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Betont langsam stemmte er sich in die Höhe, winkte freundlich zurück und bedeutete mit knappen Gesten, dass er etwas verloren habe und gerade auf der Suche sei.
Aha, die braunhaarige Ziege winkte zurück, als hätte sie ihn verstanden – das war schon mal gut. Übertrieben aufmerksam blickte er zu Boden und tat sehr beschäftigt. Nebenbei überlegte er, was er denn verloren haben könnte. Möglichst etwas Wichtiges. Na, vielleicht löste sich das Problem auch von selbst.
Mit einem äußerst sorgenvollen Mienenspiel beugte sich Loranthus über die Reling und schaute ins Wasser. Sehr, sehr bedauernd sah er dann zum Nachbarschiff hinüber und hob die Achseln samt Hände … Beinahe hätte er sein Astrolabium fallenlassen.
Da flanierte diese Ziege tatsächlich übers Deck, wackelte mit dem Hinterteil und trocknete sich die Haare ab, mit ihrer Stola! Ihre aufwendige Hochsteckfrisur war nicht mehr vorhanden. Hatte sie etwa gebadet? Und wieso hatte er das übersehen? Wo war die Badewanne für verwöhnte Römerziegen? Doch nicht in dem mickrigen Zelt?!
Entsetzt starrte Loranthus noch einmal ins Wasser. Als er wieder hochschaute, warf ihm die Ziege eine lange Kusshand zu. Er konnte blinzeln, so viel er wollte, ein Irrtum war ausgeschlossen. Schon holte sie zur nächsten Kusshand aus.
Loranthus riss das Kinn hoch und den Kopf herum. Er schaute lieber zur Sonne. Mit heiratswilligen Römerinnen wollte er nichts zu tun haben; sie waren anstrengend und raubten einem die Ruhe, beziehungsweise den Reichtum – er musste es wissen, er kannte etliche persönlich. Natürlich gab es Ausnahmen, seine Mutter zum Beispiel. Doch diese dort drüben, die war ihm schon negativ aufgefallen, als sie an Deck stolzierte. Sie hatte sich dermaßen herrisch aufgeführt, als wollte sie das Schiff samt Mannschaft in Beschlag nehmen. Und ihr Bruder, dieser Riese von einem Zenturio, war ihr nicht von der Seite gewichen, als wäre er ihr persönlicher Leibwächter.
Wie gut, dass er sein Astrolabium dabeihatte. Betont auffällig richtete Loranthus sein Messgerät auf die Sonne aus, was völliger Blödsinn war, denn die Sonne stand tief und wurde – dank seiner neuen Position – von dem kleinsten gerafften Segel verdeckt. Deshalb war er vorhin ja auch am Bug des Schiffes gewesen. Nicht weiter wichtig, es sollte ja bloß überzeugend aussehen. Auf die Entfernung konnte der Blickwinkel täuschen und Ziegen hatten sowieso keine Ahnung von Astronomie.
Feixend streckte er also seine Arme weit vor und stellte den exakten Stand der Sonne ein, beziehungsweise den des kleinen Segels. Dabei verdrehte er jedoch seine Augen bis zum Äußersten, um die Ziege im Blick zu behalten.
Sie zuckte mit den Schultern, reckte ihre Stupsnase gen Himmel und schlenderte davon. Was tat sie nun? Er musste seine Augen noch mehr verrenken … Sie klatschte in die Hände und stieg doch tatsächlich durch die Luke unter Deck!
Loranthus riss Mund und Augen auf. Hastig steckte er sein Astrolabium zurück unter die Achsel und klemmte es gut fest. Er brauchte jetzt beide Hände, um sie sich vor den Mund zu halten, so entsetzt war er. Diese junge Römerin war nicht nur arrogant, herrisch und weiß die Harpyie noch was – sie war auch dekadent. Absolut entartet, in diesem Alter und als Weib, man stelle sich das vor! Denn eines war klar wie der Himmel: Er wusste, was das für ein Schiff war und er wusste, was dort unter Deck vor sich ging.
Eine junge, reiche Römerin, die bald in den Adelsstand einheiraten und noch reicher werden sollte, die bei so etwas Abartigem, so etwas Scheußlichem dabei sein wollte – das war ja wohl das Schlimmste, was er je gesehen hatte.
