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Ekkehard Wagner
Glasschäden
Oberflächenbeschädigungen
Glasbrüche in Theorie und Praxis

„Wo bist du, Glas? Ich sehe dich nicht.
Nur den Strahl, der sich in dir bricht.“
Gerhart Hauptmann
aus „Glas“, 1933
5., überarbeitete und erweiterte Auflage 2020
© 2020 by Holzmann Medien GmbH & Co. KG, 86825 Bad Wörishofen
Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, fotomechanischen Wiedergabe und Übersetzung nur mit Genehmigung durch Holzmann Medien.
Das Werk darf weder ganz noch teilweise ohne schriftliche Genehmigung des Verlags in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm, elektronische Medien oder ähnliches Verfahren) gespeichert, reproduziert oder sonst wie veröffentlicht werden. Diese Publikation wurde mit äußerster Sorgfalt bearbeitet, Verfasser und Verlag können für den Inhalt jedoch keine Gewähr übernehmen.
Fotos und Grafiken: Ekkehard Wagner
Lektorat: Achim Sacher, Holzmann Medien | Buchverlag
Herstellung: Markus Kratofil, Holzmann Medien | Buchverlag
Druck: Druckerei Steinmeier | Deiningen
ISBN (Print): 978-3-7783-1486-9 | Artikel-Nr. 1606.05 ISBN (E-Book): 978-3-7783-1487-6 | Artikel-Nr. 1606.98Glas – ein absolut faszinierender Baustoff, der in den letzten Jahrzehnten in immer weiteren Anwendungsbereichen nicht nur im Hochbau und im Innenausbau eingesetzt wurde. Da bleibt es nicht aus, dass sich dabei die Grenzen mancher Anwendung zeigen oder das Glas in Einzelfällen so beansprucht wird, dass die Grenze der Belastbarkeit überschritten wird. Diese Auswirkungen zeigen sich dann nicht allein im Versagen des Materials.
Beschädigungen der Oberfläche bis hin zu Glasbruch sind nicht immer einfach zu beurteilen. Ohne entsprechende Erfahrung ist eine sorgfältige und eindeutige Ursachenzuordnung nicht immer möglich. Um die vorhandenen Erfahrungen auch anderen Glasfachleuten weiterzugeben, wurde dieses umfassende Buch über Glas, Oberflächenschäden und Glasbrüche und deren Ursachen geschrieben, das weit über das bisher Bekannte und Veröffentlichte hinausgeht. Neben den bisher durch den Autor veröffentlichten 49 unterschiedlichsten, schematisierten Glasbruchbildern an den verschiedenen Glasarten wurden auch in dieser 5. Auflage wiederum 4 neue und interessante Bruchbilder aus der Praxis aufgenommen, die häufiger auftreten. Auch das Kapitel Oberflächenbeschädigungen bei Glas mit bisher 23 differierenden Schadensbildern wurde um zusätzliche 6 Schadensfälle erweitert. Alle Kapitel von der Glasherstellung über die Kerbspannungstheorie bis hin zur Bruchmechanik wurden überarbeitet, erweitert und komplettiert. Zusätzliches Thema in dieser 5. Auflage ist die Materialverträglichkeit. Bei der Vielzahl an Materialien, die im Hochbau und Innenausbau eingesetzt werden können, ist die Verträglichkeit ein absolut wichtiger, nicht zu unterschätzender Punkt, der sehr schnell zu gravierenden, kostspieligen Schäden führen kann. Auch zu diesem Thema sind 12 zusätzliche Schadensbilder aufgenommen worden. Im Anschluss daran wird die Nutzungsdauer von Bauteilen auszugsweise für alle mit Glas in Zusammenhang stehenden Bauteilen kurz in einer Tabelle dargestellt, wie sie vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) herausgegeben wird.
