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Mitten im Aufstehen hielt Hanibu inne, sackte auf die Bettkante zurück und sagte zu ihren nackten Füßen: „Oh nein, keine Bange. Er behandelt mich gut. Er hat mich noch nie geschlagen oder … Schlimmeres. Ich bin eigentlich bloß durch Zufall bei ihm, musst du wissen. Loranthus’ Leibsklave hatte mich auf dem Sklavenmarkt entdeckt und wohl mit jemand anderem verwechselt. Darum ist er auf den Sklavenhändler losgegangen und in dem folgenden Handgemenge wurde er erstochen. Ich stand da und konnte nichts tun.
Loranthus schrie, sie sollten aufhören, doch es nützte nichts. Es hätte auch nichts genützt, wenn er sich ins Getümmel gestürzt hätte, womöglich wäre er selbst ums Leben gekommen.“ Hanibu seufzte. „Er war damals sehr wütend. Hat den ganzen Sklavenmarkt zusammengebrüllt, er wolle keinen kostenlosen Ersatz, während der Händler ihn noch übertönte und meine Vorzüge anpries. Als Loranthus hörte, ich spräche Griechisch, wirkte er interessiert. Aber dann meinte er, wenn er mich nähme, würde ich ihn ständig an den Verlust seines Leibsklaven erinnern. Erst, als mich der Händler vor seine Augen töten wollte, weil ich die Schuld an der ganzen Misere trüge, hat Loranthus eingelenkt. Nachts, wenn er denkt, ich schlafe, weint er manchmal vor lauter Trauer, weil sich sein Leibsklave so sinnlos in den Tod gestürzt hat. Er muss ihn wohl sehr gern gehabt haben. Er ist wirklich ein guter Herr, höchst zivilisiert und sehr gebildet. Auch wenn er mich zuerst gar nicht haben wollte, so hat er mich doch von Anfang an gut behandelt. Ich meine: Er hätte mich ja an den Nächstbesten weiterverkaufen können, aber das tat er nicht. Zu meinem größten Erstaunen kaufte er mir etliche neue Kleider von bester Qualität. Mittlerweile redet er sogar mit mir, als wäre ich seine Reisebegleitung, und bringt mir noch mehr Griechisch bei. Ich bin froh, bei ihm zu sein. So kann ich mich noch als Mensch fühlen und nicht als … als Ding.“
„Mag sein“, murmelte Viviane. „Mir erscheint er dennoch nicht besonders einnehmend vom Wesen her. Na, wir werden sehen. Komm, ich habe Hunger!“ Vorsichtig half sie Hanibu auf die wackeligen Beine.
„Du bist so gut zu mir“, seufzte Hanibu wieder und ihre dunklen Augen schimmerten wie Obsidian unter Wasser. „Noch vor zwei Monden war ich frei genau wie du. In der Nacht kamen die Häscher und haben alle, die jung und kräftig waren, zusammengetrieben. Meine Brüder nahmen sie für die Bergwerke mit nach Nubien, ich kam auf das nächste Schiff nach Massalia. In ein paar Jahren werden sie wiederkommen. Dann sind die Kinder älter und die nächste Sklavenernte kann beginnen.“ Hanibu schlug die Augen nieder.
„Auch bei meinem Volk gibt es Sklaven“, flüsterte Viviane, die sah, wie sich Hanibus Fäuste ballten, und wurde lauter. „Aber ich glaube fest daran, dass diese unwürdige Behandlung der eigenen Spezies aufhören wird. Und wenn ich den Anfang dazu machen muss, soll mir das recht sein. Komm, meine schöne schwarze Perle, wir passen zusammen durch die Tür.“
Draußen wartete Loranthus und prustete bei Vivianes Anblick wieder los – er war bereits stark in Atemnot, schien sich allerdings keine Sorgen zu machen. Hanibu sah Viviane fragend an, doch er kam deren Antwort zuvor und quiekte: „Sie kann mit Pferden sprechen, das ist kurios, phänomenal, schier unglaublich!“ Krampfhaft versuchte er, mit dem Lachen aufzuhören und presste die Lippen zusammen. Dafür rollte er nun wie ein Irrer mit seinen fast schwarzen Augen.
