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Das vorliegende Buch ist das Ergebnis meiner eigenen Reise bis zu diesem Punkt. Es stellt vieles in Frage, was üblicherweise über Erziehung gedacht und geschrieben wird und weist mit Sicherheit keinen bequemen Weg. Es kann und will niemandem sagen, wie er oder sie mit Kindern umgehen sollte – aber es möchte Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen. Meine größte Hoffnung ist, daß es einen Beitrag dazu leisten kann, Kindern auf wahrhaft menschliche Weise zu begegnen und mit ihnen gemeinsam zu wachsen.
Einige Worte zu den Reflexionen, inneren Übungen und Geschichten
In dieses Buch habe ich auch einige Reflexionen beziehungsweise innere Übungen aus der Gestalt-Arbeit aufgenommen. Sie stehen – wie die Geschichten – jeweils am Ende eines Kapitels. Sie dienen dazu, das jeweils Gelesene zu vertiefen und Ihren Blick auf Ihre eigene Erfahrung zu lenken. Dabei gibt es kein vorherbestimmtes Ziel. Es gibt nichts Bestimmtes zu erreichen, es werden keine Noten verteilt, und es geht auch nicht darum, etwas richtig zu machen. Die Übungen können ein äußerst hilfreicher Wegbegleiter sein, wenn Sie sich ihnen einfach mit Interesse und offenen Sinnen zuwenden und sich in keiner Weise unter Leistungsdruck setzen oder sich bewerten. Fühlen Sie sich aber bitte nicht verpflichtet, alle Übungen zu machen. Wählen Sie aus, was Sie anspricht, und lassen Sie weg, was Ihnen nicht zusagt. Wenn Sie unsicher werden, erinnern Sie sich daran, daß es in diesen Übungen nichts zu leisten oder zu erreichen gibt, sondern nur etwas zu entdecken.
Am meisten werden Sie von diesen Reflexionen und Übungen profitieren, wenn Sie sich immer mal wieder ein wenig Zeit nehmen, sich auf Ihre eigene Erfahrung oder auf Ihre Kinder zu besinnen. Mit der Zeit können sie so ein wertvolles Werkzeug werden, Ihren eigenen Weg im Leben mit Ihren Kindern zu finden.
Die Reflexionen dienen dem Zweck, einige spezielle Themen näher zu beleuchten. Sie sind für das Verständnis des Buches nicht unbedingt erforderlich und können so auch ausgelassen werden. Da diese Themen aber trotz ihrer Komplexität auch faszinierende Erkenntnisse ermöglichen können, sind sie für diejenigen Leserinnen oder Leser aufgenommen worden, die sich von dem jeweiligen Thema besonders angesprochen fühlen.
Mit den Geschichten wiederum möchte ich auf Aspekte des Lebens mit Kindern aufmerksam machen, die in dieser Form besonders anschaulich dargestellt werden können. Geschichten waren schon immer ein beliebter Weg, bestimmte Botschaften zu vermitteln. Sie sprechen auch unsere Gefühle an und können uns so ermutigen und inspirieren, Kinder und ihre Welt auf eine neue Weise wahrzunehmen.
Teil 1
Mit Kindern neue Wege gehen

Der Mythos der „richtigen“ Erziehungsmethode
Ich weiß nicht und kann nicht wissen, wie mir unbekannte Eltern unter unbekannten Bedingungen ein mir unbekanntes Kind erziehen können …
Dieses „Ich-weiß-nicht“ ist in der Wissenschaft der Ur-Nebel, aus dem neue Gedanken auftauchen. Für einen Verstand, der nicht an wissenschaftliches Denken gewöhnt ist, bedeutet ein „Ich-weiß-nicht“ eine quälende Leere.
Ich will lehren, das wunderbare, von Leben und faszinierenden Überraschungen erfüllte schöpferische „Ich-weißnicht“ der modernen Wissenschaft im Verhältnis zum Kinde zu verstehen und zu lieben.
Es geht mir darum, daß man begreift: Kein Buch und kein Arzt können das eigene wache Denken, die eigene sorgfältige Betrachtung ersetzen.