Somit werden physikalische, mechanische und optische Eigenschaften und Eigenarten von Glas, deren Nutzungsdauer, Bruchvorgänge, Oberflächenschäden und Materialverträglichkeiten detailliert behandelt, um den vielen Anwendern und Nutzern von Glas entsprechendes Wissen zu vermitteln. Bei genauer Kenntnis des Inhalts und einer gewissen, notwendigen Erfahrung lassen sich für nahezu alle Arten der an Glas auftretenden Schäden, wie Oberflächenbeschädigungen, Glasbrüche und Unverträglichkeiten der angrenzenden Materialien meist eindeutige Ursachen finden und zuordnen. Untermauert wird diese theoretische Abhandlung nicht nur durch eine Vielzahl von systematisierten, erklärenden Bildern, die die Theorie anschaulich darstellen und mit Praxisbeispielen belegen, sondern auch mit Fotos aus dem umfangreichen Bildarchiv des Autors und einiger Sachverständiger zur Bestätigung der theoretischen Grundlagen.
Damit ist eine genaue Beurteilung der Schadensursachen in den allermeisten Fällen relativ einfach möglich. Dies führt zu einem besseren Verständnis der Eigenschaften, Eigenarten und Schadensbilder von Glas und den damit in Kontakt tretenden Materialien.
Besonderen Dank gilt all denjenigen, die für die 4. und 5. Neuauflage Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben, insbesondere den Kollegen Manfred Beham, Udo Bethke, Helmut Geschl, Gerhard Kirchhofer, Henric Memmert (Kömmerling), Norbert Pauleit, Karl Polanc, Markus Renaltner, Wolfgang Sawall, Jürgen Sieber und Franz Zapletal.
Allersberg, im Sommer 2020
Ekkehard Wagner und
Holzmann Medien | Buchverlag
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Teil 1Glas – Definition und Aufbau
1.1Definition und Aufbau
1.2Weitere Definitionen von Glas
1.3Zusammensetzung von Glas
1.4Färben von Glas
1.5Glas in der Natur
1.6Weitere Glasarten
Teil 2Glas und die Glasoberfläche
2.1Technische Eigenschaften
2.2Lichttechnische Eigenschaften von Glas
2.3Viskosität
2.4Oberflächenhärte
2.5Druckfestigkeit
2.6Zugfestigkeit
2.7Dichte
2.8Ausdehnungskoeffizient
2.9Wärmeleitfähigkeit
2.10Wärmedämmung mit Glas
2.11Elektrische Eigenschaft
2.12Chemische Beständigkeit
2.13Zinnseite bei Floatglas
2.14Interferenzen
2.15Newton'sche Ringe
2.16Anisotropie
2.17Doppelscheibeneffekt bei Isolierglas
2.18Koppelungseffekt bei Isolierglas
Teil 3Kondensat auf der Oberfläche
3.1Grundlagen der Kondensatbildung
3.2Arten der Kondensatbildung
3.3Formeln zur Errechnung der Oberflächentemperatur
3.4Vergleich der raumseitigen Oberflächentemperaturen bei Gläsern mit unterschiedlichen Ug-Werten
3.5Taupunktdiagramm
3.6Kurven gleicher relativer Feuchte
3.7Maximaler Feuchtigkeitsgehalt der Luft (100 % r. F.) in Abhängigkeit der Temperatur
3.8Taupunkttemperaturen Ts der Luft in Abhängigkeit von Temperatur und relativer Feuchte nach DIN 4108
3.9Taupunktvergleich
Teil 4Oberflächenbeschädigungen an Glas
4.1Chemische Oberflächenbeschädigungen
4.2Mechanische Oberflächenbeschädigungen
4.3Vorbeugende Maßnahmen
4.4Sanierungsmaßnahmen bei Oberflächenbeschädigungen
4.5Scheibenreinigung
4.6Benetzbarkeit der Oberfläche durch Kondensat
4.7Außenbeschichtete oder besonders veredelte Gläser
Teil 5Glasbruch
5.1Wie entsteht Glasbruch
5.2Die Kerbspannungstheorie
5.3Abhängigkeiten bei Floatglas: Anrisstiefe, Biegezugfestigkeit und Temperaturwechselbeständigkeit
5.4Bruchmechanik von Glas
5.5Bearbeitung von Glas
5.6Laserschneiden (thermisches Trennen)