Hanibu sah Viviane interessiert an. „Gibt es eigentlich etwas, was du nicht kannst?“
„Selbstverständlich. Ganz viel. Wahrsagen zum Beispiel, ist absolut nicht meine Stärke. Aber jetzt kommt, der Wirt wartet.“
„Da fällt mir ein – ich hätte eine Bitte“, druckste Loranthus herum. „Könnten wir ab sofort nur Griechisch reden?“
Viviane überlegte nicht lange. „Ist mir recht. So versteht Hanibu wenigstens, was wir drinnen bereden, und die anwesenden Händler verstehen es auch. Die dürften sowieso mit allen Wassern gewaschen sein.“
„Was hat das Waschen damit zu tun? Versteh ich nicht.“ Loranthus deutete zum Langhaus, vor dem ein Wasserstrahl aus einem hölzernen Rohr in eine darunter befindliche Steinrinne gen Fluss plätscherte, und runzelte die Stirn.
Viviane lachte. „‚Mit allen Wassern gewaschen‘ ist ein Sprichwort. Es bedeutet, dass man vieles weiß und kann. Ein Händler, zum Beispiel, sollte halbwegs Griechisch können, denn es gibt kaum einen Landstrich, wo nicht wenigstens einer ihn versteht. Griechisch ist immer noch eine Weltsprache, sogar bei den Römern.“
Loranthus war sprachlos vor Rührung. Viviane zwinkerte kurz zu Hanibu hinüber und machte eine einladende Geste. Dicht beieinanderstehend wuschen sie sich die Hände am Brunnen vor dem Haus und betraten den Gastraum. Die anderen Gäste – beide jung, einer blond, einer brünett – waren mit dem Hasenbraten beschäftigt, sahen jedoch bei ihrem Eintreten neugierig auf.
Viviane rief: „Einen guten Abend euch!“, und hängte ihren Mantel sowie den von Hanibu an die großen Holznägel neben der Tür. Loranthus sah ihr dabei zu und ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf.
Viviane befürchtete einen neuen hysterischen Anfall – ob Heulen oder Lachen, völlig egal – und stemmte schon mal die Hände in die Hüften. Die Daumen klemmte sie unter ihrem Gürtel fest, damit sie nicht Loranthus samt seinem verdreckten Umhang an den Nagel hängte, und zwar bevor er sie hier vor aller Augen blamierte.
Was starrte er nun schon wieder? Ihre Torques hatte sie doch in ihrer größten Gürteltasche versteckt. Vielleicht wegen ihres Messers im Gürtel, obwohl sie das nur zum Essen benutzte. Natürlich konnte sie auch damit werfen und treffen, und wenn er das wüsste, würde der Angsthase wahrscheinlich im Zickzack hüpfen. Sein Blick huschte jetzt kreuz und quer über ihre Gestalt, als wäre er auf der Suche nach verborgenen Waffen, um sich für die richtige Tischseite zu entscheiden. Wenn sie die Doppelaxt noch auf ihrem Rücken hätte, würde er sich bestimmt nicht mal im selben Raum mit ihr aufhalten wollen. Vorsichtshalber hatte sie die Axt in einer Lasche im Inneren ihres Mantels stecken, sie amüsierte sich auch so schon prächtig über seinen wieder einmal offen stehenden Mund.
Allerdings lag sie mit ihrer Einschätzung völlig falsch, was die Blicke der anderen Männer im Raum bewiesen. Diese waren den Anblick von Essmessern durchaus gewöhnt, sie hatten selbst welche und trotzdem einen offenen Mund.
Viviane trug blaubeerfarbene Hosen, die sich eng an ihre langen Beine schmiegten, darüber ein hellgelbes Hemd. Rechts und links war es mit Blaubeerzweigen bestickt und ging ihr ein Stück über die Hüfte; obwohl einfach geschnitten, kam ihre schlanke Figur darin sehr gut zur Geltung.
