Die Bargada / Dorf an der Grenze

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Zu dritt gingen sie weiter von Stand zu Stand. Es gab immer Neues zu sehen. Was meint ihr, was ein rechter Jahrmarkt ist, das läßt sich nicht in einer Stunde abschreiten! Da waren die Auslagen mit Geschirr für Küche und Haus, mit Binsentaschen und Besen, Kerzenstöcken, Nachttöpfen, Kellen und Bottichen. Die Gaffer stauten sich davor, man kam schier nicht durch. Ein Mann, der aus einem kleinen Karren zierlich Eis auf Tellerchen häufte und mit einem Kompliment herumbot, versperrte den Weg. Ein anderer hockte neben einem Korb voll Wassermelonen und schnitt mit einem großen Messer halbmondförmige Stücke von den Früchten ab. Die Durstigen stürzten sich darauf und bissen hinein, daß die Kerne wegsprangen und der Saft zu Boden floß.
Im wirbelnden Gewühl verlor Bernardo seine Gefährten. Er trieb allein einer stilleren Ecke zu und spähte musternd in einen Stand hinein. Fern von den Händen der Kauflustigen standen da auf Regalen die wundersamsten Dinge. Waren sie aus Zucker oder aus Eis? Sie waren aus Glas. Auf verschnörkelten, zarten Füßchen hielten sich Schalen und Becher schwebend im Gleichgewicht, gerippt und gewunden, mit Rüschen versehen und Fächern verziert, in allen Farben schimmernd, oder halbmatt mit goldenen Tupfen, Flitter und Staub darin. Zerbrechlich, zerbrechlich! Verknäuelte, grüne Schlangen krönten hohe Pokale, silberne Schwäne breiteten ihre Flügel aus, Fische spielten in erstarrtem Schaum. Überall Spitzen und Netze, gedrehte Bänder, bunte Stabbündel, Hörnchen, Zacken und Bogen. Alles aus Glas. Fahnen und Fransen aus Glas, Wassergüsse und Strudel aus Glas, Paläste, Berge und Himmel, alles aus Glas. Dort aber – Bernardo hielt den Atem an –, dort lag das Schönste von all dem Schönen: eine reine Kostbarkeit, eine Kugel. Weiter nichts als eine Kugel, aus Glas auch sie, durchsichtig, schwimmende Funken darüber verstreut, und innen, da war ein Gebilde beschlossen. Eine Blume: samtene Bahnen von glitzernden Kanten umrandet, flimmernde Höhlen, farbig leuchtende Grotten, seltsam gewundene, glattglänzende Zugänge zur Mitte, wo im Kranz zwischen langen Fangarmen ein gleißendes Herz lag. Die Blume war aus rotem Saft. Nein, wenn man genauer hinsah, waren es zwei Blumen, nicht eine. Zwei Blumen aus lebendigem Blut, die ihre Stengel ganz ineinander verwickelt hatten. Auch ihre Blumenblätter schoben sich aneinander, krempelten sich um und um, als wären sie ein einziges Ding. Und dieses Ding strahlte ein Licht aus, ein rotes, von goldenem Sprühen durchglitzertes Licht. Es ist nicht möglich, daß es etwas so Schönes gibt, dachte Bernardo, ich träume. Es zog ihm das Wasser im Munde zusammen vor Begierde, das Ding zu berühren. Wie mußte es sich anfühlen? Wie ein Riesenmarmel, zuerst kalt und dann warm, wie die eigene Hand.
Die Verkäuferin näherte sich und fragte ihn, ob er etwas wünsche. Sie bot ihm allerlei an. Bernardo sah nur die Kugel. Schließlich fragte er nach dem Preis. Das Ding sei nicht zu verkaufen, es liege nur da, daß man es ansehe. Das stimmte wohl, so etwas war nicht zu kaufen. Er wäre weiter und weiter davor stehengeblieben, wenn ihn nicht Peppo aufgefunden und am Arm weitergezerrt hätte. Ganz benommen folgte Bernardo dem Freund.