Loranthus fühlte einen starken Brechreiz, doch sein Magen war zum Glück leer. Es hätte ihm sowieso niemand beistehen können, sein Vater war ja mit der gesamten Besatzung in dieses billige Gasthaus gegangen. Alle waren gemütlich am Zechen und Würfeln oder womit man sich sonst noch ablenken konnte. Einen kurzen Moment hatte er gar den Eindruck gehabt, sein Vater wolle bewusst von diesem berüchtigten Schiff neben ihnen ablenken. Zum einen hatte er dem Kapitän des letzten Schiffes geraten, mit der Flut auszulaufen, er wolle das auch bald tun, denn ein Sturm ziehe auf. Dabei waren am Himmel höchstens die Anzeichen für eine starke Brise zu erkennen gewesen. Zum anderen hatte er sämtliche nicht auslaufende Seefahrer zu einem Abschiedstrunk an Land eingeladen, sogar die Hafenarbeiter waren mit von der Partie. Obwohl daran eigentlich nichts seltsam war. Sein Vater war ein sehr reicher Mann – viel reicher als manch ein Adliger – und lud ständig irgendwelche Leute zu einem geselligen Beisammensein ein. Ergo konnte das auch Zufall sein.
Loranthus schürzte die Lippen. Wenn er recht darüber nachdachte, gab es noch einen Zufall: Das war jetzt schon das dritte Mal, dass sie im Laufe der Jahre hier im Hafen von Londinium lagen und an einem anderen Schiff, das Sklaven transportierte, irgendetwas kaputtging. Nichts Ernstes, es ging nie unter, aber es handelte sich stets um einen Defekt, der es manövrierunfähig machte. Vor Jahren, bei der ersten Havarie, hatte er sogar geträumt, sein Vater wäre mitten in der Nacht durch die Tamesas getaucht und hätte mit einem Schwertfisch Löcher in den Schiffsrumpf gebohrt.
Als er das am nächsten Morgen seinem Vater erzählt hatte, hatte der nur mit dem Kopf geschüttelt und sehr streng gefragt, ob Loranthus Wein getrunken habe. Und ja, er musste zugeben, dass er sich einen Becher stibitzt hatte, von einem Römer, der eingeschlafen war. Er hätte noch mehr organisieren können, denn es war ein ausuferndes Fest anlässlich des fertig gebauten Hafens gewesen. Ein großer Hafen, darauf konnten sich die Römer wirklich etwas einbilden. Aber damals war Loranthus erst zwölf oder dreizehn und auch er hatte sich gar viel eingebildet.
Zum Beispiel war er überzeugt gewesen, sein Vater sei Poseidon in Menschengestalt, weil er, als dessen Sohn, so mühelos schwimmen konnte wie ein Fisch. Wenn er so recht darüber nachdachte, glaubte er das immer noch.
„Bei Medusa“, japste Loranthus. Hastig riss er sein Astrolabium hoch und tat beschäftigt.
Diese grässliche Römerin kam wieder durch die Luke empor, gefolgt von sämtlichen Seefahrern. Die Männer schienen gewachsen zu sein, wahrscheinlich wollten sie sich vor ihr großtun, um sie zu beeindrucken. Sie verteilten sich an Deck und machten das Schiff zum Auslaufen fertig, ohne dass ein einziger Befehl nötig gewesen wäre. Es war auch niemand da, der ihnen Befehle hätte erteilen können – der Kapitän war offenbar als Einziger unter Deck geblieben, das tat er oft. Und wie bereits zuvor gebärdete sich auch die Römerin wieder, als gehörte das ganze Schiff ihr.
Sichtlich zufrieden schaute sie einmal rundum, ob alle Männer fleißig arbeiteten, und ging dann schnurstracks zum Bug. Mit einem Satz sprang sie auf die Reling, beschirmte die Hände mit den Augen und schaute zur Sonne.
So blieb sie stehen, selbst als das Schiff abgestoßen wurde und heftig zu schaukeln begann. Sie winkte Loranthus sogar zu, als sie nah an ihm beidrehten. Es sah fast aus wie ein Dankesgruß. Aber da konnte er sich durchaus täuschen, denn wegen ihrer erhobenen Hand konnte er ihr Gesicht nicht sehen und sie winkte auch zum letzten Schiff hinüber, das sich ebenfalls zum Auslaufen bereitmachte.
