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Hanibu hob beschwichtigend die Hände, als Viviane zum Protest ansetzte, und wollte weiter reden, doch Viviane hielt ihr einfach den Mund zu und wartete, bis sie still hielt.
„Kann ich die Hand wieder weg tun?“
Hanibu nickte.
„Gut, dann will ich dir mal was sagen, Hanibu. Jeder Mensch trägt die dunkle Seite in sich! Du, ich, jeder. Das ist das Erste, was man als angehende Druidin erkennen muss. Tagelang haben wir uns gegenseitig analysieren müssen. Das war fast wie nackig ausziehen, aber es ist sehr wichtig, die Gegensätze zu erkennen und festzustellen, wie daraus ein Gleichgewicht entsteht. Wer ein Druide sein will, muss nämlich besonders hohe Anforderungen an sich stellen. Moralisch müssen Druiden einwandfrei sein, schließlich repräsentieren wir die Verbindung der Menschen zu den Göttern. Beide Seiten müssen einen Druiden für hoch achtenswert befinden. Beide Seiten müssen Vertrauen haben in einen Menschen, der vor allen Anfeindungen gefeit ist, denen von innen und denen von außen.
Einem Druiden muss man absolut, ohne Vorbehalte, trauen können. Und das schafft dieser nur, indem er Frieden hält. Frieden mit sich selbst, Frieden mit allen Menschen und Frieden mit den Göttern. Deshalb soll ein Druide nicht kämpfen. Wir Druiden behüten das Wissen und die Weisheit, so bringen wir die Brücke zwischen Menschen und Göttern zustande.“
Viviane musterte Hanibus nachdenkliche Miene und fragte sich, ob sie es in der griechischen Sprache gut erklärt hatte. Deshalb fügte sie noch hinzu: „Du hast also Recht, was meine Initiation angeht. Wenn man normal bei Bewusstsein ist, geht man ganz anders mit seinem Innersten um. Aber wenn man …“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Wenn man in sich selbst schwebt, dann sieht man sich aus einer ganz anderen Perspektive. Man erkennt noch viel mehr, kann andere Wege gehen, weiter laufen, tiefer graben … und alles Schlechte hineintreiben …“ Seufzend hob sie die Hände. „Ich kann es schlecht erklären.“
Hanibu sah Richtung Süden, in weite Ferne.
„Um den Frieden zu wahren. Ich weiß, was du meinst und ich möchte behaupten, dass es wenige Menschen gibt, die eine derart geringe Schattenseite in sich tragen wie du, Viviane. Vielleicht liegt das daran, dass deine Hilfsgeister alle schlechten …“ Hanibu wackelte Achtung heischend mit ihrem Zeigefinger vor dem Mund herum. „ … deiner Meinung nach, schlechten Eigenschaften in die Flucht geschlagen haben. Weil du es wolltest. Vielleicht ist das gerade so enorm wichtig, wenn man Druide ist und ihrem Kriegerbund angehört. Also glaube mir: Du bist ein moralisches Vorbild für mich und für jeden, der mit dir zu tun hat. Hast du mich verstanden?“
Viviane bohrte sich im Ohr herum und nickte. Hanibu lächelte, doch sie war noch nicht fertig.
„Jetzt, denke ich, sind ein paar deiner schlechteren Charakterzüge aus ihren Verstecken gekrochen. Manchmal bis du aggressiv, launisch, kurz angebunden … wie ein Hirschhund, den man auf eine Fährte ansetzt.“
Hanibu hob wieder abwehrend die Hände, um Vivianes Protest zuvor zu kommen.
„Es ist, als wäre die Schattenseite größer geworden. Als hätte die Dunkelheit die Bestien hervor gelockt und nun haben sie einen Mordshunger.“
Viviane zog die Augenbrauen hoch und schob die Unterlippe vor, sagte aber nichts. Hanibu machte ein Gesicht wie sonst Viviane, wenn sie einen verunsicherten Kranken vor sich hatte und deshalb ganz genau erklärte, wie sie ihn zu heilen gedachte.
