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„Weil jeder Stern einen Menschen hat, den er liebt und für den er fürchtet! Wenn der Mensch etwas Schlechtes tut, verliert der Stern seinen Glanz. Und jeder Stern will glänzen!“
Eine Sternschnuppe fliegt schnell über den Himmel und fällt hinter die Apfelbäume.
„Sahst du?“
„Ja, ein Stern ist heruntergefallen“, sagt Tante Madeleine. Lange sieht sie schweigend zum Himmel hinauf. „Und wenn ein Stern herunterfällt“, sagte sie leise, „dann ist ein Mensch gestorben!“
In der Lindenlaube schreit ein Kauz: „Kuwiht, kuwiht, kuwiht!“ Es klingt wie schrilles Gelächter oder wie der Schrei eines Kindes.
Dann fahren die vielen Tanten wieder fort.
Im Grünen, im Rosa Gastzimmer, im Treppenzimmer, im Eßzimmer – überall werden die Betten mit weißen Spitzentüchern zugedeckt, die Waschschüsseln umgestülpt, die Vasen mit den welken Astern hinausgetragen. Die schwarze Tina klappert mit den Eimern, Karlomchen zählt die Wäsche, die Tür zum Lesezimmer ist wieder geschlossen.
Als letzter fuhr Onkel Oscha. Aurel und Adda durften bis zur Flachsweiche mitfahren. Wieder stand alles winkend auf der Veranda, bis die Kalesche von der Allee auf die Landstraße einbog. Aber hier, beim Krug, ließ Onkel Oscha halten. Er ging mit den Kindern in den Kramladen. Wie es hier in der Bude nach Wagenschmiere, nach Heringen, Teer, Juchtenleder, Lakritzen und Wasserstiefeln roch! Mit zwei spitzen Tüten Karamelbonbons kamen sie wieder heraus.
„Warum kannst du nicht länger hierbleiben?“ fragte Aurel verzweifelt, als die Schimmel bei der Flachsweiche hielten.
„Weil ich noch viele andere Ohren untersuchen muß!“
Die Pferde zogen an, Onkel Oschas weißer Staubmantel beugte sich noch lange aus der halbaufgeschlagenen Kalesche heraus, dann war er hinter der dicken Staubwolke verschwunden. Die Kinder standen allein auf der Landstraße, die Bonbontüten in den Händen. Sie setzten sich am Grabenrand neben einen Weidenstumpf und fingen an zu lutschen. Die bunten klebrigen Papierchen werden in die Taschen gesteckt, die Finger abgeleckt, alles ist süß und klebrig. Eine Dreschmaschine summt irgendwo, und auf dem Heuschlag am kleinen Fluß stelzen drei Störche. Wenn sie ein Stückchen auffliegen, hängen die langen roten Beine so komisch in die Luft.
Aurel wendet den Kopf und erschrickt: da kommt auf der Landstraße der „verrückte“ Schweinehüter mit seinen Schweinen gerade auf sie zu. Dieser Schweinehüter ist ein Idiot, der immer mit sich selbst redet und lallend mit einem Stock hinter den Schweinen hertorkelt. Er hat einen zerrissenen, schwappenden Strohhut, zerlumpte Hosen, ein unheimliches, bärtiges Gesicht mit immer offenem Mund und verblödeten Augen.
Die Kinder sind aufgesprungen, halten sich an den Händen und rennen, was sie können. Aber jetzt fängt auch der Verrückte an zu laufen, mit geschwungenem Stock und weißem Schaum vor dem Munde – Aurel sieht es ganz deutlich, als er sich umwendet –, und alle Schweine galoppieren hinter ihm her. Bis nach Hause ist es noch weit, Adda kann nicht schnell laufen, und der Verrückte kommt immer näher. Aber da ist die Flachsweiche mit dem hohen Schilf und den dichten Weidenbüschen.