Diese Römerin, diese extravagante, entartete, erschien ihm auf einmal wie verwandelt. Ihr feines Gewand blähte sich wie ein Segel im Wind, ihre langen dunklen Haare flatterten wild und die Abendsonne tauchte ihre ganze Gestalt in rosiges Gold. Sie war herrlich anzuschauen, die reinste Pracht, und plötzlich hatte Loranthus einen Geistesblitz: So, und nicht anders, musste die Göttin der Freiheit aussehen.
Glück im Unglück
Der dichte Wald verschlang die Strahlen der Frühlingssonne und tauchte alles ringsum in kühle Schatten.
Der Reiter, der unter dem sprießenden Blätterdach dahintrabte, war von einem braun karierten Wollmantel verhüllt und hatte sich die Kapuze tief übers Gesicht gezogen. Die Füße steckten in kunstvoll gearbeiteten, warmen Lederstiefeln; innen mit Lammfell, außen mit Schnürung versehen. Nur die zierlichen Hände waren nicht bedeckt – die Hände einer Frau.
Sie saß auf einer kleinen, aber kräftigen grauen Stute, beugte sich vor und flüsterte:
„Jetzt sind wir bald am Ziel, mein Mädchen.”
Als hätte sie jedes Wort verstanden, hob die Stute den Kopf und schüttelte ihre lange, silberne Mähne.
Ein viel größerer, ebenfalls grauer Hengst mit Silbermähne lief an einer derben Leine hinter ihr. Er war über und über mit großen Ledertaschen bepackt, doch er konnte den schnellen Trab locker mithalten, in den die Stute wie von allein gefallen war. Auch er spürte die erwartungsvolle Stimmung und wenn er gewollt hätte, wäre er mit seinen langen Beinen einfach an der Stute vorbeigezogen, doch er war wohlerzogen und sehr gehorsam.
Er würde es gut haben in diesem neuen Land, bei seiner neuen Herrin, das wusste er instinktiv. Wachsam betrachtete er die dichten, grünen Büsche und die großen Bäume am Wegrand. Wie in seiner Heimat sah es hier aus. Es roch sogar fast gleich. Mit weit geblähten Nüstern saugte er die frische Luft ein.
Etwas veränderte sich gerade.
Er scheute im selben Augenblick wie die Stute. Der Wind hatte ihnen einen fremden Geruch zugetragen: Schweiß auf Menschenhaut, vermischt mit dem schnell angetriebener Pferde.
Unruhig tänzelten die Grauen auf der Stelle. Die Frau tätschelte der Stute den Hals und schaute sich um. Zu sehen war nichts Beängstigendes, aber dem Gespür der Tiere konnte sie blind vertrauen und so führte sie die beiden vom Wege ab. Nach ein paar Schritten durch junge Hainbuchen hatte sie der Wald unsichtbar gemacht.
Zufrieden knabberten die Pferde an hellgrünen Sprossen, nur ihre Ohren drehten sie in den Wind und lauschten. Die Frau drehte sich mit. Ihre Haltung zeigte Wachsamkeit, jedoch keinerlei Angst. Alle drei verhielten sich so ruhig, als wären sie Meister des Versteckspiels.
Lange mussten sie nicht warten, schon wurden Hufschläge laut und das Rattern von Rädern. Zwei Reiter galoppierten um die Wegbiegung, Krieger in voller Kampfmontur: Helm, Brustpanzer, Beinschutz, Lang- und Kurzschwert, Rundschild, Speer. Dichtauf folgte eine edle Reisekutsche mit zwei prächtigen Rappen als Zugpferde. Rasend schnell rauschten sie am Versteck vorbei.
Misstrauisch sah die Frau ihnen nach.
Solche Gefährte gab es hierzulande selten, aber was sie eigentlich stutzig machte, war der Kutscher. Er war ebenfalls in Kampfmontur und noch dazu total verdreckt; weder das eine noch das andere passte zu der teuren Kutsche. Auch hatte im Wagen niemand gesessen; durch das offene Fenster hatte sie das gut erkennen können.