„Du brauchst keine Angst haben! Du wirst deinen Frieden finden! Niemals wird die Bestie von dir Besitz ergreifen, es sei denn, du willst es! Du bist kein ruchloser Mörder, kein Frefler! Natürlich bist du ein Krieger, aber du, Viviane, bist ein Verteidiger des Lebens! Die Götter haben dich in den Kreis eintreten lassen, um auf vielerlei Art Leben zu geben und zu bewahren!“
Hanibu deutete auf Vivianes Bauch.
„Du bist ein Weib, Viviane. Du gebärst Leben, wie die große Mutter Erde. Du nährst dieses Leben, wie die große Mutter Erde und du schützt dieses Leben, wie die große Mutter Erde. Und wie die große Mutter Erde tust du das nicht nur für dich! All jenen, denen du mit deinem Können hilfst, gibst du Leben, egal ob als Ärztin oder Kriegerin! Vielleicht geht der Krieger in dir immer noch auf dem blutigen Pfad und fletscht die Zähne wie ein hungriger Hund, dem man seinen Knochen weggenommen hat, jedoch die Ärztin und Mutter in dir weint garantiert. Erst, wenn du beide Teile deiner Seele wieder vereint hast, wird es dir besser gehen.“
„Besser gehen“, echote Viviane und runzelte die Stirn. „Schon mal Holz gehackt?! Ich komme mir nämlich vor wie ein dürrer Ast, den Großmutter Mara für den Ofen auserkoren hat! Und ich garantiere dir, Hanibu: Nie werde ich wieder so sein wie früher!“
„Ich weiß. Dafür hast du zu viel Leid erblickt. Aber …“
Hanibu zuckte die Achseln und betrachtete Viviane, als ob sie sich nun selbst weiterhelfen müsste. Viviane tippte sich auch sogleich gegen den Kopf.
„Aber es ist geschehen, nicht mehr zu ändern, vorbei; man muss daraus lernen und die richtigen Schlüsse ziehen. Und nun sollte ich den Krieger, der ein Teil von mir ist, auf den friedlichen Weg zurückführen. Vielleicht als Wächter?“
„Genau. Wie damals, als du bei deinem Geisterflug gegen die Ungeheuer gekämpft hast. Die hast du ja auch dahin zurückgeschickt, wo sie hergekommen sind. Lass den Krieger in dir all deine Wut und deinen Zorn zur dunklen Seite treiben, werfe noch hinterher, was du nicht haben willst und dann stell deinen Krieger vor dein ganz persönliches Schattenreich und befehle ihm, niemanden durchzulassen, es sei denn, du brauchst etwas aus der Dunkelheit.“
„Hanibu, du wirst mir unheimlich.“
Hanibu zog die Augenbrauen hoch.
Viviane feixte. „Weil du mich besser kennst, als ich mich selbst. Und ich kenne mich schon länger als nur zwei Monde.“
Hanibu verneigte sich.
„Es ist mir eine Ehre, dich besser zu kennen, als du dich selbst, Druidin und Freundin Viviane.“
Viviane verneigte sich ebenfalls.
„Es ist mir eine Ehre, deinen Rat zu befolgen, schwarze Perle und Freundin Hanibu.“
Hanibu ließ ihre weißen Zähne wieder aufblitzen und schüttelte gleichzeitig den Kopf über Vivianes Rede. Sie wusste allerdings aus Erfahrung, dass sie ihr den Vergleich mit der schwarzen Perle nicht austreiben konnte. Viviane war eben Viviane und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte man sie höchstens mit guten Argumenten vom Gegenteil überzeugen – man konnte es aber auch lassen, weil sie eigentlich nie etwas tat, was nicht rechtschaffen war. Bei Geisterflügen und imaginären Bestien konnte sie sowieso nicht mithalten.
