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Ein Mann mit einem langen Stock, an dem ein Schmetterlingsnetz hängt, geht von Reihe zu Reihe, und jeder wirft etwas hinein. Die Mutter drückt Aurel ein silbernes Zehnkopekenstück in die Hand, und er wirft es in den Beutel. Endlich kann man nach Hause fahren. Es ist schon dunkel, an jedem Schlitten brennt eine Laterne. Dickverschneite Tannenzweige tauchen im Lichtschein auf und verschwinden wieder in der Finsternis. Die Schellen klimpern.
Zu Hause gibt es heiße Schokolade mit Schmantschaum und gelbes, noch ganz feuchtwarmes Safranbrot mit Rosinen und Mandeln.
Dann werden die Kinder im Lesezimmer eingesperrt. Hier ist es ganz dunkel. Nur die Ritze unter der Tür wird immer heller, und als es zum dritten Mal klingelt, geht sie auf. Aber es blendet so, daß man zuerst gar nichts sehen kann. Endlich hat jeder seinen Tisch gefunden, benommen steht man davor, betastet die vielen Sachen, stopft sich etwas Süßes in den Mund und besieht sich mit scheinbarem Interesse auch die Geschenke der anderen, damit diese den eigenen Tisch bewundern.
Dann geht alles in den Großen Korridor hinauf, wo der Leutebaum brennt, die Mägde und Knechtskinder mit buntem Kattun, Wollsocken, Fausthandschuhen, Pfeffernüssen und Knallbonbons beschert werden. Indrik, der Gärtner, taktiert, ein schriller, klagender Gesang heult durch das Haus. Dann drängt sich alles zum Händeküssen, aber Aurel läuft schnell vorher hinunter.
Noch flackern die Wachskerzen, aber hier und dort ist eine schon heruntergebrannt, man muß den Stummel auspusten. Der Vater bläst mit dem Pfeifenrohr die Lichter oben an der Spitze aus. Manchmal knistert ein kleiner Ast, und es riecht dann so gut nach den angebrannten Nadeln. Immer dunkler werden die Schatten der Tannenzweige an den Wänden und oben an der Decke. Zuletzt brennt nur noch eine Kerze tief verborgen am Stamm – „das ist Schwesterchens Licht“, sagt die Mutter leise, „jetzt ist sie bei uns, und jetzt wollen wir an sie denken.“
Alle müssen schweigen, es ist so still, daß man das Flackern der unsichtbaren kleinen Flamme hört. Aurel blickt zur Decke hinauf, die schon fast ganz von schwarzen Astschatten verdunkelt ist, nur hier und dort schimmert ein schwacher Lichtschein durch. Es ist, als wüchse oben der Schattenbaum immer dichter und dunkler zusammen, als kämpfe das kleine Licht gegen die große Finsternis. Und dann erlischt es.
Karlomchen zündet die Lampe an.
Der Vater ist aufgestanden, klopft an das Barometer und sagt:
„Es klärt sich auf, morgen fahren wir auf die Hasenjagd!“
„Aber ich bitte dich“, sagt die Mutter, „morgen kommen doch die Koiküllschen Cousinen zu Mittag!“
„Um so besser“, meint der Vater schmunzelnd, „ich habe sie nicht eingeladen!“
„Aber ich mußte es doch tun“, seufzt die Mutter, „und dann hat man ein Jahr wieder Ruhe!“
Diese Koiküllschen Cousinen sind immer zu Weihnachten fällig, und wenn sie fort fahren, hat die Mutter Kopfschmerzen und muß sich ins Bett legen.
„Nein“, stöhnt sie dann und preßt ein Taschentuch mit Eau de Cologne an die Schläfe, „wenn man sich mit Ameli unterhält, dann denkt man: Adele ist doch klüger; und wenn man mit Adele spricht: Nein, Ameli ist doch klüger!“
„Sind beide so klug?“ fragt Aurel verwundert.
„Nein, klug sind sie nicht“, seufzt die Mutter.