Auf einem kleinen Platz, wo Wege sich kreuzten, standen in dichtem Ring Leute und klatschten. Was gabʼs denn da zu sehen? Peppo drängte vorwärts. Sie vernahmen die Schläge der Pauke und zu mageren Klängen einer Drehorgel aufmunternde Zurufe und Befehle. Über die Köpfe der Gaffer hinweg war auf der Achsel eines dunkelhäutigen Menschen ein kleiner Affe zu erspähen. Er hielt sein Händchen ausgestreckt und bat mit eindringlichen Gebärden um milde Gaben. Doch nicht das Äffchen konnte die Leute so fesseln, es mußte etwas anderes sein. Plötzlich gewahrte Bernardo zwischen zwei Zuschauern den Kopf eines Bären. Er fuhr erschrocken zurück. Peppo bemerkte seine Angst und lachte ihn aus. «Ein Tanzbär!» meinte er verächtlich. Mit den Ellbogen bahnte er einen Weg nach vorn und zog den widerstrebenden Bernardo nach, der nun, in der ersten Reihe stehend, das Tier genugsam von nahem betrachten konnte. Sein Schreck war nicht verklungen. Er zitterte, so oft der Bär sich tanzend ihm zuwandte. Aber gleichzeitig besah er sich neugierig die Bestie. Er war enttäuscht. Das sollte eine Bärin sein? Er hatte sich eine solche ganz anders vorgestellt, viel größer und fürchterlicher, mit Augen wie aus Phosphor und einem rauchenden Rachen. War das alles? Eigentlich eine armselige Kreatur. Ein Ring in der Nase, Ketten an den Füßen und das schäbige Fell hinten verunreinigt, daß es in stinkenden Zotten einen widerlichen Anblick bot. Das war alles? Plötzlich lachte er laut auf. Als er vorhin für Teresina den Hut kaufte, war eine seltsame Schwere über ihn gefallen. Auch während er sich an der Glaskugel entzückte, hielt sie ihn nieder, ja, sie vertiefte sich zu leiser Angst. Die lächerliche Erscheinung des Bären nun, obwohl sie ihm zuerst Furcht eingejagt hatte, enthob ihn der drückenden Laune. Unvermittelt verfiel er in große Lustigkeit.
Bei Tisch wußte er die besten Scherze vorzubringen, antwortete am witzigsten, erzählte die gewagtesten Geschichten und übertrumpfte sich zum Schluß selbst durch eine Fertigkeit, die er soeben an sich entdeckte. Um der Hitze auszuweichen, hatte sich die Gesellschaft im Sälchen der Osteria das Essen auftragen lassen. Die Speisen zogen Schwärme von Fliegen an, die lästig wurden und über die sich schließlich alle beklagten. Bernardo, der ziemlich getrunken hatte, hob lässig die Hand, um eine Fliege zu vertreiben. Sie flog ihm zwischen die Finger, die er nur zu schließen brauchte – schon war sie gefangen. Er schob sie unter ein umgekehrtes Glas. Ein zweites Mal gelang ihm dasselbe. Da rief er den andern über den Tisch hin zu, sie sollten schauen, wie man es mache, um die Fliegen loszuwerden, man nehme sie ganz einfach so – und so – und so. Er griff ruhig in die Luft, und jedesmal erwischte er eine Fliege, nicht anders, als ob es das Einfachste der Welt wäre. Man lachte, man versuchte, es ihm nachzutun. Es gelang niemandem, während er weiterfuhr, gemächlich Fliege um Fliege aus der Luft zu pflücken und unter die nächsten Gläser zu sperren, wo sie wild durcheinander surrten. Aus dem anfänglichen Lachen um ihn herum wurde stürmisches Gelächter, Gebrüll, dröhnendes Toben. Leute, die draußen saßen, kamen an die offenen Fenster und starrten hinein, schnell von der Heiterkeit gewonnen. Neugierige drängten nach. Bald waren alle Fenster mit Pyramiden von Leuten angefüllt, die kreischend zusahen, wie Bernardo mit größter Ruhe die Fliegen, ohne je eine zu verfehlen oder eine Bewegung zuviel zu machen, eine nach der andern einfing. Er begriff nicht, wie es zuging, er hatte nie geübt, Fliegen zu fangen. Es ist wie beim Bocciaspiel, dachte er, es geht von selbst. Man klatschte ihm maßlosen Beifall, der sich bis auf die Straße fortsetzte. Im Taumel seines Erfolges vergaß er den Hut aus der Heimat, den Riesenmarmel und die Bärin. Er war glücklich.
In später Nacht, nach viel Tanzen und Singen unter den lampionbehangenen Bäumen des Wirtschaftsgartens, holte er sich bei Teresina den Dank für sein Geschenk.
