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Viviane wollte noch einmal gegen die Wand schlagen, hielt jedoch inne.
„Ach, und bezüglich Erfahrung: Was meinst du wohl, wie die Römertruppen so schnell von einem Ort zum anderen kommen, um ihr sogenanntes Gallien in Windeseile zu erobern?! Die Straßen waren vorher schon da! Sie haben höchstens welche aufgestockt und breiter gemacht, damit sie noch schneller und trockenen Fußes zur nächsten Unterwerfung kommen. Das ich nicht lache, ha! Deine Bäder und Theater sind Volksverdummung! Nein, das muss ich revidieren, von Kunst und Kultur wird man nicht dumm, im Gegenteil, und ein gepflegtes Bad hat auch noch nie geschadet. Aber was ist mit unserer Kultur, mit unseren Sitten und Gebräuchen? Heilige Hallstätten, heilige Bäume … alles wird geplündert und geschändet, wenn es ihnen zugutekommt. Sie rauben unsere Königsgrabhügel aus für Gold. Sie vernichten unsere Wälder, denn darin könnte sich ein ganzer Stamm Belger oder Treverer oder Noriker oder gar die gesamte Konföderation Helvetia verstecken. Römer lieben Grünanlagen? Ja, selbstverständlich! Die sind ja so viel übersichtlicher als ein Wald, wo man vor lauter Bäumen die Feinde nicht sieht! Es sei denn, die Bäume fallen um, die Feinde stehen da, mit der Axt in der Hand, und die Römer sind platt.“
Nun donnerte Viviane doch noch einmal ihre Faust gegen die Wand und zischte: „Wenn du ein guter Beobachter sein willst, du kretischer H…ändler, musst du weiter sehen als bis zum nächsten Futtertrog!“
Angus pfiff durch die Zähne. Wann hatte Viviane Luft geholt?
„Bei meiner Mutter!“ Loranthus rieb sich den Schweiß aus den Augen. „Jetzt hast du mir aber ordentlich den Kopf gewaschen. Von deiner Warte aus betrachtet, scheine ich eine ganze Menge übersehen zu haben. Du musst wissen, Viviane, meinem Vater war es sehr wichtig, dass ich meine erste Allein-Reise hierher unternehme. Und wenn er wüsste, wie viel Glück ich im Unglück habe …“ Von plötzlichem Heimweh gepackt, wandte er sich um. „Markus, kommst du an einem Hafen vorbei, wo Schiffe nach Kreta auslaufen?“
„An der Mündung des Po fahren ständig Schiffe nach Kreta.“
„Würdest du dort bitte einen Brief für meinen Vater aufgeben. Ich werde dich gut bezahlen und der Seefahrer bekommt von meinem Vater Gold, solides Gold, wenn er den Brief überbringt.“
„Es wird mir eine Ehre sein. Ich bleibe noch bis Beltane hier, um meine Waren für die Heimreise zu erwerben. Mit etwas Glück hat er den Brief bereits in einem Mond und ich könnte dir sogar seine Antwort übermitteln. Ich bin nämlich zu Lugnasad wieder im Lande. Soll ich dir gleich noch ein Fässchen Wein mitbringen?“
„Wein? Das wird ja immer besser! Jetzt bräuchte ich bloß noch etwas zum Schreiben.
Habt ihr etwas Vergleichbares?“
„Vergleichbares?“ Der Wirt gähnte herzhaft. „Für wie dumm hältst du uns? Meinst wohl, wir hätten noch nie was vom Schreiben gehört, nur weil wir nicht das teure Papyrus von Übersee kaufen. Wenn ihr morgen frühstückt, werden sämtliche Schreibutensilien bereitliegen. Danach könnt ihr mit meinem Neffen und seinem Stiefvater über die Werra setzen. Der Junge hat übrigens auch die Hasen gefangen. Er ist sehr geschickt im Schlingen legen, stimmt’s, mein Weib?“
„Oh, ja, das stimmt, mein Bester, und da wir gerade von unsrer Werra reden …“ Auf der anderen Seite machte die Wirtin die Tür des Schwitzbades auf und führte ihre weiblichen Gäste zum Fluss. Die Männer konnten hören, wie sie sich im Wasser abkühlten und mit Seife wuschen. Ja, von ihrer Badestelle aus konnten sie etwas später sogar hören, wie Viviane Hanibu das Zähneputzen mittels Wolllappen erklärte. Was sie nicht hörten, war die leise Frage von Viviane an die Wirtin.
