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Loranthus plumpste kraftlos neben Silvanus auf die Kuhhaut. Hanibu reichte ihm eine Schale Gerstenbrei, die er hastig zurückschob. Hanibu drückte jedoch so lange dagegen, bis er sie seufzend annahm und zu löffeln begann.
„Na, Loranthus!“, feixte Medan und machte eine ausholende Handbewegung vom Mund weg. „Hast du die Ameisen gefüttert?“
„Wa? Ameisn?“, schmatzte Loranthus und beäugte argwöhnisch die Kuhhaut, auf der er saß, bis er begriff.
„Hatte ich eigentlich nicht vorgehabt, aber die anderen haben mich sozusagen lauthals und sehr überzeugend … animiert.“ Grinsend schob er sich einen neuen Löffel Brei in den Mund. „Schmeckt gut. Danke, Hanibu. Ich probiere danach auch noch ein Scheibchen vom restlichen Fleisch. Mein Magen ist ja im Augenblick genauso leer wie die Vase dort.“
Er zeigte auf das Gefäß in Silvanus’ Hand und übersah dabei Hanibus erfreutes Lächeln. „Eine sehr schöne Form übrigens. Ich wusste gar nicht, dass auch ihr Gefäße aus Glas macht.“
Kauend betrachtete er die Kanne und zuckte mit den Schultern. „Dachte immer, ihr macht nur Gefäße aus Holz oder Ton oder Metallen oder Horn.“
„Machen wir auch normalerweise, wegen der Bruchsicherheit. Dies hier ist sozusagen ein Unikat, nur zum hinstellen und angucken.“
„Wegen der Bruchsicherheit, verstehe!“, gluckste Loranthus, und über seine Miene huschte ein zufriedenes Lächeln. „Ich hatte schon befürchtet, mir wäre da etwas entgangen.“
„Du meinst, jeder bringt seinen teuersten Besitz in Sicherheit, wenn du im Anmarsch bist?“
Loranthus machte eine wegwerfende Handbewegung, grinste verschwörerisch und wedelte die zweideutige Frage in alle Himmelsrichtungen davon.
„In meiner Heimat gibt es massenweise Glasgefäße. In den Morgenländern weiß man seit Urzeiten damit umzugehen. Ich habe euch doch schon gesagt, das Rezept für Glas ist in Stein gehauen, damit sich jeder etwas mischen kann, wenn er gerade mal Lust hat. Wer sich die Mühe ersparen will, kauft sich natürlich einen riesigen Block am Stück in der Glaserei. Dort machen sie am Tag gleich mehrere Wannen voll. Der Bedarf an Glas ist groß, aber nicht weil das Glas kaputt geht … das kann man jederzeit wieder einschmelzen … im Gegensatz zu Ton … Nein, es ist so vielseitig verwendbar, einfach sehr zweckmäßig.“
„Zweckmäßig. Aha“, machte Silvanus und gab sich geschlagen, doch wenn er schon nicht spotten konnte, wollte er wenigstens wissen: „Und was macht ihr alles damit?“
Loranthus tat so, als müsse er sich eine lange Liste in Erinnerung rufen.
„Nun, um nur ein paar Beispiele zu nennen … Wir füllen Wein und andere Getränke hinein. Jeder, der etwas auf sich hält, hat Karaffen, Trinkpokale, Schalen … auch unsere Wasseruhren sind aus Glas. Es gibt sogar Messer aus dem natürlichen Obsidian, absolut scharf. Glas hat viele Vorteile, es rostet nicht und sieht noch dazu ästhetisch aus.“
„Mit Obsidian kann ich nicht dienen, aber mit Getränken oder Wasseruhren …“, murmelte Silvanus und warf Viviane einen belustigten Blick zu. „Sehr interessant, wirklich Loranthus. Wenn du mir das mal bei Gelegenheit ein wenig näher erläutern könntest, würde ich das auch gerne einmal ausprobieren. Das heißt, wenn Lavinia einverstanden ist, schließlich haben die Götter ihr dieses Geschenk gemacht.“
„Natürlich probieren wir das aus, Silvanus!“, jauchzte Lavinia und klatschte begeistert in die Hände. „Ich kann es kaum erwarten! Vielleicht hat Luis noch einen Rest Himbeersaft! Und diese Wasseruhr interessiert ihn bestimmt auch! Ich frag ihn gleich mal …“
Sie sprang auf, doch Arminius zeigte mahnend auf ihre halbvolle Schale.
