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Zum Glück streifte der Pinsel nur dort über ihr Gesicht, wo er hingehörte, als hätte er diesen Weg schon hundertmal von allein genommen.
„Fertig.“ Die Kriegerin und ihre Drachenschwestern musterten Viviane von allen Seiten und nickten zufrieden. „Wunderbar. Du, Viviane, bist ein Kunstwerk, bist eine eigene Welt, geschaffen von Mutter Erde und Vater Himmel. Sei willkommen, Schwester, in unserem Bund.“
Strahlend neigte Viviane den Kopf zum Dank und versteifte sich prompt. Sie hatte Angst, die Triskele würde ihr aus dem Gesicht fallen, ja, die ganzen schönen Muster könnten verwischen, wenn sie sich noch ein winziges Stück weiter beugte.
Natürlich war das Unsinn. Die Farbe bestand aus kräftig blauem Färberwaid und Kiefernharz, so schnell ging das nicht ab. Da musste sie schon mit ordentlich Butter nachhelfen. Großmutter Mara machte die beste Butter weit und breit, und ihre eingelegten Gurken schmeckten einfach köstlich, und …
Mit einem Ruck stellte sich Viviane gerade. Sie war jetzt eine Drachenkriegerin. Sie war hier in Britannien noch lange nicht fertig. Hier lauerte die Bedrohung direkt vor der Haustür, weshalb die einen den Hinterausgang dieses Hauses benutzten, die anderen aus dem Fenster kletterten und ihresgleichen mit zwei schlagkräftigen Schwertern auf dem Dach lag. Daheim war das nicht nötig.
Daheim musste man nicht auf der Lauer liegen. Daheim waren die Stämme einig und die Römer hielten Abstand, gute Nachbarschaft sozusagen. Daheim sprach keiner das Latinische besser als sie selbst, wohl oder übel. Nein, das war nicht richtig: Die latinische Sprache gefiel ihr richtig gut, genauso wie die griechische. Daheim konnten nicht viele Griechisch wie sie, schon gar nicht lesen. Daheim … jetzt war es aber genug. Sie hatte kein Heimweh. Und wenn doch: Auch mit drei großen blauen Spiralen im Gesicht durfte man in weite Ferne schauen. Die Kriegerinnen nickten ihr zu und öffneten in einer fließenden Bewegung den Kreis aus Leibern, Tüchern und Tontöpfchen.
Unvermittelt stand sie allein vor Merdin, der sie anstarrte, als hätte sie ein Geweih auf dem Kopf. Dabei war er ein Hirsch aus blauem Marmor mit azurblauen Augen, strahlend wie der Himmel.
„Vivian, du bist … du bist wunderbar, ich muss …“, stammelte Merdin, doch ein Tosen brandete nun um sie herum auf, das jedes weitere Wort unmöglich machte. Scheppernd schlugen die Drachenkrieger ihre Speere gegen die Schilde und diejenigen hinter den Trommeln wirbelten mit ihren Schlägeln über die Bälge, als wollten sie jedes Herz zum Rasen bringen. Alle johlten, jauchzten, jubelten und es dröhnte, klopfte und schepperte dazu wie in einem ewig währenden Widerhall.
Das war er also, der erste Augenblick als Drachenkrieger. Sie hatten es geschafft.
Viviane schaute zu Merdin und er lächelte zurück. Ja, er strahlte sie an, und schon lag ihre Hand in seiner. Gemeinsam streckten sie sich gen Himmel, jubelten, lachten und grüßten ihre Brüder und Schwestern mit einem Überschwang, der immer größer wurde.
Schließlich verklangen die Beifallsbekundungen, sogar die Trommler legten ihre Schlägel nieder. Ruhe kehrte ein.
Aller Augen wandten sich gen Osten, wo gerade die kahlen Baumwipfel von gleißendem Licht durchflutet wurden, und im nächsten Moment ergoss sich das wohlig-warme Gold in die Lichtung, machte sie zum Abbild der Sonne und das Sehen schier unmöglich. Das Dröhnen eines mächtigen Rufhorns ließ die Luft erzittern.