5.7Am Baukörper auftretende Lasten
5.8Thermisch verursachter Bruch
5.9Mechanisch verursachter Bruch
5.10Glasbruch bei Glas mit Drahteinlage
5.11Glasbruch bei Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG)
5.12Glasbruch bei teilvorgespanntem Glas (TVG)
5.13Glasbruch bei Verbund-Sicherheitsglas (VSG)
5.14Glasbruch bei Ornamentglas
5.15Glasbruch in Abhängigkeit der Auflagerung
5.16Vorgehen beim Beurteilen von Glasbrüchen
5.17Bruchregeln
5.18Rissheilung
Teil 6Materialunverträglichkeiten
6.1Allgemeines
6.2Grundlagen
6.3Wechselwirkung/Migration
6.4Verträglichkeitsprüfung
6.5Weichmacherwanderung
6.6Praxisanwendungen
6.7Zusammenfassung
Teil 7Nutzungsdauer von Bauteilen mit Glas
Teil 8Schadensbilder
8.1Oberflächenbeschädigungen – Schadensbilder A
8.2Glasbruch – Schadensbilder B
8.3Unverträglichkeit – Schadensbilder C
Der Autor
Stichwortverzeichnis
Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Teil 1Glas – Definition und Aufbau
1.1Definition und Aufbau
Zur Beurteilung von Glasschäden ist die Kenntnis des Glasaufbaus immer hilfreich. Allerdings kann die einfache Frage „Was ist Glas?“ nicht leicht beantwortet werden. Das Wort Glas leitet sich ursprünglich aus dem germanischen Wort glasa ab, was so viel bedeutet, wie „das Glänzende, das Schimmernde“. Die Germanen verwendeten das Wort auch für die Bezeichnung von Bernstein. Bereits 1779 schrieb D. Johann Georg Krünitz in der oeconomischen Encyclopedie:
„Glas (das) ein jeder glänzender Körper. In dieser weiteren Bedeutung war es ehedem gewöhnlich, verschiedene Körper dieser Art zu bezeichnen. Dass die alten Deutschen den Bernstein Glas genannt haben, erhellet aus dem Tacitus und Plinius. Die alten Schweden nannten das Gold Gliis, Gläs, Bargläses, so wie die Phrygier aus eben dieser Ursache Gleros, Gliros. Auch das lateinische Glacies, Eis, gehört hierher. Im Deutschen kommt diese Bedeutung nur noch in den Zusammensetzungen Glaserz, Glaskopf, Spießglas usw. vor, wo es so viel wie Glanz bedeutet.“
Weiterhin steht dort zu lesen:
„Glas in der engsten Bedeutung, ein aus Sand oder Kieseln mit einem Alkali und Salz zusammengeschmelzter durchsichtiger glänzender Körper, welcher im gemeinen Leben zu mancherley Bedürfnissen gebraucht wird.“ [64]
Ein einfacher Definitionsversuch zeigt im Nachfolgenden mehrere Möglichkeiten auf:
Eine Beurteilung der Substanz Glas nach ihrer Zusammensetzung kann relativ einfach dargestellt werden: Glas besteht aus Sand (Netzwerkbildner), aus Soda (Netzwerkwandler/Flussmittel) und aus Kalk (Stabilisator). Das Zusammenwirken dieser drei Substanzen erläutert die nachfolgende Modellbeschreibung, die der Einfachheit halber zweidimensional dargestellt wurde: Die Einschmelzung von reinem Sand, der überwiegend aus Siliziumdioxid (Kieselsäure) besteht, geschieht bei sehr hohen Temperaturen (> 1.800 °C). Siliziumdioxid SiO2 ist in kristalliner Form als Quarz-Kristall bekannt, die Moleküle sind symmetrisch angeordnet, wie dies bei Kristallen üblich ist.

Quarzkristall; Anmerkung: Die vierten Valenzen des Si ragen jeweils nach oben oder unten aus der Zeichnungsebene heraus, da eine einfache und übersichtliche Darstellung nur zweidimensional möglich ist.
Bei den hohen Temperaturen der Einschmelzung von Sand entsteht ein unregelmäßiges Schmelzgefüge von vernetzten Siliziumdioxidmolekülen. Das hierbei entstehende Schmelzprodukt bezeichnet man als Quarzglas.