Und wirklich: der Vater mit den großen Brüdern fährt auf die Jagd, und die Koiküllschen Cousinen kommen. Natürlich schon eine Stunde vor dem Mittagessen, aber es dauert lange, bis sie sich im Vorzimmer aus den Pelzpelerinen, den vielen Unterjacken, Schals, Seelenwärmern und Mantillen herauswickeln, die dicken Filzschuhe ausziehen, die hohen Frisuren zurechtmachen und die feuchten, erfrorenen roten Nasenspitzen abwischen. Aber die grauen Pulswärmer behalten sie an, trotzdem haben sie immer kalte und rauhe Hände. Aurel küßt sie ungern, und die großen Brüder küssen dann immer den eigenen Daumen.
„Bist du aber gewachsen“, sagt Ameli. Und Adele bückt sich und hält die Hand ganz tief über den Fußboden: „So klein warst du – da habe ich dich schon gesehen!“
Dann stehen beide vor dem Weihnachtsbaum, falten die Hände und machen einen schiefen Kopf.
„Nein, habt ihr einen wonnigen Baum“, sagt Ameli, „und was für einen wonnigen Engel!“
„Einen solchen Baum können wir uns nicht leisten“, seufzt Adele, „aber wir haben ja auch keine Kinder!“
Als man sich zu Tisch setzt, sagt die Mutter entschuldigend: „Onkel ist mit den Jungen auf der Jagd – da kann er sich leicht verspäten!“
„So, auch am Feiertag auf der Jagd?“ sagt Ameli spitz.
Adele schüttelt die Frisur:
„Und bei der Kälte mit den Kindern – ist das nicht der reine Leichtsinn?“
Nach dem Essen sitzt man im Saal. Karlomchen, Fömarie, Herr Ackermann – alle versuchen abwechselnd der Mutter beizustehen, aber die Unterhaltung kommt nicht in Gang.
„Ich fürchte, es wird schon dunkel“, sagt endlich die Mutter, „ihr habt einen weiten Weg!“
„Wir haben eine Laterne!“ sagt Ameli unerschüttert, „wir wollen doch Onkel begrüßen!“
Aber der Vater erscheint nicht. Er ist schon längst nach Hause gekommen – Aurel hat die Schlitten gehört –, und auch die großen Brüder haben sich verkrochen und kommen nicht herunter.
Endlich meldet die schwarze Tina: der Kutscher sei vorgefahren.
„Unser Kutscher?“ fragt Adele überrascht.
„Wahrscheinlich hat er die Pferde schon angespannt“, meint die Mutter, „und jetzt frieren sie!“
„Die armen Kinder, hoffentlich ist ihnen nichts zugestoßen“, seufzt Ameli besorgt. „Kann man denn auch im Dunkeln Hasen schießen?“
Als die Koiküllschen Cousinen fort sind, öffnet sich die Lesezimmertür. Der Vater steht schmunzelnd auf der Schwelle, die lange Pfeife in der Hand.
„Bist du denn schon zu Hause?“ fragt die Mutter verwundert. „Schade, jetzt sind sie fort!“
„Weil ich die Pferde anspannen ließ!“ lacht der Vater und schließt wieder die Tür.
Auch der Pastor kommt mit der Pastorin; er hat jetzt kein schwarzes Nachthemd an, und sie trägt ein blaues Samtkleid mit weißem Spitzenkragen. Aber dafür hat er eine schwarze Halsbinde, und manchmal gucken die Enden hinten am Nacken heraus. Seine Augen sind hinter der Brille tief in den Kopf gesunken, und niemals lacht er.
Ganz anders ist Doktor Martinell, mit der goldenen Kette über dem weißen Bauch. Immer tänzelt er, die langen Bratenrockschöße flattern um ihn herum, immer ist er begeistert, immer greift er beide Hände der Mutter und küßt alle beide. Und dann sagt er:
„Wie schön Sie wieder sind, zum Verlieben!“
„Doktorchen, warum heiraten Sie nicht?“ lacht die Mutter.
„Weil Sie schon verheiratet sind!“ sagt der Doktor und spreizt die Hand auf seinem weißen Bauch.
„Gibt es denn sonst niemand?“ fragt die Mutter.
„Niemand!“ seufzt der Doktor.
Und dann kommt immer zu Weihnachten der alte Mojahnsche mit Tante Melanie. Der alte Mojahnsche hat einen Stock mit weißem Elfenbeingriff und einem Gummiende, auf den er sich stützt, weil er ein steifes Bein hat. Außerdem hat er dicke Haarbüschel in den Ohren und Nasenlöchern, und wenn er von draußen kommt, hängt ein Tropfen dran. Immer poltert er, immer ist er unzufrieden.