Viele Male erschallte das Horn, lang, tief und kraftvoll. Als der letzte Ton verklungen war, betrat Akanthus den Sonnenkreis, das Rufhorn in Lederriemen über den Rücken gehängt. Ihm folgten zwölf Krieger, die vorderen drei hielten in Ledertücher eingeschlagene Objekte in den ausgestreckten Händen.
Viviane und Merdin strahlten sich an. Gleich wurden ihnen die Schwerter überreicht. Bald hielten sie die Symbole ihres Bundes in Händen. Unwillkürlich betasteten sie ihre Torques, richteten sich zur vollen Größe auf und der letzte Teil der Zeremonie nahm seinen Lauf.
Wie auf Kommando scherten die zwölf Krieger aus und schritten um Akanthus herum, als wäre er ihr Mittelpunkt, den es galt, auf unsichtbaren Bahnen zu umrunden. Es waren viele Bahnen, die sich kreuzten und umkreisten wie bei einem langsamen, verwirrenden Tanz, bis die Krieger schließlich einen Kreis um Viviane und Merdin bildeten und auf der Stelle verharrten. Akanthus jedoch blieb außen vor. Er wartete. Wartete auf die Trommeln.
Leise begann im Osten die erste zu schlagen. Die im Süden setzte als nächste ein, darauf die dritte im Westen, zuletzt die vierte im Norden.
Aufrecht, fast schwebend umrundete Akanthus den Kreis seiner zwölf Krieger einmal.
Im Norden bezog er Position. Ruhig schaute er in die Runde.
Er betrachtete den äußeren Kreis der vielen Krieger am Rand der Lichtung.
Er betrachtete den Kreis der zwölf darin.
Schließlich verharrte sein Blick auf Viviane und Merdin im Zentrum.
Seine Züge wurden weich und er breitete die Arme aus wie ein stolzer Vater. Auf sein Nicken bewegten sich die drei Krieger mit den verhüllten Gegenständen drei Schritte vorwärts und zwei zur Seite, sodass Akanthus durch den Kreis und neben sie treten konnte. Feierlich zog er das erste Ledertuch zurück.
Mit großer Geste legte er die Schwertgürtel, die darunter zum Vorschein kamen, um Vivianes und Merdins Taillen und prüfte ihren festen Sitz mit einem kräftigen Ruck.
Vor ein paar Jahren hätte er Viviane damit noch aus dem Gleichgewicht gerissen, jetzt aber blieb sie sicher auf den Beinen und schwankte kein bisschen. Allerdings fiel ihr auf, wie steif und klobig sich das Leder auf ihrer nackten Haut anfühlte. Sie würde noch lange brauchen, um sich daran zu gewöhnen, doch – so ließ die stabile Machart vermuten – würde ihrer beider Verbindung für ein ganzes Leben halten.
Akanthus nickte ihr wissend zu. Bedeutsam schlug er das zweite Ledertuch zurück und zum Vorschein kamen vier Schwertscheiden, außen auf dem Leder mit kompliziert punzierten Flechtmustern und innen mit Fell versehen.
Nacheinander schob Akanthus die Kunstwerke in die vorgesehenen Schlaufen der Schwertgürtel, band sie an und prüfte auch hier wieder den festen Sitz. Abrupt spürte Viviane eine Schwere, die nichts mit dem Ruck an ihrem Körper zu tun hatte. Die Schwertscheiden zogen sie nach unten, obwohl sich das Wichtigste noch gar nicht darin befand. Mit einem Mal bekam sie Angst, ob sie überhaupt würdig war, ob ihre Kraft reichen würde, ob sie vorausschauend genug handeln würde, oder ob sie nicht vielmehr versagen würde als Ärztin, als Kriegerin.
Die Trommeln verhallten in einem letzten, leisen Schlag und ihr Herz begann wild zu pochen.
Akanthus zog das dritte Leder zurück und ihr verschlug es den Atem.
