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„Das kann ich mir vorstellen“, gluckste Silvanus und wackelte mit den Augenbrauen.
Loranthus lugte auf sein Kräuterröckchen herab und zupfte schnell am Beifuß, doch Silvanus sah nicht mehr auf das, was da hervorlugte. Er war jetzt mit Schwanken im Sitzen beschäftigt.
Viviane übernahm in der ersten Runde den Schrittrhythmus von Elektra, gleich darauf drehte sie sich in immer größeren Abständen um den König herum. Trotzdem verrenkte sich Silvanus den Hals und alles was man sonst noch verrenken konnte, um Viviane hinter den Flammen besser sehen zu können.
Loranthus zog einen Schmollmund.
„Warum gehen sie denn nicht wieder so zusammen wie vorhin bei Elektra?“, maulte er in möglichst interessiertem Tonfall.
„Weil der König unsere Sonne symbolisiert. Viviane tanzt für die Mondgöttin. Sie sind der Tag und die Nacht. Zur Sommersonnenwende ist der Tag viel länger als die Nacht. Deshalb berühren sie sich nicht.“
Silvanus leckte sich über die Lippen, als Viviane in ihrer Nähe vorbei zirkelte, jawohl zirkelte, denn sie streckte ihr rechtes Bein weit aus und drehte sich um sich selbst. Prompt geriet Silvanus in extreme Schräglage, was Loranthus zu einen verständnislosen Blick animierte, bis er diesen anmutigen Tanzschritt auch einmal aus dieser Perspektive betrachtete.
„Bei Artemis!“, quiekte er und zuckte wieder hoch. „Als der König vorhin mit Elektra getanzt hat, war das also die Zeit um die Frühjahrstagundnachtgleiche“, versuchte er sich abzulenken.
„Genauuu“, grunzte Silvanus, schmatzte „Früh … jahrs … tag … und … nacht … gleiche“ und schnalzte vergnügt mit der Zunge. „Zur Sommersonnenwende kommt immer der zweite Tanz hinzu.“
„Der mit Viviane.“
„Ja. Oder mit einer anderen Schwangeren. Es ist eine hohe Ehre, für die Mondgöttin zu tanzen.“
„Kann ich mir vorstellen“, hauchte Loranthus schlapp und ließ dazu passend die Schultern hängen. Doch da ruckte er plötzlich hoch und fasste sich ins Genick, als habe ihn etwas gezwickt.
„Dann müsstet ihr zur Herbsttagundnachtgleiche ja drei Tänze haben! Und beim dritten ist der Tag wieder gleichlang mit der Nacht!“
„Ja“, bestätigte Silvanus und erhob sich. „Königin Elsbeth ist dabei immer die Mondgöttin.“
Loranthus sackte zusammen und atmete erleichtert aus, doch da zuckte er schon wieder. Diesmal allerdings mit eindeutiger Schräglage, denn König Gort hatte ihm einen derben Klaps auf die Schulter verpasst.
Loranthus war so verdattert, dass er ihm nur mit offenem Mund hinterher starren konnte, während er verzweifelt um sein Gleichgewicht rang. Der König bekam seine Notlage nicht mit.
Er bewegte sich durch die Reihen hindurch und klopfte jedem Mann auf die Schulter. Keiner kippte zur Seite und Loranthus wurde sich wieder einmal bewusst, dass er nur ein dürres Ästchen unter Knüppeln war. Nein, er war eine Weidenrute, biegsam und geschmeidig! Immerhin hatte er es gerade in die Vertikale geschafft. Und außerdem waren es die anderen Barbaren-Männer gewohnt, einen Klaps vom König verpasst zu bekommen, denn sie feierten schließlich jedes Jahr die Sommersonnenwende auf Barbarenart.
Dass er in seinen Überlegungen richtig lag, zeigte ihm der rabiate Umgang seiner Gastgeber mit ihresgleichen. Johlend schleiften sie alle Leute weg, die eingeschlafen waren. Conall und Tarian zerrten den selig schlummernden Medan besonders grob über die Wiese.
