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„Und woher kennen wir uns?“
„Von der Schule“, sagte Sie dann langsam. Das machte keinen Sinn. Enna hatte ein gutes Gedächtnis. An einen solchen Paradiesvogel im Lehrerkollegium würde sie sich bestimmt erinnern. Sie erwartete, dass die Frau weitere Informationen preisgeben würde, doch dieser letzte Satz schien sie vorerst überfordert zu haben. Sie hatte nicht das Gefühl, dass diese Unterhaltung zu etwas führen würde. Josefa Beckmann schien durch Ennas Auftauchen auf eine merkwürdige Weise betroffen und Enna wollte nicht unfreundlich sein.
„Ich kenne hier jeden“, behauptete Frau Beckmann.
„Es tut mir leid, ich kenne Sie nicht. Oder zumindest kann ich mich nicht an Sie erinnern.“
„Ich habe auch Leonard gekannt.“ Die alte Frau Beckmann sah sie mit ihren wässrigen grau-blauen Augen an und lächelte. Dabei ragten ihre Schneidezähne etwas über ihre Unterlippe hervor.
„Leonard? Woher?“, fragte Enna, nun energischer. Doch sie antwortete nicht.
Leonard war tot. Natürlich war jeder im Ort entsetzt gewesen über den Unfall mit Fahrerflucht, der einen jungen Mann mit besten Zukunftsaussichten so früh aus dem Leben gerissen hatte. Jeder im Ort hatte von Leonard gewusst. Die Erinnerung an die Zeit nach seinem Tod kam hier, am Ort des Geschehens, wieder in ihr hoch. Sie war wie in Trance gewesen, hatte tagelang nicht mehr gegessen, tagelang geweint, bis keine Tränen mehr kamen.
Josefa Beckmann kam ihr vor wie eine Erscheinung. Der Blick aus ihren trüben Augen war starr, auf den Lippen stets der Anflug eines Lächelns, der Gesichtsausdruck undurchdringbar, die Stimme sanft. Sie bewegte sich mit einer für ihr Alter unglaublichen Eleganz, fast tänzelnd.
„Es ist was passiert“, teilte die alte Beckmann in ihrer verlangsamten Sprechweise mit. Es war, als ob ihr Kopf nicht mit dem was sie sagen wollte Schritt halten konnte. Enna war perplex. Sollte sie die alte Dame ernst nehmen, oder sprach da nur eine verwirrte alte Frau, die sich etwas zurechtfantasierte? War sie möglicherweise dement? Immerhin kannte sie ihren Namen. Und den von Leonard. Und das nach über zwanzig Jahren.
„Hören Sie, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es bitte!“ Sie befahl es beinahe. Die alte Dame lächelte nur.
„Was darf’s sein?“ Die energische Stimme der Eierfrau. Enna drehte sich abrupt zu ihr um. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie inzwischen an der Reihe war.
„Zehn Bio-Eier bitte.“ Sie bezahlte und packte die Eier eilig in ihre Einkaufstasche. Dann dreht sie sich wieder zu der alten Dame um, doch sie blickte in die Augen eines jungen Mannes mit einem Kleinkind an der Hand. Die alte Beckmann war verschwunden.
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Nachdem sie den Nachmittag mit dem Versuch das Umzugschaos zu beseitigen verbracht hatte, war sie am frühen Abend unter eine wechselwarme Dusche gesprungen. Nach Ausstoßen dutzender Flüche unterschiedlichster Art und Schwere, gelang es ihr endlich die passende Wassertemperatur einzustellen. Die Duschkabinenausstattung verfügte über keinen Thermostaten zum automatischen Einstellen der Wassertemperatur. Ein Fakt, den Enna so schnell wie möglich ändern würde.
Nach dem staubigen und schweißtreibenden Auspacken, Hin- und Herräumen, treppauf und treppab laufen, war das kühle Wasser belebend. Sie atmete tief durch und fühlte sich endlich ein wenig entspannt nach der Aufregung des Tages. Es war ihr nicht klar, was sie mehr gefordert hatte, der Umzug und die Tatsache, dass sie endlich Münster und ihrer unseligen Affäre den Rücken gekehrt hatte oder die Begegnung mit der alten Dame. Oder der Schock, mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden.
