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Einschlag zwanzig Schritt rechts vor ihr? Ein Katzensprung!
Jauchzend riss Viviane das Geschoss an sich und rannte auf Ausgangsposition zurück.
Doch Merdin war nicht mehr da, wo er soeben noch gestanden hatte.
Leichtfüßig trabte er ein Stück weit über die Wiese, wo mittlerweile die anderen Wurfgeschosse eingeschlagen waren, und begutachtete die Auswahl. Er schlenderte hierhin, schlenderte dahin, zog einen Pfeil heraus, einen Speer, warf beides wieder weg …
„Holla, du träge weise Schlange! Hurtig, hurtig, wappne dich! Bald sind sie da!“
„Nur keine Hektik, ich will einen schönen Spicker!“
„Wie ein Feinschmecker auf Pilzsuche.“ Grinsend stützte sich Viviane auf ihren erbeuteten Speer und genoss das Spektakel.
Die anstürmende blaue Horde hatte kurz innegehalten, um den Einschlag ihre Geschosse besser zu verfolgen. Nun begannen sie wieder zu rennen. Wie auf Kommando fächerten sie sich zu einer breiten, sichelförmigen Angriffsformation auseinander und ihre äußeren Läufer steigerten sich zu enormer Geschwindigkeit. Manch einer hielt noch Axt oder Messer zum Wurf bereit, als sie wild durcheinander brüllten: „Merdin, ich krieg dich! Ich verpass dir Stummel statt Zöpfe!“ „Von wegen, ich krieg die Haare! Pass auf, gleich kommt meine Axt!“ „Weg da, ich hack ihm zuerst was ab!“ Sie hörten sich ziemlich begeistert an.
Viviane hätte sich krümmen können vor Lachen, wollte aber ihre gemütliche Stellung ‚Kinn auf Hand auf Speer‘ nicht aufgeben.
Merdin geriet nun doch in Eile. Hastig zerrte er zwei Speere aus der Wiese und huschte im Zickzack zu ihr zurück.
„Ein Hase mit Flatterzöpfchen, wie niedlich“, gähnte sie und legte das Kinn wieder auf Ruheposition. „Bin mal gespannt, was als Nächstes passiert.“
„Vivian, gib acht!“ Merdin raste an ihre Seite und schlug seine Speere gegeneinander.
„Die wollen uns in die Zange nehmen! Gerade eben hattest du es noch eilig!“
Viviane gähnte noch ausgiebiger und schaute ihn aus trüben Augen an. „Gib Ruhe, ich amüsiere mich gerade.“
Weil Merdin prompt tat, wie ihm geheißen, musste sie lachen.
„Wollte dich bloß ein bisschen foppen“, gluckste sie und deutete beschwingt gen Wiese.
„So viele gegen uns zwei? Diese Irren werden sich gegenseitig in die Zange nehmen, weil jeder der Erste sein will!“ Demonstrativ machte sie es sich wieder auf ihrem Speer gemütlich. „Weck mich, falls noch ein paar für mich übrig bleiben.“
„Oh.“ Merdin starrte ein wenig traurig auf die wilde Horde. „Dabei hab ich so schöne Spicker parat.“ Schmollend stellte er seine Speere ebenfalls auf Schlafposition.
„Kinder, nehmt Haltung an. Was sollen eure Brüder und Schwestern denken, wenn sie für euch Spalier stehen?“
„Spalier?!“ Viviane und Merdin standen sofort gerade und rissen die Köpfe herum. Sie hatten Akanthus vergessen.
Ihr Meister stand hinter ihnen und schien sich köstlich zu amüsieren.
„Ja, sie bilden zwei Reihen. Eine rechts und eine links von euch. Sofern ihr endlich aufhört, auf der Stelle zu schwanken, denn sonst kann ich für eure niedlichen Flatterzöpfchen nicht garantieren.“ Die Lachfalten um seine blauen Augen wurden tiefer. Mit einem Handwedeln wies er sie an, wieder nach vorne zu blicken.
