- -
- 100%
- +
Entweder stirbst du an einem Magengeschwür oder dich trifft der Schlag. Je nachdem, wer diesen Kampf in deinem Inneren gewinnt, guckst du dir ein paar Monde früher oder später das Gras von unten an. Es sei denn, du nimmst endlich Vernunft an.“ Streng schaute sie ihm in die böse funkelnden Augen, doch auf eine Antwort hoffte sie vergebens.
Schulterzuckend ging Viviane zu Arion, der seinen Kopf leise schnaubend an ihren legte.
Beide schauten zur Fähre, wo Dina immer noch stur den Ausgang blockierte. Ein Pfiff durch zwei Finger – schon trabte sie los. Stürmisch war die Begrüßung zwischen ihr und Viviane, und auch Arion bekam ein paar Stupser ab.
Nun endlich konnten die Leute an Land. Sie waren mehr oder weniger bleich im Gesicht, nur Usheen war rot und verschwitzt.
In kindlicher Manier stürmte er auf Viviane zu, warf sich ihr an den Hals, so weit seine Arme hochreichten, und redete hastig auf sie ein: „Als der Hengst gebockt hat, habe ich gedacht, jetzt bekommt er diese Angstzustände, von denen du mir erzählt hast. Ich bin ganz ruhig geblieben und habe es den anderen erklärt, weil die nicht aus noch ein wussten vor lauter Sorge. Als du jedoch auf meinen Stiefvater gefallen bist, ist es auch mir ganz bange geworden. Er ist schlimmer als ein wütender Stier, musst du wissen, und ich wollte nicht, dass er dir wehtut, und …“
„Die Art, wie du dich aufgerappelt hast“, unterbrach Angus den Redeschwall und legte Usheen beruhigend eine Hand auf die Schulter, „das sah ziemlich komisch aus. Gestern Abend hatte ich nicht den Eindruck, du seist so ungelenk. Doch wie der Idiot dir hinterhergeschrien hat, war mir endlich alles so klar wie ein wolkenloser Himmel.“
Viviane hob die Augenbrauen und Angus lachte.
„Du hast gegrinst wie ein Breitmaulfrosch. Da war ich mir sicher, dass du den Mann mit Absicht schikaniert hast. Und ich muss schon sagen, ich bin total verblüfft. Deine Freundin Umia hat zwar viel von dir geredet, aber nie erwähnt, wie gut du kämpfen kannst.“
„Ich nehme das als Kompliment. Vielleicht auch den Frosch.“ Viviane schmunzelte und beugte leicht den Kopf. „Ich habe diese Art zu kämpfen erst gelernt, und ich habe dies auch gar nicht erwähnt, als ich kürzlich bei Umia weilte. Da waren wir zu sehr mit der Geburt ihres zweiten Sohnes beschäftigt. Der kleine Helge hat uns mächtig in Atem gehalten, aber letztendlich ist alles gut gegangen.“
Angus stutzte. „Ich bin wieder Onkel?! Ein Lütt?! Wieder ein Lütt!“ Er warf die Hände hoch und musste erst einmal einen Freudentanz aufführen.
Loranthus nutzte die Gelegenheit und trat an Viviane heran.
„Du bist eine ungewöhnliche Maid. Ich weiß, du bist eine Kriegerin, und ich habe gelesen, hierzulande würden die Weiber wie Männer kämpfen. Das an sich ist schon schlimmer als bei den Spartanern, aber mit so etwas hätte ich nie gerechnet. Das war spektakulär. Ich stelle mir lieber nicht vor, was Männer im Kampf anrichten.“
„Ich habe ein paarmal zugesehen“, warf Markus schüchtern ein. „Solch rasante Bewegungen hatte allerdings keiner zu bieten. Ich würde viel darum geben, wenn ich das auch lernen könnte.“
„So, jetzt bin ich wieder an der Reihe.“ Der grollende Unterton passte nicht so recht zu den strahlend blauen Schönwetteraugen von Angus. Er hatte sich beruhigt und sah Viviane streng an. „Nun will ich wissen, wozu das Spektakel gut war, schließlich hätte das auch anders ausgehen können.“
Diese Ermahnung erinnerte Viviane sehr an ihren Vater. Schmunzelnd legte sie einen Arm um Usheen und gab eine kurze Erklärung, dann sah sie den Jungen freundlich an.
