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Als die Mutter kam, hockte Aurel schluchzend auf seinem Bänkchen. Aber auf die Frage, ob er jetzt Fömarie um Verzeihung bitten wolle, schüttelte er stumm den Kopf.
„Dann mußt du noch ein wenig nachdenken“, seufzte die Mutter und ging.
Und Aurel dachte nach: Warum hab’ ich die Fliege ins Spinngewebe geworfen, warum ist Mila fort und Wannag, der Pferdeknecht, auch? Ich möchte zu Mila, ich will auch fort, weit fort von Fömarie und den abgekratzten Kartoffeln. Am liebsten will ich tot sein wie die Fliege, ganz tot, und dann werden alle weinen …
Aurel schluchzt und schluchzt über sich selbst, über die Mutter, über alle Menschen, die dann so traurig sein werden, so schrecklich traurig. Aber ich bin dann tot, wiederholt er immer wieder, ganz tot, und dann wird man mich begraben, neben dem toten Schwesterchen, neben dem weißen Kreuz …
Der wilde Trotz geht in sanftes, süßes Selbstmitleid über. Die Tränen sind versiegt, und in den Waden kribbeln Ameisen. Vielleicht fängt es so an, wenn man verhungert, denkt er gespannt und streckt abwechselnd die Beine aus, und abwechselnd kribbeln die Ameisen in der rechten und in der linken Wade.
Als die Mutter wiederkommt, schüttelt er den Kopf.
„Dann mußt du zu Papa“, sagt die Mutter feierlich, nimmt ihn an der Hand und führt ihn durch den Saal in das Lesezimmer.
Hier ist es dämmrig und kühl; die gelben Fensterrouleaus sind heruntergelassen; durch die angelehnte Tür vom Schreibzimmer des Vaters fällt ein dünner Sonnenstreifen, in dem Staubkörner wirbeln. Die Mutter ist hineingegangen, er hört ihr Flüstern, einen Stuhl rücken, das knurrige Brummen des Vaters. Dann kommt sie wieder heraus – er soll hierbleiben. Die Saaltür schließt sich hinter ihr.
Ganz selten ist Aurel in dieses Heiligtum vorgedrungen, hinter dem das Allerheiligste, Vaters Schreibzimmer, liegt. Aber schon hier ist es feierlich und unheimlich genug: da steht ein Glasschrank mit lauter Büchern, da hängen an den Wänden auf schwarzen Brettern weiße Totenköpfe mit spitzen Geweihen – Rehköpfe, viele Rehköpfe – und mitten darunter ein weißer Elchschädel mit gewaltigen Schaufeln. An der andern Wand hängt eine Bilderreihe von Männern und Frauen in sonderbaren Kleidern: in Rüstungen, Uniformen, mit weißen, komischen Frisuren, ja sogar Zöpfen. Und der unheimlichste – der General (Mila hat es ihm einmal gesagt) hat ein breites Band mit einem mächtigen Stern auf dem dicken Bauch. Und nun sind alle tot: die vielen Rehe, der Elch und der General. Warum wohl Papa so viele Tote an die Wände hängt?
Nur schräg in der Ecke, da ist etwas Lebendiges, ein geheimnisvolles Bild, das Aurel immer wieder ansehen muß: eine blaue Höhle mit blauem Wasser, und ein Mann, der in einem Boot steht, fährt in diese Höhle hinein.
„Das ist die Blaue Grotte“, hat einmal die Mutter gesagt, „und in diesem Boot bin ich selbst hineingefahren! Aber das ist schon lange her und sehr weit“, seufzte sie leise, „hier ist der Himmel nie so blau!“
Seitdem sehnt sich der Junge nach dieser blauen Höhle. Auch jetzt will er lieber dort sein als auf den Vater warten, der ihn zwingen wird, die abgekratzten Kartoffeln zu essen. Denn das fühlt Aurel: dem Vater, der fast so groß und mächtig ist wie der liebe Gott, kann er sich nicht widersetzen. Schon hört er seine knarrenden Schritte, das kleine Herz pocht, die Hände werden wieder kalt und pressen sich aneinander. Dann öffnet sich die Tür, und der Vater steht mit der langen Pfeife im Sonnenviereck, das ihn wie ein Heiligenschein umflammt.