„Und wie willst du diese Biester in die Dunkelheit zurück schicken? Mit einem Kräutertrank wie bei deiner ersten Initiation?“
„Bloß keine Giftmischerei! Da wird mir schon schlecht, wenn ich nur daran denke! Meine Initiationen habe ich zum Glück alle hinter mir!“ Viviane schüttelte sich angewidert und schnippte dann schmunzelnd mit den Fingern. „Da gibt es einen anderen guten Weg. Einen viel besseren. Ich werde Baria besuchen, noch vor der Sonnenwendfeier. So kann ich wirklich gereinigt mit den Göttern tanzen. Für heute ist es aber erst mal genug. Robin und Lavinia wollen sicher noch zeigen, wie gut sie auf der Tin Whistle geübt haben, während ich weg war.“
Hanibu lachte auf.
„Sie waren sehr emsig! Jeden Abend haben wir den anderen etwas vorgespielt. Das hat sie immer aufgeheitert.“
Viviane verzog das Gesicht und sah den Weg entlang. Gestern noch – in einem anderen, dunklen Leben – war sie als Kriegerin durch die Buchenwälder von Raino gezogen. Hatten ihre Augen eigentlich wahrgenommen, was die Götter für ein herrliches Gebirge dort erschaffen hatten? Eine Hügelkette dicht aneinander geschmiegter Berge, hoch und erhaben, umgeben von einzeln stehenden Bergen wie Könige, die sich um einen Hochkönig sammeln. Wenn man es so betrachtete, ritt sie selbst gerade einem solchen König, dem Uhsineberga, den Buckel runter.
Seufzend lugte sie durch die Ahornbäume, Buchen und Tannen zum Ausgang des Waldes, der als goldenes Tor inmitten grüner Wände erstrahlte.
„Ihr habt auch eine schlimme Zeit hinter euch. Es ist bestimmt ganz schrecklich, wenn man daheim bleiben muss und gar nicht weiß, wie es den anderen geht.“
„Es war schlimm. Aber deine Mutter hat dafür gesorgt, dass wir zu müde waren, um darüber lange nachdenken zu können. Außerdem ist Königin Elsbeth jedes Mal vorbeigekommen, wenn sie von König Gort eine Taube bekommen hat. Wir waren also immer recht gut informiert. Ach, sieh mal!“ Hanibu deutete zwischen den letzten Sträuchern hindurch über die Wiese. „Da vorne kommen Lavinia und Robin!“
Die Kinder trugen Körbe, winkten und liefen ihnen entgegen oder besser, sie hopsten ihnen entgegen und sangen: „Wir haben kleine Hanibus, ganz viele süße Hanibus! Hanibus, Hanibus, viele, süße Hanibus!“
Viviane sah Hanibu verdutzt an. Die lachte.
„Mein Name bedeutet Himbeere.“
„Sooo? Das hast du mir noch gar nicht erzählt!“
„Wir haben Obst durchgenommen bei unseren abendlichen Lektionen in meiner Sprache.“
„Oh, an die Lektionen habe ich gar nicht mehr gedacht, Himbeere! Quatsch. Jetzt bringst du mich total durcheinander! Ich meinte natürlich, Hanibu! Hoffentlich habe ich nicht zu viel versäumt!?“
Viviane setzte eine leidende Miene auf, Hanibu kicherte und winkte ab.
„Keine Sorge, Viviane. Die Kinder werden sich freuen, wenn sie dir mal etwas beibringen können.“
Vor einem Feld, das dicht mit Färberwaid überwuchert war, trafen sie zusammen. Viviane beugte sich zu den Kindern herunter und rieb sich begeistert die Hände.
„Mmmh, ihr habt ja viele Himbeeren gesammelt! Und groß sind die! Fast so groß wie Hanibu!“
Lavinia und Robin sahen sich an, kicherten und streckten ihre Körbe hoch.
„Probiert mal! Wir haben euch extra welche übriggelassen. Der Rest liegt schon im Backofen und trocknet vor sich hin. Natürlich haben wir vorher noch eine Wagenladung frisches Brot gebacken. Das Holz zum Anheizen haben wir übrigens ganz allein gesammelt.“
„Da wart ihr aber fleißig!“ Viviane gab Hanibu eine Himbeere, nahm sich auch eine und sagte in Hanibus Sprache: „Sehr – schön – süß – die – kleine – Hanibu!“
Die Kinder nickten eifrig und wiederholten ihre Worte. Strahlend reichte Hanibu Lavinia die Hand und auch Viviane zog Robin zu sich hoch auf Arion. Übermütig langte sie in seinen Korb.
