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„Riech, wie sie duften!“
Aurel grub die Nasenspitze tief zwischen die schmalen Blätter hinein und schnupperte an der kühlen Dolde.
„Warum riechen die Blumen so gut?“ fragte der Junge.
„Weil sie nicht sprechen können und doch Gott danken wollen!“ sagte die Mutter. Dann summte sie wieder, und beide gingen auf und ab, im rötlichen Schein der schwachen, niedrigen Wintersonne.
Wenn sich aber die Tür vom Lesezimmer öffnete und der Vater dunkel mit der langen Pfeife auf der Schwelle stand, verstummte die Mutter. Und Aurel wurde zu Mila ins Spielzimmer geschickt.
Wie bald kam die Dämmerung, und wie lange dauerte es, bis es richtig dunkel wurde! Mila erzählte Zauber- und Gespenstergeschichten von Ungeheuern und unheimlichen Geistern. Von einem Silberschatz, der tief im Moor vergraben lag, und von Wölfen, die ein Kind verschleppten, das dann wild in den Wäldern aufwuchs und ein richtiges Wolfsfell bekam. Dieser Wolfsmensch lief auf vier Beinen und konnte sogar richtig heulen. Marz, der alte Kutscher, hatte ihn einmal gehört, als er nachts durch den Wald fuhr, und seine Frau war am nächsten Tag gestorben. Und Mickel, der Buschwächter, hatte einmal auf ihn angelegt, aber dann war der Schuß in seinen eigenen Daumen gegangen. Denn der Wolfsmensch ist kugelfest, und wer ihn heulen hört, der muß sterben.
„Aber Marz ist doch gar nicht gestorben?“ meinte Aurel.
„Dafür starb seine Frau“, erklärte Mila, „der Wolfsmensch holt sich die Frauen! Und paß auf: auch Marz wird er einmal holen! Der Wolfsmensch ist stärker als alle Menschen, weil er einen Wolfsrachen hat, und schlauer als die Wölfe, weil er ein Menschenhirn hat. Er ist böse, weil die Menschen ihn nicht mehr in ihre warmen Stuben hineinlassen, und er ist hungrig, weil die Wölfe ihm nichts zu fressen geben. Er hat kein Zuhause, gehört nirgends hin, weder zu den Tieren, noch zu den Menschen, und nur wenn ein Mädchen ihm ihr Herz schenkt, kann er erlöst werden. Aber sie muß es ihm freiwillig geben, und noch hat er keins bekommen.“
„Und was macht er mit allen Frauen, die er sich holt?“
„Er frißt ihre Herzen! Aber davon wird er nicht satt. Denn noch hat ihm keine ihr Herz geschenkt.“
„Und dann läßt er sie liegen?“
„Nein, er vergräbt sie im Moor. Der alte Jaunsem, der Grabenstecher, hat oft ihre Knochen gefunden. Sie sind weiß wie Zähne, und wenn man sie an der Brust trägt, ist man gegen den Wolfsmenschen geschützt.“
„Hast du einen Knochen?“
Mila schüttelte den Kopf:
„Nein, ich habe keinen“, sagte sie leise, „und einmal wird der Wolfsmensch auch mich holen!“
Aurel war auf ihren Schoß gesprungen, umklammerte heftig ihren Hals:
„Nein, das wird er nicht! Dann schieß’ ich ihn tot!“
Mila lächelte traurig:
„Und wenn ich ihm mein Herz schenke?“
Aurel brach in Tränen aus:
„Das gehört mir!“
Auch Mila schluchzte:
„Wirst du mich nie vergessen?“
Und dann weinten beide, bis Karlomchen mit der Petroleumlampe kam.
Einmal wachte Aurel mitten in der Nacht auf. Weiße Mondstreifen lagen auf dem Fußboden, aber ein großer schwarzer Schatten fiel schräg über sein Bett. Er fühlte, daß dort jemand am Kopfende stand und ihn ansah, er glaubte sogar den schnaufenden Atem zu hören. Plötzlich wußte er: es war der Wolfsmensch, der gekommen war, ihn zu holen. Er wollte schreien, aber der Mund war ihm zugeschnürt; er wollte aus dem Bett springen, aber alle Glieder waren gelähmt, er konnte sich nicht rühren. Nur mit größter Mühe gelang es ihm, die Augen zu schließen und sich schlafend zu stellen.