Quarzglas; Anmerkung: Die vierten Valenzen des Si ragen jeweils nach oben oder unten aus der Zeichnungsebene heraus, da eine einfache und übersichtliche Darstellung nur zweidimensional möglich ist.
Um einen wesentlich niedrigeren Schmelzpunkt zu erreichen und damit den Herstellungsprozess ökonomischer zu gestalten, wird Soda beigemischt und verschmolzen. Soda (Natriumkarbonat Na2CO3) als so genannter Netzwerkwandler spaltet die Netzwerkbindungen zwischen den einzelnen Siliziummolekülen und sorgt so für einen wesentlich niedrigeren Schmelzpunkt des Quarzsandes. Als Endprodukt entsteht eine Flüssigkeit namens Wasserglas, die früher zum Beispiel im Brandschutzbereich (Anstrich bei Holzdächern) verwendet wurde.
Spaltung zu Wasserglas


Wasserglas; Anmerkung: Die vierten Valenzen des Si ragen jeweils nach oben oder unten aus der Zeichnungsebene heraus, da eine einfache und übersichtliche Darstellung nur zweidimensional möglich ist.
Wasserglas ist eine flüssige Substanz und hat deshalb nur wenig Ähnlichkeit mit festem Glas. Um wieder eine feste Substanz zu erhalten, aber auch zur Steuerung des Spaltungsprozesses, wird nun zusätzlich zu Sand und Soda die Substanz Kalk (Calciumkarbonat CaCO3) als Stabilisator beigemengt. Dadurch werden die gespaltenen Netzwerkverbindungen zwischen den Siliziummolekülen durch den Kalk wieder teilweise rückgängig gemacht. Nach der Erschmelzung dieser Substanzen in Abhängigkeit der Mengenzugabe des Kalkes entsteht wieder ein fester Stoff. Es handelt sich dabei um Kalk-Natronsilikatglas, das bei wesentlich niedrigeren Temperaturen ökonomischer hergestellt werden kann.
Kalk-Natronsilicatglas-Stabilisierungsprozess:


Kalk-Natronsilikatglas; Anmerkung: Die vierten Valenzen des Si ragen jeweils nach oben oder unten aus der Zeichnungsebene heraus, da eine einfache und übersichtliche Darstellung nur zweidimensional möglich ist.
Während des Erschmelzungsprozesses von Glas wandelt sich Natriumkarbonat in Natriumoxid und Calciumkarbonat in Calciumoxid um. Dadurch entsteht ein relativ hoher Anteil an Kohlendioxid (CO2), das als Gas freigesetzt wird. Im „Läuterungsprozess“ entweicht es aus der flüssigen Glasschmelze.

Zur Herstellung von Borosilikatglas wird anstelle des Sandes teilweise Natriumborat (Na2B2O4) als Netzwerkbildner verwendet. Bei Kalkkaliglas wird anstelle von Soda als Netzwerkwandler Kaliumkarbonat (K2CO3) oder auch das Doppelsalz Dolomit verwendet. Es können aber noch andere Stoffe als Netzwerkbildner fungieren, wie Bortrioxid oder nichtoxidische wie Arsensulfid.
Man kann bei Glas unterscheiden zwischen sogenannten „Hartgläsern“ wie Borosilikaten mit hohen Kühlpunkten, hoher Beständigkeit gegen chemische Angriffe, deutlich höherem Erweichungsverhalten und sehr hoher Temperaturwechselbeständigkeit und zwischen „Weichgläsern“ wie Kalk-Natronsilikatgläsern, Bleigläsern oder Nichtsilikatgläsern mit leichterer Erschmelzbarkeit und Formgebung, geringerer Temperaturwechselbeständigkeit und geringeren Herstellkosten. Diese Bezeichnungen haben allerdings nichts mit der eigentlichen Härte (Oberflächen-, Schleif-, Ritz-, Vickers- oder Mohshärte siehe Kapitel 2.3) von Glas zu tun.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Glas hauptsächlich aus einem Netzwerk von Siliziummolekülen, Natriumoxid und Calciumoxid besteht. Weitere Substanzen des Glasgemenges wie Nitrate, Sulfate oder organische Substrate dienen bei der Glasherstellung als Läuterungsmittel oder als Pigmente. Sie haben keinen entscheidenden Einfluss auf die Struktur des Glases.