„Warum bist du traurig? Als dein Mann deinen Neffen erwähnt hat, standen Tränen in deinen Augen und du hast kaum einen Ton herausgebracht.“
„Du bist eine gute Beobachterin.“ Verlegen senkte die Wirtin ihre grauen Augen und holte tief Luft. „Der Mann meiner Schwester lag eines Morgens tot im Bett. Stell dir vor, er war erst fünfundzwanzig Jahre alt und strotzte vor Kraft, ist einfach im Schlaf gestorben. Mein Neffe war damals sieben. Meine Schwester wollte lange keinen neuen Mann und führte den Fährbetrieb ganz allein; ein hartes Geschäft für ein zierliches Weib.
Die ganze Zeit über wurde sie heftig von einem unserer Krieger umworben, bis sie schließlich heirateten. Von da an führte er die Fähre. Das ging eine Weile gut, bis er anfing, den Met wie Wasser zu trinken. Er wurde immer jähzorniger. Daran hat sich nichts geändert, solang sie auch hoffte. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Das kleinste Missgeschick meines Neffen bringt ihn in Rage. Er drückt ihn gegen die Wand, brüllt, schlägt oder tritt ihn und wenn meine Schwester dazwischengeht, bekommt eben sie die Wut ab. So verlor sie ihr ungeborenes Kind. Letztens ging es besonders brutal zu und sie hat ihm rundheraus mit Scheidung gedroht. Da ist er mit dem Schwert auf die beiden losgegangen, ich habe sie bis hier herüber schreien hören. Ich glaube, dieser Unhold hat sich nur beherrscht, bis das Probejahr vorbei war. Jetzt kann sie ihn nicht mehr verlassen, es sei denn, sie nennt einen guten Grund. Aber vorher schlägt er sie tot.“
Viviane schürzte die Lippen.
„Er hat zwar die Macht dazu, aber welcher Mann tut das seinem Weib an? Er müsste sich vor dem hohen Gericht rechtfertigen und ein Freispruch wäre ihm nicht gewiss.“ Sie legte den Kopf schief. „Welch eine Misere. Deine Schwester und dein Neffe sind in großer Gefahr. Einem jähzornigen Krieger sind beide nicht gewachsen und wenn man ihnen helfen würde, könnte die Lage durchaus eskalieren.“
„Du sagst es“, flüsterte die Wirtin. „Einmal hat sich mein Mann eingemischt, das war ein schwerer Fehler. Ihm selbst ist nichts passiert, mein Schwager käme auch nicht gegen ihn an, schon gar nicht im Schwertkampf; aber meine Schwester hat seitdem noch mehr zu leiden und mein Neffe erst recht. Darum wissen wir nicht …“ Resigniert hob sie die Hände. „Wir fühlen uns so machtlos.“
„Verstehe. Wenn sich dein Mann noch mal einmischen würde, gäbe es womöglich Mord und Totschlag; am Ende stünde er selbst vor Gericht und würde mit seinem eigenen Leben büßen. Das wäre fatal, ein Desaster sondergleichen. Alles hätte ein Ende, wenn deine Schwester die Scheidung beim Druiden beantragen könnte. Dann wäre sie zu Lugnasad frei und bräuchte nicht mehr in Angst und Schrecken leben.“ Viviane starrte nachdenklich über den Fluss. „Will sie sich denn überhaupt scheiden lassen? Ich meine, du hast gesagt, sie habe ihm damit gedroht, aber will sie es wirklich? Ist sie davon überzeugt, sich von diesem Mann zu trennen?“
„Oh ja, glaube mir, sie ist davon überzeugt. Sie hält es sogar für überlebenswichtig.“ Die Wirtin seufzte und blickte ebenfalls über den Fluss, zu einem kleinen Grubenhaus, vor dem ein Junge die Hühner fütterte.