Ganz anders Viviane. Anmutig tänzelte sie durch die Frauenabteilung und berührte jede von ihnen sanft an der Schulter. Sie lächelte auf eingeschlafene Maiden herab, ihre langen Haare wallten über die weiche Kuhhaut, rotbraun auf weiß, alles schwang und wehte … und die Beine … so graziös, so … „Was?“
Silvanus zog Loranthus mit einem Ruck auf die Füße, denn er hatte ihn jetzt schon das dritte Mal aufgefordert, mit zu den Fässern zu kommen, wo die Sklaven den Met austeilten. Als er es endlich begriffen hatte, ging er auch ohne Hilfe, wollte aber tatsächlich zum Himbeersaft abschwenken. Silvanus musste ihn quasi vor sich her schieben. Wenn das Medan gesehen hätte … vor allem, dass er sein Horn auch noch nur halbvoll wollte.
Da erklärte Silvanus seinem griechischen Schüler sehr geduldig, dass er einen Teil den Göttern opfern sollte. Sofort ruckten Loranthus’ Augenbrauen nach oben und sein Horn nach vorne über das Fass Met.
„Ein Trankopfer?!“, johlte er und verrenkte sich den Hals, bis er gefunden hatte, was er suchte. „Sehr schön. Mach nur ordentlich was rein, Loth! Wir Griechen lieben Trankopfer! Ach, was sag ich! Wir Griechen sind die Erfinder des Trankopfers, oder präziser: die Nachkommen der Erfinder des Trankopfers!“
„In deiner Heimat gibt es bestimmt viele Sümpfe, Loranthus!“ rief einer irgendwo hinter ihm.
„Oder präziser: In deiner Heimat laufen alle den ganzen Tag mit einem Fass Wein auf dem Buckel rum, damit sie jederzeit für ein Trankopfer gerüstet sind!“ wusste ein anderer.
„Ganz genau. Und weil ihr immer so viel Wein verschüttet, bekommt ihr den Hals nicht voll!“ sinnierte ein weiterer.
„Ja, und deshalb habt ihr auch Sandalen! Da läuft alles besser ab, wenn ihr durch all den vergossenen Wein waten müsst!“
Loranthus nahm vom grinsenden Loth sein Horn entgegen, drehte sich um, reckte die Brust und sagte pikiert: „Wie ich höre, habt ihr eine sehr praktikable Art, Ursache und Wirkung in Einklang zu bringen, bis auf die Fässer. Wir Griechen haben Amphoren aus bruchsicherem Graphittongemisch. Aber Fakt ist eines: „Die Götter selbst haben uns das Trankopfer gelehrt, und überhaupt haben …“
„ … alle anderen auch noch ein leeres Horn, genau wie ich.“
Silvanus schob Loranthus zur Seite und hielt Loth sein Horn hin. Diese Aktion dauerte einen Wimpernschlag, und schon ging Loranthus bereitwillig vor ihm her, ohne weiter zu diskutieren. Dabei machte er ein Hohlkreuz, was an Silvanus’ Finger lag, der ihm ins Kreuz pikte und ihn gleichzeitig zum Opferfeuer dirigierte. Dieses Ursache-Wirkung-Prinzip funktionierte so gut, dass Loranthus seine Augen nicht brauchte und prompt seinen Kopf nach hinten drehte.
„Warum stehen Viviane, Flora, Noeira und Taberia beim Kräutertee?“
„Es ist egal, mit welchem Getränk du den Göttern opferst. Schwangere und stillende Weiber sollten lieber auf den Met verzichten. Du wirst bald selbst erkennen, warum. Komm, wir müssen zur Opfergabe. Afal und König Gort warten schon.“
Loranthus sah zu den beiden und erkannte gleich, dass sie in einer bestimmten Linie am Feuer standen. Afal genau im Osten und der König gegenüber im Westen – jeweils exakt an den Stellen, wo am Morgen die Sonne aufgegangen und gerade eben untergegangen war.
Als alle Erwachsenen mit erwartungsvollen Mienen um den brennenden Wall standen, hob Afal sein Horn.
„Entsprungen euren Lenden, bitten wir euch laut: Kommt zu uns, ihr allmächtigen Götter!“, rief er feierlich und goss einen Schluck Met ins Feuer, dass es zischte.
Auf der anderen Seite hob König Gort sein Horn.