„Nun kann deine Mutter ohne Angst die Scheidung bei eurem Druiden beantragen und in vier Monden, zu Lugnasad, ist sie wieder frei. Bis dahin wird dein Stiefvater gewiss keinen Schaden anrichten, er kann ihr nichts mehr tun. Das gilt auch für dich, mein lieber Freund.“ Viviane streichelte Usheen liebevoll über die geröteten Wangen und legte ihre Stirn kurz an seine, bevor sie ihm tief in die Augen sah. „Vor seiner Vergeltung seid ihr in den kommenden Monden sicher“, bekräftigte sie noch einmal. „Danach seid ihr beide frei.“
Usheen strahlte zu Viviane hoch und freute sich noch mehr, weil alle Umstehenden eifrig nickten. Angus schien jedoch an etwas anderes zu denken.
„Dein Arion … er ist etwa fünf Jahre alt, oder?“
„Genau. Zur Zeit der Pappel wird er fünf. Du hast ein gutes Auge für Pferde.“
„Er ist ein richtiger Schelm, viel Sinn für Humor. Guck mal, wie er mich mustert! Als hätte er jedes Wort verstanden.“ Gedankenverloren streichelte Angus die silberne Mähne und seufzte schwer. „Mein Urgroßvater ist vor fünf Jahren am Tag der Eiche gestorben.
Er war immer zu einem Scherz aufgelegt und der beste Geschichtenerzähler weit und breit. Er hat Pferde sehr geliebt. Als solch ein stattlicher Hengst wiedergeboren zu werden, das wäre eine besondere Ehre für ihn. Natürlich kann niemand sagen …“
Mitfühlend legte Viviane eine Hand auf Angus’ Schulter. „Keine Bange, mein Freund.
Ob dies hier nun dein wiedergeborener Großvater ist oder nicht, ich werde Arion immer ordentlich behandeln. Er wird es gut haben bei mir.“
„Wunderbar. Und jetzt wird es Zeit, den Fährmann zu entlohnen!“ Schwungvoll zückte Angus seine Geldtasche.
Bis auf Hanibu gab jeder Usheen eine kleine, gebogene Kupfermünze, nur von Viviane wollte er absolut nichts nehmen.
„Du hast mir und meiner Mutter einen unbezahlbaren Dienst erwiesen. Wir stehen tief in deiner Schuld.“
„Von Schuld will ich nichts hören, Usheen, mein Freund! Nutzt die Gunst der Stunde und beginnt ein neues Leben, dann habt ihr mir ein Gegengeschenk gemacht. Es ist schließlich meine Aufgabe, bedürftigen Menschen zu helfen.“
Usheen stutzte. „Es ist deine Aufgabe? Du hast gar einen Eid geschworen? Aber seit wann schwören Krieger, bedürftigen Menschen zu helfen? Ich meine, Krieger schwören einen Treueeid, ihren Clan und ihr gesamtes Königreich zu beschützen, das schließt ja sämtliche Menschen darin mit ein, direkt helfen jedoch … Was bist du genau in deinem Clan? Eine Kriegerin. Was noch?“ Lächelnd wiegte Viviane den Kopf und schaute so abwartend drein, als würde er gleich von allein darauf kommen.
Antwort suchend wanderte Usheens Blick von Viviane zu ihrem Gepäck und seine Augen weiteten sich überrascht.
„Was ist das für ein Schwertgriff?! Ich fasse es nicht, wie habe ich dieses Langschwert bloß übersehen können?! Natürlich, weil es in einer unscheinbaren Lederscheide steckt! Eine Schutzhülle, eine zweite Haut für alle Tage. Sehr stabil selbstverständlich, aber klobig und schmucklos – da schaut man nicht lange hin. Doch jetzt …“ Bittend deutete er auf die schlichte, armlange Lederhülle und den Griff, der daraus hervorlugte. „Darf ich es mir einmal ansehen?“
Viviane band das sorgsam verschnürte Schwert ab und reichte es ihm sehr langsam.