„Diese Petersburger Affen“, sagte er, „jetzt wollen sie sogar ihre russische Zeit bei uns einführen!“
Aurel versteht das nicht: russische Zeit? Haben die Russen nicht nur eine eigene Sprache – auch eine eigene Zeit? Uhren, die ganz anders gehen? Und eine Sonne, die anders läuft?
Aber die große englische Standuhr im Saal läuft nicht, und wenn Aurel der blanken Perpendikelscheibe einen Schubs gibt, schwingt sie ein wenig, bleibt aber gleich wieder stehen. Die Zeit steht still. Das Jahr dreht sich langsam in der Runde, aber der Zeiger rückt nicht vorwärts. Die vielen Weihnachten fließen zu einem Weihnachten, die vielen Sommer zu einem Sommer zusammen. Das Leben ist ein großes kreisendes Jahr, ohne Anfang und ohne Ende.
Und in jedem Jahr wächst Aurel ein Stückchen, aber das ist so wenig, daß er es gar nicht merken würde, wenn er sich nicht an jedem ersten Januar mit den Brüdern am Türpfosten im Spielzimmer aufstellen müßte. Ganz gerade muß er stehen, auf Socken, der Vater hält ein Lineal oben auf den Kopf und schneidet mit dem Messer eine Ritze ins Holz. Zuletzt wird auch Adda gemessen. Sie stellt sich auf die Fußspitzen und reckt die Nase. Aber sie bleibt doch die Kleinste.
Aurel sitzt wieder oft an den langen Winterabenden oben in „Afrika“, bei Herrn Ackermann. Er zeichnet viele Weihnachtsbäume, mit Kerzen und Kugeln, und Herr Ackermann spielt ihm auf der Mundharmonika vor, die Schlunski ihm geschenkt hat. Aber dann muß er wieder husten, es ist ein hartes, bellendes Husten, der ganze Körper wirft sich hin und her. Karlomchen bringt heißen Himbeertee, er soll sich ins Bett legen.
„Unsinn“, sagt Herr Ackermann, „wenn jetzt die Sonne wieder scheint, bin ich gesund!“
Das neue Jahr hat angefangen, die Sonne wächst, und auch Aurel ist wieder ein kleines Stück gewachsen. Aber noch ist es Winter, und dann kommt eine Nacht, die kein Ende hat, eine dunkle Ewigkeit, in der er wach liegt, aber es ist kein richtiges Wachsein, es ist wie ein Schlafen mit offenen Augen.
Da wandert wieder ein blaues Licht, ein Schattenbuckel unruhig an den Wänden; Karlomchens Gesicht, vom Schein der Öllampe beleuchtet, taucht auf und verschwindet; die Mutter beugt sich über ihn, er sieht sie nicht, aber er fühlt ihre Nähe, ihre kühle Hand, die auf der brennenden Stirn liegt und die so wohltut. Aber alles ist wie hinter einem Schleier, alles ist entrückt, und auch die Stimmen und Geräusche sind gedämpft, wie hinter moosgepolsterten Doppelfenstern. Immer flüstert, immer schlurft etwas, immer knackt eine Klinke, knarrt irgendwo eine Tür.
Dann hebt sich plötzlich das Gitterbett und fängt langsam an zu fliegen: es schwankt und gleitet, schwebt durch die Tür, den Großen Korridor, die Treppe hinunter, schaukelt durch den Saal und landet in Mutters Schlafzimmer. Jetzt kann ich auch fliegen wie Karlomchen, denkt Aurel: Bin ich schon ein Engel? Aber warum ist alles so heiß und trotzdem so kalt? Es brennt im Rücken, im Hals, im Kopf, aber in dem Feuer sind kleine spitze Eisstücke, die stechen und prickeln; und für das Feuer sind die Decken viel zu dick und zu warm und für das Eis viel zu dünn und zu kalt. Jetzt fliegt Karlomchen mit der weißen Lampe zum Fenster hinaus und stellt die Lampe mit der runden Kuppel auf den Lebensbaum. Will sie auch im Garten Motten fangen? Aber die Lampe rutscht, rutscht langsam auf einen Ast, hängt in der Luft und klettert auf den nächsten Baum. Und Karlomchen ist wieder da. Gut, daß sie nicht fortgeflogen ist. Und auch die Mutter ist da, alles ist da, nur ich bin weit fort wie das Schwesterchen, als ihre Weihnachtskerze auslöschte …
Und die Nacht hat kein Ende. Es dämmert wohl, aber es wird nicht hell. Nur wenn die Tür aufgeht, fällt etwas Licht auf den Fußboden. Aber dann schließt sich die Tür gleich wieder.