II. Zwiespalt
Als Bernardo ins Alter kam, erhielt er den Befehl, sich zum Militär zu stellen. Die Armini waren keine Soldaten. Sie hatten es immer noch verstanden, sich dem Dienst zu entziehen. Mochten andere sich dazu hergeben. Sie nicht, sie waren dafür zu gut. Bernardo entschloß sich aber, ohne bestimmten Grund, es anders zu halten. Bis dahin hatte er selten der Heimat gedacht. Stiegen in ihm Erinnerungen auf, verscheuchte er sie mit einem Witz. Nun aber, als er das Aufgebot in der Hand hielt und darauf starrte, war es ihm, er schaue in einen Guckkasten und erblicke darin, von Wetterschein ungewiß beleuchtet, die Bargada. Gut denn: das gab Gelegenheit, einmal nach den Alten zu sehen.
Pfeifend und singend packte er seinen Handkorb und nahm Abschied. «Für kurze Zeit, für kurze Zeit!» rief er den Kameraden zu, die ihn zur Bahn begleiteten. Solange der Zug durch die Ebene klapperte, sah er, die Füße von sich gestreckt, die Hände in den Taschen, gleichmütig Felder sich drehen, auf denen der junge Mais schon hoch stand, Bewässerungsrinnen das Land durchziehen, einzelne große Höfe in ihren weiten Anlagen stehen. Es ging ihn nichts an. Er schälte sich eine Orange und warf die Schalen unter die Bank. An der Grenzstation hielt der Zug lange. Über das Dach des Bahnhofgebäudes ragten Berge auf. Schau, Berge! Schnee lag noch auf den höchsten Kuppen. Frühling! Bernardo schnupperte die Luft. Sie roch nach Kohle. Er schneuzte sich in sein frisches Taschentuch. Es wurde schwarz. So ein Dreck, dachte er. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr durch hügeliges Gelände in raschen Kurven dem Gebirge zu. Bernardo stand aufrecht und schaute hinaus. Er reckte den Hals oder zwängte den Kopf durchs halboffene Fenster, um mehr vom Vorüberflirrenden zu fassen. Es ging dem Seeufer entlang, an Dörfern vorbei, die sich immer rascher folgten, durch Tunnels und Schluchten, auf die Höhe, von der aus über üppige Kastanienwälder hin die Mauern und Türme der Hauptstadt zu sehen waren. Sie lag da auf niedrigen Hügeln, vor dem Eingang des Tales, abwehrend, finster und stolz. Da wären wir denn. Er fühlte sich halb schmerzlich, halb freudig bewegt. Der Zug rasselte in Hast den Hang hinunter, als könne er nicht mehr warten, anzukommen. Die Lokomotive pfiff schrill bei jeder Brücke, jedem Übergang, daß es Bernardo in den Ohren gellte. Er nahm seinen Korb, riß die Türe auf und fuhr das letzte Stück auf der Treppe, über das Getrommel und Gehämmer der Räder lachend, barhäuptig im starken Wind.
Statt auf die Post zu warten, machte er sich zu Fuß auf den Weg in sein Tal hinauf. Je höher er stieg, desto schöner erschien es ihm. Hatte er das alles früher nicht gesehen? Angebaute Felder, Wiesen und Matten, hohes Gras und Blumen, Hügel an Hügel, Gehölz, wilde Kirschbäume in Blust, Tannenwälder, Wasserfälle, die schäumend über Felsen stürzten, Flühe, Gräte, Spitzen hinter Spitzen, darüber ein seidiger Himmel, in dem ein dünnes Mondschiffchen dahinfuhr, und ganz weit oben, inmitten der Herrlichkeit, der grüne Buckel der Bargada. Wo hatte er seine Augen gehabt? Begeistert zog er bergan und gönnte sich vor Ungeduld kaum eine Rast.
