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Nachdem er die Wirtsleute liebevoll umarmt hatte, trat er an den Gästetisch und grüßte fröhlich in die Runde.
„Guten Morgen, ihr lieben Leute! Die Fähre ist sogleich bereit. Ich helfe euch gerne mit dem Gepäck.“
Automatisch grüßten alle strahlend zurück und Viviane verstand, warum die Wirtin derart von ihrem Neffen geschwärmt hatte. Sein freundliches Lächeln wirkte wahrhaftig wie eine Sonne am wolkenlosen Himmel und seine graublauen Augen verrieten eine Intelligenz, die ihresgleichen suchte. Obwohl seine Arme recht dünn waren, zeichneten sich unter dem Hemd starke Sehnen ab.
Leider war Viviane noch etwas aufgefallen: An seinem Hals befanden sich rot-violette Streifen, eindeutig Würgemale, noch dazu nahe am Kehlkopf; sie konnte sogar die Fingerabdrücke erkennen, die den Bluterguss verursacht hatten. Wie beiläufig zog er sein Hemd ein Stück höher und im Hinausgehen wollte er wohl auch verbergen, dass sein linkes Bein beim Auftreten schmerzte, doch ihrem geübten Blick entging nicht, wie er humpelte.
Die Wirtin brachte Loranthus noch seine und Hanibus frisch gewaschene Kleider und er streckte eine goldene Drachme in die Höhe, die Münze, die er statt seines Siegelrings benutzt hatte.
„Das ist eine Sonderprägung. Pures Gold wohlgemerkt. Ein alter ‚Ptolemaios der Dritte‘. Über zweihundert Jahre in Familienbesitz. Total wertvoll. Ein echtes Sammlerstück. Seht mal, wie schön sie funkelt!“
Loranthus fuchtelte mit der Goldmünze, die blitzte und blinkte, sodass jeder im Raum sofort wissen wollte, wie dieser ‚Ptolemaios der Dritte‘ wohl ausgesehen hatte. Mit großer Geste winkte Loranthus sämtliche Bewunderer heran und hielt tatsächlich die Münze still.
„Das ist doch viel zu viel“, jammerte der Wirt und raufte sich die langen Haare zur roten Löwenmähne. „Wie soll ich das bloß wechseln?!“
„Ach.“ Loranthus winkte gönnerhaft ab. „Gib mir einfach hiesige Stater. Hauptsache, es sind schöne Prägungen, ich sammle nämlich Währungen.“ Zur Demonstration schüttelte er seine rechte neu erworbene Gürteltasche, in der es fröhlich klingelte. Offenkundig hatte er bereits bei seinen anderen Geschäften mit Angus und Markus viel Wechselgeld erhalten. Die beiden nickten jedenfalls wie zur Bestätigung, und Markus wuchs regelrecht in die Höhe, als er Loranthus’ Brief entgegennahm.
„Der Handel gilt“, jauchzte der Wirt und kramte eifrig in seiner eigenen Gürteltasche nach einem Vollstater, bis ihm bewusst wurde, dass er gerade schüsselförmiges Gold gegen plattes Gold tauschen wollte – Loranthus hatte ihn mit seinem Gerede von der Sonderprägung ein wenig zu freigiebig gemacht. Schnell steckte er die große Goldmünze wieder weg und kramte nach Silber und Bronzemünzen, wobei sein Blick den seiner Frau traf.
„Ach, weil du so ein guter Gast bist und ich deine hübschen Begleiterinnen vielleicht sonst nie getroffen hätte …“ Der Wirt lächelte Hanibu an und verneigte sich tief vor Viviane. „… hast du hier noch einen Viertelstater und einen Vierundzwanzigstelstater extra dazu, lauter hübsche Prägungen, die dürften dir gefallen.“
Da es nun wieder etwas Neues zu sehen gab, scharten sich alle Neugierigen erneut um Loranthus.
Viviane wusste natürlich, wie die kleineren Stater aussahen, denn sie hatte insgeheim schon für sich selbst die Zeche bezahlt, und zwar mit denselben Statern, die nun in die griechischen Hände weiterwanderten. Schmunzelnd nahm sie die Hände der Wirtin in ihre und flüsterte: „Alles Gute wünsche ich euch und ein fröhliches, weiches Beltane.“
„Deinen Namen werde ich mir merken, Viviane, vielleicht brauche ich ihn eines Tages“, flüsterte die Wirtin verschwörerisch zurück.