Einmal öffnet sie sich, und Doktor Martinell hüpft über die Schwelle. Der Fenstervorhang schnurrt, es wird hell. Der Doktor beugt sich über das Bett, seine Goldkette klappert an den Gitterstäben. Aurels Hemd wird heruntergestreift, der Doktor klopft mit seinem kalten, harten Finger auf dem Rükken herum, dann preßt er eine schwarze Trompete an die Brust, und Aurel muß tief atmen. Was für einen speckigen roten Hals der Doktor hat, und was für komische gekräuselte Haarstoppeln! Und wie sonderbar er riecht. Dann muß Aurel den Mund auftun, Karlomchen hält ein Licht, und der Doktor drückt mit einem kleinen silbernen Löffel die Zunge herunter.
Als die Tür sich hinter dem Doktor schließt, wird alles wieder dunkel. Eine brennende Kälte, eine eisige Hitze schüttelt den Körper, und dann fängt das Feuer an zu jucken; rote kleine Punkte brechen auf der Haut hervor, winzige Maulwurfshümpel, der ganze Körper fühlt sich wie dicke Erbsensuppe an, wenn man mit dem Löffelrücken über die Kugeln rollt.
Es ist Scharlach. Bald liegt auch Adda in ihrem braunen Gitterbett neben Aurel. Der Saal wird abgesperrt, die großen Brüder dürfen nicht herunter. Fömarie gurgelt den ganzen Tag und wäscht sich mit Sublimat ab. Die Mutter schläft und wacht bei den Kindern, Karlomchen und die schwarze Tina helfen ihr bei der Pflege.
Einmal – Aurel wacht aus tiefer Bewußtlosigkeit auf – sieht er die Mutter zwischen den beiden Betten auf dem Fußboden knien, das Gesicht in die Hände vergraben. Er hört die Mutter flüstern, als spräche sie mit jemand, aber niemand ist im Zimmer, und er kann ihre Worte nicht verstehen. Dann sinkt er wieder in Schlaf.
Endlich lichtet sich das Dunkel. Gedämpfte Sonne fällt hinter einem Schirm ins Zimmer. Die roten Hümpel auf der Haut trocknen aus, blättern sich ab, es juckt noch ein wenig, aber das Feuer ist ausgebrannt, und die Eisstücke sind geschmolzen.
Aurel und Adda sitzen aufrecht im Bett, spielen mit den Puppen, mit Bauklötzchen, bauen Kaleschen. Karlomchen muß immer wieder die Geschichte vom „Großen und kleinen Klaus“, von „Plisch und Plum“ oder „Hans Hukkebein“ vorlesen, und die Mutter muß erzählen – von ihrer Mutter, und wie sie selbst noch klein war.
Nein, an ihre Mutter erinnert sie sich nicht: bald nach ihrer Geburt starb sie, mit neunundzwanzig Jahren; „und acht Kinder hatte sie: Tante Olla, Onkel Oscha, Onkel Nicolas, Tante Melanie, Tante Leocadie …“ Aber Aurel kann nie die vielen Tanten und Onkel behalten. Nur das weiß er: daß die Mutter die Jüngste war und daß sie selbst nie eine Mutter gehabt hat.
„Nie eine Mutter“, wiederholt er nachdenklich.
„Und wer hat dir dann die Haare gekämmt“, fragt Adda aus ihrem Bett, „und dich aufs rote Bänkchen gesetzt?“
„Hanninka“, sagt die Mutter, „Hanninka war unser Karlomchen!“
„Und alle Tanten und Onkel gehören dir“, fragt Aurel ganz betroffen, „und Papa ist ganz ohne?“
„Papa hat nur einen Bruder“, sagt die Mutter, „das ist Onkel Henry, und der ist in Amerika.“
„Ist Amerika weit?“
„Sehr weit, hinter einem großen Meer.“
„Und kommt er nie mehr zurück?“
„Das weiß ich nicht“, sagt die Mutter.