Angewidert rümpfte sie die Nase. Der Fahrtwind hatte einen Geruch mitgebracht, gegen den selbst der frische Duft von regenfeuchtem Gras und Holz nicht ankam. Hier war etwas faul, da waren sich ihr Gefühl und ihre Nase einig. Sicherheitshalber blieb sie noch eine Weile verborgen und wartete. Auf was – das wusste sie nicht. Sie war eben schon immer vorsichtig gewesen.
Und ihre Geduld wurde belohnt.
Drei Reiter trabten nun aus derselben Richtung heran. Offensichtlich hatten sie es nicht so eilig wie die anderen, aber auch sie stanken. Was hatten die Männer getrieben, um derart ins Schwitzen zu kommen? Oder wann hatten sie sich das letzte Mal gewaschen?
Rasch hielt sich die Frau den Mantel vor Nase und Mund, und unterdrückte eine plötzlich aufkommende Übelkeit, während ihr Blick hoch konzentriert über die drei Gestalten huschte. Jede Kleinigkeit war wichtig.
Alle drei trugen abgewetzte Brustpanzer aus Leder, die vor langer Zeit einmal sehr teuer gewesen sein mussten; den besten besaß der mittlere, ältere Mann. Die gehärteten Lederplättchen lagen absolut präzise übereinander, wie ein sorgsam gedecktes Dach. Ein echtes Meisterstück, bemerkte sie mit Kennerblick.
Um ihre Schultern lagen dunkelgrüne Wollumhänge, dick gefilzt und gehalten von bronzenen Fibeln; sehr große, klobige Fibeln, doch die Gestalt der Spangen war nicht genau zu erkennen. Vielleicht waren es Adler oder Falken – irgendetwas mit Flügeln. Nachdenklich wiegte sie den Kopf. Dem Aussehen nach hätten die Männer Vater mit Söhnen sein können.
Die Bärte trugen sie zu zwei Zöpfen geflochten und ihr langes Haupthaar kringelte sich in engen Spiralen bis weit über die Schultern. Zwei von ihnen waren mehr rothaarig als blond. Das Haar des Jüngsten jedoch wies bloß einen schwachen roten Schimmer auf. Er hatte himmelblaue Augen, die seine goldenen Locken besonders strahlend machten. Er führte ein reiterloses Zweitpferd mit sich.
Die Frau schüttelte ihren Kopf, so als müsse sie … ja, was? Diese Augen aus ihren Gedanken fegen? Ein unmögliches Unterfangen.
Die letzten azurblauen Augen, in die sie geblickt hatte, hatten ihr traurig Lebewohl sagen müssen, denn Merdin selbst hatte kein Wort herausgebracht. Ihm war der Abschied noch schwerer gefallen als ihr, doch was blieb ihnen übrig? Sie mussten sich trennen. Ihre Aufgaben konnten sie nicht zusammen lösen. Sie waren wie zwei Flüsse, die eine Zeit lang im selben Bett geflossen waren und nun auseinanderdrifteten. Wann sie wieder zusammenfinden würden – wer konnte das schon sagen?
Kein Wunder, dass der Abschied geschmerzt hatte, als wäre ein Stück von Viviane abgerissen worden, ein wichtiges Stück, ein großes. Die Wunde war noch lange nicht verheilt, und vielleicht würde sie das nie. Eine Ära war zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte. Es war zum Heulen.
Schluss damit. Jetzt war sie hier, wo sie hingehörte, und musste sich auf das Wesentliche konzentrieren.
Der Kleidung und Bewaffnung nach zu urteilen, bildeten die Reiter eine Kriegerschar, eine Eskorte. Vielleicht hatten sie gerade jemanden abgeliefert und waren nun auf dem Heimweg. Das war durchaus möglich, fragte sich bloß, wo sie hingehörten. Auf ihren Schilden war kein Wappen zu sehen, und ihre Torques waren unter den Umhängen verborgen. Oder hatten sie gar keine? Doch, sicher. Krieger trugen ihre Torques ständig, erst recht, wenn sie unterwegs waren.
