- -
- 100%
- +
Aber noch schöner war es, wenn Tante Leocadie ein längliches Holzkästchen auf den Tisch stellte, an einer Schraube drehte, und wenn dann eine dünne, seltsame Musik wie von lauter winzigen Silberglöckchen durch die Dämmerung summte. Es war immer dieselbe Melodie, eine zärtliche, schmerzliche und doch heitere Melodie, die einen gleichzeitig sehr traurig und auch sehr glücklich machte.
„Diese Spieldose“, erzählte Großtante Ernestine – jetzt in der Dämmerung konnte man nur ihre Stimme hören –, „hat deine Großmutter als Kind bekommen, und sie liebte sie so, daß sie sich nie von ihr trennte. Wenn ich sterbe, soll deine Mutter sie haben!“
Dann zündete Tante Leocadie die Petroleumlampe an, und die Jungen packten die Soldaten wieder in die Schachtel.
„Was wollt ihr eigentlich werden?“ fragte Großtante Ernestine beim Abschied, und wieder brannte ihr forschender Blick bis auf den Grund der Seele.
„Soldat!“ rief Boris.
„Und warum Soldat?“ fragten die Augen belustigt.
„Weil Krieg das schönste ist!“ erklärte Boris.
Die Augen wurden ernst und bekümmert, aber sie lächelten noch immer: „Ist das so schön – Menschen zu töten?“
Aber Boris ließ sich nicht abschrecken:
„Kämpfen ist schön“, meinte er, „und das kann man nur, wenn man Soldat ist!“
Da sagte die Großtante – ihre Stimme war leise, aber sie drang bis in das Innerste und blieb dort haften:
„Man kann auch ohne Waffen kämpfen – für Gott!“
Dann fragte sie Aurel, was er werden wolle.
„Ich will Musik machen“, sagte Aurel; und erst jetzt, als diese Augen ihn fragten, war er sich dessen bewußt geworden. Noch nie hatte er darüber nachgedacht.
„Musik“, wiederholte Großtante Ernestine, „das ist schön. Damit kannst du viele Menschen glücklich machen!“
Aber wie sollte er Musik machen? Nicht einmal auf der Weidenflöte und der Mundharmonika konnte er spielen! Und singen schon gar nicht. Während der Morgenandacht im Saal, wenn alle aus dem Gesangbuch den Choral sangen, brummte er nur leise mit. Und auch das tat er nur, wenn niemand es hörte. Als er einmal mit Warinka in ein Gesangbuch sehen mußte, bewegte er nur die Lippen.
„Aber du singst ja gar nicht mit!“ hatte sie ihn nachher geneckt. „Warum bewegst du dann den Mund?“
Seitdem hielt er auch die Lippen geschlossen.
Wenn man so singen und so spielen könnte wie Tante Madeleine! Oder wenigstens wie die Spieldose! Manchmal, wenn Aurel allein war, hörte er eine Musik. Aber er hörte sie nur ganz tief in sich drinnen, wie ein feines Summen, und wie sollte er dieses Summen aus sich herausholen, so daß auch andere es hören konnten?
Als die Jungen ins Große Haus heimkehrten, brannten Lichter in allen Fenstern. Und als sie die Steinstufen hinaufstiegen und aus der Kälte und Dunkelheit in den Flur traten, schlugen ihnen wohlige Wärme und blendende Helligkeit entgegen.
Und durch die offenen Flügeltüren tönten Musik und Gesang.
Der Kapellenberg
Es wurde Winter. Der Schneepflug zog knirschend um den verschneiten Platz, dicke Schneemauern türmten sich zu beiden Seiten der Anfahrt. An den Fensterscheiben im Schulzimmer wuchsen Frostblumen. Auf dem See war ein Stück vom Schnee frei gefegt worden, die Jungen und Mädchen, Mademoiselle, Miß Mabel, ja sogar Tante Madeleine liefen hier am Nachmittag Schlittschuh.
Herr Bjelinski stapfte in hohen Galoschen im Schnee. Nein, auf das Glatteis ging er nicht. Hat das einen Sinn, immer in der Runde zu laufen?
