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In diesem Zustand sind wir nicht zu klarem Denken in der Lage, und so mag es sehr sinnvoll sein, vielleicht erst einmal ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen, ein paar Schritte auf und ab zu gehen oder sogar den Raum zu verlassen, bis wir uns wieder so weit beruhigt haben, daß wir wieder „wir selbst“ sind und die Situation auch wieder aus den Augen unseres Kindes sehen können.
Sollte uns doch der Geduldsfaden reißen, ist es sehr wichtig, uns hinterher zu entschuldigen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie wir die Umgebung oder unseren Tagesablauf in einer Weise organisieren können, daß der Streß nicht dazu führt, daß wir unsere Kinder als Last oder gar als bedrohlich ansehen.
Myla und Jon Kabat-Zinn sprechen gern davon, daß es manchmal scheint, als wären wir, oder auch unsere Kinder, in einer Art Zauberbann gefangen. Wir können zu einer bösen Hexe oder einem bedrohlichen Riesen werden, wenn unsere Emotionen mit uns durchgehen. Der erste Schritt, uns aus einem solchen bösen Zauber zu befreien, besteht darin, erst einmal innezuhalten und nicht automatisch zu reagieren, wie es uns dieser Zustand eingibt. Das heißt nicht, daß wir unsere Gefühle unterdrücken sollen. Wir geben ihnen innerlich Raum, aber wir können lernen, uns nicht einfach mitreißen zu lassen. So wird es uns mit der Zeit möglich, eine geeignetere Antwort auf eine Situation zu finden.
Schön, daß es dich gibt
Von einem Stamm in Afrika wird die folgende Geschichte erzählt:
Wenn eine Frau den Wunsch in sich verspürte, einem Kind das Leben zu schenken, ging sie alleine in den Wald und wartete in der Stille lauschend auf das Lied des Kindes, das zu ihr kommen wollte.
Wenn sie das Lied schließlich hören konnte, summte sie es viele Male vor sich hin und ging dann zu dem zukünftigen Vater, um es ihn zu lehren und es mit ihm gemeinsam zu singen.
Während das Kind in Liebe gezeugt wurde, trugen die zukünftigen Eltern das Lied in ihrem Herzen, und später, während seiner Geburt, wurde es von allen gesungen, die dieser beiwohnten.
Immer wenn es Kummer hatte oder ihm ein Leid widerfuhr, wurde sein Lied gesungen – und auch bei allen wichtigen Anlässen, auf seinem Weg durch die Welt.
Das Lied begleitete ihn durch sein ganzes Leben. Und wenn ein Mensch schließlich im Sterben lag, wurde sein Lied wiederum gesungen, so daß es ihn auch auf seinem Weg aus der Welt begleitete.
Diese Geschichte hörte ich von dem bekannten buddhistischen Meditationslehrer Jack Kornfield. Ich finde, daß sie von einem geradezu unglaublichen Einfühlungsvermögen zeugt. Auch wenn wir eine solche Tiefe wahrscheinlich kaum erreichen können, kann uns diese Geschichte doch inspirieren, uns auf unsere Kinder einzustimmen und uns immer wieder zu fragen, wer sie in ihrem innersten Wesen wirklich sind. Sie steht für eine innere Haltung der bedingungslosen Liebe, die ein Kind nicht deshalb schätzt, weil es unseren Erwartungen entspricht oder weil wir etwas von ihm zurückbekommen, sondern einfach nur, weil es da ist. Ich bin überzeugt, daß die Erfahrung, bedingungslos geliebt zu sein, für alle Menschen ein grundlegendes Bedürfnis ist, das allerdings nur selten befriedigt wird. Bei vielen Menschen hat sich zum Beispiel das Gefühl festgesetzt, daß sie etwas Bestimmtes leisten oder darstellen müssen, um liebenswert zu sein. So entsteht ein ungeheurer Leistungsdruck, dessen Auswirkungen nicht nur unser Leben als Eltern, sondern alle Bereiche unseres Daseins stark beeinflussen. Gleichzeitig besteht das Gefühl, diesen Erwartungen nie gerecht werden zu können, was den inneren Druck noch erhöht. Unsere eigenen Kindheitserfahrungen haben häufig dazu geführt, daß wir glauben, uns die Liebe unserer Mitmenschen verdienen zu müssen. Eine Prägung, die ungeheure Auswirkungen auf unser Innenleben hat.