„Vereint seit Anbeginn der Zeit, erwarten wir euch sehnsüchtig. Kommt zu uns, ihr allmächtigen Götter!“
Auch er schüttete Met ins Feuer, und eine neue Dampfwolke quoll zischend empor und stieg zu den Göttern auf.
Nun traten alle Männer von der Westseite vor und gaben aus ihren Hörnern einen Schluck ab, dann waren die Frauen an der Reihe. Der Met schwappte von allen Seiten in die Flammen, es zischte und qualmte unablässig, bis endlich das Feuer die Oberhand bekam.
Als es wieder richtig hoch loderte, streckten alle ihre Hörner gen Himmel, riefen im Einklang: „Erhört unsere Bitte! Kommt zu uns, ihr allmächtigen Götter!“ und tranken.
Plötzlich flammte das Feuer grün auf und goldene Funken stoben hinauf in den Abendhimmel.
Der Rauch hatte jetzt seltsamerweise einen metallischen Geruch.
Loranthus schnupperte und schnupperte. Er wollte unbedingt wissen, nach was es roch, doch er kam einfach nicht drauf. In seine Überlegungen hinein hörte er ein Prasseln, oder eher ein Dröhnen, das in seinen Kopf eindrang, auf seine Brust drückte und sein Herz zum Rasen brachte. Es waren Töne, die er fühlen konnte. Sie beeinflussten seinen Körper und seinen Geist.
Einen Augenblick dachte er, alle Kräuterfrauen des Clans würden hinter ihm gemeinsam die Trommeln schlagen, schneller und schneller. Doch er konnte sich nicht umdrehen; das Dröhnen kam auch von vorne, aus dem Opferwall, wurde immer lauter und greifbarer; sogar die flirrende Luft um das Feuer vibrierte, bis sie plötzlich in einem Gestöber aus Myriaden goldener, grüner, blauer und roter Funken zerbarst.
Ehrfürchtig starrte Loranthus gen Himmel, reckte seine Hände, schrie und staunte mit offenem Mund, genau wie alle anderen um ihn herum. Ein tausendfacher Sternenregen sank schillernd auf die Erde hernieder, ein paar Funken schwebten in seine dargebotenen Hände. Es tat nicht weh, es fühlte sich gut an, so warm, so …
Loranthus wollte sich bei Silvanus erkundigen, ob er es auch so interessant fand, drehte sich also um, riss die Augen auf und schrie noch einmal.
Die Götter waren da.
Sie hoben die Hand zum Gruß und kamen auf ihn zu. Allen voran schritt Apollo, umgeben von einer riesigen, schillernden Aura aus Gold. Er hielt Artemis an der Hand, deren silberne Haare ihr gütiges Gesicht umrahmten und weich wallend ihren schlanken Hals umspielten. Dahinter ging Zeus mit langen nussbraunen Haaren und drückte Hera an seine enorm muskulöse Brust. Besitzergreifend schob er seine kräftigen Hände in ihre üppigen kupferroten Locken, und Thera, die alte Göttermutter, tätschelte ihnen die strahlenden Gesichter.
Loranthus kniff die Augen zu, riss sie erneut weit auf − sie lachten ihn an! Die Götter lachten ihn an, und sie waren zum Greifen nahe! Demeter, Eos, Poseidon, Persephone, Hades, Iris, Hephaistos … Fassungslos starrte er in die Runde, lachte, jauchzte, schüttelte Zeus die Hände, Hera … Sie legte einen Finger auf die Lippen, damit er innehielt und hinhörte, denn es flötete, schellte, rasselte, klopfte, röhrte und heulte schrill oder kehlig …
Er wirbelte herum.
Hinter ihm wiegten sich grauhaarige Musen neben dürren Satyren und spielten eine wundersame Melodie. Einen Lidschlag lang beäugte er die Schellen an ihren Armen und Beinen, die verschiedenen Flöten, Trommeln, Kinnaren, Klanghölzer … und dachte, dass diese verwelkten Kinder der Götter zu alt zum Tanzen sein mussten und deshalb musizierten, sehr gut sogar.
Die Musik fuhr ihm in alle Glieder, riss ihn mit.