JANUSZ KORCZAK
Was das Leben mit Kindern anbelangt, so ist unsere heutige Zeit vor allem geprägt von Unsicherheit. Früher war alles einfacher. Kinder hatten sich anzupassen, zu gehorchen, zu funktionieren. Das Familienleben beruhte auf einer unumstößlichen Machtstruktur, an deren Spitze der Vater stand. Seine Autorität war unantastbar und wurde notfalls mit Gewalt durchgesetzt, ohne daß dies durch irgendwelche Gefühle von Reue oder Unangemessenheit in Frage gestellt worden wäre. „Wer sein Kind liebt, der schlägt es“, „Was Klein-Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ und ähnliche Sprüche waren Ausdruck dieser patriarchalischen Struktur, unter der nicht nur die Kinder, sondern auch die Frauen zu leiden hatten. Man könnte sagen, daß das Kind früher als die Schöpfung des Vaters angesehen wurde, und als Schöpfer konnte er über seine Schöpfung bestimmen. Er besaß das Recht, aus dem Kind zu machen, was er wollte, und ihm kam gar nicht in den Sinn, es als das zu respektieren, was es in seinem inneren Wesen wirklich war. Er gab die Richtung für sein Leben vor und konnte es entsprechend seinen Vorstellungen ausbilden und formen.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen wir uns für die echten Enwicklungsbedürfnisse von Kindern zu interessieren. In den zwanziger Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg entstanden verschiedene hoffnungsvolle Ansätze, die dann allerdings, mit Beginn des Krieges, zum größten Teil im Keim erstickt wurden. Die 68er Jahre waren geprägt von einer starken Auflehnung gegen diese festgefügten Machtstrukturen. In der Folge kam es zu mehr Gleichberechtigung für die Frauen, und auch in bezug auf Kinder und ihre Bedürfnisse hat sich in dieser Hinsicht einiges geändert. Die Antiautoritäre Erziehung oder auch die Antipädagogik waren eine Art Gegenbewegung zu dieser alten Machtstruktur, aber in der Praxis konnten sich diese Bewegungen nicht recht behaupten.
Wenn wir heute in eine Buchhandlung gehen, so finden wir eine ungeheure Fülle von Büchern und Elternratgebern, die die unterschiedlichsten Methoden, Rezepte oder Ratschläge anbieten, wie wir Kinder erziehen sollten. Die Anzahl der feilgebotenen Ansätze ist fast schon so groß wie auf dem Gebiet der Ernähungslehren. Diese Vielfalt ist zweifellos die Folge unserer Unsicherheit – unserer Angst, den Zustand des „Ich-weiß-Nicht“, wie Janusz Korczak es nannte, auszuhalten und uns Kindern wirklich zuzuwenden. Darüber, wie die Aufgabe des Elternseins sinnvoll bewältigt werden kann, gehen die Meinungen weit auseinander, und das verstärkt noch die tiefe Unsicherheit vieler Eltern, wie sie mit der Situation umgehen sollen, in die sie mehr oder weniger freiwillig geraten sind. Diese Unsicherheit wird bei vielen noch weiter verstärkt von dem Bild der glückstrahlenden und kompetenten Eltern, wie sie uns die Werbung oder manche Erziehungsratgeber vorgaukeln. Tatsächlich ist die Geburt eines Kindes ein radikaler Einschnitt im Leben der Eltern – meistens vor allem in dem der Mütter. Gleichzeitig werden die Ängste und Schwierigkeiten mit dieser neuen Situation sehr häufig nicht geäußert. Alle scheinen es ja leicht zu schaffen, alle scheinen glücklich zu sein. Wer möchte schon zugeben, daß er oder sie der einzige Versager zu sein scheint.
Wenn wir uns dann, aus unserer Unsicherheit heraus, nach der einen oder anderen Methode richten, machen wir die Kinder jedoch zwangsläufig zu Objekten der Erziehung, statt mit ihnen in eine wahrhaft menschliche Beziehung einzutreten. Ich glaube, für uns Erwachsene ist die Vorstellung, unser Lebenspartner würde sich uns nach einer bestimmten Methode zuwenden, auch nicht gerade beglückend. Jegliche Methode stellt sich zwangsläufig zwischen uns und andere Menschen und verhindert so einen wirklich menschlichen Kontakt. Letztlich ist ein solches Vorgehen immer eine Form der Manipulation und mit einer gleichwürdigen, auf Liebe und Respekt basierenden Beziehung nicht vereinbar.