Ehrfürchtig prüfte er, ob er wirklich zwei ineinandersteckende Schwertscheiden aus Leder in Händen hielt. Er zog ein wenig an der äußeren, unscheinbaren, schob einen Finger in den Spalt, der sich nun auftat, und lugte hinein. Die innere Hülle war tatsächlich aus wesentlich besserem Leder, wie er bereits vermutet hatte, und sicherlich auch hübsch verziert. Usheen nickte zufrieden und vergewisserte sich mit einem raschen Blick zu Viviane hin, ob sie ihre Meinung noch nicht geändert hatte. Dann zog er ganz vorsichtig am Griff, und das Schwert glitt wie von selbst aus der inneren Scheide. Trotzdem hielt er nach dem ersten Stück inne. Er wusste, dass er es nicht weiter herausziehen durfte, denn das galt als Bedrohung eines Kriegers und er wollte Viviane keinesfalls zu einer Gegenhandlung nötigen. Im Gegenteil, er wollte sich des großen Vertrauens, das sie ihm hier offensichtlich entgegenbrachte, würdig erweisen. Das, was er entblößt hatte, reichte völlig, um seine Vermutung zu bestätigen: Zwei Drachen wanden sich um den Baum des Lebens, und es schien fast so, als ob sie Feuer spieen – just in dem Moment, da Sonnenstrahlen das Eisen trafen.
Geblendet riss Loranthus die Hände hoch, doch Usheen flüsterte gebannt: „Ich habe schon viel von diesen Schwertern gehört: Himmelseisen, geschmiedet von kundiger Hand. Es ist einfach wunderbar.“ Er strahlte zu Viviane hinauf. „Noch nie wurde mir eine so große Ehre zuteil wie heute durch dich. Danke, Viviane. Und Danke, dass ich dein Drachenschwert mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Händen berühren durfte.“
Behutsam ließ er die Klinge wieder in die Scheide gleiten und es sah fast so aus, als würde er dabei einem Gesang lauschen, den nicht viele hören durften. Ehrerbietig ging er vor Viviane auf ein Knie und reichte das Schwert mit gesenktem Kopf zurück.
Selbst Angus und Markus gingen auf ein Knie und neigten demütig die Häupter; Hanibu machte es ihnen eilig nach.
Loranthus starrte auf seine Sklavin, starrte auf Angus, Markus, Usheen und verstand nicht, was diese unerwartete Achtungsbezeugung gegenüber Viviane bedeuten sollte. Natürlich war sie schön und klug, und sie konnte meisterhaft kämpfen; gerade eben hatte sie ihren Mut unter Beweis gestellt, um andere zu beschützen, aber zum ‚Auf-die-Knie-Gehen‘ reichte das nicht, jedenfalls nicht bei ihm. Es musste etwas mit dem Schwert zu tun haben.
„Nun ist es aber genug, hört bitte auf damit!“ Energisch zog Viviane Usheen hoch, verstaute das Schwert wieder im Gepäck und sah sich um, um zu sehen, ob jemand die Szene beobachtet hatte. Sie war rot geworden. Das hatte nicht mal der Kampf von vorhin bewirkt.
„Tut mir bitte den Gefallen und erzählt das keinem, besonders nicht dem da hinten, sonst verpassen wir zu Lugnasad die zweite Runde. Ich habe ihm schließlich Revanche versprochen.“ Sie deutete über ihre Schulter auf den Mann, der mittlerweile ohnmächtig im Gras lag. „Nehmt ihn bitte mit auf die Burg, damit sich die alte Wisora um ihn kümmern kann. Sie ist die beste Kräuterfrau hierzulande, glatte Brüche hat sie schon oft geheilt. Und richtet ihr bitte meinen Gruß aus, hab extra präzise zugeschlagen, wusste nämlich nicht genau, ob sie hier einen Arzt haben.“
„Ich bringe ihn zu Wisora. Ich habe noch etwas Platz auf meinem Wagen“, erbot sich Marcus, machte jedoch sogleich ein Gesicht, als ob er diese Zusage lieber wieder rückgängig machen würde.
