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„Mädels, Prost!“, war alles was er sagte, bevor er sein Bier in einem Zug halb leerte. Enna und Anne blickten sich vielsagend an. Dann prosteten sie sich zu.
„Ich muss unbedingt was essen.“ Ennas Magen meldete sich wieder. Wenn sie weiter Alkohol auf nüchternen Magen trank, würde ihr schlecht werden. Anne hatte ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Nachbartisch gelenkt und sah nicht so aus, als wolle sie mitgehen.
„Klar, … ich zeige dir den besten Bratwurststand … von allen“, bot Reinhard sich an. „Ich geb dir … was aus!“ Es dauerte eine Weile, bis die Sätze heraus waren.
„Danke. Musst du nicht. Bleib lieber hier und pass auf Anne auf!“ Damit war Reinhard sofort einverstanden.
„Du kommst aber wieder!“, forderte er lautstark. Enna versicherte es ihm, stand auf und begann sich durch die Menge nach draußen zu kämpfen. Sie blickte auf die Uhr, es war inzwischen elf geworden und sie war überrascht, wie schnell die Zeit vergangen war. Am Zeltausgang angekommen atmete sie tief durch. Es war immer noch sehr warm und die Anzahl Festbesucher schien sich nicht zu verringern. Enna hatte vergessen, wie man im Emsland feierte. Mit viel Alkohol – vor allem. Sie dachte darüber nach, sofort nach dem Essen zu verschwinden. Aber konnte sie Anne das antun? Andererseits würde es heute kein persönlicher Abend zwischen ihnen mehr werden, so viel war klar. Sie drängelte sich zur nächsten Würstchenbude durch und bestellte eine Pommes mit Majo. Der Pommesverkäufer kam ihr bekannt vor.
„Geht aufs Haus!“ Er stellte die fettige Mahlzeit auf den Tresen. Ihr wollte nicht einfallen, wer er sein könnte und sie verfluchte den Alkohol.
„Wie komme ich zu der Ehre?“
„Als Begrüßung für unsere neue Polizeichefin.“ Enna war überrascht und überlegte einen Moment, ob sie das annehmen sollte.
„Kennen wir uns?“, fragte sie.
„Ich bin’s, Bertram. Wir waren in einer Klasse.“ Enna sah ihn sich genauer an. Der Mann um die Vierzig sah aus, wie ein Bertram den sie mal kannte, hatte aber offensichtlich im Laufe der Zeit an Bauchumfang zugelegt. Bertram grinste.
„War mal schlanker. … Aber du hast dich überhaupt nicht verändert, Enna!“
„Bertram, ja klar“, rief sie aus. Sie freute sich, doch noch einen alten Bekannten zu treffen. „Danke! Für die Pommes.“ Enna steckte sich eine Pommes in den Mund. „Aber das mit der Polizeichefin vergiss mal schnell wieder. Ich bin Hauptkommissarin und Nebenstellenleiterin.“ Die Pommes waren gut und ihr Hunger ließ sie hastig essen. Sie erinnerte sich an Bertram als eine angenehme und freundliche Person.
„Du hast es ja weit gebracht!“, sagte Bertram, während die anderen Mitarbeiter in Hektik um ihn herum liefen. Es war Stoßzeit an der Pommesbude. Wer beim Trinken durchhalten wollte, musste sich um diese Zeit unbedingt stärken.
„Und du?“, fragte Enna kauend. „Ist das dein Betrieb … oder hilfst du hier aus?“
„Nee, nee, das ist hier schon meins“, sagte Bertram stolz. Sein Nachname wollte ihr nicht einfallen, sie mochte aber auch nicht nachfragen.
„Auch nicht schlecht.“ Enna nickte anerkennend und kaute weiter auf ihren Pommes frites. Es hatte sich also schon herum gesprochen, dass sie den Weg zurück in die Heimat gefunden hatte.
„Ich muss weitermachen. Ich hoffe man sieht sich“, sagte Bertram. „Äh, natürlich nicht beruflich“, fügte er grinsend hinzu.
