Die Bargada / Dorf an der Grenze

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Die Mutter schalt wegen des überflüssigen und anstößigen Bildes, wie sie überhaupt an allem, was Bernardo unternahm, gerne etwas aussetzte. Es war aber mehr aus Gewohnheit, und weil sie den Übergang zu einem andern Ton nicht fand. Im Grund war sie froh, die Tochter verheiratet und einen Mann im Haus zu haben, der, so jung er war, doch zum Rechten sah.
Die Heirat des Sohnes wurde auf der Bargada lang und breit erörtert. Detta wollte darin eine Annäherung Bernardos an die Heimat sehen, Tomaso eher den Beweis, er gebe sie auf, da er, entgegen jedem Brauch, ins Haus der Frau einziehe. Sie führten eifrige Wortgefechte darüber.
Orsanna hörte stumm zu. Sie hätte allen Grund gehabt, sich zu freuen. War nicht der sehnlich erwartete Augenblick gekommen, den Eltern Giovanni als Schwiegersohn und Ersatz für Bernardo vorzuschlagen? Das Schwätzen der Alten verdroß sie jedoch nur, denn zwischen ihr und dem Jungen stand es nicht zum Besten. Es war gar nicht an der Zeit, den Eltern von ihren Plänen zu sprechen.
Die zänkische Freundschaft, in die ihre verliebte Lust sich gewandelt hatte, war daran, langsam in Feindschaft überzugehen. Sie glaubte, dahinterzukommen, warum Giovanni sich wehrte, auf den Hof einzuheiraten. Er fürchtete sich, das war es; er fürchtete sich vor dem Unerklärlichen, das sich dem Gerede der Leute nach auf der Bargada begeben sollte. Es entfielen ihm Äußerungen, die verrieten, woher er seine Weisheit bezog: aus der Wirtschaft «Zur Post». Und daß die alte Paulina aus früherer Enttäuschung gegen die Armini hetzte, war nichts Neues. Giovanni, der Dummkopf und Hasenfuß, fürchtete aber auch sie, Orsanna. Seit langem schon bemerkte sie sein wachsendes Mißtrauen. Wollte sie ihn deswegen zur Rede stellen und auslachen, tat er großartig, für wen sie ihn halte, er sei kein altes Weib, dem man Märchen anhängen könne. Wenn auch die Heftigkeit solcher Beteuerungen verdächtig genug war und eher auf das Gegenteil schließen ließ, Orsanna war bereit, zu glauben. Dann fand sich aber ein weiterer Grund, Giovanni gram zu sein. Alda. Ahnung und Verdacht wurden ihr zum Wissen. War der Junge nicht feige, so war er falsch. Ihre Spürnase sagte ihr, daß Giovanni immer öfter in der Wirtschaft «Zur Post» sitze und bald nicht mehr herausfinde, ob es sei, um Alda über die Bargada auszufragen, oder ob er seine Neugierde vorschiebe, um in Aldas Nähe zu bleiben.
Trotz alledem gab sie die Hoffnung nicht auf, den Widerspenstigen einmal auf den Hof zu zwingen. Vorausschauend veranlaßte sie ihn, ihr in besondern Fällen beizustehen, einen Brief zu schreiben, den der Vater nicht mehr schreiben mochte, eine Angelegenheit zu ordnen, eine Auskunft einzuziehen, so daß er mit allem, was die Bargada anging, vertraut war. Er hatte einst nur hineinzuspringen. Die geheime Sorge, der Bruder könnte auf den Hof zurückkehren wollen, war sie los. An seiner Hochzeit, die sie als Abgesandte der Eltern mitfeierte, konnte sie sich davon überzeugen, daß Bellinda, ein verwöhntes Stadtmädchen, wie es ihr vorkam, nie daran denken würde, Bäuerin zu werden, gar in dem für seine Rauheit berüchtigten Tal. Der Bruder war dem Hof verloren.