Aurel klettert über den Graben, zieht Adda nach, und beide verkriechen sich in dem grünen Dickicht. Am ganzen Leibe zitternd, hören sie den Verrückten lallend vorbeistolpern, das Grunzen und Quieken der Schweine. Noch lange hocken sie da versteckt. Aurel zieht einen Kalmusstengel aus der moorigen Erde, schält das rote Ende ab und riecht am weißen Mark: wie geheimnisvoll das duftet! Und genau so merkwürdig schmeckt auch der dikke, kühle Stengel, wenn man daran knabbert. Dann bricht er einen braunen Schilfkolben ab, der sich wie Samt anfühlt, und einen für Adda, und beide wandern Hand in Hand über die kahlen Stoppelfelder heimwärts.
Die Tage werden immer kürzer, in den Nächten friert es schon. Janz muß wieder die Öfen heizen. Aber mittags scheint noch die Sonne warm auf die Veranda, die Mutter sitzt auf dem rotweiß gestreiften Ecksofa, den weißen Schal um die schmalen Schultern, und stopft. Der Ahorn am Eingang zur Allee ist blutrot. Und die Laubgardine vor dem Wirtschaftsweg wird immer gelber und dünner.
Einmal, vor dem Mittagessen, nahm die Mutter Aurel mit zur Windmühle. Karlomchen trug einen großen Korb Verbandzeug, Watte, Wachssalbe und Baldrian. Mit Wachssalbe und Baldrian wurde alles kuriert, und das half immer. Aber diesmal war es etwas Ernsteres: die kleine Christin vom Müller hatte sich mit kochender Milch das Bein verbrüht. Wie dunkel und stickig war es in der armseligen Stube, überall hockten Kinder in Lumpen herum, starrten mit stumpfer Freudlosigkeit zu den Fremden auf. Und auf dem einzigen Bett lag etwas unsäglich Jämmerliches und wimmerte vor sich hin. Wieder wurden die Hände geküßt, Aurel hielt sie krampfhaft hinter dem Rücken versteckt, aber es half ihm nicht, und wieder fühlte er etwas widerlich Feuchtes und Kaltes auf seiner Haut.
Auf dem Heimweg fragte Aurel die Mutter:
„Haben sie nur ein Zimmer und nur ein Bett?“
„Ja, der Müller ist arm“, seufzte die Mutter und blieb erschöpft auf der Anhöhe stehen.
Eine dunkle Erinnerung stieg in Aurel auf: alle diese Äcker, Heuschläge und Wälder – gehörte nicht alles dem Vater?
„Und warum ist der eine arm und der andere reich?“ forschte Aurel weiter.
„Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat“, meinte die Mutter und nahm den Jungen an der Hand. „Aber im Himmel werden wir alle gleich sein!“
Warum erst im Himmel? grübelte Aurel. Und warum hat Gott es so eingerichtet, wenn er wirklich allmächtig ist? Und der Vater? Warum baut er nicht einfach ein paar Zimmer und noch ein paar Betten für den armen Müller – er hat doch so viel Bäume im Wald?
Aber dann öffnete sich wieder die Gartenpforte, die tief herunterhängenden, schwerbeladenen Apfelzweige nahmen ihn schützend auf, und alle unbeantworteten Fragen blieben hinter dem grauen Bretterzaun zurück.
Viel wichtigere Fragen stürmten jetzt auf ihn ein: ob im Grase unter dem alten Birnbaum wieder die gelben, kleinen Birnen liegen, die ein wenig holzig, aber doch gut schmecken, besonders wenn man sie in der Bratröhre schmoren läßt, bis sie ganz weich und faltig werden.
Manchmal fallen sie auch in den dichten Johannisbeerbusch, und man muß tief hineinkriechen, um sie zu finden. Und wenn der Baum von selbst nichts hergeben will, klettern die großen Brüder hinauf und schütteln: dann prasselt es von den Zweigen.
Mit dumpfem Aufschlag fällt hier und dort ein reifer Apfel auf den Erdboden. Man muß nur aufpassen, die richtigen Bäume und Verstecke kennen, wo sie am liebsten hinplumpsen: die Stachelbeersträucher, das Klettendikkicht, ja, manchmal rollen sie sogar bis zu den Erdbeerrabatten hinunter. Die rosa gemaserten Birnäpfel werden in den Frostnächten schon klar und durchsichtig, und wenn man sie gegen das Licht hält, sieht man die schwarzen Kerne wie hinter Glas. Aber die bekommt die Mutter. Und wenn einer besonders schön ist, muß Aurel ihn dem Vater bringen.
