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„Lernen sie bei Aodhrix etwas über die Rechtsprechung?“
„Ganz recht. Sind alles seine Schüler. Seine kleinen wohlgemerkt.“
„Das ist mir aufgefallen! Dem kleinsten rutscht sogar noch der Torques über den Kopf, wenn er sich bückt!“
„Ha. Adalrich ist wirklich sehr zierlich, aber dafür ist er zäh und klug und freundlich, das genaue Gegenteil von seiner Schwester, Furia.“
Loranthus blieb abrupt stehen und stieß seinen ausgestreckten Zeigefinger in die Richtung, wo die Kinder gerade in der Menschenmenge verschwanden. Der letzte drehte sich nach ihnen um und winkte, als hätte er gewusst, dass sie ihm nachsahen. Selbst auf diese Entfernung leuchteten seine Augen wie zwei blaue Saphire.
„Der dort mit den hellbraunen Haaren und den azurblauen Augen?! Der letzte! Das ist der kleine Bruder von Furia?“
„Ja. Und da wir gerade bei der Verwandtschaft sind …“, begann Silvanus und deutete auf Adalrich, der in diesem Moment einen gellenden Pfiff ausstieß und sich suchend umschaute. „Dort kommt ein Sohn von Ethmanja!“
Loranthus und Ethmanja hoben beide gleichzeitig den Kopf, als ein junger Hirschhund an ihnen vorbei zischte und Richtung Adalrich stürmte. Mitten auf halber Strecke blieb er wie angewurzelt stehen, drehte sich um und rannte wieder zurück. Er hatte so viel Schwung, dass er in Ethmanja hinein krachte. Ethmanja riss das Maul auf und dann wirbelten die beiden Hunde so wild umeinander, dass nur noch zwei wedelnde Schwänze erkennbar waren.
Silvanus schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Ich wusste gleich, dass der Kleine nicht für die Jagd taugt. Aber für Adalrich ist er genau der richtige Gefährte. Liebevoll, verspielt, treuherzig … später schenke ich ihm einen Hirschhund, den er perfekt für die Jagd nehmen kann, jetzt ist er ohnehin noch zu klein für derart gefährliche Unternehmungen.“
Ein Pfiff gellte zu ihnen herüber. Sofort hörte das spielerische Gerangel auf und der junge Hirschhund hob den Kopf. Adalrich strahlte über’s ganze Gesicht, winkte ihnen zu und pfiff noch einmal. Sein Gefährte gab Ethmanja noch einen Nasenstüber, schon rannte er los.
„Vier Beine und alle in der Luft“, lachte Silvanus und tätschelte Ethmanja den Kopf.
„Bei Hera! Der hat enormes Temperament!“
„Wie gesagt: Er passt perfekt zu Adalrich. Man muss die beiden einfach gerne haben.“ Silvanus seufzte und schürzte nachdenklich die Lippen. Mit vorsichtigem Tonfall sagte er: „Apropos ‚gerne haben‘ … Wolltest du nicht gerade weg von hier, Loranthus?“
„Äh, ja! Wird besser sein!“, gluckste Loranthus und warf Silvanus einen feixenden Seitenblick zu. Wenn sie Adalrich begegnet waren, konnten sie auch jederzeit Furia über den Weg laufen. Darauf konnte er gut und gerne verzichten. Ihm war schon längst aufgefallen, dass Silvanus dieses Weib nicht leiden konnte. Warum wohl nicht. Schmunzelnd schob Loranthus seinen Freund zwischen riesigen Johannisbeersträuchern hindurch.
Exakt zwei Schritte weiter blieb er schon wieder wie angewurzelt stehen.
Irritiert starrte er auf eine ganze Kohorte in die Erde eingelassener Holzluken, erkannte aber recht schnell einen sicheren Weg durch ihre Anordnung und schritt zielstrebig voran, nur um wieder zu erstarren. Ethmanja dagegen wirkte höchst erfreut.
Viele Sklaven waren damit beschäftigt, Fleisch zu teilen, zu würzen oder Speck in Tiermägen zu füllen. Andere Sklaven saßen sich vor einem Holzbrett gegenüber, das so breit wie ein Zelt war. Jeder hielt einen Holzgriff in den Händen und zwischen ihnen sausten riesige, gebogene, blutbesudelte Messer auf und ab.