Viviane grinste verschmitzt und hob die Hand zum Abschiedsgruß.
In Windeseile waren ihre Pferde reisefertig und standen nun als Erste auf den dicken Eichenbohlen der Fähre. Viviane freute sich über den staunenden Blick von Loranthus, als darauf auch die großen Fuhrwerke der Händler noch genug Platz fanden. Mit sicherer Hand machte der Junge die Taue los und stieß die Fähre ab. Viviane winkte ein letztes Mal in Richtung der Wirtsleute, dann schlenderte sie zu ihm hinüber.
„Deine Tante hat gesagt, dein Stiefvater würde die Fähre führen. Ich sehe ihn jedoch nirgendwo.“
Der Junge schnaubte verächtlich und schaute zu ihr hoch. „Der schläft da drüben unter der großen Weide seinen Rausch aus.“ Er hob den rechten Arm, zuckte zusammen und zeigte leicht verzögert auf einen Baum, der am gegenüberliegenden Ufer nahe der Anlegestelle stand.
Viviane überlegte, wie viele Schritte sie wohl vom Bootssteg bis zur Weide brauchen würde, vielleicht neunzehn oder zwanzig, höchstens zwei Dutzend. Sie konnte erahnen, wie der Junge hinter ihrem Rücken seinen rechten Arm vorsichtig an sich drückte. Ruhig drehte sie sich zu ihm um und schaute in sein verbissenes Gesicht. Sie musste sich ein wenig bücken, denn er war fast zwei Köpfe kleiner als sie.
„Wie ist dein Name?“
„Ich bin Usheen.“
„Usheen, sehr fein. Wenn du es einmal leid bist, kleines Hirschkalb, die Arbeit für einen Trunkenbold zu erledigen, kannst du eine Lehre in meinem Clan machen, im Clan des edlen Cernunnos. Unsere Gegend würde dir bestimmt gefallen. Auf dem Dietrichsberg befindet sich die beste Schule für Eisengießer und Schmiede weit und breit. Wir haben auch noch mehr Handwerkskunst zu bieten.“
„Das sehe ich!“ Usheen strahlte Viviane an. Begeistert zeigte er auf ihre Schuhe und ihre großen Ledertaschen.
„Wir sehen uns bestimmt zu Lugnasad. Bis dahin überlege ruhig mal. Alt genug bist du ja schon, denke ich.“
„Ich werde morgen zwölf Jahre.“ Stolz machte er sich gleich größer.
„Das passt ja wunderbar. Möchtest du beim Anlegen meine Stute halten? Sie heißt Dina und ist eine ganz liebe Freundin von mir. Ich müsste nämlich zuerst mit meinem Hengst ans Ufer. Er heißt Arion, und manchmal gebärdet er sich ein bisschen toll; nicht aus Bosheit, oh nein, aber er kann ganz schön bocken. Natürlich bekomme ich ihn stets gebändigt, jedoch sollten sich andere Leute keinesfalls in seine Nähe wagen. Keinesfalls, verstehst du?“
„Dein Hengst hat Allüren? Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht.“
Zweifelnd sah Usheen zu Arion hinüber, der ganz ruhig dastand, als wäre er die Seefahrt gewöhnt. Allerdings war es wirklich nicht ratsam, einen Tritt von seinen langen Beinen abzubekommen. Die Aussicht, die Stute halten zu dürfen, war dagegen sehr verlockend; sie machte einen äußerst braven und wohlerzogenen Eindruck.
Freudig willigte Usheen ein und zeigte wieder sein Sonnenscheinlächeln.
Viviane lächelte zurück, ging um Dina herum und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Stute schnaubte, als würde sie antworten, und bekam prompt die lange silberne Mähne gestreichelt. Viviane nickte Usheen noch einmal dankend zu und stellte sich neben Arion.
Auch ihm raunte sie ins Ohr. Es sah beinahe so aus, als würde sie dem Hengst etwas erklären, fand Usheen, denn sie zeigte auf seinen Stiefvater neben der Weide und taumelte dabei nach links und rechts, dabei war die Werra heute ganz ruhig.