1.2Weitere Definitionen von Glas
Die American Society for Testing and Material (ASTM) definiert Glas gemäß seiner Struktur als ein anorganisches Schmelzprodukt, dessen Abkühlung sich ohne wesentliche Kristallisation vollzieht und das unterhalb des Transformationspunktes einen erstarrten Zustand einnimmt.
Bei normalen Temperaturen ist Glas eine feste Flüssigkeit mit extrem hoher Viskosität und somit ein Körper mit amorpher Struktur (nicht kristallin). Dieser glasig amorphe Zustand unterscheidet sich zum kristallinen Zustand dadurch, dass die Moleküle lediglich in einer Nahordnung gebunden sind. Es fehlt ein symmetrisches und periodisches Kristallgitter.
Für Ingenieurwissenschaftler ist Glas – einfach ausgedrückt – eine eingefrorene, unterkühlte Flüssigkeit.
Strukturmechanisch betrachtet ist Glas nichts anderes als eine thermodynamisch metastabile, eingefrorene Schmelze mit einer eingeprägten, inneren Energie.
Anders als zum Beispiel beim Bergkristall besitzt Glas unterhalb des Transformationspunktes keine Möglichkeit mehr, einen geordneten kristallinen Zustand einzunehmen. Aus den vorgenannten Definitionen erkennt man, dass die Substanzen des flüssigen Glases beim Abkühlprozess bereits ab 600 °C einen erstarrten, d. h. unbeweglicheren Zustand einnehmen. Somit verharrt Glas also unter 600 °C im Aggregatzustand einer Flüssigkeit, die in diesem Ausnahmefall fest ist.
Die DIN EN 572-1 definiert Floatglas, das heute allgemein im Hochbau, Innenausbau und Automobilbau eingesetzt wird, folgendermaßen: Planes, durchsichtiges, klares oder gefärbtes Kalk-Natronsilikatglas mit parallelen und feuerpolierten Oberflächen, hergestellt durch kontinuierliches Aufgießen und Fließen über ein Metallbad.
Einige Gemengesätze für Floatglas und für Spiegelglas zeigt die nachfolgende Tabelle 1. Daran sind die Veränderungen von der Spiegelglasproduktion aus Ziehwannen zur Floatglasproduktion erkennbar. Dieser angegebene Float-Gemengesatz variiert von Unternehmen zu Unternehmen (wie auch früher beim Spiegelglas) nach Art der verwendeten Rohstoffe. Zusätzlich werden je nach Anfall 25 % bis 60 % Scherben, vorwiegend aus der eigenen Produktion, zugesetzt. Das daraus erschmolzene Floatglas bzw. das seit den 80er Jahren bis heute verwendete Standardfloatglas hat die in Tabelle 2 angegebene Zusammensetzung (Gläser [4], Petzold [15], EN 571-1), die verfahrens- und rohstoffbedingt nur geringfügig schwankt.
Bei der Herstellung von eisenoxidarmen, „extraweißen“ Gläsern beträgt der Anteil von Eisenoxid nur noch ca. 0,005 % gegenüber ca. 0,05 bis 0,09 % bei Float- oder Spiegelglas.
Es ist auch möglich, Glas ohne Schmelzen im Sol-Gel-Prozess herzustellen, wie beispielsweise Silikat-Aerogele.
1.3Zusammensetzung von Glas
Die verschiedenen Glasarten von reinem Quarzglas über Kalk-Natronsilikatglas, Borosilikatglas bis hin zu Bleikristallglas enthalten unterschiedlichste Zusammensetzungen wie die nachfolgenden Tabellen zeigen.
Tabelle 1:Typische Gemengesätze für Floatglas und Spiegelglas

Der Quarzsand dient als reiner SiO2-Träger zur Netzwerkbildung. Sein Anteil an Eisenoxid entscheidet über die Eigenfarbe des Glases, die leichte Grünfärbung. Die Korngröße des Sandes sollte möglichst zwischen 0,1 und 0,4 mm liegen. Flussmittel dienen dazu, den sehr hohen Schmelzpunkt des Quarzsandes von ≥1.700 °C zu reduzieren.
