- -
- 100%
- +
Da wird den Chattenkönigen alles klar und sie besprechen sich kurz. Ein König tritt aus dem Pulk und zeigt, hochmütig lächelnd, auf Viviane. Viviane deutet eine Verbeugung an und zieht ihr Langschwert. Silvanus winkt ihr salopp zu und trommelt mit den Fingern auf dem Streitwagen herum, so als solle sie sich mal beeilen, er hätte nicht den ganzen Tag Zeit.
Auch Amaturix lehnt so lax an seinem Streitwagen, als habe er gerade nichts Besseres zu tun. Aber er beobachtet den Kampf ganz genau und sieht die überraschten Gesten der Könige, als sie Vivianes Schwert mit den eingravierten Drachen erblicken. Da fällt ihnen auch schon ein grinsender Kopf vor die Füße, sofort treten zwei Könige gleichzeitig aus ihrem Pulk vor und brüllen wie irre. Viviane lässt ihren Schild fallen und zieht noch das Kurzschwert. Sie tötet den ersten mit einem Stoß rückwärts und schlägt dem anderen gleichzeitig das Schwert entzwei. Seine Verwirrung wird ihm zum Verhängnis.
Amaturix ahnt, was jetzt kommt und stellt sich schnell Rücken an Rücken mit Viviane, da greifen auch schon alle Könige gemeinsam an. Wie die Wahnsinnigen hauen sie mit ihren Schwertern um sich, bis sie merken, dass sie sich gegenseitig behindern. Da gehen sie alle zusammen rückwärts. Viviane, überströmt von Schweiß und Blut und Dreck wie die Rachegöttin in Person, winkt zwei Könige heran und lacht sie aus, weil sie laut schlucken. Auch Amaturix wählt zwei Gegner und der Kampf beginnt aufs Neue. Viviane tanzt um ihre Gegner, taucht weg und überspringt sogar den kleineren. Amaturix verwundet mit jedem Schlag. Als die Könige fallen, sinken die Restlichen auf die Knie und beugen das Haupt.
Hinter ihnen steht nur noch der Hochkönig, aufrecht und erhaben, das Haupt stolz empor gereckt. Wie ein tollwütiger Hund fletscht er die Zähne, stößt einen bestialischen Schrei aus und stürzt sich auf Amaturix. Viviane tritt zurück, beobachtet den Kampf und die immer noch knienden Könige. Sie sind dem Schlachtfeld zugewandt und machen keine Anstalten, ihrem Hochkönig zu helfen. Da hebt plötzlich einer den Kopf. Viviane und die anderen Könige sehen in dieselbe Richtung …“
Loranthus redete nicht weiter.
Robin und Lavinia sahen schon lange nicht mehr dahin, wo sie fuhren, sodass Viviane die Zügel übernommen hatte. Doch auch sie musterte Loranthus neugierig, genau wie alle anderen.
Silvanus klatschte Loranthus die Hand auf den Rücken.
„Spuck’s endlich aus, Loranthus! Robin wird schon ganz blau vom Luft anhalten!“
Loranthus sah ihn an, als wüsste er gar nicht, was er meinte.
Silvanus verdrehte die Augen.
„Dann sag ich es eben, wenn du vergessen hat, wie die Schlacht ausging.“
Silvanus drehte sich von einem zum anderen und machte eine Bewegung, als wolle er in ein riesiges Horn blasen. Geheimnisvoll senkte er seine Stimme und raunte: „Es war total seltsam, kann ich euch versichern, aber … mitten im größten Schlachtgetümmel … da kommt tatsächlich die Todesgöttin, genau wie es Madite vorausgesehen hatte. Sie bläst einmal in ihr Horn und ein dumpfer, nie gehörter Ton schallt über das Schlachtfeld. Alle Kämpfer heben die Köpfe und versuchen auszumachen, woher dieser seltsame Hörnerklang kommt … doch nur wer in ihrer Nähe steht, erkennt die Todesgöttin in Dreiergestalt. Oh, ja, Hall! Die oberste Todesgöttin höchst persönlich! Wer sie erblickt, hört sofort auf zu kämpfen und wirft sich hastig nieder … Hall beachtet sie gar nicht, sondern lässt ihr Horn zum zweiten Mal erschallen und jetzt, wo rund herum alle danieder liegen, können viele Kämpfer sie erkennen. Hermunduren und Chatten, wie sie da stehen und auf sich eindreschen … sie alle werfen sich nieder ins rote Gras und wimmern vor Angst. Es gibt aber auch noch ein paar unter ihnen, die sind so in Brass, dass sie erst noch ihren Gegner mit in die Anderswelt nehmen wollen, bevor sie der Blick von Hall trifft. Doch so oder so: Als Hall das dritte Mal in ihr Horn bläst, da liegt jeder auf dem Boden, egal ob Chatte oder Hermundure, und die Schlacht ist aus.“
Lavinia machte große Augen.
