- -
- 100%
- +
„Aha! Danke Robin! Im Osten liegt Thuringia mit ebenfalls sieben Wegstunden. Im Süden liegt Alpina und bis dorthin dauert es … äh … Ich kann es nicht lesen.“ Robin seufzte.
„Ich dachte …“, fing er extrem laut an und bekam einen Rippenstoß von Lavinia. Erst wollte er sich beschweren, doch da bemerkte er seinen Fehler, beugte sich zu Loranthus und raunte: „Ich dachte, du kannst unsere Sprache?“
Loranthus beugte sich ganz nah an sein Ohr und wisperte zurück: „Es liegt nicht an mir. Es liegt am Wetter.“
Robin musterte Loranthus mitleidig, als sei bei ihm eine seltene Krankheit ausgebrochen, die ihn demnächst dahin raffen würde.
Bis es soweit war, grinste Loranthus noch recht lebensfroh.
„Die eingekerbte Schrift ist verwittert.“
„Ach so“, nuschelte Robin und kam wieder näher heran.
Lavinia schüttelte tadelnd den Kopf.
„Vor vielen Jahren hat man es bestimmt noch gut lesen können, aber da jeder Händler diese Kreuzung kennt, macht sich wohl keiner die Mühe, die Schrift nach zu meißeln. Bei den Händlern, die über die Alpenpässe müssen, kommt es auf ein paar Wegstunden mehr oder weniger bestimmt nicht an. Im Moment interessiert uns sowieso nur die große Festwiese und bis dorthin ist es bloß noch eine halbe Wegstunde. Für uns dauert es natürlich länger.“
„Aha! Also dann, gerade aus, nach Süden!“, rief Loranthus sehr laut in Mundart der Hermunduren, jedoch mit starkem griechischem Akzent, und deutete enthusiastisch nach vorne, als habe er jetzt endlich begriffen. Aus den Augenwinkeln sah er etliche Leute in der näheren Umgebung nachsichtig lächeln.
Das war Sinn und Zweck der Täuschung, sichtlich zufrieden schmunzelte er in sich hinein. Sollten sie ihn ruhig für schwer von Begriff halten. Jetzt noch ein bisschen zurücklehnen und vor sich hin freuen …
Dazu hatte er sogar allen Grund: Dieses Reisen mit dem Wagen war so gemütlich, viel besser als zu Fuß oder zu Pferde. Das Lenken ging ihm leicht von der Hand und seine neuen Pferde gehorchten willig, sie trabten so leichtfüßig. Das lag daran, dass es sachte bergab ging und es dauerte diesmal wirklich einen Augenblick, bevor er es bemerkte. Erst, als der Wagen vor ihm die Sicht freigab, stemmte er sich fasziniert aus seinem Sitz.
„Beim Hermes, diese Aussicht ist ja herrlich! Und alles ist genauso, wie ihr es mir berichtet habt!“
Es war ein weites, flaches Grasland mit einigen kleinen Wäldchen, das sich da vor ihm erstreckte, soweit das Auge reichte. Mitten durch die grüne Ebene mit ihren dunkelgrünen Tupfen zog sich die breite Werra mit ihren vielen Nebenflüssen. Links der Werra gab es Weideflächen und abgeerntete Felder, am rechten Ufer reihte sich ein Zelt ans andere. Noch weiter rechts erstreckte sich die breite Handelsstraße, auf der sie unterwegs waren, gesäumt von Apfelbäumen, Apfelbäumen und nochmals Apfelbäumen. Ihre endlos lange Reihe wurde nur ab und zu von Beerensträuchern unterbrochen.
Rechts von der Handelsstraße gab es drei Besonderheiten: als erstes ein Stadion, als zweites ein frisch gemähter Festplatz mit überdachtem Holzbau und am weitesten weg ein fast kreisrunder See mit üppigen Sträuchern und noch mehr Schilfbewuchs. Dort hinten war der Lagerabschnitt für die Könige. Sie hatten sogar einen eigenen Nebenfluss, der ein wenig breiter war als andere Zuflüsse der Werra.
Loranthus beschirmte seine Augen.
