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Es war das zweite Mal heute, dass Enna sich ein Glas Wasser einschenkte, um eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Übelkeit und Schwindel waren weitgehend verschwunden und so sah sie keinen Grund für einen Arztbesuch. Zumal sie nicht sicher war, ob der Schlag auf den Kopf die Ursache war, oder ein simpler Kater. Sie sah auch keinen Grund für das Einräumen und Einrichten ihrer Wohnung. Eine bessere Ausrede als Kopfschmerzen, um Lästiges zu verschieben, gab es nicht. Und dafür, sich eine Tasse Kaffee nach der anderen einzuflößen, während man es sich auf dem Sofa gemütlich machte.
Sie war mitten in der Nacht aufgewacht und hatte festgestellt, dass sie noch angezogen war. Ihre Kehle war ausgetrocknet und sie war aufgestanden, um zu trinken und sich auszuziehen. Bis sie gegen neun Uhr morgens durch den stechenden Schmerz am Hinterkopf aufgewacht war, hatte sie wieder fest geschlafen. Danach konnte sie, trotz anhaltender Müdigkeit, keinen Schlaf mehr finden. Es gewitterte den ganzen Morgen und sie hatte den Eindruck, dass es im Haus immer schwüler wurde.
Anne hatte bereits mehrfach versucht, sie anzurufen und Enna schickte eine kurze Textnachricht. Sie würde sie zurückrufen, wenn die Kopfschmerzen verschwunden waren. Eine aufgedrehte Anne, wie sie sie gestern erlebt hatte, konnte sie in diesem Zustand nicht ertragen. Sie schloss die Augen und ließ die Ereignisse des gestrigen Tages Revue passieren. Ein seltsamer Einstieg in ihre neue Karriere. Ein zukünftiger Mitarbeiter findet sie angetrunken, von einem Terrassenheizer niedergestreckt auf dem Boden liegend bei einem Stadtfest. Solche Dinge durften nicht zu Gewohnheit werden.
Sie blickte sich im Zimmer um. Es würde noch eine Menge Arbeit sein, bis sie sich hier wohlfühlte. Der Gedanke an Arbeit ließ das Hämmern in ihrem Kopf wieder einsetzen. Frische Luft würde guttun. Sie öffnete die Schiebetür zur Terrasse und trat mit ihrer Kaffeetasse unter die Terrassenabdeckung. Der Regen hatte aufgehört. Sie sog die frische, noch kühle Sommerluft ein.
Das Grundstück ihres kleinen Einfamilienhauses grenzte hinten an ein Waldstück. Sie blickte nach rechts und nach links. Keiner ihrer Nachbarn war zwischen den hohen Büschen und Lebensbäumen zu sehen. Nur perfekt geschnittener, hellgrüner Rasen blitzte hier und dort hindurch. Ihr eigener Rasen sah weniger gepflegt aus. Das Haus aus den Sechzigern hatte einem alten Herrn gehört, der ins Betreute Wohnen umgezogen war. Er hatte den Garten und das an das Haus angebaute Gewächshaus aus gesundheitlichen Gründen vernachlässigen müssen, hatte er ihr erzählt. Von allen Immobilien, die ihr angeboten worden waren, hatte ihr dieses Haus dennoch am besten gefallen. Auch wenn sie kein ausgemachter Gartenfan war, hatte sie sich sofort in das rote Backsteingemäuer auf dem 800-Quadratmeter-Grundstück verliebt. Es hatte sie an das Haus ihrer verstorbenen Großmutter erinnert.
Häuser wie dieses gab es viele in der Gegend. Aber nicht jedes hatte eine so günstige Lage. Es befand sich in einem Abstand zur Innenstadt, der leicht mit dem Fahrrad zu bewältigen war, und gleichzeitig mitten in der Natur durch den Mischwald, der sich an ihr Grundstück anschloss mit dem daran angrenzenden Teufelsmoor. Sie hatte vor, den Garten pflegeleicht umgestalten zu lassen und das Gewächshaus abzureißen. An dessen Stelle könnte sie ein Gartenhaus setzen, groß genug, um eine Party darin zu feiern. Mit all den vielen Freunden, die sie hier noch nicht hatte.