Viviane und Merdin reagierten prompt und japsten vor Schreck. In Pfeilformation rasten ihnen diese Irren nun entgegen und sprengten rechts, links, rechts, links an ihnen vorbei, als hätten sie das tagelang geprobt. Trotz ihres Schwungs wendeten sie fast auf dem Fuß. In Windeseile standen zwei Reihen Krieger parat: Männer und Frauen, alte, junge; nackt, blau und bis an die Zähne bewaffnet. Sie atmeten heftig und grinsten zufrieden beim Anblick der beiden völlig verblüfften Initianten und Akanthus, der hinter deren Rücken feixte und beide Daumen hochhielt.
Nachdem sich ihr Atemrhythmus sehr rasch beruhigt hatte, zogen beide Seiten wie ein Mann die Langschwerter aus den Scheiden und streckten sie auf Brusthöhe von sich, bis sich die Spitzen fast berührten. Abrupt wurden ihre Mienen ernst.
Ein paar Schritte trennten die beiden Seiten voneinander, überbrückt mit dem besten Metall, was es überhaupt gab: Eisen, nicht von dieser Welt. Meteoreisen. Völlig synchron rissen die Krieger ihre Langschwerter nun hoch und zogen noch einmal blank. Diesmal streckten sie mit dem anderen Arm die Kurzschwerter auf Brusthöhe. Der Raum zwischen beiden Seiten schien wie eine ewig lange Kluft, erfüllt von einem fernen Singen, das von Liedern vieler Schlachten kündete – alten und neuen, die erst noch kommen würden. Doch dieser Eindruck währte nur einen Atemzug lang.
Mit einem lauten Aufstampfen rückten die Krieger vor und hoben die Kurzschwerter den Langschwertern entgegen, bis sie knapp unter diesen lagen wie ein Balken unter dem Dach. Und obwohl die Trommeln weiter schlugen, kehrte nun eine Ruhe ein, die nach dem schrillen Kriegsgeheul fast in den Ohren dröhnte.
Viviane war mit einem Schlag hellwach.
Die Stille lastete auf ihren Augen, ihren Ohren, ihren Händen, ja auf ihrem gesamten Körper, als würden alle Krieger auf ihren Schultern stehen; samt Schwertern wogen sie so viel wie ein ganzes Haus bedeckt mit Meteoreisen.
Strahlend fasste sie Merdins Hand und drehte sich nach Akanthus um. Er nickte und Vivianes Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung.
Als Viviane dem ersten Paar im Spalier entgegentrat, stiegen ihr vor Rührung Tränen in die Augen; sie verharrte unwillkürlich.
Uathach lächelte ihr aufmunternd zu. Die ersten richtigen Sonnenstrahlen trafen ihre Schwerter, spiegelten sich auf den nächsten Klingen und sprangen weiter, immer weiter, bis die gesamte Strecke reflektierte. Es war, als höben Uathach und ihr Gegenüber ein gleißendes Prisma gen Himmel, ein Symbol aus Licht.
Viviane blinzelte die Tränen weg und strahlte ihre Freundin an. Dann richtete sie den Blick gerade aus und machte den ersten Schritt, Seite an Seite mit Merdin. Beide hielten sie die Häupter stolz erhoben, genau wie Akanthus dicht hinter ihnen. Ja, auch er hatte allen Grund dazu.
Seine Schlangentorques glänzten an seinem Hals, sein weißes Gewand umschmeichelte seine bloßen Füße und der Südwind erzählte jedem, der es hören wollte: Akanthus war der Sohn eines Königs, der oberste Lehrmeister beim Studium der Medizin und Anführer der Drachenkrieger. Es war eine Ehre für Viviane und Merdin, vor ihm zu gehen, über ihnen alles zerschlagende Schwerter und neben ihnen weiß-blaue Mauern aus Körper und Geist.
Wie von selbst richtete sich Viviane zu ihrer vollen Größe auf und vergewisserte sich, ob über ihr genug Platz war. Sie schaute nur kurz zu den Schwertern hinauf, sie wollte nicht zaghaft erscheinen oder gar misstrauisch.
Die Krieger rechts wie links standen vollkommen reglos und reckten die Klingen empor. Doch wenn auch nur einer ihnen feindlich gesinnt wäre, bliebe ihnen keine Chance. Obwohl, wozu trug sie einen Speer in der Hand? Und Merdin, als ihre linke Flanke, hatte gleich zwei.