Der Hengst beobachtete sie sehr genau und – nickte?
Für einen Moment tauchte ein verschlagenes Grinsen in seinem Pferdegesicht auf. Usheen blinzelte heftig, Viviane hatte ihm eindeutig den Kopf verdreht. Seine Arbeit litt jedoch nicht darunter. Im Gegenteil, er wollte ihr beweisen, wie gut er sich als Fährmann machte. Besonders das Anlegen beherrschte er wie kein Zweiter, auch wenn ihm der rechte Arm mächtig wehtat. Mit flinken Fingern schlang Usheen die Halteleinen um die dicken Eichenpfosten und huschte hinüber zu Dina.
Viviane bedankte sich bei ihm mit einem hinreißenden Lächeln und führte Arion über den Anlegesteg; bereitwillig ging er neben ihr her, ohne das geringste Bocken. Am Ufer angekommen, sahen beide zurück, Viviane hob die Hand und schwenkte sie ein Stück herum.
Usheen wollte gerade den Gruß erwidern, da stellte sich Dina auf der Fähre quer und er wurde von ihr mitgezerrt. Doch niemand interessierte sich dafür, ob Dina nun den Ausgang blockierte. Die Männer schienen noch nicht einmal bemerkt zu haben, dass sie am anderen Ufer angelangt waren. Wie gebannt starrten sie allesamt auf Hanibu, die redete, mit ihren Armen seltsame Wellenbewegungen machte und ihre Hüften kreisen ließ. Anscheinend erzählte sie etwas sehr Spannendes und niemand dachte ans Aussteigen. Fahrgäste für die Rückfahrt waren auch nicht in Sicht. Usheen zuckte mit den Schultern. Er war es gewohnt zu warten. Umso besser konnte er nun Viviane hinterherschauen.
Entspannt ging sie vor ihrem großen Hengst her. Ja, beide schlenderten gemütlich über die Wiese Richtung Weidenbaum, als ob nun keinerlei Gefahr mehr drohte, kein Bocken, keine tollen Allüren …
Keine Gefahr? Was dachte er sich eigentlich?! In sieben, acht Schritten waren sie an der Weide! Usheen schlug sich die Hand vor die Stirn und riss den Mund auf. Am liebsten hätte er gebrüllt, das sei der falsche Weg, Viviane solle einen weiten Bogen machen, solle sich keinesfalls in die Nähe der Weide wagen, aber er wollte seinen Stiefvater nicht wecken. Der war noch viel gefährlicher als ein bockendes Pferd, zumal er mit Lang- und Kurzschwert bewaffnet war.
Unbewusst duckte sich Usheen hinter Dina und hoffte inständig, seine neue Freundin würde leise an der Weide vorbeischleichen; gleichzeitig beschlich ihn ein ungutes Gefühl – er verstand nicht, wieso sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete und sogar den Hals reckte.
Viviane betastete ihre torqueslosen Hals und musterte den schlafenden Mann höchst aufmerksam.
Vor Jahren musste er einmal sehr stark und gut aussehend gewesen sein, doch jetzt war sein Gesicht aufgedunsen und seine Muskeln waren einer dicken Fettschicht gewichen. Das einzig Brauchbare an ihm waren seine beiden Schwerter, doch die würden ihm nicht viel nützen, da ihm mit jedem Schnarcher auch ein schaler Geruch entwich – halb verdauter Met. Es war einfach widerlich.
Am liebsten hätte Viviane die Luft angehalten, doch sie war bis auf sieben Schritte herangekommen, um etwas Besseres zu tun.
Leicht zupfte sie am Halfter und wirbelte ihren rechten Zeigefinger mit Schwung aufwärts – die Aufforderung zum ‚wilden Hengst‘, Arions Lieblingsspiel. Er spitzte sogleich die Ohren und stellte sich auf die Hinterbeine. Je mehr sie mit dem Finger dirigierte, desto mehr trat er mit den Vorderbeinen durch die Luft.
Grinsend tänzelte Viviane rückwärts und Arion steigerte sich zu Höchstleistungen, denn wenn sie hüpfen konnte, dann konnte er das schon lange. Beide hatten mächtig viel Spaß. Unter lautem Wiehern näherten sie sich dem Schläfer an der Weide.
