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Auch wenn in der Literatur und in Zeitungsbeiträgen die bedeutende Rolle Pfarrer Karobaths für Franz Jägerstätters Andenken betont wird, so ist sie doch oft genug nicht deutlich genug ausgeführt worden. Historisch betrachtet ist sie auch nicht von Anfang an erkannt worden. Karobath blieb Pfarrer in St. Radegund, bis er 1971 in den Ruhestand ging und sich in das Altersheim Maria Rast zu Maria Schmolln zurückzog. Franziska Jägerstätter vermutete, dass Karobath nach seiner Pensionierung deswegen nicht in St. Radegund wohnhaft blieb, weil er wegen der „Auseinandersetzungen um ihren Gatten nicht heimisch geworden“ war.87 Bischof Maximilian Aichern berichtete in seiner Trauerrede anlässlich des Todes von Josef Karobath in Maria Schmolln am 4. Januar 1983, dass Karobath während des Ersten Weltkrieges einem Dutzend Kameraden das Leben gerettet habe und mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet worden sei. In der von Bischof Aichern persönlich unterzeichneten Botschaft und Würdigung seines Lebens, zur Verlesung beim Begräbnisgottesdienst am 8. Januar 1983 bestimmt, macht dieser noch keinen Hinweis auf die Beziehung Pfarrer Karobaths zu Franz Jägerstätter.88 Auch die Personalnachrichten des Linzer Diözesanblattes vom 1. Februar 1983, Nr. 2 geben keinen Hinweis darauf und auf seinen Einsatz für die Würdigung des Martyriums, ebenso wenig die Linzer Kirchenzeitung.89
Dabei muss auch erkannt werden, dass Karobath über sein seelsorgerisches Wirken als Pfarrer von St. Radegund hinaus Kontakt zu Franziska Jägerstätter hielt und in der Causa Jägerstätter aktiv blieb. Am 4. November 1970 schrieb Pfarrer Karobath aus Maria Schmolln an die „liebe Frau Jägerstätter“, die er immer noch mit Sie ansprach. Das Drehbuch von Hellmut Andics zu Axel Cortis Film „Der Fall Jägerstätter“, das er bereits zu lesen erhielt, begeisterte ihn. In diesem Zusammenhang kritisierte er erneut die Haltung einiger „unbekehrbarer Nazis“ auch in St. Radegund und bemerkte schließlich in seinem Schreiben, mit rotem Stift nachgetragen, wohl mit größter Genugtuung: „Aber Franz ist der weltbekannte Held! u. Heiliger!“90 Ein weiterer Brief datiert vom 27. August 1975, in dem Pfarrer Karobath Franziska Jägerstätter mitteilte, dass „Ihr Mann sich immer wieder meldet um zu zeigen, daß er recht gehandelt hat“.91 Er sei nach England eingeladen worden, aber seine Füße ließen es nicht mehr zu, dorthin zu reisen. Auch berichtete er ihr vom Grabbesuch am 9. August in St. Radegund. Im Mai 1978 erschien in der Linzer Kirchenzeitung ein Beitrag mit dem Aufruf von Pfarrer Karobath, den die Zeitung zum Gespräch gebeten hatte: „Noch wäre es zu früh, Franz Jägerstätters Seligsprechung anzustreben. Aber laßt ihn besonders in Oberösterreich nicht in Vergessenheit geraten.“92
Karobath schlug vor, „sich anlässlich der Feiern der 200-jährigen Zugehörigkeit des Innviertels zu Österreich mit dem Innviertler Jägerstätter wieder eingehender zu befassen“.93 Ein Jahr später schließlich verfasst er einen leidenschaftlichen Leserbrief für Die Furche, in dem er mahnt, dass „kein Gras über Jägerstätter wachsen“ dürfe.94