Das war es.
Genau das sollte dieser Gang ihnen verdeutlichen: Sie mussten sich gegenseitig über den Weg trauen, mussten sich aufeinander einlassen, sich aufeinander verlassen können. Sie waren Elitekrieger der besonderen Art. Sie waren Druiden und Krieger in einem – gleichzeitig Bewahrer des Wissens und Verteidiger des Wissens. Eine Kombination, die so eigentlich gar nicht existieren dürfte, geboren aus purer Existenzangst und der Not, ihr Wissen mit aller Macht hüten zu müssen.
Und tatsächlich: Ob Astronomen, Philosophen, Richter, Seher, Barden oder Ärzte wie Viviane, Merdin und Akanthus – sie waren eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, waren Brüder und Schwestern, waren bereit zu kämpfen.
Es war ein erhabenes Gefühl, in ihrer Mitte zu gehen oder besser, in ihrer Mitte zu bleiben. Denn während sie immer weiter dem Waldrand entgegenstrebten, rannten die hinteren Krieger nach vorne und stellten sich wieder an. Vollkommen lautlos ging das vonstatten. Ohne Keuchen, ohne Klirren, nicht einmal sehen konnte es Viviane von ihrer Position aus. Es war eine ausgeklügelte Zurschaustellung von Kampfkraft, die aus der Luft betrachtet noch interessanter aussehen dürfte. Vielleicht wie eine dahinkriechende Raupe oder – passend für Drachenkrieger – eine Schlange in Bewegung. Nachdem Viviane das zehnte Mal an Uathach vorbeigekommen war, hörte sie auf zu zählen, schaute aber weiterhin in die Gesichter rechts und links. So viele der Frauen und Männer kannte sie noch gar nicht, doch es freute sie, wie viel ehrliches Interesse aus ihren Augen sprach.
Merdins Initiation dürfte sogar eine gewisse Erwartungshaltung auslösen. Als Sohn des obersten Druiden hierzulande wurde er bereits jetzt als dessen Nachfolger betrachtet und einen besseren, das wusste Viviane, konnte es für dieses Amt gar nicht geben. Sein Vater, Guiderius, war mächtig stolz auf ihn und wuchs jedes Mal, wenn sie an ihm vorbei gingen, regelrecht in die Höhe.
Vivianes Gedanken drifteten ab und sie sah ihre Brüder, Schwester, Mutter, Vater, Großmutter, Schwägerinnen, Nichte und Neffe vor sich. Was ihre Leute wohl jetzt gerade machten?
Derart in sich selbst versunken, war Viviane beinah erstaunt, als sie ihren Fuß von Wiese auf Waldboden setzte und sich die Krieger in Windeseile zwischen Birken, Buchen, Eichen und Eschen verteilten. Obwohl diese noch keine Blätter trugen, war es zwischen den Bäumen merklich dunkler. Nun übernahm Akanthus die Führung und sie und Merdin folgten ihm einen kaum sichtbaren Pfad entlang.
Immer tiefer schlängelte sich der Pfad in den Wald hinein, vorbei an Sträuchern, Stämmen, Büschen … und Viviane musste gut aufpassen, um nicht zu straucheln, denn sie fühlte sich schon wieder ein wenig schwindelig. Rasch richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Akanthus’ lange Haare und das lauter werdende Dröhnen der Trommeln. Die Anwesenheit der anderen Krieger, die zwischen den heiligen Bäumen hindurchhuschten, konnte sie nur erahnen.
Prompt erinnerte sie sich an ihre eigenen Lektionen in Ausspähen, Flankendeckung, Geleitschutz … und schmunzelte vor sich hin.
In diesem Moment trat Akanthus zur Seite. Mit sichtlicher Freude wies er auf einen See, der unerwartet vor ihnen lag, und aus Vivianes Lächeln wurde ein Strahlen.
So einen schönen Waldsee hatte sie noch nie gesehen. Klares Wasser, eingebettet in dicke Moospolster, zierliche Gräser und Nussbäume über Nussbäume, jeder für sich einzigartig in Höhe und Form – eine große Familie, Jahrhunderte alt.