„Dieses Kurzschwert ist deines nun, meine Tochter“, rief Akanthus in die dröhnende Stille hinein und nahm das Schwert behutsam aus den Händen des Kriegers, um es Viviane zu übergeben. „Halte es in Ehren und nutze es weise.“
Prompt begannen Vivianes Finger zu zittern, doch mittlerweile hatte sie gelernt, wie man derartige Schwächen bekämpfte. Ruhig nahm sie ihr Kurzschwert entgegen, streckte es gen Himmel und schaute Akanthus in die Augen, während sie mit lauter Stimme rief:
„Dank dir für dein Vertrauen, mein Vater. Wissen, Weisheit und Gedenken sollen mich leiten und würdig werde ich mich erweisen. Dies schwöre ich bei Hall, Göttin über Leben und Tod.“
Langsam ließ sie ihr Kurzschwert in die vorgesehene Scheide rechts am Gürtel gleiten und strahlte Akanthus an, der zurücklächelte, bevor er sich dem nächsten Schwert zuwandte. Ruhig atmete Viviane ein und aus, während auch Merdin die vorgegebenen Worte sprach. Doch kaum senkte er sein Kurzschwert vom Himmel gen Scheide, begannen ihre Finger schon wieder zu zittern, denn gleich würde Akanthus das letzte Ledertuch zurückziehen.
„Dieses Langschwert ist deines nun, meine Tochter. Halte es in Ehren und nutze es weise.“
Viviane holte Luft; das Blut rauschte ihr immer schneller durch die Adern, je länger sie auf das armlange Schwert starrte.
Wie magisch wurde ihr Blick angezogen von dem Muster auf der Klinge nahe dem Heft, genau auf dem Schwerpunkt. Wunderschön war es anzuschauen: Zwei Drachen, die sich um den Baum des Lebens wanden. Ja, es war derart kunstfertig in das Eisen geschmiedet, dass die Drachen sogar rot-goldene Flammen sprühten, als Akanthus das Schwert ein wenig bewegte und Sonnenstrahlen sie trafen.
Viviane riss die Augen auf. Sie hatte noch nie ein Drachenschwert aus der Nähe gesehen.
Uathach hatte das ihre stets in der Scheide gelassen und auf die ‚weise Nutzung‘ hingewiesen, was natürlich völlig richtig war. Aber sie hatte immer sehr geheimnisvoll getan, und jetzt wusste Viviane auch, warum: Das erste Staunen, die Erkenntnis – das war ihr ganz persönlicher Augenblick, der absolut besondere Moment in ihrer Initiation, einmalig in ihrem Leben.
Die Kunstfertigkeit der Schmiede, die solche Schwerter fertigten, war legendär. Manch einer von ihnen war auch Drachenkrieger, denn sie waren ebenfalls Druiden, Druiden der Metallurgie, und jeder drückte seinen Schwertern den eigenen Stempel auf. Derjenige, der diese Kostbarkeit erschaffen hatte, war für jetzt und alle Ewigkeit mit ihr verbunden.
Vivianes Blick richtete sich auf den Mann neben Akanthus und sie sah ihm tief in die Augen. Er hatte mit ihr jahrelang Faust- und Schwertkampf trainiert. Immer wieder hatte er sie Wachs kneten lassen, um den Griff ihrer Finger zu stärken und den Abdruck zu prüfen. Ständig hatte er ihre Arme und Beine vermessen … Jetzt wuchs er förmlich vor ihr in die Höhe und nickte erfreut, ob ihrer stummen Frage.
Viviane wurde es ganz warm ums Herz vor Dankbarkeit und Zuversicht. Sicher nahm sie das Langschwert auf, präsentierte es mit ruhiger Eleganz über ihrem Kopf und lächelte Akanthus an.
„Dank dir für dein Vertrauen, mein Vater“, sagte sie laut und deutlich. „Wissen, Weisheit und Gedenken sollen mich leiten und würdig werde ich mich erweisen. Dies schwöre ich bei Hall, Göttin über Leben und Tod.“
Viviane reckte ihr Drachenschwert noch ein Stück höher gen Himmel und konnte nicht anders: Sie musste strahlen, strahlen, strahlen. Als sie vor Kurzem ihre Initiation als Ärztin absolviert und ihre chirurgischen Werkzeuge erhalten hatte, war sie absolut zufrieden gewesen. Sie hatte so viel Glück und Freude empfunden. Beim Anblick ihrer silbernen Skalpelle hatte sie die Verantwortung bis in die Fingerspitzen gespürt. Nun aber, mit dieser Waffe in Händen, durchströmte sie eine schier unbändige Kraft, die ihr unendlichen Mut gab.