„Aber das ist doch so gesund“, rief Tante Madeleine, „und so schön!“
„Immer in der Runde, ist das so schön?“ spottete Herr Bjelinski. „Man muß doch auch vorwärts kommen!“
Und er stapfte weiter. In seinem schwarzen Stadtmantel, mit der schwarzen Karakulmütze und dem schwarzen Fransenbart sah er im weißen Schnee wie ein Gespenst aus.
Auch Boris und Aurel fanden das Schlittschuhlaufen ein wenig langweilig, besonders, weil die Mädchen immer dabei waren. Und dann mußte man mit Mademoiselle und Miß Mabel laufen, französisch und englisch sprechen, immer „n’est-ce pas“ und „isn’t it“ sagen – „oui, mademoiselle, la journée est magnifique!“ Oder „how lovely!“ – lauter Quatsch und dazu immer in der Runde laufen!
Viel schöner war es, wenn die Jungen die alte Jurka vor die Ragge anspannen und mit ihr spazierenfahren durften. Sie saßen im niedrigen, flachen Schlitten auf einem Strohsack, die Beine in dicke Schaffelle eingewikkelt, und kutschierten abwechselnd. Sie fuhren auf der Landstraße, bogen dann in den verschneiten Wald ein, durch dichte junge Schonungen zur Fasanenfutterstelle. Manchmal sahen sie den großen Vogel mit dem langen rostroten Schweif über die Schneise streichen. Oder sie kutschierten zur kleinen Bude beim Kruge und fragten den zappligen, rundlichen Mann, der hinter seinem Ladentisch immer so tiefe Bücklinge machte, nach den unmöglichsten Dingen, nur um seine unerschütterlich immer gleiche Versicherung zu hören:
„Solche is nich, kommt nächste Woche!“
Aber einmal kauften sie sich doch etwas: zwei kurze Tonpfeifen mit silbernem Deckel. In der alten Scheune sammelten sie dann Klee- und Heustaub, der zwischen den Balken lag, stopften damit die Pfeifenköpfe und schmauchten nun ganz so wie die Bauern, behaglich ausgestreckt auf der gleitenden Ragge. Das eine Bein baumelte über den Schlittenrand, um ein plötzliches Umkippen zu verhindern. Der Kleetabak brannte gut, stank aber und kratzte schrecklich im Halse. Keiner wollte es dem andern gestehen. Ein wenig grün im Gesicht kamen die Jungen zu Hause an. Die Pfeifen wurden sorgfältig hinter den Schulbüchern versteckt.
Als es taute, errichteten Aurel und Boris mitten auf dem Platz vor dem Hause eine gewaltige Schneeburg mit dicken Mauern und hohen Türmen. Dann krochen sie hinein, und Krischjan und Dirick, die Söhne vom Viehpfleger, mußten die Burg beschießen. Aber sie wagten gar nicht, richtig scharfe Schneebälle zu werfen, und sobald Boris und Aurel einen Ausfall machten, rannten sie kreischend davon. Einmal erwischte Boris den langen Krischjan, riß ihn in den Schnee und wusch sein Gesicht ab.
Da stapfte gerade Herr Bjelinski um die Hausecke:
„Schämst du dich nicht“, rief er schon von weitem, „den Jungen so zu behandeln!“
„Er ist so feige“, erklärte Boris, „er läuft immer fort!“
Krischjan erhob sich und lief heulend davon.
„Und ist das nicht auch feige, mit jemand zu kämpfen, der sich nicht wehrt?“ fragte Herr Bjelinski, und seine Stimme bebte.
„Aber warum wehrt er sich denn nicht?“ erwiderte Boris entrüstet. Schmal, mit geröteten Wangen stand er da, die braune Samtmütze schief auf dem Kopf.
„Weil du der Herr bist, wagt er es nicht, dich anzufassen“, sagte Herr Bjelinski, und in seinen schwarzen Augen war wieder das Feuer, vor dem man den Blick senken mußte. „Und weil du der Herr bist, darfst du deine Macht nicht mißbrauchen!“
„Dann dürfen wir also nicht mit den Jungen spielen?“ fragte Aurel bekümmert.