Eine Ewigkeit lag er so, jeden Herzschlag darauf gefaßt, daß das Ungeheuer sich über ihn stürzen werde. Als er endlich wieder einen Spalt der Augen öffnete, war der Schatten verschwunden. Auch der Mond war weitergewandert bis zum Ofen, der so fremd und entrückt wie ein weißes Gespenst dastand. Der Mond hatte ihn verzaubert.
Aber Minkas Fell war warm und weich wie immer, und die Hand nach der schnurrenden Katze ausgestreckt, schlief Aurel wieder ein.
Nein, der Wolfsmensch kam nicht, aber dafür kam ein Bär, ein richtiger brauner Bär mit dickem Zottelpelz, kleinen schwarzen Augen und mächtigen Tatzen. Vom Spielzimmerfenster hatte Aurel ihn kommen sehen, und ein schwarzer, dünner Mann mit einem großen Leierkasten auf dem Buckel stapfte hinter ihm her durch den tiefen Schnee.
Dann kam der Bär in den Saal, der Mann drehte den Leierkasten, und der Bär mußte tanzen: er richtete sich auf den Hinterbeinen auf und wackelte mit dem Kopf. Es war ein noch junges, unausgewachsenes Tier, wenn er aber so dastand, war er doch größer als Aurel und recht unheimlich, obgleich er einen eisernen Maulkorb hatte.
Die Mägde, die aus der Gesindestube hereingelaufen waren, standen lachend und kreischend im Kreise herum; die schwarze Tina schob immer die kleine Karlin vor, die sich an der alte Liese festhielt. Auch Marz, Janz, Mikkel und Indrik waren gekommen. Mickel erzählte aufgeregt und wichtig, wie er einmal einen Bären geschossen hatte, der auf ihn losgegangen war; aber das sei ein anderes Tier gewesen, dreimal so groß wie dieses Baby, und dabei griff er mit der Hand in das Nackenfell, zog sie aber gleich wieder zurück, als sich der Rachen mit den weißen Zähnen und der roten Zunge öffnete.
Mila aber hatte keine Angst und streichelte den zottigen Kopf.
„Armes Tier“, sagte sie, „armes Tier!“
Und auch Aurel befühlte zögernd die rauhen Haare. Wie traurig ihn die kleinen schwarzen Augen über dem eisernen Maulkorb anblickten. Und wie traurig der fremde Mann im dünnen Sommermantel aussah, und wie traurig der Leierkasten klang, obgleich der Bär tanzte und alle rundherum so lustig waren.
Die Mutter versuchte zu lächeln, aber es gelang ihr nicht. Der Vater, der eine Weile von der Schwelle des Lesezimmers zugeschaut hatte, schloß bald wieder die Tür. Karlomchen kramte in der Pelzkiste, bis sie endlich einen abgetragenen Wintermantel fand. Außerdem bekam der Leierkastenmann in der Gesindestube tüchtig zu essen und heißen Kaffee. Auch der Bär wurde gefüttert.
Aber noch lange roch es im Saal nach Tier und Leuten. Karlomchen mußte alle Fenster öffnen und mit brennenden Wacholderzweigen die säuerliche Luft ausräuchern. Als die Fenster geschlossen waren, sprengte die Mutter Eau de Cologne aus.
„Was denken sich wohl die armen Oleander“, fragte sie, „daß Bären vor ihnen herumtanzen! Aber dies Land ist wohl mehr für Bären geschaffen!“
Endlich kam warmer Wind aus dem Süden, der viele Schnee schmolz, es tropfte vom Dach, und überall auf den Wegen standen große Wasserpfützen. Dann trat bald braune Erde hervor, und man konnte in hohen Galoschen zum „Kleinen Wald“ wandern. Das war der nahe Wald, gleich hinter der Landstraße, während der weite, der schwarz und endlos sich jenseits der Heuschläge und Moore hinzog, der „Große Wald“ hieß. Aber zum Großen Wald konnte Aurel noch nicht gehen. Mila führte ihn an der Hand; wenn eine Pfütze kam, griff sie ihn unter die Ellbogen und schwang ihn mit einem Ruck hinüber. Die großen Brüder sprangen von einem Erdhümpel zum anderen. Die Luft flimmerte, der Schmelzschnee glitzerte, in den klaren Wasserlachen spiegelte sich der hellblaue Märzhimmel mit den schnell dahinziehenden Frühlingswolken. Rosigweiß standen die jungen Birkenstämme am schwarzen Waldrande.