„Ich danke dir, mein Freund. Er wird dir auch nichts dreckig machen; er blutet nicht und sein Magen ist auch leer. Ach, und sag Wisora noch, sie soll sein Magengeschwür behandeln, ist extrem akut. Am besten gibt sie ihm auch ein paar Tropfen zur Beruhigung, sein Blut muss ruhiger fließen. Und es tut mir leid, dass ich ihn so zurichten musste, aber er war selbst schuld. Nun gut …“ Viviane schaute von Markus zu Angus und hob die Hand zum Abschiedsgruß. „Ich wünsche euch erfolgreiche Geschäfte. Wir sehen uns sicher bald wieder.“
Die beiden nickten eifrig und grüßten zurück, dann machten sie sich an Markus’ Wagen zu schaffen, um die neue Fracht noch mit verstauen zu können.
Usheen trat an Viviane heran und sah treuherzig zu ihr auf, die Worte schienen ihm im Hals stecken geblieben zu sein. Sie nahm ihn einfach in die Arme. „Viel Glück wünsche ich euch und einen schönen Geburtstag.“
„Den werden wir haben!“, jubelte Usheen und rannte, hüpfte, sprang davon; das Gewicht stets nur auf das gesunde rechte Bein verlagernd und den rechten Arm fest gegen den Bauch gepresst.
Viviane schaute nachdenklich zu, wie er mit seinen dürren Beinen im weiten Satz auf der Fähre landete, ihr noch einmal winkte und mit seinen noch viel dünneren Armen den Sitz der Halteleinen überprüfte. Unvermittelt begann sie zu strahlen. „Er soll bald die schlimme Zeit verwunden haben“, murmelte sie vor sich hin. „Dafür werde ich sorgen.“ Ihr Blick glitt über die Wiese, wo Angus und Markus den Bewusstlosen mit sich schleppten, als wären sie drei Saufkumpane auf dem Heimweg. Schnaufend und schwankend holten die beiden Schwung und hievten den Mann in ihrer Mitte über den Wagenverschlag, wobei er mit dem Kopf gegen ein Weinfass stieß und blöde grinste. Angus und Markus schauten auf ihn herab, als überlegten sie, noch ein paar Fässer obendrauf zu stellen.
Viviane konnte nur hoffen, dass sie ihre Fracht ordnungsgemäß abliefern würden.
„Heute nimmst du die Zügel, Hanibu. Dina freut sich schon, von dir geführt zu werden. Nicht wahr, mein Mädchen?“
Dina nickte übermütig und Viviane machte mit.
Wie konnte Hanibu bei derart viel Überzeugungskraft Nein sagen? Zaghaft ergriff sie die Zügel. Viviane war ja bei ihr, es konnte also gar nichts schiefgehen. Sie war jedoch nicht nur aufgeregt, sondern auch sehr glücklich, weil Viviane ihr so viel Vertrauen entgegenbrachte.
„Sag mal, du schwarze Perle, wie hast du es eigentlich geschafft, dass die Männer das Anlegen der Fähre verpassen?“, fragte Viviane, nachdem sie ein Stück geritten waren und sie Hanibu nichts mehr erklären musste. Sie konnte das breite Grinsen zwar nicht sehen, aber sie hörte es aus Hanibus Antwort heraus.
„Das war einfach. Erst habe ich Markus gefragt, ob er ein Weib habe. Er meinte, ja, er wäre seit Kurzem verheiratet. Da habe ich gefragt, ob es bei ihnen in der Hochzeitsnacht auch so zugeht wie bei uns. Prompt wollten alle von mir wissen, was eine Äthiopierin in der Hochzeitsnacht mit ihrem Mann macht. Weil ich nicht alles auf Griechisch ausdrücken konnte, habe ich noch mit Gestik und Mimik dargestellt.“
„Oh, sehr schlau. Das hat sie bestimmt in deinen Bann gezogen.“
Hanibu nickte übermütig. „Besonders Markus war ganz fasziniert.“
„Kann ich mir vorstellen, du scheinst ihm zu gefallen. Aber was macht denn nun eine Äthiopierin in ihrer Hochzeitsnacht?“
Hanibu kicherte. „Erst tanzt sie und dann lässt sie die Sterne tanzen.“
„Sehr aufschlussreich.“ Viviane zog die Augenbrauen hoch. „Danke für die gute Ablenkung.“
„Gern geschehen.“
„Tut dein Arm heute mehr weh als gestern?“
„Ein bisschen mehr, ja.“
„Und deine anderen Blessuren?“
Statt eine Antwort zu geben, seufzte Hanibu und wiegte den Kopf.