In Münster hatte sie einen bescheidenen Freundeskreis, der in erster Linie aus Leuten bestand, die sie auf der Polizeischule kennengelernt hatte. Die könnte sie dann hierher einladen. Ganz sicher würde sie ihre Münsteraner Clique bald vermissen.
„Moin!“ tönte es von der Seite. Es war Helmut Brackmann, ihr Nachbar zur Rechten. Mit Helmut hatte sie schon kurz gesprochen. Er war Rentner und lebte allein. Als sie ihm das erste Mal begegnet war, hatte sie geglaubt, den Prototypen des emsländischen Spießbürgers vor sich zu haben. Nachdem sie sich unterhalten hatten, stellte sie fest, dass der erste Eindruck nicht getäuscht hatte. Sie winkte hinüber. „Moin!“ Dann blickte sie an sich hinunter. Sie trug noch ihre geblümte Pyjamahose, darüber ein altes graues Tanktop, und Schlappen. Sie blickte wieder auf. Helmut war noch da.
„Na? Verschlafen?“ fragte er neugierig.
„Ist doch Sonntag!“ Enna versuchte zu lächeln. Helmut winkte und zog sich dann diskret zurück. Vermutlich war er jemand, der sich auch sonntags den Wecker stellte, um pünktlich in der Frühmesse zu sein. Es war gerade einmal elf Uhr. Da man sie von seinem Haus aus hier nicht sehen konnte, vermutete sie, dass er einen morgendlichen Rundgang durch seinen Garten gemacht hatte, um zu sehen, ob noch alle Blumen und Pflanzen an ihrem Platz waren. Und um dabei zufällig etwas von der neuen Nachbarin zu erspähen. Sie fragte sich, ob sie ungerecht gegenüber Helmut war. Vermutlich war sie das, entschuldigte dies aber mit ihren Kopfschmerzen. Sie nahm einen Schluck Kaffee. Er war kalt. Enna verzog angewidert das Gesicht, entleerte die Tasse ins Blumenbeet und ging wieder hinein.
Ihr Telefon klingelte, als sie es sich gerade wieder auf dem Sofa bequem gemacht hatte. Sie fragte sich, wer sie auf dem Festnetz anrufen würde, die Nummer hatte sie außer Anne und ihrer neuen Dienststelle noch niemandem gegeben. Eine unbekannte Papenburger Nummer im Display.
„Kolder.“
„Guten Morgen Frau Kolder, Harald Fehrmann hier.“ Harald Fehrmann war Polizeipräsident in Papenburg und ihr Chef. Die Tatsache, dass er sie persönlich am Sonntagmorgen anrief, verursachte sofort eine neue Kopfschmerzattacke.
„Guten Morgen Herr Fehrmann. Was kann ich…?“
„Frau Kolder, ich weiß, Sie haben heute noch dienstfrei,“ unterbrach er sie, „und ich störe nur ungern, aber es ist etwas passiert, das ihre Anwesenheit in der Dienststelle Maarsum, bzw. an einem Tatort, schon heute dringend erforderlich macht.“ Harald Fehrmann war ein Mann, den Sie schon beim ersten Kennenlernen während ihres Vorstellungsgesprächs als unsympathisch abgestempelt hatte. Seine Stimme war übernormal laut. Alles was er sagte, gab er mit der Präzision eines Pistolenschusses von sich, machte nie überflüssige Worte oder verwendete Floskeln. Smalltalk schien er ebenso wenig zu kennen. Ein harter Hund. Und ein verdienter Polizist, zweifelsohne. Umso mehr wunderte sie sich nun über sein angebliches Bedauern, sie am Sonntag zu stören.
„Was ist passiert?“, fragte sie nur, denn sie wusste, dass er von den Menschen in seiner Umgebung ebenfalls erwartete, präzise und ohne Umschweife zu sein.
„Leichenfund nahe des Duisterwald bei Maarsum. Weiblich, etwa 30 Jahre alt, mit Würgemalen am Hals und einer Kopfwunde. Vermutlich Mord. Die weiteren Details erfahren Sie von Kriminalhauptmeister Bernhard Kötter-Stroth, den ich bereits beauftragt habe, Sie von zu Hause abzuholen. Kriminaloberkommissar Sollewijn ist leider verreist, daher werden Sie das zunächst allein übernehmen müssen.“ Der Polizeipräsident sprach emotionslos. Enna erstarrte. Nicht dass sie sich nicht einen spannenden Fall zum Einstieg gewünscht hätte, aber gleich einen Mord! Sie konnte sich nicht erinnern, dass es in Maarsum oder Umgebung jemals einen Mord gegeben hatte.