Zwischen den dunklen Fichten lag noch viel Schnee, aber auf einer kleinen Lichtung, um einen Wassertümpel, leuchteten schon saftiggrüne Moospolster, und wenn man sich auf den Bauch darauflegte, konnte man durch ein Loch zwischen dem Wurzelwerk eines vermoderten Baumstumpfes ganz dicht in das blaßgrüne Eiswasser der Grube hineinblicken. Die großen Brüder taten das, sie lagen alle lang ausgestreckt auf dem Bauch und starrten abwechselnd in das geheimnisvolle Loch. Und weil die Großen das taten, legte auch Aurel sich hin und wollte hineinschauen. Dabei schob er sich wohl ein wenig zu weit vor, verlor das Gleichgewicht und stürzte Kopf voran in den Tümpel.
Keine Luft, kein Licht, keine Sonne; die warme, helle Welt da oben war ausgelöscht, und eine andere, eiskalte und dunkle Welt griff nach seinem Herzen. Verzweifelt strampelten die kleinen Beine, aber der Kopf konnte sich nicht mehr aus dem Eiswasser heben. Die großen Brüder schrien und zerrten ihn an den Füßen, aber die Grube war zu tief und der kleine Bruder zu schwer – sie konnten ihn nicht herausziehen.
Im letzten Augenblick kam Mila herbeigeeilt, packte die schon schwächer zappelnden Beine und zerrte den Jungen heraus. Die Luft, die Sonne, das Licht waren wieder da, wenn auch der kleine Körper vor Eiseskälte bebte, von Schneewasser triefte. Mit weit von sich gehaltenen Armen und steif gespreizten Beinen wanderte der kleine Mann, verwundert und sehr benommen, neben den großen Brüdern und der verzweifelten Mila heimwärts. Bei jedem Schritt glucksten die wassergefüllten Galoschen.
Die Mutter erfuhr es erst, als er warm eingepackt in seinem Gitterbett lag. Sie beugte sich tief über ihn und hielt lange seinen Kopf umschlossen. Aber sie sagte kein Wort. Dann drückte sie Mila die Hand und streichelte ihren Rücken. Denn Mila konnte sich nicht beruhigen und machte sich die bittersten Vorwürfe, daß sie den Jungherren auch nur einen Augenblick unbewacht gelassen hatte! Karlomchen brachte heiße Himbeerlimonade.
Dann schlief der Junge ein.
Aber die Mutter saß noch lange bei ihm, befühlte seine Stirn, stopfte die Decke zurecht. Und der blaue Schein von Karlomchens Öllampe schwebte immer wieder wie ein guter Schutzgeist in der Dunkelheit, und unermüdlich wanderte ihr Buckel, der wieder zu einem großen Flügelpaar bis zur Decke gewachsen war, an den Wänden entlang. Dann ging die Mutter. Und auch die blaue Öllampe erlosch.
Nur der späte abnehmende Mond, der über den weiten, dunklen Wäldern aufging, tastete sich durch das Fenster und legte sich auf die weißen Bretterbohlen.
Der Junge erwachte. Wieder fiel ein schwarzer Schatten schräg über sein Gitterbett. Aber er fürchtete sich nicht. Er wußte: der Wolfsmensch konnte ihn nicht holen. Ruhig wandte er den Kopf auf die andere Seite und blickte auf.
„Mila?“
Ja, es war Mila, die dort neben seinem Bett kauerte, den Kopf tief in die Hände vergraben. Aber warum zuckten so ihre Schultern?
Aurel richtete sich auf. Jetzt stand er, vom Mond beschienen, im weißen Nachthemd da und streckte die Arme nach Mila aus.
„Du mußt dich hinlegen, du mußt schlafen!“ sagte Mila leise, drückte ihn an sich und deckte ihn wieder zu.