„Spielen dürft ihr“, sagte Herr Bjelinski, „aber das ist kein Spiel, wenn ihr die Jungen, die sonst nichts anzuziehen haben, in den Schnee schmeißt und mit Schnee abreibt!“
Wieder war diese unsichtbare Mauer da: man konnte nicht hinüber, man war abgesperrt von allem, was hinter der Glaswand lag. Und wenn man sie mal durchbrechen wollte, zerschnitt man sich nur die Finger. Da blieb man lieber drinnen und gewöhnte sich daran, wie die Pflanzen im Treibhaus unter schützendem Glas zu leben.
Ja, es war warm und hell hinter den vielen erleuchteten Fenstern, auf dem spiegelnden Parkett, auch wenn es draußen dunkel wurde und der eisige Nordwind über den See und die endlosen Wälder fegte. Und immer waren frohe Stimmen, ein helles Lachen in der weiten Flucht der Zimmer, immer das leise Gebuller brennender Birkenscheite in den vielen Kachelöfen, das Getrappel von Kinderfüßen auf dem Parkett und den knackenden Treppen.
Und immer gab es Besuch: vom Pastorat, vom Doktorat, von den vielen Nachbarn und Verwandten. Schon an den verschiedenen Schlittenglocken und am Schellengeklingel konnte man hören, wer gerade vorgefahren kam. Die Pastoratsglocke war ganz tief und dumpf, die vom Doktorat bimmelte grell und aufgeregt; die Laiskumschen hatten immer zwei Glocken: eine brummende und eine lustig klimpernde; „die brummende, das ist Sascha, und die klimpernde – Arnold“, meinte Onkel Nicolas. Der Tormasche Baron Igelströhm hatte ein ganzes Glockenspiel, es hieß, zum Andenken an seine vielen Frauen. Der Paykulsche Herr von Dunten, ein alter Junggeselle, hatte nur Schellen, und wenn er kam, drückte er dem Diener gleich sein Nachthemd in die Hand, damit es in der Ofenröhre gewärmt wurde. Tante Olla hatte ein Ungeheuer von Glocke, die man wersteweit hörte. „Wo hast du diese Kirchenglocke gestohlen?“ fragte Onkel Nicolas sie. Nur der alte Mojahnsche fuhr immer ohne Geläut: „Ich kann dies Gebimmel nicht ausstehen“, erklärte er, „ich bin doch keine Kuh mit einer Glocke um den Hals!“
Aber richtig voll wurde erst das Haus, als die zwei italienischen Nichten von Tante Madeleine aus Mailand kamen: Laura und Nena.
Beide waren unheimlich schwarz, Laura ein wenig rundlich, Nena ganz schmal, und beide hatten nur Unsinn und Streiche im Kopf. Unglaublich, was sie zusammen mit Isa, Maurissa und Warinka alles anstellten; Mademoiselle und Miß Mabel waren natürlich auch mit ihnen im Bunde. Besonders hatten sie es auf den armen Herrn von Dunten abgesehen: Die Ärmel seines in der Ofenröhre gewärmten Nachthemdes wurde zugenäht. Zum Frühstück bekam er Zucker ins Salzfaß. Unter sein Laken wurden Pferdestriegel gelegt – die scharfen Kanten nach oben.
Auch Herr Bjelinski wurde nicht verschont. Um ihn an Hühnerfleisch zu gewöhnen, sperrten die Cousinen zwei Gockel in seinen Schrank, die ihn dann am Morgen mit lautem Gekrähe weckten. Als er, noch ganz verschlafen, entsetzt die Schranktür aufriß, schossen die Hähne ihm fast ins Gesicht und flatterten kreischend durchs Zimmer.
Jetzt nahm der Krieg immer größeren Umfang an, denn Herr Bjelinski machte mit den Jungen einen Gegenangriff: Es wurden Flaschen mit getrockneten Erbsen und Wasser gefüllt und mit offenen Hälsen gut versteckt auf Schränken und hinter Kommoden in den Schlafzimmern der Cousinen aufgestellt. Langsam quollen die Erbsen, stiegen durch den Flaschenhals hinauf und kullerten, immer in kleinen Pausen, mit lautem Gepolter auf den Fußboden. Die Rache der Cousinen war noch fürchterlicher: Unter Herrn Bjelinskis Bett wurde eine große Kuhglocke angebunden, die an einer Schnur gezogen werden sollte. Aber Herr Bjelinski entdeckte die Schnur, und in der nächsten Nacht bimmelte die Glocke am Fensterladen der Cousinen.