„Mir tut es leid um ihn. Er gibt sich solche Mühe, dem Raufbold alles recht zu machen, und manchmal ist der auch recht freundlich zu ihm. Dann genügt wieder eine Kleinigkeit und der gute Teil von ihm macht dem bösen Platz. Ich würde alles tun, um so ein liebes Kind zu bekommen. Es würde ihm bei uns gut gehen. Diesen Vorschlag kann ich meiner Schwester natürlich nicht unterbreiten.“
Viviane legte der Wirtin mitfühlend die Hand auf die Schulter. Sie war nicht mehr ganz jung, aber längst nicht zu alt zum Gebären. „Habt ihr denn schon alles versucht?“
„Oh, ja.“ Die Wirtin nickte traurig. „Als wir sicher waren, es würde nicht von selbst, pilgerten wir manchmal zu unserem heiligen Birkenhain. Besonders um Beltane herum soll es Paaren Glück bringen, sich dort auf dem Opferstein zu vereinen. Fünf Jahre lang haben wir das nun schon gemacht, aber es hat nichts gebracht.“
Viviane wiegte den Kopf. „Was man ganz sicher auf dem Stein bekommt, ist abgeschmirgelte Haut, wenn man nicht gerade auf einem dicken Bärenfell liegt.“
Die Wirtin gluckste.
Viviane wackelte mit den Augenbrauen. „Ich kann dir nichts versprechen, allerdings wäre es einen Versuch wert“, überlegte sie und sah lange auf die riesige Hagebuttenhecke.
Die Wirtin nahm flehend ihre Hände. „Ich würde alles tun, um ein Kind zu bekommen.“ „Fürs Erste reicht es, wenn du die Blüten der Hagebutten sammelst, sobald die Zeit gekommen ist. Bereite einen Sud daraus und trinke drei Becher über den Tag verteilt, solange der Vorrat reicht. Lass aber noch ein paar Blüten an den Sträuchern, ihr wollt doch bestimmt noch Marmelade haben.“ Sie leckte sich genüsslich die Lippen und tätschelte ihren Bauch.
Strahlend vor neuer Hoffnung begleitete die Wirtin Viviane und Hanibu zum Grubenhaus.
Als Loranthus eintrat, lagen die Frauen bereits im großen Bett rechts von der Tür und hatten einen kunterbunt karierten Vorhang vorgezogen, der mittels Holzstange von einer Wand zur anderen ging. Gleichmäßiges Atmen war dahinter zu hören, darum ließ er sich leise ins Bett auf der linken Seite fallen, nahm einen betörenden Rosenduft wahr und schlief auf der Stelle ein.
Langsame und schnelle Gegner
Warme Sonnenstrahlen streichelten Hanibus Gesicht und zauberten ein zufriedenes Lächeln darauf.
Viviane musste unwillkürlich selbst lächeln. Sie lag schon eine geraume Zeit wach und bewunderte Hanibus ebenmäßige Züge, die hohen Wangenknochen, die kleine Stupsnase … die dunkelbraune Haut bekam durch die Sonne einen wunderbaren Schimmer, fast wie Perlmutt.
„Ich habe gerade von meinen zwei großen Brüdern geträumt“, seufzte Hanibu und gähnte ausgiebig. „Als Kinder haben wir oft Karthager gegen Römer gespielt. Ich war immer der Römer und wurde gefesselt. Was habe ich mich geärgert! Doch als ich älter war, habe ich mich aus den Stricken befreien können. Sie mussten mich jedes Mal einfangen.
Ich bin ein guter Läufer.“ Hanibu feixte und schaute durch das offene Fenster in die Sonne. Abrupt wurde ihre Miene traurig, sie presste die Lippen aufeinander.
Viviane dachte an ihre Brüder. Diese wilde Horde niemals wiederzusehen … Sie drückte Hanibu fest an sich und trällerte forsch: „Wer weiß schon, was die Zeit noch bringt! Eines Tages siehst du sie wieder und bis dahin, schicke ihnen deine Grüße mit Sonne, Mond und Sternen oder mit dem Wind! So, und jetzt fort mit allem, was drückt! Auf zum Abort!“
Nahe am Fluss zu leben, war ungemein praktisch. Man musste bloß einen Kanal aus Ton bauen, schon konnte man das Wasser umleiten, um seine Notdurft zu verrichten und sauber abzuleiten. Wer auch immer diese geniale Idee gehabt hatte – Viviane bedankte sich aufrichtig bei ihm; bei dem, der das Holzhäuschen darüber gesetzt hatte natürlich auch.