„Hall war wirklich gekommen? In echt? Das ist … also das ist … Mir fehlen die Worte!“
„Das ich das mal erleben darf!“, seufzte Robin und streckte dankend seine Hände gen Himmel.
Lavinia wollte sich gerade auf ihn stürzen, da drückte ihr Viviane wieder die Zügel in die Hände.
„Lass gut sein, Lavinia!“, sagte sie langsam und betrachtete Loranthus von der Seite. „Auch mir haben die Worte gefehlt. Ich konnte nur dastehen und hinüberstarren zu der alten Eiche, wo die rote Göttin in Dreiergestalt erschienen ist. Doch bevor sie zu mir sehen konnte, habe auch ich mich nieder geworfen, denn wer könnte schon von sich behaupten, jemals Hall in die Augen gesehen zu haben.“
Loranthus schielte zu Viviane und ein Zittern erfasste seinen ganzen Körper.
Er sah plötzlich die verzerrten Gesichter der Toten vor sich. Jede Nacht träumte er nun schon von ihren Wunden, fühlte ihre Schmerzen, und es wären noch viele viele mehr gewesen, wenn Hall nicht gekommen wäre. Sollte er irgendwann einmal jemandem erzählen, was er alles gesehen hatte … wirklich alles … Er wischte sich unauffällig über die Augen.
„Was meinst du wohl, Loranthus?“, fragte Medan und tastete die Windungen seines langen kupferroten Zopfes ab. „Wie lange hat die Schlacht gedauert?“
„Wie lange?“, krächzte Loranthus und zog verdutzt die Augenbrauen hoch. „Soll ich den Tag davor, den mit den Schaukämpfen, mitrechnen?“
Medan wiegte den Kopf.
„Nein, die Schaukämpfe kannst du weg lassen. Die sind doch nur dazu da, um allen zu beweisen, wie gut man kämpfen kann. In der echten Schlacht hat nämlich keiner mehr die Zeit, vor sämtlichen Augen von Freund und Feind mit seinem Mut zu protzen.“
„Äh … ja, … beweisen … protzen … nun, da magst du recht haben“, bestätigte Loranthus und ergänzte: „Solche Schaukämpfe sollen wohl auch dazu dienen, dem Gegner zu zeigen, wer der Stärkere ist. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass eine Partei lieber das Weite gesucht hat, weil sie sämtliche Schaukämpfe verloren hat. Es soll sogar schon mal eine Schlacht gegeben haben, da dauerten die Schaukämpfe mehrere Tage, bis sich die Gegner doch noch zu einer Schlacht aufgerafft haben …“
„Red nicht um den heißen Brei herum!“, forderte Medan und drehte den Finger durch die Luft. „Wie lange?!“
„He? Ach ja, die Schlacht!“
Loranthus schielte zu Viviane hinüber.
Sie betrachtete eine hübsche gelbe Blume am Wegesrand und tat so fasziniert, als wäre diese ein seltenes Heilmittel gegen Gedächtnisschwund. Wahrscheinlich überlegte sie wirklich, ob sie das Pflänzchen gebrauchen konnte. Er persönlich hätte nichts gegen einen schmackhaften Kräutersud gegen Schlafstörungen einzuwenden …
„Also was nun, Loranthus“, drängelte Medan. „Sag schon! Du, als Außenstehender, hast ja wohl die Schlacht am objektivsten betrachtet!“
Loranthus verzog das Gesicht.