Bei dieser Gelegenheit kam es sogar zu einem richtigen Handgemenge. Boris und Aurel waren im Nachthemd durch den dunklen Korridor bis vor die Tür der Cousinen geschlichen, um sich das Glockengeläute besser anzuhören. Plötzlich öffnete sich die Tür, etwas Helles schimmerte in der Finsternis, schrie auf, gleich darauf stürzte die weibliche Übermacht auf sie los. Es kam zu einer erbitterten Wasserschlacht im Dunkeln: Von beiden Seiten wurden immer neu gefüllte Gläser herangeschleppt und gegen den Feind gespritzt. Aurel geriet ins Handgemenge. Zwei erhitzte Gesichter stießen keuchend gegeneinander. Aber in diesem Augenblick tauchte am Ende des Korridors Lims erschrockener Pferdekopf hinter einer Petroleumlampe auf – da liefen die kämpfenden Nachthemden auseinander.
Am nächsten Tag hatten Aurels Stirn und Nenas Kinn eine kleine Beule.
Aber auch völlig Unbeteiligte wurden in diesen aufregenden Krieg hineingezogen. So zum Beispiel Tante Sascha und die alte Pastorin Nötkens. Die Cousinen hatten die Teller der beiden Damen mit Siegellack an einem dünnen weißen Faden befestigt, der unter das Tischtuch gezogen und von der anderen Seite gezupft wurde; jedesmal, wenn Tante Sascha einen Bissen vom Kotelett auf die Gabel stecken wollte, hüpfte der Teller davon – fassungslos, mit weit aufgerissenen Augen, starrte sie auf dies Phänomen. Die alte Pastorin hielt ganz rot vor Erregung den hüpfenden Teller mit beiden Händen fest, aber sobald sie nach der Gabel griff, fing das Kotelett wieder an zu tanzen.
Onkel Arnold bekam Zuckerwasser in die Schnapsflasche und Himbeerlimonade ins Rotweinglas. Um sich vom Schreck zu erholen, stürzte er gleich zwei Allaschkümmel hinunter.
„Aber Arnold“, seufzte Tante Sascha.
„Willst du auch einen?“ Höflich füllte er ein drittes Glas, und als sie den Kopf schüttelte, spülte er es selbst in die Gurgel.
Nach dem Essen wurde getanzt: Pas de Quatre, Pas de Patineur, Papillon, Lancier und Française. Tante Madeleine und Pastor Nötkens spielten abwechselnd auf dem Flügel; die Teppiche wurden aufgerollt, die Tische zur Seite geschoben. Aber immer waren zu wenig Herren da, so daß der dicke Baron Igelströhm, der kurzsichtige und ängstliche Herr von Dunten und der lange Onkel Arnold mit dem Ziegenbart und dem „Schwips“ um so eifriger tanzen mußten.
Herr Bjelinski tanzte nie. Er spielte mit Onkel Nicolas oder mit Pastor Nötkens im Petit-Salon Schach, oder er saß irgendwo finster in einer Ecke und zupfte an seinem schwarzen Fransenbart.
„Ich bin doch kein Narr“, sagte er, „so sinnlos in der Runde zu hüpfen!“
„Und das Schachspiel“, fragte Tante Madeleine, „hat das etwa einen Sinn?“
„Das stärkt den Intellekt“, erklärte Herr Bjelinski, „das ist geistige Gymnastik!“
„Und warum soll der Körper nicht auch Gymnastik treiben?“ lächelte Tante Madeleine.
„Das soll er auch“, versetzte Herr Bjelinski, „aber Tanz ist keine Gymnastik. Tanz erregt nur die niedrigsten Sinne und schwächt den Intellekt.“
„Und die Sinne sind eine Erfindung des Teufels?“ lachte Tante Madeleine.
„Ja“, erwiderte Herr Bjelinski ingrimmig. „Die Teufel tanzen! – Aber die Engel singen!“ fügte er mit einem aufleuchtenden Blick hinzu.