Aurel ist so geblendet, daß er gar nicht aufblicken kann; er starrt nur auf den glühenden Pfeifenkopf, der tief bis zu den Knien des Vaters herunterhängt. Jedesmal, wenn der Pfeifenkopf aufglüht, kommt von oben eine dicke Rauchwolke, der Vater verschwindet ganz im Sonnenstaub und Pfeifendampf: er ist wieder unsichtbar. Nur seine brummende Stimme dringt durch den Rauch zu dem Jungen; er fragt, und Aurel gibt in den Rauch hinein Antwort. Er starrt dabei auf den aufglühenden und wieder verglimmenden Pfeifenkopf, und da die Worte oben aus dem Dampf immer gerade dann kommen, wenn unten das Feuer aufblitzt, ist es so, als spräche er mit der Pfeife.
„Und warum willst du die Kartoffeln nicht essen?“ fragt die Pfeife und kneift lauernd das Auge zu.
„Weil sie abgekratzt sind“, sagt Aurel und knetet die kalten Finger.
Der Pfeifenkopf funkelt ihn böse an:
„Abgekratzt?“
„Ja, Fömarie hat sie mit den Nägeln abgekratzt!“
Der Pfeifenkopf zwinkert lange stumm. Dann kommt ein dröhnendes Lachen, eine polternde Stimme aus der Höhe:
„Das ist eine Schweinerei! Abgekratzte Kartoffeln brauchst du nicht zu essen!“
Als Aurel aufblickte, war der Vater verschwunden. Die Tür zum Schreibzimmer war wieder geschlossen. Nur dicker grauer Pfeifenrauch hing noch wie eine Wolke in der Luft.
Von den Kartoffeln wurde nie mehr gesprochen. Und Fömarie kratzte nie mehr die Schalen mit den Fingernägeln ab.
Dafür gab es jetzt Beeren. Zuerst kamen die Gartenerdbeeren, aber die durfte man erst essen, wenn die Mutter ihre Vorräte eingekocht hatte. Das Beereneinkochen war etwas so Feierliches, daß nur die Mutter es selbst machen konnte. Für diesen Zweck hatte sie sich einen kleinen Ziegelsteinherd nahe am Teich unter den schattigen Bäumen bauen lassen – hier war es nicht so heiß, hier saß sie mitten im Freien, der ganze weite blaue Sommerhimmel mit den Eichen, Linden und Birken war ihre Küche.
Die großen Brüder mußten immer untersuchen, ob die Erdbeeren schon so weit wären, aber immer hieß es: nein, ganz reif sind sie noch nicht! Bis die Mutter endlich das Rätsel löste: daß gerade die reifen der Untersuchung zum Opfer fielen!
Dann begann das Beerenpflücken: die schwarze Tina, Karlin, die alte Minna und unzählige Beerenweiberchen aus dem Knechtshaus hockten mit weißen Kopftüchern zwischen den langen Beeten. Die großen Brüder, die mithelfen sollten, waren natürlich verschwunden. Sie schossen Drosseln in der Koppel, oder sie trieben sich auf dem Morast herum, wo sie Kreuzottern erlegten. Einmal brachten sie eine tote Natter nach Hause und legten sie vor Fömaries Tür. Fast wäre sie drauf getreten. Die Brüder mußten wieder im Schulzimmer nachsitzen. Aber das taten sie lieber als Beerenpflücken.
Ganze Waschkörbe voll Erdbeeren wanderten auf die Veranda. Hier wurden sie von Karlomchen sortiert, gereinigt, vom Stengelblatt befreit und in gewaltigen Schüsseln aufgetürmt. Und dann kam der Tag, an dem sich die Mutter feierlich eine weiße Schürze umlegte, Janz den Herd einheizte, und die Mädchen mit Beerenschüsseln, Einmachgläsern, Zuckerdosen, Probiertellern, großen und kleinen Löffeln aufgeregt zwischen Haus und dem Herd am Teich hin und her rannten.
„Tina, noch ein Kissen!“
Aber Tina war schon fort, und Aurel schleppte das große rotweiße Kissen von der Veranda herbei.