„Selbstverständlich. Ich stehe zur Verfügung“, antwortete sie. Wenn auch nicht sofort, dachte sie, mit Blick auf ihr lässiges Outfit.
„Danke. Und viel Glück bei Ihrem ersten Fall.“ Damit legte er auf und ließ sie mit dem Mordfall allein. Sie marschierte so schnell es ihr Kopf erlaubte ins Schlafzimmer, wo sie die Umzugskisten nach geeigneter Kleidung für eine Mordermittlung bei Regenwetter durchwühlte. Es klingelte an der Haustür. Sie blickte aus dem Fenster auf die Straße. Es war der Streifenwagen. Ein Polizist in Uniform stand vor ihrer Tür. Enna zog sich eine Jeans über, sprang ins Bad, um sich die Haare zu bürsten und lief dann die Treppe hinab. Es klingelte wieder. Das würde heute nichts werden, mit dem gemütlichen Regentag zuhause. Eine Frau war getötet worden. Sie musste sofort los.
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Aus der Ferne war Donnergrollen zu hören, als Enna mit Polizeiobermeister Bernd Kötter-Stroth zur Ems hinunterstiefelte. Es hatte wieder angefangen zu regnen. Der Fundort, eine malerische Emswiese mit einer Böschung zur Ems hinunter, war nahe einem Waldstück gelegen und hatte etwas romantisches. Ein Ort, an dem man sich ein gemütliches Picknick vorstellen konnte, läge nicht eine tote Frau darin. Enna sog den Duft der nassen Erde ein, der sie an ihre Kindheit erinnerte. An ihre Streifzüge durch die feuchten Wiesen hinter ihrem Elternhaus, auf der Suche nach geheimnisvollen Orten, an denen sie sich phantastische Geschichten ausdachte.
Unermüdlich zog der Fluss vorbei. Regentropfen prasselten auf die nackte weiße Haut der Toten, die mit dem Gesicht nach unten unter einer Anhäufung aus Birkenreisig lag. Nur der Kopf und ein Bein schauten unter dem Gestrüpp hervor, wie unter einer Bettdecke aus Zweigen, die man nicht sorgfältig genug auf sie gelegt hatte.
Ungefähr zehn Personen hielten sich in der Nähe des Fundorts auf und starrten die neue Chefin der Maarsumer Polizei an, während sie mit ungewaschenen Haaren im Trenchcoat über die mit Wasser vollgesogene Wiese stapfte. Es blitzte ununterbrochen, entweder durch das Gewitter, das gerade durchzog oder durch den Polizeifotografen, der um die Leichenfundstelle herumlief wie ein Hütehund um eine Schafherde. Enna kam sich vor wie ein Filmstar im Blitzlichtgewitter, nur dass sich statt des roten Teppichs eine Fläche aus schwarzem Matsch zu ihren Füßen ausbreitete und ihre Füße nicht in eleganten Pumps, sondern in ehemals weißen Sneakern steckten.
„Was machen all die Leute hier?“, fragte sie sofort.
„Das sind hauptsächlich Spaziergänger“, meinte Kötter-Stroth. „Und ein paar Tierschützer, die drüben im Duisterwald kampieren.“
„Hat man die Leute schon befragt?“
„Nur die Spaziergänger, die Tierschützer sind gerade erst dazugekommen.“
„Passen Sie bitte auf, dass niemand in die Nähe der Toten kommt!“, bat sie ihn. „Und dass niemand hier irgendwelche Handyfotos schießt! Sperren Sie den Bereich ab!“ Sie glaubte nicht daran, dass all diese Leute hier zufällig spazieren gingen. Nicht in dieser Anzahl, nicht bei diesem Wetter. Sie hasste Gaffer. Im Zeitalter des Handys war eine Neuigkeit wie ein Mordfall so schnell verbreitet, als hätte sie jemand von einem Maarsumer Kirchturm ausgerufen, vermutlich schneller. Den Tierschützern würde sie später einen Besuch abstatten. Personen, die sich nachts hier im Wald aufgehalten haben, könnten wichtige Zeugen sein.