Doch kurz bevor die Straße in die Bocca delle Torre einbog, setzte er sich an den Wegrand. Er überlegte. Sie ahnten zu Hause nicht, daß er komme. Er würde sie überraschen. Auch er würde vielleicht überrascht sein von der Bargada, wie ihn das Tal überraschte, dieses Tal, von dem er erst heute begriff, wieso der Vater in ernstem Tone sagen konnte, es sei das schönste Tal der Welt. Er suchte sich seine Leute vorzustellen, den Vater, die Mutter, die Alte, die Schwester. Er konnte sich kein Bild von ihnen machen, er wußte nicht mehr, wie sie aussahen. Darüber nachsinnend, folgte er mit dem Blick dem Berggrat im Norden. Schau, über dem Kirchturm des Dorfes, der von unten her darauf wies, lag die Frau. Mit gespreizten Beinen und hochaufgewölbtem Leibe, nicht anders als früher, wenn er sie auf dem Schulweg betrachtete und sich über ihr Benehmen schämte. Ein weißer, sehr dünner Schleier deckte sie halb zu. Trotzdem erkannte Bernardo jede Einzelheit: die gewölbte Stirne, den langen Rücken der Nase, die wulstigen Lippen, Kinn und Hals, die schweren Brüste, den kugeligen Leib, von wo aus die Beine sich öffneten – genau so lag sie, wie er sie zum ersten Male sah. Nicht einmal das einzelne Haar, das ihr unter der Nase stand, hatte sich verändert. Bernardo spürte es sauer im Munde aufsteigen, aber das kam vom Sauerampfer, den er gekaut.
Beim Hause angekommen, trat er ein und stieß die Türe zur Küche auf. Drei Frauen hockten um den Tisch und rührten stumm in ihren Kaffeetassen. Er erkannte nicht sogleich, welche von ihnen die Mutter war, so ähnelten sie einander, so gleich alt sahen sie aus. Alle verrunzelt und grau, mit tiefen Furchen neben der Nase und Säcken unter den Augen, das strähnige Haar wirr um den Kopf. Aus der Herdasche erhob sich eine Katze und machte gähnend einen Buckel. Die Türe zum Keller stand halb offen. Dort hinten tropfte Wasser. Es roch nach Moder und Rauch.
Die Frauen hielten im Rühren inne und schauten Bernardo an, als wäre er ein zudringlicher Fremder. Endlich rief die Mutter aus: «Nein, er ist es!» Bernardo trat herzu und küßte Detta, die vor Freude schluchzte, auf beide Wangen, reichte der Schwester die Hand – er fand, die ihre fühle sich an wie ein Lappen – und nickte der Alten zu. «Setz dich und trink mit!» forderte Orsanna ihn auf, «und berichte, was dich herführt!»
«Wo ist der Vater?» fragte Bernardo dagegen. «Im Garten», meckerte die Tante und wackelte mit dem Kopf.
Bernardo stellte seinen Korb zur Seite und eilte davon, die kleine Treppe zum Garten hinauf. Der Duft der Pfingstrosen stieg ihm in die Nase, so süß, fast widerlich, daß er die Hand aufs Herz drückte. Er ging der Mauer entlang. Die Steine waren warm. Eine Eidechse sonnte sich darauf. Sie guckte ihn pfiffig an und verschwand dann in einer Spalte. Beim Gartenhaus sah er den Vater stehen. Er sprang ihm entgegen.
«Da bist du ja», sagte Tomaso, ohne die Augen von der Rebe zu heben, die er eben aufband. «Siehst du, sie schlägt aus.»
Die Männer setzten sich nach der Begrüßung auf die Mauer, den Rücken der Sonne zugekehrt, und schauten schweigend zu den steilen Hängen hinauf. Die Wiesen davor standen voller Blumen, und dort, wo das Gestrüpp begann, loderte gelber Ginster. Der Vater streifte Bernardo mit einem Blick und sagte, stolz und ergeben in einem: «Schöner Tag!» Bernardo nickte. Schöne Bargada, schönste Bargada! Wie lange war er fort gewesen und hatte das alles vergessen! «Bald könnt ihr heuen», gab er zurück.