Sie sahen aus wie die Wiegemesser, mit denen er selbst schon Kräuter zerkleinert hatte. Doch diese hier waren nicht klein und handlich, sondern machten einen gefährlichen, wenn nicht sogar monströsen, Eindruck. Deshalb hätte Loranthus auch hier am liebsten die Flucht ergriffen, aber er wollte unbedingt sehen, was unter den Messern zerschnitten wurde.
Also trat er sachte näher heran und beugte sich über die Sklaven. Im selben Augenblick klatschte seine Hand von ganz alleine auf seinen Mund und er unterdrückte ein Würgen. Alles Mögliche an Schlachtresten wurde von den Messern in Stücke gehackt. Es sah widerlich aus. Die Sklaven schien das nicht zu stören. Sie riefen sich zu, hoben ihre Messer, schoben die Brocken damit zusammen und zerstückelten fröhlich weiter. Es war eine einzige, schmierige, blutrünstige Metzelei und sie sangen sogar dabei. Einer winkte mit blutiger Hand zu ihnen hinüber, krallte lachend seine Finger in die Brocken und warf einen Fleischfetzen mit Schwung durch die Luft.
Ethmanja sprang hoch und schmatzte.
Loranthus würgte und drehte sich um, doch das war keine gute Idee.
Andere Sklaven steckten bis zum Ellenbogen in Bottichen mit genau derselben Masse, bekamen Salz und andere Gewürze dazu geschüttet und wühlten weiter in der Pampe. Daneben stand ebenfalls ein Bottich. Hier hielten schon Sklaven Trichter bereit und quetschten die Masse in einen endlos langen Darm, bis er vollgestopft und ineinander gerollt da lag wie eine Schlange.
Wenigstens war es keine blutige Schlange, da sie alle paar Windungen mit Wasser gesäubert wurde. Loranthus trat dennoch einen Schritt zurück, was seinem Oberkörper leider immer noch nicht reichte. So stand er also ziemlich schräg nach hinten geneigt und beobachtete, wie die Sklaven das Darmende verknoteten und das lange Ding in einen riesigen Kupferkessel mit kochendem Wasser gleiten ließen. Darin schwammen schon die Tiermägen mit ihrem blutigen Inhalt und blubberten gemächlich vor sich hin. Ein alter Sklave rührte mit einem Holzstock in der Brühe, der so lang war wie er selbst und auch genauso dünn.
Ein paar Schritte weiter schürte ein anderer mit einem Handblasebalg ein Feuer unter einem wahren Berg aus Holzkohle. Das Eisengitter darüber hatte ein Gestell, das fast so groß war wie das Schneidebrett vorhin.
Loranthus rümpfte die Nase und zupfte Silvanus am Ärmel.
„Wenn ich nicht gleich etwas anderes zu sehen bekomme, würge ich dir meinen Gerstenbrei vor die Füße!“
„Bloß nicht! Die habe ich erst frisch gewaschen! Aber ich weiß einen Ort, wo es dir besser gefällt. Ist gleich um die Ecke, hinter den Johannisbeerhecken.“
„Ach ja? Und warum sollte es mir dort besser gefallen?“
Silvanus schüttelte den Kopf und grinste.
„Mal sehen, ob du es alleine herausfindest!“
Vor sich hin grummelnd, schlurfte Loranthus neben Silvanus her und stand gleich darauf unter mächtigen Apfelbäumen. Erleichtert atmete er tief ein und sah sich um.
Hier standen mannshohe Fässer, eine Armspanne breite Bottiche, riesige Kupferkessel mit langen dünnen Rohren, dahinter gab es noch lange Holzrinnen und andere seltsame Gerätschaften.
Zwei junge Männer betätigten sich gerade an einer dieser Konstruktionen, die aussah wie ein riesiger Holzeimer mit Ablaufrohr und Holzgestell darüber. Sie schütteten körbeweise Äpfel in den Eimer, bis er fast überquoll. Dann zückte der eine einen Holzgriff, an dem sich unten lange Klingen kreuzten. Dieses gefährliche Instrument setzte er lachend auf die Äpfel und drückte fest dagegen. Sofort gaben die Äpfel ein schmatzendes Geräusch von sich und sackten ein Stück zusammen.
