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In den letzten 60 Jahren ist der Welthandel um das 30-fache gestiegen
Auch die Arbeitgeber haben das Ausmaß der tektonischen Plattenverschiebung innerhalb der Dritten Transformation noch nicht erfasst. Die unbefristete Vollzeitstelle war als Phänomen des Wirtschaftswunders – ideal für die eher langsamen, unflexiblen Märkte, die bis Ende der 90er-Jahre das Bild beherrschten. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat diese Entwicklung 2012 in einem Papier zur Entwicklung des Welthandels skizziert: »In den letzten 60 Jahren ist der Welthandel enorm gewachsen. Das Volumen globaler Warenexporte ist zwischen 1950 und 2008 real nahezu kontinuierlich um mehr als das 30-fache gestiegen […]. 2009 war im Zuge der globalen Finanzkrise ein Ausnahmejahr, die globalen Exporte sanken um 12 Prozent. 2010 konnte dieser Rückgang dann wieder kompensiert werden.«31
Vor allem die Schwellen- und Entwicklungsländer hätten während der letzten 20 Jahre die Märkte durch ihren Export enorm dynamisiert: »Im Zeitraum 1995 – 2010 erreichten die Entwicklungsländer im Durchschnitt ein jährliches reales BIP-Wachstum von 5,5 Prozent, die Industriestaaten lediglich 2,2 Prozent. Der Anteil der Entwicklungsländer am Welt-BIP hat sich damit fast verdoppelt (von 18 auf 34 Prozent).«32 Auf diese Dynamisierung müssen auch etablierte Industrieländer wie Deutschland reagieren. Das Auf und Ab wirtschaftlicher Entwicklung erfolgt nicht nur potenziell immer extremer, sondern auch schneller. Der Wunsch der Wirtschaft nach einer »atmenden« Arbeitsmarktpolitik ist daher durchaus verständlich. Doch das bislang dominante Modell der unbefristeten Vollzeitstelle einfach aufzugeben und die Regulierung und Gestaltung schlicht unter das Dach maximaler Flexibilität zu stellen in der Hoffnung, »der Markt« werde es schon richten, ist fantasielos, naiv und für das soziale Gefüge in Deutschland gefährlich. Denn »die Märkte« regeln grundsätzlich nichts. Menschen innerhalb der Märkte regeln etwas. Und wir sollten uns schleunigst überlegen, wie wir die sozialen Ängste kanalisieren und in moderne Arbeitsformen überführen. Denn ein Zurück zur guten, alten Zeit gibt es nicht mehr.
In die Fußstapfen der unbefristeten Vollzeitstelle treten ab der Jahrhundertwende allmählich neue Arbeitsformen: Befristungen, Selbstständigkeit, Projektarbeit, Mini-Jobs und Zeitarbeit. Bereits 2007 kommt der Soziologe Ulrich Beck in seinem Buch »Schöne neue Arbeitswelt« zu dem Schluss, dass wir uns, global gesehen, mitten im Sprung von der »ersten Moderne« in die »zweite Moderne« befinden.33 Für Beck ist die erste Moderne gekennzeichnet von Vorhersagbarkeit und Sicherheit innerhalb der politischen, technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Leben in der Zweiten Moderne: So viel Unvorhersehbarkeit war nie
Die zweite Moderne, der fast sein gesamtes Werk gewidmet ist, sei geprägt von immer mehr Risiko und zunehmender Komplexität, die alle Lebensbereiche durchdringe und bis dahin nicht vorhandene Unwägbarkeiten für das Schicksal des Einzelnen mit sich brächte. Beck zeichnet ein relativ düsteres Bild der ökonomischen Entwicklung, das er »Brasilianisierung der Wirtschaft« nennt: mehr Billigjobs, mehr Projektarbeit, weniger Festanstellungen, weniger berechenbare Lebensentwürfe. Um in seinem Risikobegriff zu bleiben: Die Auflösung traditioneller Arbeitsverhältnisse geht immer zulasten des Arbeitnehmers. Das unternehmerische Risiko wird demnach immer mehr vom Unternehmen weg auf die einzelnen Menschen, die »Produktivkräfte« verlagert.