„Wunderschön, wie der See in der Abendsonne schillert! Und die Werra sieht aus wie ein endlos langes, glänzendes Band, an dem sich massenhaft bunten Perlen reihen!“
„Das Band hat einen Knick und die bunten Perlen sind in Wirklichkeit Zelte“, half Robin nach und fragte sich, ob Loranthus schlechte Augen hatte.
„Zelte!“, rief Loranthus begeistert in Landessprache und redete auf Griechisch weiter.
„Zelte, Zelte und nochmals Zelte! So viele habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen! Beim Zeus! Das müssen ja zwei-, dreitausend Leute sein, die dort am Fluss lagern! Rechts von der Straße erkenne ich ganz deutlich den Festplatz und davor die Backöfen und Feuerstellen. Und als erstes sehe ich natürlich das Stadion.“
„Stadion?“, wiederholte Lavinia mit großen Augen.
„Sehr richtig, Lavinia. Ein Stadion. So sagen wir Griechen zu einer Wettkampfstätte. Eigentlich ist Stadion ein Längenmaß und bedeutet sechshundert Fuß, aber irgendwann hat es sich so eingebürgert, es als Wort für Wettkampfstätte zu nehmen.“
Robins Augen begannen zu leuchten.
„Das würde ich mir zu gerne mal ansehen! Unsere Wettkampfstätte, also unser Stadion, wird abends immer umfunktioniert, zum Tanzplatz. Auf der Festwiese zwischen See und Stadion wird nämlich immer gemeinsam gegessen und abends wird musiziert. Dann schwärmen die Massen aus und verteilen sich über See und Stadion. Wenn du willst, kannst du auch mal auf deiner Flöte mitspielen, Loranthus.“
„Nein, da muss ich noch ein bisschen üben, Robin!“, wehrte Loranthus schnell ab und sah schon die Leute in Panik vor seinen musischen Ergüssen auseinander stieben. Die einen ersäuften sich im See, die anderen rannten den Marathon. „Vielleicht nächstes Jahr.“
Robin kicherte: „Wenn du krumme Töne spielst, merkt das eh keiner, das kannst du mir glauben! Die Leute sind abends immer so beschäftigt mit tanzen und saufen und …“
„Ja, das kann ich mir vorstellen!“, rief Loranthus begeistert und sah ganz genau vor sich, was sich da alles für Möglichkeiten eröffneten. „Dieser überdachte Flachbau auf der Festwiese macht einen soliden Eindruck.“
„Ganz genau! Aber der Platz dort reicht nur für die Könige und oberste Druiden. Wenn das ganze Großkönigreich zusammen kommt, passen nicht mehr rein. Außerdem ist es sowieso besser, wenn die Krieger nicht zusammensitzen.“
Loranthus ließ den Kopf hängen. Gerade hatte er sich neben Elektra sitzen sehen und nun war für ihn kein Platz. Für Krieger zum Glück auch nicht.
„Warum kein Platz für Krieger? Wegen ihrer Essmanieren?“
„Nein“, gluckste Robin und hob Achtung heischend den Finger. „Wenn viele Hunde zusammengepfercht werden, dauert es nicht lange, und der erste beißt um sich. Du weißt doch, Loranthus, kein Streit zu den Festen. Zu Lugnasad sind die Druiden der Rechtssprechung besonders streng. Da muss der hohe Rat oftmals Streitfälle schlichten, die gar nicht eingeplant waren.“
„Streitfälle schlichten? Interessant! Das muss ich mir unbedingt ansehen.“
„Apropos ansehen!“, rief Robin und deutete nach hinten. Eilig kletterte er auf den Sitz und hielt sich an Loranthus’ Schulter fest. „Guckt mal! Dort drüben kommen die Bären von Raino! Ja! Juhu! Urgroßmutter Dana kommt!“
Loranthus sah nach rechts.