Beim Gedanken an ihre Vergangenheit fiel ihr Anne wieder ein. Sie hatte vor einer Woche mit ihrer alten Schulfreundin telefoniert und ihr mitgeteilt, dass sie wieder in die Gegend ziehen würde. Sie hatten sich während Ennas Zeit in Münster hin und wieder getroffen. Zumindest so häufig, dass ihre Freundschaft nicht eingeschlafen war. Obwohl Enna nicht glaubte, dass das jemals geschehen könnte. Sie waren sich so vertraut, es spielte keine Rolle, wie oft und wie lange sie sich nicht gesehen hatten.
Zwischen den Treffen telefonierten sie hin und wieder und jedes Mal, wenn sie sich tatsächlich trafen, war es, als wenn sie sich gestern erst gesehen hatten. Es gab nie ein Gefühl der Verpflichtung zwischen ihnen oder des Sich-fremd-geworden-seins. Sie waren schon in ihrer Schulzeit unzertrennlich gewesen und sie führte das damals im Scherz darauf zurück, dass sie im Prinzip den gleichen Vornamen hatten. „Enna“ ergab rückwärts gelesen „Anne“. Und Anne war wie Enna, und doch auch anders. Sie hatten beide etwas Wildes, Unbändiges, einen Hang zu Verrücktheiten und ein ihnen eigenes, tiefes Verlangen nach Leben und Glück. Nur dass jeder dieses auf seine eigene Weise auslebte. Anne war ein Muttertier. Auch wenn sie es liebte auszugehen, und dieses meist in einer Aufmachung, die Starqualitäten hatte, und mit Enna liebend gerne nächtelang um die Häuser zog. Ihre eigentliche Bestimmung sah Anne darin, sich um ihren Mann Jan und ihre beiden Kinder zu kümmern. Enna hatte nie eine große Sehnsucht gehabt, Mutter zu werden. Sie hatte es nie ausgeschlossen und war dafür offen. Doch für dieses Vorhaben hatte ihr der richtige Partner gefehlt. Dieses gab sie stets als Begründung für ihre Kinderlosigkeit an. Heute, mit 43 Jahren war es für Kinder fast zu spät. Doch sie hatte nicht das Gefühl, etwas zu vermissen. Sie war in ihrer Arbeit zuhause.
Es schien, als würden die langen Pausen zwischen den Treffen mit Anne ihre Freundschaft noch vertiefen. Anne war begeistert über die Neuigkeit, Enna wieder in ihrer Nähe zu haben. Und Enna hatte versprochen, sich zu melden, sobald sie in Maarsum angekommen wäre. Sie trocknete sich hastig ab und warf sich einen Morgenmantel über. Dann wählte sie Annes Nummer. Während es klingelte, sah sie auf die Wanduhr, die sie, als allererste Handlung im neuen Haus, in ihrem Wohnzimmer aufgehängt hatte. Es war schon sechs. Ein Treffen mit Anne wäre genau das, was sie brauchte, aber sie bezweifelte, dass Anne so kurzfristig Zeit hatte. Ihre beiden Jungen, 10 und 13 Jahre, beanspruchten sie meistens um diese Zeit. Und Jan war Kapitän zur See und oft nicht zu Hause.
„Lüken.“ Sie freute sich Annes tiefe wohlklingende Stimme zu hören.
„Anne, ich bin es, Enna. Ich bin da, gerade eingezogen – wenn man es so nennen will“, rief sie fröhlich ins Telefon und blickte sich in ihrem Chaos um.
„Enna! Wie schön!“ Anne war begeistert. „Und? Wie geht es dir jetzt damit? Wie fühlt es sich an?“ Anne kannte natürlich die ganze unselige Geschichte mit Rüdiger. Es tat gut, zu wissen, dass sie ihren Kummer notfalls mit ihr teilen konnte.
„Super geht es. Wirklich. Ich hätte Lust dich heute Abend zu treffen und ein wenig meine Heimkehr zu feiern, was hältst du davon?“ Sie rechnete mit einer Absage. Sie hätte Anne eher kontaktieren sollen, um ihre Ankunft anzukündigen. Aber der Frust war so plötzlich über sie gekommen, sie konnte nicht wissen, dass sie Anne jetzt brauchen würde.
