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„Na, du tust ja gerade so, als hättest du Ahnung von derlei Weiberkram!“
Loranthus reckte herausfordernd das Kinn und brummte etwas Unverständliches, während seine Augen einer Horde junger Maiden hinterher schielten, die gerade kichernd an ihnen vorbei liefen. Zwei davon winkten ihnen und Silvanus winkte zurück. Daher konnte sich Loranthus in Ruhe auf die Zunge beißen, er hatte nämlich tatsächlich Ahnung von derlei Weiberkram. Vor nicht allzu langer Zeit war er höchstpersönlich selbst in einen Schminktopf gefallen und hatte beim Anblick von Loranthissima einen Schreck bekommen. Das durfte natürlich keiner wissen. Ablenkung war die Devise.
„Griechische Weiber schminken sich auch, musst du wissen, Silvanus. Am liebsten kalken sie sich die Haut heller. Je weißer, desto besser! Manche übertreiben es derart, dass sie Pusteln oder gar hässliche Ekzeme davon bekommen und dann brauchen sie noch mehr Kalkpuder, um alles zu überdecken. Was für ein Schwachsinn! Hier habe ich noch kein einziges Weib mit Unreinheiten gesehen.“
„Wir haben helle Haut, da brauchen wir kein Kalkpuder!“
„Da könntest du recht haben, Silvanus. Ihr werdet ja schließlich nicht umsonst ‚die Milchigen‘ genannt. Aber vielleicht habt ihr einfach bessere Schminke! Hm. Das wäre einen Handel wert! Sag mal, Silvanus, gibt es bei euch auch Weiber, die sich Extrakte der Tollkirsche in die Augen träufeln, um einen entrückten Blick zu bekommen?“
„Entrückter Blick? Damit man neben der Spur läuft? Wofür soll das gut sein?!“
„Na, ich gucke mir diese Furia mal ganz genau an. Wenn die auch übergroße Pupillen hat, weiß ich, dass sie neben der Spur läuft.“
Silvanus zischte durch die Zähne: „Philosophier nicht solchen Schwachsinn zusammen! Beug lieber dein Haupt, rat ich dir!“
Loranthus musste zugeben, dass Silvanus sehr deutlich reden konnte, ohne die Lippen zu bewegen. Aber da der wandelnde Schminktiegel schon gefährlich nah war, tat er sofort, wie ihm geheißen und richtete seinen Blick nach unten.
Beim Zeus, kamen da ein paar rot lackierte Fußzehen auf ihn zu! Aber wenigstens die Sandalen waren so kunstvoll mit Edelsteinen besetzt, dass Loranthus seinen Kopf gerne noch etwas länger gebeugt hielt, es waren schließlich viele Edelsteine.
„Silvanus! Welch’ seltene Freude! Dein Schoßhündchen heute angebunden!? Wer ist denn dein Begleiter?“
Mit ‚Schoßhündchen‘ konnte sie nicht Ethmanja meinen, denn die brauchte er nicht anbinden, weil sie aufs Wort hörte. „Das ist Loranthus, unser Gast aus Kreta, edle Königstochter.“
„So, so. Der griechische Händlersohn. Ich habe von ihm gehört. Er soll bei der Schlacht gegen die Chatten dabei gewesen sein. Mir ist er jedoch nicht aufgefallen.“
„Er hat nur von Weitem zugesehen. Er war nicht direkt dabei, edle Königstochter.“
„So, so. Er bevorzugt die sichere Entfernung, der griechische Händlersohn.“ Ansatzlos ging sie ins Griechische über: „Ich bin Furia, Tochter des stattlichen Naharrix und oberster Befehlshaber seiner Krieger. Du kannst jetzt dein Haupt wieder heben, Loranthus. Ich bin noch nicht Königin, dass du mir derart Achtung zollen darfst. Wie gefällt es dir bei meinen Nachbarn, den Nachfahren des Cernunnos?“
Loranthus hob zwar seinen Kopf, hielt aber die Augen immer noch gesenkt, weil er plötzlich zwei Mal rot sah: rote Fingernägel, die in einem Topf mit roter, brodelnder Wut herum rührten. Letzteres wollte er nicht überschäumen lassen, darauf spekulierte sie ganz offensichtlich.