„Ich sehe nur eine Staubwolke, Robin, mit Königen und ein paar Kriegern an der Spitze. Woher weißt du, dass es die Bären von Raino sind?“
„Da sind noch mehr Clans dabei, aber egal, es ist doch einfach, Loranthus! Sie kommen aus der richtigen Richtung. Guck mal nach links! Was siehst du da?“
„Den Thuringer Wald.“
„Und?“
„Hm, auch eine Staubwolke. Ach, da kommen eure Verwandten vom Hermannsberg und von der hohen Möst, und natürlich noch andere Clans!“
„Richtig, Loranthus, unsere Buchen- und Eichenleute!“, lobte Robin und hockte sich ächzend wieder hin wie ein betagter Lehrmeister nach einer anstrengenden Lektion.
„Aber du ahnst ja gar nicht, mit wem wir alles versippt sind. Wenn wir unsere Zelte aufgeschlagen haben, zeige ich dir mal die ganze Sippschaft.“
„Das hört sich so an, als würde es lange dauern. Vorher will ich was Ordentliches zum Abendbrot!“
Robin tätschelte ihm mitleidig die Schulter, sein Schüler musste noch sehr viel lernen.
„Ess lieber nichts, Loranthus, alle werden dir Essen und Trinken anbieten. Und glaube mir, ich meine wirklich alle.
Lavinia feixte: „Vergiss die siebenköpfige Raupe nicht mitzunehmen, Loranthus!“
Sein und Schein
Am nächsten Tag schlenderte Loranthus mit Silvanus und Ethmanja durch das Lager. Er war überwältigt, was er alle paar Schritte auch kund tat − besonders, wenn er einer Horde spielender Kinder aus dem Weg springen musste, um nicht umgerannt zu werden. Bei der ersten Begegnung hätte er dabei fast ein Zelt eingerissen und bekam doch tatsächlich sofort ein Honigbrot gereicht, weil er es nicht geschafft hatte. Strahlend nahm er seine Abfindung entgegen und machte sich mit vielen Dankesworten auf den Rückzug. Silvanus durfte auch einmal abbeißen, das meiste bekam allerdings Ethmanja. Loranthus konnte ihren bettelnden Hundeaugen einfach nicht widerstehen und außerdem war er noch vom gestrigen Rundgang voll bis Oberkante Unterlippe.
Es dauerte jedoch keine halbe Wegstunde, da war alles abgesackt und sein Magen knurrte laut und vernehmlich, er solle beim nächsten Schwung Kinder was zu Essen ergattern, sonst wäre es mit der Ruhe vorbei.
Die passende Gelegenheit bot sich recht schnell, leider ging er da gerade an einer Brombeerhecke vorbei.
Das hatte allerdings auch seine Vorteile, nun lernte er endlich den Dreiecksprung. Den kannte er bisher nur vom Hörensagen, im Gegensatz zu Honigbroten. Zu seiner eigenen Verwunderung kollidierte er weder mit Dornen, noch mit Kindern − er war eben ein Naturtalent.
Bei den Halbstarken funktionierten die Ausweichmanöver schon gesitteter und vor allem gefahrloser. Sie grüßten ordentlich und warfen ihnen interessierte Blicke zu, während die Maiden nebenbei kicherten und die jungen Männer abschätzend ihre Gestalten musterten.
Als Loranthus sich dessen bewusst wurde, drückte er die Brust raus, wobei sich sein Bauch automatisch straffte, und gaffte genauso zurück. Solche Begegnungen hatten allerdings auch ihre Tücken, denn er musste ja noch Luft holen und dann stimmten die Proportionen irgendwie nicht mehr.
Erwachsene Männer und Frauen bedachte er daher mit einem erwachsenen Kopfnicken ohne Extras, und wenn sie jemanden trafen, den sie kannten, brauchte er sich gar keine Mühe mehr geben, da lag nämlich der Wert auf einem kurzen Schwätzchen.
Sie kamen also in etwa so schnell voran wie eine Schnecke mit Atemnot, Ethmanja gähnte immerzu.
Etwa sechstausend Menschen waren zusammengekommen. Solche Massen brauchten natürlich auch massenhaft Platz, aber es herrschte trotzdem eine gewisse Ordnung.