„Mila, der Wolfsmensch kann mich doch nicht holen?“ fragte der Junge, schon halb im Schlaf.
„Nein, das kann er nicht, und wenn er kommt, dann jag’ ich ihn fort!“
Und wieder war um ihn eine große, weiche Dunkelheit, eine wohlige Wärme und tiefes Geborgensein.
Aurel schlief ein.
Der Wolfsmensch
Und dann wurde es Sommer. Die Störche klapperten in ihrem Nest hoch oben auf dem Ahorn, der am Eingang zur Allee stand; der Faulbeerbaum neben der Schaukelbank am Spielplatz blühte, die verwilderten Cyrenen- und Jasminbüsche am alten Gartenzaun dufteten betäubend, und die Oleander vor den weißen Säulen der Veranda hatten schon zartrosa Knospen angesetzt.
Schon ganz früh am Morgen drang durch die offenen Fenster ein unermüdliches Kratzen und Scharren ins Haus: Janz harkte mit einem hölzernen Rechen die breite Anfahrt vor dem runden Rasenplatz. Sorgfältig zog er schräge Strichelmuster in den lockeren braunen Grand und wischte behutsam die Spuren seiner nackten großen Füße hinter sich aus. In gemusterten Vierecken, wie Parkett, lag dann der breite Weg in der Morgensonne, schräg durchschnitten vom dunklen Dachschatten, der immer näher ans Haus rückte. Auf dem kurzgeschorenen Rasenplatz glänzten fett und schwarz die frischaufgeworfenen Maulwurfshümpel.
Aurel mußte sie glatttrampeln, aber er tat es nur zaghaft und sehr vorsichtig, um den Maulwürfen, die vielleicht dicht unter seiner Sohle ahnungslos hockten, nicht weh zu tun. Einmal hatte Janz einen gefangen. Er hielt das schwarze kleine Tier mit dem spitzen Rüssel und den komischen krummen Schaufelpfoten in der Hand und meinte lachend:
„Man braucht ihm nur einen kleinen Klaps auf die Schnauze zu geben – dann ist er tot!“
„Und warum willst du ihn totmachen?“ fragte Aurel verwundert.
„Weil er so häßliche Haufen macht“, sagte Janz unbekümmert und griff nach dem Rechenstiel.
Aber Aurel umklammerte den schon zum Schlag erhobenen Rechen, nahm ängstlich, aber doch tapfer das unheimliche schwarze Geschöpf in beide Hände und trug es mit Mila in den kleinen Wald. Wie seidig weich sich das glänzende Fell anfühlte! Und wie schnell sich das Tier in die gelbe, sandige Walderde hineingrub.
Aurel nahm sich nun vor, alle Maulwürfe zu fangen und in den Wald zu tragen: dort durften sie ja ungestört ihre Haufen machen. Aber so tiefer auch mit den Händen in den aufgeworfenen Erdhümpeln herumwühlte – niemals konnte er einen erwischen.
„Mein Gott“, seufzte die Mutter, „was hast du wieder für Pfoten!“
Und Karlin mußte warmes Wasser und Karlomchen grüne Seife bringen, und die Mutter band sich feierlich eine blaue Schürze vor – war aber gleich so erschöpft, daß sie kraftlos in den Stuhl sank und Mila die erdigen Hände mit einer Bürste schrubben mußte.
Das Händewaschen machte Aurel Spaß. Er tat es jetzt ganz von selbst. Aber nicht, um die Finger rein zu bekommen, sondern nur, um zu sehen, wie der Seifenschaum, wenn man ihn tüchtig rieb, immer tiefer in die Haut hineinging und schließlich ganz verschwand. Die Hände fühlten sich dann so merkwürdig glatt und seifig an. Und wenn man sie später irgendwo ins Wasser steckte, fingen sie wieder an zu schäumen. Das war ein großes Wunder, mit dem er Adda und Janit, dem kleinen Verwalterssohn, imponieren konnte, wenn sie am Teich mit ihren Segelschiffen spielten.
