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Wie die Natur liebt Vegesack die Einsamkeit, die Stille, das Schweigen. In seinem Essay „Vom Schweigen“ heißt es: „Im Anfang war das Wort, aber vor dem Wort war das Schweigen. Nur aus der stummen Einsamkeit Gottes wurde das Wort und damit die Welt geboren. Gott brach als erster das Schweigen, und seitdem haben wir Menschen es in immer wieder kleinere Stücke zerbrochen. Vom großen Schweigen ist uns nicht viel übriggeblieben. Im Gebirge, auf dem Meere, in tiefen Wäldern, mittags, in der Stunde Pans, oder nachts unter brennendem Sternenhimmel verspüren wir noch zuweilen einen Hauch von jenem Schweigen, aus dem einst die Schöpfung hervorrollte… Und wenn du auch den ganzen Erdball mit Antennen umspannst und neben jedem Kilometerstein einen Lautsprecher aufstellst – einmal, kleiner Mensch, wirst du doch in jenes Schweigen zurückkehren, aus dem einst die Schöpfung rollte und Gott uns hinausstieß.“
In dieses Schweigen zieht er sich im Alter immer mehr zurück: bis er, der Wortkarge, schließlich gar kein Wort mehr spricht – nachdem im Mai 1972 Jella, seine 15 Jahre jüngere Frau, unerwartet gestorben war. Keine zwei Jahre später, am 26. Januar 1974, folgt Vegesack ihr nach. In einem Nachruf erinnert sich Hermann Stahl des Dichters als eines Mannes „von untadeliger Aufrichtigkeit und vielschichtiger Interessen, herzlich, formbewußt, von so klarer wie liebenswürdiger Intelligenz und Geradheit, nobel und fern jedweder Möglichkeit der Medisance, rechtschaffen und künstlerisch, ein Mann ohne äußere Prätention, Bewohner eines steilen Turms, in dem es Stolz gab und langsames Sich-Gewöhnen jahrzehntehin, Mühsal, Disziplin und manchmal beschwiegenes Heimweh wohl auch, auch Not zum Ende hin, bis sie und alles, fast alles, ferngerückt war zuletzt, in einem Turm bei Regen im Bayerischen Wald, einem Turm aus Stein, nicht aus Elfenbein.“
Nur ein paar Steinwürfe von diesem Turm entfernt, auf einem einsamen Bergrücken, fand der Dichter seine letzte Ruhestätte – in einem Freigrab neben seiner Frau Jella am Waldesrand, das er den Behörden in einem jahrelangen Kampf abgetrotzt hatte. Über diesem hängt – am Stamm einer Kiefer – sein Totenbrett, auf dem, durchdrungen von Vegesacks feinem Humor des Sich-nicht-so-Ernst-Nehmens, zu lesen ist:
Hier, wo ich einst gehütet meine Ziegen,
Will ich vereint mit meinen Hunden liegen!
Hier auf dem Pfahle saß ich oft und gern:
O, Wandrer, schau dich um und lobe Gott, den Herrn!
Meike Bohn
Vorwort
Diese Blätter sollen die Tragödie der Balten, ihr Martyrium und ihren heroischen Kampf der Vergessenheit entreißen. Nichts soll beschönigt, nichts bemäntelt, eigene Schuld nicht abgeleugnet werden. Die baltische Tragödie bedarf keiner Verherrlichung, dem harten Schicksal wird nur harte Wahrheit gerecht. Es bleibt genügend, worauf wir Deutschbalten mit Recht stolz sein dürfen.
Nichts ist erfunden, nichts erdichtet. Auch der kühnsten Phantasie blieb nichts zu erdichten übrig: die Wirklichkeit hat ihr alles vorweggenommen. So mußte sich die Feder damit begnügen, die Ereignisse ohne jede Ausschmückung wahrheitsgetreu niederzuschreiben.
Auch der „General“ ist keine Erfindung: er ist der Urgroßvater meines Großvaters mütterlicherseits, Balthasar Freiherr von Campenhausen, der als Trabant unter Karl XII. bei Poltawa kämpfte und später in den Dienst Peters des Großen trat.