„Was, objektiv? Du denkst, ich sein unvoreingenommen? Nun, ja … natürlich, das bin ich … also ich würde mal sagen … die reine Schlacht … vom Aufstellen bis zur Todesgöttin … etwa eine Stunde.“
„Was!“, brüllte Medan und starrte Loranthus so entrüstet an, als hätte der ihn schwer beleidigt. „Ei-ne Stun-de?! Mehr nicht?! Das kann doch nicht wa … chhhhh … lass … chhoo!?“
Zu mehr war Medan nicht mehr fähig, denn Conall stand plötzlich da und hatte ihn mit einer Hand im Genick gepackt. Mit gefletschten Zähnen rüttelte er ihn kräftig durch, während die Leute rundum ihre Hälse reckten, weil sie nur Medans letzte Worte verstanden hatten. Sofort entstand ein Wettstreit, wer seinen Wagen am schnellsten zum Stehen brachte; Fußgänger schlugen natürlich auf der Stelle Wurzeln, wobei manch verkorkste Gestalten entstanden. Einer vergaß sogar seinen Fuß in der Luft, weil er sich so auf Conall konzentrierte, der seinen Mund weit aufriss, um Medan zu verschlingen.
„Du kleiner Wicht! Du wagst es!“, grollte er so laut, dass es jeder im Umkreis von dreißig Schritt verstand. Wer weiter weg war, sorgte schleunigst für einen kürzeren Abstand, um deutlich zu hören: „Eine Stunde Schlachtgetümmel ist dir nicht genug?! Eine Stunde gegenseitiges Abschlachten von Menschen reicht – dir – nicht!?“
„Conall, hör auf!“, bettelte Medan, der wieder ein bisschen Luft zu bekommen schien.
Conall änderte das sogleich und nahm ihn in den Schwitzkasten.
„Was meinst du wohl, du dürres Rippchen …“, knurrte er mit einem diabolischen Grinsen und spannte seinen unversehrten Arm zu einem mächtigen Muskelpaket an. „Wie lange würde es dauern, bis du einen Hieb abbekommst? Egal was für einen! Einen Speerstoß, einen Schwertstreich, einen Axthieb oder von allem etwas?“
Er kickte Medan den freien Ellenbogen in die Rippen, krachte ihm den Schädel gegen seinen und rammte ihm ein Knie gegen die Beine. Medan röchelte nach Luft, zappelte und wand sich, Conall johlte dazu: „Was meinst du wohl, wie die Chancen stehen, bis du an einen Gegner gerätst, der besser ist als du gackerndes Hähnchen? Ein Chatte? Oder zwei? Oder gar drei?! Los! Sag was, du bartloser Ziegenbock!“
„Ichgannnich … mee …“, wimmerte Medan und sein Gesicht war schon ganz rot.
„Aha! Der Herr Kriegsgott aller hirnlosen Meckerziegen kann nicht mehr! Dann sage ich jetzt mal … so über den Daumen gepeilt … du hältst zwei Chatten stand. Das ist viel! Viel mehr als ich glauben möchte, aber nehmen wir mal an, du hast Glück und schaust erst beim dritten Gegner an dir herunter, weil du plötzlich dein Bein nicht mehr spürst … Tja, du hast vergessen, es rechtzeitig weg zu stellen!“
Er schlenkerte Medan ein wenig herum und wuschelte ihm seinen ordentlich geflochtenen Zopf durcheinander, während Medan auf seinen Zehen tänzelte, um nicht zu sehr gewürgt zu werden.