Die Basis für eine neue, richtungweisende Perspektive im Umgang mit Kindern liegt also vor allem in einer grundsätzlich neuen Sichtweise der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Es ist in den letzten Jahren stärker ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt, was vielen Müttern intuitiv schon immer klar war: Ein Kind ist ein fühlendes Wesen und vollwertiger Mensch; kein unbeschriebenes Blatt, das von uns erst entsprechend beschrieben werden muß, damit es zu einem richtigen Menschen wird. Wenn wir möchten, daß sich dieses einzigartige werdende Leben möglichst optimal entfaltet, müssen wir ihm mit Liebe und Achtsamkeit begegnen. Unsere Beziehung darf nicht durch unsere Macht und den Wunsch bestimmt sein, ein Kind nach unseren Vorstellungen formen zu wollen, sondern durch wirklichen Respekt und den Wunsch, die Entfaltung des Kindes zu unterstützen und ihr so wenig wie möglich im Wege zu stehen.
• Rebeca und Mauricio Wild nannten ihren Ansatz „Nichtdirektive Erziehung“. Das heißt, daß Erwachsene das Kind nicht von außen bestimmen, lenken oder motivieren, sondern versuchen, den inneren Zustand und die Interessen jedes einzelnen Kindes zu erspüren und ihm die Möglichkeit zu schaffen, sich seinen echten Entwicklungsbedürfnissen gemäß zu entfalten.
• Emmi Pikler betont die Kompetenz eines jeden Kindes – seine Fähigkeit, den für seine Entwicklung besten Weg selbst zu finden, wenn man ihm seine Zeit läßt und es entsprechend begleitet.
• Myla und Jon Kabat-Zinn nennen Werte wie Souveränität, das heißt Eigenständigkeit oder das Recht eines jeden Menschen, sich nach seinem eigenen inneren Gesetz zu entfalten und selbst über sein Leben zu bestimmen; oder Empathie, das meint die Fähigkeit, sich in Kinder einzufühlen, die Welt auch aus ihren Augen zu sehen.
• In der Gestalt-Arbeit spricht man von den Selbstregulierungskräften, die in jedem lebenden Organismus wohnen und die es zu respektieren und zu unterstützen gilt. Auch hier wird betont, daß sich jede lebendige Ganzheit nach ihrem eigenen inneren Gesetz und in ihrer eigenen Zeit entfaltet. Aus einem Weizenkorn wird kein Gänseblümchen und aus einem Schimpansen kein Mensch, egal wie lange wir versuchen würden, ihn zu unterrichten. Auch können Wachstumsprozesse nicht beschleunigt werden, ohne daß dies negative Folgen nach sich zieht, wie die Geschichte am Ende dieses Kapitels deutlich macht.
All diese Werte sind aber nicht einfach Bestandteile einer neuen Theorie, sondern wurden vielfach in der Praxis bestätigt – in Familien, in Säuglingsheimen und Kinderkrippen, in Kindergärten und Schulprojekten.
Immer mehr Menschen fühlen sich von dieser neuen Sichtweise angesprochen, aber ihre Verwirklichung im täglichen Leben ist alles andere als leicht. Schließlich ist eine solche Art von Beziehung für uns alle Neuland, und die Folgen unserer eigenen Erziehung hindern uns oft daran, etwas zu leben, was wir eigentlich als wertvoll und wichtig ansehen. Hinzu kommt der Streß, den die Organisation eines Haushalts und das Leben mit Kindern zuweilen mit sich bringen sowie eine gesellschaftliche Situation, die Qualitäten wie Achtsamkeit, Mitgefühl und Einfühlsamkeit nicht gerade unterstützt.