Deshalb holte er tief Luft und pustete gegen die roten Schöpfkellen. „Es gefällt mir sehr gut bei den Nachfahren des Gottes Cernunnos, edle Furia. Sie haben mich sehr freundlich aufgenommen. Besser hätte ich es gar nicht treffen können. Das ist mir jetzt absolut bewusst.“
Die rot lackierten Fingernägel winkten verächtlich ab und rasselten mit drei goldenen Armreifen an jedem Handgelenk, jeder so breit wie ihr goldener Torques.
Dass sie bei dem Gewicht die Arme überhaupt noch hoch bekam − beachtlich. Obwohl, ihr Hals bog sich irgendwie durch. Da hing nämlich nicht nur ihr Torques dran, sondern extra noch eine höchst kunstvolle Kette aus filigran verschlungenen Kettengliedern, in denen riesige Edelsteine prunkten. Sie passten farblich exakt zu Furias Gesamterscheinung, auch hier waren alle Farben vertreten. Nun, ja. Sollte diese Furie demnächst das Übergewicht bekommen, würde sie, wenn schon nicht weich, dann wenigsten reich, abknicken. So langsam dickte die brodelnde Wutsuppe zu einer sämigen Ironiesoße ein, besonders als er sich vorstellte, wie Furias extrem kunstvolle Hochsteckfrisur aussehen würde, wenn er sie da mit viel Elan kopfüber hinein schubsen würde.
„Das ist ja sehr interessant. Du hast sicher schwer bei ihnen arbeiten müssen, Händlersohn. Hast du schon einmal einen Backofen mit Lehm verstrichen? Nein? Da hinten ist gerade welcher abgebröckelt, als ein Mann seinen Knüppel daran … anlehnte. Dabei war er doch erst neu, der Backofen. Die Leute dort freuen sich bestimmt, wenn sie einen Helfer bekommen.“
Nun riss Loranthus aber doch seinen Kopf hoch und stellte verblüfft fest, dass dieses arrogante Weib unter der Schminke recht hübsch war. Sogar ihre Pupillen in den bernsteinfarbenen Augen waren normal groß. Instinktiv drehte er sich aber um und sah wirklich Leute aufgeregt mit den Händen fuchteln. Manche rannten mit Brotlaiben zu anderen Backöfen, andere sammelten Lehmbrocken auf.
Loranthus blickte Furia direkt in die Augen.
„Ich habe wahrlich noch nie gesehen, wie Weidengeflecht mit Lehm verstrichen wird und werde mein Wissen gerne bereichern. Doch bevor meine Augen von deinem Anblick nicht mehr vor Erstaunen erstarren, muss ich noch ein Letztes sagen: Ich kenne die Schriften vieler Reisender, auch derer, die in Ägypten das Leben studierten. Sie berichten von den göttlichen Pharaonen, die prächtigen Statuen gleichen. Auch ich bereiste dieses reiche Land und kann dir daher mit Gewissheit verkünden: Keine ihrer Königinnen wird je die üppige Farbenpracht erreichen, der ich in eben diesem Augenblick gewahr werde.“
Loranthus verbeugte sich sehr tief, drehte sich um und ging. Er sah ihr nicht noch einmal ins Gesicht. Egal, wie sie es verzogen hätte, er hätte sich das Lachen nicht verkneifen können. Höflich und mit besonders strahlendem Lächeln fragte er einen Mann am Ofen, ob er helfen könne. Der gab ihm genauso erfreut eine Schale und schickte ihn zum Lehm holen an die Werra. Nach einem kurzen Seitenblick aus günstiger Entfernung war er sicher, dass er es weitaus besser getroffen hatte als Silvanus.
„Hanibu! Lew! Kommt mal aus dem Zelt!“
Viviane winkte ungeduldig, reichte ihr Fernrohr an Hanibu weiter und zeigte die Richtung.
Lew sah durch sein eigenes.
