- -
- 100%
- +
Er entschied sich für ein ausgiebiges Nicken und erhaschte so einen Blick auf beides; Afal lachte nun ganz offen.
Loranthus hatte aber keine Zeit zum Verlegen sein, denn er musste ja Schritt halten, ob er wollte oder nicht. Schon stand er auf der Westseite und der Clan fächerte sich auf: Bis vorne die Königsfamilie und die Druiden, gleich dahinter die Krieger mit ihren Familien, danach kamen die Handwerksfamilien, die Bauern und als letzte die Sklaven.
Loranthus fand diese Rangordnung äußerst praktisch, er hatte nach allen Seiten gute Sicht. Als erstes drehte er sich nach hinten, denn jetzt konnte er die dünneren Stämme endlich in aller Ruhe betrachten, wenn auch nur die Innenseiten. Seltsamerweise bestanden hier die Schnitzereien aus simplen Kerben, auf den stehenden Stämmen horizontal, auf den aufliegenden Stämmen vertikal … Kerben, Kerben und nochmals Kerben, so weit das Auge reichte … Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit also komplett rundherum in Höhe und Breite.
Nachdenklich schüttelte er den Kopf.
Was war hier das Offensichtliche? Das Offensichtliche …
Loranthus visierte noch einmal die Kerben der aufliegenden Stämme an und begann zu zählen. Schon nach zwei Stämmen hörte er auf. Er wusste schon im Voraus, dass es 360 waren. Die Kerben der Pfosten brauchte er auch nicht zählen. Das waren garantiert 90. Nun hatte er das Offensichtliche entdeckt und schüttelte schon wieder grübelnd den Kopf. Er bemerkte gar nicht, wie Afal sich nach Osten drehte und Achtung heischend seinen Arm hob. Silvanus musste ihm deshalb erst den Ellenbogen in die Seite rammen. Auf ein Zeichen Afals gingen alle auf die Knie und es wurde still. Loranthus wollte sein Haupt neigen, doch Silvanus knurrte zwischen den Zähnen: „Du musst hinsehen! Sonst verpasst du den Sonnenkorridor!“
„Sonnenkorridor“, echote Loranthus leise und sah Afal zu, wie er vier goldene Stäbe in einigen Kerben des steinernen Beckens feststeckte.
Einen Wimpernschlag lang betrachtete Loranthus die dünnen Stäbe, dann rutschte er auf seinen Knien so unruhig umher, dass Silvanus ihm die Hand auf die Schulter legen musste.
„Bleib ruhig, Loranthus“, raunte er. „Es passiert dir nichts. Heute wird nichts geopfert.“
„Es sei denn, du willst als Zwiesel enden, wenn du weiter so zappelst“, gluckste Arminius leise und drückte fest auf die andere Schulter von Loranthus, obwohl er dabei an Conall und Tarian vorbei langen musste.
„Dann braucht Großmutter Mara nicht bis zum Winter warten“, kicherte ihm Tarian ins Ohr und löste seinen Vater beim Drücken der Schulter ab.
„Du kannst persönlich in der Buttermilch deine Früchte verrühren und das Gemüse in der Suppe“, versicherte Conall und rieb kräftig die Hände gegeneinander, als wolle er einen Zwiesel führen.
Loranthus wirbelte so schnell mit seinem Kopf zwischen Arminius, Silvanus, Conall und Tarian herum, dass er einem echten Zwiesel erstaunliche Konkurrenz machte. Und als seine Hände zwischen den goldenen Stäben und dem gleißenden Gold des Sonnenaufgangs hin und her zuckten, war das Bild perfekt.
„Das ist ein Observatorium!“, flüsterte er aufgeregt und zeigte auf die Holzstämme rund herum. „Damit könnt ihr Mondjahr und Sonnenjahr in Einklang bringen! Und dieser Hut! Afals Hut …“
Silvanus sah ihn übertrieben erstaunt an und wisperte: „Natürlich. Was hast du denn gedacht?! Meinst du, ihr Griechen seid die einzigen, die Zyklen von Mond- und Sonnenfinsternis berechnen können? Afal kann das auch. Was meinst du wohl, woher wir wissen, wann die Tagundnachtgleichen sind, die Sonnenwenden, die Rauhnächte, Samhain, Imbolg, Beltaine, Lugnasad?“
„Ruhe jetzt! Augen gerade aus!“, zischte Arminius und Loranthus klappte seinen Mund kommentarlos zu. Er hatte sowieso keine plausible Antwort parat.