Bei diesem Lärm drehten sich die Männer auf der Fähre nun doch um und erstarrten vor Schreck. Angus bewegte sich als Erster.
Fluchend sprang er zu Dina, packte ihr Halfter und wollte sie aus dem Weg zerren, doch es ging nicht. Die anderen kamen ihm zu Hilfe und zogen, schoben, drückten – Dina war stärker. Angus wollte unter ihr durch – Dina war schlauer. Sie konnte prima auf zwei bis drei Beinen die Stellung halten und zugleich ausschlagen, zuschnappen, mit dem Schweif peitschen und böse starren – Angus konterte mit Schimpfwörtern, die jedes standhafte Schlachtross beleidigt hätten, und starrte noch bockiger zurück.
Usheen fühlte sich genötigt, den Blick von Viviane zu lösen und beschwichtigend auf Angus einzureden, der nun todesmutig auf Dina klettern wollte – nur so konnte man an dieser „Furie von einer Mähre!“ vorbeikommen. Markus hatte gefälligst beim Aufsteigen zu helfen und wusste nicht, vor wem er mehr Angst haben sollte: Dina oder Angus.
Durch Zufall sah Viviane Angus’ gebleckte Zähne und hätte beinahe laut losgelacht, doch sie wollte Arion nicht durcheinanderbringen; sie war sich durchaus bewusst, was sie hier für ein gefährliches Spiel trieb. Diese speziellen Kunststücke hatte sie ihm nicht selbst beigebracht, die waren inklusive gewesen, als sie Arion geschenkt bekommen hatte.
„Brav, mein Großer, brav“, redete sie ruhig auf ihn ein. „Nun ist es gut. Komm wieder runter und … Schluuuss.“
Alle auf der Fähre seufzten erleichtert, als Arion gehorsam die Vorderbeine aufstellte, doch schon mussten sie wieder scharf Luft holen.
Arion stand zwar mit allen vieren auf der Wiese und war ruhig, aber nun taumelte Viviane rückwärts. Anscheinend hatte er sie angerempelt – ob mit Absicht oder aus Versehen, hatte keiner gesehen. Fakt war: Sie kippte in arge Schräglage, ruderte hektisch mit den Armen und griff mit fliegenden Fingern durch die Luft, als wollte sie sich selbst Aufwind verschaffen – prompt wieherte Arion los und trampelte so wild auf der Stelle, als fände er das zum Verrücktwerden komisch.
Bei dem irren Lärm, den er veranstaltete, wachte der Mann unter der Weide nun endlich, endlich auf und schielte schlaftrunken durch die Lider. Ehe er sich versah, stolperte Viviane rückwärts über seine Füße und brachte ihn zum Aufjaulen, da sie mit voller Wucht auf seinen Oberschenkeln landete, mit beiden Ellenbogen voran.
Arion ließ seine lange Silbermähne fliegen und stampfte noch ein letztes Mal auf, weil Viviane mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis formte – das Zeichen für ‚gut gemacht‘. Das gab sie immer, wenn sie mit ihm zufrieden war. Wenn er gekonnt hätte, hätte er das Zeichen gerne zurückgegeben, denn auch sie war recht geschickt im Tollen – fast so gut wie er.
Tollpatschig drückte sie ihrem ausgewählten, gut gepolsterten Landeplatz die Ellenbogen nun in die Rippen. Ihre Hand rutschte über seinen Hals und würgte ihm die Luft ab, hastig riss sie die Finger weg und packte stattdessen seinen Unterarm … Sie rammte ein Knie in seinen linken Oberschenkel und schrammte mit dem anderen über das rechte Schienbein. Der Mann war währenddessen zu keiner Bewegung fähig, außer mit Händen und Füßen ein klein wenig zu zappeln. Und er konnte noch brüllen: „Run…ter v…on mir, du ver…dammtes W…eib!“
„Welch missliche Lage“, lallte Viviane und stammelte etliche, allesamt schlecht verständliche Entschuldigungen, weshalb die Lage weiterhin misslich blieb, obwohl sie sich ehrlich beeilte.