Es gab sogar zwei bequeme Holzsitze, so konnte man ein wenig plaudern.
Am Fluss hängten sie ihre Kleidung an eine sehr praktisch stehende Weide. Dann wuschen sie sich mit der Rosenseife von gestern, nur nicht so ausgiebig, und Hanibu lernte unter großen Mühen das Wort ‚Katzenwäsche‘. Nachsprechen konnte sie es schnell, es zu begreifen fiel ihr allerdings schwer, bis sie zufällig eine Katze entdeckte, die sich putzte. Kichernd trockneten sie sich mit den feinen Leintüchern ab.
Danach kämmte sich Viviane mit einem schön geschnitzten Holzkamm und zog exakt sechs Haare aus ihren üppigen Wellen. Nachdenklich betrachtete sie die spärliche Ausbeute.
Was war bloß mit ihr los? Wenn das so weiter ging, müsste sie für die Zahnpflege bald auf dünne Fäden zurückgreifen wie alle anderen, deren Haare dafür zu kurz oder zu schwach waren, oder sie müsste Haselnussgerten zurechtschneiden, um sich zwischen den Zähnen zu bohren.
Viviane zuckte mit den Schultern. Die Haare im Kamm waren zwar rar, aber dafür lang und kräftig. Sie gab Hanibu die Hälfte ab und zeigte ihr noch einmal, wie man sie zwirbeln musste, um ein prima Zahnseil zu erhalten. Hanibu hatte bereits am gestrigen Abend aufgepasst und zwirbelte geschickt drauflos; sie wusste auch noch, wie sie mithilfe eines winzigen Wolllappens die Zähne polieren sollte. Viviane hatte sogar einen neuen Putzlappen für Hanibu übrig und erklärte leichthin, solcher Kleinkram gehörte zur Grundausstattung eines jeden reisenden Hermunduren. Alte Lappen wurden stets ordentlich gewaschen und getrocknet, bevor sie wieder in die Gürteltasche für Waschzeug durften. Mundhygiene war sehr wichtig. Schlechter Atem war sogar ein Scheidungsgrund.
Hanibu wollte das kaum glauben, doch Viviane meinte es vollkommen ernst und beim Wetzen ihrer hintersten Backenzähne fiel ihr ein, dass sie es gestern Abend schlichtweg vergessen hatte – nicht das Zähneputzen, oh nein, das vergaß sie nie; den ultimativen Scheidungsgrund hatte sie außer Acht gelassen. Das musste sie schleunigst nachholen.
Viviane knickte einen Schilfhalm ab, schob mit dessen Hilfe den dichten Schilfbewuchs auseinander und spähte über den Fluss zu dem kleinen Häuschen. Hanibu begann, ihre Zähne ein zweites Mal zu polieren; sie wetzte, bis es quietschte, und schaute mit durch die Lücke.
Gleich neben dem Häuschen legte gerade die Fähre ab, voller Bauern, die wohl auf dieser Seite des Flusses die Felder bestellen wollten. Es war faszinierend, wie ein so breites und flaches Boot schwer beladen und trotzdem sicher über das Wasser gleiten konnte, wie es ihrer Badestelle immer näher kam. Zum Glück konnte von der Fähre aus niemand sehen, wie sie hier im Wasser standen, die eine mit nachdenklich geschürzten Lippen, die andere mit einem Lappen im aufgesperrten Rachen – ein dichter Schilfgürtel war eben ein prima Sichtschutz.
Abrupt wurde ihre Aufmerksamkeit zur Landseite gelenkt. Viviane und Hanibu rissen die Köpfe samt Putzlappen herum.
Loranthus und Angus steuerten gut gelaunt die Badestelle für Männer an, man hörte sie schon von Weitem.
Ohne lange nachzudenken, gab Viviane ihren Spähposten ‚Fähre‘ auf, bog ein Stück weiter die nächsten Halme auseinander und winkte Hanibu zu sich. Kopf an Kopf lugten sie durch den Spalt. Sie staunten beide nicht schlecht.