Das Viehzeug weidete auf weiträumigen Wiesen, die von Beerensträuchern begrenzt wurden. Die Pferde hatten Weiden gleich beim Lager der Könige. Schlachtvieh und das Vieh zum Tausch wurde abseits gehalten, damit es keine Verwechselungen gab. Milchkühe standen auf den nächstgelegenen Weiden, genau wie die Gehege der Hühner. Das Federvieh wurde sogar durch ein dichtes Weidengeflecht abgeschirmt, als Schutz vor Raubvögeln. Für zusätzliches Futter türmten sich überall noch Heuhaufen, die auf der Festwiese und im Stadion abgemäht worden waren.
Aber nicht nur das Vieh, sondern auch die Menschen hatten für jedes ihrer Bedürfnisse gesonderte Plätze.
Wenn man zum Abort wollte, musste man ein Stück die Werra entlang laufen. Dort gab es für jeden Lagerabschnitt überdachte Senkgruben mit einem Holzgestell darüber, eine simple Konstruktion, aber es tat seinen Zweck. Ab und zu würde dort die Asche aus den Feuerstellen darüber gestreut werden. Das neutralisierte den Geruch.
Ins Zelt ging man eigentlich nur, wenn man sich hinlegen wollte. Das gesellige Beisammensein spielte sich draußen ab, anfallende Arbeiten wurden gemeinsam erledigt.
Gegessen wurde auf dem riesigen Festplatz zwischen See und Stadion. Dort reihten sich auch die Backöfen, Feuerstellen mit Dreifüßen und Kupferkesseln darüber und allem anderen, was man für die Verpflegung brauchte, sogar eine Schmiede mit richtigem Blasebalg, falls mal jemandem sein Essmesser abbrach. Jeder Bereich wurde durch Sträucher voneinander abgegrenzt, die voller Johannisbeeren, Stachelbeeren und Brombeeren hingen.
Aus jedem Königreich waren ein Dutzend junge Leute ausgelost worden, die hier tagelang Gras gemäht, Holz gemacht, Senkgruben für den Abort ausgehoben, Backöfen neu gebaut oder repariert und Gatter in Stand gesetzt hatten. Natürlich hatten sie auch die Wettkampfstätte hergerichtet und auf der Rennbahn Unmengen an Erde glattgezogen, um Stolperstellen einzuebnen.
Loranthus war etwas neidisch gewesen, dass er nicht als Helfer ausgewählt worden war, tröstete sich jedoch damit, dass keiner aus seiner Gastfamilie früher hier war als er.
Dafür begutachtete er nun wie ein Oberaufseher höchst akribisch das Resultat anderer Leute Arbeit, doch wo er auch hinsah, machte alles einen ordentlichen und gepflegten Eindruck.
Sogar die Zelte waren hinter den Apfelbäumen in einer Linie zur Handelsstraße ausgerichtet, als wären sie zur Parade angetreten. Dieser Vergleich drängte sich ihm förmlich auf.
Es gab kleine Zelte, große Zelte, breite Zelte, lange Zelte, meist mit zwei Spitzen, manchmal auch mit einer im Zentrum und vier, fünf, sechs, sieben oder vielleicht auch acht niederen Spitzen − da konnte man sich schon mal verzählen − und natürlich gab es auch welche in einfacher Kegelform. Aber wie sie auch gestaltet waren, immer war der Zelteingang zurückgeschlagen. Als Einladung einzutreten?
Da er nicht zu neugierig erscheinen wollte, entschied er sich für einen langen Hals.
Mit Kennerblick stellte er fest, dass bei vielen die Zeltstützen Schnitzereien aufwiesen und die Leinwände sogar mit Ornamenten oder Bildern bemalt waren, eines schöner und auffälliger als das andere. Schmucklose Holzstützen und einfarbige Leinwände gab es natürlich auch. Diese erstrahlten allerdings auf Hochglanz poliert, beziehungsweise in allen möglichen Farbgebungen.
Der Hirschclan konnte, zum Beispiel, mit so einem herrlich satten Grün aufwarten, welches jeden Vorbeieilenden automatisch in seinen Bann zog. In diesem grünen Bereich gab es noch eine Besonderheit, sie hatten nämlich ein Arzt-Zelt, selbstverständlich auch in Grün. König Gort hatte es Viviane geschenkt und höchst persönlich mit aufgestellt. Es war das größte Zelt im gesamten Lagerabschnitt und hatte exakt zwei Dutzend Stützstreben, Loranthus hatte nachgezählt. König Gort hatte ein größeres, aber nur unwesentlich viel.