Die Personen in diesem Roman sind dagegen – bis auf wenige Ausnahmen – frei erfunden, wenn sie auch einzelne Züge lebender Vorbilder tragen.
Grundsätzlich wurden nur Berichte und Mitteilungen von Augenzeugen verwendet. Besonders wertvoll waren für mich die Aufzeichnungen von: Hamilkar Baron Fölckersam, Alfred von Hedenström, Max von zur Mühlen, A. Baron Ungern-Sternberg, Dr. Arved von Vegesack und Arnold Freiherr von Vietinghoff, denen ich meinen herzlichen Dank ausspreche.
Weißenstein im Bayrischen Walde
Siegfried von Vegesack
Dem Andenken der Vorfahren, den Nachkommen zur Erinnerung

Blumbergshof

„Die kleine Frühlingsnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell – der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir – Nachtviolen unter dir – einige Nachtgedanken in dir – und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen, als etwa ein Regenbogen im Mondschein braucht!“
Jean Paul
Mila
Im Anfang war eine große, weiche Dunkelheit, eine wohlige Wärme und tiefes Geborgensein. Nur manchmal wanderte der blaue Schein einer kleinen Öllampe durch das Dunkel und warf gespensterhafte Schatten an die Wände. Wie groß, fast bis zur Decke, wuchs Karlomchens Buckel! Das Licht huschte hin und her, und dann wurde es wieder finster.
Aurel lag in seinem schmalen Gitterbett, streckte die kleinen Hände nach den hölzernen Stäbchen aus, die ihn wie in einem Käfig gefangenhielten. Aber die Stäbchen ließen sich wenigstens drehen, und das gab einen lustigen, quietschenden Ton. Und wenn er mit den Armen noch weiter nach unten vortastete, konnte er sogar ein weiches, warmes Fell erreichen, das dann gleich zu schnurren anfing. Nein, er war nicht allein: Minka war bei ihm. Jeden Abend, wenn Karlomchen gegangen war, sprang sie lautlos zwischen den Gitterstäben zu ihm ins Bett und blieb bis zum Morgen.
Aber noch war es finster. Auch wenn Janz, der Gartenjunge, in der Frühe mit der Stallaterne kam, um den Kachelofen zu heizen, war alles dunkel. Janz ging lautlos, wie ein Gespenst, in seinen Wollsocken; nur die Bohlen des Fußbodens knackten, und das Licht der flackernden Laterne schwankte hin und her, bis es vor der Holzkiste stillstand. Dann hockte sich Janz auf den Knien vor dem Ofen nieder, und jetzt konnte Aurel ganz deutlich im Schein der Laterne sehen, daß die rechte Socke auf dem Hacken ein Loch hatte, ein großes, rundes Loch.
Die Ofentür klapperte, das Feuer knisterte, prasselte; Janz schlurfte davon, aber die roten und gelben Lichter tanzten noch lange vor dem Ofen auf dem Fußboden, bis dann langsam die Dämmerung vom Fenster ins Zimmer stieg und es allmählich Morgen wurde.
Mila kam, Aurel wurde aus seinem Käfig herausgehoben, der Tag fing an.
Ein Tag war damals noch eine kleine Ewigkeit, oder vielleicht stand die Zeit überhaupt still, wie das Haus stillstand mit seinen weiten, hellen Räumen, den vielen weißen Kachelöfen und der alten englischen Standuhr, deren Räderwerk längst abgelaufen war und die ein merkwürdiges, heiseres Schnurren von sich gab, wenn man ihre Gewichte herunterzog.
Aber das durfte man eigentlich nicht tun, und Aurel war auch dazu viel zu klein, nur wenn Mila ihn auf die Arme hob, konnte er bis zu den schweren Bronzezapfen hinauflangen und die blanke Scheibe des Perpendikels ein wenig auf und ab ticken lassen. Doch gleich darauf stand sie wieder still, der Zeiger rührte sich nicht. Die Uhr wollte nicht gehen.
