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„Weil wir so wenig Erde haben!“
Aurel begriff das nicht: gibt es nicht genug Erde – überall Erde, so weit man sehen kann? Verwundert fragte er:
„Warum nehmt ihr dann nicht die Erde, die ihr braucht?“
„Nein, das geht nicht“, erklärte Mila, „weil die Erde deinem Vater gehört!“
„Die ganze Erde?“
„Nicht die ganze, aber so weit du sehen kannst und noch weiter. Und wo die Grenze von Blumbergshof aufhört, da fängt ein anderes Gut an, das einem anderen Herrn gehört. Denn die Erde gehört nur den Herren, wie der Himmel nur Gott gehört. Das ist nun einmal so eingerichtet.“
Aurel hob sich auf den Zehenspitzen, aber das war ihm nicht hoch genug: Mila mußte ihn auf ihre Arme nehmen. Von hier aus konnte er das weite Land übersehen, das im grellen Licht der schon tief geneigten Sonne dalag. Er streckte den kleinen Arm aus und beschrieb einen Bogen durch die Luft:
„Die ganze Wiese bis zum Wald – gehört die Papa?“
Mila nickte mit dem Kopf:
„Ja, das alles gehört dem Großherrn. Und der Wald auch!“
„Und dort“, Aurel wies auf die andere Seite, „alle diese Felder, die Allee und der Krug – gehört das alles ganz allein Papa?“
„Ja“, bestätigte Mila, „alle Felder und auch die Heuschläge und Wälder hinter dem Krug – alles gehört dem Großherrn!“
Aurel schwieg überwältigt. Der Vater erschien ihm fast so groß wie der liebe Gott.
„Und das alles“, fuhr Mila fort, indem sie den Jungen wieder auf die Erde setzte, „wird einmal den großen Brüdern und dir gehören!“
„Dann nehm’ ich den Kleinen Wald“, erklärte Aurel eifrig, als sie weitergingen, „und bau’ dir ein Haus, und dann haben wir genug Erde, damit wir zusammen begraben werden!“
Auf dem Viehweg, der von der Landstraße zum Hofe führte, kam ihnen die Herde entgegen. Eine rosa Staubwolke, durch die schräge Sonnenstrahlen fielen, zog hinter der Herde her, die jetzt zu den Ställen einbog. Die braunen und schwarzweiß gefleckten Leiber der Kühe schaukelten, die Hörner wiegten sich, eine schwarze Kuh ging an der Spitze.
„Das bedeutet Unglück!“ meinte Mila ärgerlich. „Warum läßt der Pakalneek die Schwarze an der Spitze gehen?“
„Was für ein Unglück?“ fragte Aurel erschrocken.
„Irgendeins“, sagte Mila und blieb am schrägen Bretterzaun stehen, „Unwetter, Feuerschaden oder Tod!“
Jetzt trappelten die Schafe, dichtgedrängt, eine weiche, wollige Masse, blökend mit langen, schwappenden Ohren vorüber. Pakalneek, der alte Hirt, mit zerrissenem, tief über das Gesicht hängendem Strohhut und bloßen Füßen, schlurfte, eine Rute in der Hand, hintendrein. Aber gleich hatte auch ihn die dicke Staubwolke verschluckt.
„Und die Kühe und Schafe – gehören auch die alle Papa?“ fragte Aurel.
„Ja, auch alle Kühe und Schafe und alle Pferde und alle Schweine und alle Hühner und Enten und alle Häuser!“
Sie kamen jetzt am Knechtshaus vorbei, einem roten, kahlen Ziegelsteinbau mit kleinen schwarzen Fensterhöhlen. Vor der Tür, im Staube, wälzten sich halbnackte Kinder in braunen Lumpen. Eine alte Frau humpelte über die Schwelle, bückte sich tief und griff nach Aurels Hand. Er wich ängstlich zurück, aber schon fühlte er den harten, zahnlosen Mund auf der Haut und hörte das unheimliche Zauberwort „Jungherr“, das ihn kalt, wie etwas Feindliches, anwehte.
Aber dann öffnete sich die Gartenpforte, die dichten Johannisbeersträucher und die niedrigen Apfelbäume nahmen ihn schützend auf; von den Blumenrabatten vor der Gartenveranda dufteten Levkojen und Reseda, und oben auf der hölzernen Treppe, neben dem Geländer, stand die Mutter, beugte sich nieder, breitete die Arme aus und drückte den Jungen an ihr Herz.