Fasziniert betrachtete sie die winzigen Sprösslinge, die schlanken Stämme, die knorrigen Baumriesen, den glitzernden Wasserspiegel in ihrer aller Mitte und hauchte: „Wunderbar.“
„Wohl wahr, dies ist magisches Land“, flüsterte Merdin. „Dem Unwissenden für immer verborgen.“
„Dies, meine Kinder, ist der See der Erkenntnis. Hier sind die Götter zum Greifen nah“, raunte Akanthus hinter ihnen und schob sie sachte vorwärts. „Taucht ein in unsere heilige Stätte, haltet die Augen offen und erkennt. Wir sehen uns auf der anderen Seite.“
Viviane und Merdin drehten sich zu ihm um und nickten feierlich. Dann legten sie ihre erbeuteten Waffen nieder und stiegen Seite an Seite in das kristallklare Wasser.
Sofort kroch Eiseskälte an Viviane hinauf, doch das machte ihr nichts aus. Hierzulande war sie schon oft in der kalten Jahreszeit baden gewesen – einfach so, ohne davor ein Schwitzbad genommen zu haben. Zu Hause hätte sie sich strikt geweigert, hier legte sie die Hände zusammen und stürzte sich kopfüber ins Abenteuer.
Kaum war sie unter Wasser, öffnete sie die Augen und bewegte sich mit kräftigen Schwimmstößen abwärts. Der Weg bis zum Grund war weit, viel weiter als gedacht und Merdin, dicht neben ihr, deutete energisch nach unten. Im Takt der Trommeln tauchten sie tiefer und betrachteten das Leben um sich herum mit großen Augen. Den Grund des Sees erreichten sie nicht, da sie wie aus dem Nichts von einem Sog erfasst wurden, dem sie viel Kraft entgegensetzen mussten, um nicht mitgerissen zu werden. Seltsamerweise schien ihnen das weit entfernte Dröhnen der Trommeln zu helfen, ließ sie ruhig bleiben. Erst, als ihnen wirklich die Luft knapp wurde, bahnten sie sich einen Weg zurück ans Licht.
Kaum stießen ihre Köpfe durch die Oberfläche, schnappten sie lachend nach Luft. Sie waren am Ufer angelangt, genau vor Akanthus.
Hinter ihm hatten sich die Krieger versammelt, diesmal jedoch nach Geschlechtern getrennt; die jüngeren Männer und Frauen hielten demonstrativ fein gewebte Leintücher hoch. Uathach schwenkte feixend ein besonders winziges aus Wolle.
Es kam Viviane seltsam vor, abgetrocknet zu werden wie ein Kleinkind, aber es gehörte nun mal zur rituellen Handlung. Also ließ sie sich einwickeln und lächelte in die Runde – prompt polierte ihr Uathach die Zähne, summte im Takt der Trommeln ein Kinderlied und brachte sie beide dadurch noch mehr zum Lachen.
Von allen Seiten wurde Viviane mit Tüchern traktiert, bis ihre gesamte Haut rot war und kribbelte. Als sie schließlich in einen weichen Lederumhang gehüllt wurde, wich die eisige Kälte einer enormen Hitze.
Plötzlich wurde ihr bewusst, wie wach sie war. So wach wie noch nie in ihrem Leben. Mit großen Augen schaute sie ihren Meister an.
Akanthus lächelte wissend und deutete auf die ältesten Kriegerinnen, die sie offenbar zur nächsten Station begleiten sollten.
Gespannt, was nun kommen würde, ließ sich Viviane von ihnen führen – zwei vor sich, zwei hinter sich und die restlichen wieder zwischen den Bäumen verteilt. Merdin folgte mit den ältesten Kriegern dichtauf.
Immer tiefer ging es in den Wald hinein und Viviane staunte, was sie alles zu sehen bekam – oder besser, was sie alles wahrnahm: Kühler Waldboden, mal spröde, mal an ihren Fußsohlen haftend … sprießende Grashalme, manche weich, andere stichelten an ihren Waden … gelbe, blaue, weiße Teppiche aus Winterlingen, Hasenglöckchen, Buschwindröschen … ein Wirrwarr aus sprießenden Knospen, verwebt mit Licht und Schatten. Myriaden schwebender Staubkörnchen, Scharen von Bienen und Hummeln, Perlen aus Morgentau, und das feuchte Moos warf seinen Duft bis auf ihre Zunge. Überall roch es so intensiv nach Erde, Luft, Sonne, Wasser, nach altem Laub und neuem Leben …
Der Frühling schoss in Viviane, so machtvoll, dass sie sich fast selbst wachsen fühlte, und die Trommeln begannen mit einer Wucht zu schlagen, als wären sie ihr aufgehendes Herz.