„Das, kleiner Bruder, kann schon mal passieren, wenn man weiter oben beschäftigt ist! Wie durch ein Wunder besiegst du deinen Gegner trotzdem noch schnell, weil du nämlich nur umkippen willst, ohne gleich tot zu sein. Leider denkt dein Gegner das Selbe und du musst dir deinen Sieg redlich verdienen, aber wie schon gesagt, du schaffst es. Nun liegst du also da, nur halb tot, inmitten von abgehackten Fingern, Händen, Armen, Beinen oder herausquellenden Gedärmen, inmitten von Blut, Pisse und Scheiße … Weil es dir da unten nicht gefällt, versuchst du aufzustehen, aber dein Bein macht nicht mit und irgendwie will auch dein einer Arm nicht so recht. Also tastest du nur mit einer Hand um dich herum nach besserem Halt und hast plötzlich ein glitschiges Auge in der Zerre … aber damit nicht genug! Oh, nein! In dem Moment siehst du eine wilde Horde Chatten auf dich zukommen! Sie fuchteln mit riesigen Messern und Schwertern und Äxten und sie sehen aus wie Irre … und diese Wahnsinnigen stürmen dir entgegen, und du liegst da und willst weg … doch du kannst nur noch kriechen, sie sind natürlich viel schneller, und da siehst du dein Weib, wie es schreit in den Wehen, und du siehst dein winziges, blutverschmiertes Töchterchen in deinen Armen, und dein Sohn weint, weil er sich das Knie aufgeschrammt hat, und du willst ihn trösten, doch du kommst nicht hin, weil dein Bein aufgeschlitzt ist … und diese blutbesudelten Chatten jauchzen und hetzen wie eine hechelnde Meute Hunde auf dich zu, die Blut geleckt hat und du weißt: Jetzt ist alles aus, und du pisst dir vor Angst in die Hosen und kneifst die Augen zu und wartest auf den ersten Schlag und bittest Hall, dass sie dich gnädig aufnimmt und dass es schnell vorbei ist …“
Conall atmete schwer. Mit einem Ruck gab er Medan frei, der sich schnell den Hals abtastete und seinen großen Bruder anstarrte, als hätte er einen Geist aus der Anderswelt vor sich.
Conall schüttelte traurig den Kopf und zeigte an sich herunter.
„Und dann“, flüsterte er. „Dann machst du die Augen auf und stellst fest, dass es die Chatten-Horde gar nicht auf dich abgesehen hat. Sie sind zehn Schritte weiter und haben den ältesten Sohn von Eburix samt seiner beiden Flankenreiter von den Pferden gezerrt. Wie animalische Bestien hauen und hacken und stechen sie auf die drei ein, mit gierigem Glitzern in den Augen wollen sie dem Königssohn seinen Schmuck abnehmen. Sie müssen sich natürlich beeilen, weil Ethel oder ihre Töchter sie irgendwann entdecken werden und ihrem Treiben ein Ende machen. Aber bis jetzt ist sie noch nicht zu sehen und die Armreifen und Bartperlen gehen schnell ab, bloß bei den Fingerringen müssen sie die Messer zücken, weil sie nicht lange zerren wollen und der Königssohn brüllt … Sein goldener Torques geht natürlich gar nicht runter, also hebt einer die Axt und der arme Junge … Hall, erbarme dich! Es ist kein Mensch mehr, der da schreit. Doch weil die Monster so in Rage sind und sich gegenseitig in die Quere kommen, trifft der Idiot mit der Axt nicht richtig, und die Schneide verklemmt sich im Brustkasten, und der Wahnsinnige reißt sie wieder raus, und der Königssohn kreischt, und die Axt kracht wieder runter … Diesmal ist es ein Ohr, weil der arme Junge in seinem Schmerz natürlich nicht still hält … Die Chatten geifern wie tollwütige Hunde, als beim nächsten Schlag das Gehirn herausquillt und der Rest vom Körper zuckt und zappelt und sich aufbäumt und stöhnt … Denk ja nicht, dass sich irgendeiner erbarmt … oh, nein! Sie zerstückeln ihn bei lebendigem Leibe und als sie es endlich geschafft haben, jauchzen sie und tanzen und raffen ihre Beute ein …“
Conall holte tief Luft und atmete rasselnd aus.
„Und was tue ich?“, fragte er tonlos und schüttelte seine geballten Fäuste. „Nichts tue ich. Ich kann nur starren, starren und nochmals starren … doch was das Allerschlimmste ist … Ich bin so ein erbärmlicher Hund, denn ich bin erleichtert. Unendlich erleichtert, dass nicht ich es bin, der da nicht mehr zu erkennen ist und ich danke Hall, als sie erscheint und ich endlich meine Augen schließen kann, jetzt wo keiner mehr kommt, der es vielleicht doch noch auf mich abgesehen hat … Und wie ich so daliege, höre ich lautes Hufgetrappel, König Donar kommt an mir vorbei mit Ethel an seiner Seite und ihre Töchter gleich hinterher. Du kannst dir ja vorstellen, wie lange diese blutrünstigen Chatten noch zu leben hatten.“
Conall kniff die Augen zu und öffnete sie langsam wieder. Staunend blickte er um sich, als wüsste er nicht genau, wo er war. Medan glotzte ihn an und zog schniefend die Nase hoch.