Das Weitere mußte man abwarten. Seit seinem kurzen Besuch zu Hause hatte Bernardo alle Gedanken an die Bargada begraben. Er war mit Bellinda glücklich. Darüber hinaus zählte nichts. Nun war es aber gerade Bellinda, die ihn an einen neuen Besuch zu Hause denken hieß. Schließlich hatten die Eltern das Recht, seine Frau kennenzulernen. Sie würden sich wundern. Und auch Bellinda mußte die Bargada sehen, erfahren, woher er stamme, und auch sie würde sich wohl wundern. Nicht ohne Gewissensbisse dachte er daran, daß er der Frau nie etwas davon erwähnt hatte, was ihn vom Elternhaus wegtrieb und fern hielt. Sie hätte es wissen müssen, nicht? Oder war es überflüssig, sie von Unerfreulichem zu unterrichten, mit dem sie kaum in Berührung kommen sollte? Es war schließlich eine ausgemachte Sache, daß er nie ins Tal zurückkehren würde, um dort zu leben. Und nur wegen des Besuches bei den Alten sie in seine Kindernöte blicken lassen? Besser, weiter schweigen. Er entschloß sich aber, im ersten Frühling ihrer Ehe Bellinda den Eltern vorzustellen.
Die junge Frau fürchtete sich vor dem Besuch. Es war ihr unmöglich, sich ein Bild von Bernardos Heimat und Leuten zu machen. Er sprach selten von der Bargada und stets in einer abgemessenen Art, die sie einschüchterte. Sie hätte die Reise lieber noch hinausgeschoben, doch Mutter Bice drang darauf, es gehöre sich, endlich die Schwiegereltern zu begrüßen. Im stillen wunderte sie sich schon längst, wie wenig Eile Bernardo habe, seine Frau den Eltern zu zeigen, und fragte sich, wessen er sich schäme, ob Bellindas vor den Eltern oder der Eltern vor Bellinda. Es war Zeit, ins reine zu kommen, und so trieb sie zur Reise.
Der Tag, an dem das Paar die Fahrt im Postwagen durchs Tal hinauf unternahm, war so schön, die Bargada glänzte schon von weitem so grün und verheißungsvoll, daß die jungen Leute ihre unausgesprochenen Besorgnisse vergaßen und sich der Freude des ungewohnten Reisevergnügens hingaben. Sie hatten sich angemeldet. Vater und Mutter standen vor dem Haus, Orsanna sprang, den Wagenschlag zu öffnen. Bernardo überblickte rasch die Gesellschaft. Er war erleichtert, die alte Giulia nicht zu sehen, als wäre mit ihr alle Bedrohung ferngehalten. Sie tauchte später erst auf, sich zu den Frauen zu gesellen, die entzückt um Bellinda herumstanden und sie bewunderten. Die Stimmung war aber so heiter, daß das befremdliche Aussehen und Gehaben der alten Frau nicht mehr störten. Bellinda fand auch ihr gegenüber den rechten Ton. Von da an nahm die Lustigkeit überhand. Bernardo fragte sich, ob er verzaubert sei oder früher alles falsch gesehen habe. Wo war da unheimlich Düsteres? Seiner überflüssigen Bedenken wegen schalt er sich einen Toren.
Oder war es bloß Bellindas Frohsinn, der alle Schatten vertrieb, war es ihre rasch entzündete töchterliche Liebe zu Detta, ihr liebliches Staunen über den Familienbesitz, der ihre gewagtesten Erwartungen übertraf? Oder nahmen sich vielleicht bloß alle vor dem Besuch zusammen, um die junge Frau über das wahre Gesicht der Bargada zu täuschen? Er fand die Antwort nicht, aber er freute sich an den ungewöhnlichen Anstalten, die getroffen worden waren, Bellinda zu ehren: Lammbraten, Eierspeisen, Kuchen und Süßigkeiten. Er lauschte belustigt dem eifrigen Gespräch der Frauen über Einrichtung und Hauswäsche und genoß stolz die sich immer wieder lärmend äußernde Freude an Bellindas schöner Jugend. Ein Vergnügen, das er sich wahrlich eher hätte leisten können.
In freien Stunden wanderte er auf dem Hof herum, schaute hier und dort hinein, stieg über die Matten, sie waren mager, besichtigte den Stall, es stand nur noch eine Kuh darin, prüfte und untersuchte. Im Garten wuchs mehr Unkraut als Kraut, hinter dem Haus lagen Abfälle aller Art, verlechte Zuber, Faßreifen, Leitern ohne Sprossen, am Zaun hingen vergessene Wäschestücke, die an der Sonne vergilbten. Vieles war nicht in Ordnung, und er nahm sich vor, Orsanna darüber zur Rechenschaft zu ziehen. So konnte die Wirtschaft nicht weitergehen. Vater und Mutter waren zu alt, sie leisteten nicht mehr viel. Ein Knecht mußte eingestellt werden.