„Natürlich! Das machen wir. Das feiern wir, ist doch wohl klar!“ Annes Begeisterung ließ sie aufatmen. Sie brauchte keinen trübseligen Abend zuhause verbringen.
„Toll! Und du hast auch wirklich Zeit? Was machen die Kinder?“
„Meine Mutter ist hier. Sie wird zwar nicht begeistert sein, wenn ich sie gleich wieder allein lasse, aber sie wird es verstehen. Ich muss schließlich auch mal raus, oder?“
„Unbedingt! Hier ist so ein Schlachtfest in der Innenstadt, mit Grillen. Das ist anscheinend das Event, wo hier heute jeder hingeht. Wäre das okay? Ich glaube für einen Club bin ich heute schon zu müde.“
„Grillen? Was immer du willst, Süße. Ich bin dabei! Lass und den Bullen bei den Hörnern packen!“ Sie lachte ihr unvergleichliches melodisches Lachen.
„Du spinnst!“ antwortete Enna nur. Sie wusste, was Anne vorhatte. Ihre Freundin war Flirts noch nie abgeneigt gewesen. Aber niemals würde sie ihren Jan betrügen. Ihre Familie war ihr heilig.
Sie verabredeten sich für 20 Uhr. Das ließ Enna Zeit, sich noch etwas auf der Couch auszuruhen, nachdem sie diese von Taschen, Büchern und diversen Textilien befreit hatte. Dann würde sie der Stadt ihr schönstes Gesicht zeigen. Sofern sie ihr Makeup in dem Chaos finden würde. Die Verabredung mit Anne ließ ihre Stimmung augenblicklich steigen. Doch um nachher fit zu sein, musste sie den verlorenen Schlaf von heute Morgen nachholen. Sie hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, sich hier wieder einleben zu können und schloss die Augen, versöhnt mit ihrer Situation. Die Bilder ihres ersten Tages zogen an ihr vorüber. Dann fiel sie in einen leichten Schlaf.
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„Du hast das absolut richtig gemacht. Der Kerl hat es nicht anders verdient!“, pflichtete Anne ihr temperamentvoll mit den Armen gestikulierend bei, nachdem Enna ihr die Gründe für ihren Umzug noch einmal ausführlich erklärt hatte. „Ich meine, Rüdiger ist ein guter Typ, aber man muss sich irgendwann mal entscheiden“, stellte sie fest. „Man kann nicht ständig so ein geborgtes Leben führen!“ Sie war dabei, sich in Ennas Lage hineinzusteigern, wie es ihre Art war. Aber auch wenn Anne ein richtiges Feierbiest war, in den grundlegenden Dingen des Lebens waren ihre Ansichten oft konservativer als die von Enna.
„Geborgtes Leben?“ Enna lachte.
„Ist doch so! Ich kann verstehen, dass man eine Zeit braucht, um zu wissen, was man will. Man kann zwei Leben führen, aber nicht auf Dauer. Wie lange wart ihr jetzt zusammen? Drei Jahre? Mal ganz ehrlich, als stellvertretender Polizeipräsident einer Stadt wie Münster, er wollte doch nie etwas anderes als die Sicherheit und den gesellschaftlichen Status durch seine Frau und seine Familie und seinen Spaß mit dir. Und du wusstest das!“
„Du hast Recht“, gestand Enna seufzend. „Aber ich hatte gehofft, dass sich irgendwann daran etwas ändert.“
„Ja, so wie wahrscheinlich jede Geliebte das hofft.“ Anne schaute sie mitfühlend an. Enna spielte gedankenverloren mit den Bierdeckeln, die auf dem Tisch lagen. Die beiden Frauen hatten sich in einer ruhigen Ecke einen Stehtisch gesucht, an dem sie ungestört reden konnten. Das Schlachtfest war in vollem Gange und das warme und trockene Wetter hatte zur Folge, dass es immer voller wurde. Die Menschen drängten sich schwatzend oder essend an ihrem Stehtisch vorbei. Nur wenige kamen Enna bekannt vor.