Dieser Onkel ist geheimnisvoll. Er ist noch rätselhafter als der Vater. Er ist so unsichtbar wie der liebe Gott. Ob er auch lange Pfeifen raucht und Hasen schießt? Und warum ist er in Amerika? Und wie ist er hingefahren? Auf einem großen Schiff? Der unsichtbare Onkel Henry, von dem man nur weiß, daß er in Amerika ist, schlägt für einige Zeit alle anderen Onkel und Tanten aus dem Felde.
Einmal steht der Vater in der Tür, auf der Schwelle, aber ins Zimmer kommt er nicht.
„Faulpelze!“ sagt er und droht mit dem Finger. „Immer noch im Bett!“ Dann schließt sich die Tür.
Bald können Aurel und Adda aufstehen. Die Beine taumeln ein wenig, in den Knien ist so ein komisches Gefühl, und der Fußboden schaukelt. Das Zimmer ist plötzlich so klein geworden, die Betten und Stühle, ja sogar die Mutter und Karlomchen sind zusammengeschrumpft; alles ist ein Stück in die Erde hineingesunken. Oder ist man selbst mit einem Ruck höher hinaufgewachsen? Die Arme und Beine sind jedenfalls viel länger geworden. Sie sind so lang, daß man gar nicht weiß, wo man sie hinlegen soll.
Und der Kopf ist für den Hals viel zu schwer geworden: er neigt sich nach rechts, nach links – wenn er nur nicht von den Schultern herunterrollt. Am besten, man kriecht wieder ins Bett. Karlomchen bringt kühles Apfelmus, und mit einem feinen säuerlichen Geschmack im Munde schläft man wieder ein.
Fast jeden Tag kommt Doktor Martinell. Einmal fragt er:
„Und wie ist der Stuhlgang?“
Aurel sieht ihn verwundert an: Stuhlgang? Kann denn ein Stuhl gehen?
Karlomchen übersetzt den medizinischen Ausdruck in die Kindersprache. Als der Doktor gegangen ist, wiederholen Aurel und Adda immer wieder dieses komische Wort. Nach dem Abendgebet muß Adda plötzlich kichern. Aurel weiß ganz genau, was sie denkt. Dann flüstern beide so leise, daß Karlomchen es nicht hören kann: „Stuhlgang!“ und sind sehr glücklich über dieses neue und seltsame Wort.
Und dann, an einem hellen Märzmorgen – der ganze Saal ist voll Sonnengeflimmer, gesprenkelter Oleanderschatten und Hyazinthenduft –, wandern beide Kinder ins Badezimmer, das neben der Backstube liegt. Hier werden sie in einem gewaltigen Holzbottich mit grüner Seife abgewaschen, und damit ist der Scharlach beendet. Die Kerze unter dem dunklen Weihnachtsbaum hat diesmal gesiegt: die schwarzen Schatten sind fortgezogen.
Aber ein flackerndes Licht nahmen sie mit.
Es war noch ganz früh, als Aurel, in seine Decke dick eingepackt, von Janz die Treppe hinuntergetragen wurde. Im Flur stand Herr Ackermann, in Vaters schwarzem Bärenpelz sah er so jämmerlich aus, als hätte ihn der Bär verschluckt. Unter der schwarzen Karakulmütze war sein Gesicht weiß wie ein Handtuch. Er hustete, und in der Hand hielt er ein Näpfchen, über das er sich dann beugte.
„Ich fahre dorthin, wo die Sonne noch wärmer ist“, sagte er keuchend und strich über Aurels Scheitel, „aber deine Sonne nehme ich mit!“
Vom Spielzimmerfenster sah dann Aurel, wie die Kibitke um den Platz fuhr. Der alte Marz kutschierte, und Doktor Martinell, der Herrn Ackermann bis zur Stadt begleitete, beugte sich winkend heraus.
Die Schellen läuteten, die Kufen knirschten auf dem gefrorenen Schnee, der nackte Ahorn schimmerte rosig in der Morgensonne.