Die gebührende Würdigung des streitbaren Priesters Karobath ist jüngeren Datums. Nachdem das Grab von Pfarrer Karobath in Maria Schmolln aufgegeben werden musste, beschloss der Pfarrgemeinderat von St. Radegund am 25. Januar 2008, das Grabkreuz nach St. Radegund zu bringen und damit auch eine bleibende Erinnerung an ihn zu errichten. Das Grabkreuz wurde von Hubert Sigl restauriert und an der Westmauer der Kirche angebracht; der Beschluss des Pfarrgemeinderates dazu erfolgte am 20. Januar 2010.95 Die Pfarrgemeinde würdigt Pfarrer Josef Karobath hiermit als Freund des seligen Franz Jägerstätter; die Beschriftung wurde von Hubert Sigl angefertigt, die Kosten durch Spenden getragen. Gesegnet wurde das Kreuz in einer schlichten Feier am 31. Oktober 2010. Aus der chronologischen Darstellung in diesem Buch ist ersichtlich, dass die erste biografische Beschreibung von Franz Jägerstätter aus der Feder von Josef Karobath stammt; sie wurde in den ersten Nachkriegsjahren an verschiedene Medien und Personen weitergeleitet, von diesen übernommen und prägt auch heute noch wesentlich das Bild von Franz Jägerstätter – „Franz II.“. Die Verortung der Urnenbestattung an der Kirchenmauer, sein konsequentes Würdigen von dessen Sterben als Martyrium, seine Einforderung, in Jägerstätter einen Helden und Heiligen zu sehen, der in seiner Gewissensüberzeugung gegen das schwere Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft lieber in den Tod ging, als das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zu verletzen, prägten den Weg zur Seligsprechung.
An dieser Stelle ist es angebracht, Karobaths Nachfolger in St. Radegund zu erwähnen. Als Pfarrer Josef Steinkellner am 1. September 1977 in die Pfarre kam, führte er das Anliegen seiner Vorgänger weiter.96 Im Jahr 1983, so die Pfarrchronik, stellte Franziska Jägerstätter das Haus Jägerstätter der Pfarrgemeinde zur Pflege des Andenkens an den Märtyrer zur Verfügung. Der alte Jägerstätter-Hof hätte abgerissen werden sollen.97 Mit Unterstützung des Bürgermeisters von St. Radegund Isidor Hofbauer gelang es Pfarrer Steinkellner, den Grund mit dem alten Haus für die Pfarre zu erwerben. Den Beschluss dazu fasste der Pfarrgemeinderat am 15. Oktober 1984 mit dem Ziel, das „Andenken an Franz Jägerstätter dadurch zu pflegen“. Zur Verwaltung wurde eine eigene Interessengruppe gegründet.98

Abb. 17: Pfarrer Josef Steinkellner (2018)
Der Kauf erfolgte am 28. April 1985. Pfarrer Steinkellner förderte behutsam die Erinnerungsarbeit und war auch denen gegenüber achtsam, die sich der Würdigung und Verehrung Jägerstätters nicht anschließen konnten. Wie sich aber mehr und mehr herausstellen sollte, verfolgte Steinkellner die Überzeugung seines Vorgängers Karobath, „auf dem Friedhof einen Märtyrer und Heiligen bestattet“ zu wissen. Unaufgeregt, unscheinbar, mit vielen kleinen Schritten förderte er die Verehrung Jägerstätters, pflegte eine gute Beziehung zu Franziska Jägerstätter und ihren Töchtern und war offen für die Menschen, die nach St. Radegund kamen, um das Andenken an Franz Jägerstätter für sich und für andere hochzuhalten und zu gestalten. Dabei hielt er sich dennoch bescheiden im Hintergrund.

Abb. 18: Das Jägerstätter-Haus (2019)
4. Die zweite Urnenbestattung (1946)
Schwester Kallista Vorhauer schrieb am 16. Juni 1946 aus dem Marien-Krankenhaus in Brandenburg, das damals in der russischen Zone lag:
Liebe Frau Jägerstätter!