Ihre schmale Taille wurde von einem interessanten Gürtel umwickelt – ja, umwickelt. Er bestand aus einer fingerdicken Lederschnur, die sie mindestens siebenmal um ihren Körper geschlungen hatte, was ein hübsch aufgeworfenes Muster ergab – und die Frage, ob dieses seltsame Utensil wohl auch anderen Zwecken diente. Im Moment war es jedenfalls ein breiter Ledergürtel, auf dem rundherum etliche Ledertäschchen aufgereiht waren, rechts hingen noch ein Messer und ein Trinkhorn daran, und in der Mitte glänzte ein kupferner Wolf als Gürtelschnalle. Wer Ahnung hatte, erkannte, dass es kein echtes Kupfer, sondern eine Kupferlegierung war, die eine sehr stabile Haken-Öse-Verbindung aus Eisen tarnte.
Da die Händler die Schnalle genauestens musterten, schob Viviane ihre Hände darüber und freute sich, weil nun Hanibu von oben bis unten beäugt wurde. Sie hatte ihr absichtlich Kleider gegeben, die zu ihrer dunklen Haut passten, und das verfehlte seine Wirkung nicht. Selbstverständlich brauchte sich Hanibu nicht vor begehrlichen Blicken fürchten, die womöglich zu schlechten Taten führten. Niemand würde ihr etwas antun. Zum einen lag das am Ehrgefühl hierzulande, zum anderen waren die Strafen enorm abschreckend und als Loranthus’ Sklavin war sie sowieso tabu. Aber sie sollte ruhig merken, welch erfreulichen Anblick sie bot. Das war gut für ihr Selbstwertgefühl.
„Kommt, Fremde! Setzt euch zu uns an den Tisch!“, rief der blonde Händler auf Griechisch und winkte Loranthus. Er dachte wohl, dieser sei der Anführer des Trios, doch weit gefehlt.
Wie gebannt trottete Loranthus hinter Viviane her und dachte die ganze Zeit an den geschmeidigen Gang eines Rehs – er hatte kürzlich eines beobachtet. Erst, als sich Viviane für die Einladung bedankte und Hanibu auf die Sitzbank drückte, war sein Eindruck einer Begegnung im Wald vorbei; und sobald der Wirt schwungvoll gemusterte Tonteller mit frischem Brot und Hasenfleisch auftischte, wusste Loranthus wieder, wo er war.
„Guter Mann!“, jauchzte er. „Ich bezahle morgen die komplette Zeche, aber heute möchte ich den saftigsten Wein! Beim Dionysos, ich meinte, den besten Wein, den es hier gibt!“
Kaum hatte der Wirt genickt, mutierte Loranthus zum reißenden Löwen und fiel über den Hasen her. Viviane warf ihm einen pikierten Blick zu, bestellte zweimal kräftigen Sud aus Hagebutten und bedeutete Hanibu mittels dezenter Geste, nun sollten auch sie essen. Höchst zivilisiert griff sie ihr Messer, löste einen Brocken Fleisch vom Knochen und reichte das Messer an Hanibu weiter, die in ähnlicher Manier damit hantierte und es dankend zurückgab.
Bevor sich Hanibu dem äußerst zarten Fleisch widmete, tupfte sie mit ihrem Brot ein wenig Bratensoße vom Teller und kaute das saftig-warme Stück mit sichtlichem Genuss. Rasch, aber geziert leckte sie sich die Finger ab und der braunhaarige Händler, der ihr dabei zusah, wurde schlagartig rot, was ihm sehr gut zu Gesicht stand.
Loranthus schien sich für nichts anderes zu interessieren, als das, was zwischen seinen Fingern klemmte. In rasantem Tempo nagte er seinen Hasenschenkel ab, bis nur noch ein sauberer Knochen übrig blieb, und schaute sogar unter dem Brot nach, ob er etwas übersehen haben könnte, bevor er sich damit die Finger und den Bratensaft abtupfte. Seufzend vor Wonne verschlang er auch den letzten nassen Krümel.
Nachdem die Teller abgeräumt waren, verteilte der Wirt die gewünschten Getränke und setzte sich zu ihnen an den Tisch. Seine Frau brachte getrocknete Apfelringe und gesellte sich dazu.