Die Mutter saß in einem Lehnstuhl. Sie rührte mit dem großen silbernen Löffel in der dicken roten Masse, auf der hier und dort rosa Schaumbläschen aufstiegen. Aurel stand neben ihr und beobachtete diesen Schaum. Wenn er zu heftig aufbrodelte, wurde er mit dem Löffel abgeschäumt und auf einen Teller getan. Dieser süße Beerenschaum war seine Liebhaberei.
Nach den Erdbeeren kamen die Stachelbeeren, Johannisbeeren, Buchsbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren, Preiselbeeren und Kranzbeeren an die Reihe. Immer wieder rauchte der niedrige Ziegelschornstein unter den Eichen, prasselten die Birkenscheite im Herd, galoppierten Mädchenröcke zwischen den Büschen hin und her, klapperte Karlomchens Schlüsselbund über den Rasen, saß die Mutter mit vorgebeugtem Rücken über der Glut des Feuers, unter der Glut der Sonne und rührte mit dem Löffel. Endlich hatte sie die Hitze, die sie im Winter so entbehren mußte.
Manchmal kam auch der Vater schräg über den Rasenplatz, im weißen Leinenrock, den flachen Strohhut auf dem Kopf, den Spazierstock mit dem gekrümmten Griff in der Hand, setzte sich auf einen alten Baumstumpf und stocherte mit dem Stock in einem Maulwurfshümpel.
„Diese Biester“, sagte er ärgerlich, „zerwühlen den ganzen Rasen! Und diese Kalkhühner! Sie haben wieder die Tür offengelassen, und nun wimmelt es im Lesezimmer von Fliegen!“
Die „Kalkhühner“ waren ein für allemal die Mädchen, ganz gleich, wie sie gerade sonst hießen.
Ein „Kalkhuhn“ kam und meldete, der Verwalter wolle den Großherrn sprechen. Und der Vater ging langsam – hier und da stieß er einen Maulwurfshümpel mit dem Stock um – über den Rasen ins Haus zurück.
Auch Herr Ackermann saß manchmal hier in seinen grau gestreiften Hosen und schnitzte aus einer Kiefernrinde ein Boot für Aurel. Und dann wurde es im Teich aufs Wasser gesetzt. Oder der Postbote kam aus der Allee, wo er am Ahorn seinen Klepper angebunden hatte. Die alte schwarze Posttasche roch nach Staub und Leder, hatte eine eiserne Stange mit Vorhängeschloß, das schon von weitem klapperte. Aurel holte den Schlüssel, der in der Backstube hing, und die Tasche wurde geöffnet.
„Tante Olla kommt!“ sagte die Mutter mit einem Seufzer und ließ den Löffel sinken. Oder auch:
„Onkel Oscha kommt!“ Und dann sprang sie auf, strahlte wie ein junges Mädchen, hob Aurel in die Luft und wirbelte ihn im Kreise. Aber gleich darauf sank sie wieder erschöpft in den Stuhl, Aurel durfte die große Nachricht verkünden: „Onkel Oscha kommt! Onkel Oscha kommt!“ Und die kleine Adda hüpfte aufgeregt hinter ihm her.
Aber es konnte auch geschehen, daß mitten in diesem Sommerglück, in dieser glühenden Sonne, ein dunkler Wolkenschatten über den Rasenplatz lief, sich auf das Haus mit dem silbergrauen Schindeldach legte. Dann verloren die weißen Säulen ihren Glanz, die Fensterscheiben erloschen, und das Dach duckte sich unter der schwarzen Krone der Linden.
Und es konnte geschehen, daß Aurel mitten im froherregten Lauf mit einem Ruck stehenblieb und irgendwohin starrte: war nicht dort hinter den Büschen ein weißes, etwas schiefes Kopftuch aufgetaucht, ein dunkelroter Rock, den er kannte? Nein, es war nur Rosalia, das Viehmädchen, die mit dem Milcheimer aus dem Kuhstall kam, aber ihr wiegender Gang, ihre volle Gestalt riefen in ihm dunkle Erinnerungen wach. Es gab einen Stich, mitten ins Herz, einen brennenden spitzen Stich. Dann war der Wolkenschatten weitergezogen, das Haus mit den weißen Säulen lag wieder im prallen Sonnenlicht, und grün und unergründlich ragten die Linden schützend über das Dach.