Gemächlich schlenderte Loranthus über die Wiese, die Daumen eingehakt in einem Ledergürtel, auf dessen Gürtelschnalle ein Stier eingraviert war; selbst auf den Gürteltaschen rechts und links war dieser Stier zu sehen, hier jedoch ins Leder gepunzt. Dazu trug er ein hellbraunes Hemd, eine gelb-grün karierte Hose und kniehohe Stulpenstiefel aus weichem Leder. Die Kleidung musste von Angus sein, denn er hatte eine ähnliche Statur, wenngleich er auch viel muskulöser war. Loranthus wusste wahrscheinlich gar nicht, wo sich seine Muskeln versteckten, trotzdem konnte er jetzt als Einheimischer durchgehen – falls er seinen Mund hielt. Eine Gans, die zu schnattern aufhörte, war allerdings wahrscheinlicher.
Viviane und Hanibu kicherten, denn gerade in diesem Moment hörte eine Gans mit dem Schnattern auf. Mit weit ausgebreiteten Flügeln zischte sie aus dem Uferschilf heraus, sie war eindeutig im Angriffsmodus. Loranthus hüpfte ängstlich hinter Angus, der kramte hastig in einer Gürteltasche und warf ein paar Brotkrümel. Besänftigt ließ sich die Gans wieder auf ihrem Nest nieder und Angus bedeutete seinem Hintermann, er habe nun kein Brot mehr, um ihn noch einmal zu retten. Loranthus sah jedoch kaum hin, er hielt die Nase in den Wind und schnupperte, dann komplimentierte er Angus ziemlich hastig im großen Bogen um den Brutplatz herum zur Badestelle der Männer.
Viviane und Hanibu wussten genau, warum er es mit dem Waschen plötzlich so eilig hatte. Vom Gasthaus wehte ein herrlicher Duft nach geröstetem Brot herüber. Verschmitzt grinsten sie sich an: Wie gut, dass sie längst sauber waren und ihre Kleidung griffbereit.
Genüsslich strichen sie Butter auf ihre warmen Brotscheiben und sahen zu, wie diese einsickerte, bevor sie Hagebuttenmarmelade daraufgaben und hineinbissen. Sie schafften es sogar noch, eine Schale Haferbrei mit getrockneten Apfelstücken und einen Becher Ziegenmilch zu leeren, bevor Loranthus ins Gasthaus stürmte, dicht gefolgt von Angus und Markus.
Wider Erwarten fiel Loranthus nicht sofort über das Essen her, sondern bedankte sich bei Markus und hängte einen dicken braunen Mantel an der Kapuze auf. Danach beäugte er die Getränke: Ziegenmilch in einem Holzkrug und frisch gerösteter Eichelsud in einer schwarzen Karaffe. Diese war mit einem tiefgehenden Relief aus Spiralen und einem Deckel aus Silber versehen, auf dem wiederum die Figur eines aufsteigenden Adlers, ebenfalls aus Silber, prangte.
„Das ist ja ein Meisterstück von einer Karaffe“, schwärmte Loranthus und seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Begeistert klappte er den Deckel auf, schnupperte genüsslich und klappte ihn wieder zu. „Und dieser schwarze Ton erst noch! Die Farbe kommt von Grafit, das man dem Ton beimischt“, erklärte er den Anwesenden, die allesamt nickten, weil sie die Münder voll hatten. „Grafit macht Getöpfertes bruchsicher.
Selbst das tiefe Relief tut dem keinen Abbruch.“
Achtung heischend hielt er die Karaffe in die Höhe, damit alle gut sehen konnten. Er kam gar nicht auf den Gedanken, dass sich die Anwesenden mindestens genauso gut mit Töpferwaren auskannten wie er oder sich die Becher mit heißem Eichelsud füllen wollten. Nein, er fuhr die Rillen der vielen eingeritzten Spiralen mit dem Zeigefinger nach und wirkte fast wie hypnotisiert, bis sein Finger auf dem silbernen Deckel anlangte und über den kleinen Adler strich.
„Bei den Chimären, wie konnte ich das übersehen! Der hat ja Löwentatzen und einen Löwenschwanz!“ Ungläubig tippte er auf die Schwanzquaste.