Nun war alles wieder gut, alle Fragen, alle dunkle Unruhe verstummt. Die Toten lagen auf dem Kirchhof, aber der Kirchhof war weit. Und die Knechtskinder wälzten sich in dickem Staub – aber das Knechtshaus war tief unten, hinter dem Gartenzaun. Die Welt war wieder schön, und dies hier war die Welt: das Haus mit den weißen Säulen, den blühenden Oleandern, den hohen schlanken Lebensbäumen, die sich, eine grüne Mauer, schützend auf der Gartenseite erhoben. Und alles, alles gehörte Papa.
Der Vater wurde ihm dadurch noch rätselhafter, noch fremder. Auch wenn er jetzt oft auf der Veranda saß, im Korbstuhl, die lange Pfeife zwischen den Knien, und über den runden Rasenplatz in den dunklen Schlauch der Allee blickte, an deren Ende, unter den tief herunterhängenden Lindenzweigen, der rote Ziegelsteinfleck des Kruges schimmerte. Von hier aus konnte man auch den Wirtschaftsweg übersehen, der hinter einer dünnen Blättergardine junger Laubbäume quer über den Hof führte, so daß jedes Gefährt und jeder, der vorüberging, wie vor einer Linse die runde Einfahrt der Allee überqueren mußte. Und weiter zwischen einigen Lücken dieser „Gardine“ schimmerte sogar die alte Landstraße durch, die am Kruge vorbeizog.
Dies war der Lieblingsplatz des Vaters; von hier aus konnte er beobachten, wer zum Verwalterhaus, wer zu den Ställen, wer zur Klete ging, wer zum Kornmagazin und wer zur Mühle fuhr. Hier sah man den Postboten oder den Fleischer in ihren klappernden Wägelchen vom Krug her durch die Allee zuckeln, die sonst nur von herrschaftlichen Equipagen benutzt werden durfte. Aber der Postbote kam nur zweimal in der Woche und der Fleischer noch seltener, so daß der Weg zwischen den Wagenspuren vergraste.
Kam ein Knecht oder der Viehpfleger oder der Verwalter an der Alleeöffnung vorbei, so blieb er stehen, zog tief den Hut und ging erst weiter, wenn der Vater den Gruß mit einem Kopfnicken oder einem Wort erwidert hatte. Ja, einmal hatte Aurel sogar gesehen, wie zwei uralte Bäuerchen vor dem Vater auf der Veranda in die Knie gefallen, auf den Knien bis zu ihm gerutscht waren und kniend seine Hand geküßt hatten. Der Vater war wirklich fast wie der liebe Gott und auch wie Gott oft lange unsichtbar. Manchmal war er ganz verschwunden, irgendwo auf den Nachbargütern oder in der Stadt.
Und dann geschah es, daß an einem heißen Sommertage alle Polstermöbel, Kissen, Matratzen, Heusäcke und Decken auf den runden Rasenplatz wanderten und hier ein ohrenbetäubendes Klopfen begann. Die schwarze Tina, Karlin, Janz, sogar Minna, die alte Waschfrau, liefen aufgeregt hin und her, schüttelten die Matratzen, trugen Lehnstühle, Sofas, Couchetten, klapperten und klopften. Auch Karlomchen und die Mutter griffen zu, schleppten die Pelze, die Jagdmuffen und Fußsäcke aus den Truhen, hingen die Bären- und Elchfelle auf dem Geländer der Veranda auf.
Die großen Brüder hatten sich gewöhnlich an solchen Tagen rechtzeitig gedrückt und waren irgendwo in die Koppel oder in den Wald verschwunden. Aber Aurel und Adda wälzten sich auf den roten Matratzen, bauten Kaleschen aus den Polsterstühlen und Kissen und schleppen das Schaukelpferd hinaus. Wie sonderbar so ein Sofa, so eine Couchette auf dem Grase aussah – aber das waren dann gar keine Möbel mehr, das waren Ozeandampfer, Eisenbahnen, Karossen. Und der Rasenplatz war die Welt: rund und ohne Grenzen.