Ihr Rhythmus bestimmte, wie Viviane Atem schöpfte, tief ein, langsam aus. Ja, ihr Rhythmus bestimmte sogar, was sie dachte, als sich der Wald auftat und eine weite Lichtung vor ihr lag:
All heilige Bäume als Wächter bereit, kreisrund gepflanzt hier vor langer Zeit. Trommeln in Nord und Süd und Ost und West, laut hallend weit und himmelwärts. Kinder des Drachen, die Schilde gerafft, folgen dem Ruf nun zum Teilen der Macht. Akanthus tritt ein, erhaben und rein, lang noch soll seine Herrschaft sein. Mein Ziel ist ein Kessel in Silber und Pracht, breit wie ein Bottich, tief wie ein Nest.
Wie kam sie denn jetzt gerade auf ‚Nest‘? ‚Tief, drum gib acht‘ hätte viel besser gepasst, zumal – wie sie wusste – dieser wuchtige Kessel mit Wasser gefüllt war.
Viviane ergriff ein Schauder von den Haarwurzeln bis zu den Fußsohlen. Sie musste sich zusammenreißen, damit sie sich endlich aus dem Sog der Trommeln befreite, oder was auch immer sonst an ihr zerrte.
Sie stand hier mit Merdin – frisch gewaschen, bedeckt von Leder und ihren Zöpfen – am Waldrand. Vor ihnen, auf der Lichtung, hatten sich sämtliche Krieger in einem weitläufigen Kreis aufgestellt und streckten ihre Schilde und Speere weit von sich nach rechts und links, so als wollten sie den Eintritt verwehren. Nur um Akanthus herum war Platz. Er war als Einziger immer noch unbewaffnet. Er streckte ihnen auch als Einziger die Arme entgegen und deutete einladend auf den silbernen Kessel genau im Zentrum der Lichtung.
Was gab es da noch zu überlegen?
Viviane griff nach Merdins Hand und erhobenen Hauptes traten sie durch den Kreis der Drachenkrieger. Im Takt der Trommeln schritten sie auf den Kessel zu; feierlich einen Fuß vor den anderen setzend, schien seine massige Gussform sie förmlich anzuziehen. Große Reliefs mit Darstellungen von Göttern wölbten sich ihnen darauf entgegen, als wollten sie sich als Erste präsentieren, und tatsächlich erkannte Viviane schon von Weitem einige der Götter an ihren Insignien.
Sobald sie davorstand, konnte sie filigranste Gravuren unterscheiden und dennoch war es unmöglich, all seine Bilder zu erfassen, um deren Sinn zu deuten. Das war auch nicht nötig. Für Mythen bedurfte es anderer Druiden. Sie sollte nur darin baden.
Akanthus nahm ihr höchstpersönlich den Umhang ab, half ihr beim Einsteigen und drückte sie leicht unter Wasser. Doch Viviane wusste auch so, dass sie einen Moment untertauchen sollte – dieser Mythos war allseits bekannt.
Kurz überkam sie die Versuchung, die Augen zu öffnen, um den Kessel von innen zu inspizieren. Das ließ sie jedoch bleiben. Dies war ein heiliges Ritual und Demut vor den Göttern war ihr von Kind an beigebracht worden. Es gab nur einen einzigen Tag im Jahr, um gleichauf mit ihnen zu sein, und bis zu diesem Ereignis war es noch lange hin.
Das Wasser war angenehm warm und mit Rosenöl versetzt, sodass sie beim Auftauchen unwillkürlich den Kopf zurückbog und dessen feines Aroma genoss.