Der Vater beißt unbekümmert hinein und liest dabei die Zeitung.
„Sieh doch, wie durchsichtig …“
Aber dann ist nichts mehr zu sehen: nur der Stengel und das abgenagte Kerngehäuse – der Vater wirft sie über das Geländer der Veranda, ohne aufzublicken. Und greift wieder nach der Pfeife.
Grischa, der Apfelrusse, ist nun auch gekommen, hat im neuen Garten, zwischen den jungen Obstbäumen, ein richtiges Indianerzelt aus dicken Strohmatten aufgeschlagen, in dem er das Fallobst aufsammelt und am Tage, eingewickelt in einen Schafspelz, schläft. Denn nachts muß er wachen. Dann wandert er ruhelos zwischen den beiden Gärten hin und her, horcht, ob irgendwo der Zaun verdächtig knackt, irgendein Baum sich plötzlich zu schütteln anfängt. Einmal hat er sogar einen Apfeldieb, einen kleinen Burschen, gefangen. Er heulte und wurde zum Verwalterhaus geführt. Hier sollte er gezüchtigt werden. Aber die Mutter bat für ihn, und nun sollte er sich bei ihr bedanken. Heulend stand der Junge da, mit blanken Füßen vor der Veranda.
„Wenn du Äpfel haben willst“, sagte die Mutter, „dann brauchst du sie nicht zu stehlen!“
Und Karlomchen mußte ihm einen vollen Korb geben, den er kaum tragen konnte.
„Ob du ihm so das Stehlen abgewöhnen wirst?“ lachte der Vater.
„Sicher!“ meinte die Mutter zuversichtlich. „Wenn er Äpfel bekommt, wozu soll er sie dann noch stehlen?“
„Und wenn sich zwanzig Apfeldiebe fangen lassen?“
„Mein Gott, wir haben so viel Fallobst, das sonst verfault!“ seufzte die Mutter.
Aber jetzt, mittags, schnarcht der Apfelrusse in seiner dunklen Höhle.
Wenn man sich bückt und hineinschaut, kann man seine faltigen Stiefel und die plumpen fettigen Pumphosen sehen. Einmal, als Grischa ihm einen roten Apfel hinhielt, war Aurel sogar zu ihm hineingekrochen. Wie es da drin nach Äpfeln, Stroh, Zwiebeln und Schafsfell roch! Aber kein Wort konnte er verstehen, was der bärtige Russe mit den gelben Zähnen sagte, und so war er schnell mit dem roten Apfel wieder davongerannt.
Das nächste Mal behielt er den sonderbaren Klang der fremden Worte im Ohr:
„Jabloko, chotschesch Jabloko?“ hatte der Russe gefragt, als er ihm den Apfel hinhielt. Und dann verstand Aurel: „Jabloko“ heißt Apfel. Komisch. Wenn Janz oder Indrik „Abol“ für Apfel sagten, so war das kein großer Unterschied. Aber Jabloko – wie konnte ein gewöhnlicher Apfel einen so verrückten Namen haben? Oder waren die russischen Äpfel anders? Und die Russen selbst – sind das überhaupt richtige Menschen? Mit solchen komischen Hosen, die wie Säcke um die Knie fallen, und einem Pelz mitten im Sommer?
Einmal hatte Onkel Oscha gesagt: „Ich möchte so lange leben, bis der letzte Russe hinter Kamtschatka ersäuft!“ Ob dies der letzte Russe war? Und warum sollte er hinter Kamtschatka ersaufen? Das war wohl noch weiter als die Flachsweiche. Nein, der Apfelrusse soll lieber lebenbleiben, dann kann Onkel Oscha niemals sterben.
„Warum kann Grischa nicht richtig sprechen?“ fragte einmal Aurel die Mutter.
„Grischa spricht richtig, aber er spricht Russisch!“ sagte die Mutter, nahm einen Apfel aus dem großen Korb, der vor ihr stand, und schälte ihn. Sie saßen alle auf der Gartenveranda: die Mutter, Karlomchen, die schwarze Tina, Karlin, die alte Minna, und schälten Äpfel.