Nach solchen besonderen Tagen, wenn die Mutter ganz erschöpft war und Aurel ihr so eifrig beim Beerenkochen geholfen hatte, durfte er etwas länger aufbleiben. Die Mutter ließ sich nach dem Abendessen einen Stuhl hinter die „Gardine“, die jungen Linden und Ellern, tragen, auf dem Wirtschaftsweg am Kleefeld hinstellen, und Aurel durfte einen kleinen Fußschemel mitschleppen. Dort setzten sich dann beide hin, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Die rote Feuerkugel stand schon ganz niedrig am gelbgrünen Horizont, über den schwarzen Wäldern.
„Siehst du, wie sie jedesmal ein Stück näher zum Kruge untergeht“, sagte die Mutter, „und wenn der Winter kommt, fällt sie hinter der Allee in den Wald!“
„Und warum läuft sie dann nur bis zum Krug?“ fragte der Junge.
„Weil sie zu müde ist“, sagte die Mutter, „auch die Sonne wird müde, wenn sie den ganzen Sommer gearbeitet hat! Sieh, jetzt stößt sie schon an die Baumspitzen!“
„Und warum kann es nicht immer Sommer sein?“ forschte Aurel.
„Weil die Erde sich erholen muß. Aber es gibt Länder, wo es keinen Winter gibt und wo die Menschen nie frieren und Sonne und Erde nie müde werden. Sieh, jetzt fällt sie in den Jaunsemschen Wald!“
„Und warum gehen wir nicht hin, wo es immer Sommer ist?“ Aurel war aufgestanden und hatte sich auf den Schemel gestellt.
Die Mutter schwieg. Sie richtete sich ein wenig auf, dann sank sie in den Stuhl zurück:
„Weil es zu weit ist“, seufzte sie, „viel zu weit. Sieh, wie der Himmel brennt!“
„Und warum brennt der Himmel?“
„Damit wir wissen sollen, daß die Sonne wiederkommt, immer wiederkommt. Und weil wir den kürzesten Sommer haben, brennt bei uns der Himmel am längsten! Aber jetzt mußt du ins Bett!“
Von den Heuschlägen hinter dem Kruge stiegen weiße Nebel auf. Irgendwo weit von der Landstraße her klapperten Pferdehufe, brummte eine Ziehharmonika in den milchweißen Sommerabend.
Die Welt ist voller Tanten
Rei war auf den Ahorn hinaufgeklettert, der am Eingang der Allee stand, Tof baumelte auf einem Ast, Aurel klebte unten am Stamm wie ein Frosch mit hochgezogenen Knien, und Adda reckte sich auf den Fußspitzen.
Da schrie Bal hoch oben von der Dachluke:
„Sie kommen! Sie kommen! Ich sehe ganz deutlich eine Staubwolke bei der Grenzbrücke!“
Und bald rief auch Rei vom Ahorn herunter:
„Ja, sie kommen! Ich kann schon die drei Schimmel erkennen! Jetzt sind sie bei der Flachsweiche!“
Aurel versuchte immer wieder hinaufzuklettern, rutschte aber jedesmal an der rauhen Borke herunter.
Und dann bog die Kalesche mit den drei Pferden beim Kruge in die Allee ein. Eine Staubwolke wirbelte, Hufe klackerten, Räder knirschten, jetzt rollte die Equipage um den runden Rasenplatz, und Onkel Oscha saß winkend im weißen Staubmantel in der heruntergeklappten Kalesche.
Alles drängte sich auf der Veranda. Die kleine Karlin öffnete den Wagenschlag. Onkel Oscha schnaufte die Stufen herauf, umarmte und küßte alle der Reihe nach: die rechte Backe, die linke und wieder die rechte, der weiße, stachlige Vollbart kitzelte.
Janz und die schwarze Tina schleppten den schweren, mit Lederriemen zusammengeschnürten Koffer – den „Tschemodan“ – die Treppe hinauf. Der eine Schimmel spreizte so komisch die Beine. Ein dampfender Strom rauschte in den trockenen Grand und ergoß sich bis zum Rasenrande. Dann durften Aurel und Adda in die Kalesche klettern, der Kutscher gängelte die Pferde um den Platz.