Sein Herz wummerte im Takt der Schläge, seine Füße hoben sich von ganz allein und stampften synchron, seine Fingerspitzen zuckten zu jedem Schellenschlag und seiner Kehle entsprangen Laute, die er noch nie gehört hatte. Wie ein lauter Rufer antwortete er den göttlichen Tönen. Seine Beine, Arme, Hände, Hüften … ja, sein ganzer Körper bewegte sich ohne sein Zutun und wurde zum Abbild der Klänge.
Auch die Götter lachten, jauchzten und tanzten um ihm herum.
Sie gebärdeten sich wie toll: zuckten, hüpften, drehten, wiegten, beugten, verrenkten sich und schwangen dabei wild ihre Haare. Ihn überkam der Gedanke, dass alle Götter des Olymps und sämtliche Nymphen gekommen sein mussten, um ihren Schützling so weit weg von Kreta zu besuchen, also schob er sich durch die Menge, schwankte von einem zum anderen und dankte ihnen für ihre Gunst.
Sie waren erfreut ihn zu sehen, verneigten sich ebenfalls, umarmten ihn, küssten ihn, besonders Iris, die Götterbotin. Sie hatte den anderen bestimmt erzählt, wo sie ihn finden konnten.
Plötzlich schritt Cernunnos mit graziöser Anmut auf ihn zu und wiegte sein majestätisches Hirschhaupt.
Loranthus verneigte sich tief und fragte, ob er sein Geweih berühren und die Enden zählen dürfe. Doch er schaffte es nur bis zu zwei Dutzend und Cernunnos stolzierte weiter, um Esus, Epona, Hall und Ogmios zu begrüßen.
Loranthus sah, wie sie sich gegenseitig voreinander verneigten und lachten, berührten und miteinander bewegten … Epona kam zurück und zog ihn mit sich … Esus drückte ihn fest an sich und zerquetschte ihm fast die Rippen … doch es tat nicht weh, nein, er gab ihm etwas von seiner Kraft ab und da fühlte Loranthus sich so stark … so wild, so unbesiegbar. Er war die pure Energie … er musste tanzen, tanzen und die Götter wollten das auch …
Sie waren so in Verzückung, dass sie genießerisch die Augen schlossen, also tat er es ihnen gleich.
Ja, das war wirklich etwas ganz Besonderes, nun fühlte er die Klänge der Musik sogar auf seiner Haut, auf seiner Zunge, überall … so intensiv.
Die Götter berührten ihn, raunten ihm zu. Sie kannten all seine Fragen, Probleme, Ängste, Sorgen … trösteten ihn, versprachen Schutz, Hilfe für alle Zeit … Sie waren so freundlich, so einfühlsam, so …
Eine Göttin ließ ihre weichen Hände über seinen Rücken gleiten und schmiegte sich von hinten an ihn. Als er sich umdrehte und sie anlächelte, warf sie ihre langen roten Haare über seinen Kopf und drückte ihn zwischen ihre herrlich duftenden Kleider. Ein junger Gott mit Wolfskopf schob aber seine Hände zwischen ihre Leiber. Mit der einen Hand drückte er Loranthus weg, mit der anderen strich er über ihre Schenkel. Die Göttin ließ Loranthus los und schmiegte sich an den Wolfsmann.
Der war nur wenig größer als er! Loranthus wollte sie zurückerobern, doch in diesem Moment presste sich eine schwarzhaarige Göttin seitlich an seinen Rock. Eine Hand ließ sie über seine behaarte Brust wandern und die andere schob sie in sein Gewand.
Loranthus wurde es so warm wie an einem heißen Sommertag in seiner Heimat. Er wandte sich ihr zu, riss sie fest an sich, damit ihm keiner dazwischen kommen konnte, sie lächelte verheißungsvoll, ihre Zunge glitt sanft über seine Lippen, ihre Fingernägel strichen an seinem Bauchnabel entlang.
Da erblickte er eine wunderschöne Göttin mit feinen langen Haaren, so zart und hell wie Mondlicht. Sie lag schlafend unter einem weißen Fell und ihr anmutiges Gesicht war so liebreizend, so herrlich anzuschauen … das konnte nur Aphrodite sein. Er betrachtete sie verlangend, streckte eine Hand nach ihren sanft geschwungenen Lippen aus, doch nein – er wollte ihren göttlichen Schlummer nicht stören. Also folgte er der schwarzhaarigen Göttin.