Vielleicht stellen Sie sich selbst einmal die Frage: „Wie würde ich mich fühlen, wenn ich die absolute Gewißheit hätte, daß ich in meinem Wesen wahrgenommen und bedingungslos geliebt werde – so wie ich bin, ohne Wenn und Aber?“
Wird dieses Bedürfnis erfüllt, hat das Kind die innere Sicherheit, daß das Leben es trägt. Die Annahme und Liebe der Eltern ist somit die wichtigste Bedingung dafür, daß ein Kind sein inneres Potential entfalten kann. Denn die Erfüllung dieses Bedürfnisses ist nicht nur die Basis für unsere emotionale Ausgeglichenheit, sondern auch für die Entwicklung unserer Kreativität, Intelligenz und Fähigkeit, auf neue und unerwartete Situationen angemessen zu antworten. (Ich vermeide hier bewußt das Wort „reagieren“, da es meist eher auf eine automatische, gewohnheitsmäßige Reaktion und nicht auf eine adäquate „Antwort“ auf eine gegebene Situation hinweist.) Alle Untersuchungen aus der Entwicklungs- und Gehirnforschung haben ohne jeden Zweifel gezeigt, daß Lernen und echte Entwicklung vor allem in einem Zustand möglich sind, der von innerer Entspannung und Geborgenheit geprägt ist. Jede Art von Angst, innerer Anspannung oder Unsicherheit verhindert die Möglichkeit, der Welt mit offenen Sinnen zu begegnen und führt durch die Ausschüttung von Streßhormonen zu einer eingeschränkten Wahrnehmungsund Lernfähigkeit. Von daher ist die innere Sicherheit, die aus dem Gefühl erwächst, daß wir ohne Bedingungen so angenommen und geliebt werden, wie wir sind, die wichtigste und unerläßliche Voraussetzung für die volle Entfaltung des Menschen.
Das heißt natürlich nicht, daß wir alles gutheißen müssen, was ein Kind tut, oder ständig mit einem lächelnden Gesicht herumlaufen sollten – vielmehr geht es darum, daß das Kind spürt, daß es eine Quelle der Freude für seine Eltern ist und keine Last.
Wenn sich in einer Familie oder bei einem Paar ein Kind anmeldet, ist diese Nachricht so gut wie immer von starken Gefühlen begleitet. Egal ob schon ein oder mehrere Kinder da sind oder ob es das erste ist – immer bedeutet es einen großen Einschnitt im Leben der werdenden Eltern. Neben den verschiedensten Hoffnungen, Ängsten und Zweifeln stellt sich häufig auch eine außergewöhnliche Freude, ja vielleicht sogar ein tiefes Glücksgefühl ein. Manche Psychologen sprechen dabei etwas abfällig von den „verliebten Müttern“. Tatsächlich handelt es sich um eine spontane innere Öffnung und ein herzliches Willkommen, das es dem Kind erleichtert, in der neuen Situation wirklich anzukommen.
Nehmen die werdenden Väter am Prozeß der Schwangerschaft und der Geburt aktiv teil, bringt sie dies häufig mit Teilen von sich in Verbindung, von denen sie vorher vielleicht gar nicht geahnt hatten, daß sie in ihnen sind. Eine weiche Stelle in ihrem Inneren wird berührt, die eine tiefe Liebe, Feinfühligkeit und Fürsorge an den Tag bringt. Auch wenn diese plötzliche Sensibilität manchmal zu Unsicherheiten oder einer ungewohnten Schüchternheit führen kann, ist diese Zeit auch für viele Männer eine besondere Gelegenheit, mit tieferen Aspekten von sich selbst in Berührung zu kommen.
Schließlich ist das Kind da, und neben der Freude schleicht sich früher oder später auch die Frage in den Eltern ein, ob sie dieser Aufgabe wirklich gewachsen sind.
Alles mögliche muß geregelt und organisiert werden, und mit der Zeit kann es sein, daß wir den Kontakt zu unserer Freude und Liebe wieder verlieren. Streß, Müdigkeit, vielleicht sogar Depressionen können auftreten, und manchmal wird das Kind, das vorher Anlaß zu Freude und tiefem Glück war, langsam, aber sicher zu einer Last. Dies wiederum teilt sich den Kindern mit, auch wenn es nicht ausgesprochen wird, und beeinflußt in starkem Maße ihr Selbstwertgefühl.