„Erst wird gegessen, Lavinia, damit du groß und stark wirst!“
Widerwillig ließ sich Lavinia wieder auf ihre Kuhhaut sinken und schob sich einen Berg Brei zwischen ihre zusammengepressten Lippen. In der Zeit, die sie brauchte, um sich zwischen Sauerei und Sauberkeit zu entscheiden, kam Wadi und setzte sich neben sie.
„Schau mal, Lavinia! Wir haben noch drei Perlen in unserem Feuer gefunden!“ Er zuckte bedauernd mit den Schultern. „Na, ja. Eigentlich sind es keine Perlen mehr. Das Glas ist breit gelaufen. Aber Silvanus kann es bestimmt wieder einschmelzen und macht dir besonders schöne, extravagante Perlen daraus.“
Er legte die bunten Glasscheiben vor Lavinia ab, die einen ziemlich ausgehungerten Eindruck machte.
„Dange, Ongl Wadi“, nuschelte sie mit vollem Mund und stopfte sich schon den nächsten Berg Brei hinterher, den sie energisch zermalmte und hinunterschluckte. „Geschafft! Das ist wirklich sehr lieb von dir, Onkel Wadi!“, versicherte sie nun verständlicher und tauschte ihren Napf mit den Glasscheiben. „Sie gefallen mir auch so sehr gut. Guck mal, wie schön sie glänzen!“
„In meiner Heimat legt man mit solchen Glasscheiben Mosaike“, erklärte Loranthus.
„Was sind Mosaike?“
„Das sind Bilder. Sie werden aus ganz vielen bunten Steinen oder Glas gelegt.“
Lavinia musterte Loranthus fasziniert und hielt ihm eine gelbe Scheibe mit rosa Streifen hin.
„Diese hier sieht aus wie die Göttin der Morgenröte und diese …“ Sie hob eine rote mit lila Rand. „ … sieht aus wie die Göttin der Abendröte. Und die hier … Hm.“
Lavinia hielt die blaue Scheibe hoch und tippte auf einen grün-gelben Streifen, in dem einige Grashalme eingeschlossen waren.
„Sieht aus wie gerade jetzt, in diesem Moment. Als wäre es eine grüne Wiese kurz vor dem Sonnenaufgang. Sogar mit echtem Gras.“
„Apropos Sonne!“, rief Loranthus und klatschte sich auf die Schenkel. „Die römischen Kaiser sehen immer durch geschliffene Brillanten hindurch, damit sie die Sonne nicht blendet. Das hier hätte sicher den gleichen Effekt!“
Silvanus sah ihn nachdenklich an, ließ sich von Lavinia das Glas geben, warf seine langen Haare zurück und erhob sich.
„Etwa so, Loranthus?“
Er machte ein überhebliches Gesicht, stolzierte auf und ab, winkte würdevoll in die Runde und hielt den Daumen hoch oder runter.
Alle lachten. Loranthus wusste jedoch nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte, schließlich machten sie sich immer über sein römisches Bürgerrecht lustig. Aber Arminius klopfte ihm gutmütig auf die Schulter und so schmunzelte auch er. Als sich Silvanus graziös auf der Kuhhaut ausstreckte und sich ein zweites Glas vor das andere Auge klemmte, musste er sich schon den Bauch halten. Wie er versuchte, sein Wasser im Liegen zu trinken und gleichzeitig noch zu winken, grölte Loranthus sogar lauter als die anderen und schubste Arminius von der Decke.
Sie waren gerade dabei, sich die letzten Lachtränen aus den Augen zu wischen, als die Hörner erklangen und sie mit schmerzenden Kieferknochen dem abgebrannten Opfer entgegenliefen.
Afal erwartete sie schon, gestützt auf seinen Druidenstab, wie ein müder Schäfer seine behäbigen Schäfchen.