Ein Bild, das die Herausforderungen des Elternseins treffend widerspiegelt, ist das Surfenlernen. Es ist oft anstrengend, wir verlieren immer wieder das Gleichgewicht und schlucken dann unter Umständen eine Menge Wasser. Manchmal ist die See rauh, und wir können uns kaum auf dem Brett halten – zu anderen Zeiten läuft alles wunderbar, wir gleiten sicher auf den Wellen dahin und genießen den inneren Reichtum, den ein erfülltes Leben uns schenken kann. Die See verändert sich ständig, wir wissen nie, was die nächste Welle von uns verlangt, und wenn unsere Wachheit und Präsenz nachlassen, finden wir uns schnell im Wasser wieder. Aber wenn wir uns der Herausforderung stellen, können wir lernen zu surfen. Wir können ein inneres Gleichgewicht finden, das uns in ruhigen und stürmischen Zeiten hilft, den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren und die bestmögliche Lösung für unsere jeweilige Situation zu finden.
Das Bild des Surfens macht auch deutlich, daß es keinerlei Rezepte oder Gebrauchsanleitungen gibt, mit denen wir zum Erfolg kommen. Kinder können nicht auf gutes Funktionieren programmiert werden – höchstens mit psychischer oder physischer Gewaltanwendung. Sie sind keine Maschinen, sondern lebendige Wesen mit ganz konkreten Bedürfnissen. Wie alle lebendigen Organismen tragen sie ihr ganzes Potential in sich – sie sind in sich vollkommen –, und die Frage ist, wie dieses Potential zur Entfaltung kommen kann. Jedes Kind, jeder Mensch ist einzigartig und mit ganz spezifischen Eigenschaften und Talenten ausgestattet. Dieser ganz individuelle, wesensmäßige innere Reichtum möchte sich erfüllen, drängt dazu, sich in der Welt zu verwirklichen. In der Humanistischen Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang von der „Selbstaktualisierungstendenz“. Und je mehr es einem Menschen möglich ist, seiner inneren Natur gemäß zu leben, desto erfüllter, zufriedener und auch kreativer und leistungsfähiger wird er sein.
Menschen wie Maria Montessori, Janusz Korczak oder Emmi Pikler haben dies gesehen und sich Kindern jeweils mit wirklichem Interesse zugewandt – und von ihnen gelernt. Sie sind nicht nach einem Rezept oder nach einer Methode vorgegangen, sondern haben ihr Herz für jedes einzelne Kind mit der Frage geöffnet, wie seine konkrete Lebenssituation aussieht und was seiner Entfaltung dienen könnte. Das heißt, sie haben versucht, mit Kindern in eine echte Beziehung zu treten. Kinder sind für sie nicht Objekte von Erziehungsmethoden, sondern vollwertige Menschen, die sie verstehen und die sie auf ihrem Weg ins Leben so gut wie möglich unterstützen und begleiten wollen. Wie bereits erwähnt, hat Maria Montessori betont, daß wir Kinder nur verstehen und angemessen begleiten können, wenn wir lernen, „mit den Augen der Liebe“ zu sehen. Sie hat häufig davor gewarnt, ihre Arbeit auf das von ihr entwickelte pädagogische Material zu reduzieren und immer wieder betont, daß die innere Arbeit der Erwachsenen an sich selbst eine unerläßliche Voraussetzung dafür ist, den Kindern auf angemessene Weise zu begegnen.
Alle Erziehungskonzepte sind im besten Fall Landkarten, die uns helfen können, uns immer wieder neu zu orientieren. So gut eine Landkarte auch sein mag – sie nützt uns nichts, wenn wir uns nicht auf den Weg machen und das Terrain selbst erkunden.
Nun ist es leider so, daß die Nachfolger solch großer Pädagogen häufig nicht selbst gelernt haben, wirklich zu sehen, sondern von der Strahlkraft der Landkarte ihrer Vorbilder geblendet wurden. So entstanden dann Erziehungsmethoden und Konzepte, die sich zwangsläufig zwischen uns und die Kinder schieben und verhindern, daß wir diese wirklich sehen und ihre Signale wahrnehmen und verstehen können. Wir sehen sie dann nicht mehr als Subjekt, zu dem wir in Beziehung treten, sondern als Objekt. Wie Janusz Korczak im eingangs dieses Kapitels abgedruckten Zitat betont, ist jedes Kind und jede Situation, in der wir uns befinden, anders, und keine Landkarte kann dieser sich ständig verändernden Wirklichkeit letztendlich gerecht werden – auch wenn sie uns unbestritten einen hilfreichen Orientierungsrahmen bieten kann.