Anne sah verführerisch aus. Die paar Kilos, die sie zu viel hatte, wusste sie gekonnt in Szene zu setzen. Heute trug sie ein enges tief ausgeschnittenes T-Shirt mit Goldprint, dass ihre üppige Oberweite vorteilhaft zur Geltung brachte und dazu enge schwarze Jeans. Das von kurzem schwarzen Haar umrahmte Gesicht wirkte edel durch ihre blasse Haut, und sexy durch den knallroten Lippenstift und die dunklen Augen. Wie kam es, dass Enna, die schlank war, ein ebenmäßiges Gesicht und langes glänzendes Haar hatte, sich heute so wenig attraktiv neben ihrer mit Schönheit und Charme glänzenden besten Freundin vorkam? Ennas Haut war nicht mehr so glatt, wie vor zwanzig Jahren, aber eigentlich fand sie immer, dass sie sich für ihr Alter gut gehalten hatte. Dabei hatte sie sich heute besonders sorgfältig geschminkt, für die erste Begegnung mit ihrer Heimatstadt nach langer Zeit. Zwar musste sie anziehen, was sie in ihrem häuslichen Durcheinander finden konnte, aber immerhin trug sie ihre geliebte rot-geblümte Bluse aus Seide und darüber eine leichte hellbraune Lederjacke im Biker-Stil.
„Alles okay?“, fragte Anne. Enna nickte. „Du siehst so nachdenklich aus.“
„Ich habe nur gerade gedacht, was für eine tolle Freundin ich habe.“ Enna strahlte sie an. „Dein neuer Kurzhaarschnitt steht dir übrigens ausgezeichnet“, fügte sie hinzu. Anne hatte ihr langes dunkles Haar vor Kurzem abschneiden lassen und das passte perfekt zu ihrem Typ.
„Lenk nicht ab.“ Anne sah sie durchdringend an. Enna seufzte.
„Ich habe geglaubt, ich würde das Richtige tun, wenn ich mich von ihm trenne.“
„Und das hast du auch!“
„Ja, sicher. Aber vielleicht habe ich auch ein wenig geglaubt, indem ich ihm die Pistole auf die Brust setze, kann ich ihn noch umstimmen.“
„Na, das funktioniert bekanntlich nie“, stellte Anne voller Überzeugung fest.
„Ich weiß. Und ich weiß auch, dass es keine andere Möglichkeit gab. So wie es war, wollte ich es nicht mehr. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, als Geliebte an der Seite eines Mannes alt zu werden!“
„Aber Enna, du wirst doch nicht alt!“ Anne grinste.
„Wir werden alle alt“, meinte Enna. „Du ausgenommen. Du bleibst immer ein Kind!“ Sie lachten. „Ach Anne. Ich möchte einfach auch nur mal jemanden ganz für mich allein“, sagte sie dann frustriert. „Ein gemeinsames Heim, gemeinsame Freunde. Warum klappt das bei mir nicht?“ Anne ließ sich durch Ennas leicht gedrückte Stimmung nicht ausbremsen.
„Ich bin sicher, du wirst ihn noch finden. Du wirst nicht allein alt werden, da bin ich 100prozentig sicher. Wenn einer sein Glück finden wird, dann du! Und weißt du was, darauf trinken wir!“ Anne wandte sich zur Theke und bestellte zwei Prosecco. Enna blieb nichts anderes übrig, als sich dem Tempo ihrer Begleitung zu fügen. Aber sie hatte auch gar nichts dagegen. Heute konnte sie hier noch tun und lassen was sie wollte. Niemand kannte sie. Ab Montag wäre sie Hauptkommissarin im Revier Sachsenstraße 10. Bald würde man sie als Beamtin des gehobenen Dienstes wahrnehmen und sie würde darauf achten müssen, wie sie sich in der Öffentlichkeit gab. Eine Zechtour könnte dann schon problematisch werden.
„Prosit!“ Anne prostete ihr zu und trank das Glas im ersten Zug halb leer. Enna nippte an ihrem Glas. „Weißt du was? Wir werden gleich heute damit anfangen, einen Mann für dich zu suchen“, beschloss Anne. „Die Gelegenheit ist günstig!“
„Oh, bitte nicht!“ Enna lachte. Darauf hatte sie überhaupt keine Lust.