Loranthus legte den Kopf schief, denn das kam ihm irgendwie bekannt vor, außer, dass hier kein Blut floss. Das Prinzip war jedoch das gleiche: Das Schneidewerkzeug wurde aus der Apfelmasse gezogen und wieder neu hinein gerammt. Nach mehrfachem Auf und Nieder ruhte sich der erste Mann aus, der zweite schüttete Äpfel nach und machte weiter. Dann besahen sich beide ihr Werk, nickten zufrieden und setzten einen Deckel auf.
Loranthus ging noch ein Stück näher, nun war die Gefahr gebannt, und außerdem schien es interessant zu werden. Der eine zückte nämlich ein gewundenes Ding, das so lang und so dick war wie sein Arm. Es war aus Holz und das verblüffte Loranthus so sehr, dass er unwillkürlich die Hand danach ausstreckte, um sicher zu gehen. Die beiden Männer verstanden sein Interesse etwas falsch, denn plötzlich lag die riesige Holzschraube in seinen Händen. Loranthus starrte die stabilen Windungen an und das Loch an einem Ende. Prüfend betrachtete er das Holzgestell und setzte die Schraube an ihren Platz, einem genau passenden Ring mit Innengewinde.
Die beiden Männer nickten anerkennend und schoben ein Querholz durch das Schraubenloch. Der erste fasste es an beiden Enden und begann zu drehen, der zweite löste ihn ab.
Loranthus stellte sich auf die Zehenspitzen und sah, wie sich der Deckel immer weiter in den Eimer schraubte, unten plötzlich Saft aus dem Rohr austrat und in den bereitgestellten Eimer lief.
„Das ist eine Saftpresse! Eine riesige Saftpresse!“, rief er begeistert und hockte sich vor das Austrittsrohr. „Und diese Konstruktion dort …“ Er zeigte auf den kupfernen Kessel mit Rohren. „ … ist zum Destillieren! Ihr macht hier Wein! Apfelwein!“
„Das hast du gut erkannt, Loranthus. Unsere Saftpresse im Dorf ist zwar kleiner, aber für unsere Zwecke reicht sie vollkommen. Und wie zu Hause machen wir auch hier nicht nur Apfelwein, Loranthus, sondern auch Apfelessig, Korma und natürlich … „Silvanus nickte zum Eimer, der sich rasch füllte. „Apfelsaft und Saft aus verschiedenen Beeren, Wein aus Beeren, Essig aus Beeren …“
Er nahm sein Horn, hielt es unter den austretenden Saftstrahl und winkte Loranthus, es ihm gleichzutun.
„Mmmh, ja! Euer Fruchtsaft ist wirklich genial und der hier schmeckt seeehr fruchtig“, befand Loranthus, schmatzte und nahm noch einen Schluck. „Und leicht säuerlich.“
„Also säuerlich würde ich nicht sagen …“ Silvanus leckte sich die Lippen. „ … eher aromatisch.“
„Aber auch ein bisschen säuerlich. Aromatisch-säuerlich!“
„Nein! Eindeutig aromatisch-fruchtig-würzig-süffig!“
So ging es eine Weile hin und her, bald gingen ihnen die Umschreibungen für ‚Apfel‘ genauso aus wie ihr Saft.
Loranthus wollte sich noch einmal nachholen, doch Silvanus meinte, er solle mit purem Saft vorsichtig sein, sonst könne er sich auf dem Abort häuslich niederlassen. Da sie aber beide jetzt noch mehr Durst hatten, schöpften sie nur einen kleinen Teil Saft und füllten den Rest mit Wasser auf. Wieder schmatzten sie und gaben ihre Kommentare ab. Dann wollten sie auch noch Apfelessig mit Wasser verdünnt probieren, aber leider war der noch nicht fertig. Also tranken sie das Wasser pur und selbst hierzu musste Loranthus nach jedem Schluck seinen Kommentar abgeben. Er war nämlich fest davon überzeugt, das Wasser aus der Sünna schmecke besser als das aus der Werra und hätte einen würzigen Beigeschmack nach Bergen, Eisen, Kiesel, Moos, Tannennadeln …
Silvanus beteiligte sich nicht mehr an der Lektion über Wasserqualität und wann immer Loranthus ihn nach seiner Meinung fragte, hatte er gerade den Mund voll Wasser. Doch bald kam seine Ablösung in Form eines Duftes. Loranthus schnupperte genüsslich und nach dem dritten Atemzug stand sein Mund ohne zu trinken unter Wasser, so dass er nur noch schlucken und nicht mehr sprechen konnte. Seine Beine setzten sich ganz von alleine in Bewegung.