Wohin die Reise geht, zeigt der Gigant IBM mit seinem Projekt »Liquid«: Künftig werden Projekte nicht mehr automatisch intern vergeben, sondern ausgeschrieben, und der einzelne Projektmitarbeiter muss sich auf der Liquid-Plattform darum erst bewerben, so jedenfalls die Idee. Bernd Bienzeisler vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) stellt ganz richtig fest, »dass hier nicht irgendein Unternehmen mal etwas Neues ausprobiert. IBM gilt seit Jahrzehnten als Vorreiter für neue, kontroverse, aber auch revolutionäre Organisationskonzepte, die nicht nur in den Hochglanzbroschüren des Managements stehen, sondern die tatsächlich praktiziert werden.« Bezüglich der Auswirkungen für die Arbeitnehmer sieht Bienzeisler große Probleme, denn »in letzter Konsequenz bedeutet ›Liquid‹ die Aufkündigung des sozialpartnerschaftlichen Modells der Arbeitsorganisation, welches darauf abzielt, Chancen und Risiken halbwegs gleichmäßig zu verteilen. Wenn die Beschäftigten sich jedoch selbst jedes Mal um Projekte aktiv bewerben müssen, ist dies kaum noch im Sinne einer abhängigen Beschäftigung zu verstehen.«34
Ulrich Beck und Bernd Bienzeisler entwerfen das Bild einer ungewissen Zukunft. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Eine größere Flexibilität in der Gestaltung der eigenen Arbeitsleistung kann auch erfüllend sein und Freiheiten schaffen, die den Begriff auch verdienen. Es tut not, sich auch mit diesen positiven Seiten zu beschäftigen. Bislang geschieht das nämlich viel zu wenig, im Gegenteil. So nähren Mainstream-Medien wie der SPIEGEL oder das ZDF nicht selten kritiklos die Angst vor neuen Arbeitsformen wie der Selbstständigkeit. Das habe ich bereits früher an anderer Stelle kommentiert.35
Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten zwei Dekaden stark verändert
Eine solche Haltung spiegelt das Denken der Wirtschaftswunder-Vollzeitstellen-Vollkasko-Mentalität, die wir schnellstens abschütteln sollten.
Nicht um sie durch neoliberale Religion zu ersetzen, sondern um uns tatsächlich darüber Gedanken zu machen, wie das bei uns in Deutschland denn nun aussehen soll mit den neuen Arbeitsverhältnissen. Denn die sind längst Realität:



Insgesamt haben wir es also im Moment mit mindestens 6,9 Millionen Menschen zu tun, die abseits des Modells »unbefristete Vollzeitstelle« ihrer Beschäftigung nachgehen: immerhin über 16 Prozent von aktuell (Dezember 2012) 41,6 Millionen Beschäftigten in Deutschland – Tendenz steigend. Für diese Menschen müssen wir in Wirtschaft und Politik Antworten finden. Denn die unbefristete Vollzeitstelle als Arbeitsmodell wird weiter an Bedeutung verlieren.
In der Folge wird sich das unternehmerische Risiko weiter vom Arbeitgeber auf den Arbeitnehmer verlagern. Besonders krass sieht man das am Phänomen Zeitarbeit, aber auch an kleineren Maßnahmen, zum Beispiel der sogenannten »Ausgliederung«: Eine Firma gründet eine Tochtergesellschaft und überführt eigene Mitarbeiter dann in diese Tochtergesellschaft – zu schlechteren Konditionen. So geschehen beispielsweise bei der Telekom 2007 (50 000 Mitarbeiter) oder 2012 mehrfach in der Print- und Medienbranche. Das kann sinnvoll sein, auch um das Überleben des Unternehmens zu gewährleisten. Doch optimal ist das nicht. Wir müssen den Gesellschaftsvertrag zwischen Unternehmen und Arbeitenden generell neu aushandeln, was die gegenseitige Verantwortung betrifft. Mit der Vielfalt von Arbeitsformen steigt auch die Komplexität der Zusammenarbeit zwischen Mitarbeiter und Unternehmen. Mit all ihren Möglichkeiten und Gefahren.
Zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern spielt auch Gerechtigkeit eine Rolle
Hier benötigen wir sinnvolle Impulse aus der Politik, zum Beispiel eine zeitlich befristete Phase der Leiharbeit. So sollte ein Unternehmen meiner Meinung nach keine »Ketten«-Leihverträge mit einem Arbeitnehmer schließen dürfen. Ein Betrieb, der ein- und denselben Mitarbeiter über mehrere Jahre als Leiharbeiter beschäftigt und nicht übernimmt, überschreitet die Fairness-Grenze hin zur Ausbeutung und verletzt den »Gerechtigkeitsvertrag« zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Darunter leidet nicht zuletzt die Loyalität des Mitarbeiters. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin geht mit dem Arbeitgeber einen solchen mentalen Gerechtigkeitsvertrag ein. Er hat bestimmte Vorstellungen davon, was er leisten will und kann und wie er dafür behandelt werden will. Dieser Gerechtigkeitsvertrag kann leicht brüchig werden, wenn Arbeitnehmer das Gefühl haben, der Arbeitgeber verstoße gegen dieses Gerechtigkeitsgebot. Daher ist die Mindestanforderung, dass der Arbeitgeber bei einem subjektiven »Verstoß« (zum Beispiel einer Ausgliederung zu schlechteren Konditionen) die Gründe hierfür darlegt und um Verständnis wirbt. Denn lokale und globale Veränderungen am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft schlagen ja nicht nur auf »die Unternehmen« durch, sondern selbstverständlich auch auf die Beschäftigten. Nur wenn wir alle das (ökonomische) Schicksal des Einzelnen im Blick behalten, können Unternehmer und Politiker verantwortungsvoll entscheiden.
Nichts zeigt das besser als die Immobilienkrise in den USA. Dort ging es plötzlich nicht mehr um abstrakte Hypotheken oder »asset backed securities«, sondern um obdachlose Menschen, die ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten und bis an ihr Lebensende auf Schulden sitzenbleiben werden. Natürlich haben diese Menschen ebenso Verantwortung für ihre Situation zu tragen. Sie haben schließlich die Kreditverträge unterschrieben. Doch es ist bezeichnend, dass in den Banken für eine besonders hoffnungslose Variante des Kredits eine eigene Bezeichnung kursierte: NINJA, »no income, no jobs or asset«. So wurden Kreditnehmer bezeichnet, von denen man von vornherein wusste, dass sie keine Arbeit, kein Einkommen oder sonstiges Vermögen hatten: »Durch die US-Politik, dass jeder US-Bürger doch ein eigenes Häuschen haben möge, wurde von den Banken erwartet, eine entsprechende Kreditversorgung zu gewährleisten. Die Banken ließen sich nicht zweimal bitten und boten 100-Prozent-Finanzierungen für Immobilienkäufe an. Bei schlechter Bonität des Kreditnehmers wurden höhere Zinsen vereinbart, um das Risiko auszugleichen. Auch ging die ganze Branche davon aus, dass die Immobilien später gewinnbringend verkauft werden konnten. Die Ninja-Kredite wurden massenhaft unters Volk gebracht, die Verkäufer sahnten dabei reichlich Provisionen ab und wurden dadurch angestachelt, noch mehr Ninja-Kredite zu vergeben – bis irgendwann die Blase platzte.«39 Dass man diesen Menschen dennoch Kredite gab, ist eindeutig die Verantwortung der Finanzindustrie. Aufgrund der ökonomischen, faktisch gegebenen »neuen Unsicherheit« müssen wir in der Debatte deshalb das tun, woran man normalerweise nicht extra erinnern braucht: Wir müssen in menschlichen Maßen denken, nicht in abstrakten Begriffen. Die Konsequenzen bis hinunter zu den einzelnen arbeitenden Menschen sollten durchdacht werden, ohne sie vorher aus ideologischen oder Bequemlichkeitsgründen auszublenden.