„Und warum spricht er Russisch?“ erkundigte sich Aurel weiter. „Wenn ihn doch niemand versteht?“
„Die Russen verstehen ihn schon“, lachte die Mutter, „und in Rußland wird man dich wieder nicht verstehen!“
Russen? Er war also doch nicht der letzte, stellte Aurel erleichtert fest: Onkel Oscha wird lange leben!
„Gibt es viele Russen?“ forschte er nach einer Weile, um ganz sicher zu sein.
„Viele, viele Millionen“, seufzte die Mutter und warf den geschälten Apfel in eine braune Tonschüssel.
„Und alle sprechen Russisch?“
„Ja, das tun sie, und du wirst auch einmal Russisch lernen!“ Die Mutter griff nach einem neuen Apfel.
„Warum?“
„Weil wir zu Rußland gehören“, sagte die Mutter nachdenklich und drehte den Apfel. In einer dünnen, langen Spirale hing die Schale über ihren Knien in die Luft.
„Und warum sprechen wir dann nicht Russisch?“
Die Mutter hielt im Schälen inne, blickte auf, und ihre Augen bekamen ein besonderes Leuchten. Dann sagte sie ernst und bestimmt:
„Weil wir Deutsche sind!“
Aber Aurel war damit noch nicht beruhigt; die Mutter mußte ihm ausführlich erzählen, wie einmal die Deutschen, richtige Ritter in blitzenden Rüstungen und mit Schwertern, das heidnische Land erobert, Letten, Liven und Esten zum Christentum bekehrt hatten und dann später von den Russen besiegt wurden; wie der General, dessen Bild im Lesezimmer hängt, so tapfer gegen die Russen kämpfte, daß Peter der Große ihn in seine Dienste nahm und ihm für alle seine Nachkommen versprach, daß sie die deutsche Sprache und den deutschen Glauben behalten sollten.
„Und darum sind wir deutsch und sprechen Deutsch!“ schloß die Mutter und schälte weiter.
Aber Aurel grübelte noch lange, und als er in seinem Gitterbett lag und die Mutter ihm nach dem Abendgebet den Gutenachtkuß gab, hielt er ihre Hand fest und fragte:
„Warum sprechen die Menschen so viele verschiedene Sprachen, und warum kämpfen sie?“
„Weil sie die Himmelssprache vergessen haben“, sagte die Mutter und hob langsam den Kopf, „einmal sprachen alle die Himmelssprache, aber dann bauten die Menschen einen hohen Turm, und jedes Volk wollte höher sein als das andere. Da vergaßen sie Gottes Wort, und nun versteht kein Volk das andere! Aber einmal –“, und die Hand der Mutter strich leise über das Haar des Jungen, „einmal werden alle wieder die Himmelssprache sprechen!“
„Auch Grischa?“
„Auch Grischa. Aber wir selbst müssen sie auch lernen!“
Aurel schlief beruhigt ein.
Aber dann kam ein Abend, den Aurel nie vergaß und der sich tief in sein Herz brannte.
Es war schon dunkel, als der Vater mit den großen Brüdern von der Jagd heimkehrte. Mickel blies auf dem Horn, draußen vor der Veranda, wo die Brettdroschke hielt. Die Brüder kamen aufgeregt ins Haus gelaufen, und dann rannte alles zum Eiskeller, die schwarze Tina, Karlin, Fömarie, und Aurel rannte mit. Fömarie war so erregt, daß sie ganz vergaß, Watte in die Ohren zu stopfen.
Und hier, auf dem kurzen, flachgetrampelten Kamillengrase, lag ein riesiges Tier ausgestreckt, so groß, wie Aurel noch nie eins gesehen hatte. Indrik hielt die Stallaterne in der Hand, und der gelbe Schein wanderte über einen mächtigen Rücken, über ein dunkelbraunes Fell, lange, schmale weiße Beine und einen gewaltigen merkwürdigen Kopf, mit gebogener Rammsnase, großen Ohren und spitzen Hörnern.