„Mmmh! Getrocknete Himbeeren schmecken zwar auch gut, aber frisch sind sie einfach köstlich! Mit solcher Verpflegung könnte ich ein paar Tage reisen! Aber vorher hole ich noch Afal und Armanu. Dann gibt es einen leckeren Obstsalat.“
„Obstsalat?“, fragte Hanibu, zog verwirrt die Augenbrauen hoch und wirkte sehr besorgt. Doch Lavinia und Robin kicherten übermütig und machten untereinander aus, wer erzählen durfte. Lavinia hatte das Vergnügen und drehte sich zu ihr um.
„Afal bedeutet Apfel und Armanu Aprikose.“
„Ach, so! Jetzt verstehe ich. Und was heißt Robin?“
„Rotkehlchen!“, rief Robin schnell. „Ich tauge zwar nicht für Obstsalat, aber essen tue ich ihn gerne!“
„Das glaube ich dir aufs Wort, kleines Rotkehlchen! Und Lavinia?“
Lavinia reckte sich und flüsterte verschwörerisch: „Der Name kommt aus dem Land der Latiner. Eine Königstochter hieß so, vor langer Zeit, tausend Jahre glaube ich. Großmutter Maras Ahnen kommen doch aus der Gegend. Eine ihrer Großmütter hieß ebenfalls Lavinia und sie hat Mama beschwatzt, ihn mir zu geben, weil ich wohl genauso ausgesehen habe, als ich geboren war.“
„Jaaa“, gluckste Viviane. „Daran kann ich mich noch bestens erinnern! Unsere Großmutter Mara hatte schon immer ein Talent darin, den Leuten die richtigen Argumente schmackhaft zu machen. Aus dieser latinischen Königstochter, Lavinia, entwickelte sich nämlich ein stolzes und mächtiges Adelsgeschlecht und schuf nach den Griechen das größte Imperium.“
Hanibu sah Viviane nachdenklich an. „Wer sollte …“ Ihr sackten die Schultern nach unten. „Römer.“
Lavinia tätschelte ihre Arme und schmiegte sich seufzend hinein.
„Vor mir brauchst du keine Angst zu haben, Hanibu. Wenn ich einmal Kinder bekomme, werde ich jedem eigenhändig den Hintern versohlen, der andere überfallen will.“
Hanibu streichelte Lavinia über die nussbraunen Ringellöckchen und lächelte Viviane wehmütig zu. Die räusperte sich.
„Wenn wir gewaschen sind, können wir noch ein bisschen auf der Tin Whistle spielen! Was haltet ihr davon? Und natürlich müsst ihr mir danach ganz genau vorsagen, was ihr alles in Hanibus Sprache neu gelernt habt, damit ich das auch lerne.“
„Ja! Das machen wir!“, jauchzte Lavinia und Robin lehnte sich zufrieden an Viviane.
Die strich ihm über das Haar und als sie den Blick wieder hob, sah sie Conall aus dem äußeren Tor treten. Auch er schien es eilig zu haben und Viviane dachte schon, es wäre im Dorf etwas passiert. Doch dann erreichte er die Wegbiegung und sie konnte ihren ältesten Bruder von vorne sehen.
„Warum kommt Conall auch mit einem Korb?“
„Keine Ahnung! Aber es scheint wichtig zu sein, so schnell wie er rennt“, stellte Lavinia fest und Robin fügte noch hinzu: „Papa war vorhin noch nicht zu Hause, als wir losgelaufen sind.“
Conall verlangsamte seinen ausgreifenden Schritt und kam grinsend vor den Reitern zum Stehen.
„Da seid ihr ja endlich! Seht mal, wir haben Johannisbeeren mitgebracht! Sind ganz süß! Probiert mal!“
Conall reichte seinen Korb zu Viviane hoch und die streckte ihn Robin, Hanibu und Lavinia hin. Jeder nahm sich einen Stängel Beeren, erst dann griff Viviane hinein.