Wie die Mittagssonne schmorte, wie die Luft flimmerte, wie tief im blauen Himmel die weißen Sommerwolken schwammen! Waldi, die alte Jagdhündin, lag mit herausgestreckter Zunge auf der Verandastufe, Sagrei auf dem Rasen, und Schamyl hatte sich unter dem Sofa verkrochen. Sogar die Schmetterlinge flatterten nur träge in der Luft, und zwei waren zusammengewachsen und konnten überhaupt kaum noch fliegen. Sollte man sie nicht auseinandernehmen? Aber die schwarze Tina lachte nur: sie fand das komisch. Und die Mutter sagte ernst: „Laß sie nur, wie sie sind.“ Das Schmetterlingspärchen taumelte weiter.
Wie es von der Lindenlaube her duftete und summte! Die dunklen Kronen der uralten Bäume ragten bis über den Giebel des silbergrauen Schindeldaches. Alle waren ins Haus gegangen. Nur Aurel lag noch, versteckt zwischen Sofa und Stühlen, auf einer Matratze und blinzelte mit halb geschlossenen Augen in das flirrende Licht. Und dann schlief er ein.
Karlomchen weckte ihn. Wie traurig besorgt sie ihn über die schiefgeneigten Brillengläser ansah, und wie sonderbar ihre Stimme klang. Er sollte gleich zur Mutter kommen.
Auf der Veranda begegnete er der schwarzen Tina. Sie hielt den Klopfer in der Hand und hatte so erschrockene Augen. Im Schlafzimmer war es dunkel und kühl. Die grünen Fenstervorhänge waren zugezogen. Nur ein schmaler Lichtstreifen fiel schräg über den Fußboden bis zum Bett, in dem die Mutter, den Kopf tief in die Kissen gedrückt, lag. Sie zog den Jungen an sich und strich mit der Hand über sein Haar. Dann sprach sie, aber ihre Stimme war so leise, daß Aurel nur das Summen der Fliegen hinter dem Fenstervorhang hörte. Und als endlich die Worte zu ihm drangen, konnte er sie nicht begreifen. Er starrte angestrengt auf seine nackten Beine, die über die Bettkante baumelten. Wenn er den einen Fuß ein wenig vorstreckte, berührte er mit den Zehen den kühlen Nachttisch. Und wenn er den großen Zeh etwas einbog, konnte er mit dem Nagel das glattpolierte Holz kratzen. Nein, er begriff nicht, was die Mutter da sagte, warum Mila jetzt fortgehen, ohne ihn fortgehen sollte.
„Willst du denn gar nicht bei mir bleiben?“ fragte die Mutter traurig.
„Ich bleibe bei dir und Mila“, erklärte er immer wieder.
„Und wenn Mila fortgeht?“
„Warum muß Mila fort?“
Nein, das begriff er nicht. Noch weniger: er verstand überhaupt nicht den Sinn dieser Worte. Mila war ein Stück von ihm wie die Mutter. Konnte man ihn denn entzweischneiden, mittendurch in zwei Teile? Nein, das konnte man nicht. Wenn er hierblieb, dann blieb auch Mila hier. Die Mutter machte nur Spaß. Wie kühl das polierte Holz war, und wie schön der Nagel kratzen konnte, wenn man den großen Zeh zusammenzog.
Aber dann führte Karlomchen den Jungen ins Spielzimmer, und hier stand Mila, das weiße Kopftuch und das rote, aufgequollene Gesicht, und sie hatte keine Schürze um, und statt der Sandalen trug sie richtige Stiefel. Sie sah so fremd aus, nur das Kopftuch war wie immer ein wenig auf die Seite gerutscht, aber jetzt fing es plötzlich an so merkwürdig zu zucken, beugte sich nieder – und dann sah Aurel nichts mehr. Er fühlte nur, wie etwas Heißes, Bebendes aufstieg, wie etwas Furchtbares, Unbegreifliches ihn schüttelte, die Kehle zusammenschnürte und endlich brennend wie fließendes Feuer in die Augen stürzte.
Aber begriffen hatte er es noch immer nicht, auch nicht, als die Tür sich schloß, als er allein da stand, als Karlomchen kam und ihn schlafen legte. Er ließ alles ruhig mit sich geschehen. Die schwarze Tina wusch ihn, sie sollte diese Nacht bei ihm schlafen. Karlomchen brachte das Abendbrot, aber essen konnte er nicht. Dann betete sie wie immer mit ihm, auch die Mutter kam noch zum Gutenachtkuß. Minka sprang zwischen den Gitterstäben ins Bett, der Junge schlief ein.