«Ja, Arbeit ist genug, es ist nicht das, was hier fehlt», sagte Tomaso mit Bedeutung. Bernardo verstand. Sollte er nun ausrufen, er, er werde mähen? Einen Herzschlag lang glaubte er, es sei getan, er sei wieder zu Hause und fange gleich morgen mit Heuen an. Da rief Orsanna mit schriller Stimme nach den Männern. Die drei Frauen in der Küche fielen ihm ein, gleich alt, gleich häßlich; sie rührten in ihren Tassen, als hätten sie all die Jahre hindurch nichts anderes getan; die gähnende Katze, das Glucksen des Wassers tief im Keller, der Modergeruch … Im Zwiespalt seiner Gefühle würgte er hinunter, was er eben hatte herausschreien wollen. «Wir kommen», rief der Vater. Doch blieb er sitzen und wartete, als könne er damit den eben verflossenen günstigen Augenblick zurückrufen. Er fand Bernardo verändert, jetzt, da er ihn aufmerksam betrachtete. Aus dem Buben war ein Mann geworden. Noch hatten seine Augen den frühern weichen Glanz, doch verrieten sie mancherlei Erfahrung, die der Vater mehr ahnte, als daß er sie hätte benennen können. Das Haar trug er seitlich kurz geschnitten, auf dem Kopf zu einer welligen Mähne aufgebauscht. Die Nase war die Armininase, groß und kühn. Der Mund aber war fremd. Niemand in der Sippe hatte diese aufgeworfenen breiten Lippen. Die mußte er sich von Mutters Seite her geholt haben. Sonst war er ein ganzer Armini, schloß der Vater stolz die Prüfung, gleichzeitig bedrückt, daß dieser Armini die angestammte Pflicht nicht übernehmen wollte.
Im Laufe des Abends ging er mit dem Sohn über die Felder und Matten, in den Stall, durch das Gehölz, zeigte ihm alles und schaute verstohlen, ob nicht der freudige Ausdruck auf das junge Gesicht wiederkehre, den er diesen Morgen aufgefangen. Nein, das Gesicht blieb unbewegt. Enttäuscht dachte der Alte, die Zeit sei noch nicht da.
Es war mitten in der Rekrutenschule. Bernardo und ein paar seiner Kameraden benützten einen Urlaub, um die alte Burg zu besuchen, die auf einer Anhöhe, nahe dem Städtchen, wo er Dienst tat, übers Land schaute. Der Ruf, die Burgwartsfrau, die eine kleine Wirtschaft führte, schenke einen guten Wein aus und habe eine hübsche Tochter, lockte die Soldaten mehr als die schöne Aussicht. Sie zogen singend durch den lichten Wald bergan und trieben Schabernack und Unfug.
Wo der Wald aufhörte und in Matten überging, kniete an einem flachen Brunnentrog ein Mädchen. Sie wrang Wäsche aus und legte sie, Stück für Stück, in die danebenstehende Hotte. Etwas ängstlich schaute sie auf die jungen Kerle, die, kaum hatten sie die Wäscherin bemerkt, im Wettrennen auf sie zustürzten, als kämen sie vor Durst um und suchten bei ihr Erquickung. Sie erwiderte knapp die überschwenglichen Begrüßungen und beeilte sich, mit ihrer Arbeit fertig zu werden. Da erlaubte sich der eine eine anzügliche Bemerkung. Das Mädchen wurde rot. Die Burschen brachen in wieherndes Gelächter aus. Es war der pure Übermut, weiter nichts. Aber Bernardo faßte eine plötzliche Wut. Er packte den Frechen und warf ihn vor dem Mädchen zu Boden. Dieser ließ sich die Demütigung nicht gefallen. Er erhob sich flink und stürzte sich mit Wucht auf Bernardo. Die andern mischten sich in den Streit. Es entstand eine Prügelei, und ehe man sichʼs versah, floß Blut. Bernardo trug einen Schnitt im Arm davon. Die Gesellschaft war ernüchtert. Das Mädchen, das entsetzt dem Tumult zusah, bot ein Wäschestück an, das Blut zu stillen. Sie legte es Bernardo geschickt um den Arm. Er lächelte sie an und sie senkte die Augen.