Der blonde Händler, der sie eingeladen hatte, stellte seinen Nebenmann und sich auf Griechisch vor: „Das ist Markus. Er handelt mit Wein aus Mediolanum. Ich bin Angus. Ich pendle immer zwischen Bikurgion und der Küste am Nordmeer.“
Viviane übernahm die Vorstellung ihrer Gruppe, ebenfalls auf Griechisch. Aus Hanibu machte sie eine Nachfahrin der schönen und geheimnisvollen Königin von Saba aus Äthiopien, Loranthus pries sie als Spross einer uralten und hoch angesehenen Händlerdynastie aus Kreta an. Beiden schien ihre Wortwahl sehr zu gefallen, sie wuchsen auf der Sitzbank regelrecht in die Höhe.
Die jungen Händler waren schwer beeindruckt. Markus ging hinter seinem Becher Wein regelrecht in Deckung und seine dunklen Augen schauten verlegen drein. Angus hingegen nickte anerkennend. Forsch strich er sich die blonden Locken aus der Stirn und seine blauen Augen strahlten wie ein wolkenloser Himmel im Sommer. Seine Sitzhaltung, sein schalkhaftes Lächeln … alles an ihm strotzte vor Selbstsicherheit und Kraft, was Viviane vage bekannt vorkam.
„Kommst du auch in das Dorf an der Wesermündung?“, fragte sie und setzte noch hinzu:
„Ihr sagt Wisora zu dem Fluss.“
„Ja, natürlich, das ist meine Heimat.“
„Sehr gut. Dann kennst du wohl auch Finn?!“
Angus’ Augen leuchteten auf. „Das ist mein älterer Bruder! Ich habe seinen Handel übernommen, seit er geheiratet hat und sich als Bauer betätigt. Woher kennst du ihn?“
„Ich bin die Freundin seines Weibes.“
„Oh, die Viviane! Ich habe schon viel von dir gehört. Umia unterhält uns oft mit Geschichten aus eurer Kinderzeit.“ Verschmitzt lächelnd pfiff er durch die Zähne.
Viviane schnaubte. „Da habt ihr ja öfter was zu lachen.“
Angus zog gemächlich einen Apfelring in die Länge und grinste sie frech an. „Ja, dessen kannst du dir sicher sein. Hoffentlich finde ich auch mal so ein gutes Weib wie mein Bruder.“ Sein schelmisches Zwinkern konnte nur eines bedeuten. Viviane schaute demonstrativ woandershin.
„Was gibt es Neues“, stellte der Wirt die obligatorische Frage, und sie war froh über den Themenwechsel.
„Gute Frage“, nuschelte Angus, dem gerade nichts mehr einfiel, außer sich den Mund vollzustopfen.
Loranthus sah rundum, niemand sonst schien etwas Neues zu wissen, aber sollte er gerade diesen Fremden vom Überfall berichten? Viviane nickte aufmunternd. Also holte er tief Luft und fing an zu erzählen. Selbstverständlich rückte er sich dabei – ohne rot zu werden – in ein günstiges Licht und prahlte regelrecht mit seiner verlorenen Schlammschlacht.
Die Reaktionen seiner Zuhörer waren ganz unterschiedlich: Der Wirt betastete nachdenklich seinen Gürtel, seine Frau schmiegte sich an ihn und sah zu ihm auf; bei ihm war sie sicher, sagte ihr Blick. Und das war offensichtlich. Wer diesen Bären von Mann überfallen wollte, musste geistig nicht ganz auf der Höhe sein.
Der vorsichtige Markus kauerte sich noch tiefer hinter seinem Weinbecher zusammen und beäugte dermaßen argwöhnisch die Tür, als würden die Räuber gleich noch zum Essen vorbeikommen. Was hätten sie ihnen anbieten sollen? Abgenagte Knochen? Abgenagte Fingernägel? Der pfiffige Angus legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm, damit es gar nicht erst zu Letzterem kam.
„Wenn du um deine Weinfässer fürchtest, Markus, mein Freund, kann ich dich beruhigen. Ich bin mir ziemlich sicher, diese Männer wollten keine Händler überfallen, dann müssten sie nämlich mit Strafen bis hin zum Tode rechnen. Und wer würde es darauf schon ankommen lassen? Die Hermunduren sind nicht zimperlich, wenn es um die Einhaltung ihrer Gesetze geht.“
„Aber Loranthus ist doch ein Händler“, erinnerte Markus ihn und seine Finger wanderten langsam zum Munde.