Onkel Oscha war Mamas Bruder. Er war der einzige Onkel, der keine Tante hatte, und deshalb fuhr er wohl mit seiner Kalesche immer von Verwandten zu Verwandten. Auf seinem eigenen Gut war er nur selten, und was sollte er auch da so allein tun?
Onkel Oscha war klein und breitschultrig, hatte eine dicke Goldkette über dem Bauch mit vielen Berlocken: Bärenkrallen, eine plattgedrückte Bleikugel und eine feuerrote Koralle. Den Bären hatte er selbst geschossen und mit der Bleikugel einen Elch erlegt, der ihn fast zertrampelt hatte. Wenn Onkel Oscha erzählte, strich er sich mit beiden Händen die Vollbartspitzen nach rechts und nach links, und jedesmal, wenn er kam, befühlte er die Ohrläppchen der Kinder, und wenn sie dick waren, zog er süße Karamelbonbons aus den Ohren. Aber er konnte auch das Elfenbeinpapiermesser auf seinen Knien schleifen, und wenn man ihn dann noch immer nicht in Ruhe ließ, sprang er plötzlich auf und rannte hinter einem her:
„Warte, jetzt, wirst du abgemurchelt!“
Dann half kein „Mundspitzen“, kein „Zähneklappern“ – man wurde gemurchelt, bis man die „Engel im Himmel pfeifen“ hörte:
„Hörst du sie?“
„Nein! Noch nicht!“
„Und jetzt?“
„Noch immer nicht!“
Aurel konnte nie die Engel pfeifen hören. Aber dafür hörte er jetzt jeden Abend in der Waschküche, unten beim Knechtshaus, wie Indrik, der Gärtner, mit der schwarzen Tina, Karlin, Rosalia und den anderen Mädchen das Morgenständchen einübte. Und dann kam Mamas Geburtstag.
Die Tür zu ihrem Schlafzimmer und ihr Stuhl am Speisetisch waren mit Laubgirlanden umrankt. Es roch nach Safran, nach Wachskerzen, nach frischen Kümmelkuchen.
Indrik und die Mägde schlichen am frühen Morgen auf bloßen Füßen in den Saal, stellten sich räuspernd vor der Tür auf – der Gärtner hob die Hand, schwang sie im Takt, und seine tiefe, schöne Stimme tönte mit dem schrillen, hohen Gesang der Mägde durch das noch schlafende Haus.
„Wie die Kalkhühner stinken“, sagte später der Vater, als er paffend durch den Saal ging.
Auf dem Tisch im Speisezimmer lag ein mächtiger gelber Safrankringel, zwischen dessen Rundungen auf zwei umgestülpten Tellern bunte Wachskerzen flackerten. Aber die braunen Mandeln hatten Aurels kleine Finger hier und dort aus der knusprigen Kruste schon herausgeknibbert, und jetzt wartete er darauf, mit Adda die Kerzen auszupusten.
Und dann stampfte Tante Olla durch den Saal. Die Kristallzapfen am Kronleuchter zitterten, und auch Aurel erschrak, als er diese mächtige Tante zum ersten Mal sah. Denn sie hatte einen tiefen Baß, ein dröhnendes Lachen und einen richtigen Schnurrbart im braun gebrannten, von einer zottigen weißen Mähne umwucherten Gesicht. Wenn Aurel ihr die Hand küßte, stieß seine Nase immer gegen den grünen Malachitstein ihres Siegelringes, und wenn er neugierig um sie herumging, dann war es eine weite Wanderung: so gewaltig war ihr Umfang. Daß dies Mamas Schwester war, konnte er nie begreifen.
Nach der Umarmung sank die Mutter immer erschöpft auf das Sofa, und Tante Olla holte sich ein silbernes Kästchen aus dem Beutel, klappte es auf, nahm ein Stück Papier, bestreute es mit Tabak und rollte sich eine Zigarette. Dann warf sie den Kopf zurück und paffte.
Die großen Brüder hatten einmal gesagt: „Tante Olla ist ein Mann.“ Aber warum trug sie dann Röcke? Oder hatte sie darunter vielleicht doch Hosen an? Aurel kroch unter den Tisch, um das Rätsel zu ergründen. Aber dann mußte er wieder heraus und eine neue Tante begrüßen.