Hartz IV und die (unbeabsichtigten) Folgen: soziale Abwertung
Dass dies nicht immer gelingt, zeigen die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen der letzten Jahre, etwa die Hartz-IV-Gesetze. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe war vor allem eins: ein psychologischer Fehler. Auch wenn es Menschen schlecht geht, schöpfen sie Motivation aus dem Vergleich mit anderen Menschen, denen es noch schlechter geht: »Ich habe Schnupfen, aber mein Nachbar hat sich das Bein gebrochen. Er ist noch schlimmer dran.« Dieser Abwärtsvergleich, downward comparison genannt, ist vielleicht moralisch fragwürdig, aber eine Tatsache. Nachdem sich nun Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger plötzlich auf einer Stufe wiederfanden, fehlte für Erstere dieser Abwärtsvergleich. Plötzlich waren sie selbst »ganz unten«. Dies ist fatal, weil eine Gruppe sich einerseits nach innen ihrer selbst versichern, sich aber auch nach außen ebenso sichtbar abgrenzen will. Diese Abgrenzung nach unten war nun nicht mehr möglich. Die ursprüngliche Gruppe »Arbeitslose« verschmolz mit der Gruppe »Sozialhilfeempfänger«.
Nun setzte ein Mechanismus ein, der in der Sozialpsychologie »labelling« – Etikettierung – genannt wird: »Okay, wenn alle Welt glaubt, dass ich ganz unten bin (einschließlich mir selbst), dann benehme ich mich auch, als wäre ich ganz unten.« Die Bezeichnung »hartzen« entstand und verankerte dieses Label dauerhaft. Für diejenigen, die trotz aller widrigen Umstände versuchen, aus dieser Gruppe auszubrechen und wieder eine Arbeit zu finden, wird es schwer. Denn die Gesellschaft ihrerseits reagiert mit Vorurteilen auf »Hartz-IVler«, nicht zuletzt befördert durch die Boulevardmedien. So stellt die medienkritische Seite BILDBlog fest: »Gegen Hartz-IV-Empfänger zu hetzen, gehörte bei ›BILD‹ ja schon immer zu den Königsdisziplinen.«40 Und auch der paritätische Wohlfahrtsverband meldete sich zum Thema Hartz IV und BILD zu Wort: »Hier wird ohne jede empirische Grundlage auf unverantwortliche Art und Weise gegen Millionen Menschen gehetzt und ein Bild der schmarotzenden Massen geschürt, das mit der Realität nichts zu tun hat«.41 Die BILD-Zeitung verstärkt durch ihre Kampagnen den Abwärtsvergleich in einer gesellschaftlichen Dimension und sorgt so für eine latente Entsolidarisierung breiter Bevölkerungsschichten gegenüber den ökonomisch Schwächsten. Die neue Unsicherheit wird dadurch unnötig verstärkt.
Wenn die Lebensentwürfe weniger planbar werden, muss die Vermögensplanung flexibel werden
Wenn immer mehr Menschen verunsichert sind und sich auf ihre langfristige ökonomische Versorgung nicht mehr verlassen können, hat das Auswirkungen auf die Lebensplanung insgesamt. Man kennt das aus der Wirtschaft: Praktisch jede Firma unternimmt eine jährliche Budgetierung und versucht, Einnahmen, Kosten, Investition und Gewinn unter einen Hut zu bringen. Was nun für ein Unternehmen die prognostizierten Einnahmen aus Aufträgen etc. sind, das ist für den Normalbürger sein geplantes, vielleicht schon verplantes Einkommen. Und genau wie Unternehmen in schwankenden Märkten oder in Krisen Anpassungen vornehmen müssen, Pläne angleichen oder auch einmal Mitarbeiter entlassen, müssen Menschen ihre Finanz- und Lebensplanung anpassen, wenn sie nicht mehr mit einer festen Arbeitsstelle oder einem festen Einkommen rechnen können. Dass dies immer mehr Menschen betrifft, ist eine Tatsache, mit der wir uns auseinandersetzen sollten. Ich rede weder einer wirtschaftlichen »Vollzeitstellen-Landschaft« das Wort noch einer totalen Flexibilisierung. Wir müssen uns vielmehr als arbeitende Gesellschaft darauf einstellen, dass wir bestimmte Dinge nicht mehr planen können bzw. uns in einem ständigen finanziellen Krisenmanagement befinden (Krise nicht in dem Sinne, dass es uns schlecht geht, sondern im Sinne von ständiger Wachsamkeit und Anpassung).