Afal drehte sich zu ihnen um und schien sich prächtig zu amüsieren, hatte also gute Ohren. Er wurde aber schnell wieder ernst, hob die Hände zum Himmel und breitete die Arme in seiner allumfassenden Geste aus.
„Seht, Nachkommen des Cernunnos! Ostara breitet ihren göttlichen Mantel für unseren König aus, auf dass der Strahlende darüber schreite, wie es einem König gebührt: In einer Aura aus Licht, auf goldenem Pfad. Heißt ihn willkommen!“
Ein melodiöser Hornstoß schallte über die Hochebene, ein zweiter setzte ein, ein dritter, ein vierter … Dreizehn Bläser wechselten sich so gekonnt ab, dass man nicht hörte, wie sie Luft holten. Ihr Signal dauerte an, bis die Sonne ihren Scheitel über den Horizont der Thuringer Berge geschoben hatte und in einem gleißenden Kranz aus Licht erstrahlte. Von überall her auf den Bergen hallte Hörnerklang zu ihnen herüber, mal mehr, mal weniger laut. Loranthus stellten sich die Nackenhaare auf, so majestätisch hörte es sich an. Ein Raunen ging durch die Menge, als der erste Strahl über einem spitzen Felsen aufglomm, der am äußersten Rand der Hochebene aufragte. Dieser Finger aus Licht ging exakt zwischen den beiden Pfeilern am Osteingang hindurch und traf den vordersten der goldenen Stäbe auf dem Stein. Sofort flammte der zweite Stab auf und warf seinen Glanz geradewegs auf den dritten, dann strahlte der dritte den vierten an.
Loranthus hätte schwören können, auf den wuchtigen Dreiergruppen Bilder zu sehen, die ihm vorher nicht aufgefallen waren, aber das Licht am Horizont, das Licht auf dem Becken, das Licht der Reflektion, Afals goldener Hut … alles zusammen gleißte derart hell, dass er die Augen fest zusammen kneifen musste.
„Der Sonnenkorridor!“ rief er aufgeregt und schielte mit gesenktem Kopf zu Silvanus. „Beim Pfeil und Bogen von Apoll! Ich glaub, ich werd irre! Ihr habt hier oben auf dem Berg ein Observatorium, ein Kalendarium wenn man so will. Und heute ist die Sommersonnenwende. Da steht die Sonne in ihrem Jahresverlauf am nördlichsten! Ist der Felsensporn dort vorne natürlichen Ursprungs oder habt ihr ihn auf diesem Platz eingegraben? Egal! Jedenfalls geht über diesem Felsen heute die Sonne auf und Apollo schießt seinen Pfeil direkt hierher.“
„Arcturus. Und das Horn ist echt.“
„Was?“
„Der Felsen ist natürlichen Ursprungs“, betonte Silvanus und brüllte fast, damit Loranthus bei dem lauten Hörnerklang auch alles gut verstand. „Und Arcturus schießt seinen Pfeil direkt hierher.“
„Arcturus − Apollo … hört sich für mich einerseits verschieden, andererseits doch ähnlich an! Da gibt es so viele Namen für ein und dasselbe!“, schrie Loranthus zurück.
„Aber weißt du, Silvanus, was mich am meisten verwundert?“
„Sag’s laut!“
„Dass die Symbole gleich sind!“, brüllte Loranthus.
„Ich schätze mal, das ist der Sinn von Symbolen! Hat irgendwie den selben Zweck wie Zeichensprache!“
„Zeichensprache?“, fragte Loranthus verblüfft und vergaß zu schreien, dafür versuchte er ein Auge zu öffnen. Gequält verzog er sein Gesicht, kniff das Auge wieder zu und hob den Daumen. „Zeichensprache.“
Die Hörner vereinten sich zu einem letzten langen Crescendo und verstummten abrupt. Die plötzliche Stille hallte auf eine ganz besonders anrührende Weise nach. Loranthus konnte das erhabene Schweigen nicht nur hören, sondern auch fühlen und jetzt sogar wieder einigermaßen sehen.