„Daran musst du dich hierzulande gewöhnen, wir haben unseren eigenen Sinn für Kunst“, riet ihm Markus zwischen zwei Löffeln voll süßem Brei. „Kunst kommt von Können und wenn einer das Kunsthandwerk beherrscht, dann sind wir das.“
„Das kannst du glauben“, tönte der Wirt und warf sich so stolz in die Brust, als hätte er höchstpersönlich für den Adlerlöwen Model gestanden. „Er hat übrigens auch eine Löwenmähne, schau genau hin.“
Viviane butterte ihre dritte Scheibe Brot und nickte in Richtung der Burg.
„Die Karaffe ist nicht nur Kunsthandwerk, sie hat auch symbolischen Wert. Vor einiger Zeit haben sich zwei große Königshäuser vereint, das eine mit einem Löwen als Wappentier, das andere mit einem Adler. Seitdem ist dieser Adlerlöwe das Symbol von Aodhrix. Sein Clan wählt ihn jedes Jahr aufs Neue zum König, einstimmig wohlgemerkt. Er hat einfach alles, was ein guter König braucht.“
„Ach. Was braucht man denn so alles, wenn man König sein will in deinem Land?“
Viviane sah Loranthus geheimnisvoll an.
„Wissen, Weisheit und Gedenken.“
„Interessant.“ Loranthus nickte verständnisvoll – jedenfalls hatte er akustisch alles verstanden. Aber deshalb war er ja hier, um dieses rätselhafte Land zu erkunden. Sein Vater hatte allerdings keine Ratespiele im sprichwörtlichen Sinne gemeint, oder? So oder so, er musste sich erst einmal stärken. Gierig fiel er über alles her, was auf dem Tisch stand.
Viviane und Hanibu staunten, wie schnell er ihren Vorsprung wettmachte.
Gerade schaufelte er den dritten Nachschlag Haferbrei mit Apfelstücken in sich hinein, da deckte der Wirt den Nebentisch.
Neugierig reckte Loranthus den Hals und überlegte, was es wohl noch zu essen gäbe, auch wenn er ja eigentlich satt war – prompt verfehlte der Löffel seinen Mund und er musste hastig zuschnappen, um den süßen Brei noch zu erwischen – eine körperliche Meisterleistung, denn seine Augen ließ er nicht vom Nachbartisch.
Dort gab es zwar nichts zu essen, aber eine Auswahl an Schreibzeug – Loranthus wusste gar nicht, wie ihm geschah.
„So viele Schreibutensilien“, seufzte er glücklich und nun hielt ihn nichts mehr auf seinem Platz. Wie ein Adler stürzte er sich auf seine Beute – nein, eher wie ein Geier, schließlich war die Beute schon tot. „Pergament in drei verschiedenen Stärken und Farbnuancen! Ich fasse es nicht! Mit Punkten, mit gepunkteten Linien, ohne Punkte …“ Prüfend hielt er sämtliche Pergamentblätter der Reihe nach in die Höhe. „Beste Qualität und akkurat zugeschnitten. Sehr fein. Und diese Schreibgriffel erst noch! Dermaßen spitz!“
Fast ehrfürchtig griff er nach den Schreibgriffeln und besah sie sich genauer.
Der erste war ein dünnes Schilfrohr mit einer angeschrägten Seite.
„Damit kann man durchaus ordentlich schreiben.“
Der zweite war ein dünnes Kupferrohr, eine Seite ebenfalls schräg zugespitzt.
„Damit kann man noch besser schreiben!“
Der dritte war ein schlankes Röhrchen aus Silber und so spitz zulaufend, dass man damit nicht nur winzig klein schreiben konnte – man konnte es auch bewundern, denn es war von einem hauchdünnen, in sich selbst gewundenen Silberdraht umflochten.
„Das ist ja ein Kunstwerk, ein Meisterstück! Solch filigranes Schmuckwerk auf einem Schreibgriffel habe ich noch nie gesehen! Und er liegt prima in der Hand!“ Begeistert wirbelte er den Griffel mit den Fingern durch die Luft. „Oh, und diese hübschen bauchigen Tonfässchen!“ Ohne den silbernen Griffel aus der Hand zu legen, zog er die knubbeligen Holzpfropfen aus den Fässchen und lugte hinein. „Aha. Eines mit roter und eines mit schwarzer Tinte. Wieso?“
Fragend sah Loranthus in die Runde.