Enna sah sich den Kopf der Toten an. Das Gesicht war kaum zu erkennen, da der starke Regen die Erde hochgespritzt hatte und lange nasse Strähnen ihres blonden Haares es verdeckten. Der schwarze Dreck wirkte wie zerlaufenes Mascara in ihrem Gesicht. Ihr Kopf lag auf der Seite, als ob sie mit geöffneten Augen schliefe. Man konnte noch erkennen, dass sie Lippenstift trug, knallrot, vermutlich wasserfest. Kleidung war unter dem Gestrüpp nicht zu sehen, ihr Körper schimmerte schneeweiß durch die schwarzen Zweige hindurch. Enna vermutete, dass sie schon mindestens 24 Stunden tot war. Fliegen hatten bereits angefangen Eier auf ihr zu legen, wie das Vorhandensein einiger Maden zeigte. Bei warmem Wetter wie gestern, konnte das sehr schnell gehen. Sie schaute sich in der Nähe um. Nichts deutete darauf hin, dass der Mord hier passiert sein könnte.
Die Ems führte zu dieser Jahreszeit wenig Wasser und strömte gemächlich dahin. Die Männer der Spurensicherung und uniformierte Beamte waren damit beschäftigt die Umgebung abzusuchen. Sie wollte warten, bis der Fotograf fertig war, bevor sie die Zweige weiter entfernte. Und sie würde dafür sorgen, dass die Menschen hier verschwanden. Sie hatte noch nicht oft mit Mord zu tun gehabt. Aber in den Fällen, die sie in Münster bearbeitet hatte, hatte sie große Empathie für die Opfer empfunden und eine tiefe Trauer. Gefühle, die sie nicht abschalten konnte, obwohl das für die Lösung des Falles besser gewesen wäre. Ein tiefes Gefühl des Unrechts und der Unzufriedenheit hatte sie gequält, wenn ein Fall nicht gelöst werden konnte. Aber das gehörte zu ihrem Beruf. Es hatte gut getan, mit Rüdiger über solche Dinge zu reden. Er hatte sie verstanden. Er kannte sich damit aus. Sie vermisste ihn.
Was ist dir nur passiert, fragte sie, als sie die Leiche betrachtete und schwor ihr, es herauszufinden.
„Es ist doch hier nichts am Fundort verändert worden?“ fragte sie ihren Kollegen Kötter-Stroth.
„Soweit ich weiß, nicht.“
„Was heißt, soweit Sie wissen?“
„Da müssen Sie wohl den Herrn fragen, der die Tote gefunden hat. Wir haben hier natürlich nichts verändert.“ Er schien ein wenig beleidigt wegen der Frage, aber genau konnte sie das nicht feststellen. Kötter-Stroths Augen waren hinter der Brille kaum zu erkennen. Seine Brillengläser waren mit Wassertropfen gesprenkelt.
„Und wer ist der Herr?“ Enna hasste es, wenn sie jemandem jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen musste. Das war schon vorhin im Streifenwagen so, als sie sich mit Kötter-Stroth bekannt gemacht hatte. Der 60-jährige Polizist hatte sie freundlich willkommen geheißen, aber Details zum Fall hatte sie nur auf Nachfrage erhalten. Immerhin war sie nun seine Chefin und sie erwartete, dass jeder spurte. Sie hatte sich vorgenommen, eine freundschaftliche, aber auch strenge Chefin zu sein. Das hatte sie von Rüdiger gelernt.
„Der Herr Haverland hat sie gefunden. Er steht dort hinten beim Streifenwagen.“ Sie sah in der Ferne einen Mann in Reitstiefeln auf und ab gehen. Sein Pferd graste in einiger Entfernung und ein mittelgroßer, brauner Hund lief um ihn herum. „Er hat schon danach gefragt, gehen zu dürfen. Hat wohl noch dringendes in seinem Betrieb zu erledigen.“
„Am Sonntag? Gut, ich spreche gleich mal mit ihm!“ Gab es denn hier niemanden, der am Sonntag ausspannen wollte?