„Man sollte rechtzeitig vorbeugen.“ Viviane streckte sich zu einem Weidenbaum, an dem sie gerade vorbeiritten, schnitt ein Ästchen ab und reichte es Hanibu. „Salix. Einfach drauf herumkauen, dann wird es mit der Zeit besser.“
Schweigend ritten sie an vielen Feldern entlang, die rechts und links vom Weg lagen, alle durch dichte Haselnusshecken voneinander abgegrenzt. Auf manchen wuchs Gras und Kühe, Ziegen oder Schafe weideten darauf, andere waren sauber bestellt, und auf einigen wurde noch die Saat ausgebracht. Egal, wo sie vorbeikamen – die Bauern winkten ihnen schon von Weitem zu.
Fröhlich grüßten sie zurück und Viviane rief ein lautes: „Guten Morgen!“
„Es ist wahrlich ein guter Morgen – gar nicht kühl wie gestern.“ Loranthus atmete genüsslich ein und hielt sein Gesicht in die aufsteigende Sonne, während er sich in seinen neuen dicken Mantel kuschelte und die Kapuze gegen seine Wangen drückte. „Aber warum sind die Felder so klein und von Hecken umgeben? Ist das ein Sonnenschutz für heiße Tage oder soll das Gestrüpp das Viehzeug abhalten?“
„Deine Denkweise ist nicht schlecht“, gluckste Viviane. „Vorrangig sind die Hecken wegen Bruder Wind da.“
„Dein Bruder? Wo?“ Loranthus hielt die Hand über die Augen, um Vivianes Verwandtschaft ausfindig zu machen.
„Nicht so ein Bruder. Bruder Wind. Der Wind, Loranthus. Verstehst du?“
„Ach der.“ Loranthus war tatsächlich ein wenig enttäuscht. Rasch verzog er sein Gesicht zu einem nachsichtigen Lächeln und nickte. Beinahe hätte er auch etwas über ‚keltische Denkweisen‘ gesagt, doch er konnte sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge beißen.
„Die Hecken dienen vorrangig als Erosionsschutz“, dozierte Viviane, als hätte sie einen sehr wissbegierigen griechischen Schüler vor sich. Natürlich hatte sie selbst noch nie einen kennengelernt, dieser hier war der Erste. „So kann der Wind den fruchtbaren Mutterboden nicht abtragen. Vielleicht hast du noch nie einen rauen Wind hierzulande erlebt, aber ich versichere dir, Bruder Wind kann eine immense Kraft entwickeln. Mit Leichtigkeit wirbelt er die Erde auf, dann landet die gedüngte Schicht irgendwo, wo sie uns nichts mehr nützt, und unsere Erträge fallen geringer aus.“
„Ihr düngt eure Felder? Ach so.“ Loranthus nickte eifrig.
„Natürlich halten die Hecken auch Wildschweine, Rehwild und Rotwild ab“, redete Viviane weiter und gab ihrer Stimme einen lobenden Unterton, weil er artig lauschte.
„Und wenn viele Haselnüsse an den Hecken hängen, kann man sich schon mal auf einen strengen Winter gefasst machen.“
„Ganz schön schlau, wie ihr in diesen rauen Landen zurechtkommt.“ Gönnerhaft begutachtete Loranthus noch einmal die Felder, dann widmete er sich den kleinen Dörfern am Fluss. Auch sie waren, genau wie das Gasthausdorf, von Hagebuttenhecken umschlossen und hatten Gehege für die Tiere. „Diese separaten Umfriedungen für das Vieh, warum bestehen die immer aus Hainbuchenhecken? Könnte man da nicht auch Haselnusssträucher pflanzen? Nussöl soll sehr schmackhaft sein.“
Viviane schmunzelte.