Ihren lb. Brief vom 25.I. habe ich leider erst am 8. Mai erhalten. Besten Dank für die lieben Zeilen. Da schon seit Herbst die Heimreise einiger Schwestern geplant ist, wollte ich immer noch abwarten bis ich den genauen Termin der Abfahrt weiß, um Ihnen dann berichten zu können. So sehr sich erst alles verzögert hat, so schnell geht es nun mit einem Mal. Schwester Oberin fährt bereits am Freitag den 21.6. von Berlin über München, mit einigen Schwestern ab, und Schw. Georgia, die auch dabei ist, will Ihnen dann die kostbare Urne mit den letzten irdischen Überresten Ihres teuren Toten mitbringen. Da die Fahrt über Salzburg geht, möchte sie, wenn es irgendwie möglich ist, gleich einen Abstecher nach St. Radegund machen und das Kleinod Ihnen eigenhändig überbringen. Sollte ihr das nicht möglich sein, wird sie Ihnen von dort aus noch weiteren Bescheid geben. Die U.[rne] ist schon seit einigen Wochen bei uns im Haus, weil man schon immer mit der Abfahrt rechnete und wir haben es als eine Gunst angesehen, sie beherbergen zu dürfen. Wir hoffen auch, dass unsere lieben Schwestern durch seine Fürbitte eine ganz besonders gute Reise haben werden.
Ich beglückwünsche Sie, liebe Frau Jägerstätter, und Ihre Kinder zu diesem kostbaren Schatz, den Sie zwar sehr teuer erkaufen mussten, der Ihnen aber für Zeit und Ewigkeit zum Segen gereichen wird. Empfehlen Sie auch mich seiner Fürbitte und seien Sie herzlich gegrüßt von S. Kallista Vorhauer.99
Im Jahre 1984 schrieb Schwester Peregrina Maier der Witwe Jägerstätter, wie schwierig die Reise mit der Urne war:
Wir haben damals viel gebetet für die Opfer, denn Tag und Nacht wurden die armen Menschen verbrannt. Es war eine sehr traurige Zeit. Wir haben auch nicht mehr gerechnet, daß wir noch einmal heim nach Österreich kommen. Wir waren am 20. Juni 1946, drei Wochen auf der Reise, bis wir nach Vöcklabruck kamen. Mußten durch die Lager, bis wieder ein Transport mit 600 Menschen zusammenkam, dann wurden wir in Vieh-Waggons weiter befördert. In Berlin wurde uns gesagt, wir können ohne weiteres nach Österreich fahren, dann stand es überall an, wir konnten nicht weiter. Aber wir hatten Herrn Jägerstätter in der Urne bei uns, so kam „er“ in seine Heimat.100
Die Mitteilung über die Überbringung der Urne erfolgte durch den Brief von Schwester Georgia Holzinger, datiert am 9. Juli 1946:
Liebe Frau Jägerstätter!
Schw. Kallista hat Ihnen vor kurzer Zeit mitgeteilt, daß Schwestern die in die Heimat reisen die Urne Ihres verstorbenen Mannes mitbringen werden. Gerne hätte ich dieselbe zu Ihnen gebracht, wenn nicht die Reisedauer solange wäre. Am 20. Juni sind wir bereits abgefahren u. darf gut gehen, daß wir am 10. Juli nach Vöcklabruck kommen. Somit würde ich Sie bitten, dieselbe erst nach dem 15. Juli vom Mutterhaus Vöcklabruck abzuholen, da am 11. Juli Generaloberinwahl sei u. noch einige Tage vergehen können bis ich Zeit habe mit Ihnen zu sprechen. Gelt Sie verstehen mich u. wir Schwestern aus Brandenburg möchten Sie noch kennen lernen: die Frau eines Märtyrers. […]
H. H. Pfarrer Jochmann hätte ganz gerne etwas näheres von Ihrem Manne erfahren, von seiner Jugend usw., wäre ich zu Ihnen gekommen hätte ich Ihnen Hochwürden Herrn Pfarrer darum gebeten Aufzeichnungen zu machen u. zu schicken. Pfarrer Jochmann würde dann das Bild vollenden. Bitte, sagen Sie H. H. Pfarrer recht liebe Grüße
Schw. Maria Georgia
Bitte eine Bestätigung der Urne mitbringen.