„Wie wär’s mit dem da drüben? Der sieht schon die ganze Zeit hier rüber.“ Sie visierte einen großen blonden Mann an, der ihnen, als er bemerkte, dass man auf ihn aufmerksam geworden war, von der gegenüberliegenden Straßenseite zuprostete. Er war um die fünfzig, hatte eine sportliche Figur und seine Kleidung sah nach Geld aus. Sein dichtes blondes Haar fiel ihm in die Stirn, wodurch er jungenhaft wirkte. Seine Haut war gebräunt, als käme er gerade von einem Urlaub auf Mallorca zurück. Enna blickte kurz hinüber. Irgendetwas störte sie an dem Mann. Die Uhr an seinem Handgelenk war für ihren Geschmack etwas zu groß, seine Kleidung eine Spur zu protzig. Enna liebte einen hochwertigen, aber schlichten Kleidungsstil, an sich selbst, wie auch an Männern. Das Understatement, mit dem Rüdiger sich kleidete, hatte sie immer gemocht. Da durfte ein schlichtes Karohemd auch ruhig mal hundert Euro kosten.
„Der wäre eher was für dich“, stellte sie fest.
„Ach, und wieso wäre?“ Anne kippte den Rest des Prosecco hinunter. „Also, wenn du ihn nicht willst, ich nehme ihn gern!“ Sie lachte. Der Mann auf der anderen Straßenseite lächelte Enna zu.
„Kannst ihn gerne haben. Nicht mein Typ.“
„Wieso nicht? Der ist doch süß“, flüsterte Anne ihr hinter vorgehaltener Hand zu.
„Ich bin noch nicht so weit.“, sagte Enna langsam und mit gedämpfter Stimme.
„Du sollst ihn ja auch nicht heiraten, du Träumerin! Hab‘ ein bisschen Spaß!“ Anne stütze ihr Gesicht auf dem Stehtisch in die Hände und lächelte in Richtung ihrer vermeidlichen Eroberung.
„Achtung, Blondie kommt herüber!“, flüsterte sie und konnte ihr Vergnügen kaum verbergen. Tatsächlich setzte sich der Mann langsam in ihre Richtung in Bewegung. Behindert durch die immer noch dichten Menschenmassen, die sich an Grill- und Bierbuden vorbei schoben, kämpfte er sich voran. Enna versuchte ihn zu ignorieren und nippte an ihrem Glas. Das änderte nichts daran, dass er ihren Stehtisch schließlich erreichte.
„Guten Abend, die Damen!“ Er baute sich vor ihnen auf und strahlte sie an. Enna fand ihn bei näherer Betrachtung noch weniger attraktiv als aus der Ferne. Was wie Sonnenbräune gewirkt hatte, sah nun eher nach Sonnenbrand auf seinem rundlichen Gesicht aus. Seine Augen waren zwar von einem strahlenden Blau, jedoch eher klein und tiefliegend und kamen nicht zur Geltung. Das Blond seiner Haare hatte einen Rotstich. Obendrein stach eine Schürfwunde, die fast über die Hälfte seiner rechten Wange reichte, sofort ins Auge und machte ihn nicht attraktiver.
„Darf man sich dazustellen?“ fragte er und sein Akzent wies ihn eindeutig als Landbewohner aus.
„Wir beißen nicht!“ sagte Anne strahlend und zwinkerte ihm zu. Enna sagte nichts.
„Na, wie schön.“ Er räusperte sich. „Euch beide habe ich hier ja noch nie gesehen“, begann er das Gespräch.
„Dann schau mal gut hin!“, sagte Anne ausgelassen. Der Typ grinste.
„Mach ich ja schon.“ Sein Blick wanderte wieder zu Enna herüber. „Ich bin übrigens Reinhard“, stellte er sich ihr vor.
„Enna.“ Reinhard wartete einen Moment, aber Enna war nicht unbedingt angetan durch sein Auftauchen und sagte nichts weiter. Sie wäre lieber mit Anne allein geblieben und schielte vielsagend zu ihr hinüber.
„Ich bin Anne“, sagte Anne schnell. Enna ahnte, wieviel Vergnügen es ihr bereiten musste, sie zu verkuppeln.
„Wo seid ihr her, wenn ich fragen darf?“, versuchte Reinhard es weiter.
„Ich bin aus Rümgum, und du?“ Anne versuchte die Situation zu entschärfen, indem sie eine lockere Plauderei begann.