Enna nickte ihm freundlich zu und merkte, wie gut es tat, etwas in den Magen zu bekommen. Sie fühlte sich gerade wieder mit diesem Abend versöhnt, als plötzlich lautes Gejohle und Geheule am Ende der mit Grill- und Getränkebuden gesäumten Fußgängerzone zu hören war. Sofort mischten sich aufgebrachte Stimmen darunter. Sie hielt inne und drehte sich zum Geschehen um. Sie konnte zunächst kaum etwas erkennen, ein seltsames Treiben spielte sich dort ab. Vermummte Gestalten mit Gegenständen in der Hand tanzten wild zwischen den Festbesuchern hin und her. Die Leute wichen erschreckt zur Seite. Mit den langen Stöcken oder Besen schlugen die Störenfriede um sich und bahnten sich ihren Weg durch die Menge. Im ersten Moment war ihr nicht klar, ob es sich um ein Spiel, eine Art Aufführung handelte oder ob ein Aufruhr im Gange war. Enna versuchte auszumachen, wie viele Personen beteiligt waren, aber die Vermummten schienen überall zu sein. Verschwanden von einem Ort, um urplötzlich woanders wieder aufzutauchen, sie waren überall zugleich. Und es waren mindestens Zehn. Als der Mob näher kam, stellte sie fest, dass es sich bei der Vermummung um Tiermasken handelte, teilweise mit langen Hörnern bestückt, die die schwarzgekleideten Personen wie tanzende Teufel wirken ließen.
„Die Tierschützer schon wieder!“, hörte sie eine Frau neben sich sagen. „Die können’s nicht lassen!“, sagte ein anderer. Auch die Menschen neben ihr wichen zurück, als die wilde Bande auf sie zukam.
Die Aufrührer schlugen den entrüsteten Gästen die Schalen mit Bratwurst und Senf aus den Händen. Einige der so ihres Essens beraubten liefen erschreckt davon, anderen versuchten nach den Stöcken zu greifen und sich zu wehren, meist ohne Erfolg. Die als Vieh verkleideten Tierschützer, begannen damit, Stehtische umzuwerfen. Gläser zerbrachen, die Menge kreischte. Die gesellige sommernächtliche Stimmung schlug in Rebellion um. Ein als Stier verkleideter Mann schlug mit einem Besenstiel eine Ketchupflasche und einen Serviettenhalter von einem der Tresen, hielt dann seine Waffe vor seinem breitbeinig aufgestellten Körper in die Höhe und blickte sich um wie ein in die Enge getriebenes Tier. Einige Betrunkene taumelten zur Seite. Ein anderer Aktionist, mit dem Kopf eines Schafbockes, hangelte sich an einer Markise hoch. Ein vermeidliches Schwein machte laute Grunzgeräusche und kämpfte sich eine Schneise durch die Reihen an der Sektbar, an der Enna selbst noch vorhin gestanden hatte. Es war unwirklich, wie ein Einfall aus der Unterwelt, und hatte trotz der vorherrschenden Gewalt etwas Mystisches, an diesem mittlerweile dunklen, mondlosen Abend.
Die Revolte schien in einen handfesten Tumult auszuarten. Enna sah sich gezwungen etwas zu unternehmen und nahm ihr Mobiltelefon aus der Tasche. Sie konnte hier unmöglich allein eingreifen, das würde keinen Sinn machen. Sie musste Verstärkung anfordern. Die Nummern des Polizeireviers, ihres Polizeireviers, hatte sie noch nicht gespeichert, ihr Dienst würde erst übermorgen beginnen und so wählte sie den Notruf. Nach dreimaligem Klingeln hörte sie eine Männerstimme.
„Notruf Leitzentrale.“ Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen, um eine möglichst präzise Beschreibung des Vorfalls zu geben.
„Kolder mein Name. Es gibt hier einen Zwischenfall auf dem Schlachtfest in der Innenstadt, nahe Markt. Sie sollten mit wenigstens drei Streifenwagen vorbeikommen.“ Enna dachte kaum darüber nach, dass noch niemand auf dem Revier sie kannte.
„Was ist denn passiert?“, fragte der Polizist am Ende der Leitung.