Die Welt war voller Tanten, voller knisternder schwarzer Seidenröcke, Lavendelgeruch, klappernder Stricknadeln und warmer, etwas feuchter Tantenküsse.
Da war Tante Melanie, die immer Jäckchen häkelte. Aurel mußte ihr manchmal das Garn halten, die Hände steif nach oben, der Faden lief immer in der Runde, von einer Hand zur andern. Aber Aurel schielte doch hinüber und sah, wie Tante Melanie heimlich in Papier eingewickelte Schokoladeplätzchen in den Wunderknaul steckte, die dann beim Häkeln zum Vorschein kamen. Deshalb saß er doch oft bei dieser Tante und starrte gespannt auf den sich abwickelnden Knaul.
Dann war das Tante Constance, die mit ihrer weißen, welken Hand, an der viele blitzende Ringe und ein goldenes Armband klirrten, immer Karten auslegte.
„Man muß sich in Geduld üben“, sagte sie belehrend und tupfte mit dem Zeigefinger über die Karten, „und deshalb heißt dieses Spiel auch Patience – das heißt Geduld!“
Wenn aber Aurel seine Hand in die Hosentasche steckte, dann sagte sie streng:
„Kind, die Tasche ist nicht für die Hand! Das schickt sich nicht!“
„Warum schickt sich das nicht?“
„Weil ich es dir sage!“ erklärte sie ungeduldig.
Aurel zog die Hand aus der Tasche und ging fort. Tante Constance mußte sich wohl noch lange in Geduld üben.
Aber die liebste von allen war ihm Tante Madeleine. Sie war schmal und schwarz und so ausgelassen wie ein Füllen, machte immer Unsinn und schaukelte sogar oben im Großen Korridor, bis sie mit den Fußspitzen die Decke berührte.
„Madeleine, je t’en prie!“ sagte Onkel Nicolas und hielt die Schaukel an. Onkel Nicolas und Tante Madeleine sprachen oft französisch, damit man es nicht verstehen sollte. Wenn sie kamen, mußten sich alle Kinder im Saal in einer Reihe aufstellen: Balthasar, Reinhard, Christof, Aurel und Adda. Und dann mußte jeder seinen Namen und sein Alter nennen.
„Mon Dieu, wieviel Jungen!“ sagte Tante Madeleine, tupfte mit der Hand über die Scheitel und zählte: „Eins, zwei, drei, vier! Und nur ein kleines Mädel! Mais quelle gentille petite fille! Sollen wir nicht tauschen? Zwei Jungen gegen zwei Mädchen! Wieviel lieber hätte ich eine solche Rasselbande!“
Dann dürfen die großen Brüder abmarschieren. Und Tante Madeleine nimmt Aurel an der Hand, er muß sich an den Türpfosten stellen, die Schuhe ausziehen, sie mißt ihn mit dem Zentimeterstock.
„Genau so groß wie Boris“, sagt sie nachdenklich, „und genau so alt. Die würden gut zusammenpassen! Willst du mitkommen?“
Aber Aurel schüttelt den Kopf. Dann sagt er stockend:
„Du mußt hierbleiben!“
„Und Boris?“
„Der soll auch herkommen!“
Und dann öffnet Janz, in einem grauen Dienerrock mit blanken Knöpfen, die roten Hände in weiße Glacéhandschuhe gepreßt, die Flügeltür und bittet zu Tisch.
An diesem Festtag dürfen Aurel und Adda gleichzeitig mit den Großen essen. Aber Aurel fürchtet sich, er weiß, was später kommen wird, und daß dann wieder alle über ihn lachen werden. Er kneift sich heimlich mit dem Daumennagel in die Wade – vielleicht gelingt es ihm diesmal, das Schreckliche zu überstehen.
Das weiße, lange Gesicht vom Pastor bekommt schon rote Flecke, die schwarze Halsbinde um den niedrigen Kragen ist zur Seite gerutscht, so daß man den Messingknopf sehen kann. Die Stimmen schwirren, die Messer und Gabeln klappern. Dann wird es plötzlich still. Der Doktor ist aufgestanden, die goldene Kette funkelt auf seinem weißen Bauch. Im Aufschlag des schwarzen Bratenrockes steckt eine weiße Aster. Er klopft an sein Glas, räuspert sich, und dann hält er seine Rede auf das Geburtstagskind.