„Die Forensik ist übrigens schon unterwegs.“
„Gut“, sagte Enna nur. Daran hatte sie noch nicht gedacht. Die Spurensicherung war längst vor Ort, ein Rechtsmediziner erschien jedoch nicht immer am Tatort. Normalerweise reichte eine Untersuchung in der Pathologie aus. Aber manche Rechtsmediziner fanden es hilfreich, das Opfer in der Umgebung des Fundorts zu untersuchen. Das gibt ihnen manchmal weitere Aufschlüsse. Enna betrachtete das als großes Engagement für den Fall und war dankbar. Und das an einem Sonntag. Diese Person hatte auf jeden Fall jetzt schon Pluspunkte bei ihr.
„Bei dem Regen werden wohl nicht viele Spuren an ihr hängenbleiben“, meinte Kötter-Stroth dann. Enna nickte.
„Wenn sie vergewaltigt worden ist, könnten wir Glück haben.“
„Sieht ja ganz danach aus. Wer macht sowas?“ Kötter-Stroth schüttelte fassungslos den Kopf. Manchmal ließ ein Mörder aber auch die Kleidung verschwinden, um keine Spuren zu hinterlassen. Sie fragte sich allerdings auch, warum die Tote nicht einfach in die Ems geworfen wurde. Es hätte sicher länger gedauert, bis man sie gefunden hätte. Vielleicht wäre sie auch für immer in den Fluten versunken.
Ein junger Mann mit langem Vollbart kam auf sie zu. Kötter-Stroth stellte ihn vor.
„Frau Kolder, das ist der Kommissar-Anwärter Paul-Peter Schellenberg von der SpuSi.“ Der Mann war in Zivil und kaum 30 Jahre alt.
„Sie sind der Leiter der SpuSi?“, fragte sie ihn ungläubig. In der Ferne hörte man wieder Donnergrollen.
„Nein, das ist der Herr Ollenschläger. Der ist aber leider längerfristig erkrankt, ich vertrete ihn.“
„So, aha. Sehr schön. Könnten Sie dann hier bitte einen Sichtschutz aufstellen? Am besten ein Zelt, wenn ich mir das Wetter so ansehe.“ Enna hätte wirklich freundlicher zu ihm sein können. Sie merkte, dass sie nervös war. Ihr erster Mordfall als leitende Ermittlerin machte sie nervös. Und trieb ihre Kopfschmerzen auf die Spitze.
„Wie es aussieht, ist die Frau unbekleidet, nicht wahr?“, fragte sie ihn dann.
„Es sieht so aus“, antwortete Schellenberg freundlich.
„Das heißt vermutlich werden wir auch keine Papiere bei ihr finden“ Noch während sie diese Schlussfolgerung aussprach, merkte sie wie absurd diese war.
„Oh, wir wissen wer sie ist“, meinte der junge Mann. „Der Entdecker der Toten kennt… äh, kannte sie.“ Enna sah ihn mit großen Augen an. Sie hatte vergessen, dass in einer Kleinstadt wie Maarsum, beinahe jeder jeden kennt. „Die Tote ist Susanna Schnieders-Kösters, die Frau von Jens Schnieders, eines Wurstfabrikanten aus Maarsum.“
„Und das haben Sie vom Herrn, wie war der Name, Haverland?“, fragte Enna erstaunt. Schellenberg nickte. „Es hat aber vermutlich noch niemand den Ehemann benachrichtigt, nehme ich an?“ Ihr war klar, dass das ihre Aufgabe war, die sie so schnell wie möglich erledigen musste. Bevor die Betroffenen es von jemand anderem erfuhren. Sie war sicher, dass sich die Nachricht von einem vermeidlichen Mord wie ein Lauffeuer in Maarsum verbreiten würde.
„Nein, noch nicht!“ Schellenberg schüttelte den Kopf. Er würde nun das gleiche denken wie sie, da war sie sicher. Es war ihre Aufgabe.
„Wann wird die KTU denn voraussichtlich eintreffen?“ Enna hätte noch gerne ein paar Worte mit dem Mediziner gesprochen, bevor sie die undankbare Aufgabe der Benachrichtigung der Angehörigen übernahm. Schellenberg wandte sich zu seinem Kollegen um.
„Bernd? Weißt du wann Jo hier eintreffen wollte?“ Bernd Kötter-Stroth zuckte mit den Schultern.
„Und Jo ist wer genau?“, fragte sie ungeduldig.