Reinhard machte sich offensichtlich nichts aus Ennas abweisender Art. Er schien zu den Männern zu gehören, die sich umso mehr herausgefordert fühlten, wenn eine Frau desinteressiert war. Er grinste sie an. Enna ignorierte ihn und hoffte, dass Anne ihn von ihr ablenkte.
„Ich bin von hier, aus Maarsum. In Rümgum hab ich mal eine tolle Stute gekauft“, Anne grinste über diesen Vergleich.
„Wow, reitest du?“, fragte sie interessiert.
„Ich reite nicht nur, ich handle auch mit Pferden. Mir gehört der größte Hengststall Niedersachsens“, verkündete Reinhard stolz.
„Und was willst du dann mit einer Stute?“, neckte Anne ihn.
„Stuten sind gute Reitpferde“, sagte Reinhard und wandte sich zu Ennas Freude nun vermehrt ihrer Freundin zu. „Die aus Rümgum, war, wie gesagt, besonders gut. Hatte einen klasse Charakter. Und Temperament.“ Enna war sich nicht sicher, ob Reinhard nun mit Anne flirtete, aber sie hoffte es.
„Cool“ meinte Anne nur. „Pferde sind ja auch irgendwie Menschen. Treu, anpassungsfähig, kontaktfreudig, … und sprunghaft.“ Nun war Enna sich nicht sicher, ob Anne ihn auf den Arm nahm.
„So ist es“, pflichtete Reinhard bei. „Aber manche sind auch bissig.“ Enna vermutete, dass diese Äußerung ihr galt. Aber es war ihr egal.
„Deine Freundin hier sieht aber nicht aus, als wäre sie von hier“, bemerkte Reinhard dann.
„Ach, und woran glaubst du das zu erkennen?“ Enna ließ sich nun doch dazu hinreißen, am Gespräch teil zu haben, was Reinhard schlagartig zum Strahlen über sein ganzes rundes Gesicht brachte.
„Nun, das weiß ich, weil ich dich nicht kenne. Und ich kenne sonst jeden hier. Und jede.“ Enna fand, dass es nicht nötig wäre, dass er sie dann auch noch kennenlernte, aber verkniff sich eine Antwort.
„Ihr Mädels habt ja gar nichts mehr im Glas!“, stellte Reinhard plötzlich fest. Er winkte der Thekenbedienung und machte ein paar geheimnisvolle Zeichen mit den Fingern, die die Frau hinter der Theke erstaunlicherweise zu verstehen schien. Sie stellte kurze Zeit später drei Sektgläser auf den Tresen, die Reinhard sofort auf den Stehtisch verfrachtete. Enna war das nun auch schon egal. Der Hengststallbesitzer ließ sich offensichtlich nicht abwimmeln, vielleicht ließ ein weiteres Glas Sekt ihn erträglicher werden.
„Auf die schöne Enna aus dem unbekannten Ort!“ Der Trinkspruch war so einfallslos, wie der Mann selbst, fand Enna. Anne lachte hysterisch. Wenigstens sie hatte ihren Spaß. Eine Eigenschaft ihrer Freundin war, dass sie den unmöglichsten Situationen etwas Spaßiges abgewinnen konnte. Der Sekt roch nicht wie üblich und hatte eine bläuliche Farbe. Sie stießen an und kippten das Zeug herunter. Es schmeckte scharf und süß.
„Holala! Das ist ja ne ganz spezielle Mischung!“, bemerkte auch Anne, die für gewöhnlich trinkfester war als Enna.
„So trinke ich Sekt am liebsten, nennt sich The Blue Planet und ist übrigens gerade total hipp.“ Reinhard war begeistert. „The Blue Planet, also der blaue Planet“, sagte er zu Enna. Enna bekam einen Schluckauf. Das Getränk zeigte außerdem eine unmittelbare alkoholische Wirkung, denn sie hatten noch nichts gegessen. Auch bei Reinhard, der wie sie vermutete, schon ein wenig länger auf dem Fest war und ihnen bezüglich Alkoholpegel deutlich voraus war.
„Bist du Naturschützer?“, meldete sich Anne zu Wort. Das Grinsen wollte nicht mehr aus ihrem Gesicht weichen.