Soda oder Natriumkarbonat (Na2CO3) als Mineral Natrit dient als Netzwerkwandler und Natriumoxidträger und es sorgt als Flussmittel auch für einen niedrigeren Schmelzpunkt des SiO2. Dabei wird während des Schmelzvorganges CO2 als Gas frei, das aus der Schmelze entweichen muss, das Natrium geht während des Schmelzvorganges in das Glas ein.
Dolomit ist der Träger von CaO und MgO, dabei wirkt MgO ähnlich wie CaO, das bei mäßiger Zugabe von ca. 10 – 15 % die Härte und chemische Beständigkeit des Glases erhöht. Dolomit wird in Flachglas meist anstelle von Kalk eingesetzt, da in ihm CaCO3 und MgCO3 enthalten sind.
Kalk oder Calciumcarbonat (CaCO3) dient als Netzwerkwandler, in der Schmelze entsteht dadurch bei ca. 1.000°C das Gas CO2, das aus der Schmelze entweicht und CaO, das in das Glas eingeht. Kalk kommt in der Natur als Kalkstein, Kalkspat, Kreide oder Marmor vor. Durch die Beimengung von Kalk werden die Härte und chemische Resistenz des Glases erhöht.
Feldspat (NaAlSi3O2) dient als Zuträger von Al2O3 (Tonerde) in das Gemenge, neben SiO2 und NaO2. Dadurch erhöht sich die chemische Beständigkeit gegenüber Wasser, Umwelteinflüssen und Nahrungsmitteln.
Sulfat in Form von Na2SO4 dient in geringen Mengen zur Erzielung verbesserter Schmelzeigenschaften.
Tonerde oder Aluminiumoxid (Al2O3) dient in der Schmelze als Netzwerkbildner und beseitigt Trennstellen im SiO2-Tetraeder. Es wird dem Gemenge meist als alkalihaltiger Feldspat (z. B. NaAlSi3O8) beigemischt. Dadurch erreicht man eine verbesserte chemische Resistenz und eine erhöhte Zähigkeit in tieferen Temperaturbereichen.
Pottasche oder Kaliumcarbonat (K2CO3) dient als Lieferant von Kaliumoxid für die Schmelze als Netzwerkwandler und als Flussmittel. Es wurde früher durch Auslaugen von Holzasche in großen Gefäßen gewonnen, inzwischen wird es industriell aus Kaliumsulfat hergestellt. Auch hierbei wird während des Schmelzvorganges CO2 als Gas frei, das aus der Schmelze entweichen muss.
Neben diesen Hauptbestandteilen des Gemenges werden diesem noch verschiedenste Oxide beigemischt zur Beeinflussung von Beständigkeit, Härte, Schmelztemperatur, Lichtbrechung und Brillanz.
Scherben aus der eigenen Produktion oder aus dem Altglasrecycling werden dem Gemenge ebenfalls beigegeben, Altglas vor allem in der Behälter- und Glaswollindustrie. Sie dienen in gewisser Weise ebenfalls als Flussmittel, um den hohen Schmelzpunkt zu senken.
Die Zusammensetzung des daraus erschmolzenen Glases zeigt die nachfolgende Tabelle.
Tabelle 2:Zusammensetzung von Floatglas (Kalk-Natronsilikatglas)
Chemische Verbindung Anteil Gew.% Anteil Gew.% nach EN 572-1 Chemische Formel Siliziumdioxid (Kieselsäure) 72 – 72,8 69 – 74 SiO2 Calciumoxid 8,6 – 9,0 5 – 14 CaO Natriumoxid 13,8 – 14 10 – 16 Na2O Magnesiumoxid 3 – 4 0 – 6 MgO Aluminiumoxid (Tonerde) 0,3 – 0,8 0 – 3 Al2O3 Eisenoxid 0,05 – 0,09 Fe2O3 Kaliumoxid 0,2 K2O Sonstige 0,1 – 0,5 0 – 5 SO3 u.a.Durch die Zugabe von Aluminiumoxid wird die mechanische, thermische und chemische Widerstandsfähigkeit von Glas erhöht.