Die innere Freude über das neue Leben ist eine Quelle, aus der Eltern immer wieder schöpfen können. Gleichzeitig ist das Leuchten in den Augen der Mutter eine wirkliche innere Nahrung für das Kind. Es spürt und sieht, daß es willkommen ist. Auch hier können Sie sich wieder fragen: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich die innere Gewißheit hätte, daß ich willkommen bin – daß ich eine Quelle der Freude bin für meine Eltern?
Reflexionen oder Besinnungsübungen wie die am Ende dieses Kapitels können eine wertvolle Hilfe sein, uns daran zu erinnern, daß diese innere Freude nicht von der Macht des Alltags überdeckt wird. Und das ist fast unvermeidlich, wenn wir nicht aktiv daran arbeiten, sie lebendig zu erhalten und immer wieder zu nähren. Als Jugendlicher ist mir durch einige Begebenheiten aufgefallen, daß manche Eltern erst dann wieder mit ihrer Liebe zu ihren Kindern in Kontakt kommen, wenn diese in Lebensgefahr schweben. So geriet ein Mädchen, dessen Eltern immer sehr auf ihre sportlichen Leistungen bedacht waren, nach einer kleineren Sportverletzung in Lebensgefahr, weil die Narkoseärzte eine Unverträglichkeit nicht beachtet hatten. Plötzlich spürten sie wieder, wie wichtig ihnen das Kind war, um dessen Leben sie bangten. Vorher lief das Mädchen lange mehr oder weniger nebenher. Sie wurde nicht wirklich gesehen, ihren wahren Gefühlen wurde kaum Beachtung geschenkt. Man machte sich Sorgen um ihre Leistungen, ermahnte oder ermutigte sie und wendete sich ihr auch sonst vor allem in der Hinsicht zu, wie gut oder schlecht sie den Anforderungen der Schule oder den anderen Erwartungen der Eltern genügte.
Wir müssen nicht auf solche Extremsituationen warten, damit wir wieder mit unserer Liebe zu unseren Kindern in Kontakt kommen. Wir können uns erinnern und unsere Kinder spüren lassen, daß sie willkommen sind. Denn es reicht nicht aus, daß wir unsere Kinder lieben – sie müssen diese Liebe auch spüren! Ich bin mir sicher, daß die allermeisten Eltern ihre Kinder lieben – nur fällt es vielen schwer, diese Liebe zu leben und in ihrer Beziehung zu ihren Kindern zu verwirklichen.
ÜbungFreudeGeben Sie sich für Besinnungsübungen wie diese ein wenig Raum und sorgen Sie dafür, daß Sie möglichst ungestört sind. Lassen Sie sich zunächst einmal ein paar Minuten Zeit, um bei sich anzukommen. Wenn Sie sich noch mit Dingen aus Ihrem Alltag beschäftigen oder von ihnen bedrängt werden, stellen Sie diese wie in der Achtsamkeitsübung (siehe Seite 200) für eine Weile zurück.
Wenn Sie sich bereit fühlen zu beginnen, stellen Sie sich auf Ihr Kind oder eines Ihrer Kinder ein und versuchen Sie eine Situation vor Ihrem inneren Auge oder Ihrem inneren Gefühl auftauchen zu lassen, als Sie in Verbindung mit diesem Kind Freude erlebt haben. Erzwingen Sie nichts. Stellen Sie sich einfach darauf ein, daß Erinnerungen auftauchen können. Vielleicht hilft Ihnen das Bild einer Antenne, die empfangsbereit ist, aber nicht aktiv Ausschau hält. Wenn zunächst nichts auftaucht, ist das vollkommen in Ordnung. Machen Sie sich keinen Druck. Nehmen Sie einfach wahr, was von allein kommt, ohne es zu bewerten. Es kann eine Situation sein, wo Sie etwas gemeinsam mit dem Kind getan haben, was Ihnen beiden Freude bereitet hat – es kann aber auch eine Situation sein, in der Sie das Kind bei etwas beobachtet haben, was Sie gefreut hat.
Wenn ein solcher Moment auftaucht, lassen Sie sich Zeit, daß die Situation in Ihnen lebendig werden kann, geben Sie der Freude Raum und lassen sie sich in Ihrem ganzen Körper ausbreiten, ohne etwas zu forcieren.