Sie hockten auf dem schmalen Brettersteg, der auf einem Holzbock in das von grüner Entengrütze, Schlamm und Schilf verwachsene Wasser ragte. Nur eine kleine Stelle dicht am Steg war klar, und wenn man sich tief bückte und den Arm hineintauchte, konnte man fast den lehmigen Grund berühren. Von hier aus traten die Segelschiffe ihre weiten Weltreisen an, die immer irgendwo in der dicken Entengrütze endeten, so das Janz mit aufgekrempelten Hosen sie aus dem Wasser holen mußte. Hier gab es grüne Frösche, quabblige Kaulquappen, Feuersalamander mit roten Bäuchen, blanke, grünschillernde Wasserkäfer und die unheimlichen schwarzen Blutegel, die Janz sich lachend an die Wade setzte, wenn Aurel es haben wollte. Und hier konnte er das Seifenwunder vorführen:
„Seht, ich habe kein Stückchen Seife!“ Er hielt beide Hände in die Luft, Adda und Janit untersuchten sie ganz genau. Dann tauchte er sie ins Wasser, rieb und rieb sie eifrig aneinander, und langsam fingen sie an zu schäumen!
Auch Marz, der alte Kutscher, der gerade zum Wasserschöpfen kam, um die Kalesche zu putzen, schüttelte verwundert seinen buschigen Vollbart. Und dann durfte Aurel auf den Bock klettern, die verstaubte Lederschutzdecke auf- und wieder herunterschlagen, die angetrockneten Schmutzspritzer abkratzen, zum gewölbten hochgeklappten Verdeck hinauflangen.
Aber noch schöner war es drinnen im dunklen Wagenhaus, wo die vielen Equipagen unter weißen Staubdecken standen: das „kleine“ Kupee, das „große“ Kupee, der alte „Wasok“ – eine Art russische Kibitke – Kaleschen, Korbwagen, Jagdwagen und die mächtige, nur mit sechs Pferden zu fahrende „Familien-Droschke“, ein Ungetüm aus Urgroßvaters Zeiten.
Unter den herunterhängenden Decken konnte man überall hineinkriechen; am liebsten setzten sich Aurel und Adda in das „große“ Kupee, lehnten sich tief zurück, steckten die Arme in die breiten, mit bunten Glasperlen bestickten Armhänger, lehnten die Köpfe gegen die Schlummerrollen und federten auf dem weichen Polster. An den Fenstern waren dunkelgrüne Seidenrouleaus mit Fransen angebracht, zupfte man an einem Schnürchen, schnellten sie in die Höhe und rollten sich oben auf. Zog man an einer Troddel, klingelte ein helles silbernes Glöckchen oben auf dem Bock. In dieser Kutsche war Großtante Ernestine über Königsberg zur Kur nach Marienbad gefahren! Wie es in allen Ecken nach Mottenpulver, nach altem Parfüm, uraltem Reisestaub roch!
Und neben dem Wagenhaus war der Pferdestall; ein angenagelter Habicht, von dem nur noch ein paar zerzauste Flügelfedern übrig waren, spreizte sich über der Tür.
Gleich am Eingang neben der Häckselmaschine stand die große Wassertonne, aus der die Pferde mit gesenkten Köpfen so merkwürdig lautlos tranken. Nur die sammetweichen Nüstern bewegten sich saugend über dem dunklen Wasserspiegel. Da standen die Pferde in den hohen Boxen: Ehra, die Fuchsstute; der dunkelbraune Viererzug: Brauni, Iipsi, Mascha und Mazurka; die beiden Apfelschimmel: Schalk und Scheck; und Hamilkar, der alte blinde Rappe, der nur noch zum Wasserfahren benutzt wurde. Sie mahlten mit den Mäulern, schnaubten, wendeten die langen, schmalen Köpfe – die Ketten klirrten, und dann und wann stampfte ein Huf. Wie Aurel diese schwere, von Pferde-, Zaumzeug- und Hafergeruch gesättigte Luft liebte!
Die viereckige Düngerluke zum Garten stand offen. Grell und blendend, wie mit einem scharfen Messer herausgeschnitten, lag das Gartenstück im flimmernden Mittagslicht. Über den dichten Stachelbeerbüschen krümmten sich die alten kalkbespritzten Apfelstämme unter ihrer wachsenden Last. Weiße Kohlschmetterlinge schaukelten, Bienen brummten und Spatzen tschiebsten in der brütenden Luft.