Schnell gingen sie immer der Nase nach und standen plötzlich wieder da, wo Loranthus eigentlich nicht noch einmal hin wollte. Ihm lief jedoch derart das Wasser im Mund zusammen, dass er keine Skrupel mehr kannte.
Breitbeinig stellte er sich vor den Rost und machte niemandem Platz, bis er endlich ein Stück Wurst in einer Scheibe Brot gereicht bekam. Anerkennend lobte er die praktische Verwendung des Brotes als Topflappen und Silvanus hätte schwören können, das er beim Kauen das Lied summte, welches die Sklaven vorhin beim Fleischschneiden gesungen hatten.
Zum Essen machten sie es sich unter einem Apfelbaum bequem. Die standen überall am Weg, waren behangen mit grünen, gelben oder roten Früchten und spendeten angenehmen Schatten. Als sie ihre Würste vertilgt hatten, streckte sich Silvanus, holte von den kleinen, hellgrünen Äpfeln ein paar herunter und gab Loranthus welche ab.
„Die müssen zuerst weg, weil sie sich nicht lange halten.“
„Bloß keine Hektik! Ich bin gerade erst angekommen.“
Silvanus kicherte und rieb seinen Apfel am Hemd, bis er glänzte. Loranthus tat es ihm nach, betrachtete prüfend das Ergebnis im Schein der Mittagssonne und bemerkte noch mehr Leute, die Äpfel pflückten.
„Warum stehen hier so viele Apfelbäume, Silvanus? Die ganze Handelsstraße rechts und links entlang, dann noch über die Wiesen verteilt … Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!“
„Doch, doch! Du musst wissen, Loranthus, dieses Gebiet hier ist die Königsleite. Jeder König kommt hierher und pflanzt einen Apfelbaum, wenn er zum König erhoben worden ist. Über die vielen Generationen von Königen wurde die Königsleite immer größer und größer. Zu Lugnasad kommen unsere Clans hier zusammen, um den Frieden zu sichern.“
Loranthus war gerade dabei, genüsslich an seinem glänzenden Apfel zu schnuppern. Hinein beißen tat er jedoch nicht, im Gegenteil, er streckte ihn mit misstrauischen Blick von sich.
„Wie sichert ihr Hermunduren den Frieden? Schwören sich sämtliche Könige jedes Jahr aufs Neue gegenseitig ihre Loyalität unterm Apfelbaum?“
„Kann schon sein, aber am besten sichert man den Frieden, indem sich die Clans miteinander vermischen.“
„Sich vermischen“, echote Loranthus, polierte noch einmal über seinen Apfel und schnippte gleich darauf mit den Fingern. „Jetzt hab ich’s! Alle Clans kommen hierher, die Leute knüpfen Bekanntschaften, manche verlieben sich ineinander und heiraten. Die Familienbande werden erweitert und natürlich will niemand dem anderen Clan ein Leid antun, wenn er dort Blutsverwandte hat.“
„Du hast die Angelegenheit vollkommen erfasst. Aber wusstest du schon, dass es zu Lugnasad auch immer mal einen Toten gibt?“
Loranthus sog erschrocken die Luft ein und sah sich nach etwaigen Todeskandidaten um. Silvanus biss herzhaft in seinen Apfel und erklärte mit vollem Mund: „Hm, hm. Es so scho welle gegebn ham, de sn veunged.“
„Verhungert?“, fragte Loranthus nach, doch im gleichen Moment hatte er begriffen, schnell biss er in seinen Apfel. „Hmmm, sind die aromatisch! Davon könnte ich einen ganzen Eimer essen, um dem Hungertod zu entgehen.“
„Lieber nicht! Von zu vielen bekommst du Bauchschmerzen! Das ist wie mit purem Saft, denk dran.“
„Na gut. Dann eben nur noch einen“, johlte Loranthus, stopfte sich den halben Apfel in den Mund, nickte nach vorne und rief: „Gromudder Daha, woin do eilg?“
Großmutter Dana hielt in ihrem rasanten Schritt inne, sah sich um, schwenkte vom breiten Hauptweg ab und baute sich vor Loranthus auf.