Nur die großen viereckigen Sonnenstücke wanderten langsam über den weiß gescheuerten, ungestrichenen Bretterfußboden und die bunten Flicken-Dielenläufer, die von einer Schwelle zur anderen schräg durch die Zimmer liefen. Auf diesem Dielenläufer im Saal ging Mila oft hin und her, den kleinen Aurel auf den Armen, und Minka, die dreifarbige Katze, lief feierlich, mit hochgehobenem Schwanz, hinter ihrem Rock immer auf und ab, bis der Junge ins Bett getragen wurde und sie sich wieder schnurrend zu ihm hinlegen konnte. Auf diesem gestreiften Dielenläufer machte Aurel seine ersten Gehversuche: Mila an der einen Hand und Karlomchen an der anderen. Vor ihm aber, nur ein paar Schritte entfernt, hockte die Mutter mit ausgebreiteten Armen auf den Knien und fing ihn auf, wenn er das letzte Stück ganz allein mit einem hellen Jauchzer an ihre Brust taumelte.
Dann hob die Mutter ihn auf ihre Arme, war aber gleich so erschöpft, daß sie ihn doch der Wärterin abgeben mußte und Mila ihn wieder zu sich nahm.
Wie zart und zerbrechlich war die Mutter und wie klein und bucklig Karlomchen neben der breiten, kraftstrotzenden Mila! Mila, und nicht die Mutter, hatte den Jungen genährt, und so hing er auch noch jetzt unzertrennlich an ihr wie an keinem anderen Menschen.
Sonst waren da noch die großen Brüder: drei Knaben, viel älter als er, die mit dem verspäteten Jüngsten nichts anzufangen wußten. Aber an einem hellen Wintermorgen wurde Aurel ins Schlafzimmer der Mutter geführt, und da lag etwas Winziges, Rosiges neben ihr im Bett. Nun hatte er eine kleine Schwester.
Der Vater war fast immer unsichtbar, und zu ihm durfte man nicht hineingehen. Nur manchmal öffnete sich die Tür, und dann stand er da in seinem braunen Hausrock, die lange Pfeife in der Hand, sagte etwas und war ebenso plötzlich wieder verschwunden. Aber ein wenig Pfeifenrauch blieb im Saal zurück, und dieser Geruch war eigentlich alles, was der kleine Aurel von seinem Vater hatte.
Dafür öffnete sich ihm ein neues Reich, in das ihn Mila jetzt öfters mitnahm: die Gesindestube neben der Küche. Hier ging es laut und lustig zu, es war ein Kommen und Gehen, immer saß jemand am blankgescheuerten Tisch bei einem großen geblümten Kaffeekrug, die Mädchen rannten hin und her, es war ein ewiges Lachen und Geschwätz. Besonders toll trieb es die schwarze Tina, aber auch die kleine Karlin hatte ein Mundwerk, das nur selten stillstand. Und was gab es da für sonderbare Männer: den alten Kutscher Marz mit dem buschigen Vollbart, der ihm tief über die Brust hing und den er immer mit dem Handrücken strich, wenn er einen Kaffeeschluck geschlürft hatte; den stillen, bedächtigen Gärtner Indrik, der niemals lachte und immer zu träumen schien und der eine so schöne tiefe Stimme hatte, daß alle Mädchen weinten, wenn sie ihn hörten. Aber er sang nur selten und niemals, wenn man ihn bat. Dann war da oft der kleine, aufgeregte Buschwächter Mickel mit den kurzen, krummen Beinen und dem abgeschossenen Daumen: der glatte vernarbte Stumpf sah gruselig und widerlich aus, aber Aurel mußte ihn doch immer wieder genau betrachten.