Doktor Martinell redet gern, redet lange und mit viel Gefühl. Er fängt immer mit dem Frühling an und endet mit dem Herbst: „Wir freuen uns an den Blüten, aber wir genießen die Früchte! Und die Kinder sind die Früchte der Frau: an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!“ Dann hebt er sein Glas – Aurel kneift sich tief in die Wade: jetzt, jetzt kommt es. Alles hat sich erhoben, der Pastor stimmt an, und dann tönt es grell und herzzerreißend:
„Hoch soll sie leben, hoch soll sie leben! Dreimal hoch!“
Aurel schluckt und schluckt, Eiskugeln rollen ihm über den Rücken, und in der Kehle brennt es heiß. Lange hält er sich tapfer, starrt angestrengt auf seinen Teller, auf das Wachstuch mit den bunten Max-und-Moritz-Bildern, aber plötzlich verschwimmt alles vor seinem Blick, brennend schießt es in seine Augen, es strömt und strömt, er schluchzt mit zuckenden Schultern.
Und dann hört er dies schreckliche Gelächter, sieht durch den Tränenschleier lauter lachende Köpfe, auch das vom Wein gerötete Gesicht des Vaters lacht, ja, er macht sich sogar über ihn lustig und zuckt, ihn nachäffend, mit den Schultern. Noch nie war der Vater ihm so fremd, ja, in diesem Augenblick haßt er ihn.
Auch die Mutter versucht zu lächeln, aber es glückt ihr nicht ganz. Nur Tante Madeleine lacht nicht, sie ist aufgesprungen, sie stellt sich schützend zwischen ihn und das grausame Gelächter. Dann führt sie ihn hinaus, legt ihn im Grünen Gastzimmer auf ihr Bett, erzählt ihm von Boris, seinem Vetter, von Isa, Maurissa und Warinka, seinen Cousinen, die er noch nie gesehen hat, legt ihre kühle Hand, die so gut riecht, auf seine heiße Stirn, bis er beruhigt einschläft.
Am Abend brennen überall weiße Alabasterlampen. Sogar im Flur, im Treppenhaus, im Großen Korridor – überall ist der weiße Schein der matten Kugelkuppeln, die wie lauter Monde aussehen. Nur im Lesezimmer flackern Wachskerzen in schweren silbernen Leuchtern: dort sind die grünen Kartentische aufgeschlagen, die Herren spielen Whist und trinken Rotwein. Dicke Rauchwolken stehen in der Luft. Alle Türen sind offen. Auch zum Schreibzimmer des Vaters, wo der Kamin prasselt, der Schaukelstuhl leise knarrt und in der Ecke die vielen langen Weichselholzpfeifen aufgereiht im Kreise um einen runden Pfeifenständer stehen.
Karlomchen huscht überall herum, schraubt die Dochte, damit die Lampen nicht blaken, klappert mit dem Schlüsselbund.
„Setz dich doch endlich hin!“ sagte die Mutter.
Karlomchen setzt sich. Aber gleich darauf ist sie wieder verschwunden.
Und dann müssen alle auf die Veranda: rund um den Rasenplatz, in allen Bäumen und Büschen, ja sogar tief in die Allee hinein, leuchten rote, grüne, blaue, gelbe und rosa Papierlaternen. Wie unergründlich, wie geheimnisvoll ist das Dunkel der Zweige im schwachen Schein der bunten Lichter. Dann und wann streicht eine Fledermaus dicht an der Veranda vorüber.
„Mein Gott, eine Fledermaus!“ schreit Fömarie: „Man muß die Fenster schließen!“
Tante Madeleine führt aber Aurel auf die andere Seite des Hauses, auf die Gartenveranda. Hier brennen keine bunten Laternen, aber hoch über den Lebensbäumen funkeln und flimmern die Sterne in der schwarzen Augustnacht. Noch nie hat Aurel so viele und so helle Sterne gesehen.
„Warum zittern sie so?“ fragt er verwundert.