Im Lagerabschnitt der Könige hätte jeder Juwelenhändler seine wahre Freude gehabt. Hier prunkten die Zelte ganz und gar noch mit eingelassenen Edelsteinen im Schnitzwerk der Stützstreben und wehenden Standarten in Gold und Silber am Eingang.
Der gesamte Bereich schillerte schon von Weitem in der Sonne und Loranthus brummte zufrieden, als er das grüne Zelt von König Gort und den Hirsch auf der Standarte silbern schimmern sah. Gegen die anderen wirkte es eher schlicht, doch für das Auge war es eine Wohltat. Und so blieben auch hier viele Leute stehen und hefteten ihre Blicke darauf. Je länger man hinsah, desto besser erkannte man ein filigranes Muster aus Silberfäden in der Zeltleinwand, die ein Rudel Hirsche und Jagdszenen darstellten. Wer im Hirschclan konnte so kunstvoll weben? Loranthus seufzte tief, drehte sich hierhin und dorthin und überlegte.
Es war eine Frage des Prestige, eindeutig. Alle Königreiche kamen zu Lugnasad zusammen und zeigten sich von ihrer besten Seite. Wenn sie vor jedem Clan ein Schild aufgestellt hätten ‚Wir sind wohlhabend, einflussreich und imponierend‘, hätte es nie im Leben denselben Effekt gehabt. Die wehenden Standarten vor den Zelten vermittelten auch noch den Eindruck eines skurrilen Tierasyls. Die normalen Bilder von Löwe, Hirsch, Bär, Falke, Gans, Hase, Hahn, Huhn, Hund, Luchs, Pferd, Stier, Taube, Widder und Zaunkönig flatterten zusammen mit den abnormalen Varianten als wäre dies hier der Treffpunkt, um sich zu kreuzen und noch ein paar weitere fantastische Gattungen hervor zu bringen, Hauptsache alles strahlte und funkelte in den sattesten Farben; je glamouröser, desto besser.
Diese Hermunduren protzten doch wirklich mit allem, was sie hatten.
Natürlich hatte sich auch jeder mit Schmuck behängt.
Fibeln, Broschen, Ketten, Armreifen, Handreifen, Fußreifen, Fingerringe oder Ohrringe in Kupfer, Bronze, Messing, Silber, Gold, Holz, Horn oder Glas mit Perlmutt, Bernstein, Koralle, Emaille oder Edelsteinen im Farbspektrum von Kristall bis Onyx … Man musste richtig blinzeln, um überhaupt noch ihre verschiedenen Torques zu erkennen, so sehr gleißte es in der Sonne.
Eine Frau schleppte sogar einen kleinen Hund mit einem breiten Halsband aus aufwendig verflochtenen Kupfersträngen mit sich herum. Vor lauter Windungen, Schlingen und Knoten war der Hund kaum noch zu erkennen, da musste man schon genauer hinsehen, was Loranthus auch tat, weil sie genau auf ihn zukam.
Ihr Blick war der eines Milans, der einen frei laufenden Hahn gesichtet hatte. Loranthus konzentrierte sich auf ihren Hals, um die Gefahr besser einzuschätzen und gab seinem eingezogenen Kopf gleich Entwarnung.
Sie hatte einen besonders dicken Torques, aber nur aus drei gedrehten Kupfersträngen. Ihre Augen huschten mehrmals an ihm hoch und runter, bis sie sicher gehen konnte, dass er weder Schmuck noch Torques vorzuweisen hatte. Da stolzierte sie an ihm vorbei, als hätte sie einen Stock verschluckt und kraulte den Hund oder das Halsband, was ja dasselbe war.