Wenn Sie durch eine solche Besinnungsübung Zugang zu dieser Freude bekommen, nehmen Sie sich regelmäßig ein paar Minuten Zeit, in der Sie sonst nichts erledigen oder tun, und versuchen Sie sich an diese Freude zu erinnern. Wenn Ihr Kind noch klein ist und Sie vielleicht sogar noch stillen, nutzen Sie diese Zeit, um diese Freude in sich aufzuspüren, sie zuzulassen und ihr Raum zu geben.
Eine gute Gelegenheit, sich innerlich wieder mit einem Kind zu verbinden, ist, wenn es schläft. Es stellt nun keine Anforderungen mehr an uns, wir können unsere Anspannung loslassen und es einfach ansehen. Wenn wir in dieser Weise mit unserem schlafenden Kind Kontakt aufnehmen, fällt es uns vielleicht leichter, unsere Liebe zu erneuern und unsere innere Verbindung zu nähren.
Das Erleben von gemeinsamer Freude spielt auch in dem Ansatz von Emmi Pikler eine wesentliche Rolle. Beim Wickeln, Füttern, Baden – bei allem, was wir mit dem Kind tun, ist es möglich, Raum für gemeinsame Freude zu schaffen, was nicht nur für das Kind, sondern auch für uns ein ganz anderes Lebensgefühl mit sich bringt.
Auf dem Weg zu einer neuen Beziehungsqualität
Das erste Wirkende ist das Sein des Erziehers, das zweite, was er tut, und das dritte erst, was er redet.
ROMANO GUARDINI
Der Grad, in dem ich Beziehungen eingehen kann, die die Entfaltung anderer als eigenständige Menschen fördern, entspricht dem Maß der Entfaltung, die ich in mir selbst erreicht habe.
CARL ROGERS
Kinder entwickeln sich nicht so sehr durch das, was man ihnen sagt oder zu erklären versucht, sondern durch ihre konkreten Erlebnisse in der Umgebung, in die sie geboren wurden. Wie ist die Atmosphäre, die sie atmen – die sie umgibt? Sind die Erwachsenen vor allem geprägt von Unruhe, Ungeduld und Unachtsamkeit, oder strahlen sie überwiegend Ruhe, Mitgefühl und Einfühlsamkeit aus? Ist die Umgebung eher unberechenbar, und wird das Kind wie ein Objekt behandelt, als ob es nicht empfinden könnte, was mit ihm geschieht? Oder fühlt es sich willkommen geheißen und respektiert? Fühlt es sich angenommen und geliebt, ohne etwas dafür tun oder leisten zu müssen – nur weil es da ist? Ist es eine Freude für die Eltern und keine Last? Und vor allem: Sind seine Eltern wirklich für es da? Sind sie wirklich anwesend für ihr Kind, und fühlt es sich von ihnen gesehen und verstanden?
Die Art und Weise, wie wir sind – unsere eigene innere Wirklichkeit –, bildet den Nährboden, auf dem das Kind mehr oder weniger gut wachsen kann. Diese Tatsache kann gar nicht genug betont werden, denn nicht nur sind wir und unser Verhalten ein Modell für das spätere Leben des Kindes – unser innerer Zustand von Moment zu Moment und die Art und Weise, wie wir mit unserem Kind in Kontakt treten, ist auch von wesentlicher Bedeutung für seine harmonische Entfaltung – denn wir Erwachsenen sind der prägende und bedeutungsvollste Einfluß in der Umgebung des Kindes. Die Qualität unserer Beziehung und die Art und Weise, wie wir unsere Kinder sehen, ist der wesentlichste Faktor für ihre Entwicklung. Dies ist auch der Grund, warum die Entwicklung von Achtsamkeit und Gewahrsein so wertvoll und hilfreich ist. Denn wenn wir unsere Kinder wirklich so wahrnehmen möchten, wie sie sind, und nicht automatisch, gewohnheitsmäßig und unbewußt auf sie reagieren und so den Kontakt zu ihnen und ihrer inneren Wirklichkeit verlieren wollen, ist es unerläßlich, unsere Aufmerksamkeit auch nach innen, auf uns selbst und unsere eigene innere Wirklichkeit zu richten.