„Es gibt einen Tumult, ungefähr ein Dutzend Randalierer würde ich sagen, die sich als Nutzvieh verkleidet haben. Es kommt zu Sachschäden. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Personen zu Schaden kommen werden.“
„Nutzvieh? Sie meinen Schweine und Rinder?“, fragte der Diensthabende belustigt. „Also, Personen werden ganz bestimmt zu Schaden kommen, auf dem Fest, da bin ich sicher! Wie war noch ihr Name?“ Enna hörte ihn lachen. Offensichtlich glaubte er an einen Scherzanruf.
„Sie kommen bitte augenblicklich zum Geschehen! Sonst werde ich mir Ihren Namen merken!“, rief sie wütend ins Telefon. Ihr fiel ein, dass der Polizist seinen Namen gar nicht genannt hatte, aber das war ihr im Moment egal.
„Und Sie sind sicher, dass es sich nicht um einen Partygag handelt oder um eine Werbemaßnahme?“ Der Mann wirkte nun doch etwas verunsichert durch ihr entschiedenes Auftreten. „Hören Sie, hier ist der Teufel los. Ich bin die neue …“ Lautes Getöse hinter ihr hinderte sie daran weiterzusprechen. Dann war auf einen Schlag alles schwarz.
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„Enna! … Enna, du liebe Güte!“ Enna schlug die Augen auf und sah Annes besorgtes Gesicht über sich. Erst dann wurde ihr bewusst, dass sie auf dem Boden lag. Festbesucher standen um sie herum und starrten sie an, unter ihnen Bertram. Wie hieß er nur mit Nachnamen? Es wollte ihr nicht einfallen. Zwei ältere Frauen schlugen die Hände vors Gesicht. Enna konnte nicht genau ausmachen, ob sie nur entsetzt waren oder hinter vorgehaltenen Händen tuschelten.
„Geht es wieder? Du meine Güte!“ Anne wollte sich nicht beruhigen. Enna richtete sich auf. Ihr Kopf schmerzte höllisch. Sie fasste sich an den Hinterkopf und ertastete eine gewaltige Beule.
„Was ist denn passiert?“, fragte sie heiser.
„Du bist in das Gemenge gekommen, mehr weiß ich auch nicht! “ Anne war fassungslos. Zumindest hatte der Zwischenfall Anne wieder nüchtern werden lassen.
„Der Terrassenheizer ist ihr auf den Kopf gefallen“, sagte jemand aus der umstehenden Menge. Enna blickte sich um und bemerkte das Chaos. Neben dem umgekippten Terrassenheizpilz lag Abfall verstreut. Sie erinnerte sich wieder an die randalierende Bande in den tierischen Verkleidungen. Die wilde Meute war hier gewesen und hatte die Mülleimer von Bertrams Pommesbude umgekippt. Und sie selbst niedergeschlagen. Aus Versehen oder Absicht? Ennas Polizistengehirn begann zu arbeiten. Aber wo war die Polizei? Sie erinnerte sich, dass sie den Notruf gewählt hatte. Wie lange war sie bewusstlos gewesen? Ihre zukünftigen Kollegen hatten es offensichtlich nicht für nötig befunden, sich her zu bemühen.
Enna wollte aufstehen, doch zu den Kopfschmerzen gesellte sich ein heftiger Schwindel.
„Bleib liegen, ich habe einen Krankenwagen gerufen“, sagte Anne und drückte ihr eine Hand auf die Schulter. „Man kann dich aber auch keine Sekunde allein lassen!“ Sie blickte sie vorwurfsvoll an. Enna wollte nicht ins Krankenhaus.
„Mir geht’s gut“, wehrte sie ab. Sie wollte heraus aus dieser Lage und vor allem aus dem Unrat.
„Du könntest eine Gehirnerschütterung haben. Bleib liegen!“
„Wie konnte das überhaupt passieren?“, fragte sie. Sie hatte geglaubt, immer gut vorbereitet zu sein, gegen jede Art von Gefahr. „Hat mich jemand angegriffen?“, fragte sie an Anne gewandt.
„Ja, der Heizpilz! Ganz gemein und hinterrücks. Und nun bleib bitte liegen!“, antwortete diese.
Im Hintergrund ertönte endlich ein vertrautes Geräusch. Das Martinshorn eines Polizeiwagens. Enna legte ihren Kopf auf die angewinkelten Knie. Sie hätte Lust, selbst Ordnung zu schaffen, in diesem Chaos, aber ihr Kopf ließ keinen klaren Gedanken zu.