Kein Wort war gelogen. Sie beeilte sich wirklich, schön schmerzhaft auf die verschiedensten Stellen zu drücken, schließlich wollte sie wissen, wie kräftig ihr zukünftiger Gegner war, bevor sie sich ans Werk machte. Endlich ließ sie es gut sein und kam wieder auf die Füße.
Sofort stellte sie sich neben Arion, tätschelte seinen Hals und schmiegte ihre Wange an seine Mähne. Von dort konnte sie gut sehen, wie dem Mann mit frappierender Geschwindigkeit die Zornesröte ins Gesicht stieg.
„Das Fass ist voll!“, brüllte er und seine rechte Halsschlagader schwoll gefährlich an.
„Was soll die traute Zweisamkeit?! Erst wälzt du mich wegen dieser Schindmähre platt und jetzt lobst du das Biest auch noch?! Bist du schwachsinnig, Weib? Oder bist du so irre wie das Vieh hier? Ich mach der alten Mähre den Garaus! Jetzt auf der Stelle!“
Wild mit den Armen fuchtelnd versuchte er, sich hochzuhieven, und wälzte mit seinem Hinterteil das Gras unter der Weide platt. Das war das Einzige, was er ‚jetzt auf der Stelle‘ hinbekam; Viviane musste ihr Gesicht in Arions Mähne verstecken, bis sie es schaffte, mit dem Grinsen aufzuhören.
„Was? War? Das?“, fragte sie einen Atemzug später mit drohendem Unterton und drehte sich langsam zu dem Schreihals um. Gut sichtbar ließ sie ihr Mienenspiel von erstaunt zu beleidigt wechseln, blieb bei ‚was für ein Trottel‘ stehen und wählte dazu die passende Stimmlage.
„Das ist ein Hengst und keine Stute. Bist du betrunken, du da unten, oder kennst du den Unterschied nicht? Oder siehst du schlecht? In diesem Fall lass dir sagen: Mein Arion ist ein Guter. Ab und an bekommt er gern leichte Allüren. Aber – wie du sehen kannst, falls deine Augen doch was taugen – ich habe alles im Griff.“
Provokant grinsend hob sie die Hand mit den Zügeln und reckte das Kinn. Wie erwartet, versuchte sich der Mann nun wieder auf die Füße zu stemmen, was diesmal auch gelang. Allerdings dauerte es reichlich lange, weil seine Augen ständig den tödlichen Blick suchten und sich dabei in die Quere kamen. Schließlich hatte er es geschafft, sich in voller Größe vor ihr aufzubauen, und konnte sehr gefährlich geradeaus gucken. Bestens. Er war nur etwas größer als sie, dafür dreimal so breit und von oben bis unten angriffslustig, wie erhofft. Die Finger um seine Schwertgriffe gekrallt, schäumte er regelrecht vor Wut und sein Gesicht war eine einzige Grimasse. Seine wässrig-blauen Augen zuckten wie irre zwischen vielen roten Flecken – seine Nase war der größte davon.
„Arion?!“, johlte er und spuckte ein bisschen. „Habe ich richtig gehört? Wie kann man so dumm sein und ein graues Pferd Arion nennen! Bist du betrunken oder kennst du den Unterschied nicht? Oder siehst du schlecht? In diesem Fall …“
Vivianes Augen wurden schmal. Sehr, sehr schmal.
„Willst – du – mich – beleidigen?! Du Rotnase, du Trunkenbold!“
Knurrend stemmte sie die Hände in die Hüften und trat an ihn heran. Jedes Wort betonend, fauchte sie: „Wer beim nächsten Lugnasad nicht mehr in den Maßgürtel passt, sollte keine großen Töne spucken. Ich an deiner statt würde weniger Met saufen und mich mehr bewegen, anstatt zu schlafen. Dann bleibt dir die Demütigung vor versammelter Mannschaft vielleicht erspart, du … du ranzige Speckschwarte!“
Angeekelt rümpfte sie die Nase und konnte gut erkennen, wie es in ihm brodelte. Sie musste ihm nur noch ein kleines bisschen mehr einheizen. Hochmütig warf sie die Haare zurück, drehte sich um und stolzierte mit Arion Richtung Ufer – gemächlich wohlgemerkt, sie wollte ja nicht im Wasser landen.