Sanft, ja anmutig führte sie ihr Langschwert abwärts, bis die Spitze auf der Scheide zum Liegen kam. Wie selbstverständlich glitt die Klinge in ihre Hülle aus Leder und Fell, und das Eisen aus einer fernen Welt sang ein leises Lied, nur für sie.
Wie im Traum beobachtete Viviane die Übergabe des zweiten, wesentlich längeren Drachenschwertes an Merdin und dachte darüber nach, warum sie das Gewicht des Eisens zu beiden Seiten ihrer Hüften kaum spürte. Am liebsten wäre sie losgerannt, auf den nächstbesten Baum geklettert oder mit ein paar Überschlägen durch die Luft gewirbelt, doch sie stand still. Nur die Krieger in ihrer Nähe bewegten sich.
Bedächtig traten sie auseinander, der Kreis der Zwölf wurde weit und weiter, und schließlich zerstreute er sich unter lauten Jubelrufen in alle Himmelsrichtungen.
Scheppernde Speere auf Schilde, trampelnde Füße, donnernde Trommeln und gebrüllte Glückwünsche vermischten sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der regelrecht in Tumult ausartete, als Viviane und Merdin ihre Schwerter wieder aus den Scheiden zogen und über Kreuz der Sonne entgegenstreckten. Diesen Gruß hielten sie fünf, sieben, zwölf Herzschläge lang, dann schwenkten sie ihre Waffen im weiten Bogen, bis die Spitzen zur Erde zeigten, und warteten auch hier zwölf Herzschläge ab. Akanthus blies fortwährend in sein Horn, und kaum hatte er es wieder auf den Rücken geschoben, beugten sie fast synchron ihre drei Köpfe. Sofort trat Ruhe ein, nur ein vielfaches Schleifgeräusch sang von stiller Trauer.
Die anderen Drachenkrieger hatten blankgezogen, senkten nun ebenfalls Schwerter und Häupter.
Gemeinsam gedachten sie der Freunde, die sie in vergangenen Zeiten verloren hatten, und baten Hall um Beistand bei neuen Gefahren. Vielleicht stellte sich manch einer auch vor, wie er ruhmreich in die Anderswelt einzog und die toten Gefährten wiedersah; wie er mit ihnen feierte und durch die Lande ritt auf weißen Pferden. Wer wusste schon, was es in der wundersamen Welt nach dem Leben alles zu entdecken galt, und wer wusste schon, wann es einen dorthin verschlagen würde. Nur eines war sicher: Hall war gerecht.
Als das Schweigen drückend wurde, ließen Viviane und Merdin ihre neuen Schwerter wieder in die Scheiden gleiten, ihre Drachenbrüder und -schwestern taten es ihnen nach, und dieses vielfach leise Sirren schien wie ein Weckruf.
„Ein dreifaches Hoch auf unsere Initianten!“ Akanthus riss die Faust in Siegerpose nach oben und drehte sich einmal um die eigene Achse.
„Hoch! Hoch! Hoch!“, schallte es aus dem großen Kreis mit solcher Wucht zurück, dass es Viviane und Merdin fast schwindelig wurde. Fest packten sie sich an den Händen und wollten schon loslaufen, um sich bei jedem Einzelnen zu bedanken, doch das konnten sie getrost bleiben lassen.
Ehe sie sich versahen, waren sie von einer johlenden Meute umzingelt – sie sahen nur noch Weiß und Blau.
Rabiat wurden sie umhergezerrt, geschoben, gedrückt, geküsst, getätschelt, gekniffen … ganz zu schweigen von dem Jauchzen und Brüllen in ihre Ohren und den Haarmähnen rundum, die kitzelten und stachen und ihnen die Sicht nahmen. Doch sie lachten und schwankten und schwankten und lachten, als gelte es einen Wettstreit im ‚Freuen‘ zu gewinnen.