„In den Gehegen werden vorrangig Schafe und Ziegen untergebracht. Nun musst du wissen, Loranthus, dass Hainbuchen ihr Laub im Winter nicht verlieren. Es wird zwar dürr, aber es bleibt dicht und hängt ganz fest am Zweig, selbst bei heftigen Winden. So schützen die Blätter der Hainbuche unsere Tiere vor der gröbsten Kälte und im Frühling werden die neu sprießenden Blattknospen zur ersten Nahrung.“
Viviane deutete auf die nächstbeste Hainbuchenhecke, wo selbst auf Entfernung dürre Blätter neben frischen grünen zu sehen waren, und fügte noch an: „Natürlich schützen sie auch sicher vor wilden Tieren. Schau mal, wie dick das Geäst ist.“
Loranthus nickte bedächtig. Er schürzte die Lippen, tippte den Zeigefinger dagegen und stützte sein Kinn mit dem Daumen ab. Seine obligatorische Denkerpose – das wusste Viviane mittlerweile und freute sich, wie aufmerksam er rundum blickte.
Auch Hanibu sah interessiert hierhin und dorthin. Plötzlich zeigte sie zu einem Berg, der einen Wachturm auf seiner Kuppe hatte. „Da oben blinkt es seltsam!“
„Das sind bloß Lichtsignale, die sich die Wachtürme senden. Wahrscheinlich hat Aodhrix von uns erfahren und verteilt die Neuigkeiten jetzt von Warte zu Warte im ganzen Land.“ Loranthus machte ein verständnisloses Gesicht, und Viviane erklärte geduldig: „Die Wirtsleute gehören zu seinem Clan. Der Wirt ist garantiert einer seiner Krieger und muss nicht mal auf die Burg, um ihm über jeden Gast Bericht zu erstatten. Bestimmt hat auch er einen Spiegel. Auf diese Weise ist Aodhrix immer bestens informiert, was es Neues gibt, wer hier durchkommt und in welcher Absicht. Das ist wichtig zu wissen, besonders wenn man an der Grenze zu einem anderen Großkönigreich liegt. Natürlich kann ein Reisender überall ein Obdach bekommen. Ob bei Bauern oder Handwerkern, er wird immer gut bewirtet und untergebracht, aber auch dann erfährt der jeweilige König davon. In unserem Land bleibt nichts geheim. Wartberge haben wir genug, manche mit richtigen Burgen, andere bloß mit Wachtürmen wie diesem hier. Und offensichtlich hält Aodhrix etwas, das er erfahren hat, für so wichtig, dass er es mit Lichtgeschwindigkeit weitergeben muss.“
Amüsiert schaute Viviane dem hektischen Blinken auf dem Berg zu, dann betrachtete sie Loranthus von der Seite. Er befand sich wieder in Denkerpose und seine Gedanken standen ihm förmlich auf der Stirn geschrieben, dick unterstrichen und noch schneller zu lesen als Lichtsignale.
„Deine Räuber wussten das, garantiert. Sie müssen sich stets in Wäldern versteckt gehalten haben und sind nur nachts über offenes Gelände geschlichen, sonst hätten unsere Wächter Alarm gegeben. Von den Warten aus überblicken sie weite Gebiete. Die können dir heute schon sagen, wer morgen zum Abendbrot vorbeikommt.“
Beim Gedanken an den Überfall sackte Loranthus traurig in sich zusammen. Er war nicht nur einfach ausgeraubt, sondern auch noch seines standesgemäßen Transportmittels beraubt worden, und hier, eingequetscht zwischen den großen Taschen, gab er ein jämmerliches Bild ab, das wusste er.
„Ich schäme mich dermaßen …“ Unvermittelt setzte er sich gerade und gluckste: „Aber weißt du, Viviane, ich mache einfach aus der Not eine Tugend. Angefangen habe ich schon.“ Gut gelaunt wedelte er mit seinem neuen Mantel und deutete hinter sich. „Angus und Markus wollen sich ein bisschen umhören. Sie kennen viele Leute und kommen durch viele Gegenden, vielleicht hat jemand die Kutsche oder die Räuber gesehen.“
„Eine gute Idee! Sag mal, Loranthus, wart ihr eigentlich immer mit Händlern unterwegs?“
„Ja. Mein Vater gab mir diesen Rat. ‚Bleib stets und ständig unter Händlern‘, sagte er. ‚Das ist die sicherste Art zu reisen. Und wenn du keinen findest, der in deine Richtung will, dann wartest du eben, es eilt ja nicht.‘ Aber das letzte Stück im Chattenland waren wir allein, weil der Händler, mit dem wir gereist sind, auf den Vogelsberg abgebogen ist.“
„So, so. Ab dem Vogelsberg wart ihr also alleine unterwegs. Nun, diese veränderte Situation war wie gemacht für den Überfall.“
„Ja, hinterher kam mir das auch in den Sinn, doch gestern Morgen hatte ich überhaupt keine Bedenken gehabt. Die paar Meilen werden wir noch schaffen, habe ich gesagt. Alles war so friedlich …“ Seufzend ließ Loranthus wieder Kopf und Schultern hängen.