Akanthus’ Hand, immer noch auf ihrem Scheitel ruhend, folgte dieser Bewegung und so hätte es auf einen Außenstehenden vielleicht gewirkt, als hielte er sie beim Schopf gepackt. Doch jeder hier in weiter Runde wusste es besser: Seine Hand auf ihrem Kopf war eine Geste des Behütens und Beschützens, die er als Anführer symbolisch für die gesamte Gemeinschaft leistete, genauso, wie er sie gerade eben auch als Einziger in den Kreis gewunken hatte.
Viviane benutzte ebenfalls eine Geste, während sie dem Kessel entstieg: Sie streckte Merdin beide Hände entgegen, um ihm den Platz im Kessel anzubieten.
Nachdem er untergetaucht war, beobachtete Viviane die Krieger in ihrem Umfeld. Mittlerweile hatten sich alle niedergelassen.
Die Schilde und Speere ins Gras gelegt, schauten sie voll konzentriert zum Kessel und zu ihr herüber, wobei die Frauen und Männer mittleren Alters große Leintücher oder Tontöpfchen in Händen hielten und besonders erwartungsvoll schienen. Viviane schmunzelte und fühlte eine wohlige Wärme an sich aufsteigen; sie stand auf einem großen flachen Stein, dem ein herrlicher Bratenduft entstieg. Demnach garte genau unter ihr das Festessen vor sich hin und bei genauerer Betrachtung entdeckte sie ganz in der Nähe noch mehr dieser praktischen Erdöfen. Wieso waren sie ihr vorher nicht aufgefallen?
Abrupt ging ein Ruck durch den Kreis; alle Krieger setzten sich besonders aufrecht hin, ihr Mienenspiel und ihre gesamte Körperhaltung drückten Freude aus. Viviane drehte rasch den Kopf und strahlte mit.
Ihr Herz quoll fast über vor Glück, als Merdin auf die gleiche Weise dem Kessel entstieg wie sie und sein Gesicht dem Himmel entgegenstreckte. Sein schlanker Körper strotzte vor Kraft und schimmerte dermaßen golden, als wäre er geradewegs einem Mythos entstiegen.
Das Wasser rann nicht einfach an ihm herunter, es haftete an seiner hellen Haut wie Perlenschnüre aus Morgentau. Seine kupferroten Zöpfe lagen wie nasse Taue auf seinem Rücken und seine Augen strahlten wie ein azurblauer Himmel.
„Welche Schutzgeister willst du auf Brust und Rücken gezeichnet haben?“
„Meine Schutzgeister?“
Viviane starrte auf drei blaue Spiralen und musste heftig blinzeln, um statt der Spiralen ein Gesicht zu erkennen.
Bis sie die Frage der Frau begriffen hatte, war sie bereits von acht Kriegerinnen umringt, die zwei bis drei Mal älter, aber keinen Fingerbreit kleiner waren als sie selbst. Sanft tupften sie ihr mit feinen Leintüchern das Wasser vom Leib, öffneten, kämmten, trockneten und flochten ihr die fünf Zöpfe neu und rührten mit Pinseln in kleinen Tontöpfchen.
Merdin schien es auf der anderen Seite des Kessels ebenso zu ergehen, soweit sie das durch die wilden Haarmähnen der ihn umstehenden Krieger erkennen konnte. Sie erhaschte sogar ein fröhliches Zwinkern von ihm.
Alle acht Kriegerinnen lächelten ihr aufmunternd zu und rückten so dicht auf, als wollten sie einen Schutzschild aus blauer Haut und weichen Tüchern bilden; als wollten sie Viviane rundum vor der Außenwelt abschirmen.
Tatsächlich wurde es seltsam ruhig um sie herum und auch in ihr, nur das Dröhnen der Trommeln drang zu ihr durch wie ein Ruf aus dem Verborgenen.
„Hast du dich entschieden?“, fragte die Kriegerin noch einmal nach und ihre Gefährtinnen senkten kurz die Leintücher, damit Viviane einen Blick auf deren Schutzgeister über Brust und Bauch erhaschen konnte. Dann tupften sie weiter Tropfen um Tropfen von ihrer Haut.