So ist es zum Beispiel außerordentlich hilfreich, wenn wir uns bewußt machen, wie unsere Einstellung einem Kind gegenüber aussieht. Bei einer Forschung mit Lehrern wurden diese jeweils auf eine neue Schulklasse vorbereitet, in der sie unterrichten sollten. In diesem Zusammenhang beschrieb man ihnen auch die einzelnen Schüler – welche intelligent, welche schwach waren und so weiter. Was die Sache nun interessant macht, ist, daß diese Stärken und Schwächen dabei vollkommen willkürlich zugeteilt wurden. Anderen Lehrern derselben Klasse wurden ganz andere Schüler als schwach oder begabt geschildert. Das Ergebnis dieser Untersuchung war selbst für die Forscher in seiner Eindeutigkeit verblüffend. Dieselben Schüler brachten bei verschiedenen Lehrern vollkommen unterschiedliche Leistungen: Bei den Lehrern, denen sie als begabt geschildert wurden, entwickelten sie sich gut, dort, wo sie als schwache oder schwierige Schüler beschrieben wurden, entwickelten sie sich langsam oder wurden sogar tatsächlich schwierig.
Dieses Forschungsergebnis machte deutlich, wie stark die Entwicklung der Schüler von dem Bild abhängt, das die Lehrer von ihnen haben. Um wieviel wichtiger für das Selbstbild und das Selbstwertgefühl eines Kindes ist die Art und Weise, wie es von seinen Eltern gesehen wird! Wir werden später noch ausführlicher auf dieses Thema zu sprechen kommen – aber so viel sei an dieser Stelle schon gesagt: Unser innerer Zustand und die Art und Weise, wie wir Kindern begegnen, prägt sie in einem Maße, wie wir es uns kaum vorstellen können.
Es geht nicht darum, daß wir alles richtig machen müßten oder keine Fehler machen dürften. Vielmehr können wir daran arbeiten, eine innere Haltung zu entwickeln, die von Liebe, Achtsamkeit und Respekt geprägt ist. Wenn wir versuchen, in jedem Kind das Gute zu sehen, herauszufinden, wer das Kind wirklich in seinem Wesen ist, so geben wir diesem inneren Wesen die Nahrung, die es braucht, um sich zu entfalten. Wenn wir sie jedoch als schwierig, minderbemittelt, inkompetent oder in einer anderen Weise als minderwertig ansehen, so werden sie in ihrem Selbstwertgefühl stark beeinträchtigt und ihr eigentliches Potential, wenn überhaupt, nur sehr viel schwerer entfalten können.
Das heißt wiederum nicht, daß wir wegschauen, wenn Kinder etwas tun, was nicht angemessen ist. Wie wir noch sehen werden, ist es manchmal durchaus nötig, klare Grenzen zu setzen – aber auch dann nicht als Selbstverteidigung, mit einer inneren Haltung der Ablehnung und Bewertung, sondern mitfühlend und doch fest.
Aber Kinder werden nicht nur durch die Art und Weise geprägt, wie wir sie sehen. Eine ebenso große Rolle spielt es, wie wir selbst unser alltägliches Leben leben und wie wir mit anderen Menschen und Dingen umgehen. In allem, was wir tun, fühlen und denken, sind wir für unsere Kinder ein Modell – ob wir dies wollen oder nicht. Wir können dies in unserem täglichen Umgang mit Kindern unschwer erkennen. Sobald wir in Streß geraten oder uns ohnmächtig fühlen, neigen wir dazu, in Verhaltensmuster zu verfallen, die wir nicht frei gewählt haben. Manchen Eltern erscheint es dann, als würde ihre Mutter oder ihr Vater plötzlich durch sie sprechen oder handeln. Die Art und Weise, wie wir erzogen wurden, hat uns tief geprägt, und vor allem in schwierigen Momenten greifen wir, ohne uns dessen bewußt zu sein, auf solche alten Prägungen zurück. Genauso unbewußt übernehmen wir alle möglichen Ansichten über das Leben und die Welt, die unser Verhalten als Erwachsene in hohem Maße beeinflussen. Nur wenn wir uns dieser Prägungen bewußt werden, können wir sie auflösen und durch eigene Werte ersetzen.
In der Gestalt-Arbeit werden diese verinnerlichten Prägungen „Introjektionen“ genannt. Fritz Perls, einer der Begründer der Gestalt-Therapie, sprach davon, daß es darum ginge, sich dieser Introjektionen bewußt zu werden und sie dann, ähnlich wie Nahrung, richtig zu kauen. So können wir das assimilieren, was wir integrieren können, während wir uns von dem trennen, was wir nur geschluckt haben, aber nicht verdauen können oder wollen.