Mitten in der Nacht wachte er auf. Es war so merkwürdig dämmerhell im Zimmer, wie gedämpftes Mondlicht, nicht Tag, nicht Nacht. Alle Dinge konnte man sehen, aber alle Dinge waren hinter einem Schleier: der weiße Kachelofen, der Strohstuhl, Milas Bett. Aurel richtete den Kopf auf und starrte hinüber.
„Mila!“ rief er.
Aber keine Antwort kam, nur ein gleichmäßiges, tiefes Atmen. Er mußte zu ihr, er mußte sie wecken, er mußte sehen, daß alles ein böser Traum war, daß sie dalag und daß sie immer bei ihm bleiben würde.
Leise erhob er sich aus der warmen Decke, kletterte vorsichtig über das Gitter, trippelte mit den bloßen Füßen über die kühlen Bohlenbretter und blieb vor Milas Bett stehen. Aber da war keine Mila. Ein fremder, im Schlaf zerwühlter Kopf lag dort auf dem Kissen mit offenem Mund.
Aurel erstarrte. Lange stand er da wie gelähmt. Dann hatte er es begriffen: Mila war fort, und er war hier ohne Mila. Er wollte schreien, aber die Kehle war ihm zugeschnürt. Irgend etwas würgte seinen Hals. Nur mühsam konnte er den Kopf wenden wie damals, als der Schatten des Wolfsmenschen auf sein Bett fiel. Und plötzlich wußte er: der Wolfsmensch hatte Mila geholt. Und jetzt wollte er ihr Herz fressen. Er mußte zu ihr, er mußte sie retten, jetzt gleich, bevor es zu spät war. Er brauchte ja nur durch den Garten zu laufen, da wußte er unten ein Loch im Zaun, und dann über den Heuschlag, immer am Graben entlang, bis zum Großen Walde – wenn er dann rief, würde Mila ihn hören. Noch konnte der Wolfsmensch sie ja nicht weit fortgeschleppt haben. Aber er mußte sich beeilen.
Leise kletterte Aurel auf den Strohstuhl und von dort auf das Fensterbrett. Jetzt saß er im Nachthemd auf dem harten Holz, hielt sich am Fensterhaken und tastete mit den nackten Beinen in die Tiefe. Wie kühl und feucht die Blätter des wilden Weines waren, der die Gartenseite des Hauses berankte. Und wie schwarz und schmal sich die Lebensbäume gegen den blaßgrünen Himmel abhoben.
Vom Heuschlag stiegen weiße Nebel auf, und dahinter am Horizont zog sich ein langer roter Streifen über den schwarzen Wald. Eine Schnarrwachtel knarrte.
Dorthin mußte er; wenn er den Fensterhaken losließ, kam er schon hinunter – tief konnte es ja nicht sein …
„Aber Aurel!“
Er fühlte sich von hinten umschlungen – Karlomchen hielt ihn und zog ihn ins Zimmer zurück. Dann lag er schluchzend im Bett.
Die weiche, warme Dämmerung war hart und kalt geworden, die tiefe Geborgenheit war zerrissen.
Vom offenen Fenster wehte kühl ein erstes schmerzliches Verlorensein.
Das rote Bänkchen
Fömarie heißt eigentlich Fräulein Marie, aber das ist zu lang, Aurel kann das Wort „Fräulein“ nicht aussprechen. Fömarie hat eine turmhohe Frisur mit Knotenzopf und unzähligen Spangen, runde, wasserhelle, immer erschrockene Augen und furchtbar viel Röcke, die man alle sehen kann, wenn sie in der Allee spazierengeht. Denn dann rafft sie die Röcke mit einem „Pagen“, einem schwarzen Gummiband, hoch, weil draußen doch Pfützen sein könnten:
„Aurel, paß auf, da kommt eine Pfütze!“
Und Fömarie macht mit hochgerafften Röcken einen gewaltigen Sprung.
Ebenso fürchtete sie sich vor Fröschen, Kröten, Donner, Mäusen und Zugwind.