„In welche Richtung sind die Randalierer verschwunden?“, fragte sie ihre beste Freundin.
„Hör mal, du willst doch jetzt hier keine Ermittlungen anstellen! Das überlass mal lieber der Polizei!“ Anne war entrüstet.
„Und die ist schon da!“ ertönte plötzlich eine tiefe Stimme neben ihr. Enna wollte gerade anmerken, dass sie selbst die Polizei sei, als die beiden Beamten neben sie traten.
„Was ist hier passiert?“, fragte der ältere der beiden Männer, der in Zivil war. Er sprach mit holländischem Akzent. Die niederländische Grenze war nicht weit und man traf häufig auf Niederländer, die sich im Emsland oder in der Grafschaft niedergelassen hatten.
„Hier ist eine Gruppe Bekloppter eingefallen und hat alles verwüstet“, entrüstete Anne sich erneut und gestikulierte wild mit den Armen. Sie konnte herrlich theatralisch sein. Aber jetzt war es Enna eher peinlich. „Und dann haben diese Chaoten meine Freundin hier k.o. geschlagen. Mit dem Terrassenheizer!“
„Sind Sie verletzt?“, fragte der Niederländer und sprach dabei das S auf die typisch holländische Weise aus, so dass es viel weicher klang als im Deutschen.
„Es geht schon wieder.“
„Wirklich?“ Der Mann schien ihr nicht zu glauben und sie befürchtete, dass ihre Erscheinung nichts anderes zuließ. Wie peinlich war das! Hier standen ihre neuen Kollegen und Mitarbeiter und sie lag vor ihnen im Dreck! So hatte sie sich ihre erste Begegnung nicht vorgestellt.
„Wirklich!“ bestätigte sie. Aber es half nichts, Enna musste aus dieser Lage herauskommen und Klarheit schaffen. Mit größter Anstrengung schaffte sie es, sich zu erheben, und dieses auch nur, weil Anne nun mit den Beamten beschäftigt war, und ihnen eine Standpauke wegen ihrer fehlenden Anwesenheit bei diesem Event hielt.
Nachdem sie sich aufgerichtet hatte, wurde ihr wieder schwindelig. Sie glaubte sich fast schon wieder am Boden als sie den kräftigen Arm des Zivilbeamten aus Holland um sich spürte.
„Hoppla! Wo wollen wir denn hin?“, fragte er und sie blickte ihm in das bartstoppelige Gesicht, das sie von oben anlächelte. Er musste um die Vierzig sein und seine graugrünen Augen wirkten freundlich.
„Es geht schon. Sie können mich wieder loslassen, danke!“ Warum musste ihr das gerade jetzt passieren? Trotz ihrer eher zierlichen Figur war sie für gewöhnlich hart im Nehmen. Aber der Schlag hatte ihr mehr zugesetzt, als sie zunächst geglaubt hatte.
„Sie sollten ins Krankenhaus gehen!“, sagte er und ließ sie vorsichtig wieder auf ihren eigenen Beinen stehen.
„Das habe ich ihr auch geraten“, mischte Anne sich ein.
„Ich glaube, ich höre den Krankenwagen schon“, bemerkte der Polizist in Uniform.
„Schon ist gut!“, sagte Anne besorgt. „Das hat eine Ewigkeit gedauert. Sie hätte tot sein können!“ Wenn Anne einmal in Fahrt war, konnte sie nichts bremsen. „Und wenn Sie sich etwas schneller herbewegt hätten, hätten diese Spaßverderber hier nicht so ein Gemetzel anrichten können!“, fügte sie wütend hinzu.
„Bitte, beruhigen Sie sich!“, forderte der uniformierte Polizist, ein junger Mann mit kurzgeschnittenem, weißblondem Haar sie auf. Anne öffnete den Mund, um zu erneuten Beschuldigungen anzusetzen.
„Anne, lass gut sein!“, versuchte Enna zu vermitteln. „Es geht mir gut!“ Das laute Sprechen verursachte ihr einen erneuten Kopfschmerzanfall.