Der Streit hatte Folgen. Die Verletzung war nicht zu verheimlichen gewesen. Die Burschen mußten mit der Wahrheit herausrücken. Sie wurden bestraft. Bernardo kam ins Krankenhaus, dann in Arrest. Es ließ ihn gleichgültig. Seit der Begegnung mit der Wäscherin war er in einem sonderbaren Zustand. Er hielt ihn nicht für Verliebtheit. Er wünschte nicht einmal sehr, das Mädchen wiederzusehen. Er staunte nur in sich hinein, in ungewohnter, heißer Schläfrigkeit, ganz innern Bildern hingegeben, die sich mit Erinnerungen aus der Kinderzeit mischten. Die schöne Traummutter, Teresina in Mailand, die weiße Frau aus dem Kinderbuch, die ihn ansah, die buntlackierten Damenbildnisse der Marzipanschnitten, Alda, das blonde Mädchen vom Dorf, die Diven in rosa Trikots, deren verfängliche Photographien er gelegentlich im Guckkasten bewundert hatte, die Kellnerinnen Carmen und Rosita und wie die Zufallsbekanntschaften heißen mochten, er konnte sie nicht mehr auseinanderhalten. Sie verwuchsen zu einer einzigen, in voller Schönheit ihm vorschwebenden Figur, die ihn durch ihre Nähe bedrängte. Er konnte ihr keinen Namen geben, aber er glaubte, der Name der unbekannten Wäscherin würde ihr am besten passen. Sein erster Ausgang führte ihn dann zum Brunnen am Waldrand, und er war enttäuscht, das Mädchen dort nicht zu finden. Sie hatte ja nichts anderes zu tun, als auf ihn zu passen, spottete er über sich, und stieg weiter, bis zur Burg, die er damals wegen des Streites nicht erreicht hatte. Durch ein breites, offenes Tor trat er in den Hof. Er war leer. Nur ein Huhn gackerte herum. Vor dem Hauptgebäude standen Granittische und grün gestrichene Bänke. Er setzte sich. Wie still es hier war. Fast wie auf der Bargada.
Aus der Haustüre trat eine Frauengestalt. Bernardo, geblendet von der Sonne, legte die Hand über die Augen, um besser zu sehen. Sein Herz klopfte. Es war das Mädchen vom Brunnen. Sie machte eine Bewegung auf ihn zu, hielt sich dann zurück und fragte schüchtern nach seinem Begehr. Bernardo schwieg. Er nahm aus der Brusttasche ein weißes Tuch, sorgsam gefaltet, und hielt es ihr hin. Es war das Wäschestück, das sie ihm um den Arm gewickelt hatte. Sie nahm es und dankte. Dann lachten beide auf. Das Mädchen wollte die Narbe sehen. Er schob den Ärmel hoch, daß am braunen Arm der hellrote Strich sichtbar wurde. «Es hätte dumm gehen können», meinte das Mädchen. «Es ist aber gut gegangen», fand Bernardo und zog sie neben sich auf die Bank.
Nun erst konnte er sie richtig betrachten. Sie sah anders aus, als er gemeint hatte. Kein blondes Lockengewirr, nur schlichte, dunkelbraune Zöpfe, ordentlich um den Kopf geschlungen, und statt der honigbraunen Augen mit den Funken darin ein sehr dunkler, ernster Blick. Sie war ganz anders, ach, aber sie war hübsch, und sie gefiel ihm. Auch ihr Wesen, vorsichtig und doch zutraulich, fand er reizend. Bald plauderten sie wie alte Bekannte. Um ein weniges und er hätte ihr von der Bargada erzählt. Wie kam er dazu? Die lag doch hinter ihm!
Als die Mutter des Mädchens, die Wirtin, aus dem Hause kam, um nachzusehen, warum die Bestellung so lange daure, hielt Bernardo das Mädchen mit einem Arm umschlungen. Die jungen Leute schauten einträchtig und versunken ins Land hinaus. Über ihnen schwirrten und zwitscherten die Schwalben. Die Wirtin traute ihren Augen nicht. Was fiel Bellinda ein? Sonst brachte sie die Tochter kaum dazu, einen Gast zu bedienen, und nun setzte sie sich mit dem ersten besten an den Tisch und tat schön mit ihm. Zornig segelte sie heran, daß die Falten ihres weiten Rockes wedelten, und schlug mit der Hand auf den Tisch. Bellinda schien nicht zu wissen, wie ungewöhnlich ihr Benehmen war. Sie stand auf und sagte freudig zu der Mutter: «Das ist der Soldat, der sich für mich einsetzte.» Die Mutter, etwas besänftigt, hatte nicht im Sinn, schon einzulenken. Unwirsch murrte sie: «Ein feiner Soldat, der mit Messerhelden geht!» Bernardo wehrte sich für den Freund, er sei sonst recht, sie seien eben hitzig geworden, und so geschehe schnell ein Unheil. Es lohne sich übrigens nicht, davon zu sprechen. «So, so, es lohnt sich nicht», sagte spitzig die Frau, «aber es lohnt sich, wie ich sehe, meiner Tochter nachzustellen!» Zu Bellinda gewendet, befahl sie: «Geh ins Haus!» Dann kehrte sie sich mit gemachter Freundlichkeit zu Bernardo: «Und was wünscht der Herr?» Bellinda stand beschämt auf und verschwand in der Haustüre. Bernardo aber sagte: «Wenn Ihrʼs so nehmt, dann könnt Ihr auch Euren Wein behalten. Es gibt Orte, wo man freundlicher ist», schnallte seinen Gurt um, den er abgelegt hatte, schob sich die Mütze auf dem Kopf zurecht und ging mit lauten Schritten zum offenen Tor hinaus.