Ethmanja gähnte ihr gelangweilt hinterher, doch Loranthus war über ihr Gehabe eher belustigt. Er nickte sogar anerkennend, schließlich war sie die erste, die einen Stelzgang perfekt imitieren konnte und das wohlgemerkt ganz ohne Hilfsmittel. Daher kam er lautstark zu der Erkenntnis, dass sie in einem früheren Leben ein Storch gewesen sein musste. In diesem Leben war sie jedenfalls das Weib eines Händlers, erfuhr er von Silvanus in der gleichen Lautstärke.
Prompt sah er ihr lange nach und rümpfte die Nase.
Ihre aufgetürmten roten Haare sollten wohl römisch oder griechisch wirken und waren garantiert gefärbt, wahrscheinlich mit derselben Farbe wie ihr Mund und ihre Wangen. Ihr dunkelrosa Kleid war auch nichts Besonderes. Da gab es viel schönere in leuchtenden Farben, mit komplizierten Brettchenwebkanten am Saum und mit Blumen bestickt … Sogar er trug ein kurzärmeliges Hemd, bestickt mit Misteln. Flora hatte es ihm genäht. Zum einen schmeichelte es seiner schlanken Figur, zum anderen passte es so schön zu seinem Namen. Der bedeutete ja schließlich auch Mistel.
Sichtlich mit sich selbst zufrieden, schlenderte Loranthus an den Backöfen vorbei, erschrak und duckte sich hinter Silvanus.
Da kam dieser furchteinflößende König Donar mit noch einem König, den er nicht kannte, genau auf sie zu.
König Donar war wieder an jeder freien Stelle mit Schmuck behängt, die goldenen Bartperlen schaukelten bei jedem Schritt und machten aus seinem Wuschelbart einen roten Sternenhimmel. Vielleicht bildete sich Loranthus das nur ein, aber eine der Bartperlen war gar nicht golden, sondern aus roter Koralle und die goldenen Perlen drum herum bildeten das Sternbild des Skorpion. Leider oder zum Glück tat ihm König Donar nicht den Gefallen und blieb stehen.
Der König, der ihn begleitete, trug seinen braunen Bart zu zwei langen Zöpfen geflochten, was keine Sterndeuterei zuließ, aber dafür hübsch ordentlich aussah. Am Ende eines jeden Zipfels hing eine lange Perle aus Horn mit eingelassenen Kristallen, wie Regentropfen, die an einem verharzten Baumstamm funkelten.
Als Loranthus seinen Blick davon losgerissen hatte, bemerkte er daneben noch einen jungen Mann mit welligen, rotbraunen Haaren bis hinab zu den Hüften. Diese Mähne, sein Gesicht und besonders die Augenpartie erinnerte ihn irgendwie an Viviane. Er hatte sogar die gleiche Gestalt und den gleichen geschmeidigen Gang wie sie.
Loranthus konnte sich nie so recht entscheiden, ob Viviane nun eher wie ein Reh oder wie eine Löwin ging, denn anmutig und effizient passte ja bei beiden, tödlich nur zu letzterem. Bei diesem jungen Mann war es ebenso, mit leichter Tendenz zum Löwen wegen des Bartwuchses.
Wie die Könige trug auch er einen goldenen Torques, aber ansonsten nur Schmuck aus Holz, der jedoch derart filigran gefertigt war, dass Loranthus fasziniert die Augen aufriss. Auf den breiten Armreifen konnte er Jagdszenen erkennen und seine einzige Bartperle hatte die Form eines Baumes, wobei winzige Smaragde die Blätter darstellten. Es war eindeutig eine Buche.
Plötzlich huschte Loranthus die Erkenntnis wie ein heller Blitz durch den Kopf: Der andere König war Eburix und der junge Mann musste sein Sohn sein.
Bei allen dreien blitzten die Schwertscheiden, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes tun, als sie zu polieren. Jeder hatten je zwei Hörner in den Gürtelschlaufen stecken und Loranthus fragte sich gerade, warum nicht eines zum Trinken reichte, da sah er noch eine Doppelaxt bei jedem an der Seite.
Doppelt und dreifach, das war zu viel.