„Nachkommen des Cernunnos!“, rief er entgegen dieser äußeren Erscheinung mit ungeahnt lauter Stimme und zeigte in die Runde. „Die Götter haben uns ihre Gunst bewiesen. Lasst uns diesen besonderen Tag ehren, unser Haupt gen Osten neigen und die Weihe vollziehen.“
Loranthus wollte schon niederknien, doch alle reihten sich der Rangordnung nach hinter Afal ein.
Das ging so schnell, als würden sie es jeden Tag üben. Er jedoch stand mitten im Gewühle, drehte sich unschlüssig hin und her … mit einem Ruck zuckte sein Kopf zurück.
Wie gebannt starrte er auf Afal oder genauer, auf dessen seltsame Kopfbedeckung. Eine höchst skurrile Kopfbedeckung. Ein Riesending von Kopfbedeckung.
Es war ein glänzender Hut, mindestens eine Elle hoch, und er verjüngte sich nach oben wie ein langgezogener Kegel, nein, eher wie ein Finger. Dieser fantastische Hutfingerkegel schien ganz aus Gold zu sein. Seltsame Zeichen waren darauf eingraviert: Kreise, Striche … So etwas hatte er schon gesehen. Aber wo und wann? Vielleicht erst gestern, aber wieso konnte er sich an so etwas Herausragendes, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht er … Da kam Silvanus, schnappte seinen Arm und zog ihn zu Arminius und den anderen Bauern.
Loranthus hastete zwar neben ihm her, seine Augen klebten aber immer noch an Afals goldenem Hut. Hinter dem glänzenden Riesenfinger hatten sich der König und die anderen Druiden aufgereiht. Viviane stand neben Amaturix, beide in weiße Gewänder gehüllt. Wann hatte sich Viviane umgezogen?
Silvanus schob Loranthus energisch hinter Tarian in die Reihe und stellte sich daneben, was ihn wieder auf seine eigenen Angelegenheiten aufmerksam machte.
„Wo ist Hanibu?“
„Die läuft hinter Lavinia und Robin.“
„Ah, ja. Jetzt sehe ich sie“, sagte Loranthus nach hinten gekehrt und war sichtlich zufrieden, dass seine Sklavin nicht mit den anderen Sklaven an letzter Stelle laufen musste.
„Wohin gehen wir jetzt, Silvanus?“
„Zu unserem Heiligtum.“
„Das ist oben auf dem höchsten Punkt vom Uhsineberga, stimmt’s?“
„Nicht das Heiligtum. Wir gehen zum Kalendarium.“
„Verstehe“, sagte Loranthus, doch seine Miene strafte ihn Lügen. „Und wieso verneigen wir uns nach Osten?“
„Und das fragt einer, der sich mit dem Morgenland auskennt“, gluckste Silvanus und tat so, als ob er ihn besonders argwöhnisch musterte. Da Loranthus aber immer noch wie ein Schaf guckte, sagte er ganz langsam: „Weil bald im Osten die Sonne aufgeht. Wir begrüßen die Sonne nach ihrer Sommerwende.“
„Aha! Geht ihr zur Wintersonnenwende auch zum Kalendarium und verneigt euch nach Osten, wenn die Sonne aufgeht? Ist es dann nicht viel zu kalt?!“
„Zugig und rutschig hast du vergessen. Im Winter schneit es immer ordentlich“, fügte Silvanus noch hinzu und sah, wie Loranthus prompt eine Gänsehaut bekam. Vergnügt rieb er sich die Hände. „Du machst dir ja keinen Begriff, Loranthus! Das wird sogar klirrend kalt und der Atem gefriert einem im Mund und die Zähne klappern wie irre. Wenn man nicht aufpasst, bricht man sich einen ab. Deshalb sollte man durch die Nase atmen. Wenn man Glück hat, bekommt man keinen Schnupfen, sonst gefriert der Rotz und die Nase ist dicht. Dann muss man wieder den Mund aufmachen … Ja, das ist wirklich alles gar nicht so einfach … Was soll der neu geborene Sonnenkönig von uns denken, wenn wir dastehen mit abgebrochenen Zähnen und ellenlangen Eiszapfen an der Nase … Deshalb bleibt man lieber zu Hause und verbringt die Nacht im Stillen. Wenn der alte König stirbt, ist alles still, wie es sich gebührt. Alle warten.“