„Na, ihr zwei? Was habt ihr ausgefressen!?“
Loranthus plusterte die Backen auf und nickte Silvanus zu, der konnte besser sprechen.
„Gar nichts, Großmutter Dana! Wir wollen zum See! Unsere Freunde, Bekannte und Verwandte treffen!“
„Na, dann habt ihr ja redlich zu tun.“
„Und wo willst du hin, Großmutter Dana?“
„Ich? … bringe Viviane eine ganz besondere Medizin vorbei, damit euer Barde schnell wieder gesund wird und aus dem Quarantänezelt heraus darf. Der ärmste Lew hat sich eine derart seltene Krankheit zugezogen … Zum Glück hatte Viviane schon einen solchen Fall bei ihrem Studium in Britannien und kann ihm helfen.“
Sie schlug die Hände über den Kopf zusammen.
„Bei Artio, der großen Bärin! Man stelle sich nur vor, ein Quarantänezelt! Nein, so etwas hat es in all den Jahren noch nie gegeben! Aber was sein muss, muss sein!“
Silvanus nickte traurig, stand auf und streckte sich noch einmal nach den Äpfeln.
„Unser Lew kann einem wirklich leid tun. Nicht einmal zum großen Opfer darf er heraus und natürlich kann er sich auch die Wettspiele nicht ansehen, die Händler oder den großen Rat. Hier, Großmutter Dana! Nimm ein paar Äpfel mit und richte ihm unsere besten Wünsche zur Genesung aus.“
„Ja, Großmutter Dana!“, rief Loranthus und schluckte schnell runter. „Hier hast du noch zwei für Hanibu. Halt!“ Er zog die Äpfel wieder zurück. „Ich poliere sie noch etwas! Da glänzen sie so schön appetitlich. Ich bin wirklich sehr überrascht, dass Hanibu auch schon einmal diese seltene Krankheit von Lew hatte und dagegen gefeit ist. Sie ist Viviane wirklich eine große Hilfe bei seiner Pflege. Vielleicht geht es ihm bald wieder gut und er nimmt wenigstens am Bardenwettstreit teil.“
Großmutter Dana sah Loranthus nachdenklich an, der die Äpfel an seinem Hemd rubbelte, als übe er für den Wettstreit ‚meist strahlender Apfel‘. Er könnte glatt gewinnen. Ihre Augen wurden schmal.
„Wenn dir so daran gelegen ist, mein Guter, könntest du mir eigentlich helfen?!“
Wenn Loranthus nicht so sehr mit der Qualitätskontrolle der beiden Äpfel beschäftigt gewesen wäre, hätte er den Ausdruck auf ihrem Gesicht vielleicht bemerkt und wäre ins Grübeln gekommen. So aber strahlte er genau wie seine Äpfel.
„Natürlich! Gerne! Was soll ich denn machen?!“
„Ach!“ Großmutter Dana winkte ab. „Eine ganz simple Aufgabe. Ich will noch über die Wiesen, um die Kräuter für meine Räucherpfanne zu suchen. Ich brauche eine ganze Menge davon, vor allem Erdrauch. Ich muss mich ja vor der Krankheit schützen, wenn ich bei Lew bin. Besser wäre allerdings Weihrauch, aber den gibt es erst, wenn die Händler eintreffen. Bis dahin müssen wir unsere heimischen Kräuter mit einer Beschwörungsformel wirksamer machen. Und zwar genau in dem Augenblick, wenn man sie anzündet. Das ist sehr wichtig. Wenn du mir beim Kräutersammeln hilfst, darfst du mir beim Anzünden zusehen, Loranthus.“
„Oh! Das ist wirklich ein großzügiges Angebot, Großmutter Dana, aber …“ Loranthus drehte sich hilfesuchend zu Silvanus, der ihn unauffällig in den Rücken pikte. „ … aber ich habe Silvanus schon versprochen, mit ihm zum See zu gehen und …“
Großmutter Dana tätschelte ihm die Schulter.