Am liebsten aber hatte er den Gartenjungen Janz, der im Winter die vielen Öfen heizte und die Wassereimer an der über die Schulter gelegte Stange vom Ziehbrunnen zur großen Tonne trug, die im Küchenflur stand. Immer schleppte Janz etwas: Holz oder Wasser. Immer rief man nach ihm, und immer war er auf den Beinen. Trotzdem fand er Zeit, für Aurel Spielzeug zu schnitzen: eine kleine Schaufel, einen Schlitten, ein Boot. Wenn Aurel etwas wollte, dann ging er zu Janz. Und Janz tat alles, was der kleine Herr befahl. Einmal steckte er sogar seine Hand ins offene Herdfeuer, nur weil Aurel wissen wollte, ob es auch wirklich heiß sei. Ja, es war heiß. Die Haut war sogar ein wenig angebrannt. Janz lächelte, als er die Stelle zeigte. Aber Aurel fing an zu weinen. Er wußte es selbst nicht, warum.
Auch wenn die Mägde in der Dämmerung beim Spinnen oder Flicken sangen, oder wenn Mickel mit seinem abgeschossenen Daumen auf der Ziehharmonika spielte, stiegen dem Jungen die Tränen auf, aber er mußte trotzdem zuhören.
Hier in der verräucherten, dunstigen Gesindestube fühlte er etwas, was ihm in den stillen, hellen Herrenhausräumen fehlte: derbes, ursprüngliches Leben. Aber zugleich fühlte er, daß er von diesem Leben ausgeschlossen war, daß er hier immer ein Fremder, ein
Nichtdazugehöriger bleiben würde. Sogar der alte Marz nannte ihn „Jungherr“, und Minna, die Wäscherin, küßte ihm jedesmal die Hand, wie alle Dienstboten der Mutter die Hand küßten.
Nein, er gehörte nicht in die Gesindestube, etwas stand zwischen ihm und diesen Leuten, etwas, was er nicht begriff und doch spürte, wie eine gläserne Wand, die ihn von allem abschloß. So sehr er sich auch bemühte, das Glas zu durchbrechen – er blieb doch immer draußen, und selbst wenn er Janz’ verbrannte Hand hielt oder Mickels Daumenstumpf befühlte, war etwas Fremdes zwischen seiner und ihrer Haut, ein unüberbrückbarer Abgrund.
Wie beneidete er alle diese Menschen, die so unbekümmert schwatzten und Späße machten, die schmatzend, mit aufgestützten Ellbogen, den Kaffee schlürften und sich mit Butter gemischten Quark auf die dicken Schwarzbrotschnitten schmieren durften. Drinnen im Speisezimmer gab es nur Butter. Und wieviel besser schmeckte dieser weiße, körnige Quark! Mila gab ihm davon, außerdem hatte sie immer in ihrer tiefen Schürzentasche süße klebrige Bonbons oder braune gebrannte Zuckerstangen, an denen man lange lutschen konnte.
Nein, Mila war nicht fremd, sie gehörte zu ihm, wenn sie auch hier in der Gesindestube aß. Und nur durch Mila fühlte er dunkel sich mit allen diesen Leuten verbunden, wenn sie ihm auch im Innersten verschlossen blieben. Es gab eben zwei Welten: die eine war still, mit bunten Dielenläufern, feiner Butter, Flüstern, gedämpften Schritten. Und die andere war laut, mit Quark und Gelächter und weißem Sand auf dem Fußboden. Diesen weißen Sand, der so schön unter den Schuhen knirschte, liebte Aurel besonders.
Aber Quark und Sand blieben immer draußen hinter der Backstube. Dieser Raum mit dem mächtigen Backofen und der hohen Mehltruhe, der gleich hinter dem Anrichtezimmer lag, trennte die beiden Welten voneinander. Hier knetete Liese, die alte Köchin, mit aufgekrempelten Ärmeln den Teig in einem gewaltigen Trog, hier roch es säuerlich nach frischgebackenem Grobbrot, nach lockerem Karrasch und klintschigem Süßsauerbrot, und hier gab es, gleich neben dem Ofen, ein geheimnisvolles dunkles Loch in der Mauer, mit furchtbaren Spinngeweben. Aurel gruselte sich vor diesem Loch, aber er mußte doch immer wieder hineinschauen. Manchmal saß eine fette, runde Spinne in ihrem Netz, und dann mußte Janz seinen Arm hineinstecken – ganz tief, bis zum Ellbogen, und das graue Spinngewebe herausholen. Aber die Spinne selbst blieb immer in ihrem Versteck.