Dann bog der schwarze Schlittenkasten in die kahle Allee und verschwand schwankend zwischen den dunklen Bäumen.
Der Wasserkringel
In den Gräben gluckert es, die Weidenkätzchen sind schon ganz silbern, im Kleinen Walde blühen bläuliche Anemonen und weiße Sternblumen; und Fömarie legt ihre Pelzpelerine in die Mottenkiste.
Dann klappert es auf dem Storchnest, Schwalben zucken durch die Luft – und mit einem Mal ist es Sommer. Immer wieder muß Janz die Trittleiter holen und mit einem Besen die Schwalbennester in der Veranda herunterkratzen. Das ist ein furchtbarer Anblick, aber die weißen Spritzer auf dem Ecksofa kann man nicht dulden. Die Mutter seufzt. Der Vater lacht: „Die Biester können doch auch woanders ihren Dreck machen!“
Einmal am Abend sitzt Janz auf dem runden Mühlstein, der als Tisch vor Mutters Lieblingsbank steht, bei der roten Klete. Seine nackten Füße baumeln in der Luft, er schnitzt mit seinem krummen Gartenmesser runde Löcher in einen Weidenast, und Aurel sieht ihm gespannt zu.
Es ist ein fingerdickes, ganz gerades Aststück mit graugrüner Rinde.
Janz legte es auf den Mühlstein zwischen seine Beine und beklopfte es mit dem schweren Messergriff.
„Warum tust du das?“ fragt Aurel.
„Damit sich die Rinde löst“, sagt Janz und lacht, „wie soll ich sonst eine Flöte machen?“
Und wirklich: langsam löst sich das weiße glatte Holz, kriecht ein Stückchen aus der Rinde hervor – Janz klopft und klopft –, und dann zieht er das ganze nackte Aststück aus der grünen Röhre.
„Man muß nur lange klopfen“, sagt er, „sonst geht die Rinde kaputt!“ Dann schnitzt er ein Mundstück, setzt am anderen Ende einen Holzpfropfen hinein – und die Flöte ist fertig. Sie klingt ein wenig schrill, und sie hat eigentlich nur zwei Töne, aber man kann auf ihr blasen, und Aurel ist sehr glücklich.
Und glücklich ist er überall, am Teich, wenn er mit dem grünen Wasserschöpfer Feuersalamander fängt und wieder losläßt, wenn er im Treppenhaus auf dem glatten Geländer herunterrutscht, im „Tschulanchen“ herumstöbert oder auf dem Spielplatz im Garten aus Lehm und Steinen ein richtiges Haus baut. Den Lehm gräbt er sich selbst aus der Erde, und die Steine schleppt er mit Adda in einer „Tatschke“, einem Schubkarren, vom Grandhaufen hin. Der Lehm wird in einer Holzkiste richtig mit Wasser verrührt, bis er ganz klebrig ist, und dann wird er mit den Händen zwischen die Steine geknetet.
Auf dem Spielplatz steht auch eine alte Schaukelbank, und wenn Fömarie darauf sitzt und liest und man ordentlich wippt, kann man sie schön prellen. Und dann ist da ein uralter Apfelbaum, der nicht nach oben, sondern auf die Seite gewachsen ist, über den Weg hinüber in ein dichtes Cyrenengestrüpp. Auf diesem Apfelbaum kann man weit herumklettern, bis zum vermoosten Bretterzaun und auf dem Zaun bis zur schwarzen Klete. Hier, ganz versteckt in der Ecke, wuchern wilde Himbeeren und mächtige Kletten, so daß man die Beeren gleich auf den breiten Klettenblättern sammeln kann. Aber Fömarie bekommt nur die mit den Würmern. Wenn sie dann einen entdeckt, läßt sie alle stehen, und man ißt sie selbst. Aurel hat einmal sogar einen Wurm heruntergeschluckt, nur um Fömarie zu ärgern.
„Mein Gott“, schreit Fömarie, „jetzt hast du Würmer im Magen!“
„Janit ißt sogar Regenwürmer“, erzählt Aurel unbekümmert. „Er hält den Regenwurm in den Händen und zieht ihn so lange, bis er in der Mitte zerreißt. Dann schluckt er beide Stücke herunter!“
Fömarie schreit, wendet den Kopf und hält sich die Ohren zu. Und dann kann man ihr von hinten vorsichtig ein paar Kletten in die Frisur stopfen.