„Natürlich, mein Guter, dafür habe ich doch vollstes Verständnis! Man muss seine Versprechen möglichst einhalten. Ich schaffe das bisschen Kräutersammeln auch ohne dich. Der Erdrauch wächst ja hier auf den Wiesen in rauen Mengen.“
„Phu, da bin ich aber beruhigt“, seufzte Loranthus, atmete tief ein, um seine Worte zu verdeutlichen und versicherte: „Aber wenn die Händler kommen, kaufe ich dir gerne einen ganzen Scheffel voll Weihrauchbrocken, wenn die so gut wirken.“
Großmutter Dana kniff beiden in die Wangen.
„Ihr seid zwei brave Hamster. Schwachsinn, wie komme ich den darauf!? Ich meinte natürlich Burschen. Seid ihr schon an den Bratwürsten vorbeigekommen? Es riecht, als wären sie gut!“
Loranthus rieb sich den Bauch und versicherte: „Wahrlich, das sind sie.“
„Dann will ich mich nicht länger mit Schwatzen aufhalten! Nicht, dass Lew, Viviane und Hanibu wegen mir noch hungern müssen. Macht’s gut ihr zwei und keinen Ärger!“
Loranthus und Silvanus winkten Großmutter Dana nach, die in ihrem rasanten Schritt davon rauschte.
„Was meint sie denn mit ‚keinen Ärger‘?“, fragte Loranthus und überlegte, ob Danas Geschwindigkeit etwas mit den Bratwürsten zu tun hatte.
Silvanus zuckte die Schultern.
„Vielleicht, weil es zu Lugnasad viel schwieriger ist, den Frieden zu halten. Wenn alle Königreiche zusammenkommen, gibt es immer mal Leute, die gerne Streit anfangen. Aber keine Bange! Da wird gleich kurzer Prozess gemacht.“
„Kurzer Prozess?“ Loranthus griff sich unwillkürlich an den Hals.
„Nein, nicht das!“, feixte Silvanus. „Kurzer Prozess ist einfach kurzer Prozess. Der Streitfall kommt sofort dran, weil ja Lugnasad ist. Wenn du dich danach mit jemanden zankst, musst du bis nächstes Lugnasad warten. Nächstes Jahr, verstehst du?“
„Ein ganzes Jahr? Nur um einen Streit zu schlichten?“
„Kommt drauf an, wann du dich zu streiten gedenkst. Die lange Wartezeit hat natürlich einen ganz praktischen Nutzen.“
„Nutzen.“
„Jawohl, Nutzen. Manche Streithähne haben sich bis dahin nämlich wieder vertragen und so muss der hohe Rat weniger Streit schlichten.“
„Aha! effizient, sparsam!“, lobte Loranthus und wollte gerade zu einem verschwenderischen Nicken ansetzten, da zog er schnell den Kopf ein. „Streithahn, sagtest du? Glaube mir, Silvanus, auch ich kann auf Streithähne verzichten, aber oh, bei Hera, da kommt schon der erste!“
„Welcher?“
„Der große, der mit dem dicken Knüppel als Stütze. Ach, der geht zum Rost.“
Aufatmend sah Loranthus dem Mann nach und Silvanus strich sich nachdenklich durch die Haare.