„Was? König Gort stirbt?“
„Nein. Niemand stirbt wirklich, Loranthus. Ich meinte den Sonnenkönig als Symbol für die Wintersonnenwende. Denk an den Tanz von Elektra und Viviane. Sie haben doch auch nur die Mondgöttin symbolisiert.“
„Und König Gort hat mit Pfeil und Bogen den Sonnengott verkörpert.“
„Ja, genau. Die Wintersonnenwende ist die geweihte Nacht, wenn die Sonne ihren Jahreslauf beendet und einen neuen Umlauf beginnt. Symbolisch stirbt der alte König und der neue wird geboren. Alles beginnt von vorne, ein ewiger Kreislauf.“
„Puh, und ich dachte schon …“
Silvanus klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Nicht denken, Loranthus! Beobachten, erkennen, wissen.“ Er lachte auf. „Fragen geht natürlich schneller.“
„Deshalb bin ich hier“, seufzte Loranthus und reckte den Kopf, damit er den goldenen Hut von Afal besser im Blick hatte. Der oberste Druide schwenkte gut sichtbar von der Wiese ab auf einen breiten Weg. Alle folgten ihm wie die Schafe zu einer anderen Weide. Loranthus musste sich das Lachen verkneifen und fragte deshalb: „Ist das dieser Königsweg, der vom Uhsineberga zum Dietrichsberg führt?“
Silvanus nickte, deutete aber seitwärts in den Wald hinein.
„Wir folgen ihm nur ein kurzes Stück und zweigen gleich zum Kalendarium ab. Aber keine Bange, der Trampelpfad ist gut gangbar.“
„Etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet“, murmelte Loranthus mit Blick auf den goldenen Hut, der nach rechts ausscherte.
Als er kurz darauf selbst vom Wege abbog und einem gewundenen Pfad folgte, gab er es auf, ständig den Hals zu recken. Fasziniert betrachtete er mächtige Tannenbäume und ausladende Kronen riesiger Buchen oder Ahorne. Zwei Männer hätte man gebraucht, um diese Stämme zu umfassen, vielleicht sogar drei.
Ohne es zu bemerken, ging sein Kopf immer weiter in den Nacken und er staunte wie ein kleines Kind, als hätte er noch nie einen Wald gesehen. Das war natürlich Schwachsinn, aber er hätte es nicht benennen können … Er hörte die Stille, obwohl sich die Leute gedämpft unterhielten. Ab und zu erhaschte er auch einen kurzen Blick auf den goldenen Hut, sah Pilze zwischen Gräsern, roch sie sogar. Ein Eichelhäher flog krächzend auf … und da wusste er es: Er konnte den Wald fühlen, mit allen Sinnen erfahren.
Umsichtig stieg er über knorrige Wurzeln, die so dick waren, dass sie tief hinabreichen mussten in die unterirdische Welt. Bewundernd betastete er die raue Borke von uralten Bäumen, die so warm und vielschichtig war wie das irdischen Leben. Andächtig lauschte er dem leisen Wispern von Bruder Wind, der so sachte durch die Wipfel streifte wie Viviane, als sie gestern die Frauen zum Tanzen geholt hatte … und so erhoben sich auch die vielen grünen Blätter und wiegten sich im Takt zu einer seufzenden Melodie … so anmutig … so weit oben … so erhaben … überirdisch.
Loranthus hätte nicht sagen können, wie lange er zwischen den Welten gewandert war, doch unvermittelt war der Wald zu Ende und vor ihm erstreckte sich eine Hochebene.
Kein Baum und kein Strauch stand darauf, aber dafür wurde sie von etwas anderem dominiert: Einem riesigen Steinring, in dem lange Holzstämme steckten. Oben, am Kopfende, waren sie durch Querstämme miteinander verbunden. Ein imposantes Bauwerk, fand er und dachte an einen gigantischen runden Käfig, bei dem die Gitterstäbe zu weit auseinander standen.
Der steinerne Sockel war aus Basaltbrocken, wie alles hier in der Gegend. Er war auch nur kniehoch und daher nichts Besonderes, die gesamte Konstruktion dagegen schon.