„Tolstoi hat auch getanzt und sogar sehr viel getanzt!“ polterte Pastor Nötkens, der die letzten Worte gehört hatte. „Erst als er nicht mehr tanzen konnte …“
„Um Gottes Willen – nur nicht Tolstoi!“ unterbrach ihn Tante Madeleine. „Aber Sie, lieber Pastor, können noch tanzen!“
Dann spielte die Pastorin einen alten Ländler, und Tante Madeleine und Pastor Nötkens drehten sich langsam im Kreise, und alle sahen zu. Der Pastor setzte so feierlich die Füße, er hielt den Kopf mit dem silberweißen Haar ein wenig zur Seite, und sein rosiges, bartloses Gesicht bekam einen kindlich-glücklichen Ausdruck. Und wie tanzte Tante Madeleine!
Aber noch schöner war es, wenn Pastor Nötkens auf dem Flügel eine Mazurka losdonnerte und Onkel Nicolas mit Tante Madeleine ganz allein eine richtige Mazurka vortanzten: Wie Onkel Nicolas mit den Hacken in der Luft klackerte, mit welcher Kraft und Eleganz er über das Parkett hinflog, und wie leicht und zart Tante Madeleine neben ihm herschwebte und dann, wenn er sich ins Knie stürzte, im Kreise um ihn herumwirbelte! Nein, außer Onkel Nicolas konnte heute niemand mehr Mazurka tanzen.
„Ich glaube“, sagte Tante Madeleine zu Herrn von Dunten, der sich verzweifelt mit ihr im Kreise drehte, „Sie sind auch mit den Beinen kurzsichtig!“
Auch Boris und Aurel mußten tanzen. Boris konnte es schon ganz gut, aber Aurel bewegte sich, als hätte er Blei in den Füßen. Die vielen Cousinen, Mademoiselle und Miß Mabel mühten sich abwechselnd mit ihm ab. Am besten ging es noch mit der kleinen Nena. Aber gerade ihre so unwahrscheinlich schmalen Hüften wagte er gar nicht richtig anzufassen, als könnten sie leicht zerbrechen. Er hatte eine große Scheu vor der geringsten Berührung mit dem fremden Körper, und doch fühlte er ein seltsam beglückendes Geprickel, wenn Nena ihren Arm um seinen Nacken, ihre feste kleine Hand auf seine Schulter legte, wenn er ihren leisen, fremdartigen Seifengeruch spürte. Und immer versuchte er es so einzurichten, daß er mit ihr oder mit ihr als vis-à-vis den Lancier tanzte. Und wenn dann bei der dritten Tour der tiefe Knicks kam – das Klavier für ein paar Takte aussetzte –, stockte auch sein Herz, das sich in demütigem Glück fast bis zum Parkettboden vor Nena verneigte.
Aber gerade beim Lancier fehlte immer ein Herr, so daß der lahme Theodor vom Doktorat jedesmal einspringen mußte. Wie eine aufgescheuchte Fledermaus flatterte er dann mit hilflos schlenkernden Armen über das glatte Parkett – „aber Theodor, nicht so schnell!“ – die Cousinen starben fast vor Lachen.
Der kleine, rundliche Doktor Spalwing tanzte nur Polka. Aber die hüpfte er mit solcher Begeisterung, daß sein roter Kopf und sein harter Kragen nachher immer ganz aufgeweicht waren. Manchmal flog dabei auch eins seiner Röllchen zu Boden.
„Polka – das ist ein richtiger Tanz“, erklärte er, indem er sich mit dem Taschentuch das nasse Gesicht abtupfte, „beim Lancier schläft man ein!“ Und dann stopfte er sich das Röllchen wieder unter den Rockärmel.
Wenn aber der lahme Theodor nicht gekommen war, dann mußte Mischka mittanzen. Mischka war ein Vetter, der ein „Gesinde“, einen Bauernhof, bewirtschaftete und dort ganz allein als Sonderling in einem kleinen Hause wohnte. Es hieß, daß er nicht ganz richtig im Kopf sei – einmal war er schon im Irrenhaus gewesen. Aber jetzt ging es ihm wieder besser. Er war klein von Wuchs und hatte einen riesigen Kopf mit großen, traurigen Augen hinter runden Brillengläsern, so daß er wie eine Eule aussah. Auch wenn sein von vielen kleinen Falten zerknittertes Gesicht lachte, blieben die Augen unverändert: die Augen lachten nicht mit.