Aurel kletterte durch die Luke über den brodelnd warmen Düngerhaufen zu den Mistbeeten hinunter, zog eine rote Karotte aus der fetten Erde, wischte sie mit ihrem eigenen Blätterstengel ab und biß in die süße, harte Frucht. Die Erdkörner knirschten zwischen den Zähnen.
Eine dunkle Wolke, hob sich der lärmende Spatzenschwarm aus dem Erbsenspalier und warf sich in den großen Cyrenenbusch am Ziehbrunnen. Knarrend senkte sich die lange Brunnenstange in die Tiefe. Janz schöpfte Wasser.
„Willst du sehen, wie tief die Erde ist?“ rief er lachend über den Zaun.
Aurel rannte aufgeregt durch die Pforte, und Janz hob ihn an den bemoosten Bohlenrand des dunklen Brunnenschachtes. Mit der anderen Hand stieß er langsam die Stange mit dem Eimer in den Abgrund. Wie unergründlich tief lag dort unten der blaue Himmel.
„Siehst du, wie tief die Erde ist? Dort hört sie auf, dort ist nur Wasser!“
Mit einem klatschenden Schlag stieß der Eimer in den Himmel, zerschlug den Spiegel, füllte sich mit Wasser und stieg schwankend und schwappend aufwärts. Dann setzte Janz Eimer und Jungen auf den Rasen.
„Willst du schmecken, wie kalt das Wasser ist?“
Aurel beugte sich über den grünbemoosten Holzeimer. Das noch schaukelnde Wasser schlug ihm eisig in das erhitzte Gesicht.
„Und noch tiefer“, erklärte Janz, indem er die große Karaffe füllte, „ist lauter Eis. Die Erde ist eine Eiskugel, die nur oben ein wenig von der Sonne angewärmt wird!“
Da rief Mila von der Küchentreppe, und Aurel mußte zum Mittagessen ins Haus.
Unter der Erde war kaltes Wasser, Eis und Finsternis. Aber auf der moorigen Wiese, am Rande der Pferdekoppel, brannte die Sonne. Die Luft über den Gräsern, den blauen Glockenblumen, dem gelben Löwenmaul und den roten Kleebällen flimmerte; die Blätter der Ellernbüsche am Stangenzaun hingen schlaff und unbewegt in der drückenden Glut.
Aurel ging hinter Mila her auf dem schmalen Fußweg, der an der Koppel entlang zum Kirchhof führte. Er hielt einen kleinen bunten Tonkrug in der Hand, und Mila trug eine tiefe Blechkanne am Henkel. Unter ihrem dunkelroten Rock schauten die nackten, von schwarzen Sandalenriemen umwickelten Knöchel hervor.
Plötzlich blieb sie stehen. Als Aurel aufschaute, sah er im Ellerngestrüpp am Zaun das braune, verschlafene Gesicht von Wannag, dem jungen Pferdeknecht. Wannag schlief immer; auch wenn er die Pferde striegelte oder die Häckselmaschine drehte, tat er dies wie im Schlaf. Gähnend, mit merkwürdig unbewegten Augen stand er da hinter dem Zaun, den nackten großen Fuß auf der wippenden Birkenstange.
Aurel sollte ein wenig vorauslaufen, und als dann Mila später nachkam, war das weiße Kopftuch ihr tief in den Nacken gerutscht. Ihre Wangen glühten unter den schwarzen, wirr hervorquellenden Haaren.
„Ist das eine Hitze!“ stöhnte sie, indem sie mit hochgehobenen Armen das Kopftuch wieder in Ordnung brachte.
Langsam stiegen sie den steilen Hang zum Kirchhof hinauf. Aber auch hinter der dichten Tannenhecke, unter den hohen Birken und Kiefern war es drückend heiß. Und nachdem sie einen halben Krug Erdbeeren gepflückt hatten, setzten sie sich auf einen flachen Grabstein, der eingesunken im hohen Grase lag. Etwas abseits, hinter einer Reihe solcher Steinplatten, stand ein weißes Marmorkreuz mit verblaßter Goldschrift neben einem kleinen Hügel. Sonst war der Kirchhof eine Wildnis, in der Fichten, Kiefern, Birken, stämmige Eichen, stachlige Wacholderbüsche, ja sogar weichnadlige Lärchen durcheinanderwuchsen.