Hand in Hand rannten sie über die Wiese, da kam ihnen eine üppig gebaute Göttin entgegen, breitete ihre Arme aus und lachte so klangvoll wie Glöckchenklingeln. Sie berührte seine freie Hand mit ihrem heißen Mund und bat ihn um Kühlung. Er half ihr gerne, die schrecklichen Qualen zu lindern und fühlte selbst Hitze in sich aufsteigen. Die schwarzhaarige Göttin erbot sich, ihn abzukühlen und saugte das Feuer von ihm ab, doch dann stand sie selbst in Flammen und Loranthus benetzte ihren zuckenden Leib, um die Flammen zu löschen.
Die Schwarzhaarige erhob sich lächelnd, ließ ihre Zunge wieder über seine Lippen gleiten und hauchte einen Dank in sein Ohr, dann liefen die beiden Göttinnen Hand in Hand davon. Loranthus lehnte sich zufrieden zurück, kraulte seine dichte Brustbehaarung und schaute ihnen selbstgefällig nach, da sah er mehrere Göttinnen über die Wiese schreiten. Er sprang auf und rannte auf sie zu, weil er die Vorderste erkannt hatte.
„Athene! Wo willst du hin? Komm zu mir!“
Athene lächelte ihn freundlich an und drückte ihm die Faust gegen die Brust.
„Loranthus, Zeus hat mir eine wichtige Aufgabe anvertraut. Ich muss mich ihrer würdig erweisen.“
Loranthus fiel nieder, beugte sein Haupt und umschlang ihre Knie. „Oh, Göttin der Weisheit und der Kriegskunst! Aus dem Haupt des Allvaters geborene! Bitte sage mir nur eines: Weißt du, wie es meinem Vater in der Heimat geht? Ist er wohlauf? Ich habe schon Iris gefragt, aber sie hat gesagt, sie hätte ihn noch nicht wieder gesehen.“
Athene sah in weite Ferne, nickte und legte ihre Hand auf seinen Kopf.
„Deinem Vater geht es gut, Loranthus. Er wird dir zu Lugnasad eine Nachricht senden.“
Loranthus jauchzte und küsste ihr vor Freude überschwänglich die Füße. Sein Mund bewegte sich aufwärts, doch er kam nur bis zu Athenes Knöcheln, schon zogen ihre Gespielinnen sie lachend weiter.
Loranthus winkte ihnen strahlend nach und rieb sich dabei die Brust und den Kopf.
Die Stellen, die von Athene berührt worden waren, brannten wie Feuer. Athene war eine mächtige Göttin und bald loderte sein ganzer Körper. Er brauchte Kühlung. Da sah er eine Göttin aus Athenes Gefolge umkehren, eine zweite folgte ihr, eine dritte.
Weisheit verdient Achtung
Es war noch dämmrig, als Loranthus erwachte. Wohlig rekelte er sich ein wenig, behielt aber die Augen geschlossen. Die Vögel zwitscherten so fröhlich, so beschwingt − genauso fühlte er sich.
Ihm war warm, sehr warm. Er hatte die ganze Nacht nicht gefroren. Es ging ihm so gut wie noch nie in seinem Leben. Jetzt wusste er endlich, wie sich Euphorie anfühlen musste, und Ekstase. Bislang hatte er einfach nicht begriffen, wieso diese Gefühle in den Schriften so übertrieben dargestellt wurden. Aber jetzt wusste er aus eigener Erfahrung, dass es so herrlich war − für einen einzelnen Menschen viel zu viel.
Loranthus lächelte verzückt, schlug seine Augen auf und … starrte auf zwei Kuheuter. Er lag zwischen zwei … Erschrocken riss er seinen Kopf hoch, doch davon wurde ihm schwindlig und er kippte wieder auf sein weiches Kuheuter-Kopfkissen zurück.