Mittlerweile hatte sich der gesamte Clan eingefunden. Alle beobachteten stumm, wie Medan sich schluchzend in die Arme seines ältesten Bruders warf und Conall ihn tröstete, wie er es schon immer mit seinem kleinen Bruder getan hatte, nur diesmal mit einem Arm und schmerzverzerrtem Gesicht. König Gort wischte seiner Elsbeth über die Wangen und gab ihr einen sanften Kuss.
„Lasst uns weiter ziehen“, sagte er mit belegter Stimme. „Gleich haben wir es geschafft.“
Schwerfällig löste sich die Menschenmenge auf, während Lavinia etwas murmelte, dass sich wie: „Rein rechnerisch dürfte es noch nicht mal eine Stunde gedauert haben. Immerhin waren die Heere ungefähr gleich stark und so konnten auch nur einer, höchstens zwei Gegner gegeneinander kämpfen … schon gar nicht wegen der gut durchdachten Eröffnungstaktik unsererseits.” Laut sagte sie aber: „Viviane?“
„Ja, Lavinia?“
„War es sehr laut auf dem Schlachtfeld? Ich meine: Wenn die Schwerter klirren und die Menschen schreien … Haben Arion und Dina dabei nicht gescheut?“
Viviane räusperte sich.
„Nein, sie haben nicht gescheut, Lavinia. Bei unseren Übungsfahrten auf der Burg wurden sie daran gewöhnt. Die Krieger haben nämlich immer die Schilde zusammengeschlagen und geschrien. Aber trotzdem war dieser Lärm gar nichts im Vergleich zur Schlacht. Da war es so laut, als ob der schlimmste Sturm und das gewaltigste Gewitter gleichzeitig um dich herum toben, und du kannst dich nirgends unterstellen.“
„Da kannst du nur hoffen, dass es bald vorbei ist.“
Viviane sah ihre kleine Schwester ernst an.
„Genau so ist es.“
„Ihr musstet euch doch bestimmt auch vor den Speeren der Chatten schützen. Wenn man dabei die ganze Zeit den Arm mit dem schweren Schild hochhalten muss … Das geht doch gar nicht!“
Lavinia schüttelte ihren Arm aus, der schon vom Zügel Festhalten wehtat.
Viviane lächelte sie an und nickte zu Robin.
„Dafür gibt es Halteriemen, die gehen quer über die Schulter. Unsere hat übrigens Conall gemacht. Sie haben gar nicht gescheuert. Alle haben uns darum beneidet.“
Robin schwoll die Brust, was ihn wie eine verkleinerte Ausgabe von Medan wirken ließ, der im Moment jedoch ziemlich geknickt und mit mächtig zerzaustem roten Zopf neben Conall ging. Die beiden schienen in ein sehr ernsthaftes Gespräch vertieft.
„Mein Papa hat diese Riemen gemacht?“, flüsterte Robin andächtig. „Die muss ich mir nachher unbedingt mal ansehen!“
„Nachher, Robin. Jetzt sind wir da.“
Mit diesen Worten tat sich vor ihnen der Wald auf und sie fuhren zwischen den letzten Bäumen hindurch auf die riesige Wiese vor der Burg. Der Tross fächerte sich längs des Fuhrweges auf und die Leute setzten sich ins Gras. Nur die Kämpfer sammelten sich um König Gort und Afal.
Loranthus wollte auch hingehen, aber Medan hielt ihn an seinem kurzärmeligen Hemd fest.
„Nicht du, Loranthus. Nur die, die bei der Schlacht dabei waren.“
„Aber ich war dabei!“
„Na gut. Dann hätte ich besser sagen sollen: Nur die, die gekämpft haben.“
Loranthus sah Medan verständnislos an und schaute Viviane hinterher, die mit den anderen über die Holzbohlen vom Burggraben lief und gerade den Wall passierte. Sie hatte einen so schleppenden Gang.