Afal, in gleißendes Licht gehüllt, breitete die Arme aus.
„Lasst − die Weihe − beginnen!“
König Gort und Gardan erhoben sich und trugen eine mannshohe Holzstatue zu Afal. Loranthus hatte sie bis jetzt noch gar nicht bemerkt, aber er erkannte sofort, dass es die Figur war, die Noeira bei seiner Ankunft hier, in diesem Land, behauen hatte. Jetzt war sie fertig und irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Es war eine Frau mit langen wallenden Haaren. Sie streckte die Hände aus, als wolle sie dem Betrachter einen Schluck Wasser darbringen.
„Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Quellgöttin Sünna‘. Möge deine göttliche Gabe allzeit bestehen und all jenen, die dich achten und ehren, zum Wohle gereichen.“
Afal tauchte Birkenzweige in das steinerne Becken und besprengte Sünna mit geweihtem Wasser, bis sie von oben bis unten nass war.
Loranthus überlegte, dass sie auch in das Becken gepasst hätte, wenigstens bis zum Bauchnabel. Aber das hätte wohl zu komisch ausgesehen, wenn sie die Statue dann umgedreht und kopfüber hinein getaucht hätten. Obwohl? Auf dem steinernen Becken wurde auch eine Gestalt kopfüber in einen Kessel getaucht. Sie sah aus wie ein … Mensch. Loranthus sah genauer hin.
Ganz eindeutig: In den Stein waren Symbole und Figuren gehauen. Es waren Krieger. Das erkannte er an ihren Helmen. Der eine hatte Hörner auf seinem, ein anderer eine borstige Wildsau, der nächste einen Hahn. Sie saßen auf Pferden und hielten Schwerter, Äxte und Schilde in den Händen. Hinter ihnen reihten sich Krieger zu Fuß. Sie sahen alle nach vorne zu einem gehörnten Wesen, das einen Krieger an einem Bein gepackt hielt und kopfüber in einen Kessel tauchte.
Loranthus stellten sich die Haare auf und er bekam Gänsehaut. Ihn hatte nicht so sehr die dargestellte Szene erschreckt, sondern mit welch gleichmütigen Mienen die nachstehenden Krieger darauf warteten, dass sie auch dran kämen. Und dieser Gehörnte … dieses Hirschgeweih da auf seinem Kopf … Das konnte doch nur Cernunnos sein. Ganz eindeutig: In der einen Hand hielt er eine Schlange und seinen Torques, den er sonst immer mit der anderen hoch hielt, trug er um den Hals. Das lag wohl daran, dass seine andere Hand schon besetzt war.
Loranthus schluckte laut, als sich Noeira und Taberia erhoben und ihre Babys zu Afal trugen. Conall und Tarian gingen neben ihnen. Loranthus sah ihnen nach, als wolle er sie am liebsten aufhalten, doch gleichzeitig erkannte er, wie stolz sie über den Platz auf das steinerne Becken zu schritten. Auch andere Mütter und Väter betraten den Kreis und Gardan ordnete sie.
Zuerst kam Wahedon mit seiner Frau Mirja und seinem Sohn. Afal machte mit dem Daumen das Zeichen der vier Himmelsrichtungen auf seiner Stirn und sprach: „Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Hattu‘, der Behütete. Achte die Götter und sie werden dich achten.“
Wahedon nahm seinen nackten Sohn aus dem Tuch und reichte ihn Afal. Der tauchte ihn komplett, bis über den Kopf, in das Becken mit den seltsamen Bildern und gab ihn zurück. Der Kleine schrie nicht einmal und Wahedon schwoll die Brust, als er ihn der Sonne entgegenstreckte und wieder in das Tuch zurücklegte. Mirja schlug ihn fürsorglich ein und sie machten einen Schritt zur Seite.