Als er die Schwester zufällig im Heustock traf, fing er gleich von dem zu reden an, was ihn beschäftigte.
«Was kümmertʼs dich?» fragte Orsanna scharf. «Schau du zu deiner Sache!»
«Eben, ich schaue dazu», gab er deutlich zurück.
«Ich glaubte, zu wissen, deine Sache sei das Anstreichen», sagte sie spöttisch, «das Anschmieren!»
«Was nicht hindert, daß das da alles doch meine Sache ist!» Sein Ton klang herausfordernd, und Orsanna schwieg. «Also wird ein Knecht eingestellt?»
«Der Knecht will Lohn, Essen, Kleider. Es schaut heute knapp genug heraus für uns … Nicht ein Knecht fehlt hier, ein Meister», sagte sie frech. «Soll ich für einen Meister sorgen?»
Bernardo wußte nicht, was aus dieser Antwort schließen. Er war betroffen. Gewiß, ein Meister wäre nötig, und er hätte Meister zu sein. Aber er, er wollte hier nicht Meister sein. Er zog es vor, unter fremden Leuten ein fremdes Handwerk zu betreiben. Als ertappe er sich auf einer Schuld, war er betreten, und von Kind her gewohnt, Orsannas stichligen Reden auszuweichen, ging er ohne ein weiteres Wort davon. Seine gute Stimmung war dahin.
Er mochte jetzt niemandem begegnen und wanderte langsam, wie früher als Bub, wenn ihn etwas bedrückte, zur Fuchsenbrücke, um sich dort ans Geländer zu lehnen und zu überlegen. Was hatte vorhin Orsanna damit sagen wollen: ob sie einen Meister stellen solle? Es war ihm zu Ohren gekommen, daß sie mit dem Wegknecht Giovanni eine Liebesbeziehung unterhalte. Man lachte genug darüber, man munkelte und prophezeite allerlei. Sicher war es Giovanni, den sie vorhin meinte. Giovanni als Meister auf der Bargada. Giovanni an seiner Stelle? Ein Fremder, ein armer Bursch? Es wäre vielleicht eine Lösung; er sei fleißig und tüchtig, hieß es. Aber der Gedanke war befremdlich und quälend, er verwarf ihn. Ratlos wollte er sich peinigender Grübelei hingeben, als er auf dem grünen Plan vor der Felsenspalte Bellinda sitzen sah. Sie lachte ihm fröhlich zu und winkte mit einem Strauß, den sie dort pflückte. Der Anblick seiner jungen Frau an diesem düsteren Ort lenkte ihn von den schweren Gedanken ab, doch nicht in freundlicher Art. Er brachte ihm neuen Ärger, den zu klären er sich die Mühe nicht nahm, aber er rief Bellinda unwirsch herbei. Sie erschrak über seinen Ton und sein finsteres Gesicht. Rasch sprang sie ihm entgegen. Schon besänftigt, legte er seinen Arm um ihre Schulter, sagte aber belehrend: «Nicht dort sitzen, es zieht dort.» Bellinda spürte, daß nicht Sorge um ihre Gesundheit es war, was ihn so barsch sein ließ. Es mußte etwas anderes sein, das ihn verdroß. Ihr Kopf erriet es nicht, aber ihr Herz.
Sie schmiegte sich an ihn, innig und ohne Versuch, ihn durch Schelmereien umzustimmen, bereit, mit ihm zu tragen, was es sein mochte. In dankbarer Zärtlichkeit für ihr stilles Verstehen fand Bernardo sein Gleichgewicht wieder, und die letzten Stunden auf der Bargada verliefen ohne weitere Störung.
So war es immer: Bellindas Fähigkeit, in jedem Augenblick so zu empfinden wie er, beruhigte ihn. Sie spürte rasch, wie ihm zumute war, und stimmte sich danach. Nie, daß sie etwas anderes wünschte als er, zu Spaß und Lachen aufgelegt war, wenn er ernst sein mochte, oder den Kopf hängen ließ, statt bei jungem Unfug mitzuhalten, wenn ihn danach gelüstete. Sie war sein reiner Wiederklang. Bei ihr durfte er jede Vorsicht vergessen, denn eher hätte sie sich selbst verletzt, als ihm weh zu tun.