Sehr treffend wird der Konflikt zwischen der Wirklichkeit und unseren Konzepten von einem schwedischen General zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges dargestellt. Es wird berichtet, daß er vor einem Feldzug in Feindesland, für das es nur sehr ungenaue Landkarten gab, eine Ansprache an seine Offiziere hielt. Seine Worte lauteten sinngemäß etwa folgendermaßen: „Meine Herren! Wenn Sie – mit Gottes Hilfe – in feindliches Gebiet vorgedrungen sind und feststellen, daß das Land, das Sie vorfinden, nicht mit Ihren Karten übereinstimmt, können Sie davon ausgehen, daß die Karte falsch ist und nicht das Land!“

Dieses Buch soll dazu ermutigen, die Landkarten auch wieder beiseite zu legen und sich auf den Weg in die Wirklichkeit des Landes selbst zu begeben – auch wenn wir uns dabei zunächst unsicher oder sogar unfähig fühlen. Aber nur wenn wir uns Kindern ohne vorgefertigte Konzepte darüber, wie sie sein „sollten“, zuwenden, wenn wir nicht versuchen, sie unseren Landkarten anzupassen, können wir sie so wahrnehmen, wie sie sind, und sie entsprechend begleiten.
In einem Gespräch mit Anna Tardos, Judith Falk und Maria Vincze über ihre Arbeit im Lóczy bezeichneten sie dies als ihre wichtigste Aufgabe: jeden Tag von neuem anzufangen. Sich immer neu Fragen zu stellen, bei jedem Kind, in jeder Situation. Sich immer neu einzufühlen und zu versuchen, jedes Kind und jede Situation so wahrzunehmen, wie sie gerade sind. Ihre Landkarte entstand aus direkter Erfahrung. Und was mich sehr beeindruckt ist: Sie lassen nicht zu, daß sich diese wirklich phantastisch ausgereifte und präzise Landkarte zwischen sie und die Kinder stellt. Wenn sie sich in das Land selbst begeben und mit den Kindern in direkte Beziehung treten, legen sie die Landkarte beiseite und vermeiden so, mit der Karte vor Augen ständig ins Stolpern zu geraten oder gar in gefährliche Löcher zu fallen.
Allzuoft sind wir – wie der Vater auf der Karikatur – selbst unsicher und voller Angst, ins Offene und Unbekannte zu gehen, die Leere des „Ich-weiß-Nicht“ zu ertragen, bis sich ein Weg im Nebel des Nichtwissens abzeichnet. So halten wir uns an den Schwimmreifen von Systemen, Methoden, festen Vorstellungen und fremden Autoritäten über Wasser. Der Wunsch nach einer Methode, die uns die Sicherheit gibt, daß Kinder sich wunderbar entwickeln werden, wenn wir nur das Richtige tun, ist eine verständliche Folge unserer Unsicherheit. Es wäre doch zu schön, wenn es ein Geheimrezept gäbe, das unsere Schwierigkeiten im Leben mit Kindern in Wohlgefallen auflösen könnte – oder einen Ratgeber, der uns immer sagt, was zu tun ist, wenn wir in Schwierigkeiten geraten.