„Ja, Conall, die sind wirklich fast genauso süß wie die Himbeeren von Robin und Lavinia.“
Conall sah wenig begeistert in den Himbeerkorb seines Sohnes und deutete eifrig auf seinen eigenen.
„Großmutter Mara macht gerade Marmelade. Die hier haben wir euch extra übrig gelassen.“
„Aha. Wer ist denn wir, Conall?“
„Na ich, Tarian, Medan und Loranthus.“
Viviane kniff die Augen zusammen und visierte ihren ältesten Bruder mit schräg gelegtem Kopf an.
„Was soll ich euch geben, Conall.“
Conall versuchte, mit der freien Hand zu wedeln, obwohl der dazugehörige Arm noch nicht funktionstüchtig war und verzog vor Schmerz prompt ein wenig das Gesicht.
„Nichts! Rein gar nichts!“
Viviane hob eine Augenbraue, und Conalls Handfläche klappte sofort nach außen in eine beschwichtigende Geste, die auch ein wenig misslang.
„Na gut, na gut! Wir wollten dich fragen, ob du uns mal auf deinen neuen Pferden reiten lässt. Wenn die den ganzen Tag auf der Weide stehen, fressen sie bald unser ganzes Gras weg. Da haben wir gedacht, wir könnten mal ein bisschen durch die Gegend reiten und ihnen ein schönes Plätzchen suchen. Jeden Tag ein anderes wäre … praktisch? So lange … bis ihr euch … häuslich niedergelassen habt?“
Viviane sah ihn nachdenklich an, klopfte auf den Korb und schnalzte mit der Zunge.
„Das wird aber nicht reichen. Conall …“
„Na gut, na gut! Ich mach dir noch einen schönen Lederranzen dazu, mit passenden Schlaufen für dein Handwerkszeug und weichen Riemen, damit du ihn bequem auf dem Rücken tragen kannst.“
Er deutete hoffnungsvoll auf ihre Arzttasche, die fast aus allen Nähten platzte; wahrscheinlich ein Geschenk von irgendeinem Halbgott der Ärzteschaft, der zwar nähen konnte, aber kein derbes Rindsleder bearbeiten und erst recht nicht kunstvoll. Selbst Viviane schien das schon aufgefallen zu sein, so erfreut wie sie aussah.
„Gute Idee. Denk aber dran, dass alles in Tüchern eingewickelt ist, wenn du die Schlaufen ausmisst, und ich will noch ein paar Extras! Wird also ein großer Ranzen. Aber das wird immer noch nicht reichen. Conall …“
Conall seufzte.
„Ich habe noch ein schönes Täschchen für deine Tin Whistle gemacht – sogar punziert mit dem Knoten von Taliesin.“
„Oh, da freue ich mich aber! So ein Täschchen wie Robin hat?“
Conall nickte hoffnungsvoll.
„Und Tarian macht dir noch eine neue Wiege, denn die alte braucht ja Mutter selbst.“
„Einfach oder mit Verzierungen?“
Conall strahlte.
„Natürlich mit! Welcher Handwerker würde sich diese Gelegenheit entgehen lassen!? Er wollte Cernunnos im Relief darstellen, wie er majestätisch durch den Wald schreitet.“
Viviane winkte ab und zog eine Grimasse.
„Wie konnte es auch anders sein?! Na, dann will ich mich mal nicht so haben. Nehmt sie ruhig. Wenn ihr wollt, können wir zusammen reiten. Wir müssen ohnehin noch zur Quellgöttin. Tinne hat ihr Töchterchen viel zu früh bekommen. Wir wollen Sünna bitten, dass sie am Leben bleibt und gesund aufwächst.“
„Ach, Viviane! Ruh’ dich mal aus! Es wäre eine Ehre für uns, die Nachgeburt zu Sünna zu bringen und für Germans Kind zu bitten. Wie soll die Kleine denn heißen?“
„Germania.“
„Da würde sich German aber freuen. Ich sag schnell den anderen Bescheid.“
Conall musste blinzeln, faselte etwas von „was ins Auge bekommen“ und streckte seine Hand aus, damit ihm Viviane das kleine Päckchen hinein legen konnte, während er sich die Augen rieb. Kaum hatte er die Finger um den Lederlappen geschlossen, drehte er sich um und ging eilig Richtung Tor davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Viviane schnalzte mit der Zunge, doch sie ließ die Pferde mit Absicht langsam gehen. Bis zur Dorfumfriedung war es nicht mehr weit und sie wollte Conall nicht noch einmal über den Weg laufen. Lavinia und Robin kicherten. Viviane sah sie erstaunt an.