Oft reizte es ihn, diesen sanften, eifrigen Gehorsam zu prüfen, abzutasten, wo er sich in Widerspruch wenden mußte. Er fand den Punkt nicht. Weder ihr Glaube an ihn noch ihre Heiterkeit waren zu erschüttern. Sie scherzte noch wie ein kleines Mädchen, kicherte und lachte, bis ihr der Atem ausging, und über nichts, nur weil sie glücklich, weil sie verliebt war.
Über ihre Ergebenheit und ihren frohen Sinn hinaus war diese Verliebtheit, in der sie sich ganz verlor, der tiefe Grund von Bernardos Glück. Er dachte oft und nie ohne Erbeben daran. Wenn er von der Arbeit heimkehrte, wartete Bellinda beim Waldbrunnen auf ihn. Sie hängte sich an seinen Hals, als hätten sie sich ein Jahr lang nicht gesehen. Daß sie, die Sanfte, so ungestüm sein konnte! Nach dem Essen, wenn alles in Ordnung gebracht war und Mutter Bice schlafen ging, stiegen sie in ihre Kammer hinauf. Das Kerzenlicht flackerte über die schön bemalte Decke und beleuchtete die Himmelskinder, die ihnen zulächelten. Am Morgen kam Bernardo oft zu spät, weil ihnen die Nacht nicht lang genug war. Ohne zu frühstücken, schwang er sich in Eile auf sein Rad und sauste den Rain hinunter. Mutter Bice schüttelte mißbilligend den Kopf. «Alles zu seiner Zeit, auch beten und frühstücken.» Sie fand die beiden wenig ernst für Eheleute. «Soll denn die Ehe ein Vergnügen sein, tagein, tagaus?» schalt sie. «Soll man nichts als sich küssen, wenn man zusammen ist? Ist das der Sinn des Ehestandes?» Als sie sich einst vor Bernardo solche Sprüche erlaubte, erwiderte er belustigt, ob sie denn der Meinung sei, der Ehestand habe ein Kreuz zu sein. «Vielleicht nicht gerade das», brummte sie, «aber wie ihr es auffaßt, kann nichts werden. Die Liebe allein tut es nicht.» Bellinda, vor Vergnügen kichernd, suchte die erboste Mutter zu besänftigen. «Wir sind jung, wir haben noch alle Zeit, ernst zu werden», spaßte sie, «und wie hast du es mit deinem Mann gehalten, als du in meinem Alter warst?»
«Anders, ganz anders», eiferte rühmend Mutter Bice. «Dein Vater, doppelt so alt wie ich, war ein gesetzter Mann, als er mich zur Frau nahm. Keine Kindereien, keine Faxen! Nach seinem Willen und Gutdünken trug er mich über die Schwelle der Kammer, wie ein Kind. Ich fürchtete ihn … und so soll es sein.»
«Über die Schwelle trug er dich?» fragte neugierig Bellinda.
«Ja», betonte Mutter Bice, «über die hohe Schwelle, an welcher du später das Gehen lerntest. Du wolltest es alleine tun, wehrtest meine Hand ab, bis du hinfielst, eine Schramme im Kopf.»
«Da war der Vater auch schon tot», schloß Bellinda mit Grabesstimme.
Mutter Bice spürte den Spott heraus. Obschon ihr Unglück weit zurücklag, tat es ihr weh, so respektlos von der Tochter daran erinnert zu werden: «Sterben kann man, wannʼs ist. Dazu braucht man nicht alt zu sein.»
Bellinda war es nicht recht, die Mutter im Übermut verletzt zu haben. Um sie aufzuheitern, griff sie nach ihrem oft erprobten Mittel: sie bat, ihr mehr aus ihrer Kindheit zu erzählen.