„Mag sein, aber wenn er mit einer noblen Reisekutsche unterwegs war, hätte man das auf den ersten Blick nicht erkennen können. Also hatte der Überfall auf ihn vielleicht einen ganz anderen Grund. Vielleicht waren sie wirklich nur an der Kutsche interessiert. Oder sie wollten eine falsche Spur legen. Eine andere Aktion vertuschen, verstehst du?“
„Wenn ihr wollt, können wir unser Gespräch im Schwitzbad fortführen. Ich habe es vorhin angeheizt“, schlug die Wirtin vor.
„Wunderbar, da bekomme ich immer die besten Einfälle. Sicher reinigt der Dampf nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.“ Mit diesen Worten schwang sich Angus von der Holzbank und eilte zielstrebig zur Hintertür.
Loranthus musterte das Relief auf seinem Tonbecher, betastete jede der sanft hervortretenden Weintrauben einzeln, trank sehr langsam einen winzigen Schluck und schmatzte genüsslich.
„Einen besseren Wein findet man selten“, verkündete er mit Überzeugung und begann das Spiel erneut.
Der Wirt strahlte vor Freude über das Lob. „Der ist von unserem Markus hier“, sagte er und tätschelte dessen Rücken.
Markus machte eine ungewollte Verbeugung.
„Aha!“ Loranthus schaute tief in seinen Becher. „Ich muss zugeben, auch die Römer machen süffigen Wein.“
Markus versuchte, ein Lächeln in sein beleidigtes Mienenspiel zu bringen, und grummelte: „Ich freue mich, wenn das ein Kenner sagt.“ Abrupt stemmte er sich von der Bank hoch, marschierte Richtung Hintertür und nuschelte in seinen nicht vorhandenen Bart: „Auch wir waren einmal frei. Freie Insubrer. Und das ist noch gar nicht so lange her.“
Viviane legte den Kopf schief und überlegte, ob zweihundertachtzig Jahre lang waren oder nicht, bis ihr Blick auf Loranthus fiel. Dieser betastete schon wieder das Relief an seinem Becher. Er trank nicht mehr, er nuckelte. Anscheinend wollte er sich vor dem Schwitzbad drücken. Auf seiner Stirn stand geschrieben, dass er den Wirt gleich um ein ganzes Fass Wein bitten würde, natürlich zum Nuckeln, nicht zum Baden.
„Tragen die griechischen Weiber eigentlich ein großes Tuch um den Körper, wenn sie ins Bad gehen?“, fragte Viviane, bevor er den Mund aufmachen konnte.
Verdutzt zog Loranthus die Augenbrauen hoch.
„Oh, ich … ich weiß nicht, wie das bei denen gemacht wird.“
„Also sind bei euch die Weiber und Männer auch getrennt“, stellte Viviane fest und wandte sich mit Hanibu zum Gehen.
Sichtlich erleichtert kam Loranthus nun doch nach.
Das Schwitzbad war nicht groß, aber sehr sauber mit glatt geputzten Lehmwänden und Bänken aus bestem Tannenholz. Ihre Kleider legten sie in den getrennten Vorräumen ab, nahmen sich ein kleines Leintuch und huschten durch die nächste Tür. Lange Zeit genossen sie die wohlige Wärme, ohne zu reden.