„Ach, Furia legt schon wieder ihre Schlingen aus. Bei allen Göttern! Kein gut gebauter Mann ist vor ihr sicher. Das habe ich selbst gesehen, als ich bei ihrem Vater war. Zum Glück stehe ich über ihr. Aber nachts habe ich dennoch zur Sicherheit einen Keil unter meine Tür geschoben.“
„Und?“
„Ich praktiziere diese äußerst simple Methode zum Selbstschutz schon länger. Furia weiß das. Sie hat es nur einmal probiert, und das ist schon ein paar Jahre her.“
„Und?“
Lew verzog das Gesicht, als müsse er wirklich bittere Medizin schlucken.
„Du solltest gehen, Viviane. Ihr wolltet euch doch gleich am See treffen.“
Viviane machte keinerlei Anstalten, sich zu erheben, im Gegenteil. Sie lehnte sich zurück und betrachtete Lew mit einem abschätzenden, eindeutig lauernden, Blick. Lew tat wiederum so, als bemerke er es nicht und beobachtete weiter höchst konzentriert die Szene im Lager.
Viviane verzog das Gesicht zu einem süffisanten Lächeln.
„Der Genießer schweigt?“
„Pfh!“, machte Lew und setzte endlich das Fernrohr ab. Ganz langsam drehte er sich um und schnaubte: „Genießer? Ts! Das ist eindeutig das falsche Wort. Wer Furia in die Hände fällt, kommt sich vor wie ein Apfel in der Saftpresse. Und da habe ich noch Glück gehabt.“
„Wieso. War bei der Saftpresse die Schraube locker?“
„Nein, so kann man das nicht sagen. Ich war sozusagen der Probedurchgang.“
„Probe …? Ach! Du warst der Erste!“ Viviane kicherte und nickte anerkennend. „Wenn ich auch nichts an Furia schätze, aber was Männer angeht, hat sie einen guten Geschmack.“
Lew kniff die Augen zu und schüttelte den Kopf. Ihm blieb zum Glück jedes weitere Wort erspart, weil Hanibu den Hügel hinab deutete.
„Großmutter Dana kommt.“
„Gut“, nutze Lew den Themenwechsel. „Sie bringt uns was zu essen.“
„Morgen komme ich wieder vorbei und erzähle euch die neuesten Neuigkeiten.“
„Nur keine Eile, Viviane. Wir beobachten hier oben alles und jeden ganz genau.“
Großmutter Dana schnaufte die letzten Schritte herauf und ließ sich neben Viviane fallen.
„Bei Artio! Ausgerechnet hier oben musstest du das Zelt aufschlagen, Viviane. Weiter unten hätte auch gereicht.“
„Gewiss, Großmutter Dana, weiter unten müsste Hanibu das Wasser nicht so weit schleppen. Aber sie sind ja sparsam und baden im selben Wasser. Eigentlich ist es nur wegen der Sicht. Lew will den Clan von seinem Vater im Auge behalten. Wir wollen schließlich herausbekommen, wer ihn damals als Baby in ein Cerrag gelegt hat, denn es ist schon höchst seltsam, dass nie jemand nach ihm gesucht hat. Das müssen wir vorsichtig angehen und alle genau beobachten.“
„Vorsicht und Verschwiegenheit ist wichtig, das macht ihr ganz richtig. Aber es kann nur jemand gewesen sein, der nach deiner Geburt an dich herangekommen ist, Lew. Also behaltet die Zelte der Burgbewohner besonders im Auge. König Justinius und dein leiblicher Vater, Alban, halten dicht?“
Lew nickte stolz.
„Garantiert. Auf meinen Vater ist Verlass. Er will sich selbst unauffällig umhören. König Justinius hilft ihm natürlich und ist absolut verschwiegen. Er hat es nicht einmal seinem Weib erzählt. Viviane hat das überprüft.
„Wirklich? Wie hast du das denn angestellt, Viviane?!“
Viviane kramte ein winziges Fläschchen aus Tannenholz aus ihrer Gürteltasche.
Großmutter Dana roch daran.
„Kamille. Sehr wohlriechend. Eine Mischung?“
„Ganz recht. Selbst konzentriert und mit Honig versetzt. Fällt in Met gar nicht auf. Wenn die Gerste für das Korma geerntet ist, habe ich auch eine Mischung mit rauchigem Geschmack parat. Schon nach einem Dutzend Minuten …“
Großmutter Dana schnitt ihr mit einer herrischen Geste das Wort ab, schnupperte noch einmal intensiv an dem Fläschchen und gluckste verschlagen: „ … bekommt man Bauchkrämpfe. Ja, da ist es wirklich recht heilsam, wenn zufällig eine Ärztin mit einem Gegenmittel in der Nähe ist, weil sie sich zufällig und abseits mit König Justinius unterhält.“
Viviane winkte ab.
„Er hat nur versucht, mir Arion abzukaufen. Ich musste ja hinauszögern und wir haben gehandelt und gehandelt und …
„Gehandelt“, vervollständigte Dana gelangweilt und drehte den Zeigefinger, als wolle sie Vivianes Rede schneller ablaufen lassen. Viviane verstand den offensichtlichen Wink auch sogleich.
„Jedenfalls habe ich ihn so lange zappeln lassen, bis sein Weib zum Abort gerannt ist, und in dem Augenblick hat er mir ganz zufällig ein gutes Angebot gemacht.“
„Was?! Du hast deinen Arion verkauft?“
„Nein, das darf ich doch gar nicht! Arion darf alle Stuten decken, die König Justinius aufbringen kann, und ich bekomme noch was dazu.“
Lew klopfte Viviane freundschaftlich auf die Schulter und feixte.
„Unsere Ärztin bekommt in letzter Zeit sehr viel extra. In ihrem Behandlungszelt geht es zu wie in einem Taubenschlag. Die Leute kommen mit vollen Händen und gehen leer wieder raus. Man könnte meinen, du würdest dich für deine Dienste entlohnen lassen!“
Viviane verdrehte die Augen.
„Nun übertreibe nicht, Lew! Das sind doch meistens nur arme Bauern, die sich bei mir bedanken wollen, weil ich ihnen das Leben gerettet habe, damals nach der Schlacht. Der eine bringt leuchtend grüne Wolle, der andere eine schön geschnitzte Schatulle, der dritte ein besonders weiches Schaffell …“
Lew tätschelte ihr aus prophylaktischen Gründen schon mal versöhnlich die Schulter und redete weiter: „ … der vierte einen Kamm aus Perlmutt, der fünfte eine Kette aus Bernstein, der sechste einen Armreifen mit eingefassten Korallen, der siebte einen Gürtel mit einer Schnalle aus purem Eisen, der achte eine Kütze, damit du alles reinlegen kannst …“
Viviane plusterte sich auf, doch Lew hob feixend den Zeigefinger.
„Hochkönig Eryrrix war auch schon da. Der hat dir sein Geschenk leider nicht vor dem Zelteingang gezeigt.“
Jetzt war es an Viviane, zu grinsen.
„Er hat dir noch gewunken, bevor er zu mir ins Zelt gekommen ist. Ein erfahrener Mann, unser Hochkönig Eryrrix.“
„Mach dich nur lustig, Viviane. Aber danke für die beiden Kätzchen. Eines schwarz, eines weiß, wenn das kein Omen ist! Von wem hast du sie bekommen?“
Viviane drehte sich zu dem kleinen Körbchen, in dem zwei flauschige Fellknäuel dicht aneinander geschmiegt schliefen. Ihre winzigen Barthaare vibrierten leicht, weil sie sich gegenseitig anpusteten. Sie hatten sogar die Pfötchen übereinander gelegt. Es war einfach zu niedlich.
„Von Taurus’ kleiner Tochter. Sie hat sich bei mir bedankt, weil ich ihrem Vater das Bein so schön geflickt habe. Wenn sie groß ist, will sie auch einmal Ärztin werden.“
„Ja, das ist eine höchst lohnende Kunst. Aber weiß du, was uns noch aufgefallen ist?“
Viviane zuckte die Schultern.
„Das ich die Geschenke nicht alle trage und dir die Kätzchen gegeben habe?“
„Denen geht es bei mir besser, als in dem Gedränge da unten. Nein, Hanibu hat mich darauf aufmerksam gemacht: Du bedankst dich bei jedem, als hätte er dir ein königliches Geschenk gemacht und wenn es nur ein Korb voll Eier ist.“
„Ein sehr kunstvoll geflochtener Weidenkorb, wie du bestimmt sehen konntest, Lew. Aber du hast Recht. Ein Geschenk, das von Herzen kommt, ist immer ein wertvolles Geschenk. Es verdient den gebührenden Dank, egal was es ist. Und jetzt bekommt Silvanus ein Geschenk von mir. Ich will ihn mal von Furia erlösen. Er lugt schon ganz verstohlen in unsere Richtung.“
Lew lachte übermütig.
„Walte deines Amtes, hohe Druidin, Viviane! Lass rangniedere Königstöchter ängstlich die Flucht ergreifen und machtlose Freunde erleichtert aufstöhnen!“
Viviane blieb stehen, drehte sich noch einmal um und wackelte schelmisch mit dem Finger.
„Apropos aufstöhnen: Die ganze Nacht hat ein Ochse gestöhnt und ein Käuzchen geschrien, als wäre es ihre letzte Nacht auf Erden. Habt ihr das hier oben auch gehört oder ging der Wind in die andere Richtung?“
Großmutter Dana klopfte sich auf die Schenkel und stand auf.
„Genau das hab ich auch gehört, obwohl unsere Zelte viel weiter die Werra runter stehen. Ich hab ja einen leichten Schlaf … bin gespannt, ob das Viehzeug heute Nacht wieder so einen Lärm macht oder ob es wartet, bis ich in Tiefschlaf gefallen bin. Und Hanibu …“
Großmutter Dana wandte sich an die grinsende Hanibu. „ … denk morgen früh an den Korb unten am Fuß des Hügels! Ich packe euch einen ordentlichen Vorrat ein. Milch, Eier und was man noch so alles gebrauchen kann. Nicht, dass ihr hier oben verhungert. Morgen kommen die Händler. Da haben wir erst abends Zeit. Händler! Ha! Das hätte ich doch beinahe vergessen!“
Dana sprang auf und griff nach ihrer Räucherpfanne.
„Ich muss euch ja noch ordentlich ausräuchern! Mich natürlich auch! Aber keine Sorge, ich habe lauter wohlriechende Kräuter dabei! Es muss ja nur ordentlich qualmen und nicht stinken. Kommt sowieso keiner in die Nähe, um nachzuprüfen.“
„Woher weißt du das so genau, Großmutter Dana?“, wollte Viviane wissen, bevor sie sich endgültig auf den Weg machte.
„Ach, ich habe natürlich auch die Probe aufs Exempel gemacht. Sogar ganz ohne Nebenwirkungen.“
„Sil-va-nus“, hauchte Furia mit schmachtendem Blick. „Jetzt habe ich dich aber lange genug aufgehalten. Das Fußvolk wartet sicher schon auf dich. Du solltest dich sputen! Auch ich habe leider keine Zeit mehr, mit dir zu plaudern … Du kannst gehen.“
„Es war mir eine Ehre“, rief Silvanus und wusste sofort, dass Viviane im Anmarsch war. Er verbeugte sich besonders tief und schwungvoll, sodass er einen kurzen Blick auf sie erhaschen konnte, wie sie den Hügel herunterkam. Endlich. Eilig trottete er davon und drehte sich nicht noch einmal um.
Schade. So verpasste er das Schauspiel, wie eine Schlange ein Wildschwein frisst.
Das Wildschwein durfte nicht flüchten, sondern hatte zu grüßen. Also neigte Furia ihren Kopf, natürlich nicht zu tief, schließlich waren viele Leute in der Nähe und reger Verkehr auf der Straße. Es schien sogar, als würde das Gedränge gerade jetzt noch viel dichter werden.
„Ich grüße dich, Druidin Viviane. Willst du auch zum See, wo sich das gemeine Volk trifft und sich mit nebensächlichem Geschwätz den Tag verschönert?“
„Ja, Furia, das hatte ich vor. Ich unterhalte mich gerne mit dem gemeinen Volk, aus dem ich stamme. Apropos verschönert: Du hast dich heute selbst übertroffen. So viele Farben auf so wenig Untergrund …“
Furia strich über die Silberfäden auf ihrem Leinkleid.
„Ja, da muss ich dir recht geben, allerliebste Freundin Viviane. Ist es nicht ein herrliches Gewebe?! So kräftige Farben in Rosa, Violett und Lindgrün. Und es betont meine … schlanke Figur derart vorteilhaft …“
Auffällig schielte sie zu Vivianes Körpermitte und presste sich selbst die Hände aufs Kleid, damit ihre eigene, recht üppige, Figur zum Vorschein kam. Viviane tat ihr den Gefallen und verdrehte die Augen. Furia tat ihr den Gefallen und verstand den Wink falsch.
Sie tätschelte ihren flachen Bauch, packte ihren prallen Busen, rüttelte daran und überprüfte mit einem äußerst kritischen Blick die Spannkraft ihrer Brüste. Höchst zufrieden drehte sie sich hin und her, ließ ihre Finger langsam an den Seiten herabgleiten …
Ein junger Mann, der gerade vorbei ging, verneigte sich artig und rannte gegen einen Apfelbaum.
Furia begutachtete seine groteske Umarmung mit dem Stamm, leckte sich die Lippen und überprüfte den Sitz ihres Torques. Schon wollte sie loslaufen, da viel ihr Viviane wieder ein und die Beute entwischte. Sofort zog sie einen Schmollmund.
„Viviane, du bist so unscheinbar gekleidet, beinahe hätte ich dich vergessen! Ich gebe dir den guten Rat: Richte dich mehr nach der Mode und lauf nicht herum wie eine arme Maid an einem warmen Sommertag.“
Mit gerümpfter Nase zeigte sie demonstrativ auf Vivianes hellgrünes Kleid und ihre bloßen Füße.
„Hast du das Kleid aus eurer Zeltleinwand geschnitten? Es ist natürlich schade, dass du deine … ach so wichtigen Dienste nicht gegen Lohn verrichten kannst. Wie willst du dir jemals ein hübsches Kleid leisten, das deinem Stand und deiner … Figur … Genüge tut.“
Voller Mitgefühl schaute sie auf Vivianes Körpermitte.
„Nun ja, die Übergröße ist recht praktisch, noch kann man nichts erkennen … aber vielleicht könntest du dir doch irgendwie hochwertiges Leingewebe zulegen. Bei deinem Stand müssen die Farben kräftig sein, damit dich jeder sieht und …“
„Schwester, liebste Schwester!“, rief eine piepsende Kinderstimme von Weitem und Furia drehte sich sofort um. Obwohl sie ihren weißen Sonnenschutz trug, beschirmte sie hastig die Augen und sprang auf die Zehenspitzen, auch wenn sie dadurch die vordersten Edelsteine ihrer Sandalen in den Dreck rammte. Das schien sogar von großem Vorteil, sie wackelte kein bisschen beim Balancieren und konnte den winzigen Rufer zwischen den vielen großen Leuten schnell finden.
Es war Adalrich. Er stand zwischen den Backöfen, hopste auf der Stelle und winkte mit beiden Armen, damit sie ihn besser sehen konnte. Seine blauen Augen strahlten wie der Himmel über ihm.
Und plötzlich sah Furia gar nicht mehr aus wie eine überhebliche Königstochter. Sie lachte ganz offen und winkte ihrem kleinen Bruder genauso ausholend zurück. Adalrich jauchzte, bedeutete ihr, dass er später vorbei kommen wolle und rannte schnell hinter seinen Mitschülern her, um nicht den Anschluss an Aodhrix zu verpassen.
Je weiter sich Adalrich entfernte, desto mehr kehrte Furias abweisende Miene zurück und versteinerte in dem Augenblick, als er außer Sicht war. Wie zum Stoß zuckte ihr Kinn gegen Viviane.
„Und wieso trägst du deine Waffen nicht!? Dein Stand gebietet dir, die Zugehörigkeit zur Bruderschaft des Drachenschwertes zu präsentieren. Schließlich gibt es von deinesgleichen so wenige. Ach!“ Furia winkte verächtlich ab. „Wenige ist wohl stark übertrieben. Elitekrieger. Ihr seid ja nur zu zweit und müsstet schon den ganzen Tag von früh bis spät durchs Lager laufen, damit man eurer überhaupt gewahr würde. Vielleicht bekomme ich dann die Gelegenheit, um endlich mal dein Schwert …“ Sie rümpfte wieder die Nase. „ … in Ruhe zu begutachten.“
Viviane lächelte.