Am 9. Juni geht der Transport von München weiter.101
Am 9. August 1946 konnte die Urne von Franz Jägerstätter dann an der südlichen Kirchenmauer von St. Radegund bestattet werden102, an diesem Ereignis haben viele Leute aus dem Dorf teilgenommen.103 Am 7. September 1946 antwortet Sr. Georgia auf ein Schreiben von Franziska, das sich nicht erhalten hat, in welchem sie aber wohl von der Bestattung berichtete. Der Brief, der hier zur Gänze wiedergegeben werden soll, weil er Ausdruck der frühen religiösen Verehrung Jägerstätters ist, war versehen mit einem Spruch von Pius XI., der nicht absichtslos gewählt war:
Das Gute und das Böse ringen in einem gigantischen Zweikampf miteinander. Niemand hat das Recht, in dieser Stunde mittelmäßig zu sein.
7.9.1946
Liebe Frau Jägerstätter!
Ihr liebes Brieflein mit den Bildchen mit Dank erhalten. Wenn Sie noch einige Bildchen übrig haben würden sich die Schwestern in Brandenburg sehr darüber freuen. Nun haben Sie die letzten Überreste Ihres im Herrn ruhenden Gatten in Ihrer Nähe. Seine Seele ist daheim bereits im himmlischen Vaterhause. Hier noch Kampf, Arbeit und Sorgen, dort oben ein Ausruhen, ein Daheim sein, wo ewiges Licht, himmlischer Friede wohnt. Wer möchte nicht es unseren Lieben vergönnen u. mit ihnen uns an ihrem Glück zu freuen.
Möchten alle unsere Lieben für uns bitten, damit auch dorthin gelangen u. dieses Erdenleben so verbringen, dass auch wir der Verheißungen Christi teilhaftig werden.
Beten wir füreinander, das Fest Maria Geburt unserer himmlischen Mutter möge uns wieder ein neuer Ansporn sein, alles Erdenleid mit großer Geduld zu tragen.
Recht liebe Grüße Schw. Maria Georgia104
Nachdem im Jahre 1961 die Schwestern in Vöcklabruck den Zeitungsartikel von Prof. Gordon C. Zahn105 über Jägerstätter gelesen hatten, antworteten Schw. Georgia Holzinger und Schw. Kallista Vorhauer (Verfasserin) mit dem folgenden „Bericht zum Falle Fr. Jägerstätter aus St. Radegund“ dem Verfasser, der sich noch in St. Radegund aufhielt, und führten zur Überbringung der Urne Folgendes aus:
Noch am selben Abend sagte Pfarrer Jochmann im Kreise der Schwestern: „Ich kann euch nur gratulieren, zu diesem eurem Landsmann, der als Heiliger gelebt und als Held gestorben ist. Ich habe die Gewißheit, daß dieser einfache Mensch der einzige Heilige ist, der mir in meinem Leben begegnet ist.“ Nach Beendigung des Krieges ersuchte ich im Auftrag unserer Sr. Oberin im Krematorium Brandenburg um die Ausfolgung der Urne mit der Asche Jägerstätters. Sie wurde uns nur unter der Bedingung zugesagt, daß wir die schriftliche Zusage für eine kirchliche Einsegnung in der Heimat erbringen. Nachdem wir dieselbe auf unser Ansuchen vom Hochw. Herrn Pfarrer in St. Radegund erhielten, wurde uns die Urne ausgefolgt.
Da sich die Reise der Schw-Oberin nach Vöcklabruck, wegen der Verkehrsschwierigkeiten noch verzögerte, hatten wir das Glück, die Urne noch längere Zeit im Hause zu haben. Ich hatte dieselbe einige Tage auf meinem Nachtkästchen stehen und kann bestätigen, daß mir auf die Fürbitte Jägerstätters eine auffällige Hilfe in einer seelischen Angelegenheit zuteilwurde.
In unseren Augen war Jägerstätter, den wir nur aus den Berichten des Seelsorgers kannten, ein besonderer Freund Gottes.106


Ein weiteres spätes Zeugnis der Überbringung der Urne verfasste Schwester Peregrina Maier am 10. September 1984 in Hofkirchen, nachdem sich Franziska Jägerstätter bei ihr nach Bildern aus Brandenburg bzw. dem dortigen Krematorium erkundigt hatte.107
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