„Wohin gehen sie?“
„Sie betreten das Heiligtum.“
„Und wieso dürfen wir anderen nicht mit?“
„Weil sie dort von Afal gereinigt werden.“
„Gereinigt?! Wir haben uns doch heute morgen erst in der Ulster gewaschen!“
Medan schüttelte ernst den Kopf.
„Sie haben Menschen getötet, Loranthus. Diese Toten sind nun in der Anderswelt. Ihre Seelen müssen versöhnt werden, damit sie zu Beltaine oder Samhain nicht in unsere Welt zurück kommen und ihre Bezwinger mit sich ziehen.“
Loranthus beäugte Medan, als würde er plötzlich die Landessprache nicht mehr verstehen. Abrupt zuckte seine Hand zum Burgtor und sein Zeigefinger stieß vor.
„Aber die Chatten haben uns doch angegriffen! Nur wegen Salz! Da wurde gekämpft! Mann gegen Mann! Oder Weib! Das ist ja bei euch egal! Denkst du, da hätte auch nur ein einziger Chatte dich am Leben gelassen, wenn du dich nicht gewehrt hättest?! Ich, ein außenstehender, objektiver Grieche! Ich selbst habe gesehen, wie man aussieht, wenn man sich nicht gut genug gewehrt hat! Und glaube mir: So will ich nie aussehen! So willst du nie aussehen! So will keiner je aussehen!“
Medan legte Loranthus beruhigend die Hand auf die Schulter.
Doch der schüttelte sie brüsk ab, schubste Medan zurück und sprach mit verstellter Stimme: „He, du Hermundure! Ich habe ja nichts gegen dich persönlich, aber mein König sagt, ich soll dich töten, damit wir an euer Salz ran kommen. Euer Eisen bekommen wir natürlich auch noch mit dazu, gratis sozusagen! Und wenn ich mit dir fertig bin, komme ich in dein Dorf und hole mir dein Weib und deine Tochter! Was ich von deinen Kindern nicht gebrauchen kann, bringe ich auf den Sklavenmarkt! Oder …“ Loranthus fuhr sich mit dem Finger über seine Kehle und funkelte Medan angriffslustig an. „Bei Pallas Athene! Zeig mir einen …“ Er fuchtelte mit erhobenen Daumen vor Medans Nase herum. „ … einen Einzigen, der sich da nicht wehren würde!“
Medan blieb ruhig stehen, nickte.
„Komm. Ich kenne einen gigantischen Bergahorn. Von dort können wir ziemlich gut sehen. Es ist nur eine Zeremonie, Loranthus. Du brauchst dir keine Sorgen um sie machen.“
„Keine Sorgen?“
„Nein, keine Sorgen.“
Loranthus trottete Medan hinterher, der mit den anderen seines Alters zum Waldrand zurückging, und sie kletterten an einem wirklich hohen Baum bis hinauf in die Spitze. „Es ist zwar nicht so gut wie auf einer Warte mit Fernrohr …“
Loranthus beugte sich gewagt nach vorne und drückte einen dünnen Ast mit gefiederten Blättern nach unten.
„Es ist perfekt.“
Medan lächelte und beugte sich ebenfalls vor.