Mickel, der Buschwächter, hockte auf dem Tier und erzählte aufgeregt, wie und wo der Elch gelaufen war und wie der Vater ihn geschossen hatte. Er tastete mit den blutigen Händen das Fell ab, bohrte den Zeigefinger tief in ein schwarzes Loch, hob den schweren Kopf am Geweih, ließ ihn dumpf auf den Erdboden fallen, öffnete das riesige Maul, zerrte an der blauroten Zunge und zeigte die gelben Zähne. Und Waldi, Sagrei und Schamyl, die Jagdhunde, schnüffelten mit wedelnden Schwänzen und hängenden Zungen am toten Tier.
In dieser Nacht hatte Aurel einen furchtbaren Traum. Aus der Allee kam ein riesiger Elch gelaufen, so groß, daß er mit dem Geweih an die Äste des Ahorns stieß. Aber er lief nicht auf dem Weg um den runden Rasenplatz, sondern geradeaus über das Gras auf das Haus los. Er lief und lief, mit gesenkten Hörnern, und seine kleinen schwarzen Augen starrten mit bösem Blick auf Aurel, der vor der Veranda stand. Aurel wollte ins Haus laufen, aber er konnte sich nicht rühren, nicht einmal den Kopf zur Seite wenden, und der Elch kam immer näher. Schon hörte er ihn schnaufen, schon sah er seine großen gelben Zähne.
Aber dann war es plötzlich Grischa, der Apfelrusse, der über den Rasenplatz auf ihn zuging, und auch Grischa war so groß, daß er mit seiner Fellmütze an die Zweige des Ahorns stieß. Und sein Schafspelz verdeckte die ganze Allee, seine Pumphosen waren so breit wie der Platz, und seine faltigen Wasserstiefel zerstampften den Rasen. In der Hand hielt er aber einen roten Apfel, und er lachte mit seinen gelben Zähnen und fragte: „Jabloko, chotschesch Jabloko?“
Jetzt aber war es der Verrückte, der über den Rasen kam, mit seinem schwappenden, flachen Strohhut, den zerlumpten Hosen. Lallend schwang er seinen Stock, starrte mit bösem, verblödetem Blick auf Aurel und lief auf ihn zu. Und von allen Seiten kamen grunzende Schweine angerannt, wühlten den Rasenplatz mit ihren Rüsseln auf und zertrampelten das Gras. Aber plötzlich waren alle Schweine Wölfe geworden, mit aufgerissenen Rachen und hungrigen Augen. Auch der Verrückte trug ein Wolfsfell, und als er seinen Mund öffnete und seine blaurote Zunge und die gelben Zähne zeigte, war sein Maul so groß wie der Rachen des Elches.
Und jetzt wußte Aurel: es war der Wolfsmensch, der über den Rasenplatz auf ihn zukam, der Wolfsmensch, der Mila geholt hatte und der nun auch ihn fressen wollte. Und der Wolfsmensch und die heulenden Wölfe kamen immer näher – schon spürte Aurel ihren schnaufenden Atem im Gesicht …
Mit einem Schrei wachte der Junge auf. Minka, die Katze, saß schnurrend auf seiner Brust. Er zitterte am ganzen Körper und konnte sich nicht beruhigen.
„Warum träumst du so verrücktes Zeugs“, schalt ihn Fömarie, steckte sich Watte in die Ohren und drehte sich auf die andere Seite.
Aber Aurel lag noch lange wach, preßte die Katze an sein hämmerndes Herz und starrte mit kaltem Entsetzen in die unbarmherzige Finsternis. Endlich schlief er ein.
Der Schattenbaum
Die Linden werden kahl, der Wind fegt durch die Allee, manchmal wirbelt schon etwas Weißes in der Luft. Die Oleander stehen wieder im Saal vor den zur Seite gerafften Fenstergardinen; in den Kachelöfen knallen die Birkenscheite, und zwischen den Doppelfenstern liegen bunte Strohblumen auf weißem Moospolster. Und Fömarie trägt dicke, grauwollene Unterwäsche.
Aurel weiß das ganz genau. Wenn Fömarie am Morgen aufsteht, kommt sie jedesmal an sein Bett. Dann hat er die Augen geschlossen. Wenn sie sich aber wäscht und anzieht, schielt er heimlich zwischen den Gitterstäben zu ihr hinüber. Und da sieht er merkwürdige Dinge: Haare unter den Armen und komische Hängesäcke an der Brust. Dann stopft sie alles in graue Wolle, schnallt sich einen Panzer mit Eisenstangen herum (Aurel hat ihn einmal, als er auf dem Stuhl lag, genau untersucht) und stülpt sich die vielen Röcke über den Kopf. Welch ein Glück, daß man ein Junge ist.