Die stehenden Stämme ragten alle pfeilgerade aus dem Sockel und hatten immer den gleichen Abstand zueinander. Damit sie schön senkrecht blieben, brauchten sie natürlich nicht nur Halt am Fuß, sondern auch am Kopfende, und diese aufliegenden Querstämme passten so exakt, dass kaum Fugen zu sehen waren.
Anerkennend schürzte er die Lippen.
Wie er die keltischen Holzhandwerker kannte, hatten sie alles sehr stabil gemacht, durch Spundung und Verzapfung. Selbst bei Sturm, Regen, Eis und Schnee würde dieser Ring stehen bleiben, weil es sich gegenseitig stützte. Ein perfekter, riesiger Kreis aus Stein und Holz, keine Ecken oder Kanten. Ja, warum eigentlich nicht?
Bei näherem Hinsehen bemerkte Loranthus, dass die Aufliegerstämme eine leichte Krümmung aufwiesen. Womit bewiesen wäre, dass die Keltoi alle Hölzer krumm bekamen, wenn sie auch noch so dick waren, und am Ende passte es immer noch zusammen, es sei denn sie wollten mit Absicht eine Spirale machen, was die zweitbegehrteste Figur gleich nach dem Kreis war.
Loranthus wurde plötzlich ganz aufgeregt, weil er in dem Kreis noch einen zweiten erblickte, genau im Zentrum, deshalb war dieser wesentlich kleiner. Er hatte keinen Steinsockel, die Stämme standen von alleine und waren viel dicker, extrem dick, um genau zu sein. Diesmal ragten allerdings immer nur zwei hoch und einer lag quer auf, dazwischen war nichts. Es schien fast so, als stünden die enormen Stämme nur durch ihr eigenes Gewicht. Vielleicht waren sie auch irgendwie in der Erde verankert.
Loranthus reckte den Kopf, damit er besser sehen konnte und zählte schnell durch: Es waren fünf wuchtige Dreiergruppen, und sie waren untereinander wirklich nicht verbunden. Eigentlich bildeten sie auch keinen richtigen Kreis, sondern eher ein Hufeisen. Eine Stelle war nämlich weit offen geblieben und gab den Blick frei auf ein steinernes Becken genau im Mittelpunkt.
„Komm!“, sagte Silvanus und führte Loranthus auf die hölzernen Pfeiler zu. „Der Weg führt uns genau zum Osteingang. Wir müssen das geweihte Land aber erst einmal umrunden. Dann dürfen wir eintreten und stellen uns an der Westseite auf.“
„Aha“, murmelte Loranthus gedankenverloren und seine Augen huschten vom Trampelpfad um den Steinsockel herum zur gegenüberliegenden Seite. „Dort ist also Westen. Aber in welche Richtung müssen wir gehen? Rechts herum oder links herum?“
Silvanus schmunzelte und sah bedeutsam drein, gab aber keine Antwort. Loranthus betrachtete ihn erwartungsvoll von der Seite und achtete nebenbei auf seinen Weg. Das war gar nicht so einfach, und er war gerade dabei, seine Ungeduld in Worte zu fassen, plus seine Miene passend zu verfinstern, da hatte er einen erhellenden Gedanken.
„Jetzt wird mir alles klar wie ein Gebirgsbach! Wir gehen natürlich von Osten über Süden, nach Westen und Norden! Und aufstellen tun wir uns im Westen, damit wir die Sonne sehen können, die nach der Sonnenwende das erste Mal wieder aufgeht.“
„Das hat aber lange gedauert, du Gast aus dem Lande der Kultur und Gelehrsamkeit. Komm! Ich zeige dir den Stamm, den Noeira letztes Jahr behauen hat. Der alte war morsch geworden und da musste natürlich ein neuer her. Mal sehen, ob du errätst, für welchen Festtag er steht!“
„Was bekomme ich, wenn ich es errate?“
„Dann hast du einen Wunsch bei mir frei. Aber darüber muss ich mir keine Sorgen machen, Grieche aus dem fernen Kreta“, feixte Silvanus mit einem besonders spöttischen Zug um die Lippen.