Im Affekt packte er Silvanus und wollte ihn weg zerren, doch der zog zurück, so dass er eine unfreiwillige Verbeugung machte. Auch Silvanus verneigte sich tief, aber gewollt, und schon waren die drei an ihnen vorbei. Sie riefen sogar ein dreistimmiges „Seid gegrüßt, Silvanus und Loranthus!“, womit Loranthus absolut nicht gerechnet hätte.
Er war darüber so verdutzt, dass Silvanus ihnen alleine hinterher rief: „Auch wir grüßen euch, Donarrix, Eburix und Hermann.“
Loranthus lugte ihnen hinterher und hätte schwören können, dass auf den Äxten die Todesgöttin in Dreiergestalt eingraviert war. Jede hatte einen Raben auf der Schulter sitzen und hob ein Signalhorn an den Mund.
„Nichts wie weg hier“, murmelte er, als die drei außer Hörweite waren und wollte sich über den Weg in Sicherheit bringen. Doch er musste warten und sich schon wieder verneigen, denn jetzt kreuzte Aodhrix seine Bahn.
Auch dieser König hatte seinen dunkelbraunen Bart zu zwei langen Zöpfen geflochten und die Zipfel mit zwei riesigen Diamanten verziert. Loranthus musste richtig die Augen zusammen kneifen, so sehr funkelten sie im Takt seiner schnellen Schritte. Dazu bildeten Bart und Perlen noch einen interessanten Kontrast zu den seltsamerweise kupferroten Haaren, die ihm offen vom Scheitel bis zu den Hüften reichten und beim Gehen anmutig nach hinten wehten.
‚Charismatisch‘ war das einzige Wort, das Loranthus zur Erscheinung von Aodhrix wirklich passend erschien, inklusive ‚intelligent‘ und ‚durchsetzungsstark‘, was seine Augenbrauen und die Augen verrieten, die genauso dunkel wie der Bart waren; auch seine Nase machte einen geradlinigen Eindruck.
Summa summarum hatte Aodhrix eine total autoritäre Ausstrahlung und als ob das nicht schon genug wäre, besaß er noch etwas ganz Außergewöhnliches: Er hatte einen besonders langen knorrigen Stab in der Hand, um den sich eine Schlange mit einer Zeichnung aus Runen wand.
Natürlich waren Stock und Schlange nur geschnitzt, die Runen ins Holz eingebrannt, doch Loranthus fragte sich, ob er ihn zum Laufen brauchte, zum Lesen oder ob er anderen Zwecken diente, denn hinter ihm ging eine ganze Reihe Kinder, der Größe nach geordnet, im Gänsemarsch. Sie sahen sich zwar aufmerksam nach allen Seiten um, aber keiner sagte ein Wort.
Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.
Alle trugen einen geschlossenen goldenen Torques um den Hals. Nur beim letzten Kind war es anders, der Kleine hätte auch noch mit den Schultern durchgepasst.
Loranthus nickte der Gruppe hinterher.
„Ich wusste gar nicht, dass es auch ruhige Kinder gibt?“
„Keine Sorge! Nur, weil es Königskinder sind, können sie genauso toben und schreien wie die anderen.“
„Ist mir irgendwie entgangen“, konsternierte Loranthus und steckte sich den Finger prüfend ins Ohr.
Silvanus lachte.
„Sie wissen natürlich, wie sie sich zu benehmen haben, wenn sie mit dem ranghöchsten Druiden des gesamten Großkönigreiches unterwegs sind.“
„Aha! Ich verstehe. Und ich dachte schon, es liegt an dem großen Stock, den Aodhrix so kraftvoll bei jedem Schritt niedersausen lässt.“
Silvanus prustete los.
„Völlig verkehrt! Das ist das Statussymbol für den höchsten Druiden! Die Schlange, die sich schützend um den Baum des Lebens windet. Wenn du ihn mal richtig zu Gesicht bekommst, solltest du dir die Runen ansehen. Die Schlange ist über und über damit verziert und jede hat ihre eigene heilige Bedeutung, genau wie die Schlange und der Stock selbst. Aodhrix braucht keinen Knüppel zum Draufhauen. Es ist eine große Ehre, hinter dem obersten Druiden der Hermunduren zu gehen. Das weiß jedes Kind.“