Aber kann es solche Geheimrezepte überhaupt geben? Wir leben in einer Gesellschaft, die den Bezug zu natürlichen Wachstums- und Reifeprozessen weitgehend verloren hat. Wir sind noch stark beeinflußt vom mechanistischen Denken, und so sind wir ständig auf der Suche nach dem, was wir „machen“ können, um unsere Schwierigkeiten zu lösen. Der heutige Mensch ist in seiner Ungeduld ständig versucht, Wachstums- und Reifeprozesse zu beschleunigen und sie möglichst kontrollieren zu wollen, und so liegt es nur nahe, Konzepte und Methoden zu entwickeln, die Eltern dabei helfen sollen, besonders intelligente, fähige oder sogar spirituelle Kinder heranzuziehen. Doch dieses „Machen“, diese Form des Aktivismus, kommt nicht aus einer wirklichen Einsicht, sondern mehr oder weniger vorschnell und pauschal, um eine Schwierigkeit oder eine beunruhigende Situation zu lösen. Aber wie heißt es so schön – unsere genialen Lösungen von heute sind allzu häufig unsere Probleme von morgen. Denn wenn wir in diese Art des Umgangs mit Kindern verfallen, sind wir nicht wirklich mit ihnen in Kontakt. Wir sehen weder sie noch die Situation – wir wenden uns vielmehr ab und suchen woanders nach der Lösung.
Die vermeintliche Sicherheit, die wir uns erhoffen, wenn wir uns nach bestimmten Methoden oder Grundprinzipien im Umgang mit Kindern richten, ist trügerisch. Wir mögen vielleicht oberflächlich das Gefühl haben, sicheren Boden unter den Füßen zu haben und zu wissen, wo es langgeht, aber in Wahrheit werden wir taub und blind für das, was das Kind uns zeigt – für seine innere Wirklichkeit.
Aus dieser Perspektive wird deutlich, daß wir uns auf das Elternsein nicht wirklich vorbereiten können. Wir können einfach nie wissen, was uns erwartet und welche Schritte sich auf unserem Weg ergeben. Immer wieder geht es darum, innezuhalten, uns wirklich zuzuwenden, versuchen wahrzunehmen, was sich in einer Situation zeigt, statt das Leben des Kindes nach unseren Vorstellungen zu bestimmen.
Wenn sich aus einem Ansatz starre Prinzipien ergeben, so kann dies leicht zu unmenschlichem bis hin zu mehr oder weniger subtil gewalttätigem Verhalten führen. Ich möchte für dieses Phänomen ein paar Beispiele nennen, die verdeutlichen sollen, was hier gemeint ist:
Sowohl im Ansatz von Emmi Pikler als auch in der Arbeit von Rebeca und Mauricio Wild geht es darum, die Autonomie des Kindes zu respektieren. Das heißt, daß wir es nicht überbehüten, daß wir ihm erlauben, seinen Weg selbst zu finden und uns nicht ständig mit unserem Wissen einmischen und zeigen, wie etwas „richtig gemacht“ wird. Wenn ein Kind zum Beispiel ein Spielzeug erkundet, das es noch nicht kennt, und wir sehen, daß es das Spielzeug nicht gleich auf die Art und Weise verwendet, wie es gedacht ist, mischen wir uns nicht ein, sondern halten uns zurück und lassen dem Kind die Möglichkeit, das Problem selbst zu lösen, statt mit unserem besseren Wissen einzugreifen und zu sagen: „Schau mal, so macht man das!“
Auf diese Weise kann das Kind die Erfahrung machen, daß es seine selbstgestellten Aufgaben und Probleme auch selbst lösen kann. Im anderen Fall hätte es gelernt, daß es sich am besten an einen Erwachsenen wendet, der sowieso immer alles besser weiß. Insofern ist es sehr sinnvoll, daß wir unseren Impuls zu helfen hinterfragen – daß wir innehalten und erst einmal abwarten, was das Kind von sich aus tut. Wir begleiten es, mischen uns aber nur ein, wenn es überfordert ist oder sich selbst oder andere ernsthaft gefährdet.
Diese innere Haltung zeugt von großem Respekt für die Autonomie des Kindes. Manchmal ergibt sich daraus aber auch ein Prinzip, eine neue Art von „Gebot“ für Eltern, das da heißt: „Du sollst nicht helfen.“ Auch dies kann dann fatale Auswirkungen haben.