„Mein Gott, es hat geraschelt“, sagt sie mitten in der Nacht und macht Licht. Oder: „Es donnert!“ – und hält sich beide Ohren zu. Oder: „Es zieht!“ – und schließt alle Fenster. Wenn Fömarie ausgeht, steckt sie sich und Aurel immer Wattepfropfen ins Ohr. Und dann wandern sie in der Allee: immer bis zum Krug und wieder zurück. Manchmal auch die „kleine Runde“: auf der Landstraße ein Stück und dann auf den Wirtschaftsweg heimwärts. Alles richtet sich nach dem Wind, und wenn man trotz aller Berechnungen den Wind ins Gesicht bekommt, darf man nicht sprechen und muß die Hand vor den Mund halten.
Aber Aurel kann die Wattepfropfen nicht leiden: er zieht sie heimlich aus den Ohren heraus.
„Mein Gott, wo sind deine Wattepfropfen?“
„Herausgefallen.“
„Wo herausgefallen?“
„Das weiß ich nicht. Vielleicht auch hereingerutscht.“
„Mein Gott, hereingerutscht! Wie ist das denn möglich? Laß mal sehen!“
Aurel hält das Ohr hin und macht ein sehr nachdenkliches Gesicht:
„Vielleicht ganz tief hereingerutscht!“
„Mein Gott, ganz tief! Ich sage dir doch immer, du sollst dich gradehalten. Bei mir sind sie noch nie hereingerutscht oder herausgefallen. Schnell nach Hause. Bei dem Wind ohne Watte. Du kannst dir den Tod holen!“
Zu Hause muß Aurel auf alle Fälle immer gurgeln: wenn er hustet, wenn er niest, wenn er mit nassen Füßen nach Hause kommt.
Außerdem hat Fömarie noch eine Leidenschaft: die Köpfe der Kinder zu waschen. Auch die großen Brüder müssen dran glauben. Jeden Samstag schleppt die schwarze Tina unzählige Eimer heißes Wasser in die Backstube, Karlomchen bringt grüne Seife, die sich wie kalter quabbliger Froschlaich anfühlt, Fömarie bindet sich eine Küchenschürze vor und krempelt die Ärmel hoch. Nachher müssen die Kinder vor dem großen Backofen sitzen, und Tina, Karlin, die alte Minna und Fömarie bearbeiten abwechselnd die Haare mit Tüchern und Händen. Dann bringt Karlomchen zur Belohnung heiße Himbeerlimonade, aber die großen Brüder sind so beleidigt, daß sie nichts trinken. Sie hocken finster da, Bal, Rei und Tof (auch die Namen Balthasar, Reinhard und Christof sind für Aurel zu lang) und brüten Rachepläne aus. Einmal haben sie Fömarie einen Frosch ins Bett gelegt. Ein anderes Mal Brausepulver in den Nachttopf geschüttet. Beide Male erschrak Fömarie zu Tode:
„Mein Gott, ein Frosch! Mein Gott, wie das kocht! Habe ich Fieber?“
Aurel, der jetzt oben bei Fömarie schlief, mußte sich den Zipfel des Kissens in den Mund stecken und die Decke über das Gesicht ziehen, um nicht herauszuplatzen. Die großen Brüder imponierten ihm sehr. Auch wenn sie bei Acka einen ganzen Sonntagvormittag nachsitzen mußten.
Acka war Herr Ackermann, der stille, kränkliche, immer freundliche Hauslehrer, der fast den ganzen Tag in einem dicken Schlafrock in seinem Zimmer saß, das „Afrika“ hieß, weil der Kamin von der Küche dort durchging. Nur zu den Stunden wanderte er ins Schulzimmer hinüber, wo die Brüder an schrägen Pulten unterrichtet wurden.
In den Pausen tobten sie im „Großen Korridor“, der eigentlich ein gewaltiger Saal mit tiefen Fensternischen war. Hier hing an zwei Stricken eine Stange, auf der man so hoch schaukeln konnte, daß die Fußspitzen die Dekke berührten; aber nur Bal und Rei kamen so hoch, Tofs und Aurels Beine waren noch zu kurz. Dann standen da zwei Barren, eine große Mehlkiste mit abschüssigem Deckel, auf dem man herrlich hinunterrutschen konnte, die Pelztruhe, die immer nach Mottenpulver roch, ein altes Sofa mit schwarzrot gemustertem, zerschlissenem Polster. Schränke, Kommoden, drei kleine Kinderschlitten auf eisernen Kufen mit bunten, zerkratzten Bildern auf dem schrägen Schutzblech; auch im Sommer konnte man mit diesen Schlitten auf dem Bretterboden herumrutschen, wenn man mit den Hacken nachhalf.