Noeira und Conall waren an der Reihe und Belisama bekam nun ganz offiziell ihren Namen. Sie beschwerte sich aber lauthals über das Bad, was alle Zuschauer zum Lachen brachte.
Conall küsste seine strampelnde Tochter und hob sie strahlend in die Höhe. Belisama quittierte seine Freude mit energischen Fußtritten und pinkelte los, was Conalls Arme zusehends länger werden ließ. Geduldig wartete er in gestreckter Vorhalte, und als sie fertig war, versuchte er sie wieder in ihr Tuch zurück zu legen. Noeira kam aus dem Lachen nicht mehr heraus, weil sie einige Mühe hatte, ihre agile Tochter wieder einzuwickeln. Alle Umstehenden freuten sich mit.
Die nächste, die sich über zu viel Wasser beschwerte, war Armanu, und auch Tarian hob seine Tochter lachend der Sonne entgegen. Sie hatte aber keinen Wasserüberschuss, beziehungsweise: Sie hatte schon vorher ihr Einschlagtuch nass gemacht, aber Taberia hatte wohlweislich für Ersatz gesorgt.
Viele Babys schrien und strampelten, ein besonders kräftiges gähnte gelangweilt und reckte seine Fäuste gen Himmel, eins hatte Afal am Daumen erwischt und seinen einzigen Zahn hineingeschlagen, der nächste wollte sein Wickeltuch partout nicht loslassen … alle hatten viel Spaß.
Die Namensgebung ging schnell vorüber und Loranthus staunte nicht schlecht, als Viviane nach vorne ging und auch die anderen Krieger nachkamen. Diesmal musste Gardan niemanden ordnen. Sie kannten ihre Rangfolge genau.
Amaturix ging vor Afal auf die Knie, senkte den Kopf und streckte ihm sein Schwert entgegen. Afal nahm es langsam und tauchte es wie die Babys ins Becken. Loranthus fragte sich, wie tief das Wasser wohl sei und ob er da vielleicht auch hineinpassen würde, wenn er in die Hocke ging.
Da rief Afal auch schon: „Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Gabe der Götter‘! Achte das Leben und hüte die göttlichen Gaben!“ Mit diesen Worten reichte er das nasse Schwert an Amaturix zurück.
Silvanus stieß Loranthus an und flüsterte: „Hast du gesehen, wie präzise sie das Schwert parallel zu sich halten und nur mit den Fingerspitzen berühren?“
„Jetzt, wo du es sagst …“, wisperte Loranthus zurück. „Warum machen sie es so umständlich?“
„Wenn man es anders berührt, oder die Schwertspitze auch nur ein kleines bisschen zu dem einen oder anderen hinzeigt, kann das derjenige schon als Provokation deuten.“
„So ein Schwachsinn“, zischte Loranthus leise. „Das ist Afal, der da vorne steht! Ist dir das noch nicht aufgefallen?“
„Kein Schwachsinn, Loranthus. Egal wer es ist, Ausnahmen werden nur bei Kindern gemacht. Und jetzt still! Viv ist dran.“
Viviane beugte ihr Haupt und hielt ihr Schwert exakt zwischen sich und Afal, der es ihr ganz vorsichtig abnahm und ins Steinbecken tauchte. Loranthus dachte an Namen wie: die Unbesiegbare, die Unbeugsame, die Erhabene, die Kühne, die Gerechte, die Glorreiche …
Er war total perplex, als Afal rief: „Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Der mondhelle Pfad‘! Achte das Leben und hüte die göttlichen Gaben!“
Was sollte das heißen: Der mondhelle Pfad?! Wollte Viviane aus ihrem Schwert einen Wanderstock machen für einen lauschigen Spaziergang mit Silvanus bei Mondschein?! Doch kein Krieger nannte sein Schwert so, wie es Loranthus erwartet hatte. Und als sie wieder vom Heiligtum herab schritten, erklärte es ihm Viviane selbst, denn nun war der offizielle Teil vorbei und jeder lief, wo er wollte.