„Groß? Pfh! Wäre besser für ihn, wenn er größer wäre. Dann würde sich seine Körpermasse günstiger verteilen. Guck dir mal seine Visage an! Sieht aus, als wäre er derselben Meinung wie ich. Den hab ich gestern noch nicht gesehen, als wir angekommen sind, und ich weiß auch nicht, zu welchem Clan der gehört …“
„Das ist der Fährmann von Aodhrix.“
„Woher kennst du … Ach.“
„Oh, ja: Ach. Das ist der Fährmann, den Viviane zusammengeschlagen hat, kaum das wir uns begegnet sind.“
„Bullenscheiße und Ziegenpisse! Dem massigen Kerl hat sie Arm und Bein gebrochen?“
„Und noch den Finger!“
„Bei allen Göttern! Kein Wunder, dass der so grimmig guckt!“
„Oh, je! Hera zürnt mir! Er dreht um! Ich glaube, er hat mich wiedererkannt! Guck mal, wie der mich anglotzt! Schnell! Hinter dem Backofen durch und dann nichts wie weg!“
Loranthus sprang auf und schubste Silvanus zwischen zwei Tische mit Brotlaiben, um schneller zum Backofen zu kommen. Mit diesem Sichtschutz im Rücken, hasteten sie geduckt über die Straße, umkurvten zwei junge Maiden mit Bratwürsten, die ihnen irgendetwas hinterher riefen, und schlängelten sich zwischen zwei Zelten hindurch. Dort sahen sie sich nach dem günstigsten Fluchtweg um und sprangen von Zelt zu Zelt, bis sie die Gefahrenzone hinter sich hatten.
Getarnt als Apfelbaum und Brombeerstrauch prüften sie die Lage und schlenderten wieder auf den Hauptweg zurück. Um genau zu sein: Nur Silvanus schlenderte. Loranthus schnaufte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, schließlich war er gerade im Hindernislauf durchs halbe Lager Zweiter geworden.
„Wir ha … haben ihn abgehä … hach … abgehängt, Silvanus.“
„Oh nein!“
„Doch.“ Loranthus tätschelte Silvanus beruhigend die Schulter und stützte sich bei der Gelegenheit gleich noch ein bisschen ab. „Ich seh ihn nirgendwo! Die Gefahr ist gebannt.“
„Da täuscht du dich, Loranthus. Sie ist zwar noch weit weg, aber sie hat mich gesehen. Bei allen borstigen Wildsäuen! Sie kommt direkt auf uns zu!“
Loranthus stutzte und hörte auf zu schnaufen, sowie die Gegend nach dem Fährmann abzusuchen. Neugierig schaute er in die gleiche Richtung wie Silvanus.
Die junge Frau, die da lächelnd auf sie zukam, hatte er irgendwo schon einmal gesehen. Sie war zwar wirklich noch weit weg, aber ganz eindeutig zu erkennen: Praller Busen, extrem gefärbte rote Haare, diesmal nicht auf einem Pferd, aber dafür unter einem zu klein geratenen weißen Zelt zum Mitnehmen …
Loranthus musste erst ein paarmal blinzeln, bevor er herausbrachte: „Oh, je, die Wildsau … äh ich meine, Furia! Was ist denn mit der passiert?“
„Sie trägt einen Sonnenschutz.“
„Dieses Gestell auf ihren Schultern mit dem weißen Leinstoff darüber? Das habe ich schon mehrfach an adeligen Weibern gesehen. Ich meinte eigentlich ihr Gesicht oder richtiger, was davon noch übrig ist.“
„Was ist mit ihrem Gesicht?“
„Na, siehst du das denn nicht?! Das Einzige, was nicht angemalt ist, sind ihren Augäpfel. Hatte wahrscheinlich die Augen zu, als sie in den Farbtopf gefallen ist und danach hat sie festgestellt, dass sie ihren Kupferspiegel zu Hause vergessen hat. Und jetzt sieht sie aus, als wolle sie in die Schlacht ziehen, nur nicht in Blau, sondern in Rot und Grün.“
„Ach, du meinst die Schminke auf ihren Lippen!“
„Lippen?!“ Loranthus kniff die Augen zusammen und schob abschätzend die Unterlippe vor. „Ja, ganz eindeutig. Nur dass ihre Lippen vom Kinn bis zum Scheitel gehen.“
Silvanus prustete los.
„Loranthus! Dein Augenmaß ist wirklich frappierend! Aber jetzt mal im Ernst: Daran musst du dich bei unseren Weibern gewöhnen, je größer die Feste, desto mehr Schminke.“
Loranthus legte seinen Kopf schief und knurrte: „Nur bei denen, die was zu verbergen haben.“