Ein etwa fünfzehnmonatiges Kind wurde von seinem Kindermädchen abgeholt, und es hatte sich schon sehr auf diesen Ausflug gefreut. Zutraulich streckte es den Arm aus und wollte an der Hand genommen werden. Das Kindermädchen folgte lächelnd dieser Aufforderung und wollte gerade aufbrechen, als die Mutter ihr sagte: „Bitte gib ihr nicht die Hand, ich möchte nicht, daß du ihr beim Laufen hilfst.“ Verunsichert ließ sie die Hand los, das Kind weinte und wurde dann auf folgende Weise in seinem Schmerz begleitet: „Ja, ich sehe, du möchtest an der Hand gehen, aber das lasse ich dich nicht!“
Schließlich beruhigte sich das Kind und machte sich neben dem Kindermädchen „selbständig“ auf den Weg. Die gemeinsame Freude war verschwunden, aber das Prinzip blieb gewahrt. Die Mutter hatte das Gefühl, konsequent nach dem „Ansatz von Rebeca und Mauricio Wild“ gehandelt zu haben. Und eine Bekannte, die die Arbeit der Wilds ebenfalls kennt, war tief beeindruckt von der Konsequenz der Mutter.
Ein anderes Beispiel: Ein Junge, der noch neu in einem alternativen Kindergarten war, neigte dazu, die Erwachsenen ständig für seine Zwecke einzuspannen, und schien sich sichtlich unsicher in der neuen Situation zu fühlen. Eines Morgens mußte er auf die Toilette und bat um Begleitung. Eine Praktikantin ging dann gemeinsam mit ihm auf die Toilette. Als er sein Geschäft schließlich erledigt hatte, bat er die Praktikantin: „Machst du mir die Hose und den Gürtel zu?“ Diese wollte gerade auf die Bitte eingehen, als eine Erzieherin hinter ihr rief: „Wir helfen hier nicht!“, und selbst den Platz der Praktikantin einnahm. Das Kind weinte, war wütend, aber die Erzieherin blieb einfach ruhig dabei, bis der Junge es schließlich doch noch schaffte, seine Hose selbst zuzumachen. Auch hier war die Praktikantin beeindruckt von der Konsequenz der Erzieherin und wußte zu berichten, daß der Junge ab diesem Zeitpunkt sehr verändert war, nicht mehr manipulierte und sich in die Struktur des Kindergartens einfügte.
Was hat sich in diesen beiden Fällen nun wirklich abgespielt? Handelt es sich tatsächlich um eine angemessene, konsequente Begleitung, die die Autonomie des Kindes respektiert? Ich glaube das ganz und gar nicht!
• Beginnen wir mit dem ersten Beispiel: Ging es hier um die autonome Bewegungsentwicklung? Das Kind konnte bereits frei gehen! Das Kindermädchen wollte das Kind also keineswegs aufstellen und ihm das Gehen beibringen oder ihm beim Gehenlernen helfen. Daß es an die Hand genommen werden wollte, war ein Ausdruck der Freude, sich nun gemeinsam auf den Weg machen zu können. Wenn ich mir diese Situation aus Sicht des Kindes ansehe, werde ich sehr traurig und resigniert: Meine Mutter läßt es nicht zu, daß mich das von mir so geliebte Kindermädchen an die Hand nimmt. Sie schimpft nicht, sie ist nicht böse mit mir, aber sie läßt die Freude in mir nicht leben. Ich fühle mich nicht autonom und selbständig, sondern verlassen, hilflos und ohnmächtig.
• Im zweiten Beispiel ist die Antwort schon schwieriger, denn offensichtlich hat die Maßnahme ja funktioniert. Der Junge verhält sich nicht mehr so fordernd und fügt sich in den Ablauf des Kindergartens ein. Aber ich habe meine Zweifel, daß es sich hier um ein Beispiel erfolgreicher Konsequenz handelt. Daß etwas funktioniert, heißt noch lange nicht, daß es angemessen ist. Für mich ist es sehr viel wahrscheinlicher, daß auch dieser Junge innerlich resigniert hat, daß er aufgehört hat, um das zu kämpfen, was er eigentlich gebraucht hätte – was immer das gewesen sein mag. Ich habe nicht gesehen, wie der innere Zustand des Jungen nach diesem Vorfall wirklich aussah – ob er wirklich an innerer Sicherheit gewonnen hat.