„Das ist gelogen und das weißt du! Dir hätte Gott weiß was passieren können! Die hätten uns alle massakrieren können und keiner wäre gekommen! Wo leben wir denn?“
„Wenn die Damen sich einig sind, wie es Ihnen geht, dürfte ich dann noch Ihre Personalien aufnehmen?“, fragte der Niederländer Enna freundlich. „Vorausgesetzt Sie fühlen sich dazu schon in der Lage.“ Enna wollte gerade zustimmen, als zwei Rettungssanitäter mit einer Trage erschienen, die sich den Weg zu ihnen gebahnt hatten. Es standen immer noch Menschen um sie herum, die das Geschehen beobachteten.
„Ich komme am Montag zu Ihnen auf das Revier“, antwortete sie ihrem zukünftigen Kollegen. Sie hatte nicht die Kraft, ihre persönliche Situation hier und jetzt aufzuklären. Am Montag würde sie sich in aller Form im Revier vorstellen. Am liebsten hätte sie sich auf die Trage der Sanitäter gelegt und sich aus dem Gemenge heraustragen lassen, aber das war ihr vor den neuen Kollegen zu peinlich. Es war wie eine Schwäche, sich vor ihnen so angeschlagen zu präsentieren. Sie musste Stärke demonstrieren, in der Position, die sie zukünftig innehaben würde. Außerdem hatte sie das Gefühl, die Beamten würden ihr Trunkenheit unterstellen.
Der Beamte schaute verdutzt drein, als sie mit Anne den Schauplatz des Gemetzels verlassen wollte.
„Sagen Sie mir bitte wenigstens Ihren Namen und Ihre Adresse?“, bat er. „Ich muss Sie das fragen…“
„Haben Sie ja jetzt getan.“
Damit ging sie davon. Sie hatte sich dafür gerächt, beim Notruf so nicht ernst genommen worden zu sein. Was Disziplin betraf, verstand sie keinen Spaß. Das war schon immer so gewesen. Vielleicht lag es daran, dass sie sich oft in ihrem Leben selbst hatte disziplinieren müssen. Nach Leonards Tod. Oder auf ihrer Afrika-Mission während der Ebola-Epidemie.
Sie war gespannt auf die Gesichter der Kollegen, wenn sie in zwei Tagen als neue Chefin vor ihnen stehen würde.
„Du solltest wirklich zu einem Arzt gehen“, meinte Anne, als sie auf ein Taxi warteten. „Warum bist du nicht mit ins Krankenhaus gefahren? Ganz schön leichtsinnig!“
„Ich möchte jetzt einfach nur nach Hause!“ Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als in ihrem eigenen Bett zu schlafen, in welchem häuslichen Chaos auch immer es sich befinden mochte. „Ich kann ja immer noch zum Arzt gehen, wenn es nicht besser werden sollte.“
„Ja, aber morgen ist Sonntag.“
„Na und? Dann gehe ich zum Notdienst.“
„Kann es sein, dass es dir peinlich war, dich vor dem attraktiven Holländer auf die Trage zu legen?“ Anne grinste verschmitzt.
„Du spinnst doch! Außerdem, wo war der denn attraktiv? Der typische Holländer. Lang und dünn.“
„Und eben die fandest du doch immer sooo gutaussehend!“
„Ach wirklich? Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Sooo schlimm kann es also gar nicht gewesen sein. Und ich bin jetzt wirklich nicht in der Stimmung, mir darüber Gedanken zu machen, sonst platzt mir der Kopf.“
„Natürlich nicht“, sagte Anne breit grinsend.
Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, wie diese Antwort gemeint gewesen sein könnte. Eine bleierne Müdigkeit überfiel sie, als endlich ein Taxi vor Ihnen anhielt. Enna setzte sich auf den Rücksitz.
„Kotzt mir aber nicht den Wagen voll!“, rief der Taxifahrer barsch. Anne sah ihn verständnislos an. Enna fühlte tatsächlich eine Übelkeit. Oder war es nur der Gedanke daran, sich übergeben zu müssen? Sobald sie in den weichen Polstern saß, fiel sie in einen tiefen Schlaf. Sie wachte erst wieder auf, als das Taxi vor ihrem Haus stand und Anne sie wachrüttelte.