«Was ist da zu erzählen?» lenkte die Alte ein. «Warst ein Kind wie alle andern, nur eigensinniger … Die Sache mit dem Luftballon … Ein Händler kam bis vor unsere Türe. Dutzende von Luftballons wallten wie eine bunte Wolke an seinem langen Stab. Du warst darüber närrisch vor Freude; wolltest einen Ballon haben. Ich mußte sparen und schlug dir den Wunsch ab. Du betteltest aber so lange und so schön, bis der Mann, ein alter bärtiger Kauz, einen loslöste und ihn dir gab, einen roten, ich weiß es noch. Ich schämte mich, das Geschenk von dem Unbekannten anzunehmen, und wollte ihn bezahlen. Er aber weigerte sich, die Batzen, die ich hervorklaubte, anzunehmen. Geschenkt sei geschenkt. Während wir noch zusammen stritten, was meinst du, was du tatest? Du öffnetest deine kleine Hand und ließest den Ballon fliegen, nicht aus Ungeschick, mit Fleiß, weil es dir gefiel, ihn in den Himmel steigen zu sehen. Du jauchztest, aber der gute Mann war böse, man sah es ihm an. Und ich schämte mich nun erst recht. Was blieb mir übrig, als das Geld wieder hervorzuziehen und es dem Manne, der es nun nahm, in die Hand zu drücken.» Bellinda kannte die Geschichte auswendig, sie hörte nur halb zu, bis Mutter Bice mit dem Satz endete: «Ja, du wirst sehen, was es heißt, ein Kind zu erziehen!»
Nun, darauf freute sich Bellinda. Es dauerte ihr nur zu lange. Sie waren schon ein Jahr und mehr verheiratet, und nichts wollte werden. Sie stahl sich in die Kirche vor das Bild der Mutter Gottes, ihr Vorwürfe zu machen, die schönen Kinder, die Bernardo in die Mitte der Zimmerdecke gemalt hatte, winkten ihr vergebens. Sie wich ihren Freundinnen aus, die sie mit neugierigen Fragen in Verlegenheit brachten. Gerne hätte sie der Mutter ihre Besorgnis anvertraut, aber Trotz oder Scheu verschlugen ihr das richtige Wort. Wenn sie, in Zärtlichkeiten, Bernardo ihre Ungeduld verriet, lachte er sie aus, ein wenig Zeit sei ihnen zu gönnen, das Leben zu genießen, bevor ihnen die Last einer Familie auferlegt werde.
Aber auch er war glücklich, als Zoe geboren wurde. Kaum war das Kind groß genug, drängte er, man möge mit ihm die Reise auf die Bargada unternehmen, es den Eltern zu zeigen, damit auch sie sich daran freuen könnten.
Zoe war auf der Reise brav. «Ein Engel!» behaupteten mitreisende Frauen, die das niedliche Ding nicht genug bewundern konnten, «ein Schatz, ein Stern! Die Rosenwänglein, die Grübchen darin, die zwei weißen Zähnchen, die Ringellöckchen und die Augen, hast du die Augen gesehen? Goldbraun mit helleren Funken darin. Ein Wunder!» Das Kind lächelte freigebig im Kreise herum und verstand es, auch die Männer für seine kleine Person zu gewinnen, sogar einen mürrischen Alten, der abweisend in seiner Ecke saß, bis Zoe mit zierlichen Fingerchen ihm in den Bart fuhr und ihn ankrähte, daß er lachte. Ein Engel, ein Schatz, ein Stern! Bellinda strahlte, und Bernardo hatte alle Mühe, unter einer würdigen Miene sein Schmunzeln zu verstecken.
Doch als er Zoe über die Schwelle der Bargada trug, fing sie an zu schreien, und je mehr Gesichter sich über sie beugten, desto wilder sträubte sie sich. Sie verlor den Atem vor Zorn, wurde blau im Gesicht und machte so zuckende Bewegungen – wie ein Fisch, fand Orsanna mißbilligend –, daß Bellinda sich mit dem Kind in eine Kammer einschließen und warten mußte, bis es schlief.
«Das kleine Ding hat Kraft, sich zu wehren», bemerkte der Vater.
«Es braucht sich doch gegen uns nicht zu wehren», ereiferte sich Orsanna.
«Wer weiß», warf Tomaso leicht hin und sah Bernardo mit einem halben Lächeln an.