Irgendwann wandte sich Angus an Loranthus und sagte lauter, damit auch die Frauen nebenan gut hören konnten: „Du hast einen Statthalter erwähnt. Nun, davon hat jede römische Provinz bloß einen und höchstwahrscheinlich ist der Statthalter von Gallia Belgica gemeint. Diese Provinz liegt uns am nächsten, beginnt gleich hinter dem Rhenus – oder Rhein, wie mancher auch sagt. Von dort bis hierher sind es dennoch etliche Tagesreisen. Also, warum sollten diese Männer derart tief in fremde Gebiete eindringen und sich wahrscheinlich tagelang versteckt halten, nur um eine Kutsche zu erbeuten? Das ist für mich die entscheidende Frage.“
„Mein Reisewagen ist für sich allein schon besonders wertvoll, ein Meisterwerk. Ich habe ihn in Antibes für viel pures Gold erstanden. Und wenn ich an meine Waren denke! Meine Kleider! Selbst die Mäntel waren aus feinstem Gewebe, die Fibeln aus Gold!“
Auf ihrer Seite der Wand spitzte Viviane die Ohren. Der Verlust seiner Habseligkeiten schmerzte Loranthus sehr, das konnte man deutlich hören. Doch Angus fragte ohne eine Spur von Mitleid: „Fibeln aus purem Gold? Das kaufe ich dir nicht ab. Das ist viel zu weich. Du kannst zwar dein feinstes Gewebe damit durchstechen, aber nach ein paarmal Einklemmen hätte sich die Nadel verbogen. Egal, lassen wir das. Mich interessiert mehr, wie deine Tour von Antibes bis hierher war.“
„Oh, die war einfach. Die Pisten waren allesamt breit und gut geschottert, wir haben uns Händlern angeschlossen und stets bei Freunden meines Vaters übernachtet. Bei den Treverern sind wir gleich mehrere Tage in Confluentes geblieben, bei Kalarix, auch ein Freund meines Vaters. Ich sollte unbedingt noch an einem Festessen teilnehmen und von meiner Reise berichten.“
„Das hört sich wirklich einfach an.“ Angus nickte zufrieden und schien zu überlegen.
„Ich war noch nie hinter dem Rhenus, vielleicht sollte ich es doch mal wagen. Diese Freunde deines Vaters, was sind das für Leute?“
„Händler wie er. Mein Vater kennt viele Händler in etlichen Ländern. Er ist seit langer Zeit im Geschäft, das er von seinem Vater übernommen hat und der wiederum von seinem, und so weiter.“
„Dann bist du also sein Nachfolger?“
„Noch nicht. Erst wenn ich von dieser Reise zurückkehre, werde ich das Handelskontor meines Vaters übernehmen und er darf so lange auf allen Meeren herumschippern, bis er nicht mehr die Segel setzen kann.“
„Ein echter Seemann, dein Vater, meine Hochachtung. Und du scheinst klug kalkulieren zu können, mein Freund, sehr löblich. Dein Vater setzt offenbar großes Vertrauen in dich. Um das Geschäft weiter auszubauen, sollst du wohl neue Kontakte mit der rechten Seite vom Rhenus knüpfen?“
„Handelsbeziehungen mit dieser Seite vom Rhenus schaffen …“ Loranthus dachte über die Frage etwas länger nach. „Nun, Angus, mein Freund, das wäre ein nützlicher Nebeneffekt. Meine Reise war jedoch ursprünglich dazu gedacht, die Keltoi kennenzulernen. Ich meine, speziell das Leben der Hermunduren“, fügte er rasch an und schielte Richtung Trennwand, hinter der er Vivianes Ohr vermutete. Wenigstens konnte er ‚Keltoi‘ denken, so viel er wollte. Es war eben einfacher, sie alle über einen Kamm zu scheren – er kämmte sich ja auch nicht jedes Haar einzeln; die unzähligen Stämme, Unterstämme, Clans und Sippschaften gehörten doch sowieso alle irgendwie zusammen. „Ihre Sitten und Gebräuche, ihre Technik, ihre Künste, ihr astronomisches Wissen … das scheint für meinen Vater sehr wichtig zu sein. Er sagt immer, sie verdienten es, als die ‚Großtuenden‘ bezeichnet zu werden, im Sinne von ‚herausragend‘, ‚hochgewachsen‘ oder ‚groß geraten‘, aber auch in anderer Hinsicht. Gemeinhin ist dieser Menschenschlag nun mal größer als andere, größer als wir Südländer zum Beispiel, aber sie dürfen sich auf das, was sie können, tatsächlich etwas einbilden – egal ob Druide, Krieger, Handwerker, Bauer; oder Händler oder Gastwirt, das will schließlich auch gelernt sein.“
Loranthus freute sich über das eifrige Nicken der Männer rundum und fuhr ermutigt fort: „Links vom Rhenus sind die Menschen bereits viel zu stark romanisiert. Obwohl ich der Meinung bin, die römische Ordnung tut den Provinzen und ihren Bewohnern nur gut. Die Clans bekämpfen sich nicht mehr untereinander und so kann im ganzen Land endlich der Wohlstand gedeihen. Überall entstehen Villen, Theater, Foren, Grünanlagen, Bäder, befahrbare Straßen … Die Römer sind ein emsiges, friedliebendes Volk mit Sinn für Kunst und Kultur, sehr zivilisiert. Das haben sie von uns Griechen gelernt.“
Bevor Loranthus den Raum wieder nach Zustimmung absuchen konnte, kam von der anderen Seite der Wand ein lautes Schnauben.