Nachdenklich schürzte Viviane die Lippen und tastete den Hals entlang nach ihren eigenen Torques.
Irgendetwas kam ihr hier nicht geheuer vor.
Krieger, die nicht erkannt werden wollten – das war eigenartig. Jeder trug das Wappen seines Clans auf dem Schild und auch die Torques waren für jeden Clan spezifisch, zumindest für die hochrangigen Personen. Man musste schließlich wissen, ob man es mit Freund oder Feind zu tun hatte, wenn man sich begegnete, und wie tief man sich zu verbeugen hatte.
In ihrer Heimat – und sie war hier auf heimischem Boden, sie hatte die Grenze längst passiert – gab es keine Feinde und man brauchte sich erst recht nicht verstecken; alle Clans waren im großen Bund der Hermunduren vereint. Wer also waren diese Krieger?
Waren es schon Späher der Chatten? Eher nicht. Der Krieg hatte noch nicht begonnen, das wäre ihr aufgefallen. Vielleicht waren es Chatten auf Beutezug. In fremden Revieren zu wildern, war bei den Chatten Pflicht, wenn sie zum Krieger gekürt werden wollten. Vielleicht war es auch etwas von beidem, oder ganz anders – sie könnte noch bis Sonnenuntergang Vermutungen anstellen.
Die Frau schnalzte mit der Zunge und lenkte ihre Pferde wieder auf den Weg zurück. Nichts wie weg von hier. Sie wollte zu Hause sein, bevor es dunkel wurde. Im leichten Trab ritt sie weiter und spähte vorsorglich um jede Wegbiegung.
Lang zog sich die Strecke durch den Wald und für eine Weile passierte nichts. Doch sie blieb wachsam und hörte schließlich von Weitem eine aufgebrachte Männerstimme. Gleichzeitig nahm sie einen aromatischen Duft wahr, der in ihren Heimatwäldern normalerweise nicht vorkam.
Mit geschlossenen Augen sog sie noch einmal bewusst die Luft ein. Wunderbar. Da war eindeutig ein Hauch von Zeder zu riechen. Der gehörte zwar nicht hierher, machte aber die faulen Eier von eben hundertmal wett. Wenn da nicht dieses Gezeter wäre …
Ohne das Tempo zu verringern, trabte sie weiter und schüttelte missbilligend den Kopf. Der Schreihals hatte absolut keinen Respekt vor der erhabenen Würde des Waldes. Wer solch einen Lärm machte, konnte ihr nicht gefährlich werden, die Bären hätten ihn nämlich bald gefressen – und das war kein Jux.
Allerdings war von hungrigen Bären keine Spur zu sehen. Vielleicht waren sie gerade woanders unterwegs. Wobei es zu bedenken galt, wie schnell so ein Bär rennen konnte – ein letzter Aufschrei seiner Beute, schon wäre hier wieder Ruhe. Gar nicht auszudenken, wie diese Beute aussähe, wenn er mit ihr fertig wäre.
Wer so etwas noch nicht gesehen hatte, machte sich vielleicht kein Bild davon, Viviane jedoch wusste, was Bären, besonders nach dem Winterschlaf, anrichten konnten. Aufmerksam sah sie sich um und tastete sogar nach der Doppelaxt am rückwärtigen Teil ihres Gürtels. Zur Not hätte sie ihren Mantel schnell beiseitegeschoben und ein Treffer würde ihr genug Zeit verschaffen, um an die restlichen Waffen zu kommen. Völlig unbeeindruckt ob drohender Gefahren polterte die Stimme weiter und fluchte lauthals auf Griechisch, wie sie nach der nächsten Biegung feststellte. Daher also der Zedernduft.
Sie seufzte.
Die letzte Etappe ihrer Reise hatte äußerst gewöhnlich begonnen und jetzt, kurz vor dem Ziel, wurde es auf einmal interessant. Oder womöglich doch gefährlich? Vorsichtig lenkte sie ihre Stute um eine weitere Wegbiegung und hielt sich im Schutz der Büsche.
Eine Falle, einen Hinterhalt konnte sie sofort ausschließen. Im Gegenteil, der Anblick, der sich ihr bot, hätte sie beinahe laut lachen lassen.