„Bleib stehen, du Furie! Steh, sage ich! Das wirst du mir büßen! Niemand beleidigt mich ungeschoren! Dreh dich gefälligst um, wenn ich mit dir rede, du hochnäsiges Weib! Du dürre Kuh! Du hässliche alte Meckerziege!“
Viviane hätte beinahe gekichert. Grinsend führte sie ihre Hände den Mantel hinauf zu der Stelle, wo die Filzwolle zusammengehalten wurde, nahe der linken Schulter, wie es für Rechtshänder günstig war. Ihre Finger tasteten über die große eiserne Fibel in Form eines Pferdes und sie dachte daran, wie ihr Vater diese Gewandschließe extra geschmiedet hatte, als sie von zu Hause wegging – damals, vor fast sechs Jahren. Mit einem Griff öffnete sie die Nadel und legte beides, Mantel und Fibel, auf den Sattel. Nun war sie bereit.
„Bleib“, befahl sie Arion und senkte bedeutsam den Zeigefinger. Abrupt drehte sie sich um, nahm ihre Beute ins Visier und ging langsam darauf zu.
„Du krakeelst wie ein alter Dachs mit Zahnschmerzen. Kein Wunder, wenn du sabberst.
Ja, guck dich an, wie du aussiehst … so gesund wie ein Fliegenpilz. Wisch endlich den Geifer ab, ist ja eklig.“ Viviane rümpfte die Nase und wedelte sich frische Luft zu. „Und wie du aus dem Maul stinkst … merkst du das nicht oder hast du keinen Putzlappen?
Bist wohl ein zahnloses Hutzelweib?!“
„Was bin ich?!“ Brüllend riss er sein Kurzschwert aus der Scheide und stieß nach ihrer Kehle. Bloß, da war nichts mehr zum Aufschlitzen.
Bevor er begriff, packte Viviane seinen Schwertarm, schlug ihm die Waffe ab und warf den Rest von ihm über ihre Hüfte. Dumpf landete er im Gras, doch zum Stöhnen blieb ihm keine Zeit. Viviane hielt immer noch seinen Arm umklammert und zog ihn übers Knie, ein grässliches Knacken ertönte und ein Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte.
„Sag ich doch, wie ein alter Dachs, jetzt allerdings mit Armschmerzen.“ Viviane trat zurück und wartete.
Dass er weiterkämpfen wollte, hatte sie nicht erwartet, aber sein Blick sagte genau das.
Natürlich war seine überschäumende Wut von Vorteil, sie durfte nur nicht seinen Kampfgeist unterschätzen. Sobald er sich auf die Beine gestemmt hatte und seinen nutzlos herabhängenden Unterarm befühlte, sprühten seine Augen förmlich Todesflüche zu ihr herüber. Wuchtig holte er mit dem rechten Bein aus.
In ihre Magengrube wollte er treten? Na, da musste er früher aufstehen.
Sie brauchte sich kaum bewegen, um sein vorstoßendes Fußgelenk zu packen und das dazugehörige Schienbein zu zerschmettern. Seitwärtsdrehungen mit Handkantenschlägen gehörten zu ihren Spezialitäten, egal in welche Richtung. Die Schlagtechnik hatte sie allerdings mit Holzstäben geübt, was mit einem echten Bein natürlich nicht zu vergleichen war. Das Wimmern des Mannes bezeugte das. Je höher sie das Bein hielt, desto höher fiepte er. Vielleicht hatte er nun endlich genug, und wenn nicht … Mit einem Fuß hangelte sie nach seinem Standbein und zog es weg. Er krachte auf den Rücken, krümmte sich seitwärts und würgte alles heraus, was sein Magen hergab.
Ihre Nase fand es widerlich, doch schnell geriet sie in ihren Arztmodus und fand es recht interessant, was er alles intus hatte. Met, Met und noch mehr Met klatschte ins Gras, dazwischen ein paar Brocken Fleisch, kaum verdaut. Zuletzt schwappte noch Kleinkram hinterher und … Blut? Wieso Blut? Sie hatte seinen Magen nicht mal angetippt! Beinahe hätte sich Viviane hinabgebeugt, um seinen Bauch zu untersuchen, doch sie konnte sich beherrschen.