Und dann, an einem grauen Regentag, kommt Schlunski. Sein gelber Klepper mit dem vollgepackten, von einem Schutzleder überzogenen Wägelchen hält vor der Küchentür, und in der Backstube auf der Mehltruhe breitet er seine Schätze aus: geblümte Kattunballen, rote Sacktücher, Haarspangen, glitzernde Broschen, funkelnde Diamantringe, Mundharmonikas und viel bunte Glasperlen.
Die schwarze Tina, Karlin, Liese, die alte Minna, Janz, der aufgeregte Mickel, Marz, Rosalia vom Viehstall, alle Mädchen vom Hof, ja sogar Trulla, die dicke Verwaltersfrau, drängen sich in der Backstube, kichern, schwatzen und feilschen. Und Schlunski, mit seinen ausgefransten Peissacken, dem dicken schwarzen Kaftan und dem komischen Mützchen auf dem Kopf, steht wie ein König da und verteilt seine Reichtümer. Ja, er schenkt wirklich Aurel eine kleine Mundharmonika, und Adda bekommt bunte Glasperlen, und beide sind so glücklich, daß sie wortlos dastehen und den fremden Mann wie den lieben Gott anstaunen.
Auch später, als der liebe Gott in der Gesindestube zu Mittag ißt, sehen sie ihm heimlich zu. Es gibt Klöße mit Heidelbeersoße. Und als Schlunski gegessen hat, wischt er sich schmatzend den Mund und sagt laut:
„Klümpchen mit Schwarzbeeren schmecken gut!“
Aurel läuft ins Speisezimmer, wo die Großen noch am Tisch sitzen, und verkündet laut:
„Klümpchen mit Schwarzbeeren schmecken gut!“
Adda rennt aufgeregt hinter ihm her und wiederholt immer wieder:
„Klümpchen mit Schwarzbeeren schmecken gut!“
Bis Fömarie es verbietet. Jetzt können sie es nur heimlich ganz leise sagen, aber gerade dadurch bekommen diese Worte einen besonderen Reiz, und jedesmal, wenn es seitdem Klöße mit Heidelbeeren gibt, stoßen sich die Kinder unter dem Tisch an und flüstern:
„Klümpchen mit Schwarzbeeren schmecken gut!“
Aber noch besser schmecken die heißen, frischgebackenen Pfefferkuchen, die Marzipanplätzchen, Eierbiskuits und Schmantbonbons, die an den Zähnen so kleben. Immer gibt Karlomchen etwas zum Probieren, den ganzen Tag wird in der Backstube geknetet, der Teig auf einem Brett flachgerollt, werden lange schwarze Pfannen in den glühenden Ofen hinein- und herausgeschoben. Aurel und Adda dürfen das Brett mit Mehl bestreuen und den Pfefferkuchenteig mit Blechformen ausstechen: aus der toten braunen Masse entstehen Hasen, Hähne, galoppierende Pferdchen, Sterne und Herzen. Und auf jedes Herz wird in der Mitte eine weiße Mandel gedrückt.
„Warum?“ fragt Aurel.
„Weil es so hübscher aussieht“, sagt Karlomchen und rollt einen neuen Teigklumpen aus.
„Und warum bekommen die Hasen keine Mandel?“ fragt Aurel vorwurfsvoll.
„Papperlapapp“, sagt Karlomchen und wendet den Teig, „lirumlarum Löffelstiel, kleine Kinder fragen viel, fragen dies und fragen das: warum ist der Regen naß? Warum …“
Und schon stürzt sie zur Ofenklappe und zieht mit einem eisernen Haken die Pfanne heraus. Das ganze Haus duftet nach Pfefferkuchen, nach Honig, nach Sirup, Marzipan und Safran.