„Jo Engelbert.“
„Okay, … vielen Dank!“ Es gab bei einem Mordfall jede Menge Details zu klären. Die Tatsache, dass man seine Kollegen nicht kennt, machte die Sache nicht einfacher. Sie trat noch einmal an die Tote heran und nahm ein paar Birkenzweige herunter. Die Frau hatte einen durchtrainierten Körper mit Tätowierungen, eine Rose auf dem Schulterblatt und ein Arschgeweih. Sie trug ein silbernes Armband, mehrere Ringe und diverse Piercings in den Ohren.
Enna stapfte über die matschige Wiese die Böschung hinauf, an den Zuschauern vorbei, um mit dem Reiter zu sprechen, der immer noch ungeduldig auf sie wartete.
„Gehen Sie bitte nach Hause, hier gibt es nichts zu sehen“, bat sie die Menschen.
„Ist die Schnieders-Kösters ermordet worden?“ Eine ältere Frau mit Rosenmuster-Regenschirm wollte es genau wissen.
„Wir können dazu noch nichts sagen, bitte gehen Sie!“, wies Enna die Wartenden an. Die Leute setzen sich langsam in Bewegung.
„Die wird sich wohl nicht freiwillig nackt unter den Haufen Gestrüpp gelegt haben“, murmelte ein älterer Herr. Enna stapfte weiter hinauf zur Straße.
Der Hund begann laut zu bellen. Die Anstrengung, die rutschige Böschung hinaufzusteigen und das Gebell des Hundes ließen ihre Kopfschmerzen erneut aufwallen. Es pulsierte und hämmerte gegen ihre Stirn und ihr Schädel fühlte sich an, als wollte er zerplatzen wie eine Melone. Ihre Hand wanderte in die Manteltasche, um nach den Kopfschmerztabletten zu greifen, doch sie hatte kein Wasser, um sie einzunehmen. Sie hatte den Mann noch nicht ganz erreicht, da erkannte sie ihn wieder. Vor ihr stand der blonde Reinhard, der Mann, der Jeden und Jede kannte. Auch die Tote. Die Welt war noch kleiner, als sie dachte.
„Na sowas! Schon so früh unterwegs?“, rief er aus. Er war völlig durchnässt. Sie reichte ihrer Schlachtfest-Bekanntschaft die Hand.
„Nicht freiwillig. Enna Kolder, Kriminalhauptkommissarin aus Maarsum“, stellte sie sich ordnungsgemäß vor. „Ich habe ja gesagt, ich komme wieder.“ Sie versuchte krampfhaft zu lächeln. Das hatte ihr gerade noch gefehlt, dass dieser Trunkenbold und Frauenheld ihr Zeuge war.
„Tja! Ich hatte aber eigentlich noch gestern Abend mit dir gerechnet. Mein Name ist Haverland.“ Er hatte einen enormen Händedruck und seine Hände waren überraschenderweise warm. Da er sie nicht weiter auf das Missgeschick mit dem Terrassenheizer ansprach, vermutete sie, dass er nicht mehr viel von dem Abend mitbekommen hatte. „Dann muss ich dich ja jetzt wohl Siezen“, meinte er lächelnd. Enna überlegte einen Augenblick.
„Nicht nötig.“ Sie war nicht der Mensch für Formalitäten. Der braune Hund, ein kräftiger Airdale-Terrier, kläffte immer noch aus voller Kehle. Schließlich wies er das Tier zurecht.
„Also ich habe die Tote heute bei meinem morgendlichen Ausritt gefunden“, begann er. „Genauer gesagt, mein Hund hat sie gefunden.“
„Hast du, oder dein Hund, irgendetwas am Fundort verändert, zum Beispiel die Zweige abgedeckt?“, fragte sie ihn.
„Ich bin natürlich gleich abgesessen und habe mir das angesehen. Das Bein schaute da raus, und da habe ich natürlich gedacht, da stimmt was nicht“, antwortete Reinhard wichtigtuerisch.
„Also hast du sofort erkannt, dass es sich um eine tote Person handelt?“
„Na ja, so wie meine Hündin angeschlagen hat, dachte ich erst, da ist ein Hase drunter. Dann war’s aber doch ein Häschen!“ Er setze ein frivoles Grinsen auf. „Und das Bein einer Dame erkenne ich auf den ersten Blick, glaub mir.“ Er grinste weiter.