In Windeseile war ein Fest im Gange, das diesem Freudentaumel in nichts nachstand. Es gab massenweise Hirschbraten, Kräuterbutter, frisches Brot, deftige Zwiebeln, saures Kraut, dicke Bohnen, zarte Sprossen, Met, Korma …
Letzteres schmeckte Viviane zu ihrer eigenen Verwunderung besonders gut und sie überlegte, ob die Gerste hierzulande milder vergoren wurde. Bei ihr zu Hause wäre sie nie und nimmer in die Nähe eines Fasses Korma gegangen, so rauchig-bitter roch das Gebräu schon zehn Schritt gegen den Wind. Hier aber leckte sie sich den Schaum von den Lippen und setzte beschwingt zum dritten Horn an. Es wurde ihr vor der Nase weggeschnappt.
„Meins!“ Viviane klammerte sich an dem Horn fest und hätte wohl zu einem Fußtritt ausgeholt, wenn nicht ein breit grinsender Merdin an dem Horn gehangen hätte. Angriffslustig starrte sie ihm in die Augen. Er hatte mindestens drei davon.
„Du guckst schief, Vivian.“
„Schwachsinn! Ich sehe perfekt aus! Gib mein Horn frei oder ich drück dich, bis dir die Luft wegbleibt!“
„Ooooh, du willst mich quetschen? Welch ein Angebot! Ich werde dich dran erinnern, aber nun haben wir erst mal unseren Einstand.“
„Einstand?“ Viviane schwankte von einem Bein aufs andere und visierte Merdins mittleres Auge an. „Ach, dieser Einstand! Unser Kampfspektakel! Beim Geweih von Cernunnos, und ich bin betrunken!“ Beinahe hätte sie ihr Horn losgelassen, um sich den Kopf zu halten. Sie hatte doch tatsächlich vergessen, dass sie beide für die Unterhaltung zuständig waren. „Wo ist denn Uathach abgeblieben? Sie soll uns doch die Pferde zuführen?!“ Suchend blickte sie sich nach ihrer Freundin um.
Zuerst zweifelte Viviane an ihrem Sehvermögen, aber daran lag es diesmal nicht. Sie konnte sich noch so sehr beugen, strecken, um die Achse drehen und die Augen zusammenkneifen – Uathach war nirgends zu finden, weder in einfacher noch doppelter Ausführung. Es standen einfach zu viele Krieger im Weg, allesamt mit Essen, Trinken und Gestikulieren beschäftigt. Ja, sie redeten dermaßen überschwänglich aufeinander ein, als würden sie nur einmal im Jahr die Gelegenheit dazu bekommen, bis irgendjemand „Jetzt beginnt das Spektakel!“ johlte. Das wirkte wie ein Aufruf zur Flucht.
Die einen sprangen nach rechts, die anderen nach links, schon war die Lichtung wie leer gefegt; alle standen am Rand und drückten einen Brocken Fleisch und ein Horn voll Met an sich, oder was sie sonst in Händen hielten. Nur Viviane und Merdin verharrten wie festgewachsen mitten auf der Lichtung und klammerten sich an das Horn mit Korma, wobei Viviane immer noch um sich blickte. Diesmal wusste sie wenigstens, in welche Richtung sie sich drehen musste, und so fiel ihr die Kinnlade herunter, als Uathach endlich aus dem Wald und in Sicht kam.
„Ja, da staunst du“, gluckste Merdin. „Deine Freundin übertreibt es mal wieder mit dem großen Spektakel.“
„Sie sollte uns doch bloß die Pferde bringen! Beim Geweih von Cernunnos, was soll das werden?!“
Uathach preschte zwischen den letzten Bäumen hindurch auf die Lichtung, als gelte es, sich selbst zu überholen. Breitbeinig stand sie auf einem Streitwagen, die Zügel locker in einer Hand, und sah einfach zum Fürchten aus mit ihrer Kriegsmontur aus Helm, Kettenhemd, Schild, Steinschleuder, zwei Schwertern, fünf Messern, einer Axt und fünf verschieden langen Blasrohren. Dazu befanden sich in der Wagenhalterung noch jede Menge Speere. Dina und Arion – gestriegelt und frisiert – fungierten als Zugpferde. Viviane bekam den Mund nicht mehr zu.
Obwohl Dina wesentlich kleiner war als Arion, gaben die beiden ein wunderschönes Paar ab, wie sie mit ausgreifenden Hufen über das Gras galoppierten, makellos weiß und die silbernen Mähnen zu vielen Zöpfen geflochten.