Stöhnend schnaufte er nach Luft und wollte sich gerade wieder hochstemmen, da klatschte etwas Großes auf seinen Hinterkopf und drückte ihn noch tiefer in die Versenkung. Ein wohliges Seufzen begleitete seine japsenden Proteste, zum Glück ließ der Druck etwas nach und er konnte Luft holen.
Langsam, ganz langsam, weil das große Ding auf seinem Kopf so schwer war, zog er seine Nase aus der Spalte, doch die wurde immer enger und … seit wann hatte ein Kuheuter eigentlich eine Spalte?
Beim Bacchus! Er war aber auch ein wenig schwachsinnig heute! Selbst die Vögel hatten die Lage erkannt und berichteten in voller Lautstärke von seiner Blamage, damit auch jeder gleich hörte, wie er sich hier abmühte. Von ihrer Warte aus war das bestimmt höchst amüsant, aber wenigstens wusste er jetzt Bescheid.
Vorsichtig hievte er die Hand von seinem Kopf und legte sie … Er zog mit einem leichten Schmatzen die Nase aus der Spalte und sah sich suchend um. „Aha! Ein Ersatzmann! Wie praktisch!“ Also legte er die riesige Pranke auf den Kopf des kleinen Mannes, der gleich neben ihm – nur ein wenig tiefer – friedlich schnarchte. Kaum war dessen halbes Gesicht in der riesigen Hand verschwunden, seufzte er wohlig auf und schmiegte auch noch den Rest vom Gesicht hinein.
Loranthus überlegte, ob der Mann wohl genug Luft bekam, und lauschte … Nun, der schnarchte zwar ein wenig leiser, aber er schnarchte noch … da konnte er sich jetzt also unbehelligt steif machen.
Hoch konzentriert stemmte er sich auf seine Fingerspitzen und Zehen, atmete tief ein, atmete aus, nochmal ein … schwang sich in einem Ruck hoch und hechtete zur Seite weg.
Trotz seiner harten Bauchlandung schnellte er in die Hocke, riss die Faust in Siegerpose hoch und sah sich nach seiner Ausgangslage um. Sicherheitshalber blieb er geduckt und betrachtete die Kuh, nein, das Weib, auf dem er gelegen hatte, und das er gar nicht kannte. Ach doch! Einmal, zu Beltaine, war sie ihm aufgefallen. Damals hatte sie ein dürres Männlein bei den Reiterspielen huckepack getragen. Loranthus machte einen langen Hals und spähte über das Weib. Ja, sie musste es sein, denn der schmächtige Mann lag neben ihr, wenn sein Gesicht auch nicht erkennbar war.
Loranthus wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn, was kaum der Rede wert war, bei dieser Befreiungsaktion. Wichtig war nur, dass der Mann nicht aufgewacht war oder das Weib, so konnte er unbeschadet die Flucht ergreifen. Obwohl: Das kleine Kerlchen sah nicht so aus, als müsse er vor ihm Angst haben. Der war eindeutig ein dürres Ästchen, gar kein Vergleich zu ihm. Trotzdem war Vorsicht besser als Nachsicht. Selbst dürre Ästchen hingen an einem Baum neben starken Zweigen.
Lautlos wollte er gerade wegrutschen, da rekelte sich das Weib plötzlich ausgiebig.
Er konnte nicht einmal „Bei Hera!“ hauchen, da hatte sie ihren massigen Körper schon schwungvoll halb herum gewälzt und grunzte laut, um auch noch den Rest der Strecke zu schaffen, doch Loranthus, mitten in der Bewegung erstarrt, stemmte sich geistesgegenwärtig mit seinem ganzen Gewicht dagegen und sie kippte wieder auf die andere Seite zurück.
Durch den Schwung begrub sie dort leider ihren ein Viertel so breiten Mann unter sich, was ihn nicht zu drücken schien. Jauchzend klatschte er ihr seine Hände auf den Hintern. Sie schmatzte laut auf, schlang ihm auch noch ihre Arme unter seinen Kopf und warf ihre massigen Beine um seine Schenkel. Dann bewegte sie ihre Hüften. Er seufzte wohlig, sie schnaufte stöhnend und beide schnarchten weiter. Das wäre sonst wohl Loranthus’ Schicksal gewesen.