Auf den Prüfstand müssen notgedrungen als Erstes die Dinge kommen, die eine langfristige finanzielle Planung erfordern und uns binden: Hausbau, Familiengründung, größere Anschaffungen etc. Beispiel Hausbau: Immer noch inszenieren Banken und interessierte Finanzdienstleister Kampagnen, um dem Einzelnen einen Hausbau schmackhaft zu machen. Weil ein Haus ja angeblich »eine Investition in die Zukunft« sei, die sich irgendwann rechne. Doch Fakt ist: Wenn Sie ein Haus bauen oder kaufen, ist das zunächst nur für die Bank eine Investition (die Ihnen einen Kredit gibt und dafür Sicherheiten verlangt). Für Sie ist das 20 oder 30 Jahre lang eine Verbindlichkeit. Das ist ein enormer Unterschied. Die Bank gewinnt immer: Entweder Sie zahlen den Kredit mit Zinsen zurück oder die Bank kassiert die Sicherheit. Sie dagegen sitzen auf einem Schuldenberg von ca. 250 000 Euro + X, den Sie über die nächsten 25 Jahre langsam abbauen. Dieses Geschäftsmodell harmoniert sehr gut mit einer Wirtschaftswundergesellschaft im Vollzeitstellen-Modus. Dort war auch das Ausfallrisiko für Sie als Kreditnehmer überschaubar. In der Gegenwart jedoch ist nur eines sicher: die Unsicherheit. Daher steigt das Risiko eines Kreditausfalls (weil Sie Ihren Job verlieren) überproportional zum Risiko der Bank. Eigentlich macht ein solches Geschäft heutzutage für die meisten Häuslebauer ökonomisch keinen Sinn, sondern bringt ihnen schlaflose Nächte – was eine völlig normale Reaktion ist. Nur wird man indoktriniert von der Werbung und vom Mainstream, weil »man« sich eben ein Haus baut und damit immer noch gesellschaftlichen Erfolg und Status verbindet.
Hausbau oder -kauf ist nur ein Beispiel dafür, dass wir früher selbstverständliche Denk- und Handlungsweisen überprüfen müssen, wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen ändern. Der Einzelne muss sich künftig sehr genau überlegen, welchen Betrag er angesichts der neuen Arbeitsmarktdynamik und dem Risiko eines Jobverlusts wie investiert. Das geht über den rein finanziellen Bereich hinaus. Egal, ob es um Familienplanung, Haus, Karriere oder Wohnort geht: In der Zukunft werden wir sehr bewusst über die Bestandteile unseres Lebens entscheiden müssen. Nicht um permanent die Kontrolle zu behalten (ständige Kontrolle ist eine Illusion), sondern um die neue Unsicherheit möglichst gering zu halten. Dies erfordert mehr als die Prüfung der Frage, was die beste Krankenversicherung ist. Wir müssen uns auch fragen nach unseren Träumen und Wünschen, nach unseren Ressourcen und Möglichkeiten.
Die andere – positive – Seite der Medaille liegt in der Chance, im Leben sehr viele, sehr verschiedene Erfahrungen zu machen. Wir haben mehr Freiheit in unseren Lebensentwürfen und können, wenn wir wollen, die neue ökonomische Dynamik für uns nutzen. Die neue Unsicherheit gibt uns Gelegenheit, uns aktiv mit unserem Leben und unserer Zukunft auseinanderzusetzen. Flexibilität ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Wenn wir im Job keine Sicherheit mehr erwarten können, müssen wir uns andere Fixpunkte schaffen: tragfähige Beziehungen, einen Sinn im Leben, eine positive Lebenseinstellung, die Fähigkeit zu bewusstem Genuss und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen.