„Ich bin übrigens selbst überrascht“, versicherte Merdin. „Deine Dina und mein Arion hübsch zurechtgemacht am Führstrick – damit habe ich ja gerechnet, aber gewiss nicht so extravagant miteinander verbunden. Dazu noch dieses wilde Weib …“
„Sie wollte uns bestimmt mal überrumpeln.“
„Bloß nicht!“ Merdin packte Vivianes Arm und zerrte sie hinter den großen Silberkessel. Offenbar hatte er das mit dem Überrumpeln wörtlich genommen.
Trotz rasanter Fahrt über holprige Grasbüschel, voller Kriegsmontur und Zügeln im Griff schaffte es Uathach noch, fröhlich zu winken und zu johlen: „Ich fahr euch schon nicht gleich über den Haufen! Bring bloß die Pferde! Wie versprochen!“
„Plus Streitwagen!“, lachte Viviane und tat so, als hätte sie gar nichts anderes erwartet – was das ‚Über-den-Haufen-Fahren‘ anging, stimmte das auch. Im Zweifelsfalle wäre sie nämlich schon längst davongerannt. Sie würde sich garantiert nicht von einem Streitwagen über den Haufen fahren lassen, allein schon wegen der Klingen an den Rädern rechts und links. Sehr schnell rotierende, scharfe Klingen wohlgemerkt, die ein ganz spezielles Geräusch von sich gaben. Es war wie ein Wirbel aus Sirren, Rasseln, Klirren und Zischen. Man konnte es gar nicht richtig beschreiben, so eigentümlich hörte es sich an – ein absolut tödlicher Klang eben. Ganz zu schweigen von der riesigen Kriegerin obendrauf, die all ihre Waffen meisterlich beherrschte und acht donnernden Hufen die Richtung angab. Im Handumdrehen wäre man von ihr kleingehäckselt, niedergetrampelt, erstochen, erschlagen, zerschnitten, zerquetscht, zerhackt oder alles zusammen und könnte nicht mal mehr über einen raschen Tod nachdenken.
Aber hatten Viviane oder Merdin Angst? Nein, im Gegenteil. Staunend standen sie hinter dem großen Silberkessel und sahen zu, wie Uathach sich gegen das Weidengeflecht lehnte, um die Kurve besser zu kriegen. Sie konnten sich gar nicht daran sattsehen, wie gut ihre beiden Pferde miteinander harmonierten, sich gegenseitig im Blick behielten und auf den kleinsten Zug am Zügel reagierten. Kraftvoll preschten sie im Kreis um die Lichtung, vollführten noch eine geschmeidige Wende um den großen Kessel und galoppierten in einen neuen, entgegengesetzten Kreis, als hätten sie nie etwas anderes getan, als Streitwagen zu ziehen.
„Das haben die drei heimlich trainiert“, knurrte Merdin in Vivianes Ohr.
„Ja, das haben sie wohl“, gluckste diese und schmiegte sich an Merdins Wange, bis das Gespann exakt vor ihnen hielt und sie ihre Freude aufteilen musste. Ihre neckische Begrüßung: „Du bestes, irres Kriegerweib! Du hast mich vollkommen überrumpelt!“ ging in Johlen, Pfeifen und Klatschen unter.
Uathach grinste, als hätte sie dennoch jedes Wort verstanden, lehnte ihren Schild an das Weidengeflecht und sprang vom Wagen; sogleich fiel ihr Blick auf das Horn voll Korma, an dem sich bloß noch Merdin festhielt, und sie schnappte es ihm aus der Hand. Während sie frech grinsend trank, schirrte Merdin die Pferde ab und Viviane gesellte sich schnell zu ihm.
In kurzer Zeit standen Dina und Arion für ihre eigentliche Nutzung parat. Viviane und Merdin legten ihre neuen Schwertgürtel ab und bekamen von Uathach, die nun wieder die Hände frei hatte, zwei alte, speckige, bestückt mit hölzernen Schwertern, Äxten und Messern. Prompt machte ein erfreutes Raunen die Runde, das alle drei zum Feixen brachte.