In der Backstube standen auch die vielen Wasserstiefel vom Vater und den Brüdern, und Aurel sah zu, wenn Janz das weiße Schweinefett mit den Fingern in das schwarze Leder hineinrieb. Hier putzte auch Janz Vaters alte Schrotflinte mit einem geölten Hedepfropfen, den er mit einem Stock durch die Läufe stieß. Wenn Janz die Läufe gegen das Licht hielt und Aurel durchschaute, blitzten die runden Stahlwände wie brennendes Silber.
„Warum schießt Papa Hasen?“ fragte Aurel, der gesehen hatte, wie Mikkel einen toten Hasen in der Küche ablieferte.
„Weil sie gut schmecken!“ lachte Janz und drehte einen neuen Hedepfropfen.
„Ich werde ihn nicht essen“, erklärte der Junge nachdenklich, „– und auch keine Hasen schießen, wenn ich groß bin!“
„Und doch wirst du es tun“, meinte Janz und stieß den Pfropfen in den Lauf. „Ein Jungherr geht auf die Jagd, und ein Jungherr schießt Hasen!“
„Und du?“ fragte Aurel.
„Ich bin kein Jungherr!“ lachte Janz. „Ich putz’ nur die Flinte!“
„Was ist ein Jungherr?“ erkundigte sich Aurel.
„Das bist du!“ sagte Janz und preßte den Putzstock immer tiefer in den Lauf hinein.
Wieder war die Glaswand da, diese unsichtbare Mauer, die ihn von Janz, von Mickel, von Indrik und sogar vom alten Marz trennte. Alle diese Leute sagten zum Vater: „Großherr“, zur Mutter: „Großfrau“ und zu ihm und zu den Brüdern: „Jungherr“. Es war wie ein Zauberwort, mit dem sie Vater, Mutter und Brüder in einen gläsernen Berg bannten. Und nun sollte auch er dort eingeschlossen werden.
„Ich bin kein Jungherr, und ich werden den Hasen nicht essen!“ Aurel stapfte mit dem Fuß und lief zur Backstube hinaus in das Anrichtezimmer. Hier trockneten die schwarze Tina und Karlin Geschirr.
„Was hat nur der kleine Jungherr?“ fragte die schwarze Tina und wollte ihn an sich ziehen. Aber er riß sich wütend los und stürmte weiter. Jetzt kam er an der dunklen Vorratskammer vorbei, die Tür stand offen, er hörte Karlomchen rascheln und kramen. Es roch nach getrockneten Äpfeln, Pflaumen, Rosinen und Korinthen, nach Honigwaben, Kaneel und Safran.
Der Junge konnte nicht widerstehen: er ging in die Vorratskammer. Geduldig wartete er, bis Karlomchen mit dem Kramen fertig war. Wie klein war jetzt ihr Buckel geworden, viel kleiner als in der Nacht – ob wirklich Flügel darin versteckt sind, mit denen Karlomchen heimlich fliegen kann, wie Mila behauptet? Aber gesehen hatte er es noch nicht. Wenn es auch merkwürdig war, daß Karlomchen überall gleichzeitig sein konnte: beim Wäschezählen, beim Zuckerhacken, in der Apfelkammer, in der Schafferei, beim Einmotten vor der großen Pelzkiste oder auf der Veranda beim Erbsenbulstern. Karlomchen war überall und immer im Trab, so daß der große Schlüsselbund klirrte. Selbst nachts huschte sie mit der blauen Öllampe durch die Zimmer. Vielleicht flog sie dann?
Aber jetzt schob sie endlich das große Schubfach dort oben ein wenig auf, griff hinein und gab dem Jungen, der nur darauf gewartet hatte, eine Handvoll getrocknete Apfelscheiben.
„Karlomchen, ich will nicht den Hasen essen“, erklärte Aurel, indem er sich ein Apfelstück in den Mund steckte. „Und ich will auch kein Jungherr sein!“
Karlomchen schob das Schubfach wieder zu.
„Papperlapapp, ob du Jungherr bist oder nicht: es kommt nicht darauf an, was wir sind, sondern wie wir sind“, meinte sie ernst und schloß die Tür der Vorratskammer.