„Emsig! Friedliebend! Ha! Du glaubst tatsächlich, ein Römer trüge auch nur einen einzigen Stein für diese hochgepriesenen Anlagen?! Die sind höchstens die Aufseher! Und die Bauern müssen jetzt nicht nur ihren Königen Abgaben leisten, sondern auch noch den neuen Herren! Natürlich stecken die Könige mit den Römern unter einer Decke, sie büßen ihre Stellung ja nicht ein, solange sie kuschen. Ist ja auch logisch! Wenn die Römer dein Land unterwerfen wollen und du nicht stark genug bist, hast du genau zwei Möglichkeiten. Erstens: Kämpfen und verlieren. Dann siedelt sich ein romtreuer Stamm in deiner Heimat an und leistet Abgaben, während du abtransportiert wirst, um dein weiteres Leben als Sklave zu fristen, falls du noch ein Leben hast und wenn dich überhaupt jemand als Sklave haben will, ansonsten sieht es ganz schlecht aus. Die zweite Option ist, sich freiwillig zu unterwerfen, vollzählig zu bleiben und selbst Abgaben zu leisten, was ich persönlich vorziehen würde, man weiß ja nie, was das Leben noch bringt. So oder so sind die Römer Herrscher über dein Land. Und wenn du dich nicht gegen sie auflehnst, bleibst du höchstwahrscheinlich am Leben, schließlich sollst du ja Abgaben leisten. Solltest du allerdings auf den schwachsinnigen Gedanken kommen, aufzubegehren, darfst du dann eben Sklavendienste leisten oder vielleicht darfst du auch die Löwen in den Arenen füttern.“
Wütend schlug Viviane mit der Faust gegen die Trennwand und grollte: „Was nützt also dem halb verhungerten Bauern das größte Bad aus Marmor mit beheiztem Fußboden, wenn er nicht weiß, wie er seine Abgaben leisten soll und er seine Kinder an die Römer verkaufen muss, nur damit er irgendwann allein auf dem Feld steht und schuftet, bis er tot umfällt? Und seit wann sind die Römer friedliebend?! Das schaffen die ja nicht mal untereinander! Die ermorden ihre Kaiser, wenn der nächste an die Macht will. Die verurteilen ihre fähigsten Krieger als Verräter, weil sie Angst vor deren Führungsqualitäten haben! Die fürchten sich vor ihren eigenen Legionen und deren Heerführern, weil sie eine unglaubliche, unglaubliche Macht haben! In Windeseile können die ihr eigenes Land erobern, und das wissen die schlauen Senatoren sehr wohl!“
Viviane schlug wieder die Faust gegen die Trennwand und brüllte fast: „Sage mir, oh weit gereister Spross einer uralten Händlerdynastie! Wie viele Länder haben sich die Römer in den letzten zweihundert Jahren einverleibt? Und wie viele Unmengen an Gold und sonstigen Abgaben pressen sie aus denen heraus? Kein Römer muss mehr Steuern zahlen! Sie müssen kein Korn mehr anbauen, kein Tuch mehr weben, kein Eisen mehr schmieden, keine Edelsteine mehr brechen! Sogar das Wissen wird geliefert!“
Wieder donnerte Viviane ihre Faust gegen die Wand.
„Du, Grieche, musst es doch am besten wissen! Ein Land, in dem es für die Römer was zu holen gibt, wird bald kein freies Land mehr sein. Sie selbst müssen bloß ihre Plebejer unter der Fuchtel halten, damit die genug Kinder bekommen, damit das Heer immer weiter siegen kann. Das ist schlau durchdacht und funktioniert bestens. Denn wenn sie eines perfekt beherrschen, dann ist es die Kunst des Krieges. Kein Wunder, bei so viel Erfahrung und Tradition!“