Aus sicherem Abstand blickte sie auf den Mann herab, der jahrelang Frau und Sohn zusammenschlug. Sie hatte ihre Abscheu unter Kontrolle, ihr Atem ging ruhig.
Als er nicht mehr angriff, verbeugte sie sich knapp und wandte sich zum Gehen. Abrupt verharrte sie und lauschte.
„Du … bist tot“, röchelte er. „Du böses, hinterhältiges, rachsüchtiges Weib. Zu Lugnasad bringe ich dich vor Gericht. Dann werde ich als Gepeinigter die Strafe bestimmen und das Urteil ausführen. Wir beide, erst Schwertkampf, dann Ringkampf. Ich werde dich in Stücke hacken oder dir dein Genick brechen. Unabsichtlich, versteht sich. Darauf freue ich mich jetzt schon.“
Viviane zog die Augenbrauen hoch und drehte sich um. Hatte der Mann nicht begriffen, dass sie ihn hätte töten können, wenn sie nur gewollt hätte? Der hier war wohl von der besonders uneinsichtigen Sorte. Sie konnte sich gut vorstellen, was Usheen und seine Mutter unter ihm erleiden mussten.
Gemächlich kniete sie sich neben seinen heil gebliebenen Arm und sah ihm in die wässrig-blauen Augen.
„Du Narr. Du willst mich anzeigen? Du, der du mich vor so vielen Zeugen zuerst angegriffen hast?“ Demonstrativ schwenkte sie ihren Arm Richtung Fähre, wo alle Anwesenden völlig fassungslos zu ihnen herüberschauten. „Du hast dein Kurzschwert gegen meinen Hals gestoßen. Ich habe nicht mal ein Messer in der Hand. Aber kein Problem, wenn du es nicht lassen kannst … mein Name ist Viviane, Viviane Dar Arminius und Flora vom Clan des edlen Cernunnos. Merke es dir gut, denn ich werde zu Lugnasad da sein.
Ja, ich kann es kaum erwarten und garantiere dir einen ehrlichen Kampf, solltest du noch wissen, was das ist. Solltest du mich jedoch in irgendeiner Form hinterhältig überfallen, wo oder wann auch immer, mache ich Hackfleisch aus dir und nagele deine Ohren gut sichtbar an einen Pfahl gleich hinter deinen kopflosen Körper; das kostet mich keine Mühe. Ach, und übrigens …“ Sie griff nach seinem Kurzschwert, das unweit im Gras lag. „Meinen Siegespreis werde ich opfern, krumm gebogen wie Hermunduren das immer tun mit Waffen, die gegen sie erhoben werden. Aber was erzähle ich dir, du bist ja selbst ein Hermundure und wusstest, auf was du dich einlässt. Was du natürlich nicht wissen konntest – ich bin eine sehr, sehr eigenwillige Hermundurin und daher lasse ich mich nur einmal ungestraft beleidigen. Diese Chance hast du demnach vertan.“
Sie tätschelte seinen gesunden Arm, dann nahm sie den dazugehörenden Mittelfinger und knickte ihn kurz in die falsche Richtung. Schreien konnte er vor Überraschung nicht mehr, nur noch kraftlos hecheln.
„Damit du dich schön auf mich freuen kannst und deine Kräfte nicht an Wehrlosen auslässt; das tut man nämlich nicht als ehrbarer Krieger, Gatte und Vater. Ach, hier noch ein Rat: An Kampfgeist mangelt es dir nicht, aber dein körperlicher Einsatz – nun ja, wie soll ich es dir erklären – eine Schnecke bewegt sich geschmeidiger. Wenn du dich bis Lugnasad noch ordentlich trimmst, wird das von dir gewünschte Spektakel bestimmt lustig. Bis dahin!“
Viviane erhob sich und wollte gehen, da fiel ihr noch etwas ein und sie legte ihre Finger auf seine rechte Halsschlagader.
„Du solltest dir übrigens wirklich meinen ersten Rat zu Herzen nehmen“, murmelte sie und schob ihre Finger nun auf die linke Seite. „Höre auf zu saufen, sonst wirst du Lugnasad ohne mein Zutun nicht überleben, und damit meine ich nicht einen Kampf mit mir.