„Und warum muß ich dann Jungherr sein?“ fragte Aurel und spürte mit Behagen den süß-säuerlichen Geschmack der getrockneten Apfelscheiben auf der Zunge.
„Weil jeder das sein muß, was er ist!“ sagte Karlomchen und drehte den Schlüssel im Schloß um. „Aber im Himmel vor dem lieben Gott sind wir alle gleich!“
„Und warum können wir es nicht schon hier sein?“ forschte der Junge und steckte sich ein neues Apfelstück in den Mund.
„Weil wir noch keine Engel sind“, seufzte Karlomchen und schon war sie mit ihrem Buckel verschwunden. Nur der Schlüsselbund klapperte noch irgendwo aus der Ferne.
Nein, Papa ist kein Engel, wenn er Hasen schießt, überlegte Aurel und wanderte nachdenklich, das letzte Apfelstück in der Faust, auf dem Dielenläufer in den Saal. Erschrocken blieb er stehen: dort stand er, der Vater, die lange Pfeife in der Hand und schaute zum Fenster hinaus. Schon wollte der Junge umkehren, schnell davonlaufen, aber dann besann er sich: wie, wenn er ihn jetzt fragte, ihn bat – vielleicht war alles gutzumachen, vielleicht ließ er dann die Hasen leben?
Das kleine Herz klopfte zum Zerspringen bis in den Hals hinauf, und die Faust hielt noch immer das Apfelstück umklammert, als er nun neben dem Vater dastand und mit hochgereckter Nasenspitze zum glimmenden Pfeifenkopf hinaufstarrte. Aber er brachte kein Wort hervor. Auch der Vater schwieg. Er legte nur seine schwere Hand auf den blonden Scheitel des Kindes, und damit waren alle Fragen und Bitten verstummt.
Dann ging der Vater wieder in sein Zimmer. Die Tür schloß sich. Und Aurel steckte sich tief beschämt das letzte getrocknete Apfelstück in den Mund.
Nein, dem armen Hasen war nicht zu helfen. Jetzt nahm der Vater sogar die großen Brüder mit auf die Jagd: drei Schlitten mit dicken Felldecken hielten vor der Veranda. Der Vater kutschierte den ersten und hatte Christof bei sich. Marz folgte im zweiten mit Balthasar und Reinhard. Und Mickel, der Buschwächter, saß im letzten mit den drei Hunden: Waldi, Sagrei und Schamyl.
Aurel war im Spielzimmer mit Hilfe eines Schemels auf das Fensterbrett geklettert, und von hier aus konnte er alles genau beobachten: die dampfenden Mäuler der Pferde, Vaters rote Fuchsfellmütze mit den Ohrenklappen, den schwarzen Bärenpelz, die blitzenden Flintenläufe. Und den aufgeregten Mickel mit den noch aufgeregteren Hunden, das runde Messingjagdhorn auf dem kurzen Schafspelz. Dann knallten die Peitschen, das Horn schmetterte, die Schellen läuteten, die Hunde jauchzten – die Schlitten bogen bei den Tannen ein und waren hinter der roten Klete verschwunden.
Aurel ertappte sich bei dem Wunsch mitzufahren. Und dann kam wirklich der große Tag, an dem Mila ihn dick einpackte und er mit ihr und den Brüdern in einer „Ragge“, einem tiefen, breiten Bauernschlitten, spazierenfahren durfte. Balthasar, der Älteste, kutschierte, und Reinhard und Christof balgten sich um die Peitsche, bis Balthasar auch die Peitsche an sich riß. Ehra, die alte Fuchsstute, rannte wie verrückt und schleuderte mit ihren Hufen vereiste Schneebälle in den Schlitten. Jetzt bogen sie von der Allee auf die Landstraße ein, dicke Weidenstümpfe mit kahlen Ästen flogen vorüber. Aber dann plötzlich, an einer Biegung, scheute Ehra, machte einen gewaltigen Satz, der Schlitten kippte um, und alle rollten in den Graben. Immer wieder mußte Aurel, ganz aufgeregt, Karlomchen und der Mutter davon berichten. Bis tief in die Ärmel und unter den Baschlik, die braune Kapuze, war der Schnee gedrungen. Er war glücklich und stolz wie auf eine Heldentat. Nur durfte er nicht mehr mit den großen Brüdern spazierenfahren.