Aber er tat alles, wenn Tante Madeleine, ja, wenn nur die Cousinen ihn um etwas baten. Er konnte mitten im Schachspiel, das er über alles liebte, aufstehen, wenn Isa ihn um einen Lancier anflehte. „Und wenn ich jemand morden soll, ich tu’s – du brauchst es mir nur zu befehlen!“ sagte er, und sein zerfurchtes Gesicht verzog sich zu einem lustigen Lachen. Und dann tanzte er mit seinem riesigen runden Kopf und den kurzen Beinen – es sah wirklich so aus, als wenn eine Eule hüpfte! Aber seine Augen hinter den Brillengläsern blieben traurig.
Einmal, als Mischka lange nicht gekommen war, ließ Tante Madeleine die Schlitten anspannen, Kuchen und Gebäck einpacken, und alles fuhr nach Brjeschepur, ihn zu überraschen. Die beiden kleinen Zimmer hatten kaum Platz für so viel Besuch: Die Cousinen lagerten sich auf dem Bärenfell vor dem Kamin, Tante Madeleine mußte sich in den Schaukelstuhl setzen, und Mischka selbst hockte sich auf einen Schemel und blies mit dem Blasebalg ins Feuer. Male, seine alte Wirtschafterin, kochte Kaffee.
„Was sollen wir nun tun?“ fragte Mischka und warf noch ein paar Birkenscheite in den Kamin. „In meinem armen Bauernhaus habe ich ja nichts für so viel jungen Damenbesuch!“
„Spielen wir Blindekuh!“ schlug Warinka vor.
„Und wer ist die Kuh?“ fragte Mischka.
„Das bist du natürlich!“ riefen die Cousinen begeistert, und Isa band ihm ein Taschentuch vor die Augen.
Alles kroch auf dem Fußboden herum, schlich auf Zehenspitzen an den Wänden entlang, versteckte sich hinter den Fenstergardinen. Und Mischka tastete mit weit ausgebreiteten Armen hierhin und dorthin. Endlich hatte er Isa gefangen, zog sie auf das Bärenfell und befühlte ihre Haare.
„Das ist Isa“, sagte er, aber ohne daß er es merkte, hatte Laura mit Isa getauscht, und als er nun die Binde von den Augen nahm, stand Laura vor ihm. Und immer wieder mußte er Blindekuh sein. „Aber dein Taschentuch behalte ich als Pfand“, sagte er zum Schluß und steckte es sich ein.
„Komm doch mit, Mischka, komm doch mit!“ baten alle Cousinen, als die Schlitten vorfuhren.
Aber diesmal erfüllte er nicht ihre Bitte.
„Eine schlimme Zeit ist wieder über mich gekommen“, sagte er zu Tante Madeleine, „und da ist es besser, wenn ich allein bin!“
Und zu Boris und Aurel sagte er beim Abschied:
„Ihr könnt mich mal besuchen!“
Wie traurig er dastand in der offenen Tür, die Windlaterne in der Hand, wie traurig er ihnen nachwinkte!
Bald darauf waren Boris und Aurel in ihrer Ragge zu ihm gefahren. Zuerst war es etwas unheimlich gewesen: Mischka saß in seinem Schaukelstuhl, rauchte eine halblange Pfeife und sprach kein Wort. Dann war er aufgestanden, hatte die Pfeife am Kamin ausgeklopft und war unruhig im Zimmer auf und ab gegangen. Plötzlich war er vor den Jungen stehengeblieben, hatte die Hände auf ihre Köpfe gelegt und sie mit leiser, verzweifelter Stimme gefragt:
„Glaubt ihr an Gott?“
Boris nickte stumm.
„Ja“, murmelte Aurel.
„Dann wollen wir zusammen beten!“ sagte Mischka und kniete sich auf das Bärenfell. Die Jungen knieten neben ihn hin. Alle drei falteten die Hände. Und dann sprach Mischka mit flehender, bebender Stimme das Vaterunser. Noch nie hatte Aurel dieses Gebet so gehört. Und die Worte: „Erlöse uns von dem Übel!“ schrie er fast und schlug mit dem Kopf auf den Boden.