„Schade“, seufzte er. „Wirklich schade, dass wir keine Kriegsbeute gemacht haben.“
„Natürlich haben wir Kriegsbeute gemacht“, verkündete Loranthus so stolz, als hätte er höchst persönlich dafür gesorgt. „So viele Schwerter, Schilde, Speere, Äxte, Streitwagen … und der ganze Schmuck erst noch. Man hätte meinen können, die Chatten wäre zu einem Fest unterwegs gewesen.“
„Aber wir haben nichts davon mit nach Hause gebracht! Wo ist das ganze Zeug hin? Hat wohl alles unser Hochkönig eingeheimst!?“
„Nein, natürlich nicht!“, entrüstete sich Loranthus und warf Medan einen tadelnden Seitenblick zu. „Alles wurde euren Kriegsgöttern geopfert!“
„Alles? Alles geopfert?!“
„Alles.“
„Auch die Pferde?“
„Auch die Pferde.“
„Und wieso haben wir welche dabei, meine Schwester mehr als alle anderen zusammen?“
„Ach so, die! Die meisten sind von den Spähzügen, da haben sie ihre erbeuteten Pferde angebunden, sodass sie ausreichend grasen konnten und sie später geholt. Nach der Schlacht hat euer ranghöchster Druide auch bestimmt, dass nur die Pferde geopfert werden, die sowieso schon verwundet waren. Tödlich verwundet, wohlgemerkt! Er sagte, solange er der höchste Druide der Hermunduren ist, wird kein lebendes Wesen geopfert. Es sei denn, es ist dem Tode schon näher als dem Leben.“
„Weise gesprochen …“, lobte Medan und nickte beifällig. „ … und den verwundeten Pferden hat er damit ein gnädiges Ende verschafft. Aber …“ Er kniff die Augen zusammen. „ … wo haben sie alles geopfert? Ich meine, diese ganzen Dinge …“
„Ich weiß schon, was du meinst, Medan“, verkündete Loranthus im Brustton der Überzeugung. „Also, das war so: Die Körper der toten Chatten wurden auf Hochgerüsten angebunden und ihre Köpfe darum auf Pfähle gesteckt, damit sie jeden, der vorbeikommt, an die Schlacht gemahnen. Alles andere haben sie kaputt gemacht und im Moor versenkt.“
„Kaputt gemacht und im Moor versenkt?“
„Ja. Damit das Böse, das die Chatten euch antun wollten, auf sie selbst zurückfällt.“
„Verstehe“, murmelte Medan nachdenklich vor sich hin.
Loranthus betrachtete seinen jungen Freund wehmütig und flüsterte heißer: „Das ganze Moor hat sich rot gefärbt. Ein rotes Moor! Kannst du dir das vorstellen? Selbst als die Leiber der Pferde mit ihrem herrlichen Zaumzeug schon längst untergegangen waren und die verbogenen Schwerter, die zerbrochenen Torques, Streitäxte, Speere, Lanzen, Pfeile, Bögen, Messer, Armspangen, Ringe mitsamt …“
„Ist gut, Loranthus“, sagte Medan schnell. „Denk nicht mehr dran. Schau! Die Bauern beugen sich unter dem letzten Steintor und steigen nacheinander die Stufen zum Heiligtum hinauf. Die ersten Krieger sind schon oben angekommen und stellen sich im Kreis auf.“
„Ihr immer mit euren Kreisen …“
„Du weißt, das ist symbolisch gemeint. Der äußere Kreis ist das Symbol für die Menschen in dieser Welt, der innere Kreis, in diesem Fall von einem Scheiterhaufen gebildet, ist das Symbol für die Seelen der Verstorbenen in der Anderswelt. Es gibt aber noch einen anderen Grund, einen ganz simplen, irdischen: Sie können gleichberechtigt warten, bis Afal das Zeichen gibt.“
„Ach so.“
„Siehst du Afal? Er schreitet gerade mit dem vergoldeten Schädel auf den Scheiterhaufen zu.“
„Ja, ich kann euren obersten Druiden gut sehen. Er hat wieder diesen seltsamen Fellmantel mit den Rabenfedern um, den er schon zu Beltaine getragen hat. König Gort geht neben ihm und dieser Druide … wie heißt er noch mal? Hört sich irgendwie nach Gärtner an … Ach ja! Gardan.“
„Gut gedacht, Loranthus. Jetzt dauert es nicht mehr lange.“
„Aha! Afal winkt! Die Kämpfer treten der Reihe nach in den Kreis und knien sich nieder. Der erste ist Amaturix, danach kommt gleich Viviane.“
„Das liegt an ihrem hohen Rang – Druiden des Drachenbundes. Danach kommen alle, die unter ihnen stehen. Zuerst Wahedon, der erste Krieger. Silvanus wird auch als Krieger geehrt, danach die Handwerker, Dorfvorsteher und die anderen Bauern, als letzte die Sklaven. Kannst du sie gut sehen, Loranthus? Wie sie um Afal knien?“