„Komm jetzt Enna! Wir sind da!“ Anne versuchte sie aus dem Auto zu zerren. Widerwillig ließ Enna es sich gefallen. Sie war unsagbar müde und die Kopfschmerzen hatten nur wenig nachgelassen.
„Warten Sie hier“, rief Anne dem Taxifahrer zu, „ich muss noch weiter.“
„Bevor Sie bezahlt haben, fahre ich bestimmt nicht weg!“, meinte der Mann und grummelte vor sich hin.
Anne brachte sie bis in ihr Schlafzimmer und zog ihr die Schuhe und die Lederjacke aus.
„Du bist ein Schatz, …!“, sagte Enna als sie sich verabschiedeten. „Das Taxigeld, das … machen wir später“, stammelte sie noch. Heute war sie zu nichts mehr in der Lage.
„Klar doch. Mach dir keine Gedanken. Jetzt schlaf erst mal und kurier dich aus! Und wenn es dir morgen nicht besser geht, gehst du zum Arzt. Oder ruf mich an und ich fahre dich!“ Enna fragte sich, wie das gehen sollte. Hatte Anne nicht ihre Mutter zu Besuch? Oder war es die Schwiegermutter?
Sie hörte, wie die Haustür hinter ihrer Freundin ins Schloss fiel. Als sie die Augen schloss, sah sie das grinsende Gesicht des Holländers vor sich. Dann fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Sonntag
Joris Sollewijn hatte sich früh auf den Weg gemacht an diesem verregneten Sonntagmorgen. Als Oberkommissar bei der Maarsumer Polizei hatte er jedes zweite Wochenende dienstfrei. Eigentlich. Das nutzte er, um seine Familie in Utrecht zu besuchen. Gestern hatte er außer der Reihe einen Dienst übernehmen müssen und konnte erst heute fahren. Es ärgerte ihn, dass sie ständig unterbesetzt waren. Auch wenn er noch heute wieder zurück musste, er würde es sich nicht nehmen lassen, die drei zu besuchen. Die Sehnsucht wäre unerträglich.
Seine Tochter Anouk war acht Jahre alt, sein kleiner Sohn Tim sechs. Er liebte sie über alles. Er liebte auch seine Frau, auch wenn er in letzter Zeit das Gefühl hatte, es würde immer schwerer, Esther von seiner Liebe zu überzeugen. Sie mussten reden, heute. Dringend.
Familie bedeutete ihm alles. Aber er war so wie er war. Und Esther akzeptierte das. Das hatten sie sich bei ihrer Hochzeit versprochen, sich anzunehmen, so wie sie waren. In guten wie in schlechten Zeiten. Sie hatten sich auch versprochen, treu zu sein.
Sein Hochzeitsversprechen bedeutet ihm etwas, es waren keine leeren Worte. Damals vor zehn Jahren im Kasteel de Haar bei Utrecht, und auch heute nicht. Keine Worte, die dahingesagt wurden, weil es so schön feierlich klang und so romantisch, wie der Park der Burganlage, in dem sie gefeiert hatten. Als er sie ausgesprochen hatte, war er sich ihrer tiefen und verbindlichen Bedeutung bewusst gewesen. Er hatte sich auch noch selbst versprochen, alles für diese Ehe zu tun, was in seiner Macht stand. Er hatte es sich geschworen. Joris war glücklich mit Esther und er wollte, dass diese Ehe funktionierte. Um jeden Preis. Dafür wollte er alles tun. Das hatte er immer getan. Er hatte sich nichts vorzuwerfen.
„Godverdomme!“, fluchte er plötzlich laut. Er war bereits auf der A28 Richtung Amersfoort unterwegs, als ein weißer Lieferwagen dicht vor ihm einscherte und ihn zum Bremsen zwang. „Nur Bekloppte unterwegs hier!“ Bekloppte. Seine Gedanken schweiften zum gestrigen Einsatz auf dem Maarsumer Schlachtfest.