Ein mittelgroßer junger Mann in einer ehemals weißen, nun aber schlammverschmierten Tunika stapfte den breiten Waldweg entlang und drehte Runden oder besser gesagt, Ovale.
Seine schwarzen Locken standen völlig zerzaust vom Kopf ab und sein nasser Umhang aus feinstem Gewebe klatschte bei jedem Schritt an seine schlanken Beine. Darüber wölbte sich ein Bauch so prall und feist – er passte gar nicht zu dieser sonst schmalen Gestalt. Eigentlich passte noch mehr nicht zusammen.
Bei den heutigen abrupten Wetterumschwüngen trug man besser einen dicken Filzmantel mit Kapuze statt eines dünnen Umhangs, und sei er auch noch so edel. Sandalen an nackten Füßen waren bei diesem frischen Wind auch reichlich gewagt, erst recht, wenn man keine Hosen anhatte. Zum Glück ging seine Tunika als kurzes Kleidchen durch – es sah drollig aus.
Weil die Beine darunter so stark behaart waren, erinnerte er an eine Stachelbeere – eine ziemlich saure noch dazu. Ja, bei genauerem Hinsehen kam ihr das mürrische Mienenspiel bekannt vor. Tatsächlich. Es war noch gar nicht lange her, da hatte sie den jungen Mann schon einmal gesehen. Es war sogar zur selben Tageszeit gewesen, gegen Abend. Nur der Ort war ein anderer. Damals, im Hafen von Londinium, war der Grieche anstandslos sauber gewesen und hatte höchst pikiert getan; wenn es geregnet hätte, wäre ihm das Wasser in die Nase gelaufen. Heute sah es eher danach aus, als hätte ihn jemand an der Nase gepackt und durchs Wasser gezogen, durch ziemlich dreckiges noch dazu. Jede seiner Gesten, jeder Fluch, jedes Schimpfwort spritzte förmlich von ihm weg.
Und das Lamentieren nahm kein Ende: Sein Leibsklave hatte sich wegen einer Sklavin geprügelt und ein Messer in den Hals gerammt bekommen. Jetzt hatte er keinen bärenstarken Beschützer mehr, nur noch ein Häufchen Asche in einer Urne, aber dafür diese mickrige Sklavin am Hals. Und kaum hatte er sich ein winziges, winziges bisschen mit dem Verlust abgefunden und mit dem schlechten Geschäft, waren sechs Räuber gekommen. Nun war der Wagen weg, die Pferde waren weg, die Geschenke waren weg, die Kleider waren weg, sämtliche Utensilien waren weg, ja, sogar die Urne mit der Asche war weg – und das alles nur, weil eine mickrige Sklavin auf hundert Schritt Entfernung seinen Leibsklaven bezirzt hatte, obwohl sie sich nicht mal nackt ausziehen wollte! Der Idiot hatte sich geprügelt und ein Messer in den Hals gerammt bekommen …
Nach der dritten Runde kannte sie die ganze griechische Tragödie auswendig und senkte ihren Blick auf den Weg. Wenn dieser nicht so fest gewesen wäre, hätte der Mann mit seinen Ledersandalen schon eine Spur hineingetrampelt, eine lange Spur, die von einer Wegbiegung zur nächsten reichte.
Dort, am hinteren Ende seiner Runde, kauerte eine junge, dunkelhäutige Frau auf einem umgefallenen Baumstamm. Das musste die besagte Sklavin sein. Ihre ebenholzfarbenen Haare waren zu vielen dünnen Zöpfen geflochten, die ihr bis auf die Hüften fielen. Darunter trug sie einen ehemals wollweißen Umhang, der nun regelrecht starrte vor Dreck, was ihrer Schönheit jedoch keinen Abbruch tat. Sie war wie eine Perle, eine kleine, zarte, schwarze Perle; kein Wunder, dass sie einen Mann auf hundert Schritt bezirzt hatte. Allerdings funktionierte das nicht bei jedem.
Der Grieche beachtete sie kaum, als er erneut bei ihr umdrehte. Viel zu sehr war er damit beschäftigt, seinen schwarzen Lockenkopf zu raufen und die sechs Räuber zu verfluchen. Es waren äußerst fantasievolle Flüche mit seltsamen Tieren, die von anderen Arten zerquetscht, zerstückelt, gebraten, gekocht und gefressen wurden; die reinste Fressorgie im Reich der Mischwesen.