Aurel und Boris wußten nicht, was sie tun sollten. Aber dann beruhigte sich Mischka, stand auf und strich über die Haare der Jungen:
„Euer Glaube hat mir geholfen!“
Beim Abschied sagte er noch leise:
„Betet für mich, ich bin sehr krank, und das wird mir helfen!“
Boris und Aurel sprachen mit niemand davon, auch nicht untereinander. Aber jeden Abend beteten sie für den kranken Vetter. Und immer wieder mußte Aurel an ihn denken. Warum war er so unglücklich? Glaubte er nicht an Gott? Quälte ihn etwas? Oder war er wirklich nicht ganz richtig im Kopf und wurde vielleicht wieder verrückt? Es war fast unheimlich zuzusehen, wie er tanzte, wie der große, runde Kopf auf den kurzen Beinen hin und her schwankte, als könnte er jeden Augenblick herunterrollen.
Nach dem Lancier kam die Française, die richtige Française mit den zwölf Touren. Und da niemand genau Bescheid wußte, mußte Tante Leocadie vom Alten Haus heraufkommen und allen vortanzen, wie sie vor dreißig Jahren im Schloß von Schönbrunn getanzt hatte: Sie hob ein wenig den Rock, avancierte, retirierte und knickste tief vor einem Stuhl. Aber heute verstand ja niemand mehr richtig zu tanzen – nicht einmal richtig knicksen konnten die Cousinen. Und auch die Jungen verstanden keine richtigen Bücklinge zu machen.
„Mein Gott, nicht so steif, nicht so plump!“ rief Tante Leocadie verzweifelt. Und dann vollführte sie den Hofknicks, wie sie vor Kaiser Franz Joseph beim Empfang in der Hofburg geknickst hatte: der eine Fuß glitt weit nach hinten zurück, und die ganze zarte Gestalt sank hin auf dem Parkett und zerschmolz in Demut vor dem leeren Stuhl – der war der Kaiser Franz Joseph.
Aber noch schöner und aufregender als alles dies war es, wenn Tante Madeleine plötzlich ausrief: „Kinder, heute müssen wir uns verkleiden!“
„Verkleiden“ war Tante Madeleines große Leidenschaft – vielleicht hatte sie das noch von ihrer Opernzeit her. Eine ganze Kammer war angefüllt mit alten Atlasgewändern, seidenen Röcken, Samtmiedern, Spitzenresten, glitzernden Herrlichkeiten, bunten Flicken, Tarlatan und silbernem Brokat. Immer mußte jemand verkleidet werden – ob er wollte oder nicht.
Als einmal Lims Schwester, ein hochbetagtes Fräulein, aus der Schweiz kam – die Schwestern hatten sich Jahrzehnte nicht gesehen, und nun wollte Tante Madeleine Lim zu ihrem sechzigsten Geburtstag mit dem Besuch der Schwester überraschen – da mußte sich die alte Dame unbedingt als Kakadu verkleiden, in lauter grüne Rüschen, mit aufgeklebten grüngefärbten Hühnerfedern und einem gewaltigen krummen Schnabel. So ausstaffiert mußte das betagte Fräulein lange Zeit mitten im Saal vor Lims Geburtstagstisch auf einer Holzstange hocken.
„Aber warum denn als Kakadu?“ meinte Onkel Nicolas kopfschüttelnd.
„Maché, und warum nicht als Kakadu?“ fragte Tante Madeleine verwundert. „Als Kolibri wäre sie doch etwas zu groß!“
Das war für Lim eine Überraschung und für alle ein unvergeßlicher Anblick, als der grüne Kakadu ihr um den Hals fiel!
Der dicke Baron Igelströhm wurde als Globus ausstaffiert – nur am Rükken mußte Tante Madeleine ihn ein wenig auspolstern. Der lange Onkel Arnold stelzte als Amerikaner umher, mit Sternen am Zylinder und karierten Hosen. Der dürre Herr von Dunten hatte sich in eine alte Jungfer verwandelt, mit Muff und Pelerine – „aber da braucht er sich eigentlich gar nicht zu verkleiden“, meinte Onkel Nicolas, „das angewärmte Nachthemd unterm Arm genügt!“ Aus Herrn Bjelinski war ein Mephisto geworden, in schwarzem Trikot, mit Pferdefuß und unheimlich schwarzem Bart.