„Was ist denn los, ihr beiden?“
Robin grinste schelmisch.
„Na, wie du mit Papa gehandelt hast! Selbst Mama könnte das nicht besser!“
„Ja, genau!“, gluckste Lavinia. „Es war wie auf dem Markt. Du hast einen sehr guten Handel abgeschlossen.“
Viviane prustete los.
„Ja, das habe ich wirklich, Lavinia. Aber eigentlich wollte ich Conall doch nur sagen, dass ich alleine schon neunzehn Pferde mitgebracht habe, Silvanus’ nicht mitgerechnet. Da reichen Conall, Tarian, Medan und Loranthus nicht aus, um sie in Bewegung zu halten. Und wenn sie die restlichen Pferde hinten dran binden, könnten sie sich unterwegs verheddern.“
Jetzt kicherten alle und Lavinia zwinkerte Hanibu zu.
„Hanibu könnte sie als Karawanenführer ausbilden. Ihr Großvater ist das nämlich in ihrer Heimat. Und die Kamele dort können ganz viel Wasser trinken und deshalb dauert es ganz lange, bevor sie loslaufen. Und ihre Dörfer sind bei Oasen. Dort gibt es Brunnen, wie auf den Burgen. Das hat sie uns erzählt.“
Robin klatschte begeistert in die Hände.
„Oasen und Kamele will ich mir später einmal ansehen, wenn ich groß bin. Hanibu nehme ich mit und sie wird dann mein Karawanenführer.“
Viviane sah Hanibu verschmitzt an und lenkte Arion zum Gatter.
„Da musst du als Erstes lernen, wie du ein Pferd zäumst, Weltreisender Robin. Denn das bekommst du ja, wie versprochen, von mir. Hier, setze dich mal auf den Pfosten und nimm Arion die Zügel ab.“
Robin bekam ganz große Augen und kletterte wie gewünscht von Arion hinüber auf den Pfosten. Arion stellte sich davor und streckte ihm seinen Kopf entgegen, als hätte er Viviane verstanden. Er hielt ganz still und als Robin voller Stolz das Zaumzeug über das Weidengeflecht legte, schnaubte er zu Dina hin.
„Ach ja, Arion! Da hast du natürlich vollkommen recht“, meinte Viviane und tätschelte ihm den Hals. „Lavinia kann das auch gleich lernen. Komm, Lavinia, setzt dich mal wie Robin.“
Dina stellte sich auf die andere Seite vom Gatter, damit Lavinia bequem von ihrem Rücken auf den Torpfosten hinüber klettern konnte, hielt ruhig ihren Kopf hin und ließ sich das Zaumzeug abnehmen. Zur Belohnung streichelte Lavinia ihre lange, silberne Mähne und umarmte ihren Kopf, soweit ihre Hände herumreichten.
„Ich hab dich ja so lieb, meine schöne und kluge Dina.“ Arion schnaubte und kam sogleich neben Dina. „Und dich natürlich auch, mein großer, schöner Arion.“ Lavinia wollte auch ihn umarmen, doch Arion stupste sie sachte in die Schulter. „Arion, du Schelm! Natürlich bist du auch klug! Das größte und schlaueste Pferd im ganzen Land!“
Jetzt schien Arion zufrieden und drückte seine Nüstern in Lavinias offene Hände.
Hanibu zeigte zum hinteren Tor.
„Seht mal, da reiten die Männer gerade los!“
Viviane hob anerkennend den Daumen.
„Absolut korrekt, Hanibu! Du lernst wirklich sehr schnell!“
Viviane bemerkte nicht, wie Hanibu strahlte, denn sie recke ihren Hals zum Wegende.