Loranthus konnte schon gar nicht mehr hinsehen.
Beim Anblick der ersten Pfeiler vergaß er allerdings, dass er ein wenig schmollen wollte. Er war nämlich jetzt mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Er musste staunen.
Die Schnitzereien waren so detailgetreu aus den Stämmen herausgearbeitet, dass sich seine Hände ganz von alleine ausstrecken, um die glatten Strukturen zu betasten. Ohne Mühe konnte er die abgebildeten Dinge erkennen, ganz alltägliche wohlgemerkt: ein Pflug, eine Sense, ein Mähwerk, das von einem Ochsen über ein Kornfeld geschoben wurde, Ährenbündel, eine Drehmühle, ein Backofen und ein Weib, dass dem Betrachter ein Brot entgegenstreckte; ein Schwarm Bienen, Blumen, Klotzbeuten, Gerste, Dinkel, Fässer, Trinkhörner, Harfen, Flöten, Trommeln, Hörner und Kinnaren. Es gab auch Schnitzereien von tanzenden Weibern mit hervorquellenden Brüsten und Männer mit übertrieben erigiertem Phallus. An denen hätte er Klimmzüge machen können, sie wären nicht abgebrochen. Und wenn doch, wäre er schließlich bei einem Tanzpaar hängen geblieben, das in eindeutiger Pose miteinander verschlungen war.
Loranthus sah plötzlich ein Bacchusfest vor sich, wo es auch nicht anders zuging; seltsame Wehmut überkam ihn. Schnell lenkte er sich mit den nächsten Bildern ab: Leute beim Hausbau, Kinder in hängenden Wiegen oder mit einem Napf in der Hand, Weiber die webten oder töpferten, Männer die Schafe schoren oder schlachteten, ein Rennofen, ein Dreifuß über dem Feuer … alle Tiere, die es hierzulande gab und auch welche, die es nicht gab, Löwen, zum Beispiel; dazu immer wieder Bäume, Sträucher, Obst, Gemüse, Getreide, Kräuter und Runen.
Er machte sich den Spaß und verglich sie mit den griechischen Schriftzeichen. Einige sahen sich wirklich verblüffend ähnlich: Beta, zum Beispiel, oder Delta, Jota, Ypsilon; wenn man ein Auge zudrückte auch Kappa, Ny, Omikron und wenn man zwei Augen zudrückte …
Hinter Loranthus hatten sich die Leute aufgestaut und Medan löste das Problem ganz praktisch, indem er ihn mit ziemlich viel Schwung zum nächsten Pfeiler beförderte.
Loranthus konnte sich gerade noch abfangen, sonst wäre er mit ein paar Kriegern zusammen geprallt − keinen echten, zum Glück. Ihre geschnitzten Abbilder waren zu Fuß unterwegs und mit Schleudern sowie mannshohen Schilden gewappnet. Andere hoben schussbereite Bögen und duckten sich dabei hinter hohe Schilde. Reiter hoch zu Ross streckten dagegen kleine runde Schilde vor und sahen mächtig stolz aus. Noch majestätischer wirkten die Krieger in Streitwagen. Letztere trugen Helme mit verschiedenen Tierfiguren als Schmuck und hielten Doppeläxte oder Speere kampfbereit. Einer hob eine Carnyx an den Mund … Das war der einzige Pfeiler, an dem sich Loranthus nicht länger aufhielt.
Dafür musterte er Noeiras Schnitzereien umso akribischer, denn er erkannte einen Vollmond und Menschen, die Tierbälger über sich gezogen hatten, sogar die Schädel und die Beine waren noch dran. Da gab es Ziegenböcke, Schafböcke, Stiere und Hirsche − also lauter Leute mit Hörnern auf dem Kopf und baumelnden Hufen, bis auf einen mit Eselsohren, aber Hufe hatte der auch. Einer hatte sich einen Hasenbalg über gestülpt und hatte daher nur einen kleinen Schädel auf dem Kopf, konnte sich dafür aber die langen Ohren streicheln; ein anderer trug den Balg von einem Keiler mit einem Paar riesiger Hauer, der nächste ein Federkleid … Kurz: Sämtliche Tiere tanzten um ein Feuer, aßen und tranken, lachten oder waren eindeutig besoffen. Eine Kuh paarte sich höchst obszön mit einem … Bären?