Und dann gab es zwischen den tiefen Fensternischen schmale, schräg abgedachte Rumpelkammern, die von zerbrochenen Möbeln, Geschirr, Kisten und rätselhaftem Gerümpel angefüllt waren. Diese Dachkammern hießen „Tschulanchen“, und wenn man hineinkroch, erstickte man fast in der dikken, staubigen, glühend heißen Luft. Aber man konnte sich hier gut verstekken, wenn Fömarie rief und Aurel und Adda lieber mit Puppen spielen wollten als mit wattierten Ohren über die Pfützen springen.
Außer der staubigen Rumpelkammer gab es für Aurel noch einen Zufluchtsort; das war „Afrika“, das war „Acka“. Afrika und Herr Ackermann waren für ihn ein Begriff, und dieser Begriff war mit Wärme, Petroleumlampe und Schlafrock verbunden. Bei Acka durfte Aurel Bilderbücher besehen, bei Acka durfte er selbst Bilder kritzeln. Er saß Herrn Ackermann gegenüber, und die weiße Alabasterlampe stand zwischen ihnen. Fast so weiß wie die Lampe sah Ackas Gesicht aus, dieses immer freundlich lächelnde und doch traurige, nach innen gekehrte Gesicht mit der leisen Stimme.
Aurel zeichnete Häuser, Bäume, Kühe und darüber immer eine runde Sonne mit langen, geraden Strahlen. Und dann schenkte er Acka das Bild, der sich besonders über die Sonne freute.
„Die Sonne muß immer drauf sein“, erklärte der Junge, „sonst erfrieren die Bäume und Kühe!“
„Und auch die Menschen!“ meinte Herr Ackermann fröstelnd.
Aurel schüttelte den blonden Kopf:
„Die haben doch Öfen! Oder einen Schlafrock! Oder auch einen Pelz! Die Bäume und Tiere haben nichts!“
„Aber die Sonne ist wärmer!“ seufzte Herr Ackermann mit traurigem Lächeln.
„Dann schenke ich dir eine Sonne!“ erklärte Aurel großzügig und malte einen Riesenkreis mit gewaltigen Strahlen, den Herr Ackermann über seinem Bett aufhing.
„Jetzt werde ich nicht mehr frieren“, meinte er dankbar und strich behutsam über den Blondkopf.
Dann holte Fömarie den Jungen. Er sollte heute baden. Und nach dem Bad brachte sie ihm das Abendessen ans Bett: Rührei mit Spinat und geschälte Kartoffeln.
Aber die Kartoffeln sahen so merkwürdig aus: nicht glatt geschält, sondern wie abgekratzt, und als Fömarie die Gabel reichte, bemerkte Aurel, daß an ihren Fingernägeln kleine Schalenstücke hingen. Er rührte keine Kartoffel an.
„Dann darfst du auch nicht das Rührei essen!“
Er schob den Teller von sich:
„Abgekratzte Kartoffeln esse ich nicht!“
„Die sind nicht abgekratzt!“
„Zeig deine Finger!“
„Du bist albern!“
Fömarie hielt die Hände auf dem Rücken.
Aurel wiederholte beharrlich:
„Zeig deine Finger!“
Fömarie wurde dunkelrot:
„Du bekommst nichts, wenn du nicht die Kartoffeln ißt!“
Aurel drehte den Kopf zur Wand:
„Dann werde ich nichts essen!“
Am nächsten Tag lagen dieselben Kartoffeln wieder auf seinem Teller. Sie waren aufgewärmt, ein wenig gebräunt, aber er erkannte sie doch sofort und rührte sie nicht an. Aurel und Adda aßen im Speisezimmer in der Ecke an einem niedrigen Kindertisch, auf zwei niedrigen Holzbänkchen. Fömarie beaufsichtigte die Mahlzeiten und trieb immer zur Eile, weil die Kinder fertig sein mußten, wenn die Großen zu Tisch gingen. Und Aurel trödelte immer so. Er kaute ewig. Die Bissen gingen nicht herunter. Und die Kartoffeln schob er jetzt einfach auf den Tellerrand.