Durch lebenslanges Lernen der neuen Unsicherheit begegnen
Das lebenslange Lernen ist künftig vielleicht der Schlüssel zu einer erfolgreichen Lebensgestaltung. In Zeiten, in denen sich »die Welt in zehn Jahren mehr ändert als sonst in hundert« (Giovannino Guareschi), müssen wir uns anstrengen, um nicht abgehängt zu werden. Noch nie war unsere Fähigkeit zur Anpassung und zum Lernen so gefragt wie heute. Lernen und Bildung werden zur wichtigsten Ressource sowohl für den eigenen ökonomischen Erfolg als auch für die Gesellschaft insgesamt. Denn der nächste Quantensprung in unserer Entwicklung wird ein geistiger sein. Das ist die Essenz der Dritten Transformation.
Die Frage ist, ob Institutionen, Arbeitgeber und der Staat in dieser Flexibilität mithalten können und wo wir als Gesellschaft die Grenze zwischen möglicher Flexibilität und Selbstaufgabe ziehen. Die zentrale Frage lautet: Wofür übernimmt der Einzelne die Verantwortung? Und wofür der Staat? Was ist der Verantwortungsbereich der Wirtschaft? Das sind keine leichten Fragen, und sie lassen sich auch nicht von heute auf morgen beantworten. Doch diese Diskussionen müssen wir führen, weil uns die neue Unsicherheit dazu zwingt. Noch haben wir die Möglichkeit, den Wandel zu gestalten. Denn die Karten werden neu gemischt: Arbeitskräfte werden nach Deutschland einwandern, Arbeitsanforderungen verändern sich oder verschwinden ganz, die Bedeutung von Arbeit für das eigene Leben kommt auf den Prüfstand.
Auch die Familie der Zukunft wird in ihrer Berufswahl, -planung und -gestaltung sehr viel flexibler sein müssen als heute. Dies ist in zweifacher Hinsicht eine Herausforderung. Zum einen gilt es, räumlich und zeitlich das Zusammenleben besser zu koordinieren, allein schon deshalb, weil die Familienmitglieder immer seltener an einem Ort wohnen und arbeiten werden. Gleichzeitig schafft dieses Auseinanderreißen eine Sehnsucht nach Heimat, nach der »Herde«, nach dem gefühlten Ursprung seiner selbst. Das kündigt sich bereits an. Der Normalfall ist schon lange nicht mehr die Drei-Generationen-Familie auf dem Dorf, sondern der entwurzelte, alleinlebende Großstadtmensch. So lebten 2011 ca. 16 Millionen Menschen allein, in Großstädten über 500 000 Einwohnern sind das 29 Prozent der Bevölkerung (aller Altersstufen). In Gemeinden unter 5000 Einwohnern stellen Alleinlebende dagegen nur 14 Prozent.42 Diese Zahlen umfassen nicht nur »Singles« im herkömmlichen Sinn, sondern auch Menschen, die sehr wohl einen Partner haben, der jedoch (aus welchen Gründen auch immer) räumlich getrennt lebt. Vor allem der Trend in den Großstädten dürfte sich weiter verstärken:
Ist der Mensch der Zukunft ein Großstadt-Single?
So gehen Zukunftsforscher davon aus, dass die Weltbevölkerung sich noch mehr als heute in den Städten ballen wird. Nach deren Meinung werden 2050 mehr als zwei Drittel aller Menschen in Städten wohnen. Oder wie es die ZEIT formulierte: »Die Menschheit hat sich entschieden: gegen das Leben auf dem Land und für das in der City.«43
Das alles bedeutet eine größere Dynamik, auch innerhalb einer Familie: Arbeits- und Wohnort driften auseinander, das Zusammenleben einer Familie muss teilweise neu definiert werden. Auf diese Art dringt die neue Unsicherheit auch in die eigenen vier Wände vor, bestimmt Lebens- und Karriereplanung, finanzielle Vorsorge und wichtige Entscheidungen. Damit zurechtzukommen, ist eine der großen Herausforderungen der Dritten Transformation.
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