„Ich glaube nicht, dass das ein Anlass für Scherze ist.“, sagte sie streng. Die Tatsache, dass Reinhard Haverland heute nüchtern war, erhöhte nicht die Qualität seiner Sprüche. „Du kanntest die Tote?“, fragte sie.
„Ich kannte sie, jawohl.“ Die Situation schien ihm nicht nahezugehen. Oder er war enorm abgebrüht. „Susanna hatte keine Klasse, … nicht so wie du!“, behauptete er dann. Enna konnte es nicht glauben. Es war ein Mord geschehen und er hatte die Nerven, sie anzubaggern. „Susanna Schnieders-Kösters war die Dorfmatraze“, fügte er hinzu. „Sie ging mit allem und jedem ins Bett.“ Der muss es wohl wissen, dachte Enna bei sich.
„Und du hast nichts am Fundort berührt oder an der Toten?“, fragte sie dann.
„Na ja, ich habe den Kopf etwas freigelegt“, gestand er. „Ich musste doch nachsehen, ob man ihr noch helfen kann. Aber so wie sie aussah, wusste ich gleich, dass sie tot ist. Habe dann noch versucht am Hals den Puls zu fühlen, da habe ich die Würgemale gesehen. Sie war schon eiskalt und ganz starr.“ Enna glaubte ihm. Sie hatte die Leiche gesehen.
„Reitest du jeden Sonntagmorgen hier lang?“, wollte sie wissen.
„Mal hier lang, mal dort lang. Die Pferde wollen ja bewegt werden.“
„Keinen Kater von gestern?“
„Na klar, und was für einen.“ Er grinste ein breites Grinsen. „Reiten macht den Kopf wieder klar. Kannst gerne mal mitkommen, wenn du Lust hast“, bot er an.
„Danke, mein Kopf ist völlig klar.“ Das war eindeutig gelogen, aber sie hatte keine Lust mit Reinhard in eine nähere Beziehung zu treten, nicht einmal zum Reiten. „Wie ist das mit der Schürfwunde in deinem Gesicht passiert?“, wollte sie von ihm wissen. Die Wunde hatte die verdächtige Form von Kratzspuren, ob von einem Menschen oder einem Tier, konnte sie nicht sagen. Reinhard fasste sich ins Gesicht und strich sich über die verheilende, schorfige Wunde.
„Ach das, … das ist vom Radfahren. Ich habe mit dem Gesicht gebremst. Soll man nicht machen, ist ungesund!“ Er lachte.
„Ist das gestern passiert?“
„Nee, am Freitag. Hatte schon was auf. Da konnte ich natürlich nicht mehr Auto fahren, Frau Wachtmeister, das können Sie sich ja vorstellen.“ Und wie genau sie sich das vorstellen konnte! Er war also auch am Freitag schon ziemlich betrunken gewesen. Und prahlte damit. Sie hielt das übermäßige Trinken keinesfalls für ungewöhnlich. Im Emsland wurde viel getrunken, dafür war es bekannt. Und bei Festen hielt sich kaum jemand zurück, das hatte sie in ihrer Jugend oft erlebt. Und auch selbst praktiziert. In Ennas Jugend gab es eine Phase, in der sie das Leben ausprobiert hatte, mit all seinen Möglichkeiten und Facetten. Alkohol hatte dazu gehört.
„Wann hast du Susanna Schnieders-Kösters zuletzt lebend gesehen?“, fragte sie schließlich.
„Puh, keine Ahnung. Wahrscheinlich am Freitag, am ersten Abend des Schlachtfestes. Ja, da habe ich sie kurz getroffen. Sie war mit Heinz dort, ihrem Vater. Und Marita, seine Lebensgefährtin, war auch da. Wird das jetzt ein Verhör, oder was?“ Susannas Tod ließ ihn definitiv völlig kalt.
„Nein. Aber ich möchte dich bitten, morgen auf dem Revier zu erscheinen. Für eine Zeugenaussage. Und ich möchte dich außerdem bitten, umgehend ins Krankenhaus oder zu einem Arzt zu gehen, für einen Blutalkoholtest. Vielen Dank.“ Reinhard pfiff missbilligend durch die Zähne.
„Und wenn ich mich weigere?“