Bei jenem Besuch klagte der Vater zum ersten Male, er und die Mutter seien müde. Orsanna könne nichts Weiteres auf sich nehmen, sie trage schon genug, und die alte Giulia sei nicht mehr bei Sinnen, sie zähle nicht. Taglöhner seien teuer und schwer zu finden, zu einem Knecht lange es nicht. Er erwähnte sein und der Mutter hohes Alter und meinte, eigentlich hätten sie es verdient, auszuruhen. Bernardo hörte zu. Daß die Alten schon so betagt waren, kam ihm überraschend. Er hatte sie nie anders als runzlig und zerfurcht gesehen, nun waren sie also so alt, so nah dem Tode …, wenn man es recht bedachte. Und dann, was sollte aus dem Hof werden? Schon jetzt wurde zurückgewirtschaftet. Was sollte erst später sein? Ein Mann fehlte, ein junger Mann, der arbeiten konnte und Augen im Kopf hatte, alles zu sehen. Dieser Mann war er. Er wußte es. Wer sollte den Hof übernehmen, wenn nicht er? So verstand es auch der Vater. Es klang deutlich aus seinen vorsichtigen Reden.
Darüber geriet Bernardo in tiefste Mißstimmung. Was tun? Aber was tun? Mit Freuden hätte er nun Giovanni als Meister auf die Bargada ziehen sehen; er hätte ihn darum bitten mögen, mit erhobenen Händen. Aber es war zu spät. Es hieß, Giovanni heirate die blonde Alda, die ein Kind von ihm habe, einen Knaben. So war es mit dieser Lösung nichts. Eine andere fand er nicht. Es gab keinen Meister als ihn selbst, das war wohl klar. Und doch konnte er sich nicht entschließen, dem Vater zuzusagen, ihm zu versprechen, er trete an seine Stelle. Er wollte nicht, er wollte nicht! Und schließlich: Hatte er das Recht, Bellinda hierher zu versetzen? Was wußte sie vom Leben auf der Bargada? Sie fand es schön und gut, weil alle um sie herumtanzten, wenn sie zu Besuch kam, und es ihr schmeichelte, auf eigenem Grund und Boden zu stehen, sie, die immer nur zur Miete gewohnt hatte. Auch genoß sie es, den Augen der Mutter Bice, die nichts durchgehen ließ, entrückt zu sein. Sie ahnte nicht, und er hatte ihr nie angedeutet, daß das Leben hier schwierig war, und weshalb. Oft drängte es ihn, mit ihr darüber zu sprechen, doch wartete er wohl zu lange damit, das Wort gab sich nicht, es verdrehte sich ihm im Munde, und er sagte etwas anderes, als das, wozu er angesetzt hatte.
Aus diesen trüben Betrachtungen riß ihn bald ein Streit mit seinem Meister. Rossi war zwar mit seinem jungen Arbeiter sehr zufrieden. Er überließ ihm auch schwierige Aufträge zu selbständiger Ausführung, und es schmeichelte ihm, daß es im Städtchen hieß, wer eine heikle Malerarbeit zu vergeben habe, müsse sich an ihn wenden. Mochte Nerina sich nur ärgern! Doch ertrug er schlecht Bernardos mangelndes Interesse für Politik. Er zwang ihn gelegentlich, mit ihm eine Versammlung zu besuchen, schon damit ihm seine Genossen nicht vorhalten konnten, er stelle einen Flauen ein, dann, weil es ihm nicht in den Kopf wollte, jemand könne gleichgültig bleiben in einer Sache, die ihm selbst wichtig war und für die er so hinreißend zu sprechen wußte. Daß Bernardo unberührt blieb, enttäuschte ihn, regte ihn auf. Wäre er offen im gegnerischen Lager gestanden, dann hätte man wenigstens gewußt, woran man mit ihm war, aber er ging auch nicht zur Kirche. Weiß Gott, für was er sich erwärmte!
Nun war wirklich sonderbar, was Bernardo trieb, statt am Sonntagmorgen zur Messe zu gehen oder Versammlungen zu besuchen: er malte. Er versuchte richtige Bilder zu malen, auf Holz oder Leinwand, mit dünnen Pinselchen und feinen Farben aus Tuben, wie er es in Mailand Künstlern abgeguckt hatte. Die Tätigkeit fesselte ihn. Er vergaß oft darüber alles andere, so daß Bellinda sich deswegen beklagen mußte. Sie schmollte, wenn er es vorzog, mit seinen Malsachen auszuziehen, anstatt bei ihr zu bleiben und den Sonntag zu genießen.
