell Kopien von den letzten gefundenen Seiten und verließ den Platz.
Mit Timo im Schlepptau suchte sie noch einmal die Dame an der Information auf.
»Entschuldigen Sie bitte, ich hätte eine Frage«, sagte Editha. Die Frau lächelte sie an. »Ist es möglich, dass in den Kirchenbüchern Einträge fehlen?«
»Theoretisch schon«, antwortete die Frau, eine graue Maus in den Vierzigern. »Die Kirchenbücher sind nur so vollständig, wie die Pastoren, die sie führten, gewissenhaft waren.
»Also könnte es sein, dass eine Person komplett fehlt?«
»Das ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist in dem Fall, dass von einer Person ein kirchliches Ereignis nicht eingetragen ist, dass zum Beispiel die Trauung fehlt.«
Editha war enttäuscht. Was sollte sie nun tun?
»Wissen Sie, ich bin mir ziemlich sicher, dass einer meiner Vorfahren, der Ende des 18. Jahrhunderts gelebt hat, die Initialen ‚J‘ und ‚R‘ hatte. In den Kirchenbüchern ist aber niemand mit diesen Initialen zu finden.«
Die Dame lächelte geduldig weiter.
»Sie könnten es mal im Staatsarchiv probieren. Dort gibt es über die kirchlichen Daten hinausgehend noch andere Daten für die Ahnenforschung.«
»Staatsarchiv? Und wo finde es das?«
Die Dame griff nach einem Notizzettel, gab etwas in ihren Computer ein und schrieb die Adresse auf. Editha nahm den Zettel entgegen.
»Am Damm«, las sie laut. »Können Sie mir sagen, wo das ist?«
»Im Innenstadtbereich. Dort müssen Sie sich aber auch einen Termin holen.«
»Mist! Dann kann ich ja wieder ein paar Tage warten.«
»Die Zeit können Sie aber nutzen: Sie können bereits online recherchieren, welche Dokumente für Sie interessant sein könnten.«
Am nächsten Vormittag kam sie mit ihrem Artikel für die Zeitung gut voran. Die Handwerker waren heute vergleichsweise ruhig. Die schlimmsten Arbeiten hatten sie am Vortag erledigt, weil sie da den alten Kaminschacht abgerissen hatten. Nun hatten sie anscheinend leisere Aufgaben zu erledigen. Auch Timo hatte sie weitgehend in Ruhe arbeiten lassen, sodass sie mit dem, was sie geschafft hatte, sehr zufrieden war.
Nun wollte sie die Zeit nutzen, in der Timo seinen Mittagsschlaf hielt, und sich wieder ein wenig ihrer privaten Ahnenforschung widmen. Im Internet fand sie die Homepage des Oldenburgischen Staatsarchivs und dessen Telefonnummer. Sie rief an und vereinbarte einen Besuchstermin, der leider erst am Ende der folgenden Woche war. Aber sie konnte ja schon in der Online-Recherche suchen, was sie auch sofort begann.
Als erstes stellte sie einen Benutzungsantrag, den sie für ihren Vor-Ort-Termin benötigen würde, wie ihr der Herr am Telefon sagte. Dann rief sie die Recherche-Funktion auf und fand eine Gliederung der im Archiv vorhandenen Dokumente vor mit einer enormen Anzahl von Untergliederungspunkten. Wenn sie sich dort überall durchklicken wollte, würde sie am Sonntagabend noch hier sitzen. In der Titelleiste entdeckte sie den Begriff »Suche«. Also klickte sie darauf. Es erschien ein Fenster, in das sie einen Suchbegriff eingeben konnte. Sie tippte »Riekhen« ein. Insgesamt gab es 94 Treffer, allerdings für ganz Niedersachsen. In der Navigationsleiste bestand die Möglichkeit, die Suche nach Regionen weiter einzugrenzen. Neben »Oldenburg« stand in Klammern eine 39. Also klickte sie hierauf. Und wieder erschienen viele Untergliederungspunkte, jeweils mit der Anzahl der Treffer dahinter.
Da sie nicht genau wusste, wonach sie hier eigentlich suchte, klickte sie diese der Reihe nach an. Das meiste von dem, was daraufhin auf der rechten Seite erschien, überflog sie nur kurz, bevor sie es als uninteressant einstufte und sich dem nächsten Dokument widmete. Dabei waren Dinge wie Militärsachen und Kirchensachen, ein Dokument sollte von einer Jagdverletzung eines Riekhen handeln, ein anderes von einer Zollstrafsache. Die meisten dieser Dokumente konnte sie aufgrund der nicht zutreffenden Jahreszahlen von vorneherein ausschließen.
Als sie dann bei den Untergliederungspunkten auf »Oldenburgische Vogteien« klickte, wurde rechts endlich ein Dokumenttitel angezeigt, der interessant klang. Es handelte sich um einen Übertragungskontrakt zwischen Diether von Riekhen und der Grafschaft Oldenburg aus dem Jahre 1768. Sie konnte sich dazu noch eine Detailseite aufrufen, die sie ausdruckte. Dieses Dokument wollte sie sich auf jeden Fall ansehen, wenn sie das Staatsarchiv aufsuchte.