Er hatte die Schlachtfest-Gäste nach den Randalierern gefragt und wie üblich waren die Maarsumer sehr hilfsbereit und auskunftsfreudig gewesen. Er war nun 42 Jahre alt, seit 20 Jahren bei der Polizei, die meiste Zeit davon in den Niederlanden, und er hatte eines gelernt: Wer eine Frage stellt, bekommt meistens auch eine Antwort. Es war so einfach, wie wahr. Er war immer wieder erstaunt, was die Leute bereit waren zu erzählen, einfach nur weil man sie fragte. Je freundlicher man fragte, umso mehr konnte man in Erfahrung bringen. Die meisten Menschen kamen sich bedeutsam vor, vermutete er, wenn sie von der Polizei um ihre Beobachtungen und ihre Meinung gebeten wurden. Einige waren einfach nur froh, helfen zu können. Nur wenige waren gegen die Polizei eingestellt und noch weniger Menschen im Emsland hatten etwas gegen einen Niederländer in einer deutschen Polizeiuniform. Er fühlte sich wohl in Maarsum. Aber Utrecht war sein Zuhause. In weniger als zwei Stunden würde er dort sein. Und er freute sich so sehr, seine Familie wiederzusehen.
Dennoch gab es an diesem Morgen Dinge, die seine Vorfreude minderten. Esther weigerte sich immer noch, mit den Kindern zu ihm nach Maarsum zu ziehen. Sie hatten wieder einmal deswegen gestritten, als sie gestern per Videochat miteinander gesprochen hatten. Er war nun schon zwei Jahre ohne sie dort. Seine Stelle war gesichert und unbefristet und es sprach nichts dagegen, dass sie endlich zu ihm kamen. Anouk und Tim könnten in ländlicher Umgebung aufwachsen, wie er es sich als Kind für sich selbst gewünscht hätte. Utrecht war gefährlich für kleine Kinder, zumindest dort, wo sie wohnten, mitten im Zentrum in der Nähe der Oudegracht. Sie mussten unbedingt heute noch einmal darüber sprechen.
Es wurmte ihn außerdem, dass er die freigewordene Stelle als Hauptkommissar, für die er sich beworben hatte, nicht bekommen hatte.
„Enna Kolder!“, rief er wütend aus, während er den grauen Golf über den Knotenpunkt Hattemerbroek bei Zwolle lenkte. „Was ist das überhaupt für ein Name?“ Man hatte ihm vor drei Wochen mitgeteilt, dass seine Bewerbung sehr großen Eindruck gemacht habe und man sicher wäre, dass er diesen Posten ebenfalls bestens ausfüllen könne, man jedoch einer Kollegin aus Münster den Vorzug gegeben habe. Harald Fehrmann, sein Vorgesetzter aus Papenburg, hatte noch etwas von Frauenquote, Aufstockung des Personals und ein wenig längerer Berufserfahrung gemurmelt, aber da hatte er schon abgeschaltet. Er war enttäuschter, als er sich eingestehen wollte. Morgen würde er der Quotenfrau begegnen.
„Frauenquote! Dass ich nicht lache!“ Wieder sprach er es laut aus. Der Regen prasselte heftiger auf seine Windschutzscheibe und er stellte den Scheibenwischer eine Stufe schneller.
Der Posten hätte ihm zugestanden. Er leitete das Revier praktisch jetzt schon. Außer ihm kam niemand seiner Kollegen für die Stelle in Frage. Paul-Peter war zu jung, Bernd zu alt. Und Frauke war nun überwiegend in der Hauptstelle in Papenburg tätig. Und drei Jahre jünger als er. Den Personalmangel hätte man auch mit jüngeren Kollegen beheben können. Es gab keinen wirklichen Grund, jemanden von außerhalb zu holen. Das sagte ihm nur eines: Man wollte keinen Holländer in einer leitenden Position. Da nahm man lieber eine deutsche Frau. Mehr Berufserfahrung. Welche alte Schachtel man ihm wohl vorsetzen würde.
Sein Berufsalltag würde sich von nun an ändern und das gefiel ihm überhaupt nicht. Vielleicht sollte er doch kündigen. Zurück nach Utrecht zu seiner Familie. Das war eigentlich keine Option. Er war nicht der Typ, der gerne wechselte, zumindest nicht, wenn ihm die Arbeit und die Stadt gefiel. Aber vielleicht sollte er dennoch darüber nachdenken. Er hatte noch eine Stunde Zeit, dann wäre er am Ziel. Es wollte nicht aufhören zu regnen.