Das Raunen wurde noch lauter, als Uathach Rundschilde und Speere verteilte. Natürlich hatten die Speere keine Spitzen und die Schilde waren aus dünnem Eschenholz, sie hatten weder Schildbuckel noch sonstige Extras – Eisenstachel zum Beispiel, wie Uathachs hoher Schild für den Nahkampf zu Fuß – sie wollten sich schließlich nicht gegenseitig umbringen.
Nein, sie wollten bloß ein bisschen spielen.
Jeder Neuzugang bei den Drachenkriegern demonstrierte am Ende der Initiation seine Fähigkeiten. Das war keine Pflicht, aber irgendwann hatten einige Initianten damit angefangen und nun gehörte es eben zur Abschlussfeier dazu. Jeder dachte sich etwas aus, was er besonders gut beherrschte, möglichst mit spektakulärem Unterhaltungseffekt.
Es hatte schon die interessantesten Vorführungen gegeben: Kampfkunst mit Feuer oder Eis, mit gefesselten Armen oder Beinen, mit verbundenen Augen oder verstopften Ohren, Kampfkunst mit Hypnose, Gesang oder Gift und natürlich Gegengift … Viviane und Merdin hatten sich für eine Reitervorführung entschieden. Das war vielleicht nicht allzu spannend, aber es würde lustig werden, dafür hatten sie gesorgt.
Vor sechs Jahren hätte Viviane wie ein Pferd gewiehert, wenn ihr jemand diese Idee vorgeschlagen hätte. Damals hatte sie das erste Mal auf dem Rücken ihrer kleinen Dina gesessen, doch sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, von dort aus zu kämpfen oder sich mitten im Galopp kopfüber hängen zu lassen, ohne Zaumzeug.
Heute konnte sie sich sogar unter Dinas Bauch durchhangeln oder im Rennen aufspringen, und das verdankte sie ihren zwei besten Freunden, Uathach und Merdin.
„Vivian ist betrunken“, erklärte Merdin und sah dabei Uathach so vorwurfsvoll an, als hätte sie Viviane höchstpersönlich mit Korma abgefüllt. „Wie soll sie da irgendwas treffen? Oder besser, wie soll sie da nichts treffen, wenn sie alles doppelt und dreifach sieht?! Ich meine, ich kann mich ja noch erwehren, da mach ich mir keine Sorgen, aber der Rest … sollen wir den Abstand verkürzen oder hast du eine bessere Idee? Abblasen können wir das Spektakel nicht.“
„Ach“, gluckste Uathach und tätschelte das leere Horn in ihrer Gürtelschlaufe. „Du solltest doch auf sie aufpassen? Wie kann sie da betrunken sein? Warst wohl anderweitig beschäftigt? Bist ins Fass gefallen? Schwimmen gegangen mit besten Freunden?“
„Gar nicht wahr, ich hab aufgepasst! Ich war nur ganz kurz …“
„So, so … ganz kurz.“ Kichernd schob Uathach ihren Zeigefinger gen Daumen und lugte durch einen immer kleiner werdenden Spalt.
Merdin verdrehte die Augen und brummte etwas Unverständliches.
Viviane schaute verständnislos von einem zum anderen und sagte sehr deutlich: „Ich bin überhaupt nicht betrunken. Höchstens ein klein wenig angeheitert, aber das vergeht mir gerade!“
„Also, irgendeine Idee?“, grummelte Merdin, als hätte er sie gar nicht gehört, und baute sich so groß wie möglich vor Uathach auf – es hatte nicht die erhoffte Wirkung, Uathach konnte ihm direkt in die Augen sehen.
Seelenruhig zog sie das leere Horn aus dem Gürtel, hielt es verkehrt herum über ihren Kopf, streckte die Zunge aus, damit eventuell noch vorhandene Tropfen den richtigen Weg fanden, und lallte nebenbei: „Keine Banig, mein Besder, hab ja Augn im Kob un seh, wenn mei allerliebsde Vivian mi schiew angugd.“ Grinsend steckte sie das Horn zurück in den Gürtel. „Und ich kann zaubern. Hab ja wesentlich mehr Erfahrung mit Abschlussfeiern als du, oh Ideenloser.“