„Du musst den Namen fühlen, Loranthus. Das können Wünsche sein oder Versprechen, wichtige Ereignisse in deinem Leben oder andere Dinge, die dir Kraft spenden. Diese Kraft soll mit dem Namen auf dein Schwert übergehen. Es ist dein Beschützer, dein Freund, das Beste was du hast! So ähnlich wie ein Hilfsgeist bei einem Geisterflug. Verstehst du?“
„Deshalb hat Wahedon sein Schwert ‚Für das Leben‘ genannt?“
„Ja, weil sein Weib und sein Sohn ihm alles bedeuten.“
„Du hast beiden das Leben gerettet, Viviane“, bemerkte Loranthus und winkte sofort ab, um ihren Protest zu unterdrücken. „Ich weiß schon! Es stand in deiner Macht. Also. Wann macht man so eine Schwertweihe? Ich meine: Du hast dein Schwert doch schon länger und Amaturix auch und all die anderen Krieger.“
„Das kann jeder machen, wie er will. Jede Sommersonnenwende bekommt man die Gelegenheit dazu. Es kommt nur darauf an, wann du den Namen in dir hörst. Zum Beispiel, wenn sich in deinem Leben etwas Wichtiges ereignet.“ Sie betrachtete ihn schelmisch von der Seite. „Du könntest dein Schwert zum Beispiel …“.
Sie machte eine Kunstpause, die Loranthus lachend nutzte.
„ … Elektra nennen?“
„Warum nicht?“ gluckste Viviane. „Aber es sollte sich geheimnisvoller anhören. Wie ‚Sonnenstrahlendes Mondhaar‘ oder so ähnlich.“
Loranthus lachte laut auf.
„Wenn ich jemals mehr als ein Holzschwert führen sollte, dann nenne ich es ‚Verbindung zweier Bänder, die eins waren‘.“
„Wie kommst du denn auf den Namen?“
Loranthus sah sie ernst an und wiegte den Kopf.
„Ich weiß nicht genau, Viviane. Aber in letzter Zeit kommt mir immer öfter der Verdacht, dass mich viel mehr mit deinem Volk verbindet, als meine Liebe zu Elektra.“ Er raufte sich die Haare und stöhnte. „Was soll ich nur machen, Viviane? Ich will sie nicht verlieren, sie kann nicht von hier weg, mein Vater erwartet mich … unsere Händlerdynastie … ich bin sein einziger Erbe …“
Viviane zog seine Hände herunter.
„Jetzt warten wir erst mal vor Tinnes Haus, damit auch die kleine Germania ihre Weihe bekommt. Dann bringen wir unsere neue Statue an ihren angestammten Platz. Viele von uns werden dort eine Bitte an Sünna richten und ihr ein Opfer versprechen, wenn sie unsere Wünsche erfüllt. Vielleicht hast auch du einen Wunsch? Weißt du, Loranthus: Ich habe lange überlegt, bis ich einen Namen für mein Schwert gefunden habe und als ich am wenigsten daran dachte, war er einfach da. Vielleicht ist es ja bei dir genauso. Es gibt so viele Möglichkeiten … Warte einfach auf die richtige.“
Loranthus stöhnte wieder auf und Viviane tätschelte ihm die Schulter.
„Bald, Loranthus, bald.“
Die Zeit geht vorbei, ob bei Spiel oder Arbeit
Wenn es Loranthus an diesem Tag auch nicht geglaubt hatte: Die Zeit bis zu Lugnasad verging schneller als geahnt.
Das lag wohl daran, wie gut er sich schon in Vivianes Familie fügte.
Er harkte die Gemüsefelder, ohne Blasen an den Händen zu bekommen. Seine Arme taten ihm beim Korn mahlen mit der Drehmühle nicht mehr weh und er hämmerte sogar manchmal unter dem wachsamen Blick von Arminius auf dem Amboss herum. Ein Federmesser, ein Feuereisen sowie drei Halter für eine Dachrinne hatte er schon eigenhändig gefertigt, letzteres für das neue Haus von Viviane und Silvanus. Oder vielleicht doch lieber nur für den Schuppen der beiden, weil er die Sache mit dem Feingefühl immer noch nicht richtig raus hatte. Wolle kämmen war dagegen das reinste Kinderspiel.