Es geht also um eine Form der Bewußtseinsarbeit, und es hilft natürlich überhaupt nichts, wenn wir uns den Anschein eines guten Modells geben und alle inneren und äußeren Konflikte zu verbergen versuchen. Unser innerer Zustand wirkt in jedem Fall, und so ist die innere Arbeit an sich selbst unerläßlich, wenn wir mit Kindern neue Wege gehen wollen. Voraussetzung für diese innere Arbeit ist, daß wir lernen, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind – mit all unseren Fehlern und Schwächen. Ansonsten endet die innere Arbeit in einer Art Selbstmanipulation und Selbstkonditionierung. Auch die Arbeit an uns selbst muß von Liebe und Mitgefühl getragen sein, wenn sie zu einer wirklichen Veränderung führen soll – und auch das braucht seine Zeit. Echte Entfaltung ist ein langsamer, organischer Prozeß. Wir brauchen ebenso Zeit, bis der Same eines neuen Verständnisses im Leben mit Kindern auch in unserem Alltag zu wachsen und Früchte zu tragen beginnt. Ein befreundeter Meditationslehrer drückte es so aus: „Was wir für diese Arbeit brauchen, sind drei Dinge: Eine Tasse voll Wissen, ein Faß voll Liebe und einen Ozean voll Geduld.“
ÜbungDas Bild, das wir uns von einem Kind machenNehmen Sie sich wieder ein wenig Zeit und sorgen Sie dafür, daß Sie für eine Weile möglichst ungestört sind. Stellen Sie für die Zeit der Übung wieder alles beiseite, was Sie im Moment gerade beschäftigt, und lassen Sie sich ein paar Minuten Raum, um erst einmal bei sich anzukommen.
Wenn Sie bereit sind, stellen Sie sich auf Ihr Kind oder eines Ihrer Kinder ein. Schreiben sie alles auf, was Ihnen zu diesem Kind einfällt, ohne lange zu überlegen oder zu bewerten, einfach, was Ihnen kommt. Die Schwangerschaft, seine Geburt, das Leben mit ihm bis zu diesem Punkt.
Was haben Sie für ein Bild von dem Kind? Welche Eigenschaften mögen Sie, womit haben Sie Schwierigkeiten? Schreiben Sie einfach alles auf, auch wenn es Ihnen überflüssig vorkommt oder peinlich ist – Sie brauchen es ja niemandem zu zeigen.
Welche Erwartungen haben Sie an das Kind? Wo entspricht es vielleicht nicht Ihren Erwartungen? Schreiben Sie alle „Wenn-Nurs“ in bezug auf dieses Kind auf, die Ihnen einfallen: „Wenn es nur ordentlicher wäre, dann wäre alles gut“ – „Wenn es nur besser schlafen würde …“ – „Wenn es nur mehr auf mich hören würde …“
Diese „Wenn-Nurs“ können uns leicht in die Irre führen, wenn wir zulassen, daß sie unser Leben bestimmen. Es kann sehr hilfreich sein, sich ihrer bewußt zu werden, damit sie nicht unterschwellig unser Verhalten bestimmen. Glauben wir ihnen, nehmen wir uns, unsere Kinder und unser Leben nie so an, wie es ist – nichts wird uns genügen, und wir werden nicht wirklich mit uns und anderen in Kontakt kommen.
Wird Ihnen das Bild, das Sie sich von Ihrem Kind machen, deutlicher bewußt, versuchen Sie es ganz neu kennenzulernen: Was nehme ich jetzt, hier und heute von ihm wahr – nicht wie Sie denken, daß es sein sollte. Was mag mein Kind gern, was interessiert es, wo ist es besonders lebendig und mit Herz und Seele dabei, was ißt es gern, was zieht es gern an, was gefällt ihm in der Welt, wo erlebt es Freude, wann ist es ausgeglichen? Welcher Ton paßt zu ihm, welche Melodie, welche Farbe, welche Blumen, welches Tier, welche Worte …?
Erzwingen Sie nichts – lassen Sie sich einfach Raum und warten Sie ab, ob Ihnen etwas einfällt. Versuchen Sie, Ihr Kind wie ein wohlgesinnter, liebevoller Außenstehender zu sehen, der sich für diesen Menschen interessiert. Versuchen Sie, ob Sie einige Punkte erkennen können, in denen sich das Bild, daß Sie von Ihrem Kind haben, von dem unterscheidet, was Sie so von ihm wahrnehmen.
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