„Ist das in deiner Heimat nicht so?“, fragte der Wirt. „Die rote Tinte ist für die Ausgaben, die schwarze für die Einnahmen. Das gilt bei uns überall, nicht nur in Gasthäusern. Alle führen auf diese Weise ihre Finanzen; natürlich ist es am besten, wenn die schwarzen Zahlen größer sind als die roten.“
„Und ich dachte …“ Loranthus schob die Unterlippe vor, klemmte den Griffel zwischen kleinen Finger und Ringfinger und sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. Unschlüssig zuckten seine Augen zwischen den Tonfässchen hin und her.
„Wenn du nur schreiben willst, ist es natürlich egal, welche Farbe du nimmst“, versicherte der Wirt und machte eine einladende Handbewegung. „Ich habe von beiden genug. Suche dir einfach aus, was du brauchst, ich mache dir einen guten Preis und setze es mit auf die Rechnung.“
„Hast du noch mehr von diesem Honigfarbenen ohne Punkte?“ Loranthus hielt das dünnste Pergament hoch und strich fast liebevoll darüber.
„Ja, aber das ist fünfmal teurer als die anderen beiden zusammen.“
„Mir egal, diese Zeche bezahle ich gerne.“ Loranthus streichelte seinen Bauch. „Ich nehme alles, was du entbehren kannst und dieses Kunstwerk noch dazu.“ Strahlend wirbelte er den silbernen Griffel um die Finger, warf ihn von einer Hand in die andere und freute sich, wie hoch er fliegen konnte. „Und die Tinte nicht vergessen! Bitte auch so viel, wie du entbehren kannst, beide Farben, wenn möglich.“
Der Wirt eilte davon, alle anderen starrten auf Loranthus, der so zufrieden wirkte wie ein Kater, der eine besonders fette Maus gefressen hatte; vielleicht hätte der sich auch so den Bauch getätschelt. Rasch stopfte er sich seinen restlichen Brei in den Mund, kippte zwei Becher heißen Eichelsud hinterher und konnte sich nun voll und ganz um seine Belange kümmern.
Als der Wirt mit einem kleinen Stapel Pergamentblätter und vier Tintenfässchen zurückkam, war Loranthus schon eifrig mit dem Bericht für seinen Vater beschäftigt. Die Stirn gerunzelt und die Zunge zwischen den Zähnen, verschönerte er das honigfarbene Pergament mit griechischen Zeichen in roter Farbe.
Keiner konnte sein Geschreibsel lesen, was nicht unbedingt an der Entfernung, in der sie zu ihm saßen, sondern eher an der Geheimschrift lag, die er verwendete. Dennoch beobachteten ihn alle neugierig und überlegten, was er wohl schrieb, bis er laut mit der Zunge schnalzte und den Griffel resolut weglegte. Gerade hatte er sich selbst die Frage, ob er seinen Vater um neue Dokumente bitten sollte, mit ‚Nein‘ beantwortet und war nun früher fertig als gedacht. Sanft blies er über sein Geschriebenes und nickte zufrieden. Wozu sich eine Blöße geben? Bei seinen Beziehungen konnte er sich auf dem Heimweg in jeder römischen Schreibstube neue Dokumente ausstellen lassen.
Geschäftig griff er nach Kerze, Siegelwachs und seinem rechten Mittelfinger, doch an dem war kein Siegelring mehr.
„Nun, es wird auch anders gehen.“ Er gluckste, blies noch einmal über das Pergament und faltete gut gelaunt die Ecken übereinander.
Er war gerade dabei, einen dicken Klecks Wachs mit einer großen Goldmünze breit zu drücken, als die Tür aufging und ein Junge von vielleicht zwölf Jahren hereinkam. Seine hellbraunen Haare waren zu einem langen Zopf geflochten und sein schmächtiger Körper steckte in hellbrauner Arbeitskleidung, die, etwas zu groß, an ihm herumschlackerte.