Mittlerweile konnte er schon eggen, säen und wusste, wann das Gemüse reif zum Ernten war. Um das Schlachten von Viehzeug hatte er sich zwar bis jetzt noch erfolgreich herum gedrückt, aber dafür hatte er das Häuten und Gerben, den Gebrauch einer Sense und das Reusen bauen genauso schnell erlernt wie spinnen und Wolle färben. Flora war richtig stolz, als er das Färber-Wau mitsamt der Wurzel ausriss und wusste, dass man damit ein kräftiges Gelb bekommt. Seine Lieblingsfarbe war allerdings Blaubeere in allen Nuancen.
Das lag daran, dass man das Abfallprodukt nach dem Saftpressen noch so schmackhaft verwerten konnte. Jedenfalls war das Großmutter Maras Überzeugung, weil er so gerne Molke oder Buttermilch mit ausgepressten Blaubeeren trank. Am liebsten zwirbelte er alles höchstpersönlich durcheinander und mit besonders viel Elan, wenn Conall und Tarian in der Nähe waren.
Eines Tages hatte er es mit diesem Getränk dermaßen übertrieben, dass er fast den ganzen Tag zwischen der Töpferscheibe, dem Brennofen und dem Abort hin und her rannte. An letzterem Ort machte er sich darüber Gedanken, warum Flora ihm getrocknete Blaubeeren in den Mund geschoben hatte, damit der Durchfall aufhörte. Sie schmeckten grässlich, aber wirkten. Und, egal ob frisch oder getrocknet, schienen sie auch seinen Geist zu beeinflussen, denn nebenbei formte er mit dem Ton einen abstrakten Tierkörper aus Stier, Hirsch und Bär, der ihm in Gesicht und Frisur erstaunlich ähnlich sah.
Bei den letzten Feinheiten entwickelte er derartiges Geschick, dass sogar Großmutter Mara ihr wiederholtes „Hab ich’s dir nicht gesagt?!“ vergaß, als er das vierte Mal vom Abort kam und ihr seine fertige Figur präsentierte.
Den Tier-Loranthus machte er als Henkel an seinem Krug fest und schob die Töpferwaren von Mara, Taberia und seine eigene Kreation zum Brennen in den Ofen. Dabei zuckte er nicht mit der Wimper und tat so, als wären die phantastischen Figuren von den beiden das Normalste von der Welt. Er hatte schon so viele seltsame Wesen aus Holz, Ton, Kupfer, Bronze, Silber, Gold oder Eisen gesehen … mittlerweile fand er weder skurrile, noch echte Tiere erschreckend.
Wagemutig kraulte er die Ochsen zwischen ihren riesigen Hörnern, selbst angriffslustig schreiende Gänse scheuchte er heldenhaft vor sich her. Nur als seine Leute Honig machen wollten, weigerte er sich hartnäckig.
Großmutter Mara duldete aber keinen Widerspruch: Wer Met haben wolle, der müsse auch Honig schleudern können, das war ihre Devise, die sie mit ihrem Finger in seine Brust einstanzte. Und als Loranthus sah, wie die Bienen freiwillig ihre Klotzbeuten verließen, schämte er sich etwas, weil er sich vor ihnen gefürchtet hatte. Wofür so ein bisschen Rauch doch gut war.
Er machte auch Fortschritte in Schwertkampf, Bogenschießen und Speerwerfen. Immerhin war er schon besser als Lavinia und Robin und blieb sogar bei Vivianes Kampflektionen stehen, manchmal. Doch in keiner Disziplin war er so gut wie im Steine schleudern. Selbst Viviane konnte da nicht mithalten.
Das galt auch für Kirschen-Ziel-Spucken. Das hatte er schon zweimal gewonnen und als er keinen würdigen Gegner mehr auftreiben konnte, kam er auf den Gedanken, den Wettstreit doch mal mit anderen Leuten zu versuchen.
So kam es, dass alle Leute der umliegenden Dörfer eines Abends, mitsamt ihren Spucknäpfen, bei ihnen am Tor standen.
Der Abstand zum Napf wurde festgelegt und jeder bekam genau ein Dutzend Kirschen.
Wer daneben traf, schied aus und die Kirschkerne häuften sich unter lautem Jubel in den Näpfen oder irgendwo in der Botanik.