Er hatte damit begonnen, den Brunnen am Waldrand zu malen, eine Wäscherin daneben. Es gelang nicht übel. So fuhr er fort, malte den alten Turm, den Hof, die umliegenden Matten, Bäume, Berge. Solange er an der Arbeit saß, fühlte er sich beseligt. Er tiftelte, bis jedes Blättchen, jedes Gras so aussah, wie es sich gehörte. War das Bild fertig, befriedigte es ihn nicht. Es stimmte nicht mit der Wirklichkeit überein. Das Dargestellte war auf bedrückende Art leer, hohl, so, als müsse im nächsten Augenblick etwas hineinstürzen, als wäre das Gemalte eine Kulisse, wie sie im Theater auf der Bühne stand, nichts als Rahmen für eine Geschichte, die sich darin abzuspielen hätte. Aus jedem Haus, hinter jedem Baum hervor, vom Himmel herunter konnte es losbrechen. Unzufrieden stellte Bernardo das fertige Bild fort und begann ein neues, mit dem es ihm aber nicht besser erging. Doch zweifelte er nicht daran, mit der Übung geschickter zu werden.
Nun waren Wahlen im Anzug. Der Kampf um die Kandidaten beherrschte schon seit Wochen das Leben der Männer. Rossi hatte seine große Zeit. Er warb im Lande herum mit seinen besten Reden und viel Lärm für den Mann seiner Partei. Es mußte dieses Mal gelingen, ihm genügend Stimmen zu sichern. Jede einzelne war wichtig, um jede einzelne wurde gekämpft. Um sie zu gewinnen, waren viele Mittel gut. Warum auch nicht? Der Zweck heiligte sie im voraus. Daß bei Bernardo keines dieser Mittel verfing, daß er weder auf feurige Worte noch auf Versprechungen aller Art antwortete, war stark, es traf Rossi wie eine persönliche Beleidigung. Er konnte sich das nicht bieten lassen. So nahm er sich Bernardo vor und sprach ihm ins Gewissen. Man könne doch nicht leben wie ein Tier, ohne sich für das Allgemeine zu interessieren; er müsse, wie jedermann, wissen, für wen er stimmen wolle, und da sei es doch klar, dass es für seinen Freund sei.
Bernardo war nicht so gleichgültig, wie er schien und tat. In Mailand war viel unter seinen Kameraden debattiert worden, und er hatte mit feinen Ohren zugehört, wie sie sich über den Gang der Ereignisse und wie er zu lenken wäre, heiß redeten. Selbst trug er nichts zu den Gesprächen bei. Wurde er nach seiner Meinung gefragt, wich er aus, er verstehe nichts davon. Doch ordnete er das Gehörte zu guter Übersicht. Er dachte oft, die vielen großen Worte, die da gemacht wurden, um die Welt zu verbessern, versteckten nur schlecht kleinliche Interessen, es gehe weniger um die hohen Ziele, von denen die Rede sei, als darum, sich gegenseitig zu bekriegen und die Kastanien für sich selbst aus dem Feuer zu holen. Bei Versammlungen nun, in die Rossi ihn mitschleppte, wurde ihm das noch deutlicher. Wenn die einen oder andern sich für Menschenrechte einsetzten, meinten sie bloß die eigenen oder die der nächsten Anhänger, und diese Rechte ließen sich, so wollte Bernardo scheinen, rasch in Zahlen ausdrücken. Der ganze Betrieb war ihm widerwärtig und langweilte ihn.
Er fragte Rossi, wieso es klar sei, daß er für seinen Freund stimmen müsse. Er selbst habe doch mehr als einmal angetönt, der Mann habe Dreck am Stecken … Rossi war verblüfft. Konnte man so naiv sein? Er setzte Bernardo auseinander, daß das private Leben mit dem öffentlichen in keinem Zusammenhang stehe, daß sein Freund in seinem eigenen Hause und in seinem Geschäft tun und lassen könne, was ihm beliebe, daß es einzig darauf ankomme, einen Mann zu wählen, dessen Gesinnung felsenfest sei. Und das nun sei bei seinem Freunde der Fall. Hatte man ihn doch lange genug gestützt und getragen, ihm durch die Finger gesehen, seine Dummheiten gedeckt und was sonst; er war der Partei verpflichtet. Und hatte er einmal seinen Platz in der Behörde, dann …