„Ja, ich glaube … nein, ich bin sicher, ich hätte gerne eine große, starke Wölfin auf der Vorderseite und auf dem Rücken eine Stute – wie im Galopp oder wie im Sprung, weißt du?“
„Sehr gute Wahl“, lobte die Kriegerin, die selbst eine Taube auf der Brust hatte. Bei Vivianes verdutztem Blick grinste sie amüsiert, zeigte ihren Rücken, bedeckt mit einem Igel, und rührte noch eifriger im Tontopf.
Viviane sah in die kreiselnde blaue Farbe und wunderte sich, warum sie sich plötzlich so sicher war. Bis gerade eben hatte sie noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, ob sie Schutzgeister brauchte, und erst recht nicht darüber, wer das sein sollte. Aber es war ja wohl logisch, dass ein Drachenkrieger seinen ganz persönlichen mentalen Schutz brauchte. Eine geistige Verbindung zu anderen Arten, aus der man Kraft schöpfen konnte, wenn man sie brauchte. Tiere waren bestens geeignet. Es gab auch Krieger, die Pflanzen bevorzugten.
Wer oder was kam also für sie infrage?
Sie hätte gerne die ganze Welt auf den Körper gemalt bekommen, inklusive Sonne, Mond, Sterne, Wind und Regen … Doch die innigste Verbundenheit zu anderen Arten fühlte sie bei Baria, ihrer Wolfstochter, und Dina, ihrer Stute. Vielleicht waren beide wiedergeborene Ahnen, deren Wege sich mit dem ihren gekreuzt hatten, das war durchaus möglich. Beide jedenfalls hatte sie vor dem sicheren Tode bewahrt und großgezogen wie ihre eigenen Kinder – wenn man das so sagen durfte, schließlich war sie damals selbst noch Kind und ein Gatte in weiter Ferne gewesen.
„Fertig, mein Kind“, gluckste die Kriegerin und rührte wieder eifrig im Topf. „Jetzt zeichnen auch meine Schwestern mit. Keine Bange, sie sind Spezialisten für Flechtmuster und Spiralen.“
„Das glaube ich gern.“ Viviane lächelte selig. Sie konnte gar nicht anders, denn nach einem Blick an sich herab war sie dermaßen begeistert, dass es keinen Zweifel gab: Auf ihrer Brust prangte Baria. Aber es war nicht einfach nur Baria, gezeichnet mit ein paar kunstfertigen Strichen, sondern ein Kunstwerk in Blau, das man erst als das Abbild ihrer Wolfstochter erkennen musste. Viviane hätte es noch ewig betrachten können.
„Ich habe deine Stute im Steigen gemalt. Das sieht noch spektakulärer aus. Außerdem habe ich mir sagen lassen, deine Stute sei etwas Besonderes. Die kleinste unter allen Pferden und trotzdem spurt sie wie das beste Schlachtross.“
„Ach …“, begann Viviane, doch die Kriegerin hob gebieterisch die Hand.
„Nicht abwiegeln! Du hast sie hervorragend getrimmt. Sie reagiert auf jede Bewegung und jeden Laut ihres Reiters und lässt sich von nichts ablenken. Ich meine, du trägst nun ein sehr eindrucksvolles Bild von ihr. Übrigens …“
Mit kritischem Blick überwachte die Kriegerin die Malerei an Vivianes Armen und Beinen, dann zog sie einen sehr dünnen Pinsel aus ihrer wilden Haarmähne und bückte sich. Beschwingt zeichnete sie winzige Symbole und Striche auf Vivianes Fingernägel und Fußnägel, und erklärte leichthin: „Perfekt, nun wacht auch unsere Schutzgöttin über dich.“ Sofort betrachtete Viviane ihre Finger und Zehen – es stand tatsächlich ‚Hall‘ in Oghamschrift auf ihren Nägeln.
„Gut, artig stillhalten jetzt. Im Gesicht sind die Spiralen am schwersten. Wir wollen doch eine saubere Triskele mit Mittelpunkten auf Augen und Mund. Obwohl Ohren und Kinn auch passen tät…“
„Bloß nicht!“ Viviane erstarrte und wagte kaum zu atmen, obwohl sie die Vorstellung von sich selbst mit blauen Spiralen um Ohren und Kinn mächtig zum Lachen fand. Wo würde der Knotenpunkt dieser Triskele liegen? Auf ihrer Zunge?