Doch wo und wann hat eine strenge Mutter ihre Tochter verhindern können, Mittel und Wege zu finden, sich mit ihrem Liebsten zu treffen! Bellinda und Bernardo kamen zusammen, zufällig zuerst, dann auf Verabredung hin immer häufiger und immer länger. Oft kehrte das Mädchen erst spät und zerzaust nach Hause zurück. Die Mutter wußte ziemlich genau, was die Tochter trieb, doch schwieg sie dazu. Der Militärdienst würde ein Ende nehmen und Bernardo fortziehen, wie das so geht mit Soldaten, Bellinda den Kopf hängen lassen und den Burschen vergessen. Kindereien!
Sie irrte sich. Die Liebe zwischen den beiden war nicht leichter Art. Weder Bellinda noch Bernardo wollten einander lassen. Es war beiden klar, daß Bernardo einen neuen Arbeitsplatz im Städtchen suchen müsse, damit sie bald heiraten könnten. Freilich, der Verdienst würde gering sein. Große Sprünge konnten sie nicht machen, denn Bellindas Mutter, das war sicher, würde ihnen nichts beisteuern, und den Vater um Hilfe angehen, das kam nicht in Frage. Nun, sie waren beide jung und gesund, es mußte gehen. Lebten nicht genug andere ebenso bescheiden, wie es ihnen vorgeschrieben war! Und Bernardo konnte sich hinaufarbeiten. Auch der Vetter in Mailand hatte als Arbeiter begonnen. Nur vorwärts!
Es gab zwei Malermeister am Ort, Nerina erede di Nerina und Rossi, beide alt und als schwierig bekannt. Sie lagen in ständigem Krieg miteinander, denn, war der eine eine Hauptstütze der Kirche, so feierte der andere Triumphe als Redner an Arbeiterversammlungen. Ihre Kundschaft bestand aus den Anhängern der beiden Parteien, die sie zierten, und eher wäre im Sommer Schnee gefallen, als daß je ein Gartenzaun der einen vom alten Nerina gestrichen oder eine Schlafkammer der andern von seinem Rivalen Rossi geweißelt worden wäre. Man hielt im Städtchen auf Ordnung. Bernardo mußte sich also entscheiden, zu welchen er gehören wollte. Nicht leicht für ihn, denn weder waren ihm die Grundsätze des Nerina teuer, noch traute er den Ansichten des Rossi. Ohne Wahl ging es aber nicht. Und so traf er sie, lieber mit den Wölfen heulend als mit den Schafen blökend, wie er Bellinda erklärte, und stellte sich bei Rossi vor. Er hatte Glück. Dem alten Plagegeist war ein Arbeiter entlaufen, und Bernardo bekam seine Stelle.
So waren die Liebenden nach einem Jahr verheiratet. Mutter Bice hatte eingesehen, daß sie mit der Tochter nicht fertig wurde. Sie mußte ihr den Willen lassen. Doch wünschte sie, das Paar solle bei ihr wohnen. Bellinda sei zu unerfahren, einen eigenen Haushalt zu führen, und zudem begehre sie, die Mutter, nicht allein zu bleiben. Es wurde eine Kammer im Turm für die Jungen eingerichtet. Als der Raum frisch gereinigt war, zeigte Bernardo seine Kunst. Er malte nach der schönsten Vorlage, die er auftreiben konnte, auf die gewölbte Decke eine reiche Dekoration: Sträuße und Gewinde von Farnkraut und Schlingpflanzen, Blumenkränze, Rebenranken mit vollen, blauen Trauben, und in der Mitte, in einem rosigen Himmelsgrund, Vögel, Schmetterlinge und zwei schöne nackte Engel, die Vergißmeinnicht streuten und freundlich winkten, alles so deutlich, als könne man es greifen.