„Bei dem Getränk könnte ich es glatt werden.“ Reinhard lachte laut über seinen eigenen Nicht-Witz. Er wurde Enna immer unsympathischer und sie dachte darüber nach, Anne mit ihrer Saufbekanntschaft allein zu lassen. Nur die Tatsache, dass sie heute nicht für das Alleinsein in Stimmung war, ließ sie diesen Gedanken wieder verwerfen. Vorerst. Der Schluckauf ließ zum Glück schnell nach.
„Danke für den leckeren Cocktail.“ Enna wollte nicht unhöflich sein.
„Gerne. Verrätst du mir jetzt, wo du herkommst?“, bohrte Reinhard weiter.
„Ich stamme von hier, aus Maarsum.“ Er sollte sie ruhig kennenlernen, dachte sie nun. Schließlich würde sie fast so etwas wie eine Person des öffentlichen Lebens in dieser Stadt werden.
„Nee! Wie das denn?“ Reinhard rückte am Stehtisch näher an sie heran. „Wo hast du dich denn bis jetzt versteckt gehalten.“
„In Münster“, sagte sie schnippisch und rückte von ihm ab.
„Münster! Wie kommt man denn von Münster nach Maarsum?“ Enna lächelte nur. Er glaubte doch wohl nicht, dass ihn das irgendwas anginge.
„Na ja, geht mich ja auch nichts an.“ Reinhard lallte inzwischen. „Aber schön, dass du nun hier bist.“
„Wie man’s nimmt“, murmelte Enna leise vor sich hin. Anne zwinkerte ihr grinsend zu. Reinhard kippte den Rest seines Blue Planet hinunter und wirkte nun beinahe, als müsste er selbigen verlassen.
„Warum kommt ihr nicht mit ins Zelt?“, lallte er. „Ich würde euch gerne mal zum Tanz auffordern.“ Es gab ein großes Tanzzelt am Eingang zum Festgelände. Anne war sofort begeistert.
„Ja klar, super Idee!“ Sie trank ihr Glas aus und sah Enna erwartungsvoll an. Enna glaubte nicht, dass Reinhard ein großer Tänzer war, zumindest nicht heute Abend. Sie verdrehte die Augen, willigte aber ein. Sie schoben sich schließlich zu dritt durch die Massen.
„Wenn das so weiter geht, muss ich erst mal was essen“, flüsterte sie Anne zu.
„Das Bisschen, was du isst, kannst du auch trinken.“ Anne lachte. Enna wusste, heute brauchte sie von Anne nicht mehr viel erwarten. Es war der Punkt, an dem sie sich entscheiden musste, ob sie mitmachte, oder sich von den beiden absetzte. Sie entschloss sich, mitzufeiern. Mal sehen, was der Abend noch brachte.
Reinhard orderte neuen Sekt für die beiden Frauen und für sich ein Bier, nachdem sie das Zelt erreicht und sich einen Platz an einem Tisch gesichert hatten. Enna nutzte die Zeit, in der er an der Theke stand, um mit Anne zu reden.
„Also so habe ich mir den Abend eigentlich nicht vorgestellt“, beklagte sie sich.
„Sei nicht immer so spießig!“, beschwerte Anne sich lachend.
„Spießig? Das hier ist spießig!“ Sie schnaufte missbilligend.
„Lass dich einfach gehen, dann wird es dir auch gefallen“, riet Anne. Enna sah sich zu Reinhard um.
„Ich habe Angst davor, was dann passieren wird“, flüsterte sie.
„Von dem Typen geht heute keine Gefahr mehr aus!“ Anne schien die hiesigen Feierbräuche besser einschätzen zu können. Zumindest wollte Enna ihr das gerne glauben.
„Lass mich aber bloß nicht allein mit dem!“, verlangte sie, da Anne bereits begonnen hatte, in ihrer näheren Umgebung zu flirten. Ein kleingewachsener Dunkelhaariger vom Nachbartisch war aufmerksam geworden.
„Mach dir keine Sorgen, Süße! Das wird ein toller Abend.“ Sie sagte das, während sie dem Mann am Nachbartisch zuzwinkerte. Anne war unglaublich.
Reinhard traf mit Sekt und Bier ein, oder mit dem, was aufgrund seiner eingeschränkten Motorik davon noch übrig war. Er stellte die Gläser ab und ließ sich auf einen der Klappstühle fallen.