„Liegen die Toten tief in der Erde?“ fragte Aurel und steckte sich eine dunkle Erdbeere in den Mund.
„Ja, tief“, sagte Mila, „sehr tief. Die können nie mehr heraus.“
„Im Wasser oder noch tiefer im Eis?“
„Nein, in der Erde, die ist tief genug“, erklärte Mila mit einem abwesenden Gesicht.
Aurel überlegte: darum begräbt man also die Toten auf einem Berg, damit sie nicht im Wasser liegen müssen.
„Und warum legt man so schwere Steine auf die Gräber?“ fragte er nach einer Weile.
Mila schwieg. Dann sagte sie leise:
„Damit die Toten nicht wiederkehren.“
„Aber auf dem Grab dort liegt kein Stein, da steht nur ein Kreuz.“ Aurel wies auf den kleinen Rasenhügel.
„Dort liegt dein totes Schwesterchen“, sagte Mila ernst. „Und das ist ja auch wiedergekommen“, fügte sie nach einer Weile lächelnd hinzu.
„Und alle anderen dürfen nie wiederkommen?“ Aurel sah Mila erschrokken an.
Sie schüttelte das weiße Kopftuch:
„Nein, nie.“
Aurel grübelte.
„Und wer liegt unter diesem Stein?“
Mila war aufgestanden. Sie gingen an der Gräberreihe entlang, und Mila zeigte auf die einzelnen Steinplatten:
„Dein Großvater, und dessen Vater, und dessen Vater …“
„Und die Großmütter?“
„Die Großfrauen liegen alle neben ihnen, unter demselben Stein. Und hier liegt der General, der gegen die russischen Heiden kämpfte und mit dem schwedischen König bis in die Türkei ritt.“
Aurel blieb stehen:
„Und warum hebt man nicht den Stein auf, damit er wiederkommen und weiterkämpfen kann?“
„Weil er genug gekämpft hat“, meinte Mila, „und weil genug Blut geflossen ist!“
„Und werde ich auch einmal hier liegen?“ forschte Aurel weiter und holte sich wieder eine Erdbeere aus dem Krug.
„Vielleicht, wenn die großen Brüder dir genug Platz übriglassen“, lachte Mila und öffnete die hohe weiße Holzpforte.
„Und du – dann liegst du doch neben mir, aber wir wollen keinen schweren Stein auf uns haben!“
„Nein“, Mila schüttelte wieder das weiße Kopftuch, „ich darf nicht hier liegen. Dieser Kirchhof ist nur für die Herrschaft, für die Großherren und Großfrauen, nicht für unsereinen. Wir werden auf dem Gemeindefriedhof begraben – da ist es enger, aber man ist auch näher beisammen. Und die Erde ist leicht: kein Stein liegt darauf, nur viele Blumen. Darum kommen wir immer wieder, und darum sind wir mehr als ihr. Ihr werdet immer weniger, und wir werden immer mehr!“
„Dann will ich bei dir unter den Blumen liegen!“ erklärte Aurel und griff nach Milas Hand.
„Das geht nicht“, sagte Mila mit einem traurigen Lächeln und schloß die weiße Kirchhofspforte. „Das schickt sich nicht für einen Jungherrn!“
Wieder war die gläserne Wand da: so dick wie eine Kirchhofsmauer und so hoch wie diese hölzerne Pforte. Auch wenn man tot war, konnte man nie hinüber.
„Hier hast du es ja auch viel schöner“, suchte Mila ihn zu trösten. „Unsere Toten liegen so dicht nebeneinander, daß sie sich gar nicht in den Gräbern bewegen können!“
„Und warum liegen sie so dicht beisammen?“ fragte Aurel weiter. Sie gingen jetzt auf dem Feldweg, der an der alten Windmühle vorbei zum Hofe führte.
Mila blieb auf der kleinen Anhöhe neben der Mühle stehen. Die großen grauen Windflügel standen still, ein dunkles Kreuz gegen den hellen Sommerhimmel. Dann sagte Mila ernst:




