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„Du kriegst gleich einen Hieb von dem dürren Ästchen!“, warf Silvanus grinsend ein und wollte Medan im Genick packen. Doch der tauchte unter seiner Hand weg und sprang um Loranthus herum in Deckung. „Mittlerweile taugt er natürlich schon als Bohnenstange“, säuselte er aus sicherer Entfernung und wankte hin und her, als sei er die dazugehörende Bohnenranke.
„Ich fühle mich geehrt, Medan“, meinte Silvanus galant und reckte seine frei gebliebene Hand nach oben. „Bohnenstange wollte ich schon immer werden. Da hat man eine tragende Aufgabe im Leben. Erzähl ruhig weiter, Brüderchen! Bohnenstangen schlagen nicht aus, meistens.“ Und dabei streckte er seine Arme dermaßen weit nach hinten, als wolle er beweisen, wie gut er sich auch als Langbogen eignen würde.
Medan verzog das Gesicht, da ihm bei derartigen Verrenkungen nur vom Zusehen alles weh tat. Erst als Silvanus wieder wie ein normaler Mensch lief, kam er vorsichtig aus seiner Deckung, räusperte sich und sah Loranthus vielsagend an.
„Also. Silvanus schacherte so lange mit dem Händler, bis der ihm einen Glasbarren gegen einen Hirschhundwelpen tauschte. Um genau zu sein: Der Händler jauchzte ganz begeistert, weil ihn der kleine gleich abschleckte. Silvanus war natürlich sehr stolz auf seine Errungenschaft und hat jedem den Glasbarren gezeigt. Ich war damals noch sehr klein …“
„Ein Bohnensprössling, um genau zu sein!“, präzisierte Silvanus und schlug Medan die Hand so derb auf die Schulter, dass er nach vorne kippte wie ein zartes Pflänzchen im Wind.
Medan brachte das aus dem Rhythmus; er bekam seinen steifen Schritt nicht mehr zustande und lief wieder normal.
„Äh, ja, Silvanus. Das hätte ich mir denken können. Jedenfalls wollte ich dieses Glas auch sehen, wie Kinder eben so sind. Ich konnte den Barren kaum hochheben, so schwer war er. Silvanus hat ihn mir vor die Augen gehalten, damit ich hindurchsehen konnte. Er rief: ‚Du hast gaaanz große Augen, Medan!‘ Dann hat er sich den Glasbarren vors Gesicht gehalten und ich habe gerufen: ‚Du hast auch gaaanz große Augen, Silvanus!‘ Belustigt hat Silvanus den Glasbarren gegen die Sonne gehalten und wir haben zusammen gerufen: ‚Du hast auch gaaanz große Augen, Sonnenkönig!‘
Das war ein schönes Spiel und jeder, der vorbeikam, wollte mitspielen. Plötzlich stand Afal bei uns und sagte, er wolle auch gerne einmal hindurchsehen. Kaum hatte er durchgeguckt, bat er Silvanus, ihm den Glasbarren zu leihen und winkte Großvater Anu heran. Tuschelnd gingen sie im Eilschritt zum Lagerabschnitt der Händler und bald darauf war auch Afal der stolze Besitzer eines Glasbarren.
Den folgenden Winter über haben Afal und Großvater mit diesem Glasbarren experimentiert. Silvanus hat den ganzen Winter über aus seinem Perlen geformt. Es waren wunderschöne Perlen in leuchtenden Farben. Mutter war anfangs skeptisch, weil er sich bei ihr Farben erbettelt hatte, doch dann war sie ganz begeistert und hat ihm sogar mehr Farben versprochen, wenn er einen neuen Glasbarren hätte.
Als es wieder wärmer wurde und wir die Felder bestellten, hat Mutter ganz oft vor sich hin gesungen, weil sie so stolz auf ihre Glasperlenkette war. Zum Beltaine-Fest hat sie jeder angestarrt, als wäre sie eine Fee, die gekommen sei, um mit uns die gelungene Aussaat zu feiern. Afal musste sich sogar hinsetzen. Er sagte, dass die Kunst der Glasmacher schon lange verschwunden wäre. Keiner wüsste heute mehr davon. Er betrachtete die Kette ganz genau und ein paar Tage später kam er zu uns ins Dorf. Silvanus sollte ihm zeigen, wie die Perlen geformt werden. Er verfolgte die Prozedur höchst interessiert und als Silvanus die fertige Perle in seine Schiene zum Abkühlen legte … Da ist etwas passiert.“
Medan machte eine Pause, hob den Zeigefinger und sah Loranthus Achtung heischend an.
„Silvanus hatte für seine Perlen Schilfrohre gespalten, damit sie nicht weg rollen konnten. Und als er eine neue Perle in diese Rille legte … und sie rollte auf die vorherige Perle zu … da hat sich Afal vor den Kopf geschlagen, dass es richtig laut klatschte. Überaus hastig hat er sich für die Vorführung bedankt und ist mit Großvater Anu wieder auf die Burg. Großvater hat sich einen ganzen Mond nicht mehr bei uns im Dorf blicken lassen, aber als er wiederkam, brachte er Afal mit und die beiden haben uns etwas vorgeführt.“
Medan machte eine Handbewegung, als hielte er sich ein Fernrohr vor die Augen und sah Loranthus abwartend an. Irgendwie schien seine Geschichte nicht den gewünschten Erfolg zu haben, sein erwartungsvolles Grinsen ging in ein verhaltenes Lächeln über.
Jetzt erkannte Loranthus, dass er anders reagiert hatte, als von Medan erhofft und beeilte sich, den Jungen zu tätscheln. Dabei setzte er ein erfreutes Strahlen auf.
„Ich kenne dieses Glas aus Ägypten, Medan. Du weißt doch: Mein Vater ist ein Händler, meine Familie treibt schon seit Generationen Handel mit vielen Ländern!“
„Ach, so“, sagte Medan schlapp, als hätte er sich völlig umsonst so viel Mühe gegeben. Da huschte ein neugieriges Funkeln in seine Augen.
„Du hast doch deinen Vater auf seinen Handelsreisen begleitet, Loranthus! Hast du dieses Glas etwa selbst gesehen?! Ich meine, wie es gemacht wird.“
Loranthus tätschelte Medan wieder die Schulter.
„Ganz recht, Medan! Das habe ich wirklich! Und ich habe auch gesehen, was sie dort alles aus diesem Glas herstellen. Du musst bedenken: Schon seit der Hochepoche der Ägypter werden die Stoffe für Glas in riesigen Wannen zusammengemischt. Die sind übrigens so lang wie du, aber wesentlich breiter! Ein weiser Herrscher hat die Rezeptur sogar in Stein meißeln lassen, damit jeder weiß, wie man die Bestandteile zusammen bringen muss.“
Robin reckte den Hals über die Wand des Streitwagens.
„Wenn ich groß bin, dann laufe ich durch alle Länder und sehe mir an, was es überall für wundersame Dinge gibt. Nach Ägypten gehe ich natürlich auch!“
„Nimm lieber ein Schiff wie mein Vater. Das geht viel schneller und du siehst viel mehr von der Welt, als wenn du zu Fuß unterwegs bist.“
„Von mir bekommst du ein Pferd, Robin!“, warf Viviane lachend ein. „Bis zum nächsten Hafen ist es ziemlich weit!“
Bei Robin klappte die Kinnlade herunter und bei Silvanus ruckten die Augenbrauen hoch.
Viviane zuckte nur mit den Schultern.
„Ich meine das vollkommen ernst. Wenn Robin gerne in die Welt ziehen will, werde ich ihm helfen. Reich genug sind wir ja jetzt. Da kommt es auf ein Pferd mehr oder weniger nicht an. Am besten noch ein Ersatzpferd dazu – für’s Gepäck.“
Robin japste nach Luft, doch Viviane hob mahnend den Finger.
„Natürlich erst, wenn du deine Ausbildung beendet hast. Vorzugsweise solltest du etwas lernen, was man allerorts gut gebrauchen kann. Dann kannst du dir überall deinen Lebensunterhalt verdienen und bist so unabhängig, wie ein Weltreisender sein sollte. Denk mal darüber nach, Robin.“
Robin nickte derart stürmisch, dass sein Kopf gefährlich wackelte, genauso wie der Zügel, den er fest umklammert hielt. Viviane legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.
„Nun ist es aber genug geschwatzt und du, Loranthus, solltest dein Wissen um unsere Fernrohre für dich behalten. Es hat nämlich seine Vorteile, wenn andere Völker nicht alles von einem wissen.“
„Keine Sorge! Ich musste schon Königin Birgie schwören, dass ich nichts davon erzähle!“
Viviane legte sofort den Kopf schräg und sah ihn von der Seite her scharf an. Loranthus presste die Lippen zusammen, war ihm doch plötzlich bewusst geworden, dass er sich verplappert hatte. Offiziell war er ja gar nicht bei Königin Birgie auf der Burg gewesen, sondern hatte nur mit Großmutter Dana auf einem einzelnen Wachturm gestanden. Also hätte ihn Großmutter Dana über sein Stillschweigen verpflichten müssen und nicht Königin Birgie.
Schnell dachte er nach, wie er seine vorlaute Rede berichtigen könnte und beeilte sich zu sagen: „Großmutter Dana hat mir natürlich auch schon erklärt, dass ich niemandem etwas über eure Fernrohre erzählen darf, es sei denn, es ist ein Hermundure. Aber als wir schließlich mit Königin Birgie zu eurem Kriegslager unterwegs waren, habe ich mich verplappert und da hat sie mich schwören lassen. Und damit ich meinen Schwur auch nicht vergesse, hat sie mir noch einen Fluch auf den Hals gehetzt.“
Alle rissen Augen und Münder auf, nur Viviane schmunzelte.
„So, so! Einen Fluch! Das sieht meiner Tante Birgie ähnlich.“
Loranthus sah Viviane verdutzt an und tastete seinen Hals ab.
„Hetzt Königin Birgie öfters Leuten einen Fluch auf den Hals?“
„Ständig. Die Königin der Bären ist berühmt-berüchtigt dafür. Jeden Tag muss mindestens einer dran glauben und wenn sie schlechte Laune hat auch mal zwei … oder drei“ Loranthus schnaubte.
Viviane feixte: „Mit welchem Fluch hat sie dich denn belegt?“
„Das darf ich auch nicht sagen!“, wimmelte er alle ab, die sich schon erwartungsvoll zu ihm hingebeugt hatten. „Der Wortlaut ist im Fluch mit inbegriffen!“
Alle Oberkörper kippten enttäuscht in die Ausgangsposition zurück, bis auf den von Viviane. Sie hatte ihre gerade Haltung mit dem schräg gelegten Kopf gar nicht geändert gehabt. Loranthus wollte ihrem forschenden Blick möglichst unauffällig ausweichen.
Daher schwenkte er seine Augen zum Waldrand und murrte: „Aber ohne diese Fernrohre hätte ich die Schlacht doch niemals so genau beobachten können! Ich darf also niemandem berichten, wie ihr gesiegt habt!?“ Er zog noch einen Schmollmund, einen möglichst traurigen.
Mit diesem Ablenkungsmanöver war er wohl übers Ziel hinausgeschossen, Viviane beugte sich weit aus dem Streitwagen und tätschelte ihm mitleidig die Schulter.
„Doch, doch Loranthus! Das kannst du ruhig jedem erzählen, der dir über den Weg läuft! Lass einfach die Fernrohre weg! Das merkt sowieso niemand, wenn du nicht sagst, wie weit du entfernt warst. Lenke die Aufmerksamkeit deiner Zuhörer auf die Geschehnisse der Schlacht. Je mehr du dabei übertreibst und je schrecklicher du alles darstellst, umso besser.“
Loranthus fuhr sich mit der Hand durch seine schwarzen Locken und der Staub der langen Reise tanzte in den Sonnenstrahlen, als er sich am Hinterkopf kratzte.
„Das verstehe ich nicht.“
Viviane kicherte.
„Das liegt am Blickwinkel, Loranthus. Beleuchte es von allen Seiten.“
„Blickwinkel?“
Loranthus sah nach vorne auf den Wagentross, der sich rumpelnd und stampfend gemächlich den staubtrockenen Weg bergan schob. Er lugte durch die Baumwipfel hoch zur Sonne, zwischen die Sträucher hindurch ins Dickicht und erspähte sogar ein paar leuchtend gelbe Schmetterlinge, die mitten im dichtesten Wald anmutig dahin schwebten. Schließlich ließ er seine Augen bei den Blumen am Wegrand zur Ruhe kommen.
„Also“, seufzte er tief. „Selbst wenn ich es nicht noch gruseliger mache, als es ohnehin schon für mich war … Ja …“ Er nickte überzeugt. „Meinen Zuhörern würden die Haare zu Berge stehen.“
„Und?“
„Es würde ihnen kalt den Rücken runter laufen, inklusive Gänsehaut. Eventuell sogar Ohnmachtsanfälle.“
Viviane sah ihn tadelnd an.
„Ach so! Jetzt weiß ich, was du meinst, Viviane! Keiner würde noch mal einen Krieg gegen euch führen wollen, und ihr könntet wieder das friedliche Leben führen, dass ihr immer schon geführt habt.“
Nun schien Viviane mit der Antwort zufrieden.
Robin genügte solch allgemeines Geschwätz jedoch nicht.
„Uns kannst du es auch erzählen, Loranthus! Wir halten unsere Haare fest und frieren tut heute eh keiner bei der Hitze. Wir haben nämlich Nora schon ausgefragt, als wir auf den Weiden bei den Schafen waren. Aber die hat doch noch nie eine Schlacht gesehen. Kämpfen da alle mit Schwertern, Speeren und Streitwagen?“
Loranthus zog scharf die Luft ein.
„Streitwagen gab es zum Glück nicht so viele, Schwerter und Speere dagegen um so mehr, Robin. Es kamen aber auch Äxte, Lanzen, Schleudern und Pfeile zum Einsatz.“
„Pfeile!?“ Robin rümpfte die Nase. „Ich würde zuerst Steine schleudern. Die fliegen noch weiter! Aber wenn die Chatten auch …“
„Unsere Schleuderer waren besser. Oen und Harthu waren mit dabei und Tarian gehörte zu den Bogenschützen.“
Robin riss die Augen auf und streckte seinen Kopf weit über den Wagenrand. Lavinia lugte mit einem ziemlich langen Hals hinter Viviane vorbei. „Erzähl!“, riefen sie im Chor und grinsten synchron.
Loranthus seufzte und ergab sich strahlend seinem Schicksal.
„Stellt euch eine riesige Wiese vor, so breit, dass man einen Speer mindestens ein Dutzend Mal werfen muss, bis man zur anderen Seite kommt.“
„So weit auseinander standen die Heere?!“, rief Robin ungläubig, schlug sich aber schnell die Hand auf den Mund. „Erzähl weiter, Loranthus!“
Loranthus tat so, als würde er in weite Ferne sehen und sprach mit geheimnisvollen Unterton: „Die Schlacht begann, als der Hochkönig der Chatten in seine Carnyx blies. Oooh, das hörte sich schauerlich an, kann ich euch sagen! Aber ich höre mir lieber den ganzen Tag zwei Dutzend Carnyx auf einmal an, als noch einmal so eine Schlacht sehen zu müssen und hören noch dazu.“
„So schrecklich war das alles?“, fragte Robin ungläubig, schlug sich wieder die Hand vor den Mund und nuschelte zwischen den Fingern hervor: „Ich will alles ganz genau wissen!“
Loranthus holte tief Luft und tat so, als würde er in enorm langes, aufrecht stehendes Horn blasen. Er brauchte beide Hände, um es fest zu halten, die eine am Mund, die andere weit ausgestreckt über seinem Kopf.
„Die Chatten blasen ihre Carnyx, grölen Schmährufe und schlagen wie die Irren gegen ihre Schilde. Der Lärm ist entsetzlich, absolut grauenvoll. Plötzlich herrscht mit einem Schlag Ruhe. Warum? Nicht, weil ihnen die Luft ausgegangen wäre, oh, nein! Weil die Erde bebt.
Alle Chatten glotzen wie blöde auf ihre Füße. Und ihre Füße, ha, ha! Es war genial! Ihre Füße, die zittern. Ihre Füße vibrieren so stark, dass ihre Knie aneinander scheppern. Das Rütteln und Schütteln zieht ihre Knochen bis hoch und sie fangen an, mit den Zähnen zu klappern. Sie klappern so laut, man kann es noch bis zu uns Hermunduren rüber hören! Auf die Entfernung, das müsst ihr euch mal vorstellen! Wie die Chatten dastehen, mit wackelnden Knien und aufgerissenen Mäulern und sich total entsetzt anstarren! Alle rufen durcheinander: ‚Die Götter der Unterwelt kommen! Hall kommt uns alle holen! Bei allen Göttern, wie kann das sein! Wir haben doch geopfert und die Götter haben uns den Sieg versprochen!‘ Oh! Sie haben geheult wie getretene Hunde, das kann ich euch versichern! Bis sie auf die Idee gekommen sind, nicht mehr auf ihre Füße zu schauen, sondern wieder nach vorne, auf die Hermunduren. Vielleicht haben sie gehofft, sämtliche Götter der Unterwelt hätten die Hermunduren verschlungen! Das wäre ja praktisch gewesen! Aber nein, oh nein! Beim Anblick der Hermunduren sind ihnen die Kinnladen runter geklappt!
Dort hat sich nämlich ein noch viel größeres Heer aus dem Boden gestampft! Stellt euch vor! Wie aus dem Nichts stehen da plötzlich an den Flanken der Hermunduren neue Krieger mit neuen Pferden, neuen Kettenhemden, neuen Schilden, neuen Speeren, neuen Äxten, neuen Schwertern und die anderen Hermunduren jubeln ihnen zu, es wird sich begrüßt und auf die Schultern geklopft … ihr wisst ja selbst, wie es zugeht. Und als sich dann alle Hermunduren fertig in Schlachtlinie aufgestellt haben, grinsen sie rüber zu den Chatten.
Ha, ha! Da reißen die Chatten wieder die Mäuler auf, aber diesmal bringen sie keinen Ton heraus. Sie können nur wie schwachsinnig da stehen und der Sabber tropft ihnen aus den offenen Mündern.
Der Hochkönig der Chatten glotzt am dämlichsten, da tobt er plötzlich wie ein wütender Stier und kreischt, dass man ihn noch auf unserer Seite hört. Wie ein Irrer reißt er mit einem Ruck seine Carnyx hoch, bläst hinein und sofort stürmen seine Bauern los. Oh, ja! Sie stürmen los!
Was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn ihr Hochkönig befielt. Vielleicht hat er sie mit irgendwas besoffen gemacht, dass sie so wild auf’s Kämpfen waren! Die waren ja alle wie im Rausch!
Stellt sie euch vor! Wie sie angestürmt kommen! Nicht wie unzählig viele Bauern, oh, nein! Dicht an dicht wie eine einzige, feste Wand schieben sie sich über das Schlachtfeld. Eine Masse aus rasenden, brüllenden, wahnsinnigen, besoffenen Irren mit wilden Mähnen! Ihre Augen glühen, der Speichel spritzt auf ihre Bärte … Ich sage euch, so sehen Dämonen aus der Anderswelt aus!
Hinter ihnen schlagen die restlichen Chatten wieder dröhnend gegen ihre Schilde und johlen Schlachtgesänge, damit die Bauern auch wirklich wissen, dass sie sich nicht blamieren dürfen! Nicht, dass einer umkehrt oder vor Angst in die Hosen seicht oder gar scheißt! Muss ja schließlich irgendeinen Zweck haben, das ganze Geschrei! Also grölen die anrückenden Bauern auch wie irre und schwingen dabei derart rasant die Beine, das Gras wird hochgewirbelt, die Fetzen fliegen … Es ist der reinste Wahnsinn! Ihre Arme rudern wie verrückt durch die Luft und ihre Waffen … so viele tödliche Waffen! Scharfe Äxte, Speere, riesige Messer und weiß der Geier noch was!
Auf unserer Seite bläst Hochkönig Eryrrix ebenfalls in seine Carnyx, sofort preschen die Streitwagen im wilden Galopp los und teilen sich auf. Es sieht richtig anmutig aus, wie die Kolonne erst zusammen ausrückt und sich dann mit einem spektakulären Wendemanöver in drei Gruppen aufteilt. Ein Teil fährt gerade aus weiter, die anderen Teile schwenken nach rechts und links ab.
Viviane rast mit ihrem Streitwagen zur rechten Flanke, unser Amaturix reitet auf seinem Hengst mit. Gemeinsam jagen sie am Rande des Schlachtfeldes entlang. Die Streitwagen der Chatten kommen ihnen so schnell entgegen, dass man nur noch fliegende Hufe und hoch stiebendes Gras sieht. Wie Donnergrollen hört es sich an. Tiefes, bedrohliches Donnergrollen.
Auch im Mittelfeld preschen die Streitwagen vorwärts. Oen und Harthu und andere Schleuderer jagen damit über das Schlachtfeld und steigen dann auf halber Höhe aus. Die haben die Ruhe weg, sag ich euch, denn sie sind natürlich viel schneller, als die Chatten-Bauern zu Fuß, auch wenn die noch so schnell rennen. Bis die ihnen gefährlich werden, haben unserer Schleuderer schon Unmengen an Wurfgeschossen abgeschleudert.
Diese Wurfgeschosse sind aber keine glatten Steine oder die praktischen Tonkugeln, wie ihr sie macht, oh, nein! Es sind Kugeln aus Metall! Unser Amaturix hat sie gegossen. Diese Kugeln fliegen viel, viel weiter als normale Schleudersteine und schlagen dermaßen durch, selbst durch Schilde! Bei Zeus und Pallas Athene! Blut spritzt, Knochen splittern, Augen bersten, Nasen … ja, ganze Gesichter!“
Loranthus presste sich die Hand gegen seine Stirn und erschauerte.
„Die Bauern sind noch nicht mal zu einem Viertel über das Schlachtfeld, da stehen schon Streitwagen mit Bogenschützen parat. Tarian ist mit dabei. Er spannt seinen Langbogen und einen Wimpernschlag später rammt sich sein Pfeil in die Stirn eines Chatten. Durch den Schild!“
Loranthus wischte sich geistesabwesend über seine eigene Stirn.
„Massenweise schlagen Pfeile in die Chatten. Manche haben aber Glück und rennen weiter, kreischen noch wahnsinniger und fordern Vergeltung. Die sollen sie bekommen! Unsere Streitwagen mit den regulären Speerwerfern erwarten sie schon, unsere Krieger zu Pferde mit dazu. Wer es von den Chatten-Bauern dennoch schafft und irgendwie durchkommt, der rennt gegen Lanzen und Schwerter und Streitäxte und … beim Haupte der Medusa! … Die Waffen krachen aufeinander und klirren und alle brüllen und kreischen und die Pferde stampfen und wiehern und die Streitwagen metzeln mit ihren Klingen an den Radnaben alles nieder … Fleisch und Knochen … und das Gras auf dem Schlachtfeld, alles färbt sich rot … so entsetzlich rot … und überall liegt …“
Robin stöhnte auf und verzog das Gesicht, als hätte er große Schmerzen. Loranthus nickte und zeigte auf Arion und Dina, die unbeeindruckt den Streitwagen zogen.
„An den Flanken kämpfen derweil die restlichen Streitwagen gegeneinander. Viviane und Silvanus ducken sich unter ihre Schilde gegen die anfliegenden Speere. Silvanus nutzt eine Lücke, trifft einen feindlichen Lenker und brüllt zu Viviane, wer als nächster an der Reihe ist. Viviane lenkt, weicht aus und reißt ihren Schild hoch. Wie Athene persönlich lehnt sie sich aus dem Wagen und schwingt ihr Drachenschwert … der näher kommende Lenker hebt seinen Schild, der splittert und er starrt auf seinen Armstumpf. Da trifft ihn Silvanus’ Speer im Rücken und er kippt aus dem Wagen. Der Werfer kippt hinterher, Silvanus dreht sich verdutzt um und sieht Amaturix entschuldigend die Hände heben. Viviane schüttelt strafend den Kopf, dann wendet sie den Wagen.
Im Mittelfeld stehen plötzlich die Krieger der Chatten und schlagen um sich, während sich die restlichen Chatten-Bauern zusammen rotten, unsere Krieger von ihren Pferden zerren und mit Äxten und Speeren auf sie eindreschen. Da kommen ein paar Amazonen; die Kriegerinnen vom Dolmar, eine Kriegerkönigin führt sie an! Mit wildem Geheul preschen sie durch das Getümmel, um unsere Krieger zu retten, doch sie können nicht überall sein! Alle anderen Kämpfer sind in Zweikämpfe verwickelt … da bildet sich eine große, wilde Meute und attackiert unseren Wahedon … sie werfen einen Speer auf ihn … daneben … sie schleudern Äxte auf die Pferde rechts und links … die armen Tiere brechen zusammen, begraben ihre Reiter unter sich … ein paar aus der Chatten-Meute machen sich mit wahnsinnigem Siegesgeheul über unsere wehrlosen Reiter her … nun hat Wahedon keine Flankendeckung mehr … sieben Chatten umzingeln ihn … sieben! Und Wahedon hat nur noch sein Schwert! Er haut um sich, als wolle er Bäume fällen, doch die Chatten haben gute Schilde und springen in Deckung … Wahedon schaut sich um … alle Hermunduren sind in Kämpfe verwickelt … die Meute greift wieder an … da kommt unser Lanzenkämpfer, dieser German, angerannt und spießt einen Chatten auf, so schnell und kraftvoll wie Zeus mit seinem Blitz. Und wie ein Kriegsgott in Person reißt German die Lanze zurück, dreht gekonnt die andere Spitze vor und trifft den nächsten Chatten … zack! Und noch ein Blitz und noch ein Blitz! Diesmal daneben! Wahedon schlägt sich mit zwei Chatten gleichzeitig, die letzten beiden halten sich zurück und warten auf eine günstige Gelegenheit … Da täuscht der eine an, reißt seine Axt hoch, schwingt sich herum und hechtet über einen der Toten am Boden drüber … genau in den Rücken von German. Die Axt schlägt mit einem brutalen Knirschen in Germans Kettenhemd ein … er spuckt Blut … im gleichen Augenblick rammt Wahedon dem Chatten sein Schwert ins Genick …“
Loranthus hebt ebenfalls seinen Arm, lässt ihn hernieder sausen, schüttelt traurig den Kopf.
„Während Wahedon sich vom letzten Chatten freikämpft und sich endlich um German kümmern kann, fällt Hirlas mit einer Axt im Beinschutz. Arminius steht gegen einen Bär von Chatten im Schwertkampf, von hinten nähert sich ein anderer Chatte, doch Tarian besiegt seinen eigenen Gegner und wirft sein Messer, um Arminius zu helfen. Conall trifft ein Schwert im Rücken, er dreht sich um, winkt seinen Gegner näher heran und grinst blutüberströmt …
Auch Viviane fletscht die Zähne und nimmt den nächsten Wagen ins Visier. Ihre Speerspitzen durchdringen Kettenhemde und Schilde besser, die Klingen ihrer Räder zerschmettern die Räder der Chatten besser, bald jagen sie im Rudel. Amaturix steigt im Schlachtgetümmel auf den erstbesten freien Streitwagen, wirft alle Speere weg und prescht zur gegnerischen Seite.
Die Nachhut der Chatten macht einen Satz Speere und einen neuen Werfer bereit, weil ihnen in ihrer Siegesgewissheit gar nicht einfällt, dass ihnen da ein Hermundure entgegengeprescht kommen könnte! Bis sie ihren Irrtum bemerken, ist Amaturix schon genau vor ihnen und alle sprengen auseinander, wegen der Klingen an seinen Rädern. Feixend fährt er einfach vorbei und winkt ihnen sogar zum Dank. Wie blöde glotzen sie ihm hinterher. Amaturix erreicht ohne Probleme die Anhöhe.
Als die Chatten-Könige dort oben die blitzenden Klingen an seinen Radnaben sehen … oh, ich sage euch! Da strecken sie ihre Schwerter vor und scharren sich wie aufgescheuchte Hühner um ihren Hochkönig, als könnte der noch was tun! Doch Amaturix umkreist sie nur, das lässt sie aufatmen. Abwartend senken sie ihre Schwerter … ja, sie triumphieren sogar … bis ein zweiter Streitwagen auftaucht und sie unter dem Blut und Dreck Viviane und Silvanus erkennen. Da vergeht ihnen das Lachen. Aber trotzdem! Auch Viviane greift nicht mit dem Streitwagen an! Oh, nein! Sie steigt sogar aus und bedeutet Silvanus, er solle es sich gemütlich machen!