Dafür baute er sich im Spielzimmer mit Stühlen und Kissen selbst einen Schlitten, spannte das Schaukelpferd davor, packte sich in dicke Decken ein und fuhr los. Als die kleine Schwester etwas größer wurde, setzte er sie auch hinein und fuhr sie spazieren. Das Schaukelpferd Ehra trabte ganz brav, hob und senkte die Mähne, hob und senkte den etwas dünnen, halbausgerissenen Schwanz, die Schellen an der blauen Leine klimperten. Aber dann plötzlich machte Ehra einen Satz, der Schlitten fiel um, und Adda, die kleine Schwester, mußte, auch wenn sie gar nicht wollte, über den Fußboden rollen.
Das Spielzimmer war Aurels Reich: hier baute er mit glatten Holzklötzen mächtige Türme und Häuser, weidete große Herden von Kühen (das waren braune Kastanien) und Schafen (das waren Weidenkätzchen) oder spielte auch stundenlang eifrig mit seinen Puppen. Besonders liebte er Franz, der sogar die Augen aufschlagen und schließen konnte und der immer bei ihm im Gitterbett schlafen mußte.
Während er eifrig spielte, saß Mila am Fenster, strickte oder stopfte Strümpfe. Dann und wann huschte Karlomchen durch das Zimmer, oder die schwarze Tina steckte den Kopf durch die Tür. Aber die Mutter kam nur selten. Sie schaute dann wie suchend nur ein wenig herein, fragte etwas und war ebenso schnell wieder verschwunden. Dafür kletterte Aurel jeden Morgen zu ihr ins Bett. Die kleine Karlin brachte ihr das Frühstück auf einem Tablett, die Mutter mußte lange liegen. Besonders im Winter, wenn es draußen kalt und dunkel war. Die Mutter fror immer. Wie oft stand sie fröstelnd, einen weißen gehäkelten Schal um die schmalen, zusammengezogenen Schultern, am weißen Kachelofen im Saal und wärmte sich den Rücken. Solange draußen Schnee lag, ging sie fast nie hinaus.
„Dies ist kein Land für mich“, seufzte sie manchmal, „ich brauche Sonne und Wärme!“
Lange konnte sie am Fenster stehen und den grauen Himmel nach ein wenig Blau absuchen. Und wenn sie dann ein Stückchen fand, so groß, daß man „eine Hose daraus machen“ konnte – dann war sie glücklich: dann klärte es sich auf! Und wenn die Sonne endlich durchbrach, strahlte es auch aus ihrem schmalen Gesicht. Dann kam es vor, daß sie leise vor sich hinsummte, alte Kinderlieder, die sie selbst einmal als Kind gelernt hatte. Der kleine Aurel trippelte neben ihr an der Hand, immer hin und her auf dem bunten Dielenläufer. Und Minka, die dreifarbige Katze, folgte mit hochgehobenem Schwanz von einer Schwelle zur anderen.
Auf dem weißen Fußboden lagen große viereckige Sonnenstücke, die vom Schatten schmaler Blätter gesprenkelt wurden. An den Fenstern standen in hohen Kübeln die Oleander, ein ganzer Wald von schlanken Oleanderbäumen. Das waren die Lieblingspflanzen der Mutter, die sie selbst begoß und pflegte. Im Sommer standen sie vor den weißen Säulen auf der Veranda, und ihre zarten rosa Blüten dufteten süß und zugleich bitter, als sehnten auch sie sich nach einem wärmeren Lande.
Aber jetzt im Winter blühten nur Hyazinthen und Goldlack auf den Fensterbrettern im Saal. Jeden Morgen öffnete sich eine neue Hyazinthe, und vorher rieten die Mutter und Aurel, welche Farbe sie haben würde.