„Reiß dich zusammen! Wenn wir die Räuber erwischen, denken wir uns etwas ganz Besonderes für sie aus. Die werden nie wieder andere Leute überfallen.“
Loranthus lachte laut auf. „Bei Hermes, darauf freue ich mich jetzt schon!“
Schweigend ritten sie weiter und genossen die Wärme der Frühlingssonne. So ein schöner Tag mit Schäfchenwolken am Himmel und lauem Lüftchen – kein Vergleich zu gestern, als sich Regen, Schnee und sogar Hagel in kurzer Folge abgewechselt hatten. Nichts Ungewöhnliches hierzulande in dieser Zeit, in diesem Mond, wie Angus und Markus ihm versichert hatten, man musste sich eben dementsprechend kleiden.
Gedankenversunken strich Loranthus über seine neuen Kleider und beglückwünschte sich, zufällig eine prima Qualität ergattert zu haben. Die Wolle von Hemd und Hose war weich, das Garn ganz dünn, der Gürtel saß perfekt, die Stiefel waren bequemer als seine geraubten, und der Mantel erst noch – absolut dicht, da konnten Regen und Schnee von ihm aus noch mal kommen. Irgendetwas roch hier verführerisch … Fasziniert schaute er sich um.
Sie ritten neben einer schmalen Waldwiese, die über und über mit Veilchen bedeckt war, es duftete einfach wunderbar. Genüsslich atmete er die warme Luft ein, wollte den Blick schweifen lassen, wollte sich wohlfühlen … unruhig begann er jedoch, auf dem Sattel herumzurutschen.
„Kh, kh“, hüstelte Loranthus und blickte für Vivianes Begriffe ein wenig gehetzt drein. „Könnten wir hier rasten? Ich müsste mal kurz in den Wald.“ Betreten schaute er auf seine neuen Schuhe hinab und nestelte an seinem Mantel herum, um ihn abzustreifen.
„Natürlich. Wir warten hier auf dich.“
Warum er sich bloß für etwas derart Normales schämte? Kopfschüttelnd schwang sich Viviane über Dinas Hinterteil, breitete ihren Mantel auf dem warmen Gras aus und holte den Wasserschlauch von Arions Rücken. Sie füllte ihr Trinkhorn und reichte es Hanibu, die ohne ihre Hilfe und wie es sich gehörte abgestiegen war, erst danach trank sie selbst. Nebeneinander legten sie sich auf den Mantel und Hanibu bot ihren eigenen als Zudecke an, doch Viviane war es warm genug. Also zog Hanibu den dicken Wollstoff für sich allein bis unters Kinn und sah auf einmal sehr jung aus, wie sie da gen Himmel starrte. Viviane entging ihr ängstlicher Blick nicht.
„Das Wetter wird besser werden“, versicherte sie. „Schau, die Schwalben fliegen hoch!“ Welch eine Erleuchtung! Eigentlich wollte sie ja nur das Gespräch in Gang bringen und etwas um den heißen Brei herumreden.
Hanibu nickte seufzend. Sie vertraute Viviane, obwohl sie sich erst einen Tag kannten.
„Es ist schön hier. Anders als mein Land, aber es gefällt mir. Es ist bloß … ich habe etwas Angst vor den Menschen, davor, wie sie über mich denken. Ich sehe ganz anders aus als sie und noch dazu bin ich eine … eine …“
„Keine Bange, nur Mut. Du wirst sehen, meine Leute werden dich gut aufnehmen. Sei ganz zuversichtlich. In jeder Herde gibt es schließlich ein schwarzes Schaf, und jetzt haben wir endlich auch eins. Und was für ein niedliches Hanibeerchen!“ Viviane zwickte ihr neckend in die Nase.