Hinter der Schaukelbank, von dichten Haselnußstauden halb versteckt, steht das alte Magazin, ein gelber Lehmbau mit schwarzen Fensterlöchern. Manchmal halten dort Bauernfuhren, Kornsäcke werden aufgeladen, man hört Pferde stampfen und prusten, den Verwalter schimpfen. Aber das alles hört und sieht man nur durch den Bretterzaun, wie hinter einem Gitter, und wenn ein zerlumptes Knechtskind dort vorbeigeht, neugierig stehenbleibt und zwischen den Latten hereinschaut, dann starren sich die Kinderaugen fremd und verwundert an. Hier ist keine Pforte, und kein Weg führt aus der einen Welt in die andere.
Und neben der schwarzen Klete ist auch ein Zaun, und dahinter stehen zwei Schafe: ein schwarzes und ein weißes. Das schwarze gehört Aurel und hat ein blaues Halsband, und das weiße mit dem roten Band gehört Adda. Wenn die Kinder in den Kleinen Wald spazierengehen, trappeln die Schafe blökend hinter ihnen her. Aber in den Garten dürfen sie nicht. Dafür raufen Aurel und Adda fettes blaues Gras und roten Klee am Grabenrande und streuen es in die Krippe.
Das weiße Schaf senkt manchmal den Kopf und macht einen Luftsprung. Es bekommt schon kleine Knollen zwischen den Ohren. Einmal stieß es sogar Adda um. Jetzt führt Aurel das weiße an der Leine und versucht, auf ihm zu reiten: der breite wollige Rücken schaukelt hin und her, aber dann macht das Schaf einen Hops, und Aurel rutscht herunter.
Die Sonne brütet auf dem sandigen Spielplatz. Das Lehmhaus ist bald fertig. Aurel klopft mit einem Holzbrett die Mauer glatt, schmiert noch etwas klintschigen Lehm an die Ecke. Adda hat schon die Puppe Franz in das Haus gesetzt, aber vorläufig sind noch keine Möbel drin, und so muß Franz auf dem Erdboden sitzen. Denn Bretter gibt es auch noch nicht, keine Fensterscheiben, keine Vorhänge, kein Dach.
„Ich glaube, es zieht“, sagt Adda besorgt und nimmt Franz wieder heraus.
Auf dem vergrasten, von Sonnenflecken und Blätterschatten gesprenkelten Weg kommt die Mutter. Sie geht langsam, ihre Schultern sind ein wenig vorgeneigt, und ihr schmales Gesicht, das jetzt in den grellen Lichtkreis des Spielplatzes tritt, ist nachdenklich und so merkwürdig ernst. Die Mutter kommt selten hierher, sie hat das Lehmhaus noch gar nicht gesehen. Aurel erklärt ihr eifrig, wo die Veranda hinkommt und wie er das Dach bauen möchte, aber die Mutter ist gar nicht so überwältigt, wie er erwartet hatte, sie nickt nur mit dem Kopf, und Aurel ist ein wenig enttäuscht.
Dann nimmt sie die Kinder mit sanftem, aber festem Griff an den Handgelenken – mein Gott, wie diese Finger wieder mit Lehm verschmiert sind –, und alle drei setzen sich auf die Schaukelbank. Aurel hat ein schlechtes Gewissen; worüber wird sich Fömarie wieder beklagt haben: über den Himbeerwurm oder über die Kletten in der Frisur? Aber dann sagt die Mutter:
„Ich muß euch etwas sehr, sehr Trauriges erzählen: Herr Ackermann kommt nie wieder, er ist beim Schwesterchen im Himmel!“
„Tot?“ fragt Adda.
„Ja, für uns ist er tot“, sagt die Mutter, „aber im Himmel lebt er, und wenn wir selbst einmal hinkommen, werden wir ihn wiedersehen!“
„Und warum ist er nicht bei uns geblieben?“ fragt Aurel nach einer Pause.
„Weil der liebe Gott ihn gerufen hat“, sagt die Mutter, „und weil es ihm hier auf der Erde wohl zu kalt war.“