Fömarie riß ihm die Gabel aus der Hand, spießte ein Kartoffelstück auf und wollte es ihm in den Mund schieben. Aber der Junge preßte die Lippen zusammen, hielt beide Hände vor und zog den Kopf weit zurück.
Dann versuchte sie ihn zu locken:
„Wenn du dieses Stück ißt, nur dieses Stück, gebe ich dir einen Bonbon!“
Aurel schüttelte stumm den Kopf.
Jetzt packte Fömarie den Jungen, bog sein Gesicht zurück und wollte ihm gewaltsam das Kartoffelstück in den Mund stopfen. Aber Aurel biß die Zähne zusammen, und die Kartoffel fiel auf den Fußboden.
In diesem Augenblick kam die Mutter. Nachdem sie alles angehört hatte, nahm sie den Jungen an der Hand und führte ihn in ihr Schlafzimmer. Hier stand hinter einem Schirm am Ofen das Sünderbänkchen – ein roter Fußschemel, und hier mußte sich Aurel hinsetzen und „nachdenken“, bis der „Bock“ wieder fort war. Das kam nicht oft, aber doch auch nicht zu selten vor, so daß er sich weder an das rote Bänkchen gewöhnte, noch es vergaß. Die Mutter strafte nur ungern, nur wenn es sein mußte. Aber dann blieb sie fest: Aurel sollte Fömarie um Verzeihung bitten.
Stumm und eigensinnig schüttelte er den Kopf.
„Dann mußt du nachdenken, bis du es tust!“
Aurel setzte sich auf das Bänkchen. Die Mutter schob den Schirm vor, dann ging sie. Die Tür schloß sich hinter ihr.
Nun saß er hier ganz allein im Halbdunkel, starrte auf den Kachelofen, den Fußboden, auf das Schutzblech vor der Ofentür. Die weißen Kacheln waren glatt und kühl, und wenn man die Finger mit Spucke naß machte, konnte man schöne Striche ziehen. Auch die dunklen Ritzen zwischen den weißen Brettern des Fußbodens mußte man genau untersuchen: wie sonderbar mulmig sich der Staub anfühlte, wenn man ihn mit dem Nagel herauskratzte. Das war keine so einfache Arbeit, Aurel kutschierte auf seinem Bänkchen bis in die Ecke, um das Werk zu vollenden. Hier entdeckte er aber im hintersten Winkel zwischen Ofen und Wand ein graues Spinngewebe, in dem eine tote Fliege hing. Spinnen interessierten ihn immer ganz besonders, und als sich jetzt eine Fliege auf den Kachelofen setzte, versuchte er sie zu fangen. Er stand auf, aber nun sah er im Wasserkrug, der unter dem Waschtisch stand, eine Fliege hilflos mit den Beinen zappeln. Vorsichtig fischte er sie heraus und warf sie mit kaltem Entsetzen und zugleich grausamer Freude ins Spinngewebe.
In diesem Augenblick hörte er, wie sich die Tür öffnete. Schnell hockte er sich wieder auf das Bänkchen. Hastige schlurfende Schritte näherten sich, ein Schlüsselbund klapperte, Karlomchen beugte sich zu ihm, sah ihn über die schiefen Brillengläser bekümmert an und fragte, ob der „Bock“ jetzt fort sei?
Aber Aurel schüttelte den Kopf. Nie wollte er Fömarie um Verzeihung bitten, nie. Außerdem mußte er sehen, was aus der Fliege geworden war. Karlomchens Schlüsselbund klapperte, die Tür schloß sich. Aurel beugte sich vor und spähte neugierig in den Winkel. Sein Herz hämmerte bis in die Kehle hinauf, die Hände wurden kalt und feucht: da hing die zuckende Fliege, und ein Ungeheuer mit schwarzem Kugelleib und spitzen, langen Beinen hielt sie saugend umklammert. Aber er mußte hinsehen, entsetzt hinstarren, bis die Zuckungen immer schwächer wurden und zuletzt ganz aufhörten. Jetzt war die Fliege tot, eine leere Hülle. Die Spinne kroch gesättigt in ihr Versteck.