Loranthus musste blinzeln und schon grinste er von einem Ohr zum anderen, weil sein Blick auf einen Mann im Schafspelz fiel. Er sah seltsamerweise Silvanus verblüffend ähnlich. Der Schaf-Silvanus hatte den Mund weit aufgerissen und machte gerade einen Hechtsprung auf ein davon rennendes Ferkelchen, ein echtes wohlgemerkt. Wer von den beiden wohl schneller war?
Silvanus schien jedenfalls keinen Kommentar abgeben zu wollen, er ignorierte Loranthus’ verschmitztes Kichern, zumindest versuchte er es.
„Imbolg“, raunte Loranthus mit Verschwörermiene, schwenkte den Zeigefinger und schnippte schwungvoll gegen den Schafspelz. Es sah fast aus, als wolle er den Mann darunter ein wenig auf die Sprünge helfen.
„Was?“
„Du hast mich schon verstanden, Silvanus“, gluckste Loranthus und nun lachte er einmal zur Abwechslung provozierend überheblich. „Ich habe etwas gut bei dir. Die Szene zeigt euer Mondfest Imbolg. Es wird zu der Zeit zelebriert, in der die Schafe wieder Milch geben und ihre Lämmer gebären, also euer Fruchtbarkeitsfest nach der Wintersonnenwende.“
„Und woher weißt du das so genau?“, erkundigte sich Silvanus mit letzter Kraft und ließ die Schultern hängen.
Loranthus sah sich nach allen Seiten um, ob jemand lauschte, doch er war ja in seine Gastfamilie eingekeilt. Außerdem waren sämtliche Leute vor und hinter ihm damit beschäftigt, die Schnitzereien zu betrachten. Das erforderte enorm viel Aufmerksamkeit, wenn man alles sehen wollte. Dazu kamen noch die neugierigen Fragen der Kinder, die garantiert nichts übersahen und deshalb auch zu jedem Detail etwas wissen wollten − je lauter, umso besser.
Feixend beugte er sich zu Silvanus hin und knurrte leise durch die Zähne: „Weil Imbolg ‚im Bauch‘ bedeutet, um es mal mit anderen Worten zu sagen. Die Menschen, die sich die Tierbälger überstülpen sind nichts anderes als Symbole. Sie stehen stellvertretend für das, was einem Menschen wichtig ist, nämlich die Fruchtbarkeit der Tiere. Keine Fruchtbarkeit − kein Fleisch, keine Milch, keine Butter, kein Käse, keine Wolle, keine Felle … Ergo: lauter Wackelzähne und Schniefnasen und mit der eigenen Fruchtbarkeit sieht’s dann auch schlecht aus.“
„Hm“, brummte Silvanus und schob Loranthus mit besonders viel Elan durch den Osteingang des steinernen Sockels.
Auch die wuchtigen Stämme im Inneren waren mit Schnitzereien versehen, erkannte Loranthus schon von Weitem. Lanze, Schwert, Kelch, Stein, Adler, Schwan, Ente, Rabe, Taube, Hirsch, Stier, Bär … besonders interessant war das große Becken im Zentrum der Dreiergruppen. Loranthus beugte sich neugierig darüber.
Es war aus Basalt und so glatt geschliffen, dass es wie poliert aussah und bläulich schimmerte, aber das war noch nicht alles.
Es hatte kleine Kerben rundherum, in denen bei manchen dünne gelbe Stricke klemmten und sich asymmetrisch überkreuzten. Seltsame Muster … die jetzt abgenommen wurden und zusammengefaltet.
„Es würde mich freuen, wenn wir uns bei nächster Gelegenheit länger unterhalten könnten“, raunte eine tiefe Stimme und Loranthus riss den Kopf hoch.
Da stand Afal mit seinem goldenen Hut und hatte sichtlich Mühe, sich das Lachen zu verkneifen.
„D … das wä … wäre mir eine große Ehre“, krächzte Loranthus und wusste nicht, wo er zuerst hingucken sollte, auf Afal oder auf die Linien und Kreise von dessen Hut.