Loranthus wischte sich den Schweiß von der Stirn, der ihm nun in Strömen herab rann, stand auf und wankte zum Waldrand, den er nur undeutlich wahrnahm, weil ihm der Schweiß wohl inzwischen in die Augen gelaufen war.
Eigentlich wollte er sich energisch übers Gesicht reiben, aber seine Arme waren plötzlich so schwer und seine Beine so wackelig. Das Gras unter seinen Füßen war so nachgiebig, als würde er über einen Haufen Heu auf einem Leiterwagen laufen, einem fahrenden Leiterwagen wohlgemerkt.
Bei diesem Bild vor seinem geistigen Auge wurde ihm auch schon speiübel. Röchelnd taumelte er weiter und schaffte es gerade noch, einen Baum zu umarmen, sonst wäre er umgefallen. Beim Bacchus, jetzt musste er sich auch noch übergeben, wie ekelhaft! Hinein hatte es viel besser geschmeckt.
Zitternd atmete Loranthus ein, wieder aus und visierte dann drei Bäume zehn Schritte weiter so lange an, bis sie still hielten. Mit der Zeit wurde es besser, die Bäume rutschten zusammen, er sah nur noch den mittleren. Selbst der Leiterwagen war stehen geblieben.
Schnaufend sah er sich um und lehnte sich gegen seinen eigenen Baum. Nein, er schlurfte lieber einen weiter, noch einen.
Hier, zwischen den Bäumen, war es noch duster und es wehte eine kühle Brise, als ob Bruder Wind ihm einen kalten Lappen auf die Stirn legen wolle. Er wedelte auch den Geruch des Erbrochenen weg und Loranthus überlegte kurz, ob er sich den Finger in den Hals stecken sollte, um eventuelle Überbleibsel zu entsorgen, konzentrierte sich aber aus praktischen Gründen lieber aufs Atmen und den frischen Luftzug auf seiner feuchten Haut.
Bald fühlte er sich wieder einigermaßen normal, doch das war ein schwacher Trost, denn nun stand er nicht mehr alleine an seinen zweiten Baum gelehnt. Geübt wie er war, suchte er sich einfach einen neuen, es gab ja genug davon. Auf dem Weg fiel ihm der Spruch mit den Sandalen wieder ein und er sah auf seine, zum Glück sauber gebliebenen, Füße. Er grinste breit. Hierzulande waren sie noch praktischer veranlagt und gingen gleich barfuß. Oh, nein! Kichern war gar nicht gut! Es war so ein erhebendes Gefühl!
Lavinia rekelte sich und erstarrte.
„Was ist denn das?“, murmelte sie schlaftrunken, tastete den seltsamen Gegenstand neben sich ab und riss die Augen auf. „Die Götter haben mir eine … äh …“
Sie hob das Glasgefäß hoch, drehte es prüfend und strahlte übers ganze Gesicht.
„Eine kleine Kanne ohne Henkel. Die Götter haben mir eine Kanne aus Elfenglas geschenkt, weil ich ihnen gestern so leid getan habe! Schau mal, Silvanus! Sie haben mir alle Farben zurückgegeben!“
Voller Stolz reichte Lavinia ihren Fund an Silvanus weiter, der ihn mit anerkennendem Blick betrachtete, und schon ging die Kanne von Hand zu Hand. Jeder bestaunte die vielen Farben und das dünne Glas und beglückwünschte Lavinia zu solch einem außergewöhnlichen Geschenk.
Viviane lugte nachdenklich in den schimmernden Hohlraum hinein.
„Es hat immer seinen Grund, wenn die Götter den Menschen solche Gaben überlassen. Silvanus, du bist unser Glasmacher. Könntest du solch ein Gefäß fertigen? Ich glaube, darüber würden sich die Götter freuen.“
Silvanus nahm ihr die Kanne ab, betrachtete sie fachmännisch und nickte überzeugt.
„Ja, das kann ich. Die Götter haben mir das Wissen dafür gegeben.“ Er schielte zu Viviane und wackelte mit den Augenbrauen. „Epona ist sogar extra gekommen und hat sich von meiner Kunstfertigkeit überzeugt. Sie wollte immerzu die Kanne füllen.“