Und wenn es dunkel wird, sitzt alles im Saal am großen runden Tisch um die weiße Petroleumlampe: dann werden Walnüsse und Tannenzapfen vergoldet, bunte Kugeln, glitzernde Pappengel, Sterne, winzige Silbertrompeten ausgepackt und Ketten aus Goldpapier geschnitten und geklebt. Auch die großen Brüder arbeiten mit, wenn sie auch merken lassen, daß sie eigentlich viel zu groß dafür sind – aber die Pfeffernüsse, die Karlomchen auf den Tisch gestellt hat, verschmähen sie doch nicht.
Dann und wann kommt auch der Vater aus dem Lesezimmer, schaut zu, pafft dicke Rauchwolken über den Tisch und sagt plötzlich:
„Eine Motte!“
Die Mutter, Karlomchen, Fömarie, die Kinder – alles springt auf, alles klatscht mit den Händen wild in der Luft herum:
„Mein Gott – die Lampe – wo? Wer hat sie?“
Aber die Motte und der Vater sind ebenso plötzlich wieder verschwunden.
Und dann kommt der Tag, an dem der Vater mit den großen Brüdern in den Wald geht, um den Weihnachtsbaum zu holen. Den ganzen Nachmittag hocken Aurel und Adda auf dem Fensterbrett im Spielzimmer und drücken die Nasen an der Glasscheibe platt. Draußen ist alles weiß, und immer neue weiße Flocken fallen groß und dicht vom Himmel herunter. Den kahlen schwarzen Ahorn kann man kaum noch erkennen.
Endlich tauchen vermummte Schneemänner in der milchigen Dämmerung auf, der Vater, die Brüder – und hinter ihnen wandert, lang ausgestreckt auf vier Beinen, dunkel, mit schaukelnden Ästen, ein mächtiger Baum. Beide Flügel der Haustür werden aufgerissen, Mickel und Janz zerren, ziehen und stoßen, ein eisiger Wind weht in den Flur – „Kinder, es zieht!“ jammert Fömarie –, und das schwankende Ungetüm rauscht in den Saal. Es riecht nach Tannennadeln, Harz und Rinde. Dann steht der Baum da. Von den Ästen tropft es, Eisklumpen fallen klirrend auf den Fußboden. Es ist, als wäre der ganze dunkle Wald in das Haus eingebrochen.
Am nächsten Tag wird geschmückt: die goldenen Walnüsse und Tannenzapfen, die bunten Kugeln, die Ketten, Sterne, Kerzen und das silberne Christkindleinshaar werden aufgehängt – die großen Brüder müssen auf der Trittleiter hinaufsteigen –, und zuletzt hängt die Mutter den rosigen Wachsengel auf, der ein weißes Seidenfähnchen in der Hand hält, auf dem in Goldbuchstaben geschrieben steht: „Friede auf Erden!“
Dann werden die Türen geschlossen, und keiner darf in den Saal. Drinnen werden Tische gerückt, wird geflüstert, raschelt Packpapier, Karlomchen rennt hin und her, große, in weiße Tücher gehüllte Geheimnisse schweben durch die Dämmerung. Die Kinder müssen sich warm anziehen und werden in die Schlitten verpackt. Aurel und Adda dürfen vorne mit dem Vater fahren, die Mutter – Karlin bringt noch schnell eine Wärmflasche für die Füße – und Fömarie folgen mit Marz; die großen Brüder kutschieren sich selbst. Karlomchen und Herr Ackermann bleiben zu Hause.
In der Kirche ist es eiskalt. Der Atem steigt wie Dampf aus den Mündern. Man muß mit den Füßen hin und her treten, damit die Zehen nicht erfrieren. Der Pastor steht in einem langen schwarzen Nachthemd zwischen zwei brennenden Weihnachtsbäumen – warum zieht er sich nicht wärmer an? Und dann poltert, quiekt und dudelt es hoch oben in der Luft – aber man kann den großen Leierkasten gar nicht sehen. Und alles fängt an zu singen. Wieder laufen die Eiskugeln über den Rücken, wieder steigt es heiß in die Augen auf, die Lichterbäume fangen an zu schwimmen, aber Aurel starrt immer auf das schwarze Nachthemd, es ist so breit und groß: vielleicht hat er darunter einen Pelz an? Dann schielt er zum Vater hinüber. Der sitzt so ernst und feierlich da, die rote Fuchsfellmütze in der Hand – nein, lachen wird er nicht.