Am Ende gab es ein Stechen, beziehungsweise Spucken, zwischen Loranthus und Naschu. Jeder bekam noch ein letztes Mal seine Kirschen und es dauerte nicht lange, da lieferten sie sich einen verbissenen Wettlauf zum Abort.
Loranthus war schneller und riss die Tür auf. Mit der einen Hand zerrte er seinen Hosenstrick auf, mit der anderen den Holzdeckel vom Abort.
Naschu saß schon längst auf seinem Hintern und seufzte erleichtert, als Loranthus immer noch mit seiner Hose kämpfte. Endlich hatte er sie in den Kniekehlen und plumpste so schnell auf die Fallgrube, als könne er damit seinen Rückstand aufholen.
„Beim Zeus, das war knapp“, presste er heraus und versprach sich selbst und allen Göttern, das nächste Mal lieber zwei Hände zu nehmen, statt Zeit sparen zu wollen, egal bei welcher Gelegenheit.
„Hätte ich doch bloß nicht so viel getrunken“, jammerte Naschu und krümmte sich zusammen.
Da öffnete sich die Tür ein klein wenig und die Nase von Conall erschien im Türspalt.
„Phuh! Dicke Luft!“, sagte er in ziemlich nasalem Ton und streckte seinen Kopf mit einem breiten Grinsen herein. „Aber was mich nicht tötet, macht mich noch härter!“
„Lass das Feixen und komm rein, wenn du dich traust!“, maulte Naschu zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Tür zu!“
„Ach, keine Bange“, versicherte Conall und machte die Tür sperrangelweit auf. „Die Hühner nebenan wissen alle, wie ein gluckendes Huhn aussieht − oder zwei, um genau zu sein.“ Er deutete auf Loranthus, der immer noch den Abortdeckel in der Hand hielt. „Schwachsinn, wie komm ich denn auf Huhn! Natürlich findet hier ein Kriegsrat statt! Der Rundschild steht dir gut, Loranthus, gibst einen prima Reiter ab!“
„Willst du nun reinkommen oder dummes Zeug labern“, zischte Loranthus laut und übertönte damit einige Nebengeräusche.
„Natürlich komm ich rein. Ist ja schließlich noch ein Platz frei. Wollte euch nur einen Vorsprung auf den Thron lassen. Bin ja nur der Drittplatzierte.“
Abends, als die Nachbarn weg waren, verging Conall das Grinsen, denn er bekam Bauchschmerzen. Loranthus teilte sein Leid, jammerte aber wesentlich lauter, weil er bei solchen Krämpfen eigentlich den ersten Platz verdient hätte und sich schon wieder Maras „Hab ich’s dir nicht gesagt?!“ anhören musste.
Um der eintönigen Litanei zu entgehen, schlichen sie sich schleunigst besonders mitleiderregend zur Hintertür hinaus und rannten mit heruntergelassenen Hosen zu ihrer dritten oder vierten Thronbesteigung.
Wieder zurück, empfing sie Flora mit einem Tee aus Kamille und Minze. Unter ihrem strengen Blick musste jeder seine Portion trinken, sich lang legen und nach ihrer Anweisung vom Rücken, über die Seite, zum Bauch und zur anderen Seite drehen. Derart beschäftigt mit synchronem Rollen, hatten sie ihre Bauchschmerzen vergessen. Oder waren sie gerade deshalb verschwunden?
Zum Erbsen auskneibeln war Loranthus jedenfalls wieder in Bestform und wurde einstimmig zum Erbsenkönig ernannt. Mara legte ihm einen Torques aus Erbsen um den Hals und Lavinia drückte ihm einen sauren Apfel in die Hand. Zu guter Letzt kniete Robin vor ihm nieder und überreichte einen verästelten Buchenstab, der vorher den Erbsen zum Ranken gedient hatte.
So ausstaffiert stolzierte Loranthus über den Dorfplatz und winkte seinen Erbsenzählern huldvoll zu, bis allen vor Ergriffenheit die Tränen liefen, besonders Conall, der schon wieder das Nachsehen hatte.