„Sie haben jeder noch ein Pferd im Schlepptau und scheinbar auch ihr Abendbrot dabei. Ach, Vater und Silvanus sind auch mit von der Partie! Das hätte ich mir ja denken können. Na, wenn sie jeden Tag die Pferde tauschen, wird es ihnen in nächster Zeit nicht langweilig.“
Viviane drehte sich zu Lavinia und Robin.
„So ihr zwei. Das ging ja schon richtig gut. Ab jetzt könnt ihr jedes Mal die Pferde zäumen.“
„Auch aufzäumen?“, fragte Robin hoffnungsvoll und hüpfte im hohen Bogen ins Gras. „Natürlich! Aber jetzt nehmt mal die Körbe mit rein und sagt Mutter, dass wir noch schnell zum Fluss gehen. Gegessen haben wir schon bei Tinne.“
Als Viviane und Hanibu ihnen nach dem Waschen hinterher kamen, waren Robin und Lavinia gerade eifrig damit beschäftigt, Tontöpfe auf den vordersten Tisch zu stellen, die sie von Flora und Großmutter Mara gereicht bekamen. Taberia setzte die kleine Armanu in die Ecke auf ein Kuhfell und gab ihr kleine Holztiere zum Spielen, Noeira wickelte die schlafende Belisama in eine Wolldecke und legte sie daneben. Dann gingen die Frauen geheimnistuerisch die Treppe hoch, um etwas äußerst Wichtiges zu erledigen, wie sie Viviane versicherten. Viviane sah ihnen verdutzt nach, lenkte ihre Aufmerksamkeit aber gleich wieder auf die Kinder.
Lavinia nahm geschäftig von drei hübsch bemalten Tontöpfchen die Deckel ab und verdrehte die Augen, weil Robin die Töpfe noch einmal unschlüssig hin und her tauschte. Als Robin endlich alles zu seiner Zufriedenheit arrangiert hatte, bedeutete er mit einer übertriebenen Geste, Viviane solle sich hinsetzen. Viviane setzte sich und schaute besonders erwartungsvoll drein. Robin breitete auch sogleich einladend die Arme über den Töpfen aus, als hätte er soeben seinen Marktstand eröffnet.
„Schau mal, Viviane, was wir alles geschafft haben, als du weg warst!“
Er zeigte auf den vordersten Topf.
„Das ist Honig aus der ersten Klotzbeute. Den haben ich und Mama gemacht. Das hier ist Honig aus der zweiten Klotzbeute, den haben Lavinia und Großmutter Flora gemacht. Der hier ist aus der dritten, den haben Hanibu, Taberia und Urgroßmutter Mara gemacht. Du musst unbedingt mal probieren, Viviane! Wir wollen mit dir ein Experiment machen.“
Robin zückte sein Messer und schabte konzentriert ein Stückchen Honig aus dem ersten Topf. Dann hielt er Viviane das Messer hin, als wolle er ihr etwas äußerst Wertvolles darbieten. Viviane nahm den Honig deshalb auch besonders ehrfürchtig entgegen und steckte ihn in ihren Mund.
„Hmmm, sehr gut! Nicht zu süß … sehr fruchtig … mild … Ich würde mal sagen: Das ist Honig von Himbeerblüten und Erdbeerblüten.“
Lavinia nickte eifrig. Robin nickte auch, aber ganz bedächtig.
„Ganz genau, Viviane. Und der hier?“
Er zückte wieder sein Messer und hielt Viviane eine zweite Scheibe hin.
„Hmmm, das schmeckt süß … nach Sonne, Wiese, Wind … Das ist Honig von Löwenzahn.“
Robin riss die Augen auf und sah Lavinia bestürzt an. Leicht zögernd nahm er wieder sein Messer und schnitt aus dem dritten Topf ein dünnes Scheibchen, doch diesmal musste ihm Lavinia erst einen Schubs geben, damit er es über den Tisch streckte.
Viviane ließ den Honig im Mund zergehen und lächelte mit geschlossenen Augen.
„Wald, Laub, Regen, Harz, Birken, Linden, … Es ist eindeutig Honig von Bäumen.“