Auf Griechisch hörte sich das lustig an, fand Viviane und musste sich das Lachen verkneifen, während der Schreihals seine Faust in die freie Hand drückte und wieder in ihre Richtung stapfte. Beinahe wäre er in ihr Pferd gelaufen, so emsig war er damit beschäftigt, sechs Räuber zu zermürben, um als Futter für die vielen Schlangen auf dem Haupt der Medusa zu dienen. Gerade noch rechtzeitig hob er den Kopf und riss die Augen auf.
Viel konnte er nicht sehen, Vivianes Gesicht lag tief unter ihrer Kapuze verborgen. Dagegen war sein Mienenspiel, von ihrer Warte aus, bestens zu erkennen.
Darin spiegelten sich Erschrecken, Nachdenken, Argwohn und Vorsicht. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und eine Schweißperle kroch seine Schläfe hinab. Ein Augenlid zuckte, die Perle kroch schneller … Sein sonnengebräuntes Gesicht bekam einen Stich ins Grünliche – er hatte das Atmen vergessen.
Mal warten, wie lange er das durchhielt. Wegen ihre Kapuze konnte er nicht sehen, wie prächtig sich Viviane hier amüsierte. Es war wirklich interessant: Dieser eingebildete Grieche, diese Stachelbeere auf Stelzen, dieser wandelnde Schreihals, der Medusas Schlangen allesamt persönlich füttern wollte, hatte tatsächlich Angst vor ihr. Da konnte sie sich durchaus geehrt fühlen. Gleich würde er ihr vor die Füße kippen vor lauter Ehrfurcht. Nun wurde es aber langsam Zeit zum Weiteratmen.
„Darf ich euch meine Hilfe anbieten?“, fragte sie mit melodiöser Stimme in perfektem Griechisch und schwenkte die Hand von ihm zu der schwarzen Perle und wieder zurück. Sein Mund formte ein stummes ‚Oh‘ und blieb in dieser Position. Eine Antwort brachte er nicht zustande, obwohl er die Geste und auch ihre Frage verstanden haben dürfte. Er schien auch vergessen zu haben, dass er einfach bloß nicken bräuchte. Dafür war ihm wieder eingefallen, wie Atmen ging. Reichlich spät – er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen; mit den großen Glupschaugen und dem wirren Haarschopf sah er aus wie eins seiner eigenen Mischwesen. Vielleicht ein dürrer Hecht mit schwarzen Ringelwürmern auf dem Kopf – Medusa wäre entzückt.
Der Ärmste. Das war wohl etwas zu viel für ihn. Erst eine brutale Räuberbande und jetzt auch noch eine griechisch sprechende Kapuze.
„D… du bist eine K… Kelta?!“, quiekte er und blinzelte hektisch.
War das nun eine Frage gewesen oder nicht? Egal. Immerhin hatte er schon herausgefunden, dass er es mit einem weiblichen Wesen zu tun hatte, das nördlich von Griechenland wohnte – im Großen und Ganzen eine ziemlich gefährliche Gegend; sagten zumindest die Römer, und die hatten viel zu sagen – die Griechen nicht mehr, wie man hier am praktischen Beispiel sehen konnte.
Der Grieche zitterte ein bisschen und trat von einem Bein aufs andere. Es hatte den Anschein, als wollte er gleich davonrennen – die Griechen waren ja bekannt für ihre Langstreckenläufer. Dazu sollte er sich vorher ordentlich warm machen, hierzulande war das besser.
„So, so, wenn ich eine Keltin bin“, grollte es dunkel aus der Kapuze, „dann bist du ein Ausländer, genauer gesagt ein Grieche, nicht zu verwechseln mit Römer.“ Die Kapuze beugte sich tief zu ihm hinunter und schnaubte: „Ich finde es nämlich sehr nett, dass du mich als ‚hochgewachsen‘ oder gar ‚herausragend‘ bezeichnest. Ja, ich fühle mich geradezu geschmeichelt. Die Römer machen nicht so feine Komplimente wie du. Warum wohl nicht …“