„Deine Zunge ist so scharf wie mein Schwert im Urzustand. Sei daher unbesorgt, zum Opferfest werde ich dir deinen Wunsch erfüllen. Und … da fällt mir gerade ein … heute Morgen habe ich tatsächlich ein wirklich einzigartiges Gewand geschenkt bekommen. Wenn es nicht mehr so heiß ist, ziehe ich es bestimmt mal an. An so einem schwülen Tag bleibt einem jedoch nur das Wasser zur Abkühlung.“
„Apropos Abkühlung: Silvanus wollte auch gerade zum See. Der Ärmste hat eine Abkühlung wirklich nötig. Er verströmt eine Hitze wie Arcturus im Simiuisonna. Ich bin richtig ins Schwitzen gekommen.“
„Du solltest nicht zu nah ran gehen, Furia. Schweiß macht Schlieren auf deinem überaus weißen Teint.“
„Oh ja, wie recht du hast!“ Furia hielt ihren Arm gegen den von Viviane. „Man kann den Unterschied von einer Königstochter zu einem Bauernkind deutlich sehen. Aber keine Sorge, Viviane. Ich stand ja im Schatten. So konnte ich mich der Anziehungskraft restlos hingeben, die Silvanus umgibt. Hach, er ist ja sooo gefährlich maskulin! So animalisch! Seine Muskeln! Seine dunklen Locken und diese Augen! Er hat so eine düstere Aura, verlockend wie eine laue Sommernacht! Ich wäre die perfekte Mondgöttin für ihn.“
„Heute Nacht wird ein Gewitter toben, Furia. Doch danach wünsche dir wieder ruhige Sommernächte, bis zu dem Moment, wenn der große Wolf die Mondgöttin verschlingt.“ Viviane schürzte die Lippen und legte den Kopf schief. „Wusstest du eigentlich, dass mein Schutzgeist eine Wölfin ist? Nein? Macht nichts. Das ist im Moment auch nicht wichtig, ich muss ins Wasser! Hast du Lust mitzukommen? Nein? Ach, wie konnte ich das vergessen! Ein simpler See ist ja unter deinem Niveau! Du bevorzugst natürlich den Teich der Weisheit! Ist zwar ziemlich weit bis dorthin …“ Sie zeigte hinauf in den Himmel. „ … aber du, als angehende Mondgöttin, schaffst das schon! Bis zum nächsten Mal, Furia!“
Furia hob schlapp die Hand zum Gruß. Ihre Augen schauten traurig und sie flüsterte, mehr als dass sie rief: „Bis bald, Viviane!“ Da drehte sich Viviane noch einmal um, schon präsentierte sie wieder ihren überheblichen Blick. Viviane johlte aber nur: „Die Kette ist übrigens ein echter Hingucker! Passt gut zu dir!“, und schon ging sie weiter.
Verdutzt, ja sogar fast geschmeichelt, tastete Furia ihren Hals entlang und ließ ihre Finger auf den enormen Edelsteinen verweilen, streichelte sie gedankenverloren und flüsterte mehr zu sich selbst: „Ja, sie ist wirklich einzigartig, ein Geschenk meiner Mutter, kurz bev …“ Sie schluckte, ihr Blick verschwamm, mit schierer Willenskraft kämpfte sie die Tränen zurück. Plötzlich räusperte sich jemand hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um.
Da stand Hirlas, Naschus jüngster Bruder. Schon wieder einer aus dem Hirschclan. Sofort kam in ihre Augen der harte, undurchdringliche, leicht höhnische Ausdruck zurück. Nur noch ein geringer verräterischer Schimmer war von ihrer Trauer übrig, doch Hirlas hatte den Kopf schon unten.
„Was willst du.“
Hirlas räusperte sich wieder und neigte den Kopf noch tiefer, er hatte schließlich mächtig mit seinen Gesichtsmuskeln zu kämpfen.
„Hohe Herrin …“ Er räusperte sich noch einmal und kniff sich fest in den Arm. Jetzt passte die Mimik. „Furia, Tochter des stattlichen Naharrix, ich wollte mich bei dir nach Perdite erkundigen. Ich habe sie noch nicht gesehen und da sie doch …“




